gähnen
Fundstelle: Lfg. 5 (1872), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1148, Z. 36
hiare, oscitari.
I.
Formen und verwandtschaft.
1,
a)
gähnen ist nur eine aus einer reihe von schwesterformen, welche sich im nhd. die herschaft gesichert hat, während mhd. ginen herschend war, ahd. ginôn, ginên. doch gähnen ist selber von diesem nur eine nebenform, denn es heiszt früher genen, d. h. gënen, aus ahd. ginên entstanden, wie die endung -ên öfter brechung bewirkt, z. b. in lëben, s. darüber kleben I, c (5, 1043), vgl.krägeln II, b.
b)
diesz gënen zeigt sich schon in mittelhochd. zeit einzeln, die wenigen belege im wb. 1, 527ᵃ aber sind nur aus md. oder rhein. quellen (auch Barl. 117, 36 var., ergenen Reinh. 837), wie es denn in den md. mundarten noch das heimische ist, während oberd. noch heute ginen herscht; es scheint hauptsächlich md. eigenthum, auch dem Rheinlande angehörig, das bezeugt z. b. nrh. ghenen hiare Teuth. 100ᵃ (vgl. nl. ghenen lächeln Kil.).
c)
ganz fehlt es doch auch dem hd. gebiete nicht, denn ahd. bei Graff 4, 106 schon einmal 'kenetist hisceres', aus St. Gallen 9. jh.; s. auch nhd. gähnaffe schwäbisch und schon im voc. inc. teut. (wol aus Ulm) gehnen, s. unter II, 1, a. wegen des nd. s. I, 3, b. c.
2)
nebenformen sind, die formen mit verändertem wurzelauslaut bei seite gelassen (s. unter gaffen): ginnen, gienen, geinen (gaimen), gaunen (gaumen), ginden, jähnen, göhnen — die zwei ersten wol nur ausartungen von ginen, doch beide schon im späteren mhd.; geinen (noch schweiz.), ahd. geinôn mit ganz andrer vocalgestaltung, wie ablautend zu einem gînan, das denn im starken altn. isl. norw. gîna (praet. gein), ags. gînan Ettm. 433 wirklich auftritt (vgl. unter 4, b und schwed. gain adj. weit offen Rietz); wieder anders im vocal bair. gaunen, appenz. gûna, vielleicht zu gäuen, gewen zu stellen; bair. ginden, östr. gänten in ihrer bildung dem engl. schott. gaunt, gant ähnlich.
3)
jähnen u. a. macht schwierigkeit.
a)
jähnen gilt bei norddeutschen schriftstellern, z. b. Hagedorn, Gottsched sprachk. 1762 s. 33. 125 (aber gähnen 323), Herder fragm. 1767 3, 237, lebendig ist es auch in md. mundart, z. b. in Thüringen, Sachsen neben gähnen, schon im 15. jh. 'jenen, ginen, hiare' (md.) Mones anz. 7, 301ᵇ, es sieht aus wie eine vermittelung von gähnen mit der nd. form, janen, die doch im vocal urspr. streng von jener unterschieden ist.
b)
mnd. ianen, up ianen hiare Diefenb. 276ᶜ, oscitare 402ᶜ, ossitatio janen nov. gl. 274ᵇ, noch jetzt von jungen vögeln u. dgl., während das müde gähnen allgemein nd. mit einer merkwürdigen verstärkung hojanen heiszt, schon im 15. jh. Dief. 276ᶜ (dem up ianen vorhin entsprechend), wie von jappen hiare gleichfalls hôjappen gähnen (Danneil 83ᵇ u. a.). Auch md. z. b. bei Trochus Q 3ᵇ (er war aus Anhalt) oscitat er hogant, und vollends verhochdeutscht bei Faber Soranus (aus Sorau) thes. erud. Hainae 1587 hochgehnen oscitatio (Dief. 402ᶜ).
c)
das ganen bei Trochus erscheint als eine zweite vermittelung zwischen janen und gähnen und musz sich md. weiter finden. übrigens greift anderseits der hd. vocal auch aufs nd. gebiet über: hiare, ianen, up ienen. Dief. nov. gl. 203ᵃ in einem voc. vom grenzgebiete (vgl. s. xiv, s. z. b. s. v. recens); so noch im Götting. hôjænen und hâjænen Schambach 71ᵃ. Der wechsel von j- und g- auch in dem verwandten jappen und gapen (s. gaffen).
d)
merkw. doch auch im voc. inc. teut. h ijᵃ gahnen (Dief. 402ᶜ), es steht aber wol nach oberschwäb. art für gaunen, wie das. gamen für gaumen (s. 2), gam für gaum; doch steht auch gehnen dort (s. 1, c).
e)
ganz merkwürdig aber oberd. gönen:
(das erdreich) von übergroszer hitz und durst hin und her (hie und da) gönet.
Weckherlin 764;
des trucknen gebürgs göhnender durst.
das., s. auch u. II, 3;
gäbe es doch ein echtes oberd. genen, dessen e hier zu ö erhöht wäre? das müszte aber auf urspr. gan- mit umlautung beruhen. vgl. nd. göhnen, jöhnen betteln Strodtmann id. osn. 75. 93, das dort mit janen hiare in verbindung gebracht wird.
4)
die auszerdeutschen formen.
a)
dem nd. janen entspricht ein schwed. dial. gana staunend gaffen Rietz 184ᵃ (gan maul), vom offnen maule benannt wie gaffen; auch norw. gana gaffen, gespannt blicken Aasen² 207ᵃ, also derselbe wechsel von j- und g- wie zwischen nd. und hd. und wie in England unter b.
b)
anders ist engl. dial. gawn (s.gaffen I, 3, c), gemeinengl. yawn (auch jawn), das ist das ags. gânian, auch gænan, das dem ahd. keinôn, schweiz. gainen entspricht; freilich wird aus ags. â sonst engl. ô, oa (vgl.gaupe gleich gape sp. 1137), und ein dial. goan gähnen Halliw. 406ᵇ folgt der regel. ich weisz nicht, ob in dem älteren gane to yawn or gape 391ᵃ das a für au steht oder echt ist; im letztern falle stünde es dem schwed. gana gleich und wiese auf ein ags. ganian, vgl. engl. cant gan, schott. gane maul gleich dem schwed. gan vorhin.
c)
unserm gähnen (ginen) dagegen entspricht ags. ginian (geonian), auch gënian. auch isländ. und norw. neben gîna (s. 2) schwaches gina offen stehn u. ä., s. Aasen² 216ᵃ, Biörn 1, 283ᵇ. endlich nl. ghienen gähnen Kil.; nd. scheint es nicht vorhanden.
5)
auch auswärtige verwandtschaft reichlich.
a)
besonders im littu-slav. gebiete. denn zu gähnen, alt gënen stimmt genau altsl. zina̜ti hiscere Mikl. 226ᵃ. ebenso zu ahd. giwên, gëwôn (s.gäuen) böhm. zívati gähnen, sloven. zevati, poln. ziéwać u. s. w. (vgl. böhm. zevel maulaffe), litt. žowauti, lett. schâwát gähnen. auch ahd. gîjên, gîên hiare Graff 4, 106 (nordisch gia Ihre 1, 677ᵃ) hat dort sein seitenstück in alt- und südsl. zijati Mikl. 226ᵃ, vergl. litt. žóti klaffen (žogauti gähnen ähnelt dem md. gâken gaffen), vgl. Nesselm. 550ᵃ. so erstreckt sich selbst die manigfaltigkeit der wurzelgestaltung unserer entsprechend dort hinüber.
b)
ähnlich auf dem graeco-ital. gebiete. zu gähnen, im vocal genauer zu nord. gana (4, a) stimmt gr. χαίνω, urspr. χανjω, zu ahd. gîên lat. hiare, hiscere, gr. χάσκω, zu giwên vermutlich χάος, das urspr. χάϜος scheint (Benfey in Kuhns zeitschr. 8, 195). aus dem kelt. vergleicht Ebel in den beitr. 2, 167 fragweise altgael. gen mund.
c)
eine sichere vergleichung aus dem urverwandten fernsten osten hat sich noch nicht gefunden, wie doch zu dem verwandten gaffen (wo auch die doppelheit des g- und j- schon dort erscheint). es liegt aber da gewiss eine wurzel vom höchsten alter vor, der denn auch in form und bedeutung eine kaum übersehbare reiche entwickelung zusteht; s. z. b. Diefenbach goth. wb. 2, 450. 388 und hier weiter gaumen, geimen, auch erginnen (dazu Haupt 8, 19, Pauli in Kuhns zeitschr. 14, 97). als begriffskern blickt aus allem der offene mund, der auf alles irgend ähnliche in der kleinen und groszen welt in kindlicher vermenschlichung übertragen wurde; s. z. b. keimen 1, f (der wurzel ist bei ihrem alter auch wechsel der lautstufe zuzutrauen) und dazu geimen.
II.
Gebrauch und bedeutung.
1)
von dem gähnen der müden.
a)
nhd. in dem oberd. voc. inc. teut. h ijᵃ: 'gehnen mit einem lute, hiatus, rictus', aber nur unter d. w. gamatzer, also wol das md. wort unter dem heimischen nur beiläufig erwähnt. die oberd. Dasypodius, Maaler, Schönsleder haben nur ginen, gienen, geinen, ja noch Denzler nur ginnen. Dagegen genen in md., rhein. vocc. des 15. jh. Dief. 276ᶜ (Erfurter voc. 1470, Eltviller voc. ex quo), genunge hiatus Cölner gemma das., auch s. v. rictus, oscitare nur in md. vocc. (gehen, gyhen 276ᶜ. 402ᵇ musz für gewen, giwen stehn), vgl. I, 1, b.
b)
dann im 17. jh. auch bei oberd.: gähnen Henisch 1333, 35, gehnen 1438, 34, erklärt mit 'hocheynen (s. I, 3, b), gapfen, oscitare', dazu gehner, geher oscitatio, sprichwörtlich wenn einer gehnet, so gehnen sie all; bei Stieler 598 gänen (und jänen), gehnen aber noch Rädlein, Hagedorn. Belege: weil auch der eine anfieng ungefähr zu gähnen und der ander, wie zu geschehen pfleget, ihm nachgähnete, meinten sie nicht anders als wären sie bereits bezaubert und würden ihnen die mäuler aufstehen bleiben von meinem bereits wirkenden okesbockes. Simpl. 1684 3, 755;
ein kirchensitz, der noch nach alter kraft
die hörer gehnen lehrt und oft den schlaf verschafft.
Hadedorn 2, 103;
stille! stille! (hör auf mit singen) ich gähne. Weisze kom. op. 1, 124, es langweilt mich;
wo mit offnem munde
langeweil' euch beifall gähnt.
Gökingk 1, 61,
statt der gewöhnlichen unterhaltung abends fing man zu gähnen an, das interesse am Hamlet war erschöpft. Göthe 19, 217; in dem falle wovon wir sprechen, gähnt meistentheils eine mismuthige faulheit ein halbes seufzerchen. 42, 89, trans., wie ähnlich sich satt gähnen u. ä.
c)
auch von thieren, wie jagdhunden: wenn die hunde gähnen, ist die beste jagd vorbei. Simrock spr. 4990.
2)
es musz aber urspr. für oscitare überhaupt gegolten haben. so im folg.: asthma .. wann einer keine luft hat, wann einer gehnet und keichet und kan nicht athem genug haben. Coler hausapoth. 132. und nach gähnaffe, gähnmäulen musz es auch für dumm gaffen, blickend 'das maul aufsperren' gebraucht gewesen sein. daher auch das folgende und gähnen für lechzend dürsten (I, 3, e).
3)
mit geistigem ausdrucke, verlangen, sich sehnen (eigentlich begierig, genauer mit offnem munde verlangend blicken, s.gaffen II, 5 so, auch mhd. ginen Berth. 544, 33):
meine sehl, schwach, schwer, betrüebet,
göhnet, dehnet, sehnet sich.
Weckherlin 155,
nach ps. 42, 2 fg., bei Luther 'meine seele dürstet nach gott', vgl.gähnen gleich lechzen I, 3, e; auch sonst sind gähnen und sich dehnen oft beisammen. daher auch mit nach, wie andere verba des verlangens:
ein jeder got begihrig nach ihr göhnet.
Weckherlin 700.
Noch im 18. jh., obwol im folg. mehr das gähnen des gelangweilten zu grunde gelegt sein mag:
(der) immer unvergnügt (unbefriedigt)
reich, aber hungrig stets, nach gröszerm reichthum gähnet.
Uz 1768 1, 122, 1772 2, 105 (die wissenschaft zu leben),
es wird danach noch mundartlich leben, vgl.gäuen so.
4)
von andern öffnungen, spalten u. dgl., die sich aufthun oder offen stehn, vgl. Weckherlin unter I, 3, e und gaffen II, 3:
sobald der zauberdegen
den thurm berührt, so gähnt der stein und springt.
Wieland 17, 91;
ein rascher meilenbreiter spalt,
der plötzlich zwischen uns den boden gähnen machte.
9, 13;
am rande des gähnenden grabes. Göthe 8, 291, ein vielgebrauchtes bild, das grab als ungethüm mit einem rachen gedacht, der sich zum verschlingen öffnet;
da gähnet und wirbelt der schäumende schlund.
2, 38;
steigst ab in solcher gräuel mitten,
im gräszlich gähnenden gestein.
41, 252;
und schwarz aus dem weiszen schaum
klafft hinunter ein gähnender spalt.
Schillers taucher;
(als) unter ihm das todtenreich schon gähnte.
elegie auf den tod eines jünglings;
die hölle risz sperrangelweit
das maul hier auf und gähnte.
Blumauer 2, 121,
sie wird im mittelalter als gähnender rachen gebildet, im gähnenden grab wirkt das bild nach. ähnlich von der nacht:
es gähnte die nacht
und ich sasz noch lange im dunkeln und weinte.
Heine buch der lieder 347.
5)
vom klange beim gähnen (1) musz wol folg. gemeint sein;
der stämme mächtiges dröhnen,
der wurzeln knarren und gähnen.
Göthe 12, 207 (Walpurgisnacht),
vgl. bei Wieland (1853) 12, 8:
gähnt aus vollem rachen, so laut als eine eselin.
Zitationshilfe
„gähnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/g%C3%A4hnen>, abgerufen am 20.06.2019.

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