Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

güst, adj.

güst, adj.,

eingebettete Stichwörter in diesem Artikel

nicht milchgebend, unfruchtbar. mnd. guste, mnl. nl. gust. ob aofr. geste ˂ gustja- oder gēst(e) ˂ gaista-, bzw. gaistja- anzusetzen ist, läszt sich nicht entscheiden (vgl. v. Helten idg. forsch. 19, 197 und z. lexicol. d. aofr. 154). möglicherweise zur wurzel ghēu- 'gähnen, klaffen', wie geest zur gleichbedeutenden variante ghēi-, vgl. nisl. gisinn, dän. gissen 'vor trockenheit geborsten, rissig', ags. gǣsne 'unfruchtbar', ahd. keisini 'sterilitas' und Walde-Pokorny 1, 551. es wäre dann von einer grundbedeutung 'dürr, unfruchtbar (vom lande)' auszugehen, was sich freilich durch die chronologie der belege nicht stützen läszt (s. u. 3). — neben den formen gust, güst begegnet auch guste und gütes. mundartliche sonderformen: goest in Schleswig-Holstein Mensing 2, 457; brem.-niedersächs. wb. 2, 558 und am Niederrhein Müller 2, 1507; Waldbrühl rhingscher klaaf 169. gist in Nord- u. Mitteldeutschland Schemionek elbing. ma. 13; Frischbier 234; Damköhler Nordharzer wb. 61; Woeste 88; Müller rheinisch 2, 1506; Kehrein 165 und bei Frisch (1745) 385ᵃ. weitere formen s. Mensing 2, 458. — auf nd. gebiete herrscht güst. nur im preuszischen hat es gelt neben sich, s. Frischbier 1, 225, auszerdem begegnet im niedersächsischen gelljehemp, s. brem.-niedersächs. wb. 2, 497; gelt, im nordischen (geldr), ags. (gelde) und nl. (gelde) bezeugt, herrscht bereits im schlesischen, obersächsischen und thüringischen. im hessischen und rheinischen stehen beide synonyme nebeneinander, in beiden landschaften jedoch ist gelt in den südlicheren bezirken lebendiger, vgl. Vilmar Kurhessen 123; 141; Crecelius oberhess. 445; Müller rheinisch. 2, 994 u. 1506. das bayrisch-österreichische hat ausschlieszlich galt — ein vereinzeltes güste aus dem jahre 1733 bei Unger-Khull 315 — im schwäbisch-alemannischen stehen güst und gelt nebeneinander, jedoch hat gelt die vorhand, auszer im elsässischen, das mit seinem vorherrschenden güst dem nd. näher steht, s. Martin-Lienhart 1, 241.
1)
güst in der bedeutung nicht milchgebend, unfruchtbar, von tieren gebraucht; guste sterilis Diefenbach 551ᶜ (1425 nd.); nov. gloss. 348 (nd. 15. jh.). vorwiegend und primär in anwendung auf rindvieh, vgl. die gleiche anwendung bei gelt (teil 4, 1, 2, 3059): 22 hovede gustes quekes (rindvieh) urkundenb. der stadt Lübeck 6, 624 (a. d. j. 1425); eyn güste kue Vilmar 141 (a. d. j. 1436); hirvor sal her Johan jarlikes geven ... ene guste ko erbebücher d. stadt Riga (1455) 100; in einer rechnung von Borken vom jahre 1489 wird die melke kuwe der geste kuwe entgegengestellt, s. Vilmar 141; man nennet gühste oder gelde vieh, das nicht kälber und milch bringet viehbüchl. (1667) 31; damit aber das mülcke vieh, schaaff und kühe bey dem forberge desto basz weide und unterhaltung haben mag, wird das junge und guhst rindvieh ... auff ein ander forberg ... verordnet ebda 33; so hatte auch Treina butter verkaufft, da sie doch nur eine güste kuhe gehabt Marburger hexenprocessacten (1673) bei Vilmar 141; güst wird von kühen gebraucht, die nicht kalben J. Möser sämtl. werke (1842) 6, 35; da von ihren fünf kühen ... eine güste war Sohnrey im grünen klee (1905) 199;
man kamen wi up Juist,
sünd alle kojen güst
Kern-Willms ostfriesl. sprichw. 15;
de koh göst maken eine kuh, welche fett gemacht werden soll, durch gewisse mittel in den stand setzen, dasz sie aufhört, milch zu geben (also wohl künstlich unfruchtbar machen) Mensing 2, 457 (beleg v. 1755); in verbindung mit den beiden verben gehen und stehen: güste gehen eo anno non vitulum parere Frisch 1 (1741) 385ᵃ; Krünitz 20, 332; gust gān de vaccis, quando gravidae lacte non spoliantur Staub-Tobler 2, 493; Woeste westf. 88; Martin-Lienhart 1, 241; Fischer schwäb. 3, 939; güst stehen: de koh steit güst M. Richey 82; Woeste westf. 88; Schambach 70. vereinzelt und local erscheint die bedeutung auch erweitert: die güste- oder geltkühe heisset man diejenigen, so unfruchtbar sind oder nur kranck, lahme oder sonst gebrechliche kälber bringen Hohberg georg. cur. 3 (1715) 2, 243ᵃ; auch allgemein: güst mager vom vieh Müller rhein. 2, 1507. von anderen tieren, vornehmlich von schafen: 220 melke schape, 230 guste mit den botling (1511) bei Schiller-Lübben 2, 168; einem güsten schaafe, das in einem jahr oder dreyen nicht trächtig gewesen, dem schlägt alle milch zur fettigkeit Hohberg georg. cur. 3 (1715) 2, 255ᵇ; güste, gist, kühe oder schafe, so unfruchtbar sind bos vel ovis non lactaria Frisch 1 (1741) 385ᵃ. auch auf ziegen angewendet: Schambach 70; Müller rhein. 2, 1507; Leihener Cronenberg 47; von schweinen: wy en beerfdelet nycht ... de mutten, de drechtich synt, mer wann se guste synt, dat men se wyll affdriven, so dele wy de oeck Schiller-Lübben 6, 146; ebenso von stuten: zwo alte güste stuetten (1733) bei Unger-Khull 315; aus dem Harzburger gestüt kommt die meldung, dasz in diesem jahre die 38 köpfe zählende stutenherde insgesamt 25 fohlen gebracht hat, von denen 3 bereits wieder eingegangen sind. 10 stuten blieben güst, während 3 verfohlten beilage zur Braunschw. landeszeitg. vom 30. nov. 1900 (morgenausg.); stuten, die ... stark rossen, bleiben güst v. Alten hdb. f. heer u. flotte 2, 206; vgl. ebda 4, 503; mitunter auch auf vögel übertragen: güste hühner, welche bei eröffnung der jagd keine jungen haben Staub-Tobler 2, 493; güstes huhn (in Norddeutschland), eine wegen alters, krankheit oder mangel an hähnen unbefruchtet gebliebene henne, auch gelthenne genannt Wurm das auerwild 12; es gibt ... alle jahre eine menge sogenannter güster störche, die nicht hecken Naumann vögel 9, 273. allgemein, ohne nähere tierartbezeichnung: dat en scal nein unfruchtbar in dem lande noch güste werden (infecunda nec sterilis) halberst. bibel 2. Mos. 23, 26 bei Schiller-Lübben 2, 168; so lange güst, so lange melk Wander sprichwörter 2, 174.
2)
vom menschen, zumeist in festen, formelhaften wendungen, literarisch nicht bezeugt: de borst ist göst von einer frau, die das kind nicht stillen kann Mensing 2, 457; göst gohn nicht schwanger werden Müller rhein. 2, 1507; die blif göst kommt nicht zum heiraten ebda; auch 'mager' ebda 2, 1507.
3)
güst, in der bedeutung unfruchtbar, vom lande, nur in jüngerer zeit mundartlich belegt: Adelung 2 (1775) 847; rhein. wb. 2, 1507 (vom felde und von der wiese); Staub-Tobler 2, 493; auch in der bedeutung 'brach, unbestellt, unbesät, ohne ertrag': C. H. Stürenburg 78; Doornkaat-Koolman 1, 709; giste gân vom acker, der brach liegt Woeste westf. 88ᵃ; in Schwaben: die felder gehen güst es gibt eine miszernte Fischer 3, 939.
4)
verschiedene übertragungen und anwendungen von güst, nur im volksmund verbreitet und daher fast nur in den ma.-wb. zu finden: güste kindelbiere feiern: in vielen dörfern giebt es noch güste kindelbiere. das ist eheleute, die keine kinder haben, können einmal in ihrem leben auch ein kindelbier halten, damit sie sich wegen dessen, was die andern geopfert haben, erholen können J. Möser sämtl. werke 4, 35; vgl. Doornkaat - Koolman 1, 709; Sanders wb. 1, 642ᶜ, auch nl. bezeugt, s. woordenboek 5, 1310. vom austrocknen, versiegen eines brunnens de sood ward güst Mensing 2, 457; ähnlich Staub-Tobler 2, 493; güst geschmacklos, fade, von speisen; trocken, zähe, vom fleisch Müller rhein. 2, 1507; he geht göst (seine bemühung ist vergeblich) ebda; scherzh. min geldsack geht dato gust ich habe kein geld Martin-Lienhart 1, 241; vom kohl: güster kohl, unfruchtbarer kohl Adelung 2, 847; güster kohl a) so heiszt an einigen orten der winterbraunkohl; b) kohl der im dritten jahr erst schosset Nemnich wb. d. naturg. 216.
5)
als subst. adj. weist gust zahlreiche formvarianten auf. in der Schweiz und in Schwaben lautet die form meist gusti, seltener gust, genus: neutr. in Niederdeutschl. sowie im Elsasz heiszt es gust, güst, güste, genus: fem. als masc. göss nur bei Müller rhein. 2, 1507.
a)
gelegentliche allgemein-abstracte verwendung: die kü haben ein zeitlang ee dann sy kalberen bei 10 tagen kein milch, zu welcher zeit man sy nennet ze gust gon Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 122ᵇ, vgl. oben güst gehen unter 1; se hett de göst von frauen, die ihr kind von der brust entwöhnen Mensing 2, 458.
b)
vornehmlich in concreter verwendung, so in der bedeutung jungvieh, besonders junges rindvieh, vgl. Fischer schwäb. 3, 939; Martin - Lienhart 1, 241; 242; Müller rhein. 2, 1507; Buck flurnb. 95: wenn eine kuh 18 monate alt ist, kann sie schon mit dem stiere laufen und wird dann ein rind genannt, vorher aber ein gusti bei Staub-Tobler 2, 494; von einer sache so viel verstehen als ein gusti vom geigen Gotthelf ebda 2, 494; dass die unsern im land Entlibuch gar kein vech (weder guste noch andere) ins land nemmen söllen ebda 2, 494. auch 'kuh, die in einem jahre nicht belegt wird' Martin-Lienhart 2, 241; von anderen tieren: güste ein einjähriges mutterschaf, welches noch nicht geworfen hat Schambach 70; jährige ziege Staub-Tobler 2, 494; als 'braches land':
wie? soll ich ...
... nicht fragen was es ist,
dasz ein landsmann sich zu eigen
einen fremden ort erkiest,
da er itzt mit höchster lust
bringt sein heerd auf feiste gust
P. Fleming deutsche ged. 2, 626 lit. ver.;
vgl. Adelung 2, 847; E. Krüger plattd. spr. bes. in Emden 55. locale übertragung auf menschen: gusti 'scherzhafte benennung eines kindes, schelte für ein schmutziges kind oder einen groben burschen, auch für einen dummen (jungen) menschen' Staub-Tobler 2, 494; gusti meretricula, hure ebda 2, 494.
6)
compositionen (mit güst- oder gust-):
güstfalge
brache, brachacker (friesisch) Stürenburg 78; Doornkaat-Koolman 1, 709; Berghaus 1, 629; dazu: güstfalgen: 'brachen, umpflügen und eggen ohne zu besäen' Stürenburg 78; Doornkaat-Koolman 1, 709; Berghaus 1, 629; Krüger Emden 55; in übertragener bedeutung: he güstfalgt von einem ehemann, welcher mit seiner frau keine kinder zeugt (scherzhaft) Stürenburg 78;
güstgut
vieh, das nicht trächtig ist und keine milch gibt Stürenburg 78; Berghaus 1, 629;
güsthaufen
'haufe schafe, welcher mit lämmern geht und zur zeit nicht gemolken werden kann' Vilmar 141;
güsthanf
güsthemp männlicher (keinen samen tragender) hanf Doornkaat - Koolman 1, 709;
güstherder
jungviehhirte (1787) Fischer schwäb. 6, 2083;
güsthirt
dass. Fischer 3, 939 (beleg a. d. j. 1700);
güstkindelbeer
(vgl. oben 4);
güstknecht
jungviehknecht Fischer 6, 2083 (beleg v. 1699);
güstkohl
Campe 2, 483, vgl. oben 4;
güstkuh
Hohberg georg. cur. 3 (1715) 243ᵃ;
güstland
hohes und unfruchtbares land brem.-nieders. wb. (1767) 2, 559;
güstpflügen
nur zur brache, nicht zur saat pflügen Staub-Tobler 2, 493; Adelung 2, 847;
güstpflaster
rotes mennig enthaltendes bleipflaster; auch trockenpflaster (drögplaster), um die milch bei stillenden müttern zurückzutreiben, wenn das kind entwöhnt ist Mensing 2, 457;
güstvieh
jungvieh, schmalvieh, das noch unfruchtbar ist und keine milch gibt: melckkhüe und gustviech Fischer schwäb. 3, 939 (beleg v. 1580); wann sie des nachts mit dem gustvieh in Schönbuch bleiben wollen 3, 940 (beleg v. 1625); oxen, melchkühe, gustvich und junge kälber ebda (beleg v. 1630); jedoch nimmt man auch an, dass die aussenweiden das jung- und güstvieh erhalten Thär landwirtsch. 1, 60; zur landschaftlichen verbreitung vgl. folgende ma. wb.: Staub-Tobler 1, 648; Fischer schwäb. 3, 939; Martin-Lienhart 1, 242; Berghaus 1, 629; Doornkaat-Koolman 1, 709; Gilow de diere 204;
güstware
kleinvieh: 4 stück gustware Fischer schwäb. 6, 2083 (beleg v. 1770);
güstweide
weide für güstvieh Stürenburg 78; magere weide Doornkaat-Koolman 1, 709: he geit mit Nebukadnezar in de güstweide (weide für fette kühe), hergenommen von Nebukadnezars aufenthalt bei den tieren des feldes Kern-Willms ostfriesl. sprichw. (1869) 23.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1934), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 1205, Z. 21.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
güsthirt
Zitationshilfe
„güstweide“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/g%C3%BCstweide>, abgerufen am 14.08.2020.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch (¹DWB)