Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geusz, güsz, m.

geusz, güsz, m.
schweizerisch der schrei, vgl. geussen, ↗geusz, ↗güsz, einzelner schmerzenslaut Stalder 1, 441; geusz der schrei, er het e geusz usgl'o. Hunziker Aargauer wb. 103.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1898), Bd. IV,I,III (1911), Sp. 4639, Z. 62.

gusz, m.

gusz, m.,

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das gieszen, das gegossene, behälter, aus dem oder in den man gieszt. verbalabstractum (masculiner i-stamm) zu gieszen. gemeinwestgerm. wort: ahd. guz, mhd. guz, mnd. göte, mnl. ghöte, ags. gyte, mengl. blod-gyte. im neund. ist vereinzelt vermischung mit mnd. gote, gate = altniederdt. gota canalis, hd. gosse eingetreten, so in teilen des Rheinlandes (rhein. wb. 2, 1309) und in Schleswig-Holstein (wo auch hd. gusz eingedrungen ist Mensing 2, 458 f.); im gröszten teil des nd. sprachgebietes sind aber göt(e) 'gusz' und gote 'gosse' geschieden, vgl. rhein. wb. 2, 1506 mit 1309, Woeste 87 mit 83, Holthausen ma. v. Soest § 66 mit 63, Doornkaat-Koolman 1, 668, brem. wb. 1, 502, Richey 72, Dähnert 140 mit 144. im übrigen siehe auch gosse. in obd. dial. herrscht fast einheitlich die masc. form gusz, jedoch können auch hier gelegentlich formvermischungen mit dem obd. güsse f. (s. d.) infolge gleichen pl. eintreten; als gosz erscheint gusz im fränkischen: träum. mönch 5098 Böhmer; Elsen v. Holczhusen inventar (1410), hs. Frankf. archiv; Harsdörffer trichter 2, 144. zur nasalierung in günsze Straszburg. chron. 1019 (1349) vgl. Weinhold alem. gr. § 201; mhd. gutz Karlm. 469, 21; nhd. gutz Fischer schw. wb. 3, 973; Staub-Tobler 2, 582 beruht auf anlehnung an ahd. gutzen 'libare, profundere' ahd. gl. 2, 648, 3, mhd. gützen 'vergieszen' (dazu das f. gütze 'gusz, strom' Johann v. Würzburg Wh. v. Österr. 19040), schweiz. gutzen überflieszen Staub-Tobler 2, 582. — der plural ist im ahd. zufällig nur als guzza (ahd. gl. 2, 513, 61) belegt, vgl. Braune ahd. gr.³ § 216 anm. 3; im mhd. ist nur der plural güzze bezeugt; bei Luther erscheint einmal ein zweifelhaftes gosse (pl.) bibel 1, 134 W., vgl. sp. 1213.
bedeutung und gebrauch. gusz begegnet in der bedeutung des nomen actionis = gieszen (I) und der des nomen acti = das gegossene (II). die anwendung von gusz auf ort oder behälter des gieszens erscheint erst in frnhd. zeit (vgl. III).
I.
gusz als nomen actionis bezeichnet das gieszen, sich ergieszen von flüssigkeiten, umfaszt also den transitiven, intransitiven und reflexiven gebrauch des verbums gieszen.
A.
das ausgieszen, sich ergieszen von flüssigkeiten im allgemeinen sinne.
1)
gusz als vorgang des gieszens.
a)
das einmalige ausgieszen aus einem gefäsz:
noch dô der stolze Iwân
sînen guz niht wolde lân
uf der âventiure stein
Wolfram v. Eschenbach Parz. 583, 30;
dasz also ein kleyd von 70 gulden in einem gusz (indem ein gefäsz aus dem fenster geleert wird) gantz vertilgt und verderbt wird Guarinonius grewel (1610) 508;
so gehstu morgens hin, tuhst dreymal einen gusz
vom Tyber auff das haupt, entsündigest den flusz
der hingelegten nacht
Rachel sat. ged. 55 ndr.;
seht, er läuft zum ufer nieder:
wahrlich! ist schon an dem flusse,
und mit blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem gusse
Göthe 1, 216 W.;
es ist die gründlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nächste gusz würde nun der rechte und letzte sein Tieck schr. (1828) 4, 52;
... doch unerwartet
plätscherte nieder ein gusz aus überströmendem eimer
J. H. Voss s. ged. 2, 142;
so floss ein glas eiskaltes wasser über meine erhitzte brust; ich schrie, ein zweiter gusz folgte A. v. Arnim 2, 332;
kein gusz der schale soll, noch in die gruft
geleiten ihn der klage heller ton,
die freunde folgen seiner leiche nicht
F. L. Stolberg sieben gegen Theben 15, 120;
bildlich:
du bist der brinnden minne fluz,
der minnde giuzet manigen guz
und süezen duz in brinndiu minndiu herzen
angeblich von Gottfried 2, 33 v. d. Hagen;
der mai hat da sinen guz
in manig rosen gegossen
Joh. v. Würzburg 6796 Regel.
b)
vom heftigen hervorquillen des blutes:
der lewe uf drîen füezen spranc:
ime schilde beleip der vierde fuoz.
mit bluote gaber solhen guoz
daz Gâwân mohte vaste stên
Wolfram v. Eschenbach Parz. 572, 2;
und heten ouch darumb erliten
vil manigen bluotes guz
Ottokar österr. reimchron. 40779;
endlich so kriegt er hervor auch die füsze,
ob es gleich kostet gar blutige güsze
Reinicke fuchs (1650) 73;
in schwarzen güssen strömend hin sein blut
Grillparzer 2, 224 S.;
im bilde:
brechet auf ihr wunden!
flieszet, flieszet!
in schwarzen güssen
stürzet hervor ihr bäche des blutes
Schiller 14, 110 G.
ebenso von tränen:
do si hat abgeweschen
in alles hor und eschen
mit haisser trehen güsse
sœlden hort 8007 Adrian;
auffs new die zähr verschwendet,
mit noch so starckem gusz
Spee trutznacht. (1649) 69;
mit vieler bewegung hörten die bischöfe solches an, und unter einem gusz von thränen antworteten sie: des herrn wille geschehe! J. A. Chr. v. Einem Mosheims kirchengesch. 3 (1771), 19;
wie tropfen blutes, roth vom fackelschein,
rann ihrer thränen wilde sturzfluth nieder.
heisz, gusz auf gusz!
F. Freilihrath ges. dichtungen 5, 28.
vom schweisz, selten: unter einem gusz von angstschweiss platzte er heraus Alexis ruhe (1852) 1, 343.
c)
von objecten, auf die sich die vorstellung des sich ergieszens übertragen läszt: das ganze (geröll-)feld in bewegung, hinabfliessend nach seinem nahen steilrande, über welchen es in prasselndem gusse seinen überschusz entleert H. v. Barth Kalkalpen (1874) 70;
lasz mich wägen all mein gold,
deines haares schwere güsse
Keller 10, 87.
vor allem neben weniger concreten und abstracten begriffen: (da) ging der zweite, übervoll geschöpfte eimer, die sonne, in die höhe, und die güsse des lichtes flatterten immer breiter Jean Paul 3, 105 H.;
nieder schwang er das schwert, da stürmten güsse von flammen,
zischend, wie feuerregen herab, auf die fürstin der städte
Fr. v. Sonnenberg Donatoa 1, 90;
wie? lauschte sie der goldnen saiten gusz?
Fr. Kind ged. 1, 277.
wie halbverwischter farben gusz
verrinnts um dich ...
A. v. Droste-Hülshoff 1, 168 Schücking.
von plötzlicher begeisterung, empfindung, dichterischer oder gedanklicher eingabe: wo endlich Klopstock im gusse seiner empfindung und im fluge der phantasie gedanken einwebt Herder 5, 361 S.; es kocht zu laut in meiner brust, und alles kann ich nicht mit einzeitigem gusz auf das papier schütten Chamisso (1864) 5, 180; und das ganze weniger aus dem einen groszen gusse der begeisterung Kerner briefw. 1, 96; könnt ich in einem glühenden gusz die qualen meiner seele strömen lassen Lingg (1847) 2, 51; das bild ist ein moment, ein gusz des gedankens Göthe 48, 158 W. mhd. in umschreibenden (blümelnden) genitiven:
nun merkend wie der süsze Jhesus
von ymmerwerender minne gusz
sich geben wolt durch uns in not
und och in den vil grimmen tod
Konrad v. Helmsdorf spiegel 1129;
las flissen schir
zw mir der gnadin güsse
H. Folz meisterl. 82, 20 Mayer;
2)
gusz in der bedeutung regengusz, starker regenfall, in dieser anwendung seit dem 13. jh. belegt. zunächst noch durch ein beigefügtes regen oder wasser in seiner engeren bedeutung bestimmt:
do zergie des wazzers fluz.
von dem tage nie wazzers guz
uf das ertriche kam
Rudolf v. Ems weltchron. 34338;
es waz in der naht ein gus wassers komen, und waren die beche gross H. Seuse deutsche schr. 71 Bihlmeyer;
na dem schonen weder kompt des regens gos
träum. mönch 5098 Mejboom;
eyn frow, die hell, das erterich
das schluckt all wassers güsz jn sich
S. Brant narrenschiff 63 Zarncke.
alleinstehend:
und wart ie grôzer sîn vrâz,
als daz mer von vluzzen,
von regene und von guzzen
Albrecht v. Halberstadt xx, 216;
er sprach und der geist des hagels stuͦnd und sein unten (var. güszs) sein erhaben erste dtsche bibel 7, 405 (dixit et stetit spiritus procellae et exalti sunt fluctus ejus); und er satzt iren hagel in das wetter, und sein untten die schwigent (var. guͤssz) ebda 406 (siluerunt fluctus ejus); ein glaubig hertz ist wie ein hauss uff einen felsen gebawen, dem weder güss, schlägregen, noch sturmwind schaden mögen Eberlin v. Günzburg 2, 165 ndr.; gehet man doch einem regen nicht gerne entgegen, ich geschweige einem platzregen oder solchem gusse J. Prätorius glückstopf (1669) 21;
ach, welch gewitter dräut mit diesen strengen güssen
A. Gryphius ged. 391 lit. ver.;
früh ein gusz, hernach regnicht Prätorius zodiacus merc. 29; dergleichen werder (kleine inselchen) entstehen ... auch im sommer, da jähe güsse und wolckenbrüche ... grosze teiche unversehens ausreiszen G. H. Zincke allg. oecon. lex. (1744) 3185;
wie viel nebel seynd im mertz,
so viel güsse sind im jahr ohn allen schertz (bauernwetterregel)
v. Hohberg georg. cur. 3, 1, 95ᵇ;
bis des gewitters strenger gusz,
wie sie einmal vergnügt spazierten und unbehutsam fern
sie unvermittelt überfiel gegangen,
Brockes jahreszeiten (1745) 239;
wir duldeten viel auf dem langen wege, watend jetzt durch wilde ströme, jetzt in ungewittern von güssen überströmt Herder 18, 233 S.; vor einigen tagen war auch hier ein gewitter und starker gusz Göthe III 4, 279 W.;
möge das drohende wetter, so sagte Hermann, nicht etwa
schlossen uns bringen und heftigen gusz
Göthe 50, 252 W.;
in Kirchenlamitz trieb uns ein gusz ins wirtshaus, wo wir das fluchen fortsetzten Jean Paul 3, 212 Hempel; zu Ziltz hat uns ein sehr starker gusz überfallen J. v. Eichendorff 11, 2 Kosch-Sauer; und in wenigen minuten stand ... alles in wasser, so heftig war der guss und sturm Ritter erdk. 10, 127;
gell stürzt, vom gusz geschwollen,
der quell vom felsenkamm,
G. Kinkel ged. (1868) 2, 81;
... aber schon bewegt sich das letzte fuder auf dem feldweg rasch ins dorf, und wenn unter donner und blitz der gusz beginnt, ist es auf der tenne des stadels geborgen M. Meyr erz. aus dem Ries (1868) 3, 140; der himmel hatte sich drohend umdüstert, und schon bei Goričani überraschte uns ein kurzer, kräftiger gusz Hassert reise durch Montenegro (1893) 185; die schwarzen wolken am himmel platzten und sandten einen gusz nieder M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 99. von einzelnen heftigen regenschauern: der regen fing erst gegen abend an, etwas nachzulassen; doch kamen von zeit zu zeit noch einige güsse I. G. Forster sämtl. schr. (1843) 2, 44; als ich bei Seefeld hinaufgekommen, gingen die güsse nicht mit ... Görres ges. br. (1858) 3, 526; und nach fünf minuten hörte es wieder auf (zu regnen), allein da neue güsse drohten, und doch die gänge nasz waren, so zog ich mich klüglich nach hause zurück Varnhagen v. Ense tagebücher 3, 384; der regen liess gegen abend allmälig nach und hörte mit einem letzten tüchtigen gusse ganz auf W. Raabe schüdderump (1870) 1, 235; verkroch ich mich, besserung des wetters abwartend. der ärgste gusz ging denn auch bald vorüber Herm. v. Barth nördl. kalkalpen 216.
3)
als starker trunk, hinuntergieszen einer flüssigkeit, vielleicht schon ahd. guzza 'haustus' (largos lacus accipit haustus) ahd. gl. 2, 513, 61:
dô huob er ûf unde tranc
einen trunc, der grôze güzze truoc
weinschwelg 185 E. Schröder;
inn allen gliedern kalte flüsz,
herkummen durch die grossen güsz
ubriger füll, die mich ernert,
der ich mit arbeyt nye verzert
H. Sachs 3, 489 lit. ver.;
wie Venus schwächt der glider kraft,
gleiches auch Bachi weingab schaft,
hindert den tritt und schwächt die füs
und geben güsz auch wider flüsz
Fischart w. 3, 23 H.;
die ihn (den tabak) bald nach den mittagsessen brauchen, verderben den magen und durch zugesetzte starcke güsse die gantze substantz menschlicher constitution med. maulaffe (1719) 91;
und leert sie aus auf einen gusz
Ch. Fr. Henrici ernst-scherzh. u. sat. ged. (1727) 4, 398;
du stärckest mich und machst gesund
durch deiner güsse hitzigs kühlen (vom wein)
F. v. Hagedorn vers. einiger ged. 34 ndr.;
sprichwörtlich: durch das freszen und sauffen, wirt die natur verderbt, ein bösz vorzeitiges alter, blöden dollen kopf, ... wie man spricht, lasz die güsz, so lassen dich die flüsz S. Franck trunkenheit (1531) c 1ᵇ; darub ginner artzet zuͦ dem follen sprach, liessestu die güss, so liessent dich die flüss Th. Murner bei U. v. Hutten op. 5, 468 Böcking; güsz machen flüsz gulosi morbosi Aler dict. (1727) 1, 995ᵇ; güsse machen flüsse Staub-Tobler 2, 472; mit neuer sinngebung: grosse güsse bringen flüsse (von den folgen grosser ereignisse) Wander 2, 173; anders: der gusz geht nach dem flusz (das geld flieszt immer dem reichen zu, frz. l'eau va toujours à la rivière) ebda.
4)
besondere bedeutungsschattierungen gewinnt gusz bei fliessendem wasser, sich ergieszenden wassermassen, wobei auch die vorstellung einer horizontalen strömung möglich ist.
a)
der ursprünglichen bedeutung noch nahestehend von plötzlich vordringendem, abstürzendem wasser:
der prünnen quäll und wassers flüss
sah ich aus velsen manche güss
J. v. Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 156;
die Maasz ... stürzt sich endlich ... mit einem gewaltigen gusz in das grosze meer Uffenbach geogr. tabeln (1612) 232;
ein regenstrom aus felsenrissen,
er kommt mit donners ungestüm,
bergtrümmer folgen seinen güssen
Schiller 11, 15 G.;
auch geradezu als sturzbach, gieszbach (vgl.guszbach, sp. 1220): dann wann es regendt, so pringen es (edles gestein von den bergen) die güsz herab Schiltberger reiseb. 59 lit. ver.; also geschiht oft under den wazzern, diu vest gründ habent, und sô ir gründ erhebt werdent, so vleuzt das wazzer auz. da von koment dike grôz güzz auz den pergen, ân regenwazzer und auch ân snêwazzer Konr. v. Megenberg buch der natur 113; oder als 'wasserfall, stromschnelle': hirnacher geriehte er unter ein klein klippigt eiländlein, da zween güsse oder wasserfälle von einem hohen steinfelsen mit einem erschröcklichen geräusch in die see hinabschossen M. Krämer leben u. tapffere thaten (1681) 566;
gleichförmig wie der gusz von katarakten
roll hin, o lied! der sänger ist zu schwach
zu widerstehen deinen riesentacten
J. Mosen (1863) 2, 239.
b)
von den anschwellenden und überflutenden gewässern, neben das üblichere güsse 'überschwemmung' (s. d.) tretend und von ihm nicht immer zu unterscheiden: groz guzz diluvium Dieffenbach-Wülcker 625: (der grosztürke Moratbey) soll, ward gesagt, haben gehabt allein dreyhundert tausent reysiger, das Ungerland zu uerderben, das auch an zweyfel geschehen wer, wo nit ein groszen gusz und überflusz des wassers aus gottes ordnung yn hett verhindert und abgefodert Seb. Franck chron. u. beschr. d. Turckey (1530) a 4ᵇ; thet der ueberschwall, gusz und auslauff der Tiber ein mercklichen schaden S. Franck germ. chron. (1534) 191; und es erschynen die gösse des meeris (effusiones maris) 2. Sam. 22, 16 (var. zu wassergösse);
(der Rhein) hat mit der weil auch mit sein güssen
der stat ain gut stück hingerissen
Fischart glückhaft schiff 17 ndr.;
gleich als ein schneller wasserflusz,
der sich ausbreyt mit starckem gusz
Joh. Spreng Ilias (1610) 53ᵃ;
... und werden wir der weiszheit vergessen, (so leben wir) wie das rohr im wasser und sein kein augenblick sicher, wo ein gusz komme und uns hinführe Paracelsus op. (1616) 2, 616 Huser; 'raumet auf, 's kommt ein gusz', ruft eine geisterstimme vor jeder Kocherüberschwemmung Fischer schwäb. 3, 937.
c)
in dichterischer sprache von der strömung des wasserlaufs:
so rausche, so laufe mit stärkerem gusz
weil mein zehren dich vermehret (vom flusse)
Harsdörffer frauenzimmergesprächspiele 4, 128;
der bachvermehrte flusz
kan seinen lauf nicht zwingen,
er eilt mit schnellem gusz
Harsdörffer trichter (1647) 1, 83;
wo der gelbe Pregelflusz
durch Pontenens braune matten
ziehet seinen leisen gusz
K. Stieler geh. Venus 32 ndr.
d)
als flusz, wasserlauf, bach: da kam ein sölch ungewitter, fiel ein söllichs nasz wetter an, das die päch und güsz überal anliefen Aventin bayr. chron. 2, 293 L.; sie liebeten diese angenehme waldungen, ... das gerausche dieser güsse und flüsse Schupp schr. (1663) 848;
seuffzet mit, ihr stillen flüsse,
bejammert eures königs fall!
weinet doch, gesambte güsse,
weinet doch, ihr quellen, überall!
D. Frommer bei Fischer-Tümpel kirchenlied 4, 196ᵃ.
B.
gusz als arbeitsvorgang bei den gewerken.
1)
in der eigentlichen bedeutung 'gieszen von metallen'.
a)
der gesammte arbeitsprocesz von der entnahme des flüssigen metalls aus den schmelzöfen an bis zum einbringen in die form v. Alten handb. f. heer u. flotte 4, 502; schon ahd. guz 'fususio' (l. [opere] fusorio) ahd. gl. 1, 324, 47: es leit vil am guss ob ein glock darauss wert oder ein büchs Joh. Nas das antipap. eins und hundert (1567) 5, 29; item, so die stück zu dünn, krum, und ungleich bort, zu kalt gegossen, daz die temperatur des metall sich miteinander nicht wol resoluiren unnd vereynigten, daz sie im gusz schifferig, oder innwendig verborgne klüfften ... gewunnen haben L. Fronsperger kriegsbuch 2 (1573) z 1ᵇ; nim ... bley ..., das zerlasz in einem tigel ... des bleis nim 8 oder 10 pfund auff ein gusz zumal, lasz es ... schmeltzen Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 205; und gleich dieser stund nach dem gusz (des metalls) so schlags dünn Paracelsus op. 2, 555 Huser; derhalben das pley darein gossen (in die höhlung der zange), fleuszt herab durch die löcher in die hole theil, und werden also mit einem gusz zwey pleykügelin Ph. Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 195; in besorgung, sie (die weibsperson) möchte ihre menses haben, welches (wie mancher gieszer fest glaubt) zu gäntzlicher verderbung seines gusses ursache geben würde J. G. Schmidt rockenphilosphia (1706) 2, 420; geschieht dieses (das kugelgieszen), wann der mond im schützen läufft, und drey schützentage nacheinander stehen, auch insonderheit dies martis eintrifft, so soll man sehen, dasz der gusz in hora martis geschehn, so wird man seine vergnügungen haben v. Fleming vollk. teutscher soldat (1726) 363ᵃ; der maler ahmet sie (die natürlichen dinge) durch pinsel und farben nach; der bildschnitzer durch holz und stein oder auch durch den gusz in gyps und allerhand metallen Gottsched crit. dichtkunst (1751) 98; ingleichen bedienen sich auch die meister im gusz — fabri aerarii — der steine aus diesen brüchen zu formen beim gusz in erz Rode Vitruvius' baukunst (1796) 1, 84; weil die nachricht von dem vollendeten gusse (zweier bronzereliefs) länger, als zu vermuthen war, auszen bliebe Göthe IV 29, 291 W.;
laszts mit aschensalz durchdringen,
das befördert schnell den gusz
Schiller 11, 306 G.;
allein die ungeheuren kosten und schwierigkeiten, die mit dem gusz verbunden waren, machten, dasz man nach vielen vergeblichen versuchen endlich mittel fand, die grössten spiegel zu blasen F. Th. v. Schubert verm. schr. 1, 211; da wären die bürger der stadt herbeigelaufen und hätten ihm (dem künstler) ihre silbernen löffel gebracht, um den gusz zu vollenden H. Heine werke 3, 145 E.; als aber der meister nicht kam und der gesell selbst gern eine probe thun wollte, so fuhr er mit dem gusz fort und verfertigte ... eine glocke Grimm dtsche sagen (1891) 1, 98; auf die metallegierung und damit auf die qualität gehend: er hat die glocken läuten hören, wo sie hängen, wie sie hängen, aus welchem gusz sie sind, darüber findet man bei ihm keine auskunft Gutzkow ges. werke (1872) 9, 310.
b)
gusz in der bedeutung gieszen zwecks scheidung der metalle, mitunter in der formelhaften wendung gusz und flusz; gusz und flusz eine scheidungsart des goldes und silbers, wenn diese metalle unter sich oder mit anderen metallen vermischt sind. man bedient sich hierbey nebst dem feuer verschiedenen mineralien, als schwefel, zugesetztes fluszpulver u. dgl. Jacobsson technol. wb. 2, 176: sind die silber güldig, müssen sie noch ein mal durchs aqua fort, oder durch den gusz geschieden werden J. Mathesius Sarepta (1571) 65ᵇ; das ander buch beschreibt, ... silber und golt im starcken wasser und im grusz zu scheiden L. Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 41ᵇ; quinta essentia ... reinigt das silber und goldt in seim guss und last ... kein unflat in jhm Paracelsus op. 1, 827 Huser; scheidung durch gusz und flusz Muspratt 3, 1814.
c)
der arbeitsvorgang des metallgieszens übertragen auf das entstehen literarischer oder künstlerischer werke: solches corpus juris habe er zu mehrerer deutlichkeit angefangen in einen neuen gusz zu bringen Liscow sat. u. ernsth. schr. (1739) 780; nach meiner überzeugung hat das ganze sehr an klarheit gewonnen und verhältnismässig nur wenig von dem glanze des ersten gusses verloren aus Schleiermachers leben 2, 66; das werk des meisters ..., das im grossen gusse hervorgeht B. G. Niebuhr röm. gesch. 1, 138; sie begreifen nicht, welche arbeit ich habe, um ... durch einen besonnenen guss ein harmonisches ganze hervorzubringen H. Heine 6, 4 E.; aber diese überarbeitungen in längeren zwischenräumen haben dem drama auch das schöne ebenmasz genommen, welches bei gleichzeitigem gusz aller theile möglich ist G. Freytag 14, 166. die nachstehenden verwendungen in qualitativem sinne stehen unter dem einflusz der festen verbindung aus einem gusse sein; sie gehen auf die geschlossene composition: kein blick, kein ohr, kein herz ward von dem ganzen verwendet, und es fing schon an, gediegen und zu einem gusse zu werden (aus der beschreibung einer chorprobe) Heinse 5, 15 Schüddekopf; was diese an geschlossenheit, an gleichem guss, an gehaltenem ton vor jenen voraus hat, das überbieten jene an weitem interesse und an groszartiger wirkung (Karlssage und Nibelungen) Gervinus gesch. d. deutschen dichtung 1, 238; manche, die ich neuerdings gesprochen, halten den Jenatsch für ihr meisterwerck und dem gusze nach mögen sie recht haben L. v. François an C. F. Meyer briefw. 18. jedoch spielt auch die vorstellung mit hinein, dasz die art des gusses von der art der metallegierung abhängig ist, wie in den nachfolgenden belegen: das fleisch ist hart, die sehnen sind stramm, wie eisen von bestem gusse H. Heine werke 2, 117 Elster; junker waren sie alle drei gewiss; ... sie waren von anderm guss als die bürgerherren unten Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 202.
2)
gusz in präpositionalen fügungen.
a)
am entwickeltsten ist aus einem gusse; in allgemeiner übertragung auf beliebige dinge: 'aus einem gusse sein in einem zuge gearbeitet, aus der metallgieszerei: die meisten metallguszarbeiten wurden früher in einzelnen teilen gegossen und diese dann zusammengeschweiszt, wobei oft nähte sichtbar bleiben. im gegensatz dazu lobt die redensart ein werk, das keine nähte erkennen läszt, einen vollkommen einheitlichen eindruck macht' Borchardt-Wustmann sprichtwörtl. redensarten (1925) 168; gern in anwendung auf künstlerische, besonders literarische werke: es (ein von Palladio erbautes kloster) steht wie aus einem gusz Göthe 3, 110 W.; da entsinne ich mich, dasz ihre kleider nicht so aus einem gusse sind als diejenigen, die sie ihren freunden bereitet IV 22, 47 W.; alles strebt er ... freundlich zu verbinden, so dass das ganze wie aus einem guss ist Athenäum 1, 127; wo dann das ganze wie aus einem gusse ist, da fühlt der gleichartige sinn den lebendigen hauch und sein begeisterndes wehen Athenäum 2, 36 (über die philosophie v. Fr. Schlegel); schöner, was so aus einem gusse kömmt, als woran täglich geflickt wird J. v. Müller sämtl. werke (1810) 6, 432; in den ... gedichten ... ist die empfindung aus einem gusse Bettine briefw. m. e. kinde 1, 63; dadurch nimmt diese schrift unwiderstehlich für sich ein, dasz sie so ganz aus einem gusz ist Görres briefe 2, 20; hier eine treffliche, fest ineinander gefügte fabel aus einem gusz in gehaltener gleicher darstellung J. Grimm kl. schr. 5, 266; Wilhelm Meister ist kein werk aus einem gusse D. F. Strauss schr. 6, 210; seien sie fleissig, ... damit der zweite und der dritte band wie aus einem gusse erscheinen Holtei erz. schr. 22, 8; qualitativ einfach ist das recht, wenn es wie aus einem gusse ist R. v. Jhering geist d. röm. rechts 2, 2, 345; bei ihnen war die betrachtung der gegebenen welt, in die sie sich gesetzt sahen, und der gegensatz, in den sie sich selbst zu ihr setzten, immer aus einem ganzen gusse Gervinus gesch. d. deutschen dichtung 5, 147; und alles (auf dem bilde) ist aus einem gusse und in einem zarten schmelze, dass keine harte, keine leere stelle sich aufzeigt A. Stifter 14, 226; wie aus einem gusz aufgeführt (von einem gebäude) J. V. v. Scheffel ges. w. (1907) 3, 230; trotzdem bleibt der Samson ein wunderschönes gedicht, ein werk aus einem gusse Treitschke hist. u. pol. aufs. 1, 54; das werk, wie es im wesentlichen vollendet war, ... konnte hiernach kein kunstwerk aus einem gusz sein K. Justi Winckelmann 2, 2, 20.
b)
aus einem gusz erweitert durch andere subst.: so musste freilich heer- und wehrordnung durch ganz Deutschland ... bei dem stehenden heere bei der landwehr und dem landsturm ganz aus einem guss und schluss sein E. M. Arndt schriften f. u. an s. l. Deutschen 3, 223; sie erschienen ihnen damals durchaus wie ein volk aus einem guss und stamm ebda 4, 85; von geistigen, namentlich künstlerischen gebilden: eine geistige schöpfung ist es (Mozarts Don Juan), das einzelne wie das ganze aus einem geiste und gusz und von dem hauche eines lebens durchdrungen Göthe gespräche 8, 98 Biedermann; sie (die deutsche sprache) ist ein werk aus einem gusz und flusz Fr. L. Jahn werke 2, 11; ... das ganze zuletzt weder aus einem stück und gusz erscheint, noch ... F. Schleiermacher sämtl. werke (1834) 1, 5, 168; es (das klavierstück) ist so klar und schön, so aus einem gusz und flusz, in der verbindung mit dem orchester so eigenartig und wirkungsvoll, wie es dem kunstjünger selten, und nur dem meister in guter stunde gelingt R. Schumann briefe 2, 50.
c)
fügungen mit in, auf, von usw. zur bezeichnung der einmaligen oder der nicht unterbrochenen handlung: gleich wie ich aber, was ich will, gern aus allen kräften will, so liess ich alles liegen und stehen, um nur in einem guss dieses werk darzustellen Gleim briefwechsel 2, 585 Korte; nun ging alles in einem guss fort Caroline 2, 170 Waitz; so dasz nun die freie schönheit ganz ungehindert wie in einem gusze hervorgegangen zu sein scheint Hegel werke 10, 2, 246; ich erwarte nie, dasz irgend etwas groszes, das nur durch vereinigte kräfte und hartnäckigen fleisz einer groszen anzahl der geschicktesten und besten männer eines volkes zustande kommen kann, sich so auf einen gusz, wie man eine metallene bildsäule gieszt, machen lasse K. Fr. Cramer Neseggab (1791) 3, 21; er hat sich bemüht, alles wie von einem einzigen gusse zu machen Winckelmann sämtl. werke 1, 152.
II.
gusz als nomen acti bedeutet das ausgegossene, besonders fachsprachlich.
1)
allgemein als ausgegossene flüssigkeit, sich mit den belegen unter I 1 noch nahe berührend:
disen seleclichen guz (von himmelstau)
den heilsamen uzfluz
leben d. hl. Elisabeth 10339;
worauf der frevelnde junge bösewicht, weil er einen ziemlichen gusz (aus dem nachtscherben) bekommen, ... mit fluchen, hageln und donnern davon geloffen Erasmus Francisci höll. Proteus (1695) 1017; diese seeangst, kalte güsse und saltzige trüncke wolten sich mit der zuvor auf dem königlichen schiff empfangenen freude und gesundheiten in uns und unserem magen nicht vertragen Adam Olearius verm. reisebeschr. (1696) 133; die holzstösse ... löschten vor drüber hingeströmten güssen aus flusz und bach und trinkhorn Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 2, 202; gusz das ausgegossene wasser, womit ein verstorbener abgewaschen wird Alemannia 15, 75; über einen gusz gehen bedeutet böses ebda.
2)
im brauwesen: 'die zu einem gebräude bestimmter grösze, zu einem bestimmten schutt nach der brauordnung gehörige, aufzugieszende menge wassers' Weber term.-ökon. lex. u. id. (1829) 211; anders: gusz im brauen ein gewisses maasz weitzen oder gerste zu einem brau Frisch 384: so sollen sie sich dohin vorgleichen, dasz der schutt und gusz deromaszen angestellt, dasz ein jeder von dem losz nach ein doppel und einfaches bier ... verhoffentlich brawen könne stadtrecht von Eisenach 102; daraus kan gesehen werden, dasz über vermögen des getreides der gusz nicht einzurichten, sondern alles in richtiger masz zu halten sei, damit ein gutes bier daraus erfolgen kan schles. wirtschaftsbuch (1712) 635. in der weinkelterei der ausgusz, ausflieszende strahl als menge, s. Fischer schwäb. 3, 973; Staub-Tobler 2, 582: und sol in den vorlas under dem wingarten geben; wär aber, daz von dem vorlasse nit als vil werden möchte, so sulen sie herabe volgen under die kälterrun und suln da den ersten gusz nemen, bis sie geweret werdent (1343) württemberg. geschichtsqu. 4, 382; wievil weins ir von dem gusz nemen, daz ir denselben wein in den weisen wein schüten Fischer schwäb. 2, 974.
3)
in der hauswirtschaft: 'bei backwerken flüssig aufgegoszner oder aufgestrichner und dann hartgebackner zucker mit einweisz' Sanders wb. 1, 642ᵇ; einen gusz von zucker, etc. auf pasteten crostata di zucchero Jagemann dtschitalien. wb. (1799) 2, 552, vgl. Fischer schwäb. 3, 937: gusz zu einem groszen kuchen von frischen zwetschen. ein kleiner suppenteller dicke saure sahne, ..., 2 eszlöffel zucker, 1 teelöffel zimt Henr. Davidis kochbuch (1920) 245; man kann dem gusz (zuckergusz) oder etwas von demselben, auf folgende weise eine färbung geben 246; übertragen: der atem der kälte legte sich über den wald in zuckrigem gusz C. Viebig schlaf. heer (1904) 1, 134.
4)
vom gegossenen unschlitt, schmalz: auch sollen si (die fleischhacker) geben inszlet vierding oder mer, was ainer zu bezallen hat; und ob ainer ainen groszen gusz inszlet het, das sol er zustechen und davon ainem geben was er zu bezallen hat, ob des an in begert wirdt österr. weist. 9, 722. dazu die deminitivform: das güszlein schmalz stöckchen schmalzes, wie es durch ausgieszen der zerlassenen butter in gewisse geschirre entsteht Schmeller 1, 950; vielleicht hierhin: ithem 3 gulden 4 hllr vür einen gosz onslechtes der weig lviii [[undefined:poundsign]] und vür xxvi [[undefined:poundsign]] rohes ungesmelzten unslechtes Elsen v. Holczhusen inventar (Frankf. archiv 1410, hs. mitget.); doch vgl. goss Fischer schwäb. 3, 754.
5)
als das gegossene metall oder der gegossene gegenstand, bei bildwerken der abgusz: und behielte ihme ... das schloss Croman, voll gefüllter mit bahrem gelt, getraidt, grosse güss goldt undt silber mit ainem costlichen credentz clainodien N. Hermann Rosenburgsche chronik 196; die neuwen güsz aber sein schöner und stärcker J. Th. de Bry archelei (1614) 2; doch zeiget der gusz (der figur) eine schönheit, der sich ein meister nicht schämen darf Gottsched anm. gelehrsamkeit (1751) 6, 284; denn es ist schwer, einen neuen gusz an den bruch eines alten stückes von erzt zu verbinden J. J. Winckelmann von den herkulan. entd. (1762) 26; wenn er geräth, werde ich mich sehr freuen, noch mehr aber wenn ich dir einige güsse in bronze liefern kann Göthe br. 6, 388; gute güsse der antiken Göthe 4, 3, 67 W.; wer würde hier (in arie 19 des Figaro) an ein einschiebsel denken? oder nur ein ähnliches verfahren erkennen, wie das des ciseleurs, der die mängel des gusses mit geschickter hand überarbeitet? O. Jahn Mozart (1856) 3, 449; weisses roheisen ist ... zu feinen güssen wenig geeignet Karmarsch-Heeren 2, 772; es erfolgen sehr dichte und blasenfreie güsse (mit platin) Muspratt 7, 298; al frauen un ale gösz krit mer iweral umsos Müller rhein. wb. 2, 1506; fachsprachlich hat gusz specielle bedeutungen erhalten: gusz als hals der kugelform: wenn man vom maas der kugelform redet, so musz man den hals oder gusz nicht darzu rechnen J. F. Stahl gewehrgerechte jäger (1762) 151 (vgl.guszhals, sp. 1219); in Schwaben bezeichnet man mit gusz auch den gusseisernen teil des modernen pfluges Fischer schwäb. 6, 2082.
III.
gusz = behälter, aus dem oder in den etwas gegossen wird.
1)
behälter aus dem etwas gegossen wird, nicht literarisch belegt: gusz waschgefäsz, aus dem man durch eine röhre beym waschen der hände das wasser in ein darunter stehendes kupfernes becken laufen läszt Stalder 1, 502; güt gefäsz zum gieszen Krüger plattd. sprache, bes. in Emden 55; gusz von töpfen mit einem ausgusz (rohmguss) Mensing 2, 511; auch der ausgusz selbst: göt ausfluszrohr einer pumpe, gieszkanne usw. ebda 2, 458; de gût an de têpot Doornkaat-Koolman 1, 70; als masz einer flüssigkeit: gütt 11⁄16 masz, kännchen Woeste 88; gosz gieszkanne als masz: duh noch e gosz wasser druff Reuting wb. d. Höchster ma. 19; in speciellem gebrauch bedeutet gusz auch die guszform: derhalben alsbald das ertz geflossen ist, disz geuszt er (der probierer) in ein eisernen gusz, der grosz oder klein pflegt zu seyn Ph. Bech Agricolas bergwerkbuch (1621) 204; wenn ... das gold in den gusz des künstlers ... käme, würde das vollkommenste gemächte daraus D. C. v. Lohenstein Arminius (1689) 1, 134; wenn alles ist wie in den tagen des glückes, blank, wie aus dem gusse des goldschmiedes kommend A. Stifter 1, 217.
2)
als gosse, rinnstein, ausgusz in der küche, vgl.gusz ein ort, wo man das unreine wasser durch- und weggiesset, fusorium culinae Frisch 1 (1741) 384ᶜ:
mir ist verfroren heut der gusz,
denselbn man widr öffnen musz,
dasz das wasser kan dadurch rausz
J. Ayrer 2400 lit. ver.;
darnach laufft dasselbe wasser durch heimliche güsse wieder weg und führt aller unflat mit Erasmus Franisci lust. schaubühne (1697) 3, 1018; heute noch in obd. mundarten, s. gusz gosse, rinne Sartorius ma. d. st. Würzburg 53 (beleg von 1700); Fischer schwäb. 3, 937; mit dir tut man im himmel den gusz pflästeren (wo der regen herauskommt) Fischer schwäb. 6, 2082. in Schwaben bezeichnet man mit gusz auch den penis. in der seemannssprache bedeutet gusz 'auf den schiffen beym wallfischfang eine rinne von brettern, darinnen man den speck des wallfisches vom obern schiff hinein in die lücke streicht, dasz er durch die mammierung in den unteren raum falle' (canalis in quo dejicitur lardum belaenae in inferiora navis loca) Frisch 1 (1741) 384ᶜ; vgl. Jacobsson techn. wb. 2, 176; Kluge seemannssprache 339.
IV.
sonderbedeutungen.
a)
gusz als krankheit, podagra, vielleicht durch die sprichtwörtlichen redensarten sp. 1212 bedingt? so sind die weibszpersonen mehrern theils schwach und sonderlich von flüssen und güsen geplagt T. Knobloch kurtzer bericht v. d. podagra (1606) 29; oder wie sie zu reden pflegen, die güsse bekommen ebda 44.
b)
in der soldatensprache ist gusz ein spottname für den train, nur in Sachsen gebräuchlich, vgl. Müller-Fraureuth 1, 452; Horn soldatensprache 32.
V.
zusammensetzungen mit gusz kommen fast nur mit substantiven vor, vereinzelt schon im ahd., s. u. guszfasz, gusopfer, das 19. jh. bringt eine fülle von neuen bildungen, vor allem in der sprache der technik:
guszanstalt
man baute einen reverberirofen, um altes eisen zu schmelzen und eine gussanstalt ins werk zu setzen Göthe 35, 58 W.;
guszarbeit
ich meine den kunstsinn, der ... den rothschmied zum meister kunstreicher gussarbeiten erhob L. Uhland schr. z. gesch. d. dichtung u. sage 2, 359; kupferne fingerringe, ..., könnten ebenfalls auf guszarbeit deuten Ratzel völkerkunde 2, 588;
guszart
der inspektor ... sagte mir, dasz er diese guszart erfunden Pückler-Muskau briefe eines verstorbenen (1836) 1, 150;
guszbahn
man sticht dasselbe (blei) in einen eisernen giesstrog ab, welcher ... an der aussenkante der gussbahn mittels rollen bewegt wird Muspratt 1, 1637;
guszberechnung
(es) sei erwähnt, dasz nach den guszberechnungen der Wiener münzstätte im 15. jh. der schlagschatz 13% vom metallwert der münze ausmachte Luschin v. Ebengreuth münzk. 217;
guszbereit
tagsüber modelliere und korregiere ich an der kleinen figur, ..., den ich im februar guszbereit zu haben hoffe K. Stauffer familienbriefe (1890) 338;
guszblase
gewehrkugeln werden aus bleischienen ... gepresst und dadurch jene hohlräume (guszblasen) beseitigt, welche beim kugelgieszen unvermeidlich sind Karmarsch-Heeren 5, 147; durch gusz (der münzen) entstehen gewöhnlich nur vereinzelte guszblasen Luschin v. Ebengreuth 77;
guszblock
(es) lassen sich messingröhren durch walzen aus einem gussblocke herstellen Muspratt 4, 2050;
guszboden
die construction des neapolitanischen guszbodens (astrico genannt) ist ... folgender G. F. Schinkel nachlasz 1, 73; hier (im oberen teil des apparates) kann die zuleitung durch den gussboden (aus guszeisen) dauerhaft dicht hergestellt werden Muspratt 1, 409;
guszdecke
sobald die gussdecke erstarrt ist, werden die dochtenden abgeschnitten (bei der kerzenfabrikation) Muspratt 5, 188;
guszeisern
s. an alph. stelle;
guszfabrik
er vereinigte sich ... mit Th. zur begründung einer gussfabrik Muspratt 8, 1357;
guszfähig
geschmolzenes zinn ist sehr gussfähig Schönermark-Stüber 929;
guszfehler
dies also sind die guszfehler Rietschel an Rauch (1838) 1, 433;
guszgedinge
bei den gusswerken in akkord gegebene arbeitsleistung C. v. Scheuchenstuel öst. berg- u. hüttenspr. (1856) 96;
guszgefäsz
... seltsames guszgefäsz mit bügelschenkel oben, mit tülle A. Furtwängler vasenbeschr. (1885) 15;
guszgegenstand
die gussgegenstände werden in tiegel, guszeisenkästen oder blechbüchsen mit adoucirpulver so eingeschichtet, dass sie rings von demselben umgeben sind Karmarsch-Heeren 3, 41; die eisenhochofenschlacken werden mit kalk gemengt weiter verwandt zu gussgegenständen Muspratt 2, 1308;
guszgerinne
1) mit wänden eingeschlossener kanal, um darin das roheisen zur form laufen zu lassen; 2) sehr steiles gerinne, besonders bei mittelschlächtigen mühlen vorkommend Mothes baulex. 2, 549;
guszglas
(eine beschränkung der dachfenster) wird erreicht ... bei ziegeldächern durch lichtziegeln aus gussglas in form des deckmaterials Lueger 3, 97;
guszglashütte
Peter Ziegler ... gebührt das verdienst, ... die erste und dermalen einzig bestehende gussglashütte dort errichtet zu haben Liebig ein arbeiterleben (1871) 165;
guszhals
auch gieszzapfen, guszzapfen: bei allen kugelformen ist darauf zu sehen, dasz das guszloch nicht sehr grosz gemacht werde; denn seine grösze bestimmt den guszhals Seydelli einrichtung des kleinen gewehrs (1811) 135;
guszhaut
die oxydierte oberfläche gegossener metallgegenstände, rauh, von grauer, schwärzlicher oder bräunlicher farbe Bucher reallex. d. kunstgewerbe 173: schwer kommt in veränderten falten ein wahrer zusammenhang, selbst die weiszen frischen stellen neben der gelber gewordenen guszhaut stören ihn Rietschel an Rauch briefwechsel 1, 255;
guszhütte
in Russland existieren eine gusshütte (für spiegelglas) zu Dorpat, ... eine zweite ... im Rjäsanschen gouvernement Karmarsch-Heeren 4, 76;
guszkasten
die kastenform steht (bei der eisengieszerei) meist noch in einer aussenform, dem guszkasten O. Mothes 2, 549;
guszkopf
s. sp. 1222;
guszkörper
dasz weder das ganze eines guszkörpers noch seine theile homogen waren Muspratt chemie 4, 1954;
guszkruste
die oberfläche grosser guszeisenstücke, welche früher erkalten als das innere derselben C. v. Scheuchenstuel 116;
guszkunstwerk
obgleich die guszkunstwerke nun ... um die hälfte billiger beschafft werden können und entsteht in dieser beziehung ein wohlbegründeter vortheil den bildhauern Rauch an Rietschel briefw. 2, 401;
guszlager
während die wellen 1 und 2 in gusslagern gehen, läuft die dritte welle ... in einem rothgusslager (b. d. centrifuge) Muspratt 5, 1570;
guszlöffel
dienen zum schöpfen des roheisens aus dem hochofen C. v. Scheuchenstuel 116;
guszlücke
vertiefung in der fläche eines deiches, worüber das wasser bei groszer flut geht Mothes 2, 550;
guszmasse
der leere raum ..., in welchem später die gussmasse eindringt Rossmässler d. mensch im spiegel d. natur (1855) 103;
guszmauer
der bergfried hatte noch überreste römischen mauerwerks, guszmauern B. Auerbach schr. 6, 43; Mothes 4, 71;
guszmetall
gussnaht entsteht durch einfliessen von gussmetall in die fugen bei zweiteiligen gussformen v. Alten 4, 503;
guszmodell
in der artillerietechnik wird ... das holz der roterle ... verwendet ... zu ... gussmodellen v. Alten 3, 413;
guszmörtel
gleichbedeutend mit beton v. Alten 4, 502;
guszmündung
im wasserbaue, der äuszerste teil oder die mündung eines rohres, welches auf den springbrunnen aufgeschraubt wird und durch welches der wasserstrahl ausfährt Campe 2, 482ᵇ;
guszmutter
in den schriftgieszereien die form, in welcher der buchstabe gegossen wird (matrice) Campe 2, 375ᵇ; matrize giszmutter oder guszmutter J. Kinderling reinigk. d. deutschen spr. (1795) 297;
gusznaht
erhöhungen an einem rohgusz, welche durch das eindringen des flüssigen metalls in die fugen zwischen den einzelnen stücken der guszform entstanden sind Bucher reallex. d. kunstgew. 173;
guszoberfläche
feiner sand liefert eine glatte, grober eine rauhe guszoberfläche (in der eisengieszerei) Lueger 3, 619;
guszpfanne
gusspfannen dienen zum schöpfen des ... roheisens aus dem hochofen Scheuchenstuel 116;
guszplatte
ein vertiefter kasten ... durch dicke guszplatten begrenzt Karmarsch-Heeren 3, 24;
guszprobe
anmerkungen über gussproben von zinn und blei (buchtitel) allg. deutsche bibl. 63, 614;
guszputzen
die reinigung der gusswaren von oxydschichten, gusshaut Lueger 5, 25: eine specialität (der bürstenwalzen) sind die bürsten mit gusstahldrahtbüschel, die zum gussputzen dienen ebda 2, 762;
guszschale
guszschale auch im deutschen vielfach mit kokille bezeichnet, ist eine guszeiserne form zur aufnahme des flüssigen metalls als ersatz für lehm- und sandformen v. Alten handb. 4, 502;
guszscharte
vertiefung in der fläche eines deiches, worüber das wasser bei grosser flut geht Mothes 2, 550; 4, 503;
gusztafel
Peter Ziegler gebührt das verdienst, die gusztafelglaserzeugung in Österreich eingeführt zu haben J. Liebig arbeiterleben 165;
gusztechnik
man hat auszerdem die gusztechnik neuerer zeit sehr vervollkommnet Luschin v. Ebengreuth 131; eiserne kugeln grossen kalibers zu giessen war bei dem niedrigen stande der gusstechnik nicht möglich v. Alten 4, 187;
gusztiegel
glauben, dasz sie (Sappho) mit ihren lieben liebesgesängen der liebe ewige form und gusztigel hinterlassen habe? Herder 25, 85 S.;
guszwölbung
... das kunststück ... bestand in metallenen stäben, welche der flachen wölbung eine fast unbegreiflich weite spannung gaben und so eine sohlenartige guszwölbung gestatteten C. A. Böttiger kl. schr. 2, 343 Sillig;
guszzapfen
der guszzapfen entsteht durch das verhärten des ... metalls im eingusskanal O. Mothes 2, 551; die einguszspur, da wo der guszzapfen an dem gegossenen stücke gesessen hat G. Loos (in gerichtsacten 1833); Hoyer-Kreuter 1, 298;
guszzink
des gusszinks bedient man sich grossentheils zu verzierungen J. J. Helfft wb. d. landbaukunst 420.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1934), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 1209, Z. 24.

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Zitationshilfe
„güsz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/g%C3%BCsz>, abgerufen am 12.05.2021.

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