Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gütigkeit, f.

gütigkeit, f.,
von gütig abgeleitet, seit mhd. zeit geläufig und bis ins 18. jh. neben güte vielfach verwendet, wenn auch im ganzen als geziertere bildung weniger häufig als dieses; im 19. jh. veraltend und heute als papieren empfunden kaum noch gebräuchlich, vgl. aber mundartl. goodigkeit Dornkaat-Koolman ostfries. 1, 657ᵃ.
1)
die hauptbedeutung zu gütig 1 gehörend und ¹güte 3 weithin entsprechend schlieszt sich an gut IV an.
a)
als die freundliche, liebreiche, milde gesinnung einer person, die in ihrem charakter verwurzelt ist und eine dauernde eigenschaft darstellt, vgl. gutekeit, suzmutekeit benignitas Diefenbach gl. 638ᵇ, lutter guttigkeit clementia 126ᶜ.
α)
vom menschen und seinem handeln.
αα)
allgemein: ich habs erfaren, daz dem menschen nichts bessers ist dann güttigkeit und senfftmüttigkeit Boltz Terenz (1539) 106ᵇ; aber ire mutter Clara was clare von sitten, clare in guttigkeit M. v. Kemnat chronik Friedr. I. 138 Hofmann;
die ander gab (des hl. geistes) ist güttikeit
und die macht den menschen bereit,
sein nechsten hertzlich zu lieben
und sich im guten zu uben
M. Weisze bei Wackernagel kirchenl. 3, 280;
ihre dunkelblaue augen die gütigkeit selber vorstellten A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 144; die tugenden, so die bezeigung gegen den nächsten angehen, sind die gerechtigkeit und gütigkeit Leibniz dtsche schr. 1, 362;
stell alle sorgen ein,
denn unsre gütigkeit läszt uns nicht feinde seyn
Gottsched dtsche schaubühne (1741) 4, 13;
menschenliebe, gütigkeit,
jede tugend ist dir eigen
Gleim s. schr. (1798) 1, 366;
ach, sie war lauter liebe und erhabne gütigkeit Gerstenberg Ugolino 241 nat.-lit.; des christentums regel hatte die frucht des geistes, menschengüte und menschenseligkeit in sich: liebe, ... gütigkeit, treue, sanftmut Herder 20, 171 S.; blasser als höflichkeitsformel: nun musz ich eine bitte wagen, und ich hoffe von ihrer gütigkeit, dasz sie mir dieselbe nicht abschlagen werden Lichtenberg br. 2, 65; auf ein bestimmtes objekt bezogen im sinne 'zuneigung, willfährigkeit':
mein schatz, wie hab ich leider ubel dich
genommen doch in acht! ach weh, wie schmertzt das mich!
da ich dich tag und nacht stets bey mir haben kunte,
und deine gütigkeit mir solches wol vergunte:
dasz ich gelassen dich hab in des Namo hand
D. v. d. Werder ras. Roland (1636) 116.
ββ)
als eigenschaft des fürsten oder herren 'wohlwollen, gnade, leutseligkeit': unser kraft die beschirmen sol mit der besundern hant der güetichait (v. j. 1299) in: urk.-b. d. landes ob d. Enns 4, 316; du darfst dich nicht verlassen auff die gütigkeit deines landesfürsten Luther 28, 215 W.;
und der marggraf ist kämmerer,
tregt ein gulden stab vor ihm her,
derselbig gulden stab bedeut,
dasz der keiser brauch gütigkeit
J. Ayrer dram. 535 K.;
allergnädigster kayser und herr, dessen tugend und gütigkeit höher ist als sie von mir kan erkennet oder begriffen werden A. v. Ziegler asiat. Banise (1689) 292.
γγ)
mehr passiv gefaszt 'geduld, nachsicht, gutmütigkeit':
gib uns in leiden deinen rat,
gib gütikhait für übeltat
bei Kehrein kirchen- u. relig. lieder 140;
mich waz verwundern, wann es also hinweg gieng und allweg des herren gütikeit (lenitas) Terenz (1499) 14ᵃ; gütigkeyt macht ungütig knecht Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 159ᵇ; der ungetreuwe heyd Roas von Goys, den ich ausz gütigkeit ... bey mir erzogen buch der liebe (1587) 387ᵈ; wie sonsten grosz und kleine meiner gütigkeit miszbraucht haben Schupp schr. (1663) 582; die vorigen merckmale seiner gütigkeit hätten sie beredet, dasz sie ihre ergebung einer verzweifelten gegenwehr fürgezogen hätten Lohenstein Arminius (1689) 1, 60ᵇ; Badizzaman ergab sich selbst dem sieger, dessen gütigkeit der welt bekannt war A. v. Haller Usong (1771) 96;
doch herr, geht deine gütigkeit,
die schonung dieses orts und volkes nicht zu weit?
Ayrenhoff w. (1814) 2, 59;
sie hielt eben zu dem grafen, auf dessen gütigkeit und wohl auch schwäche sie manchen zukunftsplan aufgebaut haben mochte Fontane ges. w. I 7, 278; objektiver geradezu für 'milde': mit ihr (der strafe) kann zwar auch gütigkeit verbunden werden, aber auf diese hat der strafwürdige nach seiner aufführung nicht die mindeste ursache sich rechnung zu machen Kant 5, 37 akad.
β)
von der barmherzigen liebe gottes: got der wil dir vaterlich helfen usz allen dinen nöten, ob du allein siner guͤtikeit macht getrúwen Seuse dtsche schr. 380 Bihlm.;
ich weisz nit, wo is herkommet dir (gott)
anders dan von dinre gütekeit
pilgerf. d. träum. mönchs 10969 Bömer;
mussen wir ins hercze bilden die gutikeit und genade Christi unsers herren Luther 9, 554 W.;
bleib heilig jederzeit,
so wird er (gott) dich in auffsicht fassen,
und weder jetzt noch ewig lassen
aus seiner gnad und gütigkeit
Simon Dach 194 Österl.;
der unter andern besonderen danksagungen, wodurch er sich gegen die gütigkeit gottes erkenntlich bezeigte, der welt wörterbüchermacher verschaffte Lessing 8, 9 L.-M.
γ)
von der gunst der götter oder des schicksals: so grosze und so wichtige vortheile ... welche die gütigkeit der götter uns ohne unser zuthun ... bescheret hat Reiske Demosthenes u. Äschinus reden (1764) 1, 26; wie lang, ihr götter, soll ich noch eurer gütigkeit zeuge sein? S. Geszner schr. (1777) 1, 65; (Fortuna) die du durch deine grosze gütigkeit am aller schädlichsten wirst Schottel friedenssieg 29 ndr.; aber ich habe gelernt, mehr auf die gütigkeit des geschicks rechnen Knigge roman m. leb. (1781) 1, 32.
b)
die in einzelnen handlungen sichtbare freundliche gesinnung des menschen, die eine mehr augenblicklich sichtbare eigenschaft darstellt, vgl. güttigkeit facilitas S. Roth dict. (1752) g 2ᵃ.
α)
allgemein: durch übrige kelty und grosze gefrüri ward ain man in gütikait bewegt, das er ain schlangen in synem hus beherberget Steinhöwel Äsop 91 Öst.; es komme noch ain glückhafftige stunde, darinnen euer edels hertz bewegt werde zu gütigkait und euer synn und gemüt umbgeben mit barmherztigkait Fortunatus 134 ndr.; denn es geschicht oft, dasz weibliches gemüht durch schöne gestalt und hübsche geberd von zorn in gütigkeit und sanfftmütigkeit gewandelt wirdt buch d. liebe (1587) 83ᶜ;
du bist, o Nyctelen, zue gütigkeit geneiget,
hast von natur und art gantz freundlich dich erzeiget
Opitz teutsche poem. 209 ndr.;
ihr herren aber ... werdet es meiner gütigkeit zuschreiben, dasz ich euch mein hausrecht nicht gethan habe Chr. Weise erznarren 142 ndr.;
dann werden wir uns jederzeit,
als zeugen deiner gütigkeit
voll innigster empfindung zeigen
Gottsched ged. (1751) 1, 160;
wie hat diese gütigkeit meine ganze seele durchdrungen Lessing 2, 311 L.-M.; musje Würfel, ihre gütigkeit zerschneidet mir das herz Bäuerle kom. theater (1820) 1, 83; ich danke dem herrn meister für seine geduld und gütigkeit und aufmerksamkeit Brunner erz. u. schr. 1, 116; blasz als höflichkeitsphrase: eben wollte ich wegen meiner nachlässigkeit um verzeihung bitten, da mir ihre gütigkeit entgegen eilet, mich darüber mit einem so schönen weynachtsgeschenke zu bestrafen Gottschedin br. 1, 167 Runkel; deine gütigkeit wird also rath zu schaffen wissen Schubart br. 1, 181 Strausz.
β)
mit abhängigen präpositionen, namentlich gegen: ein geitziger helt ... nit die gütigkeit gen vater und muter Albr. v. Eyb dtsche. schr. 1, 33 Herrm.; hastu ye mein güttigkeit empfunden gegen dir verschlossen zewerden? Boltz Terenz (1539) 34ᵇ; so fing ich an, diese dialoge und sinngedichte zu verfertigen, welche herr Wieland aus allzugroszer gütigkeit gegen mich, ihnen hier zur versorgung übersendet Gleim briefw. 1, 11 Körte; andere präpositionen bleiben vereinzelt: ich gedenke die gütigkait, die ich alle zyt hab gehabt zu den gesten Steinhöwel Äsop 40 Öst.
γ)
häufig in formelhaften, präpositionalen verbindungen; aus gütigkeit: ausz guetigkait verhelfend Knebel chron. v. Kaisheim 145 lit. ver.; die remarques aber ... sind mir von einem meiner damahligen reisegefährten ... aus besonderer gütigkeit und freundschaft communiciret Nemeitz nachlese (1726) )( 5ᵃ;
ein reisender ist so gewohnt,
aus gütigkeit vorlieb zu nehmen
Göthe 14, 153 W.;
mit gütigkeit: Erasmus von Roterdam, der mit englischem ingenium für und für mit gütigkeit göttliche gaben gemeret hat in unsz Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 3 ndr.; so viel ein fürst ... höher ist als seine unterthanen ... soll er denselben mit ... gütigkeit zuvor gehen Zinkgref-Weidner teutscher nation weish. (1653) 3, 65;
allenthalben irret umher, wen gott von der thür stöszt;
wem er sie öfnet, den nimmt jeder mit gütigkeit auf
Herder 26, 389 S.;
anders im sinne 'gütlich, willig':
wer gehorchet mit gütigkeit,
den lest man auch zu aller zeit
widerum reden auch mit rhu
H. Sachs 19, 321 G.
δ)
in festen redensarten des höflichen verkehrs; der, von der gütigkeit sein 'die freundlichkeit haben': so ist es auch unläugbar, dasz etliche satzung aus unverstand angenommen sind. darum sollten die bischofe der gütigkeit sein, dieselben satzungen zu mildern Augsb. konfess., art. 28 bei J. T. Müller d. symbol. bücher d. evang.-luth. kirche⁵ 69; der herr baron ist von einer sehr raren gütigkeit, dasz er sich des armen frauenzimmers noch so viel erbarmet Stranitzky ollapatrida 149 Wien. ndr.; so noch schwäb. als gewähltere formel statt 'so gut sein' (vgl. sp. 1285): sind sie von der gütigkeit Fischer 3, 966; häufig im 18. u. frühen 19. jh. die gütigkeit haben: vielleicht pflichte ich ihnen bey, wenn sie vorher die gütigkeit haben, folgenden zweifelsknoten aufzulösen neuer büchersaal (1745) 6, 38; haben sie daher die gütigkeit, mir für ein quartier zu sorgen Göthe IV 27, 76 W.; (sie) bat mich anbey, die gütigkeit zu haben und ihr nun erlauben nach hause zu gehen d. Leipz. aventurieur (1756) 1, 135; allerliebste madam H.! wenn sie nur die gütigkeit haben, und ... Ph. Hafner ges. lustsp. (1812) 2, 32.
c)
auf die auf freundlicher gesinnung beruhende handlungsweise übertragen (vgl. ¹güte 1 d): min guͦtikait, Gwiscarde, dero ich mich gegen dir gebrucht han, hat in kain weg verschuldet sölich unrecht Niclas v. Wyle translat. 83 K.; also thu du auch, du kanst in nit uberwinden mit boszheit, so versuͦch die gütikeit und früntlichheit, so würstu in uberwinden Pauli schimpf u. ernst 265 Öst.; gütigkeit inn reden und embsigkeit im schreiben erhelt gute freundschafft Lehman flor. pol. (1662) 3, 135; e. excell. wolle dero offterwiesene gütigkeit auch hierinn ... genieszen lassen Chr. Weise pol. redner (1677) 58; konnte ich jemals so viele gütigkeit hoffen? theat. d. Dtschen (1768) 12, 183; ich bitte mir die erlaubnisz aus, bei einer übers jahr zu hoffenden rückkehr nach Böhmen mich wieder ins gedächtnisz bringen und auf ihre gütigkeit abermals anspruch machen zu dürfen Göthe IV 23, 92 W.;
möcht ich erlangen nur gütigkeit,
das wär meinem herzen ein grosze freud
A. v. Arnim w. 21, 119 Gr.;
in präpositionaler verbindung durch gütigkeit:
... dein ... sohn
wird das verwayste volck durch gütigkeit regieren
Pietsch geb. schr. (1740) 55;
sie eilen nach dem schiff und findens, hoch erfreut,
zur reise schon versehn und zierlich eingerichtet
durch ihres schützers gütigkeit
Wieland w. 5, 80 Düntzer;
die köstlichen stücke, die ich durch ihre gütigkeit habe kennen lernen Göthe 21, 309 W.; mit (in) gütigkeit im gegensatz zum gewaltsamen verfahren: und als er mit gütigkeit von ihrem furnemen abzustehen sie nicht bewegen mögen Stumpf Schweizerchron. (1606) 50ᵃ; hiet ain rat verstanden, daz der ursach nicht genug gewesen wer, ich hiet mich davon lassen weisen in der gutigkait, und hieten ewrn gnaden zu schanndt und der ganzen stat ein sohle verpotne grobe antwurt nicht dürffen geben font. rer. Austr. II 7, 35; was er in der gütigkeyt abschaffen kondt, do vermitt er mit allem fleisz zanck und hader Wickram w. 2, 433 B.; bald darnach kam Carlen ... der meinung, die von Zürich ... mit gewalt darzu zeweisen, wölches er vormals in gütigkeit bey inen nit mocht finden Seb. Münster cosm. (1550) 448.
d)
früh für das aus freundlicher gesinnung und friedlicher handlungsweise hervorgehende verfahren gütlicher einigung und den dadurch geschaffenen zustand (vgl. ¹güte 4), vgl. vorsunung, gutichait Diefenbach nov. gl. 306ᵃ; in älterer sprache namentlich juristisch verwendet: alls mir ... ewer fürstlich gnad ... kain rechttag gesatzt, noch dy guttichayt gegen meinem anwallt furgenomen hat font. rer. Austr. II 2, 200; mag der verweser den parteien zu guetem und dasz si nit in so schwaren unkosten kumben, auf ir willküerlich ersuchen und anlangen gleichfals die güetigkait zwischen inen versuechen (v. j. 1568) österr. weist. 10, 12; um gütigkeit und ruhe willen und nicht von strengheit des rechten v. Lori baier. bergr. (1764) vorr. 43;
er (der vater) wird den widerspruch in gütigkeit verwandeln
und führt dich, wie ich hof, mit seegen selbst zu mir
Chr. Günther 1, 270 lit. ver.;
haben die gedachten commissari allen mugenlichen fleysz ... virgewent, die sach zu guetigkait bringen Knebel chron. v. Kaisheim 51 lit. ver.; in präpositionaler verbindung mit in: die vier sollen darauf den fünfften zu in erwehlen ... und dann versuchen, ob sie uns herrn darumb mit wissen in der güettigkeit verainen mügen (v. j. 1437) bei v. Lori baier. bergr. (1764) 30ᵇ; auch meinten dieselben fürsten, ob man in der gütigkeit darein möcht chomen, unverdingtlich zu versuchen städtechron. 2, 142; do haben die ersamen scheffen und gericht in gietigkeit erkant und Casparn nachgelossen, ein stand zu haben auch zu empfohen (v. j. 1528) bei Schmoller Straszburger weberzunft 138; für das vergleichsverfahren: in güteheit oder durch recht stadtb. v. Brüx nr. 345 bei Jelinek 338; es sol auch ieder teil ... slosz, vesten, stet oder merckte ... inn haben und behalten, (es sei denn, dasz) ... er mit recht daraus gevertigt oder mit der gütigkeit davon geteidingt wirt städtechron. 2, 166; des giengen auch baid barteien mit wüllkür auf den priarch (von Friaul) zu ainer guetigkait, was er darausz machte, das wolten sie treulich halten ebda 5, 11.
e)
verdinglicht für das ergebnis der freundlichen handlungsweise.
α)
noch subjektiv mit bezug auf das persönliche handeln, 'wohltat, gnadenbeweis, gefälligkeit': inen hilf, fürternisse und bistand und güetigkeit ze tuonde, und ze erzögen an alle gevärde H. Fründ chron. 101 Kind; verhofft durch dise gütigkeit, es solte inen beyden an der selen genieszlich sein Frey gartengesellsch. 16 Bolte; keine wohltat und gütigkeit ist thewrer dann diese, welche durch bitten erlangt und erkaufft werden musz Lehman flor. pol. (1662) 4, 160; die vielen gütigkeiten, so von ihnen rühmlichst genossen Hunold allern. art (1718) 147; für diese gütigkeit musz ich verbunden leben Gottsched dtsche schaubühne (1741) 1, 53; dasz sie mich durch gütigkeiten verpflichtet haben ..., das alles muste ich ihnen schon vorgestern schreiben Hermes Sophiens reise (1769) 3, 42; (nədabot) heiszen, wie jedermann weisz, gütigkeiten, freiwillige gaben Herder 12, 269 S.; dazu suche ich ihren rath und beistand, weil sie ein schriftgelehrter sind und mir mitunter eine gütigkeit erwiesen haben Immermann 4, 29 Boxb.
β)
objektiv 'das gute ding, die angenehme sache' selbst, wie 'das gute' (vgl.gut VIII B 2 b) gebraucht:
got, aller gütigkeit wolthater
H. Sachs 1, 143 K.;
wie ich denn bey dem herren nah
den keyser Constantinum sah,
der ehr und alle gütigkeit
erzeiget hat der christenheit
Ringwaldt christl. warn. (1588) d 1ᵇ;
dem quelle vieler gütigkeiten,
der sonne, gibst du wärm und schein
Löwen schr. (1765) 2, 10.
2)
nach gütig 2, entsprechend ¹güte 2 seltener im sinne 'tugendhaftigkeit, rechtschaffenheit, frömmigkeit', vgl. gütigkeit, güte, frömmigkeit, ehrbarkeit bonitas, ἀγαθότης Decimator thes. (1615): unsere angeborne gutekeit (innata nobis pietas) Joh. v. Gelnhausen const. jur. metall. III 5, 12 bei Jelinek 337; da lernet es kunst und güttikeit und zucht d. heyligen leben, summerteil (1472) 38ᵃ; gütikait machet rechte vätterliche trüw unt früntschaft der kind gegen vater und muoter und nit die geburt Steinhöwel Äsop 117 Öst.; aller gotseligkeit und guͦtigkeyt eyn unmenschlich grausam verderbnus Hutten opera 194 Böck.; Pontus thet als einer, so voller tugend und gütigkeit ist buch d. liebe (1587) 327ᵃ; die gütigkeit ist gott, die boszheit der teuffel Lehman flor. pol. (1662) 1, 393; farbloser:
daher ausz solcher guͦtigkeyt
entsprung auch die ehrbietigkeyt
Fischart 1, 272 Hauffen;
nach gut V A 1 e hin 'höfische erziehung, ritterlichkeit': der rysz stuont wyder uf. und der erkant Ruollanden güettigkeyt (courtoisie) Morgant 198 Bachm.; etwas anders von den taten 'sittlich gute beschaffenheit': und nu got der mache, daz di dink di da sint von mir, sint dienent zu dem nucze der warheit dez ewangeliumz und tut di gutikait der werk, di da sint der behaltsam dez ewigen lebens cod. Tepl. 2, 81 Huttler.
3)
nicht unmittelbar an eine bedeutung von gütig anzuschlieszen, sondern wohl direkt aus ¹güte 1 mit bedeutungsgehalt gespeist sind verwendungen, die gut I-III entsprechen, vgl. guttigkeit bonitas Diefenbach gl. 79ᵃ.
a)
zu gut I in verschiedenen bedeutungen; entsprechend gut I A 1 'nützlichkeit': was die sache, wann sie noch vorhanden wäre, zu der zeit gelten könne. oder was sie aufbringen könte und worinnen ihre gütigkeit bestünde v. Hohberg georg. cur. aucta (1715) 3, 27ᵇ; zu gut I A 2 b 'gebrauchstüchtigkeit': was nicht durch die gütigkeit der pferde entrann, (wurde) in stücke gehauen Lohenstein Arminius (1689) 2, 1079; zu gut I A 2 c 'nutzbarkeit': (die) gütigkeit eines edlen bodens, ... welcher seinen prächtigen blumen die bewunderung der zuschauer erwirbt J. Möser s. w. 9, 11 Ab.; zu gut I A 2 d β 'gesundes aussehen': und so der cancer getödt ist, das du erkennen magst durch die gyetigkeit des fleisches und durch mangel des eyters und gestancks, so curier in noch dem sinn als andere eyszen Gersdorf wundarzney (1517) 65ᵃ; zu gut I A 2 d γ: klugheit und wahrheitfindung entspringen beide aus der natur gütigkeit und übung Herder 17, 208 S.; zu gut I B 5 'wackere tat': ock vint me wol stede dede or wapen hebben vorworven myt der manheyt in stride, in blotstorting, in anderen gudicheyden, de se by oren fursten gedan hebben städtechron. 16, 480; zu gut I C 1 c 'gunst, förderlichkeit': so is ouch Coellen der zit half, men mirk an die lankheit van jaeren of guedicheit der zit, ein wirdige vlecke städtechron. 13, 455.
b)
entsprechend gut II A 2 im sinne 'hochwertigkeit, wertgehalt': der deutsche (born) wird wegen der solen gütigkeit vor dem besten gehalten Fr. Hondorff d. saltzwerk zu Halle (1670) 2; gutekeit des erczes (bonitas metalli) Joh. v. Gelnhausen const. jur. metall. I 16, 2 bei Jelinek 337; gehalt der ertze bedeutet die gütigkeit desselben, wie viel es an metall hält Chr. Herttwig bergbuch (1734) 170ᵇ; ganz abstrakt nach gut II A 5 allgemeiner 'vortrefflichkeit': kanst du nu ... schowen des obresten guͦtes lutersten guͤtekait Seuse dtsche schr. 179 Bihlm.; ja alle creaturen mit aller irer gütigkeit als ein augenblick des ewigen lebens (können das leisten) Joh. Arnd Thomas a Kempis (1631) 11; zu gut II B 3:
(wenn sie) um deine schöne jugend weint,
und deine gütigkeit mit nassem aug erhebet
v. Cronegk schr. (1766) 2, 354.
c)
zu gut III in verschiedenem sinne; entsprechend gut III A 1 a 'schmackhaftigkeit': eine andere gütigkeit ist der speise, da gut so viel ist als wolgeschmack heist Harsdörfer poet. trichter (1653) 248; (dasz es) die gütigkeit und nahrung dem fleisch etwas enziehe Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 321; zu gut III A 1 c 'wohlklang': dann was gütikeit der stymm von natur anhangt, das gevalt ouch dem hörenden und machet inn uffmerckig Riederer rhetorica (1493) g 3ᵇ; zu gut II A 5 'fröhlichkeit': singen ... gibt guͦtikeit Albr. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) d 5ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1935), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 1447, Z. 65.

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„gütigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/g%C3%BCtigkeit>, abgerufen am 12.05.2021.

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