gauner m
Fundstelle: Lfg. 7,8 (1876), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1583, Z. 67
betrüger der den betrug als gewerbe und kunstmäszig betreibt, auch von dieben und verbrechern überhaupt in gleichem sinne.
1)
es taucht erst im 18. jahrh. auf, und zwar in der form jauner, zuerst verzeichnet von Frisch 1, 485ᵃ aus einer oberschwäb. pürschordnung vom j. 1722, wonach verhütet werden soll, dasz unter den namen der freien pürschner (denen die jagd gestattet) die jauner, zigeuner, wilderer, mörder, landfahrer, keszler, tag- und nachthirten, steigbettler und andere dergleichen gespannen sich nicht einschleichen. Stisser forst- u. jagdhistorie der Teutschen Lpz. 1754, beil. s. 115. und so noch länger, ja bis heute gerade westsüdd., z. b.
wie jauner ohne ohr
sich helfen mit perücken.
Schiller hist.-kr. ausg. 1, 209;
pietisten, quaksalber, rezensenten und jauner, wer am meisten bietet, der hat mich. 2, 44 (räuber, schausp. 1, 2); du bist ein drolligter jauner. 3, 29, Fiesco zum mohren; dasz es (das elternlose kind) mehrere jahre mit bettlern und jaunern sei herumgezogen. Hebel (1853) 2, 200; der amtmann in Nordheim liesz im krieg in den neunziger jahren fünf jauner henken. 2, 160. dazu bei Schiller jaunerbande 1, 246, jaunerhorde (von seinen räubern) 2, 358, jaunerparole 3, 14, Fiesco 1, 2, der mohr braucht es von seinem ehrenworte. noch M. Kramer 1787 gibt blosz jauner, auch im südlichen Thüringen hört mans noch. im j. 1791 veröffentlichte in Schwaben ein bekehrter gauner eine wahrhafte entdeckung der jauner- oder jenischen-sprache, von dem ehemals berüchtigten jauner Kostanzer Hans, s. bei Avé-Lallemant das deutsche gaunerthum Lpz. 1858 ff. 4, 165.
2)
gauner führt zuerst Adelung an, auf grund folg. stelle: du bist zwar ein gauner, aber ich weisz auch, man kömmt jetzt mit betriegern weiter, als mit ehrlichen leuten. Lessing 1, 234, schriften 1753 4, 52, lustsp. 1767 1, 46 (d. junge gel. 1, 6); weil man ... keine andre nebenabsicht dabei hat, als mit einem redlichen spiele die gauner zu vertreiben. Möser phant. 1, 166 (ged. über die lotterien);
gauner durch apostelmasken schielen.
Schiller 1, 181;
du (Spiegelberg) bist wol nicht der erste gauner, der über den hohen galgen weggesehen hat. 2, 40. 231; reis du ins Graubündner land, das ist das Athen der heutigen gauner (var. jauner). 2, 82; die jüdischen gauner in Deutschland u. s. w., von Thiele Berl. 1840, s. Avé-Lallemant a. a. o. 1, 264.
3)
der ursprung.
a)
wort und sache sind demnach vom südwesten ausgegangen, und erst beim vordringen nach norden wird der umsatz in gauner geschehen sein (vgl. am ende), das dann von dort zurückkehrend auch vom jungen Schiller schon mit angewandt wurde. auch der begriff hat bei dem ortswechsel eine änderung erfahren, denn jene süddeutschen jauner sind deutlich nicht betrüger schlechthin, sondern heimatlose strolche, die im lande schweifend einem spitzbubenhandwerk nachgehn, und zwar in eine gesellschaft vereinigt, mit einer gewissen ordnung und einheit unter einander, d. h. wie die alten vagatores und wie noch die keszler, zigeuner, mit denen sie zusammen genannt werden (s. unter keszler ff., auch kesselflicker). die heutigen gauner dagegen, wie schon die bei Schiller zum theil, sind gleichsam verfeinerte strolche, die innerhalb der gesellschaft ihrer nahrung nachgehn, mit betrug z. b. in handel und wandel, wie die weiszkäufer, hochstapler, oder im spiele, wie die kümmelblättchenspieler.
b)
im 15. 16. jahrh. erscheinen sie, eben im südwesten, als joner, im rotwelschen vocabularius, der dem liber vagatorum als dritter theil angehängt ist, mit spiler erklärt (weim. jahrb. 4, 98, Avé-Lallemant 1, 183), genauer erkennbar in § 11 des andern theils (das. s. 94, A.-L. 1, 181, vgl. 201 die nd. übers.): item huͤt dich vor den jonern, die mit beseflerei umbgeen auf dem brief (d. h. mit betrug in der karte), mit abheben einer dem andern, mit dem böglein, mit dem spiesz, mit dem gefetzten brief übern boden (mit karten, die auf dem rücken durch eine kleine verletzung gezeichnet sind), mit dem andern theil (d. h. mitspieler) übern schrank (verschränkt) u. s. w. mit längerer aufzählung von kartenkünsten in förmlicher, sehr entwickelter kunstsprache, gaunersprache (vgl. Avé-Lallemant 2, 274 ff.). also joner ein ausgelernter, abgefeimter und gewerbsmäsziger kartenspieler, eigentlich spieler überhaupt (s. c). und dieser ansatz des begriffes hängt dem worte noch heute an, denn besonders gewerbsmäszige hazardspieler sind gauner (vgl. Möser unter 2), und gaunern heiszt besonders falsches oder auch schlaues kartenspielen. übrigens sind jene joner den südd. jaunern auch darin gleich, dasz sie wie eine zunft erscheinen, in nächster beziehung zu der bettler orden (vgl.bettler und jauner bei Hebel unter 1, s. auch unter gaunerwesen), von dem eben der liber vagatorum handelt, ein 'orden' der damals im südwesten blühte wie ein staat für sich und dessen geheimnisse im 15. jh. einmal in Basel an den tag kamen durch bemühungen der obrigkeit, woher denn auch jene alten nachrichten stammen, s. Zarncke zu Brant s. 400, Hoffmann v. Fall. im weim. jahrb. 4, 69 (vgl. unter Kohlenberg), und zur berichtigung Avé-Lallemant 1, 122 ff. die verhältnisse von damals hatten sich aber in jenen landen bis in Hebels zeit im wesentlichen erhalten (wie auch aus Avé-Lallemants buche schrecklich klar wird), denn er erzählt z. b. 2, 160 fg. auch von einer jaunerin, d. h. dem weibe eines jener gehenkten fünf jauner, oder genauer seine beilauferin, die einen buben von ihm hatte. das wort hatte sich aber zugleich erweitert zur geltung eines gesamtnamens für die spitzbubenkunst, ja für die kunst des verbrechens überhaupt, wie noch jetzt gauner, gaunerthum, gaunersprache u. a.; diese erweiterung ist nach Avé-Lallemant 1, 5 fg. seit dem 30jähr. kriege durch die behörden geschehen, der eigentlichen gaunersprache aber fremd geblieben, wie das ganze wort.
c)
joner endlich ist von einem rotwelschen 'jonen, spilen' lib. vagat., weim. jahrb. 4, 98 (verjonen verspielen s. 82. 87), auch junen, verjunen das. s. 76 (vergl. Avé-Lall. 2, 246), und auch vom würfelspiel, bei Brant eben in dem cap. von bettleren, unter denen auch diese narung erscheint als kouf (d. h. geschäft, erwerb):
mit rübling (würfeln) junen ist syn kouf,
bisz er besevelet hie und do.
narrensch. 63, 46.
diesz jonen aber ist nach Weigand ganz glaublich das hebr. הנָיָ, eigentlich unterdrücken, aber auch übervortheilen in kauf und verkauf, in einer den juden wichtigen stelle des gesetzes (3 Mos. 25, 14. 17); Vulcanius de lit. et lingua Getarum Lugd. 1597 s. 108 gibt wirklich ein rotwelsches jonen fallere (Avé-Lallemant 4, 80). â wird jüdisch zu ô, diesz aber auch wieder zu au, und wie auch sonst im rotwelsch viel jüdisches enthalten ist (s. Avé-Lall. 3, viii ff.), so kommt auch wechsel von ô und au da öfter vor, z. b. in kôscher und kauscher (s. d.), kone und kaune käufer Avé-Lall. 4, 561, mode und maude eingeständig 551; das falsche spiel wurde aber besonders von jüdischen gaunern ausgebildet (2, 277). das spätere g- für j- scheint durch falsche anlehnung an gaudieb herbeigeführt, s. Avé-Lall. 1, 7 fg. (der selbst an der ableitung von zigeuner fest hält und jauner davon trennt mit anderer, gleichfalls unglaublicher ableitung); übrigens kommt übertritt von j- in g- auch sonst in ähnlichen fällen vor, s.gauf m., gaufkind, vgl. umgekehrt gaukler auch als jaukeler sp. 1554 m.
Zitationshilfe
„gauner“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gauner>, abgerufen am 15.12.2019.

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