geblut, geblüt adj
Fundstelle: Lfg. 9 (1877), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1793, Z. 6
zu blut, von éinem blute, von gleichem geblüte. so in folgendem geblute freundschaft, blutsverwandtschaft: geschlechte heiszen wir die sipschaften und samlung geblutter freundschaften. Luther das magnificat f 4ᵇ (Dietz 2, 26ᵃ); in den werken mit umlaut: samlung geblüter freundschaften. 1, 489ᵇ. mit dem umlaut ist das wort zum subst. geblüt hinübergezogen, als gehörte es zu diesem (wie etwa gebirgt zu gebirge, statt des unmöglichen gegebirgt, gegeblüt), vgl. die stelle aus Brant unter geblüt 3; in der schreibung geblutt aber scheint ebenso ein falsches denken an das vorige geblut, geblutet enthalten. es geht aber gewiss auf ein mhd. adj. gebluot zurück. in der Straszburger gemma ist consanguineus so erklärt: quasi eiusdem sanguinis, eins frunds geblut F 1ᵇ, doch scheint da gemeint: von éinem freundesgeblüte. bei Luther ist es wol auch enthalten in den var. zu ps. 51, 16 erlose mich von den gebluten oder geblüten (vulg. de sanguinibus), da auch die var. von den blutigen vorkommt, doch in anderm sinne, vgl. die auslegung schr. 1, 33ᵇ (Dietz 2, 26ᵃ).
geblüt, geblüte n
Fundstelle: Lfg. 9 (1877), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1793, Z. 40
blut das zusammengehört; mhd. geblüete eigentlich noch nicht belegt, es scheint erst im 14. 15. jh. entwickelt, ist aber dann jahrhunderte lang reichlich in gebrauch, doch in neuerer zeit in gebildeter sprache wieder abkommend, meist auf das einfache blut zurückgeführt; ebenso nl. gebloed jetzt veraltet, es heiszt wieder bloed. nd. gebloite Schamb. 60ᵇ. ein pl. geblüter unter 2, d. die schreibung gebluͦt aus Aimon, Braunschweig u. 1, c begründet schwerlich eine wirkliche nebenform geblut, es wird nachlässige schreibung für gebluͤt sein.
1)
die blutmenge éines körpers, das blut als ganzes gedacht, doch auch etwas davon als theil und vertreter des ganzen.
a)
das geblüt in den adern: die adern, so das geblüt aus der leber .. durch den leib leiten. Comenius orbis p. 1, 84; galle .. entspringet aus dem geblüt. öcon. lex. 754; der wein machet ein reines, leichtes und wol umlaufendes geblüte. 2608; wie kann man auch in Berlin gesund sein? alles, was man da sieht, musz einem ja die galle ins geblüt jagen. Lessing 12, 213. als sitz der lebenskraft, auch der zeugenden: gottes kinder .. welche nicht von dem geblüt noch von dem willen des fleisches .. sondern von gott geboren sind. Joh. 1, 13; die seele des kindes ist nicht von irer (der mutter) natur oder geblüt. Luther bei Dietz 2, 25ᵇ.
b)
im aderlaszwesen, in dem es sich bes. entwickelt haben mag:
des übrigen gebluͦtes, gloube mir,
hastu gar zuͦ vil bi dir,
do von (darum) wil ich dir laszen (zur ader).
Dioclet. 3825;
(es hüte sich) wer im schrepfen lasz,
dasz er nit lasz zu vil geblüts.
H. Sachs IV, 3, 26ᵈ;
darnach kam die guͦt fraw und wolt ir gebluͤt besehen. Wickram rollw. 119, 4, d. h. das blut das ihr der scherer gelaszen hatte, sie will aber daran, nachdem es gestanden, die beschaffenheit ihres gebluͤtes überhaupt sehen, das man als spiegel der gesundheit ansah; als si das ungeschaffen gebluͤt sahe, erschrack si. 119, 6, der scherer hatte nämlich senf unter das bluͦt gemischt, wie es einfach genannt wird wo kein bezug weiter auf die gesundheitssorge der frau genommen ist; die abzapfung etlicher unzen geblüts. Felsenb. 1, 5.
c)
von blut aus wunden, vergossenem blute: wusch er Reicharts wund um und um und reinigt in von dem gebluͦt (so), so um die wund beliebert war. Aimon p iij;
wir fechten ritterlich, vergieszen das geblüte.
Fleming 165 (L. 96);
dasz ihr Angler blut mit blute gänzlich zu verwaschen denkt?
durch geblüte wird die rache nur ernähret, nicht ertränkt.
Logau 3, 6, 12 (englische schärfe);
so stürzt der feind, mann über mann,
ersäuft im eigenen geblüte.
Göthe 41, 272 (Faust II, 4).
eine wunde scheint im folgenden gemeint: so da ein warme hitzig arznei auf ein kalt flümig gepluͦt gelegt wird. Braunschweig chir. 31, die wunde eines mannes der phlegmatischer natur, also von kaltfeuchter complexion ist (s. darüber unter kalt 3, e, vgl. komplexion).
d)
landschaftlich heiszt noch vielfach die monatliche reinigung kurz das geblüt, z. b. in Hessen, am Mittelrhein, in Schlesien, in der Schweiz Tobler 217ᵇ (im osten und westen auch der rote könig, nachträglich zu könig 11, b), eigentlich wol die reinigung von dem übrigen geblüte, s. unter b aus Diocl.; vgl.das übergeblüt, beim rindvieh, blutkrankheit, blutanhäufung im mastdarm Schm. 1, 241. auch beim nasenbluten spricht das volk noch vom geblüte das abgeht u. ä.
e)
in ärztlicher beziehung ist lange die rede von allerhand eigenschaften des geblütes, z. b. gutes, böses geblüte: das Hamburger bier nähret wol, gebieret ein guhtes geblühte, lindert den leib u. s. w. Rist Parn. 81; die englischen biere gebähren gut geblüt. Hohberg 3, 2, 61ᵇ; bös geblüet, vitiosus sanguis. Henisch 1391, böses geblüte Stieler 205, das vitiosus ist der gelehrte ausdruck, entgegengesetzt verus vom guten, das also eigentlich allein den namen verdient: das gute geblüte verderben und böses sammlen, verum sanguinem depravare et vitiosum colligere. Steinbach 1, 141, z. b. durch unrechte lebensweise; derowegen ist leichtlich zu erachten, was vor ein gut geblüte aus dergleichen herrlichen lebensart entstehen kan. Felsenb. 2, 360. verderbtes, faules, verbranntes geblüt M. Krämer 505ᵇ (zu dem verbrannten s. unter koller 1, c, galle 1, d, β), verderbtes geblüt Rabener 2, 166, gallicht, scharbockisch geblüt, gallisch, scurvisch blood Ludwig 700. dickes, zähes, das zu entfernen ist: doctor. was fehlt ihm, guter freund? Walz. da wars, als gäb mir einer einen stich ins herz. doctor. sanguis crassus, sanguis crassus, mein freund! dickes, zähes geblüt. eine aderlässe, je früher je besser, das zieht das böse geblüt vom herzen. H. L. Wagner reue nach d. that 122. das zähe heiszt auch geronnenes: nöthigte mich die geschwulst, nebst dem geronnenen geblüte, etliche tage das bette zu hüten. Felsenb. 1, 503, vgl.das geblüte stockt, starrt, besteht (steht still), blindes, wildes geblüte unter 2, a. auch versalzenes und süszes: ich wünsche, dasz der sawerbrunnen euch all ewer versalzen geblüt versüszen mag. Elis. Charl. v. Orl. (1871) 398. vgl.faules, böses blut unter blut 1.
2)
die erscheinungen des gemütslebens wurden lange mit der art und dem leben des geblütes erklärend in engste verbindung gesetzt, viel ausgedehnter als jetzt.
a)
z. b. bei Stieler 204 das schwarze geblüte melancholia (schwarz geblüet Henisch 1390), wässericht geblüte phlegma, pituita, gelb oder gallengeblüt cholera (cholerische natur), also mit der lehre von den temperamenten in verbindung gesetzt (vgl.kalt 3 und 4), wie schon u. 1, c bei Braunschweig; die bitterkeit kommt aus ihrem schwarzen geblüt. Rabener 1, 96, von den satyrikern redend, weil die galle zu viel an das blut abgegeben habe, s. dazu unter galle sp. 1184fg., besonders schwarze galle melancholia. das wilde, das blinde geblüt, in den adern thätig oder still vorhanden gedacht:
die jungen müssen auch verranzen (sich austoben),
bisz das das wild geblüt gelit (sich legt).
altd. bl. 1, 32;
wer sich vor liebe hüten will, der bezäume seine augen, das sie sich nicht vergaffen und das blinde geblüte rege machen. Riemer pol. stockf. 120, vgl. blinde hämorrhoiden unter blind 5, aber auch blind 16, thöricht, beide vorstellungen mögen darin gemischt sein, die ärztliche und die geistige; hitziges geblüt, nach der temperamentenlehre gedacht: zu dem hat mir der himmel ein solch geblüte einverleibet, welches hitze genug bei sich führet, dasz mir die gröszte pein auf der welt sein würde, wann ich also in mir selbst verbrennen müste. pol. stockf. 47; vgl. erhitztes geblüt unter c. sprichw. ein diebisch speis macht diebisch geblüet Henisch 1390.
b)
von frischem geblüt ist viel die rede: (sie) sein voll frisch geblute und saft der natur. Luther bei Dietz 2, 25ᵇ; ein junger geselle und frisches geblüts. das., wie frisch aus der quelle der natur. auch frisch zugeführtes blut, frisches geblüte, recentissimus sanguis Steinb. 1, 141 (vgl. bluterfrischend Wieland), vgl. im 16. jh. das geblüt vernewen, erneuern, wo vom jagen der herschaft gesprochen wird, das ihr nötig sei,
auf das sie ihr geblüt vernew ...
und also wider im geberd (gebaren)
erfrischt und new geschaffen werd.
Ringwald laut. warh. 238 (213).
die erneuerung des geblütes geschieht am sichersten durch trinken von fremdem, besonders jungem geblüte (vgl. über das bluttrinken in alter zeit sp. 1685):
in des sicht er (der wolf) von ferr zwen wider ..
'das ist frisch plut, gibt frisch gepluͤt!'
Fischart flöhhatz 907 (Sch. s. 798, Kurz 2, 27).
aber auch liebe, freude, musik geben frisch geblüte: darnach bin ich guter dinge gewesen und mir bei der jungfrau frisch geblüte gefaszt. Schweinichen 3, 282, lebenslust, frischen mut; zu tisch .. lud er nur fast die gelehrten und künstler, hett mit inen gesprech von den künsten, das was sein wollust, und als er sagt, darmit macht er im wider ein frisch geblüt, erholet sich wider. Aventin chr. 216ᵃ;
musicen klang und saitenspil darneben
gibt dem leib kraft und leben ..
macht rein und fein fröhlich und frisch geblüte.
Hoffm. gesellschaftsl. 241 (Rinkart).
vom verbrauchen des geblütes durch arbeit wird auch erkalten gesagt:
ja wie nicht ein gelahrter mann
stets ob den büchern liegen kan ..
das ihm nicht sein geblüt erkalt ,.
Ringwald laut. warh. (1621) 212,
vgl. dazu erkalte nerfen sp. 1630, nicht im heutigen sinne.
c)
gemütserregungen wurden im geblüte gesucht, auch die welche man jetzt in den nerven sucht (vgl. unter geäder 4): aber die herzogin sahe in an, all ir gebluͤt grittelt und hub an zu bidemen und zu erzittern. Aimon g, zu gritteln vgl. grittlich, blutsläunisch unter krittlich 2, a, das hier deutlicher wird; die herzogin die rede so bald nicht vernommen het, (als) alles ihr geblüt von groszen freuden empören thet. Galmy 83; das geblüt ist in höchster wallung durch den tödlichen bisz der shclangen. Winkelmann 4, 148; mein geblüt kam in heftiges wallen. Rabener 1, 209; was nutzt alle diese gelehrsamkeit .. uns lesern, die wir eine schöne frau zu sehen glauben wollen, die wir etwas von der sanften wallung des geblüts dabei empfinden wollen, die den wirklichen anblick der schönheit begleitet? Lessing 6, 495; verhaucht sei nun alle hitze, wallung und unruhe des geblüts und der seele. Herder an seine braut s. 48 (aus H.s nachl. bd. 3); es ist nichts wirkliches, es ist nichts als das schaudernde gaukelspiel des erhitzten geblüts. Schiller cabale u. liebe 3, 5; ich habs immer gelesen, dasz unser wesen (das seelenleben) nichts ist als sprung des geblüts. räuber, schausp. 5, 1 (II, 182, 24). auch begeisterung trifft das geblüte (eigentlich: erfüllt es mit lebensgeistern, s. sp. 1630):
ein heller andacht-strahl begeistert mein geblüte,
erheitert (erhellt) meinen geist.
Brockes 2, 10.
der schreck dagegen macht das geblüt stocken, starren u. ähnl.: so oft sie (Penelope) eines Griechen tod nennen hörte, so oft bestund ihr das geblüte, so oft erzitterte sie. Schoch studentenl. C, bestehn gleich stehn bleiben; ah! mein ganzes geblüte starrt mir in adern. Weisze kom. op. 3, 97; das geblüt ist ihm entsunken, er ist erschrocken. Henisch 1389. vgl. geblütserregung.
d)
besonders auch liebe und hasz kommen aus dem geblüte, oder verändern es:
wollust, dienst, trew aus dem gemuͤt,
beiwonung und auch das gebluͤt,
durch die .. lieb ihren anfang nimmet.
H. Sachs 1, 284ᶜ;
wo euch (jungfrauen) verwunden wolt geblüt,
welches aus der natur her kümmet.
285ᵃ;
er erzählt von einer jugendliebe, die da war
mit senigklichem schmerzen ..
des ich mich nit kund weren ..
denk, es kem vom gebluͤt
und einerlei gemuͤt.
1, 434ᶜ, vgl. dazu unter e.
böses geblüte u. ä., von hasz und feindschaft:
dann der krieg macht bös die gebluͤter,
verkehrt unter uns die gemuͤter.
J. Ayrer 22ᵈ (128, 7);
dasz ich (Courage) den welschen huren viel gute kerl abspannete .. welches bei ihnen kein gut geblüt gegen mir setzte. Simpl. 3, 85 Kurz; möchte es vielleicht ein schlechtes geblüt in stehender ehe setzen. 4, 143, den frieden der ehe stören, zu zank reizen;
klette, nessel, distel, dorn
sind der sünde bestes korn.
thäte sonsten gottes güte (liesze es zu),
machte dieses schlecht geblüte.
Logau 1, 6, 38 (für thäte wol thätes zu lesen);
dergleichen beginnen bei der fürstin eben kein besonders gutes geblüte müsse verursacht haben. Felsenb. 4, 437; sie .. haben das herz die wahrheit zu sagen, die doch so bitter ist. dieses setzt kein gut geblüt zwischen ihnen und den meisten ihrer leser. Liscow 523. jetzt nur noch das machte böses blut.
e)
daher wird es gern mit gemüt verbunden und auch selbst in gleichem sinne gesetzt, auch gleich gesinnung, stimmung, sinn u. ähnl.:
denn der stet ernstlich fantasiert,
ein schwer gebluͤt es ihm gebiert,
das bringt denn grosz flüsz und krankheit.
dagegen aber, wo mit freud
der muͤd mensch thut sich ergetzen ..
ein leicht gemuͤt gbirt das in ihm.
Peter Lewe vorr. 10ff. (weim. jahrb. 6, 424),
wo in schwer geblüt und leicht gemüt beide in einander übergehen, auch gewiss tauschen könnten;
wiewol ihn sein gemüthe
nur auch zu thaten trug und alle sein geblüthe
sich regte für begier, wann dasz ihm ward gesagt
vom kriegen.
Opitz 1, 13 (doch mehr zu c);
die kühnheit und dapferkeit ist nit allen menschen angeboren, sondern von den göttern nur denen, die eines unerschrockenen geblüts und gemüths sein, eingepflanzet. Lehman flor. 2, 167;
Thuanus lebt in dir, des Grotii gemühte,
des Heinsius sein geist bewohnen dein geblühte.
Fleming 47 (L. 135);
ein beherzetes gemühte
weichet keinem glücke nicht,
es erfrischet sein geblüte,
wenn den andern ihres bricht.
490 (77);
ein himmlisches gemühte
ist irdnen (so l.) sachen feind, ermannet sein geblühte,
schätzt ihm kein gut nicht gleich, ist an sich selbst vergnügt.
71 (129);
selbst das pfand von unserm lieben ..
machet mir ein neues weh,
weil sein aufgeweckt geblüte
seiner (verstorbnen) mutter frohen geist
und sein unverfälscht gemüthe
ihren wahren abdruck weist.
Canitz 1727 s. 172;
dasz ich die regungen des aufrichtigen geblüts sattsam spürte. Felsenb. 1, 101, zu regung s. unter 3, c;
wie wird euch Balandrino schätzen ..
erkennen euer edel geblüt,
frei und liebevolles gemüth!
Göthe 13, 65 (pater Brey),
was doch zugleich ins folgende übergreift, angeborene art.
3)
das blut gilt auch als der eigentliche träger der im geschlechte sich fortpflanzenden art des einzelnen wie seiner sippe, daher auch als eigentlicher träger der verwandtschaft. die bildung mit ge- gewinnt hier eine besondere wendung und kraft, es ist da eigentlich das blut einer mehrheit zusammen gedacht, als wäre es im grunde éins, éine masse geblieben vom stammvater her; der dichter gibt dieser vorstellung scharfen ausdruck, wenn er einzelne vom geblüte (zwei herzöge von Sachsen) als tropfen davon bezeichnet:
ihr, eures stammes zier, ihr tropfen des geblütes,
das erst recht fürstlich wird durch hochheit des gemütes.
Fleming 111 Lapp.,
vgl. auch das adj. geblut, von éinem blute, und dazudas gebluͤt, das gemeinschaftliche geblüt und gemüt von brüdern, die sich hassen:
dann das gebluͤt würt so entzündt,
das es vil me dann frömbdes bryndt.
Brant narr. 53, 33.
a)
so denn geblüt für verwandtschaft, stamm: die ins geblüt horen (gehören), es sei vom stamm odder stieffreundschaft. Luther post. 1528 124ᵃ; alle freundschaft auszer dem geblüt. das.; sie seind, wie ir wissent, ewers geblüts. Aimon B 1; wer zuͦ einer andern freundschaft (d. h. sippe) und gebluͤt eingeet (mit heiraten), das wirt für ein eebruch gerechnet. Frank weltb. 237ᵇ;
darumb man kein gebluͤt betracht (beim spiel),
ein jeder nimpt (blosz) das sein in acht.
Ringwald laut. warh. 84 (75);
da unverstündige leute unterweilens zusammenlaufen wie die hunde, und nicht fragen, wie nahe sie dem geblüte nach verwandt sein. Schuppius 661; zu nahe ins geblüt freihen. Stieler 205. ehgeblüt, verwandtschaft durch heirat:
ich forsch' ob dem geschlecht der treflichen Twestrengen
und der Bekmannen, die sich pflegen zu vermengen
durch ehgeblüt.
Rist Parn. 655 (vgl. dazu 3, f).
b)
adeliches, fürstliches geblüt (vgl.geboren, ↗ungeboren spalte 1646): Abraham am adel des geblüts oder geburt nichts gefeilet hat. Luther bei Dietz; weil es aus so schlechtem geblüt herstammte. ehe eines mannes 337, von geringem adel war; von gutem geblüt, claro sanguine natus. Frisch 1, 113ᵇ; adelichs geblüt, familia nobilis Stieler; die officierer kommen nit durch blutvergieszen, sondern durch ihr hohes geblüt von geburt .. in die höhe. Callenbach Wurmland 52ᵇ. Schon im 16. jh. trat das sprichwort dagegen auf (auf das Fleming oben anspielt): edel macht das gemuͤt, nit das gebluͤt, generositas virtus, non sanguis. Frank spr. 1, 56ᵃ, Henisch 1390, Lehman flor. 1, 154;
freie kunst (wissenschaftliche bildung) und gut gemüth
ist des adels best geblüth.
Philander ges. (1650) 1, 406.
Von fürstlicher sippe und art: weil i. f. g. aus dem geblüt und stamm Mecklenburg waren. Schweinichen 1, 389; Carl und Carlmann succedirten nach dem rechte des geblüts und der erbfolge. Hahn hist. (1721) 1, 18; es muste ein prinz von geblüt oder sonst ein gewaltiger fürst sein. Simpl. 1, 360, 23 Kz. (4, 2), eine noch jetzt geläufige wendung, wo auch blut dafür nicht möglich ist; ich bin fürstlichen geblüts. Schiller III, 400 (cab. u. l. 2, 3); der prinzen vom geblüt. V, 13, Frisch 1, 113ᵇ, worin das geblüt schlechthin gleich das königliche geblüt, d. h. ein bestimmtes, es ist hofsprache, wie im folgenden 'das geblüt' zeigt gleich 'unser geblüt' (wie das beliebte 'der vater' statt 'mein vater', als gäbe es nur den einen): ihr jammert mich doch sehr, die zeit so schlecht zuzubringen mit meinem albern gekritzel. das geblüte musz es allein erdulten können, denn unsere liebe churfürstin sel. hatte auch diese gedult. herz. Elis. Charl. 2 (1871), 651.
c)
wie deutlich dabei bis ins 18. jahrh. das blut wirklich vorgestellt ward, zeigen mancherlei wendungen: dasz ewer herz sich bewegt, wenn ihr meine briefe lest, das musz das geblüt thun, und seind wir einander ja nahe genung, umb dessen regungen zu entpfinden. herz. Elis. Charl. 1 (1867), 59; so kan ein gut gemühte solche unglück nicht mit indifferenz ansehen, das geblüt regt sich in uns und leszt sich fühlen. 1, 294, d. h. das verdiente unglück des bruders; es ist kein mensch .. ohne fehler, eines musz des andern seine entschuldigen, aber wo gute gemühter sein, als wie .. ihr und ich, da kompt man als woll zu recht, das geblüt leszt sich fühlen. 2, 65;
jetzt noch wallt in ihrem (der Römerinnen) busen
der Lucretia alt geblüte.
Göthe 47, 100.
etwas, eine eigenheit steckt, liegt im geblüte (auch im blute), ist angeerbt: es steckt dieser gelehrten familie recht ('ordentlich') im geblüte, dasz sie alle doctor sein müssen. Rabener 1755 2, 143; man sprach, das liege könig Hakon so im geblüte, wie seinem vater und seinen verwandten, schlimm auf die kost zu sein, wiewol sie mit dem gelde freigebig wären. Dahlmann dän. gesch. 2, 92; es ist eine gar zu bekannte sache, dasz mit dem geblüt der eltern sich zugleich ihre bildung und ihre denkart in einigen zügen fortpflanze. Herder 1, 45 Suph. die sicherheit der vererbung spricht ein sprichwort aus: das gebluͤt leugt nicht, und ein gans kan kein eulenei legen. Fischart bien. 1588 227ᵃ (6, 3), 'verleugnet sich nicht', sagt man jetzt. auch von der nächsten verwandtschaft, z. b. zwischen mutter und sohn: man kan seine kinder nicht vergessen. was sie einem auch zu leid thun mögen, so rührt sich doch das geblüt. Elis. Charl. 1, 30. die lebhafte vorstellung des blutes beweist auch ein politisches witzwort aus dem 16. jh.: fürstenblut geb bös würst, es bleibt nit bei einander. Pauli sch. u. ernst 270 Öst. (vorher u. a.: die fürsten füren einander under den armen und sein einander spinnenfeind).
d)
auch persönlich, wie verwandtschaft, geschlecht, sippe eben auch.
α)
die verwandten selber: befihl hiemit e. f. gn. mit allem ihrem geblüt in gottis gnaden. Luther br. 2, 282; weil man Sion, wie er sagte, nicht mit dem geblüt erbawen solle, d. i. in geistlicher ämpter bestellung nicht auf die verwandtschaft sehen. Zinkgref ap. 1, 2. wie der abstracte und der concrete begriff in einander schwanken, zeigt z. b. folgendes: also werden oftmals aus den besten und nechsten blutsverwandten die ärgste und giftigste feinde. und wo ein solcher widerwill einmal in einem geblüt eingewurzelt ist, da solte mancher lieber bei Türken und Tartarn freundschaft suchen als bei seinen brüdern und schwestern. Schupp 234.
β)
leute von der und der abstammung, herkunft, z. b. niedriges geblüte:
die zunge hats gethan (bewirkt), dasz niedriges geblüte
auf hohen stühlen sitzt und gehet in der mitte
und fährt mit sechsen her, verachtet fürstenblut.
Logau 2, 1, 38 (s. 14fg.).
ebenso blut, z. b. k. Wenzel sagt zu Jobst von Mähren: ich stand nicht allein des reichs gern ab, sunder mir wer auch leid, das ich geboren bluͦt verletzen solt. S. Frank chron. 197ᵃ (zu geboren, edelgeboren, hochgeboren s. sp. 1646 γ). zugleich nach der bedeutung 2: wie mancher hof würde doppelte früchte tragen, wenn statt des jetzigen faulen geblüts .. ein froher arbeitsamer und vermögender wirth darauf gesetzet würde? Möser phant. 3, 324 (cap. 64), schlechte und liederliche wirthe, wie es vorher heiszt, ein im blute verdorbenes geschlecht.
γ)
ein geschlecht heiszt das geblüt seines stammvaters, dessen blut in ihm fortwallt (s. 4, a): sie solten das geblüt des halbgottes, Jovis sohns, aus der fremde wieder in ihr land versetzen. Heilmann Thuc. 655.
e)
auch für herkunft, abstammung, angeborene art überhaupt, d. h. auch über den begriff des stammes, der familie hinaus erweitert: das gesichte habe ihn schon verrathen, dasz er seiner geburt nach nicht aus des pöbels geblüte erwachsen. Riemer pol. stockf. 25, nach dem erwachsen ist doch noch an stamm und wurzel gedacht, wie bei folgendem geblüt noch an das blut und das herz als dessen sitz:
wem Phöbus macht ein herz aus tüchtigen geblühte,
dem leibt er gleichfalls ein ein lebendes gemühte,
das lust zur weisheit hat.
Fleming 95 (L. 161);
wer in der wurzel bös ist und kein gut geblüt hat, der ist nicht zu bessern. Lehman flor. 1, 117; solche züge verkündeten ein tüchtiges geblüt. G. Keller grüner Heinr. 3, 215. das greift übrigens hie und da zugleich in den bereich der bed. 2 zurück, d. h. als quelle des geblütes die natur gedacht. auch geblüt und art, angeborene art: so du aber des Ulyssis geblüet und art nit an dir hettest .. Schaidenreiszer Od. 22ᵃ.
f)
sehr bemerkenswert ist die vorstellung, wie in zweien das verschiedene geblüt sich durch liebe in eins verwandelt; wenn im 17. jh. bei Rist unter a zwei familien sich durch ehgeblüt vermengen (s. unter a), so flieszt diese wendung im vornehm feierlichen stil der hochzeitgedichte aus jenem tiefen gedanken, der im 16. jh. klar ausgesprochen wird, aber selbst gewiss auf ältere zeit zurückgeht (man vergleiche zum folgenden geblüt und gemüt tauschend unter 2, e):
ich mein, allein (da ist glück) wo zwei gebluͤt
verwandlen sich in ein gemuͤt
und sich in trew binden zusammen.
H. Sachs III, 3, 4ᵇ;
da zwei (liebende) sind einerlei gebluͤts,
einerlei sinne und gemuͤts.
III, 2, 140ᶜ,
wie noch jetzt ein herz und eine seele, was doch im ersten theile nur unverstanden noch dasselbe sagt. daher mein geblüt von der geliebten (wie mein herz) vielleicht in folgender stelle, am schlusse eines liedes von treue bei bedrohter liebe aus dem 16. jh.:
halt gleich gemuͤth,
wie mein gebluͤt.
Ambr. liederb. 48, 5,
bewahre gleichen mut, da du doch mein bist (oder doch auch: wie ich); vgl. im Ännchen von Tharau:
du meine seele, mein fleisch und mein blut.
Herders volksl. 1, 92.
man beförderte dieses einswerden in geblüt und gemüt auch durch wirkliche vermischung des blutes (wie in der blutbrüderschaft der heldenzeit), das zeigt eine alte dichterstelle, die sich Göthe einmal ausschrieb und der geliebten mittheilt:
bin so in lieb zu ihr versunken,
als hätt ich von ihrem blut getrunken.
an frau v. Stein 2, 269.
abgeschwächt: einer der meines gebluͤts, der mir kommlich und fuͤglich ist, homo aptus mihi. Henisch 1390, eigentlich wahlverwandt oder seelenverwandt.
4)
der begriff der sippe auch erweitert zu dem eines stammes, volkes.
a)
stammesgeblüt, nach dem stammvater benannt: Christus sei .. von Davids geblüte kommen. Luther in Bindseils bibel 7, 303;
und all ihr sein geschlecht, gotsförchtig und getrew,
von Israels geblüht, und ihr von Jacobs samen.
Weckherlin 93 (ps. 22, 23),
sie können auch selber Israels geblüt heiszen, s. 3, d, γ.
b)
volksgeblüt, volksart, was denn völlig zugleich das heutige unangenehme nationalität vertritt (wie mhd. sprâche, zunge): nach dem nu Haman .. nicht der Persen geblüt, auch nicht unser gütigen art, sondern bei uns ein gast ist (s.gast II, 1). stücke in Esther 6, 8, wo geblüt nicht nom., sondern gen. ist, ohne das casuszeichen, weil der gen. der Persen seine kraft auf geblüt erstreckte (s. Haupt zu Neidh. s. 201). er ist von deutschem geblüte, ortus est a Germanis Steinbach 1, 141. man fühlt das in sich, d. h. wie es sich regt, sich fühlen läszt (s. Elis. Charl. unter 3, c): ich weisz der frau gräfin rechten dank, nach Deutschland zu verlangen (dasz sie ..). das ist ein zeichen, dasz sie ihr teütsch geblüt in sich fühlt, und nichts von der englischen bosheit in sich hat. herz. Elis. Charl. (1843) 269. so im 18. jh. noch lange, während es jetzt vergessen ist: die gemüthsart der Hetrurier scheint mehr, als das griechische geblüt, mit melancholie vermischt gewesen zu sein. Winkelmann 3, 175; nicht zu gedenken, dasz ihr (der Griechen) geblüt einige jahrhunderte hindurch mit dem samen so vieler völker, die sich unter ihnen niedergelassen haben, vermischet worden. 3, 51; bei allen diesen nachtheiligen umständen ist noch itzo das heutige griechische geblüt wegen seiner schönheit berühmt. 3, 52; das schöne geblüt der einwohner der mehresten griechischen inseln, welches gleichwol mit so verschiedenem fremden geblüte vermischet ist. 1, 11; das schönste geblüt der Griechen, sonderlich in absicht der farbe, musz unter dem himmel in klein-Asien gewesen sein. 3, 54. in trefflicher formel geblüt und gemüt, z. b.: zur ehre deutschen geblüts und gemüths. Fichte reden an die deutsche nation 220.
c)
auch auf die menschheit erstreckt, das sterbliche, menschliche geblüt, die menschheit als ganzes, gleichsam als eine familie:
dein ewge treu und gnade,
o vater, weisz und sieht,
was gut sei oder schade
dem sterblichen geblüt.
P. Gerhard befiehl du deine wege v. 3;
hier wünschte ich eine schönheit beschreiben zu können, dergleichen schwerlich aus menschlichem geblüte erzeuget worden. Winkelmann 4, 81.
5)
vom rebenblut, dichterisch:
ihr geblüt, das heilig dunkle, das in trunkenheit dich wiegt,
bietet dir die rebenpflanze.
Platen (1847) 2, 18.
geblüt n
Fundstelle: Lfg. 9 (1877), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1793, Z. 24
blütenwerk, wie geblüst (s. d.), um 1400, in der bair. schreibung gepluͤd:
vil frucht (d. h. pflanzen) auf erd, und die doch unentphintlich
ist,
noch ert si got durch hübsch gepluͤd.
Osw. v. Wolkenstein 115, 2, 6.
die schreibung mit -d ist übrigens richtig und dürfte auch bei blüte nicht fehlen, wie in den mhd. wbb. bei bluot; denn ahd. ist bluod vor bluot vorherschend Graff 3, 241 (als die ursprüngliche form angesetzt gramm. 2, 235), mhd. findet sich gen. bluodes Stricker kl. ged. 2, 1, blüede Mai 85, 28 (: müede), Renner 21725. 21738, s. bei Schmeller² 1, 321 blüed, plüed reichlich belegt. wenn übrigens ebenda aus schön an dem plüed (14. jahrh.) ein m. plüed entnommen wird, so mag das vielmehr unser n. geplüed sein, gut mhd. geblüede, in oberd. aussprache (s. sp. 1606ff.), wie das blüte bei Wirsung oben II, 176 gleichfalls.
geblut
Fundstelle: Lfg. 9 (1877), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1792, Z. 77
für geblutet, part. zu bluten, scheint im folgenden ungeblûtt enthalten:
es schadt mir dennoch nichts ihr ungeblutter hieb.
Wiedeman juni 22,
hieb ohne bluten, der nicht verwundet, es wird eigentlich ungeblûtt hauen heiszen, genauer ongeblutt, d. h. 'ohne geblutet', der begriff eines zeitwortes an sich wurde aus mhd. zeit her so mit dem part. praet. gefaszt, sowol activisch als passivisch, s. z. b. 'gestorben on geboren' unter gebären II, 6, a.
geblut, geblüt adj
Fundstelle: Lfg. 9 (1877), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1793, Z. 6
zu blut, von éinem blute, von gleichem geblüte. so in folgendem geblute freundschaft, blutsverwandtschaft: geschlechte heiszen wir die sipschaften und samlung geblutter freundschaften. Luther das magnificat f 4ᵇ (Dietz 2, 26ᵃ); in den werken mit umlaut: samlung geblüter freundschaften. 1, 489ᵇ. mit dem umlaut ist das wort zum subst. geblüt hinübergezogen, als gehörte es zu diesem (wie etwa gebirgt zu gebirge, statt des unmöglichen gegebirgt, gegeblüt), vgl. die stelle aus Brant unter geblüt 3; in der schreibung geblutt aber scheint ebenso ein falsches denken an das vorige geblut, geblutet enthalten. es geht aber gewiss auf ein mhd. adj. gebluot zurück. in der Straszburger gemma ist consanguineus so erklärt: quasi eiusdem sanguinis, eins frunds geblut F 1ᵇ, doch scheint da gemeint: von éinem freundesgeblüte. bei Luther ist es wol auch enthalten in den var. zu ps. 51, 16 erlose mich von den gebluten oder geblüten (vulg. de sanguinibus), da auch die var. von den blutigen vorkommt, doch in anderm sinne, vgl. die auslegung schr. 1, 33ᵇ (Dietz 2, 26ᵃ).
Zitationshilfe
„geblüt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gebl%C3%BCt>, abgerufen am 26.06.2019.

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