gehalt m. n
Fundstelle: Lfg. 1 (1879), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 2316, Z. 10
subst. zu gehalten, halten, mhd. gehalt (s. 1, a). mnl. ghehout Oudemans 2, 426 (vergl. 2, a am ende). ags. geheald custodia Ettmüller 455, Bouterw. nordh. ev. 330ᵇ. vergl.halt.
1)
activisch, haltendes, enthaltendes u. ähnl.
a)
zu gehalten oder halten, fest halten und haben; mhd. gehalt des tiuvels, in dem er einen hält, gleich dem ags. geheald, aber schon kalt (ghalt, vergl. u. b), in einer hs. von 1391:
ich neme uch uʒ des tufels kalt
und gebe uch in gotes gewalt.
Mones altd. schausp. s. 34, 74.
in reimformel gehalt und gewalt, 15. jh.: ine die (hauptsumme) liebern .. gein Frankfort, Worms oder Collen .. in iren sichern gehalt und gewalt. Haltaus 615 aus Senkenbergs sel. 5, 377, deutlich noch verbal: dasz sie sie sicher erhalten und behalten, eigentlich in der hand halten.
b)
behälter: gehalt, futter, theca. Henisch 1425; mastbaums gehalt, theca, locus mali das. appenz. kalt m., pl. kält und kälter, z. b. wasserkalt, nebst demin. kälti n., s. Tobler 93ᵇ (ebenda kalta für gehalten). vergl.gehalter, ↗gehaltung.
c)
schweiz. ghalt schrank, 'wo etwas aufbehalten wird', auch einzelnes fach darin Stalder 2, 15, und zwar sowol m. als n., doch vorwiegend das zweite, ebenso in der folg. bed. (vergl. 4, a). vgl.behalt 5, gleich fach in einer tasche, aber auch gehalter 2.
d)
schweiz. schwäb. auch ghalt stube, zimmer Stalder 2, 15, Schmid 256 (als m.): er wurde durch ein enges loch hinein in ein anderes finsteres gehalt geschoben. Hebel 2, 100 (merkw. gespenstergesch.);
wie schön mi meiddeli do lit
im christalene ghalt und in der silberne wagle.
alem. ged. 12;
's frauweli im felse-ghalt.
276.
eig. wie aufenthalt, früher auch enthalt (s. d. 1), wohnung u. ä., wo man sich enthalten, gehalten kann; vgl. schweiz. ghältli n. versteck Rütte 30.
e)
anhalt, zu sich halten, festhalten, gleichfalls schweiz.:
vielleicht findt auch bei uns (menschen) der eindruck der begriffe
im allzuseichten sinn nicht gnug gehalt und tiefe,
da bei euch (höheren wesen) alles haft ..
Haller 176 (ursprung des übels),
anhalt, wo er haften, sich halten kann. vergl. halt 2.
2)
passivisch, enthaltenes, inhalt.
a)
gehalt von münzen u. ä., was sie an reinem silber, gold, an wirklichem wert in sich halten, enthalten: zwen verstendig redelich wardyn, der (deren) einer alle werk .. am gehalt versuchen solle. urk. v. 1477, Würdtwein dipl. Mag. 2, 369; monzen schlagen uf ein glichen gehalt und schnyde. 368 (Bech Germ. 20, 36); gulden und silbern münzen in unsern landen und münzen uf einen glichen gehalt und schnitt zu schlagen. rhein. münzverein v. 1509, Hirsch münzarchiv 7, 60 (für schnitt vorher ufschnitt); setzen, ordnen u. wöllen, das berürte thaler .. in gleicher güte und gehalt gemüntz (so), geschlagen und .. gegeben werden sollen. reichsabsch. Augsb. 1566 34ᵃ; liesz er für sie sonderbare (besondere) münz, die kaum den zwanzigsten theil einer gerechten münz am gehalt des silbers, sondern viel kupferne zuschlag hatten, schlagen. Abele gerichtsh. 1, 81; silber, welches an gehalt zwölflöthig ist. Adelung. auch gehalt der erze, 'die gütigkeit, wie viel ein jedes an metall enthält' Frisch 1, 404ᵇ, bergw. lex. 241ᵇ. silbergehalt, goldgehalt, im adj. aber silberhaltig, goldhaltig; feingehalt. s. auch korn 9. entlehnt auch dän. gehalt, nl. gehalte n.
b)
daher der gehalt (oder halt) eines gesundbrunnens Adelung, den der chemiker untersucht, wie bei den erzen der hüttenmeister, eisengehalt, mineralischer gehalt u. ä.;
Podalirius enkel erkundeten dieser gewässer
kraft und gehalt.
Neubeck gesundbr. 50.
so chemisch wol schon im 17. jh. gehalt des geblüts: gleich wie sich diejenigen betrogen finden und immerzu kränkelen, die ihre gesundheit in der complexion oder in gehalt des geblüts suchen. Zinkgref 1, 221; vgl.geblüt 1, e.
c)
dann auch inhalt überhaupt, nicht blosz guter, dienlicher: ein fasz von hundert kannen gehalt. Adelung, der diese blosz begriffliche bed., die erst aus dem vorigen durch abstraction gewonnen ist, als die erste ansetzt, mit der erkl. 'der körperliche inhalt, was ein raum enthalten kann'. er gibt auch ein haus hat vielen gehalt, bequemen raum (nach dem öcon. lex. 786); vgl. dazu gehältig 4. auch ein schiff von so und so viel tonnen gehalt.
3)
dasselbe in bildlicher übertragung.
a)
gehalt einer amtswürde: der bapst mag gleich wie der keiser reiten und der keiser ist sein trabant, uf das bischoflicher wirde gehalt nicht gemindert werde. Luther bei Dietz 2, 41ᵃ, offenbar vom vollgehalt der münze entlehnt. ähnlich dann im 18. jh.: diese analogie des menschen zum schöpfer (als sein ebenbild) ertheilt allen creaturen ihr gehalt und ihr gepräge. Claudius 1, 59 (37), als n., das bei Norddeutschen beliebter erscheint, der begriff deutlich auch an die münze angeknüpft, gleichsam ihren wert im weltlauf.
b)
geistiger gehalt: es ist eine frage, ob ein volk, das sich einschränkt in vaterländische grenzen, nicht geschwinder seine bildung vollendet, ob es nicht an eigenem gehalt, an intensität gewinnt, was es an ausbreitung verliert? Sturz 1, 113; es gehört .. beim dichter und seinem leser schon ein gewisser gehalt von geisteskraft dazu .. Schiller II, 11, 28 (zweite vorr. zu den räubern); umgekehrt wird ein geschichtsschreiber von geist und eignem seelenadel auch .. in die unwichtigsten handlungen seines helden ein interesse und einen gehalt legen, der sie wichtig macht. X, 207, 22 (wichtig, wie münzen); kein geist von einigem gehalt setzte einen fusz in eine universitätsbibliothek. J. Paul paling. 1798 1, 173, nämlich in der periode der genies; er fühlte in allen adern seinen gehalt und sein künftiges arbeitsreiches leben. Tieck Sternb. 1, 109. auch innerer gehalt, gegenüber dem äuszeren, der erscheinung: er (Wilh. Meister) sammelt so zu sagen den geist, den sinn, den inneren gehalt von allem ein, was um ihn her vorgeht. Schiller an Göthe 5. juli 1796;
er schien .. dem groszen Facardin ..
so viel aus äuszern zeichen
sich schlieszen läszt, an innerm gehalte zu gleichen.
Wieland Amad. (1771) 1, 126.
ein (eitler) mensch ohne allen gehalt. bei Schiller und J. Paul ist übrigens besonderer, nicht gewöhnlicher gehalt gemeint, wie öfter auch sonst (s. besonders c a. e). zur entlehnung vgl. ein mann von altem schrot und korn.
c)
gehalt von worten: vielmehr musz er (der übersetzer Homers) den homerischen ausdrücken das wahre gewicht und den wahren gehalt im deutschen zuzuwägen suchen. Bürger 138ᵇ, deutlich nach der münze, wie man damals vom prägen von worten sprach; ich denke, mein wort fuszgeharnischte hat eher den gehalt des griechischen. das.; wo hat er denn die apostel als dummköpfe, bösewichter, leichenräuber gelästert? .. mein ungenannter hat .. nirgends ihnen den gehalt derselben (jener 'ehrentitel') gerade auf den kopf zugesagt. Lessing 10, 193;
o wie sprach ich (Euphrosyne) so gern zum volk die rührenden reden,
die du, voller gehalt, kindlichen lippen vertraut.
Göthe 1, 319.
d)
gehalt und form, künstlerisch, ästhetisch:
und einzig veredelt die form den gehalt.
Göthe 40, 407 (Pandora);
danke, dasz die gunst der musen
unvergängliches verheiszt,
den gehalt in deinem busen
und die form in deinem geist.
1, 133 (dauer im wechsel).
unterschieden werden auch stoff, gehalt und form: den stoff sieht jedermann vor sich, den gehalt findet nur der, der etwas dazu zu thun hat, und die form ist ein geheimnis den meisten. 49, 70; nicht allein den stoff empfangen wir von auszen, auch fremden gehalt dürfen wir uns aneignen, wenn nur eine gesteigerte, wo nicht vollendete form uns angehört. 50, 119; der künstler soll gehalt und form aus der tiefe seines eigenen wesens hervorrufen, sich gegen den stoff beherrschend verhalten .. 52, 372; die besonnenheit des dichters bezieht sich eigentlich auf die form, den stoff gibt ihm die welt nur allzufreigebig, der gehalt entspringt freiwillig aus der fülle seines innern .. dasz form, stoff und gehalt .. sich einander durchdringen. 6, 102. auch innerer kunstgehalt eines kunstwerkes Schiller X, 527, 21, tiefer gedankengehalt 529, 4.
e)
aber auch gehalt und inhalt als nicht zusammenfallend: ja man fühlt sich beschämt, wenn uns dichter, geschichtsschreiber .. mit fabeln, ereignissen, gefühlen, gesinnungen solchen inhaltes und gehaltes überhäufen. Göthe 37, 25, von männerfreundschaft im alterthum; die grosze wahrheit, dasz auf inhalt, gehalt und tüchtigkeit eines zuerst aufgestellten grundsatzes .. alles in den wissenschaften beruhe. 49, 208 (naturphilos.), inhalt wol als gehalt überhaupt, gehalt als tiefer, körniger gehalt, vgl. 2, b und c.
4)
gehalt als besoldung, amtseinkommen.
a)
in dem wbb. erscheint es erst im 18. jh.: gehalt, salarium, besoldung. Frisch 1, 404ᵇ; bei Weber 332ᵃ victus, sustentatio, jährlicher gehalt praebita annua, einem gehalt machen, de victu, de salario alicui constituere, womit zugleich die eig. bed. bezeichnet ist: unterhalt (also activisch, zu 1), und von haus nicht auf geld beschränkt; daher folg. scherz:
in Kassel war ein elephant,
der an gehalt im jahr
gerade gleich mit mir sich stand.
Gökingk 3, 165.
der urspr. begriff ist noch deutlich in witwengehalt, unterhalt, ohne gegenleistung, eig. auch in ruhegehalt, gnadengehalt, ehrengehalt, neben jahrgehalt, amtsgehalt u. a., sodasz es eig. das franz. pension mit vertritt, mit dem man im vorigen jh. umgekehrt auch amtsgehalte bezeichnete, z. b. den professorengehalt Gellert (1839) 8, 204, in Rabeners br. 280. Schon Adelung in der 1. ausg. spricht von der forderung einiger, diesz gehalt als n. zu behandeln, das könne nur landschaftlich sein, das hd. sei das m., wie diesz auch Frisch, Weber allein kennen. daneben erscheint auch in der bed. 3 das n. (Claudius u. 3, a), aber auch oberd., in der Schweiz, in der 1. bed., sogar vorwiegend (s. 1, c).
b)
das m. ist dann auch häufig genug, z. b.: sie wissen wohl, dasz ich keinen gehalt als hofmeister bekomme. Lessing 1, 232; er hat 600 rthlr. jährlichen gehalt. 12, 253; mein mann unterstützt ihn vielmehr noch durch einen jährlichen gehalt. Weisze trauerspiele 5, 190, es ist noch in Sachsen das geläufige, falls man nicht mit dem n. grammatischer sein will; der cardinal verlangt von Cellini, er solle sich für einen geringen gehalt verbinden. Göthe 35, 35 (unterhalt, besoldung s. 36); marchese Sambucca ward abgesetzt, behielt seinen ganzen gehalt und zog sich nach Palermo zurück. 37, 252; seinen gehalt wollte der prinz verdoppeln. Schiller IV, 279, 12; zweihundert pistolen liesz er mir bieten und doppelten gehalt auf zeitlebens. VI, 292, 28; hatte dreiszig gulden jährlichen gehalt. Immerm. Münchh. 1, 78.
c)
das n. erscheint bis ins 19. jh. seltener: ein ansehnliches gehalt wird doch dabei sein? Gleim an Lessing 13, 69; und dankt auf das höflichste, wenn man ja seiner schwester ein jährliches gehalt aussetzen will. Göthe 10, 108, d. j. G. 3, 422 (Clavigo 4), noch als unterhalt; lasz dir etwas auf mein künftiges gehalt auszahlen. Klinger 5, 220; für das vorgegriffene gehalt zweier monate. 8, 193; der berühmte arzt Demokedes von Kroton hatte .. das grosze gehalt von 36 äginetischen minen. Böckh staatshaush. der Athener 1, 132; dafür bekam er ein gehalt von 300 gulden. Palleske Schiller 1, 425. auch bei Niebuhr kl. schr. 1, 14. es dringt aber vor im gewissenhaften stil, nebst dem pl. gehälter.
Zitationshilfe
„gehalt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gehalt>, abgerufen am 24.05.2019.

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