Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

geist, m.

geist, m.
spiritus, anima, mens, genius.
I.
Form und verwandtschaft.
a)
goth. fehlend (es heiszt ahma, vgl. u. athem), ahd. keist, geist, alts. gêst, geist, ags. gâst, gæst, altfries. gâst; altn. aber gleichfalls fehlend, es heiszt andi m., önd f., noch schwed. norw. ande, dän. aand, nur in der bed. gespenst entlehnt dän. geist und in geistlig. mnd. geist Sch. u. L. 2, 36ᵇ, nnd. geest Brem. wb. 2, 500, nl. geest; engl. nur noch ghost gespenst und vom heil. geist (sonst spirit, mind), aber auch noch in ghostly geistlich, s. auchgast u. II, 1, a.
b)
bemerkenswert ist übrigens, dasz das wort in den mundarten jetzt gern die vornehme hochdeutsche form hat anstatt der mundartlichen, so bair.jetzt gewöhnlich geist, selten mehr gaist, gaᵉst'' Schm. 2, 79 (bair. gaist noch Schönsl. S 1ᵈ); appenz. zwar gæst gespenst, aber in den andern bed. geist, auch z. b. von hochmut Tobler 213ᵇ. ähnlich in norw. mundarten vom heiligen geist nicht den heilage ande, sondern den helligaand, d. h. dänisch (Aasen 7ᵃ).
c)
den ursprung zu suchen weist die sinnliche bed. hauch, atem (s. II, 1) den weg, nd. bei schiffern auch geist ein gewisser wind (s. II, 1, c), wie in schwed. mundarten gajst m. scharfer wind, wer mit rot gedunsenem gesicht aus solcher luft kommt, heiszt gajsta-riven, väderbiten Rietz 181ᵇ (vgl. lat. spiritus auch von wind und wetter). es musz ein stamm für hauchen, wehen, blasen dahinter stehen (wie lat. spirare hinter spiritus), und er liegt wol vor, nur mit gesteigerter bed., in altn. geisa rauschend, brausend ausbrechen, s. u. gären sp. 1352, wovon eine deutsche spur in nd. md. geist, geest hefe, schaum das., d. h. was das im kessel gärende bier ausstöszt und diesz gärende, brausende, sprudelnde auf- und ausstoszen wol selbst, ein brausen und wehen zugleich. jenes schwed. dial. gajst m. hat auch die bed. hoffärtiges auftreten, wie altn. geis n., d. h. die art des heftigen windes oder auch des gärenden bieres auf das thun des menschen übertragen, wobei man sich des alten brauens im hause, im herdkessel erinnern musz, um die entstehung des bildes natürlich zu finden. so heiszt dän. aande, atem, hauch auch luftzug und brodem, vergl. norw. geis brodem von gärendem biere sp. 1352. dasz gerade im nord. geist spiritus nicht entwickelt worden ist, stört jenen zusammenhang nicht, zumal von dem fraglichen stamme im deutschen bereiche zeugnisse vorliegen, auch für seine noch erkennbare doppelform gîs- und gius- in geist und geust bierschaum, s. sp. 1351 fg.; vgl. auch sp. 1431 unter gäschen 3 das wortspiel Frauenlobs, das auf eine erklärung von geist auszugehen scheint.
d)
der heutige plur. geister tritt schon mhd. einzeln auf (wb. 1, 496ᵃ, Lex. 1, 798), z. b.:
wir haben nu einen meister (Christus) ..
der bindet übele geister.
Marner MSH. 2, 242ᵃ,
in C übliu geist, also als neutr., das doch sonst nicht erscheint. der regelrechte mhd. pl. geiste hält sich auch nhd. noch neben geister, z. b.: das beide geiste gottes sind (von gott gekommen), der gute und der böse. Luther 3, 26ᵇ; wer den teufel nicht kennet, möchte wol meinen, sie hetten fünf heilige geiste bei sich. 60ᵇ, später bei ihm seltner als anfangs (Dietz 2, 52ᵃ); (gottes) diener und knecht, die wir geiste oder engel nennen .. unter disen geistern u. s. w. Avent. chr. 14ᵃ. natürlich auch mit gestutzter endung, z. b. die geist der kreuter Parac. 1, 2ᵃ. noch im 19. jahrh. in der besondren bed. 12: von extracten und geisten. Göthe 58, 87 (33, 59 H.).
e)
dasz die alem. aussprache geischt auch nhd. schon anfangs bestand, zeigt z. b. folg. reim; Adam sagt zur Eva:
du bist ein bein von mim gebein,
glych mir geziert mit seel und geist,
und bist ein fleisch von minem fleisch.
Ruff Ad. u. Heva 999;
zwo seel und geist,
zwen lyb verwandelt in ein fleisch.
1006;
vgl. den reim fleisch : meist Brant 150ᵃ Z., bist : tisch 151ᵇ, gebrest : täsch 81ᵇ (vgl. sp. 842 m.). schon im 14. jh. erscheint geischlich für geistlich (s. d.), das freilich auf gekürztem geislich beruhen kann, wie schon ahd. selbst gekürzt geis erscheint Otfr. I, 7, 3 in F.
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
geist, atem, hauch des mundes.
a)
hd. sind reine zeugnisse zwar spät und selten, aber ausreichend: alitus, geist. Mones anz. 6, 217 aus einem voc. ex quo d. 15. jahrh., vgl. auch Dief. 23ᵇ s. v. alitus (halitus); outen oder gaist .. spiraculum, anhelitus. voc. 1482 y ijᵃ; gaist, spiramen, atem oder plast. k jᵃ (vgl. spiraculum in der vulg. u. 2, a). noch in engl. mundarten ist gast auszer spirit auch breath Halliwell 393ᵇ. auch altn. andi ist eig. atem, wie noch dän. aande, schwed. anda (s. I, a).
b)
auf biblischer rede und vorstellung, wonach gottes geist als sein atem gedacht wird, beruht folg., ohne darum für das deutsche wort an beweiskraft zu verlieren. im ps. 33 (32), 6 verbo domini coeli firmati sunt et spiritu oris eius omnis virtus eorum wird spiritus oris eius übersetzt ags. mit gâst mûđes his, ahd. sînes mundes geistu standit al iro megin (virtus) Graff 4, 271, bei Luther: der himel ist durchs wort des herrn gemacht und all sein heer durch den geist seines munds (var. durch seins geistes mund). ebenso, mit odem wechselnd: das sie durch den odem gottes sind umbkomen und vom geist seines zorns vertilget. Hiob 4, 9, vulg. spiritu irae, zorneshauch, als sturmwind gedacht (vgl. Walth. 13, 17); er wirt .. den gottlosen tödten mit dem geist seiner lippen (spiritu labiorum). Jes. 11, 4 die urspr. übers. für odem. daher auch: und wird die gottlosen nicht mit dem schwert, sondern mit dem odem oder geist seines mundes tödten. Luther 5, 262ᵃ. noch im 17. jahrh. des athems geist:
disz was ich von mir treibe,
des athems warmer geist, wohnt inner mir im leibe,
nicht in der euszern haut.
Opitz 1, 42 (Vesuv.).
c)
aber auch geist als wind, windeshauch (wie spiritus, vgl. u. 15, c): o unreiner geist, wie recht und wol wirst du genennet ein geist oder ein wind, denn du bist der gesell der das ansehen hat, als löschest du das fewer der lieb, aber mit deinem blasen entzündest du es. Albertinus narrenh. 282. dahinter steht zwar nur das biblische geist, spiritus als wehender oder wind (s. 2, e). aber unabhängig davon, wie das entsprechende schwed. gajst zeigt (I, c), heiszt bei den nordd. schiffern, z. b. in Lübeck, geist ein gewisser hohl sausender wind.
2)
daher denn vom leben oder der seele als trägerin des lebens, wie lat. spiritus gleichfalls (s. u. b vitalis spiritus); vgl. geistader, lebensader.
a)
noch als atem gedacht, und auch mit atem wechselnd: weh dem, der zum holz (holzgötzen) spricht wach auf .. sihe, es ... ist kein geist in im. Habac. 2, 19 var. für odem; ich wil nicht .. ewiglich zörnen, sondern es sol von meinem angesicht ein geist weben (wehen) und ich wil odem machen. Jes. 57, 16, vergl. die beseelung des ersten menschen 1 Mos. 2, 7 und gott der herr blies im den lebendigen odem in seine nasen Luther, vulg. inspiravit in faciem eius spiraculum vitae, was auch mit atem und geist oder blosz geist gegeben wird: wie Adam herfür kumpt usz dem erdtrich, blaast im gott in sine naslöcher einen aathem und geist und spricht
ein seel und geist inblaas ich dir u. s. w.
Ruff Ad. u. Heva 601 (vgl. 15, b);
aber auch seinen geist, mhd.:
sînen geist er im înblies,
michilen sin er im verlieʒ.
genesis 7, 20 D. (in in blies fundgr. 15, 30).
auch von thieren (vgl. biblisch u. b), geist und atem:
bisweilen stellte sich der abgefeimte schalk (frosch),
als ob ihm geist und athem fehle.
Lichtwer fab. 3, 15.
von der ganzen natur im frühjahr:
der zephyr lauschet sanft und fein
und haucht ihm (dem lenz) kraft und samen ein
und giebt ihm geist und athem wieder.
Withof ged. (1751) 1.
ein neuer geist, neues leben (vgl. Hesek. 36, 26 u. 9, e):
der mensch, das vieh, das meer,
der tier' und blumen heer (im lenz) ..
kriegt einen neuen geist.
Fleming 379 L.
b)
auch lebendiger geist, d. h. lebensgeist, wie vorhin lebendiger odem, lebensodem, oder geist des lebens: und (gott) machte einen menschen .. und empfing daʒ selbe mensche den lébendigen geist und ving an lîp und leben zuͦ habende. historienbibel 598 M.; auch von thieren (vgl. 11, g): alles flaisch darinn der gaist des lebens ist. 127. 128 var. (doch s. 113 lebende sel); das ging alles zu Noah in den kasten bei paren, von allem fleisch, da ein lébendiger geist innen war. Luther 1 Mos. 7, 15, in v. 22 und 6, 17 lébendiger odem, vulg. spiritus (spiraculum) vitae. ebenso ahd. lîphaften keist für vitalem spiritum Nyer. symb. 256, diesz vitalis spiritus aber aus röm. quelle, z. b. Cic. de nat. d. 2, 45, 117; vergl. übrigens von den lebensgeistern im menschen u. 13. auch sonst bot schon das eigentliche latein das wort in solcher anwendung, z. b. vom dichtergeist bei Horaz od. II, 16, 39, wo ihm die Parze spiritum grajae tenuem camenae verliehen.
c)
dieser geist geht und kommt wieder, d. h. das frische volle leben, oder auch das leben überhaupt: und ir geist kam wider und sie stund also bald auf. Luc. 8, 55, ahd. warb ira geist Tat. 60, 16 (reversus est spiritus), von Jairi töchterlein; 'nu aber musz ich dursts sterben' .. und als er trank, kam sein geist wider und ward erquicket. richt. 15, 19 (vulg. refocillavit spiritum); und da er gessen hatte, kam sein geist wider zu im. 1 Sam. 30, 12 (reversus est spiritus eius); und da er sahe die wagen, die im Joseph gesand hatte in zu füren (zu ihm), ward der geist Jacob ires vaters lebendig. 1 Mos. 45, 27, lebte auf in mut und freude. er gibt den gliedern das leben: also ich och willenclich .. so lang der gaist mine glider in leben enthalt, tuͦn wil. G. Oheim Reich. chr. 1, 12, vgl. bei Virg. regit artus spiritus Aen. 4, 336 und: animalis spiritus (Plin.), läblicher geist, der die seel und das läben gibt. Frisius 93ᵃ, Maaler 164ᶜ, wie vitalis spiritus u. b, s. auch 17, a.
d)
und so, von frischer lebenskraft, noch z. b. von den augen, sein auge hat keinen geist, glanz und ausdruck des lebens, von pferden, ein pferd hat viel geist, mut, feuer, landsch., wie in Tirol von thieren überhaupt geist haben oder geistig sein, munter, lebhaft sein (von menschen stolz sein, s. 17, a) Schöpf 183, bei Leipzig geistreich für kräftig, frisch, lebensvoll, z. b. von kindern. und so vielfach im volke in weitester anwendung, wenn z. b. ein unterofficier beim exercieren das ausschwärmen von recruten als tirailleure tadelt es ist noch kein geist drin! von farben, wenn z. b. ein schiffer auf der Elbe seinen strohhut frisch grün anstreicht und meint: nun kriegts doch wieder geist. wie nahe sich beide begriffe auch noch in der höheren und höchsten gedankenwelt liegen, zeigt die verbindung geist und leben (14, e, β), der geist macht lebendig, beseelt u. ä., vgl. u. 11, g geist und leben des menschen, mhd. lîp unde geist der thiere, d. i. leben. auch geist und kraft, z. b.: mit bitterem grolle hat unsere armee den waffenstillstand angenommen ... aber die vorhersagungen, dasz ihr geist und ihre kraft niedersinken würde, sind gottlob thöricht gewesen. Niebuhr bei Perthes leben 1, 237, von der preusz. armee im sommer 1813, zugleich zu 17, a, s. dort.
e)
bemerkenswert ist gleich hier und merkwürdig, wie die beiden begriffe geist und wind, hauch, luft, jenes auch in der entwickeltsten geistigen bedeutung, fort und fort mit einander gehen oder sich neu zu einander gesellen.
α)
biblisch gab früh eine stelle des vierten evang. dazu den anhalt, in Jesu gespräch mit Nicodemus: τὸ πνεῦμα ὅπου θέλει πνεῖ κτλ., spiritus ubi vult spirat Joh. 3, 8, bei Luther: lasz dichs nicht wundern, das ich dir gesagt habe, ir müsset von newen geborn werden. der wind bleset wo er wil, und du horest sein sausen wol (φωνὴν, vocem), aber du weist nicht von wannen er kompt und wohin er feret: also (ebenso) ist ein iglicher der aus dem geist geborn ist (vergl. u. 14, b), der wind in vergleich mit dem heil. geist, und Luther sagte da früher geist für wind, z. b.: der geist geistet wo er wil i. j. 1526 (Dietz 2, 52ᵃ), denn so war es überliefert: der geist der geistet sô er wil, du hœrest sîne stimme u. s. w. Echhart 28, 11; der geist geistet wo er wil. Beheims evang. Joh. 3, 8;
o hailiger gaist voller milt ...
von dem Johannes redt oft und vil,
das du gaistest wa du wil.
Vintler 7603.
vgl. auch weish. Sal. 7, 25 die weisheit .. ist das hauchen der göttlichen kraft, und die var. 1 Mos. 1, 2 der wind gottis schwebet auf dem wasser.
β)
im 18. 19. jahrh.: er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihm .. seine menschen nach .. und dann belebte er sie alle mit dem hauch seines geistes. Göthe Shaksp.-rede (d. j. G. 2, 43); durch die sinnliche handlung der taufe oder des händeauflegens gerührt, gab vielleicht ihr körper der seele eben (gerade) denjenigen ton, der nötig ist um mit dem wehen des heiligen geistes zu sympathisiren, das uns unaufhörlich umgiebt. 56, 221 (2, 224);
wie geist und liebe diesen saal durchwehen,
dem fühlenden gefühl begegnet ..
4, 26;
des alten Fritzen geist ist ja
um euch, wenns um euch weht.
Schubart 3, 19 (Preuszenlied), vgl. 4, b. 7, a;
jede der madonnen, fast jede der gestalten Raphaels ist von einem geist durchhaucht, der .. den engel im menschen .. zeiget. Herder Kallig. 3, 190; sie (Matthissons landschaftsgedichte) ziehen uns an durch ihre musikalische schönheit, sie beschäftigen uns durch den geist, der darin athmet. Schiller X, 246; wo irgend menschentrieb durch menschengeist verbunden zusammenwirkt, da regt sich magische kraft. auf diese kraft habe ich gerechnet, ich fühle den geistigen hauch wehen in der mitte der freunde .. Fr. Schlegel Athen. 3, 93;
wenn im haine geister säuseln ...
schau ich oft und grüsze dich.
Hölderlin (1874) 75;
weg die fesseln! deines geistes
hab ich einen hauch verspürt.
Uhland 330 (Bertr. de Born).
s. auch 14 a. e. Wienbarg, 10, l Immermann vom athem der zeit, zeitgeist, auch zum sturm gesteigert (zugleich als kampf, zu 19, m, γ):
dem wort ein fröhlich auferstehn (preszfreiheit),
dem freien kampfe der gedanken!
laszt kühn des geistes stürme gehn!
was spreu ist, mag wie spreu verwehn,
was felsen ist, wird doch nicht wanken.
Geibel juniuslieder (1848) 128.
daher auch das wortspiel mit Haug und hauch:
da kommt herr Hauch, uns längst bekannt
als würdiger geistsrepräsentant.
Göthe 2, 297 H. (s. die anm.).
γ)
auch noch ernstlicher, in dichterischer naturphilosophie: die frische luft des freien feldes ist der eigentliche ort, wo wir hin gehören, es ist als ob der geist gottes dort den menschen unmittelbar anwehte und eine göttliche kraft ihren einflusz ausübte. Göthe bei Eckerm. 3, 164 (vergl. 13, g a. e.); o schwester des geistes, der feurig mächtig in uns waltet und lebt, heilige luft! wie schön ist es, dasz du, wohin ich wandre, mich geleitest, allgegenwärtige, unsterbliche! Hölderlin 210, vgl. die seele der welt, die heilige luft 257;
was kann der thau, was kann die sonne geben,
da beider licht sich wandelt und verglimmt,
wenn ewig nicht des geistes frisches leben
mit lauem hauch durch höhn und tiefen schwimmt?
E. Schulze die bezaub. rose 3, 62.
und in der geisteswelt selbst: rein und heilig .. flieszet dieses dein leben hin als band, das geister mit geistern in eins verschlingt, als luft und aether der einen vernunftwelt. Fichte best. des menschen 228; zum aether vgl. u. 13, b. s. dazu auch 19, l, ε.
3)
auch den geist aufgeben, der geist entflieht u. ä. zeigt geist sachlich noch als leben, obwol sich da zugleich eine andere vorstellung unterlegt (s. d).
a)
jetzt einfach den geist aufgeben, sterben, auch schon im 16. jahrh. und mhd.: Christus wird mein leben sein, wenn ich nu den geist aufgeben sol. Luther b. Dietz 1, 129ᵃ; fiel er nieder und gab den geist auf. ap. gesch. 5, 5, ἐξέψυξε;
ob ich (ein greis) min geist dan bald uf gebe,
das mocht als wol geburen sich.
altd. bl. 1, 33;
ûf gab der herre sînen geist.
erlösung 4906,
von Christus am kreuze, wie auch bei Luther Luc. 23, 46 urspr. gab er den geist auf für verschied er (ἐξέπνευσεν, expiravit). wenn im 16. jh. Maaler 164ᶜ den geist aufgäben nur mit edere animam erklärt, so war der eigentliche sinn schon verdunkelt; die Römer hatten übrigens in reddere spiritum eine entsprechende wendung, die denn auch eine ähnliche ergänzung fordert, wie unsere.
b)
das aufgeben ist ja eig. ein übergeben (eig. 'auf' die hand), die volle wendung eig. den geist gott aufgeben, wie Christus am kreuze:
mînen geist bevelhe ich dir
hûte, herre, in dîn hant.
erlösung 4901,
wie bei Luther vater, ich befehle meinen geist in deine hende Luc. 23, 46 (παραθήσομαι τὸ πνεῦμά μου, commendo spiritum meum);
dô gab er ûf sînen geist (ein märtyrer)
an gotes genâden volleist.
pass. K. 98, 40;
alsus der brûdir reine ..
mit des gelouben volleist
gab ûf gote sînen geist.
Jeroschin 9114;
dô hete si gote ûf gegeben
den geist, dâ mite si solte leben,
und starp im under den handen.
Stricker Karl 11227.
mlat. auch mit anima (wie noch franz. rendre l'âme), z. b. animam Christo reddidit Widukind 3, 74. die volle wendung mit geist doch auch noch im 16. 17. jahrh. (s. u.aufgeben 4) und wenigstens dem grundgedanken nach noch in neuerer zeit, obwol nicht mehr in vollem ernste:
so sah er ihn (den hund als seinen retter) mit stillem muth
den geist den göttern geben.
Pfeffel 3, 27;
Nicolai hat diese krone seiner werke (seine bildungsgeschichte) vollendet und dann seinen geist dem himmel wiedergegeben. Fichte Nicolais leben 12. vgl. im kirchenliede:
so nimm, herr, meinen geist
zu Zions geistern hin.
Leipziger gesangbuch 1767 nr. 853, 1.
c)
der geist entflieht, verläszt uns u. ä.:
bewar uns an dem ende,
sô uns der geist verlât.
Walther 78, 7;
so nun dir kumpt die letste not
und dich dein geist uf erd verlot ..
Murner luth. narr 181 Sch.;
ein mensch aber, so er jemand tödtet .. so kan er den aufgefaren geist nicht widerbringen noch die verschiedene seele widerholen. weish. Sal. 16, 14, vgl. von der wiedererweckten tochter des Jairus Luc. 8, 55 u. 2, c; eure genaden wolle .. mitleidend gedulden, dasz ich vor seinen füszen dem geängsteten geiste den weg durch diese brüste öffne! Gryph. Horrib. 83 Br.; er (das kranke kind) that einen schrei des unwillens und sein geist war mit demselben entflohen. Chr. F. Weisze selbstbiogr. 179;
die asche ruht, der geist entfleugt auf bahnen
des lebens, dessen fülle wir nur ahnen.
Uhland 157;
er stirbt — sein geist schwebt zu den sternen.
Grabbe 2, 245.
auch den geist aushauchen u. ä., früher auch geist und blut vergieszen Gryphius 1, 514, d. h. der geist, das leben im blute gedacht, vgl. Christus 'blut und geist' u. 10, b. vgl. auch bei sehnsucht nach dem jenseits:
doch sie (die töne) tragen nur ein dunkles sehnen,
nicht den geist (selbst) aus diesem land der thränen.
Körner l. u. schwert 20.
d)
auffallend selbst der fast todte geist eines todkranken, in der schilderung einer pestkrankheit:
der schweisz war auf der haut, das prausen in den ohren ...
die stirne wie gespannt, eh' als die lange nacht
den auch fast todten geist liesz aus dem kerker fliegen,
in dem er harte lag (d. h. hart gefangen).
Opitz 2, 36.
in dem fliegen, entfliegen (vgl. 19, e, β) ist der eigentliche begriff zwar festgehalten, dasz der geist nur vorübergehend mit dem leibe vereinigt sei als ein unvergängliches wesen für sich, in fast todt aber ist er zugleich doch selbst als dem sterben ausgesetzt gedacht, doch mit dichterischen bewusztsein, wie das auch andeutet.
e)
bemerkenswert ist dabei, wie sich hier, wie weiterhin, geist mit seele berührt (s. u. 15). selbst in der biblischen wendung u. b tritt schon im 16. jahrh. auch seele für geist auf und später immer mehr, wie in gesangbüchern leicht zu sehen ist, z. b. in dem Leipziger v. 1767 nr. 849 ff.:
mein seel an meinem letzten end
befehl ich dir in deine händ.
Nic. Hermann (wenn mein stündlein fürhanden ist v. 1);
vgl. u. b reddere animam, rendre l'âme. heiszt es doch auch die unsterbliche seele wie der unsterbliche geist.
4)
der geist für sich auch als erscheinung, wie er ja beim sterben vorhin als ein wesen für sich gedacht ist.
a)
so selbst in vollem leben, seinen geist sehen, sich selbst als erscheinung: es war ein alts weible im schlosz .. die ward krank .. vor ihrem absterben etliche monat hat sie ihren gaist, wie man spricht, gesehen, in aller gestalt wie sie. der ist ir im schnecken (wendeltreppe) eins abends bekomen und stilschweigend fur (vorbei) gangen. Zimmer. chron. 4, 295; vor jaren soll es des grafen Reinharten von Solms gemahl auch begegnet sein, das sie iren gaist mermals gesehen, so urschaidenlich als ob sie in einem spiegel sich selbs het beschowet. das. ähnlich als redensart: entweder bist du es gewesen, oder dein geist, aut ipse fuisti aut tui simillimus. Aler 874ᵃ, Weber 335ᵃ, wo an den sog. doppelgänger gedacht sein wird; als frage, bei höchster überraschung über die ankunft eines freundes, die unmöglich scheint: bist du es oder ist es dein geist? wobei an eingetretenen tod nicht gedacht zu sein braucht (vgl. Göthe u. 19, d). ähnlich auch:
indem er seinen hut tief in die augen drücket,
sieht er dem wilden geist noch einmal ins gesicht,
springt voller furcht zurück, und weisz im schrecken nicht ..
ob jener oder er den geistern zugehöret.
Zachariä verwandl. 2, 162;
komm ich als ein geist zu dir,
so erschrick nur nicht vor mir.
Hamann 4, 223.
aber nie so seele, wie auch im folg. nicht, obwol man vom land der seelen, von abgeschiedenen seelen spricht, von den armen seelen im fegfeuer, nicht von geistern (vergl. übrigens c a. e., auch 5, a).
b)
haupts. von abgeschiedenen geistern, die noch oft genug mit der welt in verkehr gedacht werden, z. b.:
seliger geist! Serena! ... ist gleich mein auge zu irdisch,
um den nunmehr ätherischen körper mit sterblichem blicke
sehen zu können: komm, erschein mir in sichtbarer schönheit ...
Cronegk 2, 47;
so müszt' es einem sel'gen geiste sein,
der aus den wohnungen der ewgen freude ..
zur ganzen armen menschheit wiederkehrte.
Schiller Piccol. 3, 3;
Luise, schwebe segnend um den gatten,
geist unsers Ferdinand, voran dem zug!
Körner leier u. schw. 39 (aufruf);
finster und schnelle
reiten die geister auf wolken vorbei.
Immermann ged. (1822) 168, schlacht bei Leipzig;
wenn heut ein geist hernieder stiege,
zugleich ein sänger und ein held,
ein solcher, der im heilgen kriege
gefallen auf dem siegesfeld ..
Uhland am 18. oct. 1816.
c)
als wirkliche erscheinung (vgl. geistererscheinung): trat er selbs, Jhesus, mitten unter sie .. sie erschracken aber und furchten sich, meineten, sie sehen einen geist. Luc. 24, 37 (πνεῦμα, spiritum); und er sprach zu inen, was seid ir so erschrocken? .. ich bins selber, fület mich und sehet, denn ein geist hat nicht fleisch und bein. v. 38. 39 (vgl. gespenst Matth. 14, 26), ahd. geist fleisg inti gibeini ni habêt Tat. 230, 5; hie streit Wolfdieterich mit aller der doten geist, die er erschlagen het .. heldenb. 591 K., wie man noch von den geistern der erschlagenen auf dem schlachtfelde spricht, im texte selbst heiszt es:
das trib Wolfdieteriche
gar wol ein halbe nacht,
so rechte kreftigkliche
mit manchem geist er facht.
593, 2;
die doten geiste hetten (beim metteläuten)
aller erst dar von gelan.
593, 9;
die todten, die wandelnden geister. Luther b. Dietz 2, 53ᵃ, die 'umgehen'; geister, nachtgeister, die geister der abgestorbnen, die todten, lemures, umbrae defunctorum vagantes, manes, inferorum animae, corporibus exutae, quae in corpore sunt (so), genii poetis, δαίμονες. Henisch 1445; es geht ein geist in dem haus. Aler 874ᵇ; wann man nach einem geist schlegt, so verwundt man sich selber. Henisch 1446, 62; wer auf geister schieszt, trifft sich. Gutzkow ritter v. geist 2, 293;
hoch auf dem alten thurne steht
des helden edler geist ..
d. j. Göthe 3, 151.
der geist im Hamlet: Wilhelm konnte sich nicht entschlieszen, die rolle des lebenden königs dem pedanten zu überlassen, damit der polterer den geist spielen könne. Göthe 19, 175 (W. M. lehrj. 5, 6); ich habe schon einmal auf einem liebhabertheater den geist im Hamlet gespielt. Kotzebue dr. sp. 3, 141. geister auf der schaubühne auch bei uns schon im 16. 17. jahrh., s. z. b. Ayrer u. d, in der comoedia von Fortunato in den sog. englischen comedien erscheinen drei verstorbene seelen als geister (schausp. der engl. komödianten h. v. Tittmann s. 75), wie im 16. jh. lemures, die geister der abgestorbenen seelen Junius 325ᵇ. und wie wunderlich gehen da geist und seele aus einander, wenn der eine geist klagt: dadurch kam ich umb leib und leben, ja auch umb meine arme seele. engl. com. 79 Tittm.
d)
geister erscheinen weisz, leuchtend:
sie (die guten weiber) gleiszen als die gaister.
frauenspiegel b. Weller dicht. des 16. jh. s. 92,
was denn gemeint sein musz wie eines holden angesichts phosphorglanz Göthe 3, 153, vgl. der wîbe glanz MSH. 2, 253ᵇ, auch minn. frühl. 143, 28; der jud ist verkleidt weisz wie ein geist und brinnt ihm feür auf dem kopf. Ayrer 1814, 16; Spiritus, der geist, geht ein in einem nacketen kleid, dem brinnt feur auf dem kopf. 2832, 17; kriegte auch gleich den (vermeintlichen) geist beim flügel und sagte: holla, kerl, wann die geister weisz gehen (zur geisterstunde), so pflegen die mägde, wie man sagt, zu weibern zu werden. aber hier wird der herr geist irr gangen sein u. s. w. Simpl. 2, 203 Kz. (6, 15), vgl. vorher darauf sich der eine aus ihnen weisz angezogen;
ein hauswirth, wie man mir erzählt,
ward lange zeit durch ein gespenst gequält ...
der geist entsetzte sich vor keinen charakteren (zauberzeichen)
und gab, in einem weiszen tuch,
ihm alle nächte den besuch.
Gellert 1, 29 (das gespenst);
und kurz, der weisze geist verschwand (vor dem vorgelesenen trauerspiel)
und liesz sich niemals wieder sehen.
30;
vordem, da noch um mitternacht,
den armen sterblichen zu dienen,
die geister dann und wann erschienen,
liesz sich ein geist, in einer weiszen tracht,
vor einer frau im bette sehen ..
1, 213 (die frau u. der geist);
vgl. die braut von Korinth wie der schnee so weisz Göthe 1, 246, G.s geist im weiszen rocke erscheinend d. j. G. 1, 46. auch das geläufige erscheinen von geistern ist ja eig. ein leuchten, vgl. mhd. erschînen von gott und heiligen Walth. 15, 33, pass. K. 16, 40. 21, 50. ein geist heiszt auch hohl, d. i. körperlos, eig. blosze hülle ohne gehalt: daʒ des Berners muͦter einer naht geträumet .. wie ir man by ir sliefe .. und do sü erwachete, do greif sie neben sich, do greif sü uf ein holen geist. do sprach der geist: du solt dich nit förhten, ich bin ein gehürer geist u. s. w. v. d. Hagens heldenb. 1, cxx.
e)
der verkehr mit den geistern ist aber nach altem glauben nicht jedem gegeben.
α)
es ist eine besondere kunst, geister der verstorbenen zum erscheinen und sprechen zu bringen, aus der sinkenden zeit des griech.-röm. alterthums her zu den neuern völkern übergegangen als necromantia, die kunst des νεκρόμαντις, todtenbeschwörers und befragers, eine kunst, die denn in unsern tagen aus eignen quellen der zeit wiederkommt als spiritismus; wie einfluszreich jene alte kunst noch im mittelalter war, darauf deutet die volksmäszige entstellung in kramanzen (s. d.), das doch mit R. Köhler auf ital. gramanzía zurückzuführen ist, vgl. mhd. nigramanzîe Reinfr. 24258, nigramacia hist. bib. 782. es heiszt geister berufen Göthe 31, 232. 12, 61, auch einfach rufen 1, 240: taschenspieler, du wirst keinen geist mehr rufen! Schiller IV, 217, dafür citiren 228, 30, das jetzt das herschende ist; auch geister bannen Faustbuch 1587 s. 55, vergl. geisterbanner; beschwören: (der graf) hat nach einem schwarzkünstler im Turgew, genannt Jacob Holzer, geworben, in mainung den gaist beschweren zu laszen und zu erfaren wer er seie, auch warumb er alda umbgang und womit im doch geholfen mecht werden. Zimm. chron. 4, 181, vergl. vorher das.: er vermaint, es sei vielleicht ein sele die also zu einer busz umbgang, eine arme seele.
β)
auch geister sehen, vgl. geisterseher; nicht jeder sieht geister, daher auch als vorwurf du siehst geister! du bildest dir was ein: M. was willst du, bruder? du riefst mich. W. ich nicht, Marianne. M. sticht dich der muthwille, dasz du mich aus der küche herein vexirst? W. du siehst geister. M. sonst wohl. nur deine stimme kenn ich zu gut, Wilhelm! Göthe 7, 120 (geschw.);
was gibts? ihr hörtet niemand? fandet keinen?
es ist doch sonderbar, was meine frauen
für geister sahn? wer weisz es, was die furcht
den guten kindern vorgebildet.
10, 241 (Claud. v. V. 2).
aber auch er sah aus, als hätte er einen geist gesehen, d. h. von schrecken überwältigt, verstört.
γ)
das beschwören aber auch, um einen geist los zu werden, ebenso bannen, verbannen: man sahe in (den gestorbenen grafen) helles tags umbgen .. derhalben sein dochterman, herr Jerg truchsäsz von Waltpurg, verursacht, das er den gaist liesz beschweren und uszerm schlosz verbannen. Zimm. chr. 2, 285, wo viele solche geister- und gespenstergeschichten erzählt sind (s. das reg.); bei wenig jaren ist apte Marxen gaist uszer eim haus zu Zell am Undersee beschworen worden. 4, 185.
f)
geist und gespenst fallen da zwar oft zusammen, wie es z. b. für jenes geister sehen auch heiszt gespenster sehen, aber sie werden auch unterschieden, z. b. von der satten Fasnacht, die dem dichter an der Pegnitz begegnet als ungethüm:
noch hielt ichs für ein gspenst allwegn.
ich bschwur es mit eim guten segn:
du seist ein thier, gaist oder gspenst,
gebeut ich dir, das du dich nenst.
H. Sachs 5, 295 K.,
wo thier als unheimliches thier gemeint sein musz (vgl.kunter 2), wie im Faust vom pudel, aus dem sich Mephistopheles entpuppt Göthe 12, 67 fg., vergl. vorher:
du siehst, ein hund, und kein gespenst ist da ...
du hast wol recht, ich finde nicht die spur
von einem geist, und alles ist dressur.
63;
geist aber musz dort gemeint sein als umgehender geist eines verstorbenen. auf solche ist z. b. noch in Vorarlberg geist beschränkt, andere geister, die in wäldern, hohlen baumstämmen, sümpfen, ruinen u. ä. hausen, heiszen butz, pl. bütz, s. Vonbun bei Haupt 11, 171. auch nachtgeist, boldergeist, rumpelgeist Junius 325ᵃ, spukgeist u. a., zu boldergeist vgl. z. b.: gleichwol der gaist imerdar mit seinem gebölder fürgefaren (vorher: stuel und benk über ain haufen geworfen). Zimm. chr. 4, 186.
g)
die blassen geister, die schatten der unterwelt:
stirb, verwegner! freue dich, denn du stirbst von meinen (Thusneldens) händen,
und ein feiger sollte dich zu den blassen geistern senden.
Schönaich Hermann 175.
antik ist auch: die geister eines verstorbenen, manes. Steinbach 1, 851; soll ich nun mit den alten einwürfen die geister der toden (gelehrten) in ihren gräbern beunruhigen? Schiller I, 80, 12, die manen; im 16. jh.: manes, geist (für geiste) by den greberen der todten. gemma Straszb. 1518 P iijᵃ, vgl. im Faust: über des erschlagenen stätte schweben rächende geister und lauern auf den wiederkehrenden mörder. Göthe 12, 234. uns ist jetzt die manen geläufig und an dem plur., auch auf einen bezogen, nimmt man kaum dunkel anstosz. daher selbst die geister einer that, manen:
hell über ihm schweben
die geister der guten that.
H. Lingg ged. (1868) 2, 146.
h)
auch von kranken und abgehärmten menschen sagt man, besonders mit bezug auf einen gewissen hohläugigen gesichtsausdruck er sieht aus wie ein geist (oder geistig), auch wie ein gespenst; das gute kind zehrte sich über diesen vorfall beinah völlig ab und schien einem traurigen geiste gleich, da sie vorher frisch, munter und die heiterste im ganzen hause gewesen. Göthe 15, 132.
i)
anders unsichtbarer geist, mhd. unsihtiger geist, in Lunetens klage über der leiche ihres gemahls:
der im den lîp hât genomen,
daʒ ist ein unsihtiger geist ..
swer eʒ anders wære
niuwan ein zouberære,
des heter sich vil wol erwert.
Iwein 1391,
vergl. von zouber v. 1369, ein zauberer, der sich in einen geist verwandeln kann.
5)
ferner von rein geistigen wesen (vgl. e), aber als lebend und wirkend gedacht.
a)
die menschlichen geister selbst im andern leben:
sieh (zum trost) jenem himmel zu, wo dem entbundnen geist
die aufgedeckte welt im wahren tag sich weist.
Haller 264;
mit den geistern speist er droben,
liesz uns hier allein.
Schiller nadowess. todtenklage,
nachher das. in der seelen land. auch als selige geister (vgl. Cronegk, Schiller u. 4, b), himmlische, reine (vgl. 18, g, γ), verklärte u. ä., oder als verdammte, höllengeister u. a. (vgl. von engeln und teufeln unter 7):
du — wie man dich im chore der seligen geister itzt nennet,
ist der erde verborgen! dich nennten die menschen Serena.
Cronegk 2, 47;
wo vor mir (gott) die reinen geister prangen,
reiner als das sonnenlicht.
Uz 1, 339;
in des paradieses hallen,
wo die reinen geister wallen.
J. G. Jacobi 2, 219;
verklärter geister weihekuss.
Körner leier u. schw. 20.
dagegen die bösen geister, die verdampten in der hölle, inferi. Henisch 1446;
als ob die hölle ihre legionen
verdammter geister ausgespien (als unsre gegner), reiszt
ein taumelwahn den tapfern und den feigen
gehirnlos fort.
Schiller jungfr. von Orl. 2, 5.
b)
andere geister im bereich des menschen gedacht und mit mancherlei kräften und wirkungen, auch den menschen dienend (vgl.gute undböse geister u. 7): da sprach Saul zu seinen knechten, sucht mir ein weib, die einen warsagergeist hat, das ich zu ir gehe und sie frage. 1 Sam. 28, 7. 8, vulg. habentem pythonem;
lustig ihr sternen! ich werde sie haben,
welche die götter und geister begaben.
A. Gryphius lustsp. 148 P. (Horrib. 5. aufz.),
mit ihren gaben ausstatten, in halb antiker vorstellung (vgl. von den gaben des heil. geistes sp. 1114);
nun tanzten wol bei mondenglanz ..
die geister einen kettentanz,
und heulten diese weise u. s. w.
Bürgers Lenore a. e.;
wie von unsichtbaren geistern gepeitscht gehen die sonnenpferde der zeit mit unsers schicksals leichtem wagen durch. Göthe 8, 216; ich weisz nicht, ob es geister gebe, ja ich weisz nicht einmal, was das wort geist bedeute. Kant 3, 50. man dachte auf mittel, sie sich zu diensten zu zwingen (vergl. unter 7, b): alle die meister, die die geist kunnen bezwingen. ackerm. aus Böhmen 8, 14, var. zwingen;
die geister in den lüften
entdecken was uns noth (ist).
A. Gryphius 1, 213 (Card. 2, 181);
ihr schwebt, ihr geister, neben mir,
antwortet mir, wenn ihr mich hört!
Göthe 12, 32;
wer sie nicht kennte
die elemente ...
wäre kein meister
über die geister.
68;
die ich rief, die geister
werd ich nun nicht los.
1, 240 (zauberlehrling).
im 17. jh. z. b.: zwölf geister habe ich (der schwarzkünstler), dieselben müssen mir alles kund thun, und kan sie in einen augenblick schicken in Italien, Germanien, Spanien, Indien, und was mein herz lüstet, sie mir bringen müssen und können. schausp. der engl. comöd. 210 Tittm.; vgl. im Faustbuche vom jahre 1587 vom Mephistopheles in Fausts dienste, z. b. im 8. cap.: erschiene dem Fausto sein geist und famulus, gewöhnlich blosz sein geist.
c)
daher dienstbarer geist, spiritus familiaris: ich diene auch meinem nächsten, wenn ich kann, am liebsten ohne körper und schatten und nicht auf meine rechnung, sondern wie es einem dienstbaren geiste anständig ist, wie wind und feuer dem menschen. Hamann 1, 383; im Groszcophta 1, 2 der graf, unter der thüre hinterwärts sprechend: Assaraton! Pantassaraton! dienstbare geister, bleibt an der thüre, laszt niemand entwischen u. s. w. Göthe 14, 128 (dann Uriel als folgsamer geist das.). im 16. jahrh.: wie man sagt, das im Iszland dienstbare geister sein, welche der leut knecht seind in heusern, tragen holz und wasser in die küchen, und wann in einem andern land was groszes gschicht, es stirbt ein groszer herr, es wirt ein schlacht gethan, so wissen es die geister und verkündigen es den leuten. in Teutschen landen hat man diese kleine männlin geheiszen wichtlichen, erdmännerchen, guten hulden und hellekeppelein u. s. w. Agricola spr. 194ᵇ (nr. 301). aber auch die engel, nach Hebr. 1, 14: all engel sein dinstbar geist u. s. w., dergestalt dienen die engel nit allain got on mittel, sonder auch seiner creatur dem menschen. Berthold v. Chiemsee 23, 3, bei Luther: sind sie (die engel) nicht alle zu mal dienstbare geister, ausgesand zum dienst umb der willen, die ererben sollen die seligkeit? λειτουργικὰ πνεύματα, administratorii spiritus; die engel seind dienstbare geister, ausgesandt zum dienst, curatores spiritus, qui ad ministerium legantur. Henisch 702, eigentlich als verdeutlichung von gr. ἄγγελος (mhd. boten über alle lant Krolewitz 1016), vgl. Aventin unter I, d. jetzt im scherz mein dienstbarer geist, von dienern und gehülfen.
d)
auch geist schlechtweg für dienstbarer geist (vgl. im Faustbuche u. b a. e.): ein geist haben, spiritum familiarem habere. Henisch 1445, 59; eine geschichte von einem solchen spiritus familiaris, aus dem 16. jahrh., der seinem herrn zauberdienste leistet, in einer lade verwahrt wird, auch als erbstück in andere hände übergeht, s. Zimm. chron. 1, 455 fg. im 17. jh. einer im dienste des verhaszten cardinal Clesel, den nach seinem sturze 1618 ein lied reuig klagen läszt:
mein geist hat mich betrogen
und mir gar vil verlogen (vorgelogen).
Soltau 2, 335;
ein ding hab ich nicht glaubet (d. h. gar nichts) ..
hab ghalten für (als) mein gott
meinen geist unds gelte (geld).
338,
vergl. in der anm. zu s. 335 von einem gedruckten gespräch Clesels mit seinem spiritus familiaris, der da seinen Mephistopheles spielt. schon mhd., ein helfender geist in dem schwerte des herren wohnend, der ihn auch um rat fragt:
ich hâte in einem swerte
von âventiure einen geist,
daʒ er mir solde künden u. s. w.
der geist was kluoc, er sprach u. s. w.
Frauenlob spr. 247, 2. 6.
dahinter steckt gewiss zunächst, wie bei Agricola ganz deutlich ist, der kobold, der auch hausgeist heiszt, ursprünglich eine deutsche hausgottheit, dann aber durch das christenthum unter die bösen geister verwiesen, daher auch heimteufel hessisch Vilm. 159, poltergeist (s. u.kobold I, 3, c): es ist doch immer besser unter christenmenschen zu leben, als unter solchem zaubervolk, unter kobolten und geistern. Wieland Sylvio v. Ros. (1772) 1, 391. so werden denn auch in Lucifers geisterstaate (s. 7, e) als unterste geister 12 spiritus familiares aufgeführt, in dr. Faustens mirakelbuch, s. Scheibles kloster 2, 868, A. Kühne das älteste Faustbuch s. 162.
e)
sie werden körperlos gedacht: ein geist sihet, feret und höret durch ein eiserne maur, so hell und liecht, als ich durch die luft oder glas sehe oder höre, und was unserm gesicht dick und finster ist, als holz, stein und erz, das ist eim geist wie glas, ja wie ein helle luft, wie denn das die poltergeister und engel wol beweisen. Luther 3, 490ᵇ (vergl. Kant unter 20, b, α); das kan diser tausentkünstiger (der teufel, milleartifex) auch, weil er ein geist ist, der weder raum gibt noch nimpt (wie die körper) und sihet und feret durch einen gelligen stein u. s. w. Mathes. Sar. 144ᵃ. doch können sie vorübergehend von andern körpern besitz nehmen: ein ietlicher geist aus kraft seiner natur, es sei denn das im es got wer und nit gestatt, so mag er einen ietlichen leib oder cörpor besitzen oder sich darin senken und bei und in im würken .. darumb so mag ein engel, er sei guͦt oder bös, würken in unsre sinn u. s. w. Keisersberg irrig schaf D 4ᵇ.
6)
neu mit schönem schein umgeben ward dieser geist von der römischen welt aus als genius, seit dem 16. jh. (es fehlt meist in den vocabularien vorher).
a)
geist, genius als helfer, der den einzelnen menschen begleitet und ihm ungesehen beiwohnt (christlich als schutzgeist gefaszt, s. 7, a): ein geist haben, genium habere, i. e. nativa quadam indole et arcana ratione animos hominum movere et ad sui amorem sponte sua trahere. Henisch 1445, 55, von leuten die sich leicht die herzen anderer oder ihre bewunderung gewinnen. bei Cicero auch als hausgeist, wenn er quemque larem familiarem genium familiarem nennt (Junius nom. 325ᵇ), vgl. V, 1551 lares foci im 16. jh. als kobelte. geist als genius loci, von Rübezal, aber antik gedacht:
du geist, der diesen berg beherrschet, höre mich.
Opitz 2, 280;
du geist, der du allhier bewohnst den öden plan,
du seist auch wer du wilt ...
so wil ich dir allhier an dieser grünen statt
erhöhen ein altar, darauf zur dankbarkeit
ein opfer, das du liebst, soll brennen iederzeit.
du riesenherr, du arzt, du berggott, komm herfür ..
277,
als inschrift an einer linde, wie noch der gartengeschmack des 18. jh. altäre und tempel und inschriften weihte für solche genien, wie man sie nun lieber nannte. in der volkssage (vgl. 7, d):
plötzlich aus der felsenspalte
tritt der geist, der bergesalte,
und mit seinen götterhänden
schützt er das gequälte thier.
Schiller XI, 403 (der alpenjäger);
bei den wilden von Nordamerika ist noch alles belebt, jede sache hat ihren genius, ihren geist, und dasz es bei Griechen und Morgenländern eben so gewesen, zeugt ihr wörterbuch .. Herder urspr. d. spr. 83.
b)
der genius wird auch als erscheinende gestalt vorgestellt:
ward ich gefürt für einen sal
von Genio in diesem traum.
H. Sachs 1, 437 K.;
nach dem sprach zu mir Genius ..
438;
auch als gott der natur, wie in vocab. genius, deus nature voc. opt. Lpz. 1501 M ijᵃ, denn genius ist eigentlich 'deus qui vim obtinet omnium rerum gignendarum' Trochus A 4ᵃ (vgl. naturgeist u. 11, c und mhd. die natur als der ander got Stricker kl. ged. 12, 489 var.):
nun eins nachts gegem tag,
als ich frei munter lag,
erschin mir hell und pur
der grosz gott der natur,
Genius, sprach zu mir ..
3, 470.
Mit geist ist oft eigentlich genius gemeint, das man lange so deutsch gab, während jetzt genius vorwiegt und von geist sich trennt, z. b.: die mehrsten gesänge von ihm (Cronegk) beginnen oder endigen im klagenden ton. es war, als gieng überall, sogar unter dem blüthenregen des frühlings, ein geist mit ihm, welcher sein nahes grab ihm zeigte. J. G. Jacobi Iris 1775 4, 10; wenn der geist der erfindung vor mir über streicht, will ich ihn um so ein meubel bitten. Göthe an die Fahlmer 41 (d. j. G. 1, 396);
jetzt tritt herein der geist des letzten augenblicks,
bedeutend ernst, wie ein gericht.
Tiedge (1827) 1, 99,
der genius der letzten hore
95;
die heitre, freie lebenstochter (thätigkeit),
sie hält ihn fest, den geist der stunden, die entflohn.
156.
so noch jetzt in gehobener stimmung, nur dasz uns die vorstellung nun verblaszt ist, z. b. der geist der eintracht geleite euch, möge dich der geist der geduld nicht verlassen, der geist des friedens sei mit euch u. ähnl., geister die man seit dem 17. jahrh. und noch in unserem von künstlern als genien dargestellt sah; vergl. z. b. in Gottscheds wb. der schönen wiss. s. 754: genii, geister, in der malerey und bildhauerkunst, sind kleine figuren geflügelter kinder (d. h. wie die engel, vgl. Berth. v. Reg. I, 95) mit nebenzeichen, die in allegorischen sachen die tugenden, die leidenschaften, die künste u. s. w. vorzustellen dienen, und s. 978 die beschreibung vom geist der poesie, der geschichte u. s. w., vergl. kunstgeist (3), jetzt nur genius der kunst. daher auch bei den dichtern der zeit, z. b. wie Raufbold der Jenische renommist der Leipziger Mode in die hände fällt:
nun macht sich das gefolg der (göttin) Mode zu ihm her.
ein kleiner geist besieht sein schreckliches gewehr ..
ein andrer geist, der Tanz, nahm seine handschuh wahr ..
von einem dritten geist ward ihm der huth entführet u. s. w.
Zachariä ren. 4, 175 ff., vgl. 3, 147 ff.
Wie das aus dem anschaulichen ins blosz begriffliche übertritt, zeigt z. b., wenn Opitz der Venus absagt:
was meine schwache hand vor dieser zeit geschrieben,
durch deinen geist geführt, das ist der jugend schuld.
2, 242,
es ist mehr schon der geist der liebe, der liebesgeist;
o! sprichst du, welche sittenlehre
giebt euch der geist der schwermuth ein!
Gellert (1839) 1, 170.
vgl. schon aus dem 15. jh. 7, g der geist des neids u. ähnl.; s. weiter unter 25.
c)
auch ungesehen dem menschengeiste helfend, besonders dem dichter, künstler, denker, z. b. Faust beim übersetzen aus dem neuen testament:
ich musz es anders übersetzen,
wenn ich vom geiste recht erleuchtet bin ...
schon warnt mich was, dasz ich dabei nicht bleibe (bei kraft).
mir hilft der geist! auf einmal seh ich rath
und schreibe getrost: im anfang war die that!
Göthe 12, 66,
wo zwar der heilige geist mit im hintergrunde stehen wird, vor ihm aber wol der geist als genius (s. auch von seinen geistern 13, g); von Cento herüber (fahrend) wollte ich meine arbeit an Iphigenia fortsetzen. aber was geschah: der geist führte mir das argument der Iphigenia von Delphi vor die seele, und ich muszte es ausbilden. 27, 169 (it. reise, 19. oct. 1786);
drum hör es denn, wenn dirs beliebt,
so kauderwälsch wie mir der geist es giebt.
56, 19 (ew. jude);
ja, mir hat es der geist gesagt, und im innersten busen
regt sich muth und begier, dem vaterlande zu leben
und zu sterben.
40, 268 (H. u. Dor. 4);
ich thats! als jungen mann entführte schon
zu wilden stämmen mich der geist hinüber,
ins rohe leben bracht ich milde sitte,
ich brachte himmelshoffnung in den tod.
9, 377 (nat. t. 5, 7),
wo doch, als im munde des mönchs, der heilige geist deutlich mitgedacht sein wird (s. 10, d); sieben köpfe nach Raphael, eingegeben vom lebendigen geiste (als zier seiner stube). Göthe u. Werther 115 (d. j. G. 1, 337). diesz eingeben (s. d. 2, vgl. vorhin Gellert und unter 7, a) ist ursprünglich ein einblasen, 'inspirare', wie es der heilige geist und der teufel üben, auch zuflüstern: kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der geist zuflüsterte, dasz sie hätte schweigen sollen, aber es war heraus. Göthe 17, 146 (wahlv. 1, 13); schreibe mir, ob dir der geist sagt was ich meine. Bettine br. 2, 133; auch unser kobold war gedacht als seinem herren gute gedanken, weisheit oder wahrsagung einblasend, zuraunend (s. u.kobold I, 2, a), wie denn Bürger das genie als solchen kobold behandelt (s. das.), genie aber ist eben eigentlich genius (s. 23, g).
d)
Klopstock behandelt die gestalten der dichtung als geister oder genien (schatten); z. b. von unserer sprache und ihren alten dichtungen:
und mit hoheit in der mine stand sie! und ich sah
die geister um sie her, die den liedern entlockt
täuschen, ihr gebild (treues abbild).
oden 1798 1, 270 (unsre sprache),
d. h. aus ihren liedern wie in täuschend lebender gestalt heraustraten (s. unter gebilde 1, b);
die geister der bardiete, welche sie zur schlacht
ertöneten dem zürnenden vaterlandsheer.
272;
bilder des gesangs (1771 s. 244 des bardiets),
ihr geister (1771 schatten), ich beschwör' euch, ihr genien, lehrt,
führet mich den steilen kühnen gang
des haines, die bahn der unsterblichkeit hinauf!
das.;
auch als ihn begleitend und umgebend gedacht:
ihr begleiter! ihr geister! ... genien, ihr saht's!
2, 6 (Teutone);
geister der gesänge, gesungen durch mich.
das.
ebenso:
soll ich verirrter hier in den verschlungnen gründen
die geister Shakspears gar verkörpert finden?
Göthe 2, 147 (Ilmenau);
der todesstunde qual sind (für den dichter) jene schemen,
die wir mit uns in unsre grube nehmen,
die geister, die am sterbebette stehn,
und uns um leben und gestaltung flehn.
Herwegh ged. eines lebend. 1, 186.
e)
auch mit griech. daemon, δαίμων kreuzt sich geist (vgl. u. dämon). ursprünglich gleich genius von niederen gottheiten überhaupt, guten wie bösen, wie auch noch im 16. jh. neben cacodemon, malus genius calodemon bonus genius Trochus A 4ᵃ, ward es doch schon bei den kirchenvätern hauptsächlich von bösen geistern verstanden, wie noch heute (demon teufel Dief. 173ᵃ), ward aber im 18. jahrh., als man wieder griechisch an der quelle lernte, auch zu seiner urspr. bed. zurückgeführt, z. b.:
prinzessin ... sie betrügt man nicht! sie sind
mit geistern, mit dämonen einverstanden!
Schiller don Carlos 2, 8,
nur mächtige, wissende und helfende, nicht böse, vgl. günstiger dämon Göthe 41, 232; auch dämon gleich genius, z. b. der dämon der menschennatur Herder hum. br. 6, 7, nachher das. der genius der menschheit (wie geist 29), und so auch vom eigentlichen menschengeist, der 'individualität der person' Göthe 49, 8 (urworte orphisch), der reine dämon im menschen Schiller X, 229 (s. 18, g, γ). dagegen böser dämon: gewisse zeiten, wo ihn eine art von unmuth, hypochondrie oder wie man den bösen dämon nennen soll, überfiel .. sobald aber der böse geist von ihm gewichen war. . Göthe 24, 137.
7)
unterschieden werden namentlich gute und böse geister, engel und teufel: des himels tron den guten geisten, der helle grunt den bösen, irdische lant hat gott uns (menschen) zu erbteil gegeben. ackerm. aus B. 10, 17; vergl. geiste oder engel Avent. 14ᵃ u. I, d.
a)
guter geist gleich guter genius (s. 6, a): eudaemon, bonus genius, guter geyst, guter engel. Alberus BB 2ᵇ (es gibt auch böse engel, s. u.engel 3), christlich als schutzgeist, begleitender engel gedacht, der uns z. b. vor unglück bewahrt oder warnt, auch heilsame oder gute gedanken eingibt (vgl. u. 6, c): dein guter geist füre mich auf ebener ban. ps. 143, 10, als bote Jehovahs gedacht (nach Luther 3, 26ᵇ der heilige geist, vgl. h a. e.); Weislingen. mein pferd scheute wie ich zum schloszthor herein wollte, mein guter geist stellte sich ihm entgegen, er kannte die gefahren die mein hier warteten. Göthe 8, 68;
ach, warum musz der eine fehlen (der herzog)!
... wir sind in sicherheit,
er in gefahr .. o, mög' ein guter geist
ihn schützen u. s. w.
11, 361 (prol. zu Goldonis krieg);
o hätte damals ein wolthätger geist
an meiner thüre dich vorbeigewiesen ...
9, 306 (nat. t. 3, 1);
wen ein guter geist besessen (vgl. unter i),
hält sich das gedächtnis rein.
4, 142;
Machiavell. möchte doch ein guter geist Philippen eingeben, dasz es einem könige anständiger ist, bürger zweierlei glaubens zu regieren, als sie durch einander aufzureiben. 8, 183, aus glauben und rede des volkes stammend, von ihm aber auch in sein eigenstes innerstes leben aufgenommen (vgl. u. b): mein guter geist hat mir ein herz (d. h. kraft) gegeben, auch das alles zu tragen. an Kestner, d. j. Göthe 1, 368; dein guter geist sei immer bei mir, und die (gedachte, gefühlte) gegenwart des 'lieben gesetzes' mache mich gut und glücklich. an frau von Stein 2, 64, d. h. ihr geist, sie selbst als sein guter geist; ein guter geist helfe uns zum schauen, zum rechten begriff und zum fröhlichen wiedersehen. an Schiller 14. sept. 1795; ich lese deine epistel an die akademisten noch einmal .. und so dank deinem guten geist, und so wohl unsern geistern, dasz sie sich gleichen. an Jacobi, d. j. G. 3, 34, wo mit unsere geister auch mehr genii als mentes gemeint ist. auch himmlischer geist, genius oder engel (vgl. e, β):
guten menschen fürwahr spricht oft ein himmlischer geist zu,
dasz sie fühlen die noth, die dem armen bruder bevorsteht.
Göthe 40, 246 (H. u. Dor. 2).
im leben auch von menschen selbst, z. b. die mutter (oder lieber 'mama'?) ist der gute geist des hauses oder hausgeist, auch der gute genius, gesteigert der gute engel; wer weisz, ob sie nicht gar der gute geist sind, der sie beide (Schiller und Göthe) inspiriert, wenigstens in Hermann und Dorothea. frau v. Stein an Charl. v. Schiller 2, 321.
b)
die engel als gute geister:
gott habe seine hand selbselbsten mit hierinne (bei eurer rettung)
und hab auf euch bestalt der guten geister schaar.
Fleming 471 L.;
das beszte herz hat ... momente, die es gern vor gott, vor allen guten geistern, und vor sich selber verbürge. Lavater das menschl. herz (1798) s. vii. man ruft sie an zum beistand wider ein gespenst: alle gute geister stehen mir bei!; segnen alle gute geister eure reise. Göthe an Kestner, d. j. G. 1, 369; leben sie recht wohl und alle guten geister seien mit ihnen. Schiller an Göthe 17. sept. 1800; alle gute geister in gefolg so vieler höllischen. Göthe an Zelter 5, 331, als schlusz des briefes, der von Mephistopheles und seiner sippe handelt; er glaubte im ganzen ernste an gute geister, zwischen uns und gott, dem weltgeist, vermittelnd (wie Herder ideen 1, 313):
weltseele komm uns zu durchdringen!
dann mit dem weltgeist (vgl. 11, a) selbst zu ringen
wird unsrer kräfte hochberuf.
theil nehmend (als helfer) führen gute geister,
gelinde leitend, höchste meister,
zu dem der alles schafft und schuf.
3, 89 (eins u. alles);
nachts, wann gute geister schweifen,
schlaf dir von der stirne streifen ..
scheinst du dir entkörpert schon ..
4, 389 (2, 394 H.);
über wolken
nährten seine jugend
gute geister.
2, 55 (Mahomets gesang);
vgl. von dämonen (δαίμονες) bei Eckermann: je höher ein mensch, desto mehr steht er unter dem einflusz der dämonen. 2, 62, s. auch 3, 162. 2, 104 und von den geistern die ihm dichten halfen 13, g.
c)
böse geister: spiritus malignus, bose geist. Dief. 547ᶜ; der geist aber des herrn weich von Saul und ein böser geist vom herrn (vgl. h a. e.) macht in seer unrügig (unruhig). da sprachen die knechte Saul zu im, sihe ein böser geist von gott macht dich seer unrügig .. sie raten ihm einen harfenspieler kommen zu lassen, auf das, wenn der böse geist gottes uber dich kompt, er mit seiner hand spiele, das besser mit dir werde. Luther 1 Sam. 16, 14 ff., im 14. jahrh. besasz in der bös gaist u. s. w., s. u. 8, a; ein böser geist, Asmodi genannt, hatte sie alle getödtet. Tob. 3, 8; ein böser geist hat dich verblendet. mit rechten dingen gehts nicht zu. Göthe 11, 278; bildlich, zugleich nach poltergeist (4, f):
die spätern sprachen haben des klangs noch wohl,
doch auch des silbenmaszes? statt dessen ist
in sie ein böser geist, mit plumpem
wörtergepolter, der reim, gefahren.
Klopstock od. 2, 77 (an Voss).
von bösen verstimmungen, wie bei Saul vorhin: in der verdrieszlichen unruhe, in der er sich befand, fiel ihm ein den alten aufzusuchen, durch dessen harfe er die bösen geister zu verscheuchen hoffte. Göthe 18, 217 (lehrj. 2, 13); kein melancholey ist ohn böse geister, sagen die arzt. Henisch 1446. daher er ist von bösen geistern geplagt (vgl. plagegeist), auch blosz von geistern oder von den geistern (worein sich die bed. 13, d mischt), daher vom proktophantasmist in der Walpurgisnacht:
und wenn blutegel sich an seinem steisz ergetzen,
ist er von geistern und von geist curirt.
Göthe 12, 217.
doch auch von gespenstern: von geistern geplaget werden, inquietari spectris Stieler 638. auch die bösen geister heiszen einfach die geister (wie der teufel auch blosz der geist 7, h): man kennts auch gleich, ob der bisz (in das euter einer kuh) vom kunter oder von geistern ist. Schmeller 2, 312 aus dem munde eines viehdoctors im Zillerthal;
und schreibe (hier) keine zeichen in den sand!
leicht aufzuritzen ist das reich der geister,
sie liegen wartend unter dünner decke u. s. w.
Schiller jungfr. v. Orl., prolog 2. auftr.
dasz die teufel geister seien und auch nur geistig, durch menschengeister wirken könnten, sucht sich Seb. Frank klar zu machen: ein geist hat sein wirkung nit weiter dann geistlich (geistig) im geist. der satan, der Schiltach (neulich) hat verbrent, ist ein solicher geist (menschengeist, mensch), het man in, man möcht in auch wol mit fewr verbrennen. sprichw. 2, 165ᵃ.
d)
darin mischte sich wieder altheimisches und biblisches (vgl. 5, d). jenes ist erkennbar, wenn sie in der wildnis hausend gedacht sind, also auszer der alltags- und culturwelt drauszen (wie die kobolde in Island u. 5, c), und selbst ein 'todter geist' sich vor ihnen fürchtet, wie der abt Marx von Reichenau (s. u. 4, e, γ), der im schlosse umgeht und poltert, dasz man endlich einen exorcista holt, ihn zu beschwören: hat auch darbei sein schwager, den Burkharten (der der beschwörung beiwohnte) gebeten .. daʒ man ine in diesem haus nit welle vertreiben, dann so er in ain wildnus von der menschen wonung kommen, würde er von den bösen gaistern übel gepeiniget und geplagt, sonder das man im welle etwann ein gemechle im haus eingeben, do wolle er bleiben und niemands laids zufuegen. Zimm. chr. 4, 187. kirchlich dagegen: pös geist würchen ir verkert (verderblich) einflüsz zuͦ zeiten in die leib, als in die element, besonder in den luft, dorinn sy wonen. Berth. v. Ch. teutsche theol. 24, 7, das cap. handelt von verkerten geisten, d. i. spiritus perversi. im 14. jahrh., in der geschichte von Sauls trübsinn und Davids harfenspiel: und sprachent sin fründ zuͦ im: der bös gaist muͤget dich gar ser, nim ainen man zuͦ dir, der harpfen künd .. wann es mugend vil böser gaist (var. die bösen geister) nit erliden vil saitenspil. hist. bib. 321 M. von schlimmer krankheit überhaupt: vor neujahr hatte ich allerdings vermaledeite krankheit .. acht tage schlug ich mit dem bösen mich herum .. am ende siegte meine gute natur und der böse geist wurde ausgetrieben. Görres br. 2, 410.
e)
ein reich der geister (vgl. geisterreich, geisterall, auch 29, g), guter und böser.
α)
ein geisterstaat des teufels: dewfel versuͦcht stätigs und arbaitt, in sein reich pöser geist die menschen auch zebringen, domit dasselb reich erweitert werde. Berth. v. Ch. 24, 8, sie sind Lucipers natürliche glid (die bösen menschen seine angevuͦgte glid) das., d. h. wie die guten menschen glieder Christi (s. dazu körper 5, a). im 17. jahrh. findet sich diesz höllische geisterreich in vollster ausbildung, s. z. b. Lucifers 12 spiritus familiares u. 5, d a. e., das weitere in der dort angeführten quelle (auch bei Göthe an Zelter 5, 333 ff.), z. b. auch 5 geheimde höllische räthe, 7 adeliche, bürgerliche und bauergeister, 4 freie geister, 7 kluge geister, unter ihnen Mephistophiel, der aber nun statt des Lucifers über alle geister gesetzt ist. es ist darunter aber auch ein hochmuthsgeist, ein zankgeist, mordgeist, diebesgeist, kriegesgeist u. ä. (Göthe a. a. o.), d. h. wie sonst damals und noch heute hochmutsteufel, kriegsteufel u. s. w., die uns den hochmut einflöszen; vgl. schon im 15. jh. unter g und der geist schlechtweg gleich teufel u. h.
β)
dagegen englische, himmlische, hehre, höhere, vollkommnere geister, gleichfalls in staatlicher rangordnung, vgl. u. 5, c, auch Berth. v. Regensb. I, 94 ff. 140 ff.
er hîʒ werdin eingili,
geisti hêri joch vil edili.
Diemer ged. 94, 8,
s. dazu Müll. u. Sch. denkm. s. 403; derselben englischen geist hat got gemacht newn chor, dieselbn nacheinander geordent zenagst an sich als hochsten geist (s. 9, a) und getailt in drei jherarchey, das sein geistliche fürstenthumb u. s. w. Berth. v. Ch. 23, 2, vgl.§ 8, auch 24, 2 von Lucifer, von den chören unter kor 3, zu den himmlischen hierarchien, von Dionysius her, vgl. pass. K. 549, 75 ff., meister Eckhardt bei J. Bach s. 243, Dief. 285ᵃ (die irdische eig. als nachbild der himmlischen); wie dem held Tewrdank ein englischer geist erschin und im riet u. s. w. Teuerd. 115, vgl. v. 5. 11. 154, der engel 139; auch die geister des himmels, die so weit über uns erhaben sind. Gellert 2, 83; vergl. ein himmlischer geist Göthe u. a a. e. auch als schöne geister (vgl. 22, c), mit den engeln wol die verklärten menschenseelen gedacht und im glanz der schönheit (vgl. reiner als das sonnenlicht u. 5, a):
drumb handelt dieser wol, der von der erden klimmet ..
der seinen sinn erhöht, so viel diesz schwache leben
vergönnen wil, und schaut die schönen geister schweben
umb ihren schöpfer her, er kennt das wahre liecht u. s. w.
Opitz 2, 106.
γ)
auch ohne diesen biblisch - kirchlichen hintergrund: geister also glaubten sie (die alten völker, um sich die wirkung der musik zu erklären), geister des himmels und der erde, hätten sich, durch die ketten der musik herbeigezogen, aus sphären und grüften (dem erdinnern) gestürzt, schwebten um sie u. s. w. Herder IV, 112;
sieh welten über dir, gezählt mit millionen,
wo geister fremder art in andern körpern wohnen.
Haller 261;
warum könnte nicht auch die reineste himmelsluft (der aether) zwischen allen sonnen und weltkugeln ein aufenthalt unzähliger vollkommnerer geister sein? Gottsched weltw., theor. th. § 1167, das betr. hauptstück handelt von der stadt gottes (civitas dei) oder der republik der geister (respublica spirituum); ich will mir also lieber eine blosze geisterwelt vorstellen (ohne ihre leiblichkeit zu untersuchen). die geister musz man sich aber nicht als speculirende einsiedler (wie philosophen) einbilden, auch sind sie in immer höheren classen von einander unterschieden. Creuz 2, 268;
o giebt es geister in der luft (vgl. 11, d),
die zwischen himmel und erde schweben,
so steiget nieder aus dem goldnen duft (äther)
und führt mich weg, zu neuem bunten leben!
Göthe 12, 61,
vgl. seine guten geister zwischen uns und dem weltgeist u. b; es gibt augenblicke im leben, wo wir aufgelegt sind, jede blume und jedes entlegene gestirne, jeden wurm und jeden geahndeten höheren geist an den busen zu drücken. Schiller IV, 47; höhere geister sehen die zarten spinneweben einer that durch die ganze dehnung des weltsystems laufen und vielleicht an die entlegensten gränzen der zukunft und vergangenheit anhängen. III, 6 (Fiesco, widmung);
dein wissen theilest du mit vorgezognen geistern,
die kunst, o mensch, hast du allein.
VI, 265.
auch geister des lichts und der finsternis: in einer sprache (der ältesten deutschen), welche die geister des lichts erfunden haben. Wienbarg ästh. feldzüge 22; der geist der finsternis, der satan. Göthe 56, 25 (vgl. die geister der dämmerung 18, 111 unter 13, h).
f)
die teufel heiszen besonders auch unreine, unsaubere geister: und ich sahe aus dem munde des drachens .. drei unreine geister gehn, gleich den fröschen, und sind geister der teufel u. s. w. off. Joh. 16, 13; und er rief seine zwelf jüngere zu sich und gab inen macht uber die unsaubern geister, das sie die selbigen austrieben und heileten allerlei seuche. Matth. 10, 1; und es war in irer schule ein mensch, besessen mit einem unsaubern geist u. s. w. Marc. 1, 23 ff.; ist ihm unter des viel widderstands von den harpyis und unsaubern geysten begegnet. Alberus wider Witzel F 5ᵃ. auch von menschen selbst, die unreines geistes sind: unreine geister haben sich unter die aufrührer gemischt. Göthe 8, 180 (Egm. 1). vgl. reine geister von seligen 5, a. appenz. du wüesta gæst, du ungethüm! Tobler 213ᵇ.
g)
auch bestimmte böse geister oder teufel, wie der geist der hoffart u. ä., z. b. in S. Meisterlins darstellung vom aufstand der zünfte in Nürnberg: also wart beschlossen in der hellischen samlung, dasz sie drei poshaftig geist gen Nurmberg wolten senden .. den geist der hoffart, den geist des neids und den geist der geitigkeit. städtechron. 3, 130, 26; soliche (müsziggänger und gassentreter) fant der bös geist in gehorsamkeit seines gesellen, des geistes des neids, und besasz schnell das herz und zungen eines, der ... was under den andern ein meister. 131, 20; do also die zwen geist in das volk neid, in die muͤsziggeer hoffart geseet hatten. 134, 26; auch kurz der neidgeist 133, 22, aber auch, mit einmischung antiker vorstellung, die göttin des neids 130, 17 (vgl. u. 6, b), in der lat. fassung tres spiritus fallaces, spiritus ambicionis etc. 228, 16 ff.; vgl. u. e, α a. e. im 17. jahrh. hochmutsgeist u. s. w. gleich hochmutsteufel, und noch jetzt geist des widerspruchs u. ä. 25, a.
h)
der böse geist kurzweg meint auch den teufel als einer gedacht (auch blosz der böse): der bös geist gibt im die ding in. Keisersb. sünd. d. m. 19ᵃ; da gieng erst der bös geist von der frawen. 24ᵇ; der böse geist kan auch die leute aufblasen. Luther b. Dietz 2, 53, s. mehr u. böse 4; es stirbet kein mensch, er musz zuvor den bösen geist anschawen. Henisch 1446;
sie toben wie vom bösen geist getrieben,
und nennens freude, nennens gesang.
Göthe 12, 54.
ja kurz der geist im rechten zusammenhang (wie anderseits vom heil. geist 10, d):
der alte feind sie fangen liesz ...
von Löven der sophisten viel ..
versamlet er zu diesem spiel,
der geist macht sie zu toren.
Luther bei Uhland volksl. 920,
bethörte sie zu verkehrten beschlüssen;
doch kan der geist nicht schweigen hie,
der Habels blut vergossen,
er musz den Kain melden (verraten).
922;
vgl. geistgenosz. übrigens ist zu merken, das beide geiste gottes sind, der gute und der böse, den bösen gibt gott den hoffertigen u. s. w., der gute geist ist der heilige geist, der macht sanfte, gelinde und gütige herzen u. s. w. Luther 3, 26ᵇ, zu ps. 134, 10 (s. u. a), mit berufung auf 1 Sam. 16, 14 (s. u. c). so erscheint denn auch in Göthes Faust Mephistopheles unter dem gesinde des herrn 12, 22, er ist der verneiner, wie die teufel überhaupt:
von allen geistern, die verneinen,
ist mir (dem herrn) der schalk am wenigsten zur last.
12, 25;
ich bin der geist der stets verneint.
70.
8)
das verhältnis zum menschen wird gedacht:
a)
als ein besitzen, in besitz nehmen, in besessen (s. d.) noch jetzt allgemein, aber urspr. nicht blosz von bösen geistern (vgl. noch Göthe von einem guten geist u. 7, a): und von dem tag gieng gottes gaist von Saul und besasz in der bös gaist und pînget in .. und gottes gaist besasz den David und ward wîssagen. hist. bib. 321. als ein wohnen im menschen (s. u. d) recht deutlich im folg.: diese war damahl vom zorn ganz eingenommen und besessen .. und ihr ganz angesicht sahe ausz, gleich als ob die höllische geister sich dort einlogirt hätten. Simpl. 4, 65 (vogeln. 2, 8). auch der geist kickt herfür, verrät sich in seinem versteck, guckt vor: wie dünkt dich umb das stücklin (Karlstadts in Orlamünde)? dienet es zu stillem gehorsam der oberkeit oder zu frechem aufrur unter dem pöfel? der geist kickt da erfür, da ich von rede, denn eben derselbe geist, der ein solche riemlin verschluckt, dürft auch wol ein ganz ledder fressen, wenn er raum gewönne. Luther 3, 47ᵇ. noch in neuerer zeit z. b.:
und welch ein toller geist schuf in dir den gedanken,
die hölle zu besehn, mit teufeln dich zu zanken.
Zachariä renomm. 5, 135.
übrigens scheint man das besitzen doch auch als ein wirkliches sitzen auf dem nacken vorgestellt zu haben, denn der teufel reitet auch einen menschen und ein rest davon scheint er hat den schalk im nacken, auch er hats hinter den ohren.
b)
der geist von oben auf oder über uns kommend (vergl.kommen 33), auf uns ruhend gedacht, eig. biblisch: und da Jesus getauft war .. da thet sich der himel auf uber im und Johannes sahe den geist gottes gleich als eine taube herab faren und uber in komen. Matth. 3, 16; und da Paulus die hende auf sie leget, kam der heilige geist auf sie. apost. 19, 6; wenn der böse geist gottes uber dich (Saul) kompt. 1 Sam. 16, 16, s. u. 7, c; sprachen sie, der geist Elia ruget auf Elisa. 2 kön. 2, 15; der geist des herrn herrn ist uber mir. Jes. 61, 1, var. ruget auf mir, ist auf mir, urspr. ist bei mir (vgl. c); wie Esaias 66. spricht, auf wem wird rugen mein geist? allein auf dem demütigen, der mein wort fürchtet. Luther 8, 58ᵇ; da heiszt es recht: auslegen gehört gott zu, oder dem mann auf dem der geist der götter, der genius alter zeiten und gleichsam der kindheit des menschengeschlechts ruhet. Herder xi, 170; musz der (kritiker) erweisen, dasz über ihn der geist alles genies und wissens, aller kunst und cultur gekommen sei. xxii, 220 (Kall. 2, 266), vgl. 25, b; ja manchmal kann ich ihn hassen, manchmal wenn der spanische geist über mich kommt. Göthe 10, 57 (Maria vom Clavigo); aber bald kam, wie vom himmel, ein sanfterer geist über mich und ordnete mein unbändig leidend gemüth mit seinem ruhigen stabe. Hölderlin (1874) 201, wie mit einem zauberstabe; du wirst anders denken, wenn erst der geist der ruhe über dich kommt.
c)
auch einfach als bei einem seiend, in der nähe als helfer (vgl. gott-sei-bei-uns): der geist des herrn ist bei mir. Luc. 4, 18, als anführung aus Jesaias (s. u. b), ursprünglich auf mir, wie griech. ἐπ' ἐμέ; so bin ich aber im geist bei euch. Col. 2, 5; sprach Elia zu Elisa, bitte was ich dir thun sol, ehe ich von dir genomen werde. Elisa sprach, das dein geist bei mir sei zwifeltig. 2 kön. 2, 9; wenn nu bei d. Carlstad ein solcher geist were ... Luther 3, 47ᵃ; wer den teufel nicht kennet, möchte wol meinen, sie hetten fünf heilige geiste bei sich. 60ᵇ. diesz haben auch sonst: und die wîl Saul gottes gaist hett, do gesiget er allen sînen vînden an. hist. bib. 321 (vgl. u. a), vgl. den geist, den Frauenlob in einem swerte hâte 5, d; sihe, zu Endor ist ein weib, die hat einen warsagergeist. 1 Sam. 28, 7.
d)
deutlicher in dem menschen seiend, wohnend (vgl. a), auch aus ihm redend (vgl. den bauchgeist eines bauchredners unter gaukler 2, d): und der herr erwecket inen einen heiland .. und der geist des herrn war in ihm. richt. 3, 10; wisset ir nicht, das ir gottes tempel seid und der geist gottes in euch wonet? 1 Cor. 3, 16; den geist, der in euch wonet, gelüstet wider den hasz. Jac. 4, 5; nur so lange der geist in mir beharret, weiter erkenne ichs nicht. wann der von mir weicht, so weisz ich nichts als nur von elementischen und irdischen dingen dieser welt, aber der geist sihet bisz in die tiefe der gottheit. J. Böhme morgenr. 7, 11; frag du den geist, der in dir ist, und die dinge, die du um dich siehst und hörest u. s. w. Klopstock gel. rep. 159, aus dem goldnen abece der dichter. er ergreift den menschen (von innen):
höret und verehret
den geist, der mich ergreift, der aus mir redet!
Schiller jungfr. v. Orl. 2, 10;
was für ein geist ergreift die dirn?
prolog 3;
für jeden, den der geist gewürdiget
in ihm zu wohnen, ziemts ihn zu verkünden.
Z. Werner Luther 69.
e)
den menschengeist erfüllend, ausfüllend, durchdringend: Josua ... ward erfüllet mit dem geist der weisheit. 5 Mos. 34, 9; sihe, ich .. hab in erfüllet mit dem geist gottes. 2 Mos. 31, 3; was heiszt mit zungen reden (γλωσσαις λαλειν)? vom geist erfüllt in der sprache des geists des geists geheimnisse verkünden. der j. Göthe 2, 237 (zwo bibl. fragen). voll geistes, erfüllt von ihm: und Elisabeth ward des heiligen geists vol. Luc. 1, 41; ich weisz nicht, wie stark andere im geist sind, aber so heilig kan ich nicht werden, wenn ich noch so geleret und vol geistes were als etliche sich dünken lassen (vgl. u. 10, i), noch widerferet mirs allzeit, wenn ich on das wort bin (beim beten) .. so ist kein Christus daheim, ja auch keine lust noch geist. Luther 6, 171ᵃ. vergl. geistvoll, geisterfüllt, auch 10, g. 24, b.
f)
bemerkenswert den menschen regierend: den bösen geist gibt gott den hoffertigen, als von Saul geschrieben stehet, das der böse geist gottes regirt in, das ist der zornige, tobende geist. Luther 3, 26ᵇ (s. u. 7, c); regieret euch aber der geist, so seid ir nicht unter dem gesetze. Gal. 5, 18, griech. vielmehr εἰ δὲ πνεύματι ἄγεσθε; nachdem in rechtmäszigen concilien heiliger geist regiert als wol er bei den propheten und aposteln regiert hat. Berth. v. Ch. 6, 6;
der hauf auf geistlichst sich beweist.
doch (dennoch) regiert sie kein guter geist,
wann wo sie nichts hetten darvan,
sehen (sähen) sie gottes wort nit an.
H. Sachs 6, 346 K.;
verachtung, darzu grosz untrüw,
zorn, nid und hasz sind da nit nüw,
wo diser geist regieret.
Soltau 2, 150, Liliencron 4, 66ᵇ,
in einem kath. streitliede wider Zwinglis partei in Solothurn;
was für ein schöner geist regiert
den bapst und sein römisch gesind.
Fischart 1, 52 Kz.;
wird denn nicht unser geist,
der doch regieren soll, durch umständ' auch regieret?
Brockes 1 (1728), 421;
wärest du (Philippi) meister von dir selbst gewesen und wäre nicht deine zunge von dem dich reiszenden geiste regieret worden .. Liscow 373; Weislingen. ihr werdet nicht verlangen, dasz ich meinen eid brechen soll. bischof. ich hätte verlangen können, du solltest ihn nicht schwören. was für ein geist regierte dich (damals)? Göthe 8, 61. 42, 77; die gute und lautere gesinnung, die man einen guten uns regierenden geist nennen kann. Kant 6, 234. s. auch vom pflanzengeiste unter 11, f, es ist ursprünglich der scholastische spiritus rector im microcosmus (vgl. 12, b a. e., 16, c a. e. und Virgils regit artus spiritus unter 2, c), wie bei Berthold von Chiemsee: fürter wirt das formiert fleisch durch sein aigen geist ... regiert oder bewegt. teutsche theol. 28, 1, s. dazu 14, e, α.
g)
zu bemerken ist auch, schon im vorigen öfter, wie der begriff oft schwankt zwischen einem eingegebnen oder eingefahrenem geiste und dem eignen angebornen geist des menschen, wobei noch geist für den mann selber gesetzt wird (wie 21, d, s. auch die freien geist 10, g a. e.). so besonders in den religiösen kämpfen des 16. jh. (vgl. 10, h), z. b.: do wir sölch gespräch (disputation) zwurend volstreckt, habend sy (die gegner) darinn sölchen zorn und hasz ufgeton ... das alle die gelerten so da by warend iren geist wol mochtend erkennen. Zwingli vom touf a ijᵃ, wes geistes kind sie wären; das schreibe ich darumb, das d. Carlstads geist ursach habe, noch mehr bücher zu schreiben. Luther 3, 52ᵇ; aber der hohe geist Carlstads kan nicht unrecht thun noch irren, er ist das recht selbs. 44ᵇ; weil sich der geist so hell und weisz börnet (brennt). das., als so rein darstellt; nempt ein exempel vom Alstedischen geist (Th. Münzer), der .. gab aufrhur und morden für wider alle oberkeit. 45ᵃ; haben sie nicht gewuszt, das ich diese propheten mit irem geist habe geurtheilet als den teufels geist? 47ᵃ; das er (Carlstad) sich zu den rotten- und mordgeistern hielte. das.; das auch d. Carlstad mich uber tisch (in Jena) uberrumpelt mit solchem sanften herzen und seuberlichen worten, das ich gleich den geist fület aus im reden. 49ᵃ; solche rottische und kluge anschlege, denkt der geist nicht, das (dasz sie) gott sehe oder wehren könde. das.; was solt (würde) der geist (Münzer) wol anfahen, wenn er des pöbels anhang gewönne? 2, 452ᵇ, in dem brief an die fürsten zu Sachsen von dem aufrhürischen geist von 1524; aber dieser geist zu Alstet meidet solches (prüfen) wie der teufel das creuz. 453ᵃ, dieser weltfressergeist 453ᵇ, schwimelgeist 454ᵇ. man sieht wie die zwei oder drei vorstellungen durch und in einander gehen; selbst eine vierte mischt sich ein, geist der von einem mann aus seine umgebung ergreift und ihr geist wird: haben die fürsten zu Sachsen nicht gedult gnug getragen mit dem tollen, schelligen geiste (Carlstad)? ja leider allzuviel, weren sie vleisziger gewest ir schwert (landesherrliche gewalt) zu üben, so were heutiges tages der pöfel an der Saal (um Orlamünde) wol stiller und züchtiger und der geist nicht eingesessen. 3, 49ᵃ, hätte sich nicht eingenistet, festgesetzt. gemischt ist eigner und eingegebner geist wol auch in dem sprichwort bei Henisch 1446 ein jeder sehe sich für für seinen eigen geist (vorher eigener geist, suus spiritus), nach Maleach. 2, 15. 16 sehet euch fur fur ewrem geist; bei Stieler 628 jedweder hat seinen eigenen geist, quisque suos patimur manes. vgl. auch die warnung, nicht jedem geist zu glauben 10, a a. e.
h)
auch als kind- und vaterschaft wird das verhältnis aufgefaszt in der biblischen wendung wes geistes kind er ist (beispiele unter kind 11, c) nach Luc. 9, 55 wisset ir nicht, welches geistes kinder ir seid, griech. aber nur οἵου πνεύματος, sodasz Luther das bild mit kind erst ergänzt hat, vielleicht nach dem biblischen aus dem geist geboren: es sei denn, das jemand geboren werde aus dem wasser und geist, so kan er nicht in das reich gottes komen. was vom fleisch geborn wird, das ist fleisch, und was vom geist geboren wird, das ist geist. Joh. 3, 5. 6, vordem blosz wes geists (vgl.welches geistes Göthe unter 17, c):
waiszt aber nit wes gaists du bist.
Gengenbach 328.
Luthers wendung auch misverständlich wes geist und kind, wol aus dem volksmunde: ist der inquisit unschuldig, wird man ihn durch tausend solche generale fragen nicht schuldig machen, ist er aber ein bösewicht, so wird er sich bald verrathen, und wes geist und kind er sey? zu erkennen geben. entdeckter jüdischer baldober u. s. w. Coburg 1737 s. 15.
9)
gott als geist, gottes geist.
a)
gott ist ein geist, und die in anbeten, die müssen in im geist und in der warheit anbeten. Joh. 4, 24 (πνεῦμα, spiritus), wie bei Plato von seinen göttern: die götter seind geister, darumb müssen ir dienst auch innerlich und geistlich sein, nicht leiblich, nicht euszerlich. Agricola spr. 181ᵇ (zu nr. 301); dieweil gott ein geist ist, so ruhet er nit, ruhet er nicht, so hat er acht auf uns und sorget für uns ... welches Plato freilich von Homero gelernet hat. das.; und so ist das tohu wa bohu wieder da ... aus dem der geist gottes kaum selbst eine ihm würdige welt abermals erschaffen könnte. Göthe 49, 6; vom geist gottes, der den menschen unmittelbar anweht, bei Eckerm. 3, 164, s. unter 2, e, γ, wie Herder in J. G. Müllers aufzeichnungen vom j. 1780: es ging ein sanfter abendwind, 'die sanften flaumen des göttlichen geistes umschweben uns' sagte er. aus dem Herderschen hause, h. v. Bächtold s. 72 (s. auch Göthes spr. in pr. 571); geheimnis des göttlichen geistes in der musik. Bettine br. 1, 308.
b)
versuche, den begriff genauer zu fassen, von den andern geistern zu unterscheiden, z. b. der geist der geister: mhd. der geist der geiste. Herm. Damen MSH. 3, 165ᵃ; gott aller götter, wunderhaftiger herr aller herren, almechtiger geist aller geiste. ackerm. aus Böhmen 55, 12;
dasz menschlicher verstand ..
so gar sich von dem pfad der ew'gen wahrheit trenne
und aller geister geist, die gottheit, leugnen könne.
Brockes 1 (1728), 421;
den geist der geister, betet ihn an!
Voss (1802) 1, 162.
ebenso der höchste geist im geisterreich (s. 7, e):
du gottheit bild, das in mir denkt,
du ausflusz von dem höchsten geiste.
Withof ged. (1751) 39;
das problem der weltordnung aufzulösen und dem höchsten geist in seiner schönsten wirkung zu begegnen (als ziel der weltgeschichte). Schiller IX, 97;
es musz ein höchster geist den geist der tugend ehren,
die er so himmlisch uns entgegen führt.
Tiedge 1, 129;
wer denkt in deinem geist? der höchste geist allein.
Rückert weish. d. br. 249 (8, 21);
vom höchsten geiste fühlst du dich nicht zur verschwimmung
im höchsten geist bestimmt, sondern zur selbstbestimmung.
247 (8, 16).
und so in alter kirchlicher lehre und wissenschaft, s. u. 7, e, β aus Berthold v. Ch. von der hierarchie der himmelsgeister, die gott geordnet zenagst an sich als hochsten geist und bei mhd. dichtern altissimus aus der schulsprache, s. wb. 1, 27ᵃ (wie noch der höchste), z. b. bei Wolfram:
ich weiʒ wol, altissimus,
daʒ du got der hœhste bist.
Willeh. 100, 28.
bei den wilden Amerikas der grosze geist:
doch, wo ist die kraft der fäuste,
wo des athems hauch,
der noch jüngst zum groszen geiste
blies der pfeife rauch?
Schiller nadowess. todtenklage.
c)
mehr philosophisch der unermeszliche, unendliche, ewige, vollkommenste geist u. ä.: got in im selbs ist ain geistliche untödliche substanz, nemlich (d. h.) ain clarer unermeszlicher geist. Berthold v. Ch. 23, 2, begriffe aus der scholastik in der kathol. kirchenlehre; der ewig geist gots. Frank spr. 2, 110ᵇ; überlasse mich der welle, die mich, getragen auf dem hauch des ewigen geistes, zum hafen führt. J. G. Schlosser Anti-Pope 144; wirft aber der ewige geist einen blick seiner weisheit, einen funken seiner liebe einem erwählten zu, der trete auf und lalle sein gefühl. der j. Göthe 2, 241 (zwo bibl. fragen a. e.), vgl. vom menschlichen geiste ebenso 14, d;
zu dir, vollkommner höchster geist.
Uz 1, 226;
dieser vollkommenste geist, welcher blumen und engel schuf. J. G. Jacobi 2, 224 (vgl. unter 11, f), bei Wolff der aller vollkommenste geist ged. von gott § 904. Im unterschied vom endlichen geiste: du unendlicher geist! Göthe 12, 232; hier müssen wir uns nun erinnern, dasz wir den endlichen, nicht den unendlichen geist vor uns haben. Schiller X, 340 (19. ästh. br.), auch der weiseste, gute: es war die vorhersehung (vorsehende anordnung) des weisesten geistes, dasz .. IV, 54, 19; der gute geist. 352, 81 (an die freude). auch urgeist:
doch wer vernimmt den sinn des ganzen? wer
sah dir, o urgeist, in das angesicht?
Herder Adr. 6, 7.
s. auch weltgeist 11, a, der allgemeine geist 30, b.
d)
im verhältnis zur welt als 'geist schöpfer', d. i. spiritus creator, esprit créateur, als schaffender geist:
komm heilger geist, du schaffender.
Göthe 3, 64 H. (vgl. 10, d);
wie konnte deine huld, geist, schöpfer, sich erheben,
den ungeplagten staub zum elend zu beleben?
Withof (1751) 16;
darf aus dunkler ferne sich auch dir nahen die dichtkunst?
weihe sie, geist schöpfer, vor dem ich hier still anbete,
führe sie mir, als deine nachahmerin, ... entgegen.
Klopstock Mess. 1, 10,
auch geistschöpfer geschrieben (z. b. Mendelss. bei Less. 13, 10), s. dazu 23, d von bedeutsamer anwendung auf den menschengeist;
die der schaffende geist einst aus dem chaos schlug,
durch die schwebende welt flieg ich des windes flug.
Schiller I, 274 (grösze der welt);
auch der naturforscher trachtet ihm nach:
aber im stillen gemach entwirft bedeutende zirkel
sinnend der weise, beschleicht forschend den schaffenden geist,
prüft der stoffe gewalt u. s. w.
XI, 88. 80 (spazierg. 131).
e)
gottes geist auch im menschengeiste (in dem ja ohne das auch der begriff, selbst der kahlste, nicht möglich wäre, vergl. 14, d a. e., Jacobi Wold. 2, 212), oft biblisch, z. b.: ich wil meinen geist in euch geben. Hesek. 36, 27, vorher ich wil euch ein new herz und einen newen geist in euch geben v. 26; der geist des herrn in oder bei Saul und David 1 Sam. 16, 14 s. 7, c, aus dem 14. jh. 8, a und c, s. auch von Daniel unter 22, e, α, aus dem N. T. s. Paulus 1 Cor. 3, 16 unter 8, d vom menschen als tempel gottes, in dem der geist gottes wonet, wie er ihm ja nach 1 Mos. 2, 7 seinen geist belebend einhauchte, s. 2, a; aber auch umgekehrt der menschengeist in gott: wisse daʒ menschlicher geist zwaierlai wonung hat, ain naturliche in seinem leib und ain gnedige (durch gnade) in got. Berth. v. Ch. 28, 8. auch blosz geist (vergl. 10, d): wann ich einen weltweisen (weisen nach der welt) menschen sehe .. suͦch ich weniger geist und gots weisheit bei im, dann federn bei einer saw, weil ich weisz dasz gots weisheit nicht (nichts) so wider ist als menschen witz und spitz. S. Frank spr. 2, 211ᵃ. s. auch gottes geist 10, a, der heil. geist im menschen 10, g.
10)
der heilige geist, durch welchen oder als welcher eben der göttliche geist die beziehung zwischen sich und dem menschengeiste nach der kirchenlehre vermittelt.
a)
daher auch gottes oder der göttliche geist selbst, auch gottes heiliger geist genannt:
der süeʒe gotes geist ûʒ dînem (Marias) edeln herzen blüete.
Walther 36, 24;
dein chunst, dein rat mir sende
und deinen fürstleichen gaist.
Vintler 7634;
wie denn geschicht allen denen, die mit göttlicher süszigkeit und geist durchgossen werden, das sie mehr fülen denn sie sagen kunden. Luther 1, 479ᵃ; was das beste an einem werk ist, nemlich das es gehet in gottes geist. 4 (1556), 121ᵃ, vorher ebenso das sie gangen sind in feinem glauben, gottes wort und heiligem geist, von den werken und geschichten der bibel im unterschied von denen der Römer, Perser und Griechen, die wol fast lustig zu lesen sind, aber on geist gethan (s. d); nun (d. i. nur) der glaub ist unsichtbarer, selbstendiger (substantialium), wahrhaftiger ding (hat sie zum gegenstand), die der geist gottes allein antregt, zeigt, lehrt. S. Frank parad. 282ᵃ (nr. 126), nachher der heilig geist versichert das herz mit keiner lüge (sie zu glauben); die Phariseer haben gottes gnad, geist und liecht nichts benommen (in ihrer wirkung) mit ihrem widerstand. 48ᵇ (nr. 25);
der geist gotts ist uns priesteren zuͦgseit,
der würkt in uns alle warheit ...
denn der heilig geist tuͦts an dem ort ..
N. Manuel 187 B. (vgl. Joh. 16, 13);
gotts geist ist aber nit verschlossen
und nur gen Rom hinein gestoszen.
Fischart 2, 52 Kurz.
auch biblisch: der weltkreis ist vol geistes des herrn. weish. Sal. 1, 7; ir aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders gottes geist in euch wonet. Röm. 8, 9; und Johannes sahe den geist gottes gleich als eine taube her ab faren. Matth. 3, 16; und der geist gottes schwebet auf dem wasser. 1 Mos. 1, 2. daher von den gaben des heiligen geistes (s. u.gabe sp. 1114, vgl. auch u. f):
er ist bei uns wol auf dem plan (als kampfhelfer)
mit seinem geist und gaben.
Luther bei Mützell 28;
wenn ich nur deines geistes gab
zum trost in meinem herzen hab,
so hab ich alle schätze.
Ringwald das. 691.
b)
ebenso aber Christi geist als heiliger geist: der geist Christi, der in inen war (in den propheten). 1 Pet. 1, 11; weil ir denn kinder (gottes) seid, hat gott gesand den geist seines sons in ewre herzen. Gal. 4, 6, urspr. dafür seinen geist, d. h. abweichend vom griech.; was in aim concili beslossen, ist zeglawben dasselb sei beschehen durch den geist Christi, der zuͦegesagt hat, als oft zwen oder drei in seinem nom zesamen komen, welle er in irer mitte sein. Berth v. Ch. 6, 4 (zur sache s. c, γ); so wird hinfurt niemand so toll und töricht sein, das er sich (als) einen münch taufen lasse, da weder Christus blut noch geist gegeben wird, und von dem stande trette, darin er ein christ sein mag und mit Christus blut und geist begabt wird zur vergebung der sünden. Luther 6, 24ᵃ, der wein im abendmahl als Christi blut gedacht, in diesem aber sein geist enthalten (vgl. u. kuchen 2, d, γ), daher auch geist und blut vergieszen u. 3, c;
zeuch ein zu deinen thoren,
sei meines herzens gast ..
o hochgeliebter geist
des vaters und des sohnes.
P. Gerhardt 111 Göd.;
frôn Krist, vater unde sun, dîn geist berihte mîne sinne.
Walther 26, 9.
c)
vorherschend aber der heilige geist.
α)
hd. ward spiritus sanctus (τὸ ἅγιον πνεῦμα) zuerst mit wîhêr âtum gegeben (vgl. 1, b), fränk. aber mit heilager geist (Müllenh. u. Sch. denkm.² s. 156), wie alts. hâlog gâst (das. 155), hêlag gêst Hel. 275, ags. hâlig gâst, engl. the holy ghost (dän. den helligaand, schwed. den helige ande). mhd. zeigt sich eine zusammengeschobene form, folge häufigsten gebrauches, heiliggeist, heiligeist (s. Weinh. al. gr. s. 255): dô von liset man das der heiliggeist die sêlen nimet ûf sîn vederen und swinget si ûf für got. Wackern. pred. 170. 180, aber des heiligen geistes das.;
die juden wundert aller meist
daʒ vater, sun, der heiligeist
ein got sîn ungescheiden,
des wundert ouch die heiden.
Freid.² 24, 25,
vgl. die var., in zwei guten hss. der hêre geist, wie er auch oft heiszt; der vater und der sun hânt éinen willen, unde der wille ist der heiligeist, der gît sich in die sêle u. s. w. Eckh. 499, 39 (vgl. 17, h); der heiligeist gât ûs als ein minne, unsern geist mit im ein ze machende. Kraft v. Boyberg bei Haupt 8, 242; noch nhd. anfangs, im volksmunde fest geworden, und noch kürzer heilgeist (wie noch jetzt als name):
nu geseine mich hude allermeist
gott vater, sone und heilgeist.
Alsfelder pass. 1995.
auch mit dem hebräischen rûᵃch zusammen (vgl. voc. 1482 k 1ᵃ rua):
ich main mit abba dem vater
und mit dem sun und ruha-gaist.
Vintler 5364;
ich main dich, heiliger ruha.
7621.
β)
nhd.: der heilige geist, so recht leret. weish. Sal. 1, 5; sendest deinen heiligen geist aus der höhe. 9, 17; der hat sie (die weisheit) durch seinen heiligen geist verkündigt. Sir. 1, 9; ich teufe euch mit wasser .. der aber nach mir kompt .. wird euch mit dem heiligen geist und mit fewr teufen. Matth. 3, 11; und teufet sie im namen des vaters und des sons und des heiligen geists. 28, 19; der tröster, der heilige geist. Joh. 14, 26; heiliger geist ist der kirch sele. Berth v. Ch. 699ᵇ, im reg.; der heilige geist, der höhest und beste poet oder tichter (von den psalmen) Luther 5, 202ᵃ;
komm, heiliger geist, herre gott (veni, sancte spiritus übers.).
ders. bei Mützell 12, vgl. 348 fg.;
im pl.: wer den teufel nicht kennet, möchte wol meinen, sie hetten fünf heilige geiste bei sich. Luther 3, 60ᵇ; Fibel stellte sich einen rector magnificus ungefähr vor wie die h. dreifaltigkeit und voll ausgehender heiliger geister. J. Paul 54, 31.
γ)
welche bedeutung der begriff in unsrer vorzeit, auch im öffentlichen leben hatte, zeigt, dasz man den heiligen geist bei wahlen und abstimmungen wirksam dachte; z. b. in der verkündigung der wahl könig Ruprechts i. j. 1400: und han wir .. kurfursten obgenannt .. denselben herrn Ruprecht in dem namen der heilgen drivaltikeit und von gabe und innegieszung des heiligen geistes .. zu eime rechten romischen konige .. recht und redelich gekorn u. s. w. Frankf. reichscorr. 1, 528; von der wahl k. Sigmunds i. j. 1411: wie daʒ von gnaden des almechtigen gots von ingieszunge des heilgen geists ein heubt der gemeinen cristenheit und ein rechter gewarer romischer konig .. gekoren ist. 226, wie die bevorstehende wahl als nach uszwisunge des heiligin geistes zu geschehen der stadt angemeldet wird (s. 154). bei der wahl eines bischofs von Straszburg i. j. 1506 wird bei der frage nach dem verfahren von einer seite verlangt, man solt die (wählenden) thumherrn vor mit dem sacrament bewaren, wie das bei dem bischof Cunradt von Busenack gehalten, und solt eligieren per viam inspirationis sancti spiritus, s. S. Brant bei Zarncke 200ᵃ. ebenso bei der papstwahl, auch bei der entscheidung von concilien, vgl. Berthold von Chiemsee unter b und: heiliger geist (er meint der h. g., lat. gedacht) würcht on zweifel mer bei ganzer (einer g.) besamlung, dann bei ainlitzigen menschen. ders. 6, 8. freilich war dazu einstimmigkeit und völlige eintracht die begrifflich eigentlich nötige voraussetzung, d. h. der h. geist zugleich als der allgemeine geist (s. 30), der durch einheit aller einzelnen zur darstellung und wirkung kommt.
d)
er heiszt nach umständen auch blosz der geist (wie umgekehrt auch der teufel, s. u. 7, h):
und der geist, den nieman mac
sunder scheiden (vater und sun vorher genannt).
Walther 15, 30;
gegen dem himel er dô sach,
er kniete nider unde sprach:
got vater sun unde geist,
wan du mîn unschult wol weist u. s. w.
Stricker Karl 11485;
swaʒ hât geschriben sant Augustîn
von dem geiste und von der schrift.
Renner 17284;
solchen schatz sihet niemandt nicht, der geist aber sihets, darumb streichet ers auch meisterlich aus. Luther 4 (1556), 121ᵇ, der h. geist als der eigentliche verfasser der h. schrift, die von den griechischen und römischen beschriebenen werk sind on geist gethan 121ᵃ, vgl. u. a;
dar zu wellest du (gott) erleuchten
keiser- und königliche cron (den kaiser),
und mit dem geist befeuchten
churfürsten und fürsten fron.
Soltau 2, 158, v. j. 1534;
welchs ihm (Petrus) nicht hat das blut und fleisch
geoffenbart, sonder der geist.
Fischart 2, 52 Kz.;
und dasz der geist da (bei den Augsburgischen) findt kein statt?
das.
auch biblisch schon: da ward Jhesus vom geist in die wüsten gefürt, auf das er von dem teufel versucht würde. Matth. 4, 1; lesterung wider den geist. 12, 31, vergl. wider den heiligen geist v. 32; und der geist ists, der da zeuget das geist warheit ist. 1 Joh. 5, 6. ebenso in dem alten kirchenhymnus veni, creator spiritus, von Göthe übersetzt (s. dazu 23, d, γ), mit anlehnung an Luther (c, β a. e.):
komm heilger geist, du schaffender.
3, 64 H.;
Paulus (1 Cor. 14, 14) setzt die zur empfindung des geists bewegte seele (πνευμα) dem ruhigen sinn (νους) entgegen. d. j. Göthe 2, 240 (zwo bibl. fr. a. e.). s. auch u. 6, c geist als 'genius' und heil. geist sich mischend.
e)
bloszes geist auch im leben als abkürzung von heiliger geist, es gibt gasthöfe zum geist, eig. wol bei einer kirche zum h. geist, z. b.: ich war nämlich in den gasthof zum geist gegangen (in Straszburg), ich weisz nicht welch bedeutende fremde aufzusuchen. Göthe 25, 296, Herder wohnte da; dasz ich noch im geist logire. Herder lebensb. 3, 109. die letztere wendung, zugleich wunderlich spaszig, auch so: wie Ulenspiegel zuͦ Mollen krank ward .. und wie er in den heiligen geist gebracht ward. Eul. hist. 99; liesz in in den spital (der hiesz der heilig geist) bringen. das. die insassen eines solchen heiszen die heiliggaister im spital, zu Memmingen Baumann qu. zur gesch. des bauernkr. in Oberschw. 100, vgl. der spittelmaister des heiligen gaists 149.
f)
ebenso biblisch-kirchlich der geist der weisheit, wahrheit u. ä., als gaben des h. geistes gedacht (vgl. u. a und hier zuletzt): und solt reden mit allen die eins weisen herzen sind, die ich mit dem geist der weisheit erfüllet habe. 2 Mos. 28, 3, vgl. u. c, β Sir. 1, 9; (ein heiland wird kommen) auf welchem wird rugen der geist des herrn, der geist der weisheit und des verstands, der geist des rats und der sterke, der geist der erkenntnis und der furcht des herrn. Jes. 11, 2; wenn aber der tröster komen wird .. der geist der warheit, der vom vater ausgehet, der wird zeugen von mir. Joh. 15, 26. 14, 17, vergl. vom geist der warheit und des irthumbs. 1 Joh. 4, 6; dieweil wir aber denselbigen geist des glaubens haben. 2 Cor. 4, 13; das zeugnis aber Jhesu (womit er sich bezeugt) ist der geist der weissagung. off. Joh. 19, 10. mhd. z. b.: diu ein (bitte) ist das got der vater uns welle geben die gâbe des heiligen geistes, diu dô heiszet miltikeit des hercen. Wackern. pred. 180; das uns diu genâde und gâbe des heiligen geistes werde gegeben, die vernunft ist geheiszen. 181. vgl. übrigens 25, b.
g)
damit tritt denn gottes geist in den menschengeist selbst über (vgl. 9, e) und propheten und prediger berufen sich auf den geist, heiligen geist, der in ihnen wirke, aus dem sie reden (vgl. 8, d. e); z. b. im 16. jahrh.: ja er (der mensch) ist ietz das gesetz selbs und in dem heiligen geist frei und gefreiet .. also werden die kinder gottes aus gott geborn, von dem heiligen geist besessen, getriben, regiert, dasz sie frei dahin faren in alles guͦts, darinn leben, schweben und meienbaden. S. Frank parad. 275ᵇ (nr. 218); die aber frei vom gesatz sind und weit ab dem gesatz leben, schweben und in freiheit des geists herrschen, dise allein halten das gesatz. 276ᵃ; der dienst aber des geists, ij. Corint. iij (v. 17), ist den heiligen geist predigen, die kraft des lebendigen worts treiben und allein ein hand und mund gottes sein. 277ᵇ (nr. 226); ja volle einheit des menschlichen und göttlichen geistes: so wir (beim beten) im geist mit got ein geist seind, bit auch der unverdrüssig ewig geist gots .. für uns in uns. Frank spr. 2, 110ᵇ, vergl. vorher alle die mit im ein geist seiner art seind (und 1 Cor. 6, 17 von Christus und den gläubigen). es ist aber im grunde wie beim ausbruch des genies im 18. jahrh. (s. 23, f). dazu mancherlei wendungen, z. b. bruder nach dem geist (wie in Christo); z. b. in Luthers liede von den beiden märtyrern des evangeliums in Löwen 1523:
der erst recht wol Johannes heist ..
sein bruder Heinrich nach dem geist.
Uhland volksl. 920.
auch in der mystischen bewegung oder gärung des 13. 14. jahrh. war viel so vom geist die rede, z. b. unter den anhängern des Suso, den z. b. ein ritter mit tödlichem hasz verfolgte, weil er ihm seine töchter verkehrt habe in ein besonderes leben, das da heisze der geist (Preger briefe H. Susos s. 14); eine secte nannte sich brüder des frîen geistes (Lex. 1, 799), ganz anders als die freigeister des 18. jahrh. (s. weiter 22, a); jene heiszen übrigens auch 'vom neuen geiste', de novo spiritu (Preger gesch. der d. mystik 1, 207. 461), ich weisz nicht, ob die neuen geister bei Luther noch damit zusammenhängen (wie er noch von freien geisten spricht): das itzt unsere newe geister .. daher geifern. 4, 422ᵃ; vgl. geister m., geisterei, geistgelehrter.
h)
ausartung und misbrauch konnte nicht ausbleiben, man wandte sich in ernst und spott dagegen, ward aber auch irre und hatte zweifel und streit darum, welches wirklich der h. geist sei; im 14. jahrh. sollte z. b. die sog. theologia deutsch mit dazu dienen nach der vorrede, wie und wa mit man erkennen muge die warhaftigen gerechten (rechten) gotesfrunde und ouch die ungerechten valschen frien geiste (s. g a. e.), die der heiligen kirchen gar schedlich sint; von einsiedlerinnen, waldswestran spottend:
so denn ieman zuo in gat,
dem sagends von got fruͦ und spat
und redent so tief vom gaist
und wissend drum nit ain vaist u. s. w.
teufels netz 5883.
im 16. jahrh.: ja so man sy (beim disputieren) also in den winklen umhar jagt, so endrünnends zuͦ irem geist und sprechend, der geist gebs inen also ze verston. ich gloubs inen wol, es ist der recht geist der roten hosen. Zwingli vom touf r ijᵇ; so ermesz ein ieder frommer christ, was das für ein geist sye .. er muͦsz eitweders fräven sin oder aber lugenhaft. q iijᵃ; gleich als hab heiliger und nit deüflischer geist dem Luther sein newe lere eingespihen und geoffenbart. Berth. v. Ch. 6, 8;
den Müntzer hat sein gaist betrogen,
der ist nun hin und auf geflogen.
Baumann qu. z. gesch. des bauernkriegs aus Rotenburg 622.
das ich hochmütigern, stolzern heiligen geist (wo ers were) weder gelesen noch gehört habe. Luther 2, 452ᵃ, von Th. Münzer; ob sie aber würden fürgeben, der geist treibe sie .. da antworte ich .. es musz freilich (d. h. sicherlich) ein schlechter geist sein, der seine frucht nicht anders beweisen kan dann mit kirchen und klöster zubrechen und heiligen verbrennen. 453ᵃ; ich sage vom geist, den sie haben, der sie treibet, der ist nicht gut und hat mord und aufrhur im sinn. 3, 45ᵇ; und wider das einseitige berufen auf den h. geist: ja, spricht er (Carlstad), solt mich eine hand vol wassers von sünden rein machen? der geist, der geist, der geist musz es inwendig thun. 3, 60ᵇ; wie er dir mit den worten geist, geist, geist das maul aufsperret .. und wil dich leren, nicht wie der geist zu dir, sondern wie du zum geist komen solt, das du solt lernen auf den wolken faren und auf dem winde reiten u. s. w. 61ᵃ; nicht wil er (gott) on lere oder euszerlich wort an uns handeln, wie itzt etliche tolle propheten narren. 30ᵃ; vgl. so gegen S. Frank unter geister m. gegen Münzer und die seinen: das sie den geist rhümen, gilt nicht, denn wir haben hie s. Johans spruch, man solle die geister zuvor prüfen, ob sie aus gott sind. nu ist dieser geist noch nicht geprüfet, sondern feret zu mit ungestüm und rumort (wie ein spukgeist 4, f) nach seinem mutwillen ... und treibt in seinem nest (Alstet) die aller unerschrockensten wort, als were er drei heiliger geiste vol. 2, 453ᵃ. schon zu der apostel zeiten waren entsprechende verhältnisse in der aufregung der geister: ir lieben, gleubet nicht einem iglichen geist, sondern prüfet die geister ob sie von gott sind, denn es sind viel falscher propheten ausgegangen in die welt. 1 Joh. 4, 1 f., das ist der geist des widerchrists v. 4. daher als sprichwort, auch aufs leben angewandt:
eim ieden geist nit glaub allzyt.
S. Brant facetus 59;
du solt allen geistern nicht glauben, traw wol reit das pferd hinweg. Agricola spr. 202ᵇ (nr. 308).
i)
geist tritt aber da auch von selber in die bed. begabung über, bes. redegabe des predigers, zuerst im anschlusz an apost. gesch. 10, 45 (s. sp. 1114): am tage Nicolai episcopi thet er (bruder Heinrich, s. u. g) zwo predigt .. mit solchem geist, das sichs jederman verwundert. Luther 3, 33ᵇ; und das alles mit solchem geist .. das.; er selbst spricht sich gern den geist ab (vgl. von seinem beten u. 8, c), freilich zugleich zum unterschied von denen die von ihrem geist viel geschreis machten (s. h), z. b.: wenn ich (der so gar on geist ist und kein himelische stimm höret) mich hette solcher wort lassen hören gegen meine papisten, wie solten sie gewonnen schreien! 2, 453ᵇ; dennoch hab ich in solchem armen geiste das gethan, das dieser weltfressergeist noch nicht versucht .. das., d. h. mich gestellt zum geisteskampfe, z. b. in Worms: mein blöder und armer geist hat (da) müssen frei stehen als eine feldblume .. das.; es fällt eigentlich zusammen mit unserm genie, talent (s. 23. 24). selbst mit folg. inf. (wie gabe u. ä.): hat der unrecht Caiphas .. heiligen geist gehabt, die warheit ze propheceien, daraus ist zevermuͦten, daʒ ain bapst vil billicher .. waren geist hab zuͦ erklären die zweiflichen sachen im glawb u. s. w. Berth. v. Ch. 6, 7; auch mit von: (er habe) vor andern propheten einen fürtrefflichen geist von diesen sachen gehabt. Ayrer proc. 1, 8, wie noch jetzt prophetischer geist, tiefste einsicht mit voraussicht (vgl. 19, k, δ). auch das wahre verständnis musz im geist geschehen: darumb sind die wort im geist geredt auch im geist zu verstehen. Luther 3, 3ᵇ, doch zugleich: nicht buchstäblich, sondern allegorisch.
k)
geistlich dient als adj. zu heiliger geist, und rückwärts geist in diesem sinne wieder auch als subst. zu geistlich, gleich geistlichkeit (s. d.), z. b.:
drumb woltens nit (wie man sonst pflegt)
ein bischof weln nach gelt und gunst,
sondern nach frombkeit, geist und kunst (wissenschaft).
Waldis Es. IV, 90, 96;
es ist an vilen enden noch der brauch, das man in der fasten das gemein volk zuͦ der beicht vermanet .. so ist man dann ein wenig geistlich. wenn nun die ostern hinweg sind, so ist der geist auch hinweg .. Wickram rollw. 88, 7, d. i. eig. der heilige geist, denn als dessen mittheilung an die gemeinde war der gottesdienst gedacht: zwo geschwister, die gleich mir mehr tranks in dem wirthshause als von der kirchweihung (her) des heiligen geistes in der kirch zu sich genommen und empfangen hatten. Simpl. 3, 415 Kz. (vogeln. 1, 18); sagen sie dem herzog, dasz sein andenken besonders den herrn v. Rothkirch erfreut hätte, den ich auch in der gesellschaft kennen lernte. aber er sieht völlig aus wie ein geist, es ist ein geistlicher herr, der weihbischof. frau v. Stein b. Charl. v. Schiller u. i. fr. 2, 344.
l)
übrigens wird der begriff auch über seine eigentliche kirchliche geltung hinaus vielfach festgehalten und als gefäsz für anderen und doch sachlich verwandten inhalt gebraucht (auch misbraucht), z. b.: nein! es ist der born der nie versiegt. das feuer das nie verlischt, keine ewigkeit nicht! beste frau, auch in dir nicht, die du manchmal wähnst, der heilige geist des lebens habe dich verlassen. Göthe an fr. v. Stein 1, 19, 'das leben' (vgl. u. 15, e) in gedrungenstem begriffe als das göttliche in der welt gedacht, mit anklang an den kirchlichen begriff vom h. geist als lebenschaffend (14, e, β), wie in andrer fassung in einem brief an Röderer v. j. 1771: es freut mich, dasz mein reden unter ihnen mit ἐξουσια gesalbt war, und dasz der geist alles des was lebt, meine worte zum fruchtbaren regen geschickt hat. d. j. Göthe 1, 315 (vgl. 303); wer entsiegelt das zauberbuch der kunst und befreit den verschlosznen heiligen geist? nur der verwandte geist. Fr. Schlegel Athen. 3, 31; ihr (polit.) gleichheitssystem ist eine sünde wider den heiligen geist der natur, sofern sie es auf die geister übertragen. W. Menzel die d. lit. (1828) 1, 226; alles was jung ist in Deutschland, steht auf unsrer seite und lebt der frohen hoffnung, dasz auch ohne verjüngung mittelaltriger formen eine wiedergebärung der nation, eine poetische umgestaltung des lebens, eine ergieszung des heiligen geistes, eine freie, natürliche, zwanglose entfaltung alles göttlichen und menschlichen in uns möglich sei. Wienbarg ästh. feldzüge (1834) 30; die stiftung dieser (neuen) kirche wird nicht von dem willen der einzelnen abhangen, unbewuszt, durch schwere, vielleicht furchtbare ereignisse wird der geist gottes sein unwiderstehliches nöthigungsrecht ausüben. Immermann Münchh. 3, 215 (6, 17 a. e.), vergl. s. 214 die weltgeschichte ist immer nur das gewand der gottesgeschichte, der athem der zeit sauset u. s. w. (nach 2, e); Jean Paul, der dritte im bunde unserer literarischen dreieinigkeit, nämlich der heilige geist, dieser gott des humors .. Herwegh ged. u. krit. aufsätze (1845) 1, 141; diese neue weltreligion, die freiheit des subjekts, wird .. behaupten, dasz erst das kind, was jetzt im schosze der zeit liegt, vom heiligen geist empfangen sei u. s. w. 100 (nach K. Grün);
aus wem der geist, der heil'ge, gottgesandte,
erhaben zürnt, sein urtheil ist gesprochen (vom schwarm).
Geibel ged. (1850) 274.
vergl. dichter als ritter von dem heilgen geist (H. Heine) u. 19, m, δ, auch im 18. jahrh. und schon im 16. das genie, der genius als salbung (des h. geistes) u. 23, e.
11)
aber die ganze welt ist begeistet und beseelt, im ganzen und im einzelnen, bis hinunter oder hinein zu den monaden, atomen, zellen o. ä. (vgl. geisterchen).
a)
auch die welt als ganzes, der macrocosmus, das all vor uns:
so mag der geist der welt in unser denken,
in jede blüte, jede brust sich senken.
Herwegh ged. eines leb. 1, 190;
vergl. aus Göthe 3, 89 unter 7, b von weltgeist und weltseele, zunächst wol veranlaszt durch Schellings buch von der weltseele 1798 (vgl. werke 31, 80), obschon ihm dieser begriff schon von Herder wol geläufig war, der ihn z. b. schon in dem aufsatz über Shakespear als bild für die schaffende dichterseele brauchte (von d. art u. k. 101) und im philosophischen sinne besprach in der schrift gott s. 174 ff. (von Lessings entsprechendem begriffe handelnd), das. s. 198 auch die weltordnung als das immer wirkende leben des weltgeistes;
der weltgeist, nenn ihn äther oder licht ... (vgl. u. 19, l, α),
er macht dich sehn und hören, fühlen, denken,
er denkt in dir, du bist nur sein gefäsz.
Herder Adrast. 6, 5;
nachher das. s. 10 allgemeiner geist genannt und als gott gedacht (s. 30, b), wie bei Brockes u. 9, c, bei dem der weltgeist auch im erdinnern wirkend gedacht ist als urquell alles lebens auf der erde, in einem gedichte vom wasser, das auf seinem erdenlauf zuletzt im meer sich sammelt,
um im mittel-punct der erden
von dem welt-geist abermal
schwanger wiederum zu werden,
und die geister ohne zal
unsrer welt aufs neu zu bringen,
draus ohn' unterlasz entspringen
alle dinge, die wir sehn
wachsen, währen und vergehn.
ird. vergn. in gott 1, 300 (295),
wozu die mütter im erdinnern mitwirken s. 302 (vgl. sp. 1229), vgl. natur-geist u. c, und aus der alten geheimen kunst: archeus, bedeutet, nach Paracelsi und Helmontii art zu reden, animam mundi, den weltgeist, oder die würkende natur, oder die haupt-ursach aller natürlichen dinge. in den menschen soll er das principium vitale .. heiszen. Hübners convers. lex. 2, 138; auch vom spiritus mundi sprach man, s. z. b. Kopp gesch. der chemie 2, 230; wenn ich ihm mich in die arme werfe, dem herrlichen geheimen geiste der welt, in seine tiefe mich tauche wie in den bodenlosen ocean hinab. Hölderlin 218. zum weltgeist und der weltseele aber kommt selbst ein weltgemüt als ergänzung: so bleibt (unter allen gefahren) doch der kern der deutschheit unzerstörbar, denn sie hat als ein theil des ewigen weltgemüthes ewige bedeutung. Pfizer briefw. zw. D. 156, s. schon Novalis 1, 219. wie der begriff sich dem gottesbegriffe nähert und in ihn überschlägt, s. auch u. 30, a.
b)
auch die gestirne sind beseelte oder begeistete wesen, gleich jener anima mundi, eine annahme alter wie neuer und neuester denker und besonders dichtern willkommen: die geister der gestirne stellten sich um den thron. Novalis 1, 175 (im märchen); vgl. Klopstock 7, 21 von den seelen der sterne (ode 'die unbekannten seelen') und die ode v. j. 1796 'die sonne und die erde', d. h. im zwiegespräch über die gräuel in Paris; ebenso ist bei Göthe gemeint das leben wohnt in jedem sterne u. s. w. 4, 388 (leben wie u. 10, l), vgl. liebende sterne 12, 77 und seine ausführung bei Falk 54 ff.; so ein lebensgeist (s. 13) der sonne:
ihr wunder-voller lebens-geist,
der aus dem tiefen meer des ew'gen lichtes fleuszt.
Brockes 1, 472 (463).
der sternengeist, siderische geist, zugleich als einer gedacht und auf die erde wirkend und mit schaffend, bei J. Böhme: und derselbe syderische geist ist die seele der groszen welt, die am puncto solis hanget und ihr liecht und leben von ihr nimmt, gleich wie alle sternen liecht und kraft von der sonnen nehmen, also auch ihr geist. myster. magnum 11, 30; der sternen-geist macht so wol seine corpora als der elementische, und solches in allen creaturen, in lebendigen und wachsenden. 18; also wird auch der syderische geist in allen creaturen ausgebrütet und coaguliret. 27; auch der astralische geist 67, 3 ff., im reg. aber (Amsterd. 1682) plur. die syderischen geister. dahinter steht die alte lehre von der lebendigen einwirkung der gestirne, deutlicher z. b.: gleich wie die 3 elementa feur, luft und wasser von der sonne und den sternen ausgehen .. und machen die lebendige bewegung und den geist aller creaturen in dieser welt. morgenr. 3, 28. so auch im menschen (vgl. u. d): eines menschen natürlicher geist oder sterngeist, a man's genius or astral spirit, his natural temper, talent, disposition or inclination. Ludwig 721; der reife und vollkommene astralgeist. Bürger 338ᵇ (ironisch gegen Schiller). übrigens sind auch in dem höllischen geisterreich u. 7, e sieben planetengeister, s. Kühne a. a. o. 161 fg., wie ähnlich umgekehrt bei J. Böhme in gott und seinem geisterreiche sieben geister gottes oder quellgeister morgenr. 12, 72 fg. 76, naturgeister 12, 82. 126 ff.
c)
ein geist der natur, diese als ein lebendiges ganze gedacht: da soll uns (in der schule) das todte nachdenken dinge lehren, die blosz aus dem lebendigen hauche der welt, aus dem geiste der groszen würksamen natur den menschen beseelen .. konnten. Herder urspr. d. spr. 169; im gipfel der fichte rauschte uns (kindern) das flüstern des erhabnen naturgeistes. Kallig. 3, 31, vergl. der geist der natur, der im volksliede singt. von d. art und kunst 42; die natur hat auch einen geist u. s. w. (s. 20, c, γ). Bettine br. 2, 113; dieser muthige streit des (menschlichen) gemüths mit dem groszen naturgeist. Schiller X, 224, nachher verkehr mit diesem groszen genius, d. h. vor dem erhabenen in der natur. vom künstler heiszt es: jenen im innern der dinge wirksamen, durch körperliche sinnbilder zum auge sprechenden naturgeist soll er in sich lebendig machen u. s. w. Wienbarg ästh. feldz. 203, vgl. 200 fg. von begriffen der natur, im anschlusz an Schelling. wie auch diese vorstellung schon im mittelalter voll ausgeprägt war, zeigt genius als deus naturae u. 6, b. vgl. bei Haller 2 gott als seele der natur, und ähnlich naturgeist bei Brockes als die schaffende urkraft:
fast aller singevögel klang ..
hat der natur-geist, wie es scheint,
in einer nachtigall vereint.
ird. vergn. 1, 25;
der natur-geist stets sich reget,
immer zeugt und nimmer ruht.
379 (375);
wer disz wunderwerk erwegt
und darin die vor- und absicht des natur-geists überlegt ..
5, 281,
s. auch 9, 41. 315 und vgl. Böhmes naturgeister vorhin, die 7 geister der natur morgenr. 19, 56. von der 'metamorphose der thiere' und ihren naturformen:
diese gränzen erweitert kein gott, es ehrt die natur sie ..
doch im innern scheint ein geist gewaltig zu ringen,
wie er durchbräche den kreis, willkür zu schaffen den formen
wie dem wollen (vgl. 17, h) ...
Göthe 3, 98.
in der alchymie: gorgonicus, spiritus lapidificus, wird von einigen der natur-geist, der die steine coaguliret, genennet. Hübners convers. lex. 2, 819.
d)
geist und geister der elemente; mhd. z. b. ein sturmwind als geist (vgl. 2, e): dô kam ein sturnwint, der steine (felsen) brechen mohte, und in dem winde was niht got, want soliche geiste fliuhet got. Haupt 8, 225. nhd.: der elementische geist ist von dem sternengeist entschieden (verschieden), und doch nicht absonderlich, sie wohnen in einander wie leib und seele. J. Böhme myst. m. 11, 18; der elementische geist und leib ist stumm und unverständig, er hat nur lust und begierde in sich, das wachsen ist sein recht leben. 24; als im fewer hats unsichtbare geister und creaturen vor unsern materialischen augen, und können die nicht sehen, im luft auch unsichtbare geister .. drei princ. 7, 35; auch in den menschen herein wirkend (vgl. u. b): gleichwie mit dem seelengeiste des menschen und dem elementischen geiste im menschen. 37. vgl. auch wassergeist myst. m. 10, 54. der geist der in der luft herrschet, the spirit or genius which is the prince of the air Ludwig 721. luftgeist, feuergeist, jener aus dem erdmittelpunkt sich ergieszend:
und durch dieses luft-geists regen
soll der leitende magnet
sich so wunderbar bewegen,
dasz er immer nordwärts steht,
weil die erd-luft, wie man meinet,
sich mit seiner luft vereinet u. s. w.
Brockes 2 294 (283).
ein feuergeist ist bei der pest im menschen mit wirksam:
wann uns die ungestüme glut
auch in den kleinsten adern wühlet
wann ein ergrimmter feuer-geist,
den man bis in die seele fühlet,
blut, sehnen, fleisch und mark durchreiszt.
4, 296.
auch in dem höllischen geisterstaate des 17. jahrh. (7, e, α) sind feuergeister und luftgeister mit angestellt, s. Göthe an Zelter 5, 334 fg., erd- und luftgeister 337 (vgl.böse geister 7, c), von spiritus ignei, aerei aber sprach auch die alte chemie, noch im 17. jahrh., s. z. b. Kopp gesch. d. ch. 3, 193. elementargeister, vgl. die dichterische ausführung in Matthissons gedicht, das sich so nennt (es sind sylphen, ondinen, gnomen, salamander) und bei S. Geszner 1, 80 ff., geordnet, der natur in ihrer geheimen werkstatt zu helfen (tod Abels, 2. ges.). vergl. auch wettergeister, die das wetter beherrschen: das wetter ist schön, aber die wettergläser über die nacht gefallen .. bitten sie die wettergeister, dasz sie meiner reise günstig sein mögen. frau v. Stein bei Charl. v. Schiller u. i. fr. 2, 304 (zugleich wol göthisch).
e)
ein geist der erde, erdgeist, den Faust beschwört:
wie anders wirkt diesz zeichen auf mich ein.
du, geist der erde, bist mir näher ..
Göthe 12, 33,
im gegensatz zum zeichen und zur wirkung des macrocosmus, er wirkt der gottheit lebendiges kleid, vgl. von den kräften die im innern erdenball pulsiren 4, 388, auch die anrede Fausts an den erhabnen geist 12, 170; von der neuen philosophischen naturforschung am ende des 18. jahrh.:
wer feuer, wasser, luft, die ersten sachen (elementa)
aus tiefer seele liebt, kanns nie mehr lassen ..
er musz im mittelpunkt den erdgeist fassen,
metalle, menschen, pflanz' und thier begreifen.
Fr. Schlegel Athen. 3, 166 (vgl. 21. 97), ged. 1809 s. 240.
s. auch unter erdgeist (III, 769) Schelling von dem allem inwohnenden erdgeist und die höllischen erdgeister vorhin im 17. jh.; von weltschmerzlichem ringen nach oben:
noch dem erdgeist ist er preis gegeben,
mit dem staube kämpft der genius.
Körner l. u. schw. 21.
und neuerdings, im zusammenhange philosophischer weltansicht: wenn im sinne der tagesansicht die ganze physische welt von einem psychischen leben erfüllt ist, das sich über uns hinaus im geiste der erde und über alle geister hinaus im göttlichen geiste zusammen und abschlieszt .. Fechner tagesansicht Lpz. 1879 s. 109. 185 u. ö.
f)
pflanzengeister, geiste der kreuter Parac. (s. u. 12, a), geist der vegetation: so wie im samenkorn auch der geist der vegetation, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit vielem groben saft verbunden ist. J. G. Schlosser üb. die seelenwanderung Bas. 1781 s. 14. besonders blumengeister, in ihrem duft sich äuszernd und auch auf unsre geister wirkend:
dein lieblicher geruch erfüllt mir hirn und brust
mit balsam-dünstenden vergnügungs-schwangern geistern,
die .. sich fast der seele selbst mit süszer macht bemeistern.
Brockes 1, 338 (333),
von der hyacinthe, auch éine schon mit geistern in fülle gedacht, d. h. lebensgeistern (s. 13);
aus blauen labyrinthen
gefüllter glocken steigt der geist der hyacinthen
sanft sprudelnd in die luft.
Creuz 2, 159;
ists ein besondrer geist, der alle diese schätze ..,
in jeder pflanze wirkt?
Drollinger 68 (auf eine hyacinte),
in der anm. von Spreng deutlicher gemacht:
ein geist, der jede pflanz, in welcher er regirt,
auf vorgeschriebne weis entwickelt, baut und ziert?
69,
vgl. vom regierenden geiste 8, f und vom spiritus rector in pflanzen 12, b a. e.; ihm (Gleim) ist es ein süszer gedanke, dasz von dem, was einmal da war, nichts umkomme .. dasz auch in den geringsten blumen ein geist wohne, thätig wie der unsrige, denn er haucht gerüche von sich, die den vorübergehenden laben, und unsterblich wie der unsrige, denn er ist mit dem vollkommensten geiste verwandt. J. G. Jacobi (1825) 2, 224; vielleicht fährt der geist des veilchens, wenn es verwelkt, in eine lerche .. das.;
dasz der geist der niedern blume (rose)
unsern geist zum heiligthume
schöner gottesengel trägt.
220;
nachtviole, dich geht man am blendenden tage vorüber,
doch bei der nachtigall schlag hauchest du köstlichen geist.
Göthe 1, 392 (vier jahresz. 8);
er legte sich zu den füszen einer schönen blume nieder und erquickte sich mit reiner liebe an ihrem geiste, ohne ihren körper abzuknicken. J. Paul Hesp. 1, 166; von einer rose, die neben einem schwamm (pilz) trefflich gedieh:
er trank den schaum ihr weg, der geist ist ihr geblieben,
den sie zur blüt' erschlosz, von ihrer art getrieben.
Rückert weish. d. br. 1, 6;
blumen bindt ein streng geschick ..
doch bei kühlem mondesblick
regt ihr stiller geist die schwingen,
möcht dem duftgen kelch entsteigen.
Eichendorff ged. 261 (der dichter);
wie die geister es (das schlafende mädchen) anhauchen!
wie die düfte wallend ziehen!
Freiligrath 1, 44, der blumen rache;
das röschen, das du mir geschickt ...
das heimweh gab ihm frühen tod.
nun schwebet gleich sein geist von hier
als kleines lied zurück zu dir.
Uhland 148 (antwort).
landsch. auch holz hat keinen geist, das wenig hitze gibt im ofen, urspr. gewiss auch vom lebenden baum.
g)
nur den thieren, gerade den uns am nächsten stehenden lebenden wesen, wird ein wirklicher geist abgesprochen, in der alten kirchenlehre, weil der geist unsterblich sei, die thierseele aber nicht:
vische, würme, vogele, tier
diu hânt niht geistes alse wir.
ir geist hât des tôdes namen,
lîp und geist sterbent samen.
Freidank 10, 13 ff.;
die menschen nemen (empfangen) iren geist und leben on mittel von got und nit von diser weld, wie die unvernüftigen tier. dieselben haben kain besondern geist noch leben, deshalb bleibt nach irem sterben ir leben in gemainem leben der natur, wie das wasser im möre. aber der mensch hat ain besondern geist, derselb hat ain besonder natürlich leben, so derselb geist got anhengig ist, alsdenn kumbt er zuͦ übernatürlichem und ewigem leben. Berth. v. Ch. 28, 14 (geist deutlich als eignes sonderleben, 'individualität'). dennoch, wie ihnen Freidank lîp und geist (d. i. leben, s. 2, b. d) zutheilt, werden sie mhd. auch mit unter den geisten als lebendigen wesen begriffen:
got lobet drîer hande geist:
der eine ist uns unsichtlîch (die engel),
der ander ist menschen bilde glîch (die menschen),
der dritte vliuget unde vert.
Heinr. v. Krol. vater unser 1004 ff.,
und von den letzten, den thieren nachher:
die geiste, die dâ mit ir scharn
in waʒʒere und in luften varn,
kriechen unde krimmen,
loufen oder swimmen u. s. w.
1045.
und auch neuerdings doch der geist der thiere und menschen unter einem begriffe, auch die begabung einschlieszend:
wie weit der menschen geist den thier-geist übersteiget.
Brockes 1, 461 (453),
selbst 'geist und witz' (s. 24, e) so von thieren s. 460, wie nach Sulzer in seinem aufsatz 'genie' man durchgehends übereingekommen ist, auch den thieren etwas dem geine ähnliches zuzuschreiben. theorie 2, 364ᵃ; vom stumpfsinn gegenüber der herrlichkeit von gottes welt:
dasz unser geist hiedurch fast aus der menschen orden
herausgerissen sei und ganz zum vieh-geist worden.
Brockes 4, 236.
h)
nach folg. musz man auch der schreibfeder, dem gänsekiel einen geist beigelegt haben, was noch heute die seele heiszt (in vocc. des 15. jh. hilum federsele u. ä. Dief. 277ᵇ, nicht geist), in dem traume Friedrich des weisen von Luthers feder: liesz ich den mönch fragen, woher er doch zu dieser feder kommen .. liesz er mir sagen, sie wäre von einer alten hundertjährigen gans, einer seiner alten schulmeister hätte ihn damit verehrt .. dasz sie aber so lang und hart und fest, käme daher, dasz man ihr den geist nicht nehmen oder herausziehen könnte, darüber er sich auch selbst verwunderte. Keysers reformations-alm. 1817 s. 208 aus einer hs. im archiv zu Weimar. es musz ein sinniger scherz der alten schreiber sein, die feder, die ihnen so wichtig war, so als lebendig zu behandeln; aber für die feder ist während ihres wachsthums die seele, ihr mark, wirklich ihr lebensträger und vermittler.
i)
selbst dem todten kann durch bewegung geist, leben, zu theil werden:
denn wenn die kugel los ist aus dem lauf,
ist sie kein todtes werkzeug mehr, sie lebt,
ein geist fährt in sie, die erinnyen
ergreifen sie u. s. w.
Schiller Wallenst. tod. 3, 21 (Max),
der geist zugleich wie ein wirkender wille gedacht (17, h).
12)
man war auch bemüht, die geister der erreichbaren dinge aus ihnen heraus zu gewinnen und für sich darzustellen, wie die essenz, οὐσία, essentia, das wesen der dinge, die quintessenz, πέμπτη οὐσία (vgl. u. kraft V, 1938).
a)
die alchymisten suchten den geist, im 16. jahrh.: giengen aus .. zu beschawen, wie man die metall extrahirt und solvirt, scheidet und ausziehet, die alchemisten, wie sie calcinieren, reverberiren u. s. w., den könig suchen, den geist, den lapidem philosophorum u. s. w. Garg. 186ᵃ (Sch. 345), vgl. auch von des goldes seel und leib Froschmeus. I, 2, 15 v. 237 ff., der philosophenstein die oberst seel aller metallen v. 45; dasz sie die geist der kreuter und wurzen gebieten und gezwingen können. Parac. 1, 2ᵃ; im 17. jahrh.:
Donette, dein gemüth ist flüchtig wie der geist,
mit dem die weisen sich in ihrem glase quälen.
Czepko unbedachtsame einfälle (hs.);
noch im 18. jahrh. wolbekannt: geist, flüchtiges wesen, so durch die chimie verfertiget wird, quint-essenz, z. b. salpetergeist, salzgeist. Rädlein 342ᵇ; in anwendung auf das genie und die philosophischen versuche sein wesen zu erfassen: allein zur erweckung des genies trägt dies (psychologische) zergliedern nichts bei. bei aller mühe bleibt die vivida vis so unangetastet, als der rector archaeus bei den scheidekünstlern (vergl. u. 14, e, δ): erde und wasser bleibt ihnen, die flamme verflog und der geist blieb unsichtbar u. s. w. Herder I, 255 (fragm. 1, 203), gewöhnlicher mit beibehaltenem gelehrten ausdruck:
wie wein von einem chemikus
durch die retort getrieben,
zum teufel ist der spiritus,
das flegma ist geblieben.
Schiller I, 269 (anthol. 119),
wie schon Frisch 1, 336ᵇ anmerkt „geist in der chymie wird selten gebraucht, sondern das wort spiritus behalten, spiritus vini u. a. m.
b)
diesz spiritus ist denn aus dem laboratorium auch ins leben übergegangen, als kornspiritus, ameisenspiritus u. s. w., nebst spiritusfabrik u. s. w. (und nebenher sprit, d. h. verstümmelter spiritus). den übergang aus dem alchymischen laboratorium sieht man noch z. b. in dem öcon. lex. Lpz. 1731, wenn da sp. 365 brantewein erklärt wirdist ein aus geringen wein, weinhefen, bierhefen, apfel, birnen, getreide etc. durch doppeltes feuer erzwungener und noch mit wenigen übergangenen phlegmate vermischter spiritus“; noch tiefer in der alten geheimkunst drin stehend in Hübners convers. lex. Lpz. 1727 2, 1809: „spiritualisatio, spiritualisiren, ist eine chymische arbeit, da die harten cörper zu subtilen geistern (s. 13, c) gebracht werden, wie man solches an den sälzen practiciret, welche durch die destillation ganz in geister verwandelt, auch nicht wieder leibhaft werden ohne zusetzung eines cörpers“ (geist und leib auf die sog. todten dinge übertragen), folgt die beschreibung wie die flüchtigen geister zu bereiten, wie beim destilliren der aufgegossene spiritus abgezogen wird, a. e.: man bereitet auch etliche spiritus der gewächse mit wein, als den mäyen-blümlein-spiritum, allein, weil der meiste theil dessen vom wein kommt, als ist besser, dasz man selbign einen wein-geist mit mäyen-blümlein bereitet nenne. es ist aber von haus aus gleichfalls der scholastische spiritus rector (vgl. 8, f) in anwendung auf die pflanzen u. s. w., wie denn noch Boerhave den pflanzenduft, den er für sich darzustellen strebte, ihren spiritus rector nannte, wie gleichfalls den duft der flüchtigen öle.
c)
geist hat sich daneben doch auch festgesetzt nicht blosz in weingeist (spiritus vini, alkohol), auch in geistig (s. d.), z. b. geistige getränke, spirituosa; die gebrannten geister, brantweine. Gutzkow ritter vom g. 3, 85;
tropfen des geistes
gieszet hinein!
leben dem leben
gibt er allein.
Schillers punschlied;
s. auch lebensgeist 7, kirschgeist, in ein stärkendes bad gesprengt:
streuten sie salz in die laulichte flut und sprengeten kirschgeist.
Baggesen Parthenais 13;
weder zu warm noch zu kalt (ist das bad) .. nur glaub ich,
schadete kaum noch des geistes ein weniges.
15.
geist des champagners: trinkt! rief sie .. trinkt! eh der geist verraucht! Göthe 20, 93 (lehrj. 7, 8); der rathsschreiber, dem der ungewohnte geist des weines zu kopfe stieg. W. Hauff (1868) 5, 24; es ist nichts schöner, als wenn das abendroth über einen solchen benebelten weinberg fällt. da ists .. als ob der weinberg vom eignen geist benebelt sei. Bettine br. 1, 260;
der ahnen geist durchschäumt das bier ..
Grabbe 2, 282.
bei Adelung der wein, das bier hat vielen geist, viele flüchtige wirksame theile, auch „flüchtige geister, spiritus volatiles, welche in ein wenig öhl verwickelt sind, welches sie mit sich fortführen“, vergl. bei Kopp 4, 393 z. b. spiritus terebinthinae für terpenthinöl. bei Hebel 3, 224 ist geist im wein das unsichtbare, belebende, erwärmende, stärkende, berauschende im wein.
d)
auch mineralische geister, noch bei Adelung z. b. „feste oder feuerbeständige geister, spiritus fixi, welche mit salzen verbunden sind, die ihre flüchtigkeit zurückhalten, dergleichen die sauren geister des vitriols, alaunes und salzes sind“. noch jetzt auch salzgeist, salpetergeist, schwefelgeist u. ä., säure:
die geister der flüchtigen säure
sind es, welche dem quell heilkräfte verleihn und ihn waffnen
aufzulösen das erz des gebirgs.
Neubeck gesundbrunnen 16.
auch die gase wurden anfangs als geister behandelt (vgl. sp. 1429), die kohlensäure heiszt bei Fr. Hoffmann spiritus mineralis, auch sulphureus, aethereus, principium spirituosum, bei Helmont spiritus sylvestris Kopp 3, 284. vgl. geisterlein, geisterchen, nl. geest im groszen nl. wb. III, 730.
e)
diesz bildlich rückwärts auf den geist im menschen angewandt, flüchtiger geist (vgl. 19, l): würde ich nicht die kraft der wahrheit bald wieder verloren haben, wenn die flüchtigkeit nicht durch einen schweren körper gehemmet worden wäre? Gellert 5, 45 (34);
entfernt von welt und glück, in unbelauschten stunden,
hab ich den flüchtgen geist oft an sich selbst gebunden
und gab mir kummerlos .. mich selbst zu kennen müh.
Lessing 1, 187;
will ich denn aber nun damit sagen, dasz kein Franzose wirklich fähig sei, ein wirklich rührendes tragisches werk zu machen? dasz der volatile geist der nation einer solchen arbeit nicht gewachsen sei? 7, 362, esprit volatil, spiritus volatilis; das tödtet das flüchtige salz des geistes. Bettine br. 2, 117; geist ist flüchtig wie äther. 3, 31 (vgl. u. 13, b); aber gerade jene betriebsamkeit des litterarischen marktes hat es (das vortreffliche) ertödtet .. so dasz der geist davon verflogen ist, und statt seiner nur noch ein gespenst herum geht. Fichte wesen des gelehrten 204.
f)
dazu ein besondrer pl. geiste, womit es doch von seiner eig. bedeutung losgerissen ist: in jenen waldgegenden hatten sich .. geheimnisvoll nach recepten arbeitende laboranten angesiedelt und .. manche arten von extracten (vgl. extrahiren im Garg. u. a) und geisten bearbeitet. Göthe 58, 87 (33, 59 H.). und auch in der folg. bed.: die blumenlesen, die geiste (esprits), zu deren verfertigung gemeinhin nicht viel geist gehört. Fichte 8, 230.
g)
geist als 'auszug' aus einem buche oder schriftsteller ist nämlich eine anwendung des vorigen begriffs, eig. mit dem anspruch, von dem buche die quintessenz (s. oben u. 12) als extract darzustellen, wie der alchymist von pflanzen und metallen, bei Adelung als neu,das beste, wesentlichste, wirksamste aus einem buche, der kern, nach dem franz. esprit“, als beispiel gibt er der geist der journale, der geist des weltweisen zu Sans-Souci, jenes genauer: journal aller journale oder geist der vaterländischen zeitschriften. Hamb. 1786 ff.; der geschmack an encyklopädien (in Frankreich), an wörterbüchern, an auszügen, an geist der schriften zeigt den mangel an originalwerken. Herder IV, 413; geist aus Lessings schriften .. von Fr. Schlegel. Lpz. 1810; geist aus Luthers schriften. Darmst. 1827 ff. vgl. auch geist der gesetze u. ä. 26, b.
13)
aber auch ein kleines geisterreich im microcosmus, geister, lebensgeister, auch mit dem groszen im macrocosmus in beziehung; vgl. auch lebensgeist der sonne u. 11, b, aller geist ist eigentlich lebensgeist.
a)
schon mhd. lîplîche geiste, d. i. vitales spiritus, im 14. jh. (mit bair. vocal): wenne der leip noch voller rauchs ist und dunstes von eʒʒen und von trinken, ê die leipleichen gaist gefürwet werden und gerainigt in dem slâf von denselben dünsten. Megenberg 183, 8; die subtilen fewchtikait und pluͦet, so genennt sein spiritus vitales, und über sich geen zum leben. Berth. v. Ch. 28, 16. es schlieszt sich an den vitalis spiritus bei Cicero an (s. 2, b), gemischt mit dem spiritus animalis bei Plin. (s. 2, c, daher noch engl. the vital or animal spirits, die lebensgeister Ludwig 721), ein begriff der alten philosophie, welcher dem biblischen begriffe von spiritus vitae als belebender gotteskraft (2, a. b) die hand reichen konnte oder muszte, in der scholastik aber so erweitert wurde, dasz man das innerste leben des microcosmus auf eine mehrheit oder menge von vitales spiritus gründete (wie jetzt auf eine menge von nerven).
b)
daneben gieng doch der eine spiritus fort als lebensgeist, im 15. 16. jahrh.: spiritus in corpore secundum medicos, der beweger (s. 14, e, α) .. et est in sanguine per totum corpus und klopfet (pulsiert). ille spiritus regit sanguinem in venis etc. Melber y 5ᵃ; das herz sendet durch subtile äderl, die arterie genennt sein, in die glid naturliche wyrme (wärme), so spiritus vitalis genent ist. Berth. v. Ch. 28, 5; noch im 17. jahrh.: lébendig geist, vitalis spiritus, est vapor tenuissimus, sanguine ortus, rector caloris et virtutis (lebenskraft). Henisch 1446, 42, zugleich wol als spiritus rector jener menge gedacht, ähnlich wie bei Leibniz die monas regens gegenüber den monaden in uns, die regierende hauptmonas Göthe bei Falk 56. noch im 18. jahrh. als nervengeist (auch lebensöle Drollinger 17, lebenssaft): ich selbst bin .. zu der festen überzeugung gekommen, dasz die mittelkraft (die geist und materie in uns vermittelt) in einem unendlich feinen, einfachen, beweglichen wesen wohne, das im nerven, seinem kanal strömt, und welches ich nicht elementarisches feuer, nicht licht oder aether, nicht elektrische oder magnetische materie, sondern den nervengeist heisze. Schiller I, 80, philos. der physiol. § 6, bei der bewegung des nervengeists 86, 12 u. ö., und neben ihm doch meine nervengeister 81, 16, gröszere oder geringere anzahl der geister 81, 6, der strom der geister der unaufhörlich an den wänden der nerven hinauf und hinab eilt 85, 5, verwirrung der geister in der krankheit 92, 25, dasz jede idee, auch die einfachste, ihren eigenen geistern, ihren eigenen kanälen entspreche 89, 24, also auch die geister einer idee (vorstellung), ihre träger, sinnliche geister 85, 34, d. h. träger einer 'materiellen idee' 91, 9, sinnlichen vorstellung (sinnlichen idee 90, 16), der nervengeist und die geister auch im gegensatz 85, 5 ff., vergl. die lebensgeister 145, 18, wo sie ein äuszerst feines flüchtiges und wirksames fluidum heiszen (vgl. fluidum nerveum b. Schiller an Körner 1, 296). noch bei J. Paul eine bewegung des nervengeists, oder was man nehmen will, denn auf bewegung läuft es doch hinaus. 10, 8; vgl. den spott Immermanns Münchh. 2, 170 (4, 9). dieser nervensaft, nach Hartley aus dem aether stammend (vgl. Haller tageb. 1, 79), daher z. b. gottes geist als gottes reiner aether alle nerven durchströmend Lenz 3, 175, gibt auch z. b. dem auge geist ab zum sehen:
ein saft, wie aether fein, steigt in der nerven röhren,
giebt geist dem aug zum sehn, dem ohr gefühl zum hören.
Creuz 2, 158.
auch in den thieren, z. b. von einem auerochsen im kampf mit einem tiger:
des starken siegers stramme sehnen, die er erzürnt zusammen rafft,
belebt von regen nerven-geistern, giebt allen seinen muskeln kraft.
Brockes 7, 414;
auch lebensgeister in pflanzen 1, 96 (s. lebensgeist 3), vgl. u. c Hohberg und geister einer blume Brockes unter 11, f, auch lebensgeister im allgemeinen geist 29, e.
c)
sie heiszen auch subtile geister, spiritus subtiles, franz. esprits subtils, d. h. von einem unendlich oder äuszerst feinem wesen, wie es Schiller vorhin ausdrückt (vgl. subtilis, geistlich, d. h. geistig Melber y 8ᵃ) und wirken und weben eigentlich in allem lebendigen, z. b. auch in pflanzen und pflanzenstoffen: solcher mist (aus weinhefen) sei verwunderlich und habe sehr köstliche eigenschaften und subtile geister. Hohberg 1, 462ᵃ, vgl. u. 12, b von der chemie welche harte cörper zu subtilen geistern bringt;
ce qui nous fait sentir est d'une autre nature,
que ces esprits subtils, cette ardente liqueur,
que le cerveau rafine et qui bout dans le coeur.
abbé Genest bei Brockes 3, 500,
letzterer übersetzt die so zarten geister s. 501; die ursach dessen ist, dasz die subtilen geister und äderlein der augen (vgl. geäder 4 für nerven) heftig beweget und deswegen geschwächet werden u. s. w. nat. zauberb. 465.
d)
gewöhnlich kurz die geister (s. schon Schiller vorhin), auch schon im 16. jahrh. blosz spiritus, z. b. im munde eines alchymisten, der seinen philosophenstein rühmt, in der sprache seiner wissenschaft:
verneuret herz, gehirn und mark,
insonderheit die spiritus,
darein unser seel wonen musz.
Froschmeus. I, 2, 15, 61.
es hiesz nun auch z. b. seine geister erholen für sich erholen, d. h. in wissenschaftlicher auffassung, die wol von den ärzten unter die leute kam (wie jetzt meine nerven statt mich): da ich zuletzt meine geiste, kräfte und herz erholet. b. d. liebe 196ᵇ; selbst keine geister mehr haben, erschöpft sein, geister bekommen, frische kraft:
gesicht will nit mehr taugen,
auch kaum mehr geister hab.
Spee g. tugendb. 302;
zuerst liesz capitain Horn ein fasz brandtewein anstecken und einem jeglichen eine gute portion geben, damit sie erstlich geister bekämen. Felsenb. 3, 43, und diese wissenschaftliche auffassung des innern lebens ist dann lange und in vielfachen wendungen zu finden: habt ihr nie gesehen, dasz den todten (noch) die haare und nägel gewachsn sind, sonderlich den jenigen, die Jupiter abwäscht, Apollo salbet und trucknet? .. den gehangenen, meine ich, denen die geister plötzlich umbzwenget und zugeknüpft werden. Opitz 2, 277;
das haar, das schöne haar sind ihre starke binden,
damit sie ihm das herz' und geister kan ümmwinden.
Fleming 154;
nachdem ich eure gunst, ihr werthesten, geschmäkket,
sind meine geister jetzt wie gleichsam neu erwekket.
Neumark neuspross. palmb. 315;
die erhitzten geister, so dazumahl wegen groszer bewegung aus ihrem leibe fuhren, steckten den könig mit liebesflammen an. Hofmannswaldau heldenbr. 15, also auch nach auszen gehend und wirkend gedacht (vgl. Schiller u. f und 17, d);
denn dieses (eifersucht) ist ein trieb der unsre geister kränkt (eigentlich lähmt).
das. 65 u. o.
im 18. jahrh. wird sie aufgefrischt auch durch dichter:
wie nun in dem gehirn der geister quell allein,
aus welcher sie von da durch alle nerven rinnen u. s. w.
Brockes 3, 499,
comme dans le cerveau les esprits ont leur source.
s. 498 Genest;
man spreche, dasz darin ein stoff, der himmlisch, rinne,
der unbegreiflich rein und dünne,
und dasz der geister meng' in ihm auch stets geschwinde
manch' ungezählte thür und öffnung finde u. s. w.
3, 503,
bei Genest la matière étherée, cette vapeur subtile;
die feuchtigkeit, woraus die geister sich formiren.
3, 93,
de la liqueur qui forme ces esprits
92;
im schwindel, in der trunkenheit ..
sind unsre geister aufgebracht (les esprits mutinez),
wodurch ... sie im gehirn die züg' und spuren ganz verwirren ..
509;
durstig trinkt den goldnen stralenregen (der sonne)
jedes rollende gestirn,
trinkt aus ihrem feuerkelch erquickung,
wie die glieder geister (später leben) vom gehirn.
Schiller I, 209, phant. an Laura.
e)
und so vielfach zur erklärung des seelenlebens, besonders nach seiner naturseite:
edle saiten, edles glas (wein),
ihr erquicket unsre geister.
Fleming 382 L.;
ihr (der geliebten) bildnis wird ein trieb zu kunst und weisheit
sein
und wann vernunft und sinn bei klugen schriften wachen
(bei nächtlichem studieren),
den geistern und der lust viel nahrungs-saft verleihn.
Günther 632;
die geister sind verraucht, die nerven leer und trocken.
701;
kraft und blut und geister schwinden, aug' und feuer löschen aus.
837;
wenn nun der theure Silm, der würdge bürgermeister,
durch herzens-zwingende beredsamkeit
des groszen Carls mit recht erzürnte geister
besänftigt und gestillt.
Brockes 1, 464,
von einer verhandlung hamburgischer abgesandter mit kaiser Karl VI.;
erheitre deinen sinn, beflügle deine geister!
2, 553;
das geblüte der meisten menschen ist in einer solchen jährung, ihre muskeln sind so gewaltsam ausgespannt, und ihre geister schwärmen so unordentlich, dasz die bewegung ihnen zur .. nothwendigkeit wird. Bodmer mahler d. s. 1, 223, nachher: ein mensch musz selber in seiner brust, seinen lebensgeistern, seinem geblüte eine stille empfinden, wenn er ohne starke bewegung leben soll s. 225; ein junger mensch .. dem man den zügel in seinen begierden und aufwallung der geister schieszen lassen. Winkelm. 3, 223;
lebensluft, die ihm durch alle glieder
die leichten geister tanzen macht.
Wieland 21, 173;
damit ich meine geister stärke.
22, 131;
nur dasz ich mit diesem blatt ihnen um so viel näher rücken kann, nehme ich die feder, sonst wäre es besser meine geister ruhen zu lassen (weil müde von der reise). Göthe 16, 243, br. aus d. Schw., Chamouni 4. nov.; erhebt ihr herz, dasz aus der dunkelheit sich ihre geister aufrichten. 11, 60 (Lila 2); auch abends, ja tief in die nacht, wenn wein und geselligkeit die lebensgeister erhöhten, konnte man von mir fordern was man wollte. 26, 313 (w. u. d. 15); die Schweiz liegt vor uns und wir hoffen .. unsere geister im erhabenen der natur zu baden. an fr. v. Stein 1, 241; bruder .. was steht mir bevor (als soldat im kriege)! alle meine geister sind lebendig. Klinger briefl. bei Rieger 420; ist er nun in jahren, wo der lebensquell seiner geister schon stille steht oder zu vertrocknen anfängt. Herder urspr. d. spr. 159; (gänzliche abspannung) die den empörten geistern zeit läszt, wiederum ihren harmonischen ton zu nehmen! Schiller I, 175, 22, nach höchster aufregung der leidenschaft; als selbständig und selbstwillig gedacht recht deutlich, von todesahnung:
ach! schon schwören sich, misbraucht zu frechen flammen,
meine geister wider mich zusammen!
I, 298 (melancholie an Laura);
noch sind sie auszer fassung.   sammeln sie
erst ihre geister, dasz sie ruhiger ... mir erzählen.
V², 379 (don Carlos 4, 19);
besinne dich, versammle deine geister.
H. v. Kleist Amphitryon s. 66;
als der commandant am andern morgen der marquise dieses papier überreichte, hatten sich ihre geister ein wenig beruhigt. ders., erzähl. 1, 303. also sammle, beruhige deine geister gleich dich oder in jetziger wissenschaftlicher fassung deine nerven, das jenes verdrängt und auszer gebrauch gesetzt hat und doch nicht so lebendig ist wie jenes (vgl. u. geäder 4). doch noch volksmäszig in der urspr. bed., z. b. wenn ein huhn nach dem schlachten noch zuckt o. ä.: das sind die lebensgeister; in Tirol die letzten geister von zuckungen der sterbenden (entgeistern sterben) Schöpf 183. s. auch geisterchen, und vgl. von den geistern geplagt, curirt werden 7, c, d. h. in vermischung mit den bösen geistern, daher z. b.: was für böse geister plagen dich? quae intemperiae te agunt? (Plaut.) Aler 874ᵃ. auch engl. noch to be in high or low spirits, out of spirits u. a.
f)
auch das höhere und erweiterte seelen- und geistesleben ist mehrfach unter diesen gesichtspunkt gestellt worden; vielleicht ist folgendes, in schmerzvollster klage um Opitzens tod, mit von den lebensgeistern gemeint:
mein erster geist ist todt, und nun stirbt auch das leben.
Fleming 458 L.,
wie er ebenda Pindar, Homer, Maro als in Opitzens geiste wohnend denkt (28, c), wol auch zugleich wie seine lebensgeister (ihn 'begeisternd'). im 18. jahrh.: meine fasern sind durch die lange übung so biegsam geworden, meine geister so willfahrend, dasz ich vor dem gedanken jemand etwas abzuschlagen wie vor einem verbrechen zusammenfahre. Lenz 1, 213, fasern für nerven im heutigen sinne, z. b.: es (opium) lindert schmerzen .. es betäubet die fasern. Hommel plapp. 406; weil bei einem greise die trockenen und steifen fäsergen solcher eindrücke nicht fähig sind. 478 (die nerven sind ja eig. nur die gefäsze der geister, s. u. b); Aristodemus. auch euch gönnen die götter unsterblichen ruhm, auch euch gönnen sie zu zeiten fürs vaterland zu sterben. Hermione. du spannst meine geister über ihren engen fassungskreis, mein vater. Klinger 2, 109; ich werde den ganzen genusz meiner unschuldigen kindheit zurückrufen müssen, meine geister von diesem lebhaften phantom (der liebe) zu heilen. Schiller III, 86, 267 (Fiesco 3, 3);
nie macht die liebliche musik mich fröhlich.
'der grund ist, eure geister sind gespannt,'
the reason is, your spirits are attentive.
Shaksp. kaufm. v. Venedig 5, 1.
auch eine richtung der geister nach auszen (vgl. geist so u. 17, d), ein streben, äuszeres zu erfassen, sich zu erweitern (wie eig. schon bei Klinger auch): um mich aber von allen diesen bedrängnissen loszureiszen und meine geister ins freie zu wenden, kehrte ich an die betrachtung organischer naturen zurück. Göthe 32, 6 (ann. 1807); vom metaphysischen geheimnis der liebe:
fliehen nicht .. meine geister hin im augenblicke,
stürmend über meines lebens brücke,
wenn ich dich erblicke?
Schiller I, 279 (geheimn. der reminisc.);
sprich, warum entlaufen sie dem meister?
suchen dort die heimat meine geister?
das.
am merkwürdigsten und kühnsten aber in Göthes gedanken: heut abend .. erhalt ich euern brief, und habe mir eine feder geschnitten um recht viel zu schreiben. dasz meine geister bis zu Lotten reichen, hoff ich. G. u. Werther 179 (d. j. G. 1, 378), sein sinnen und sehnen von 'seinen geistern' zu ihr getragen. eine solche geistige wirkung in die ferne, vom gesammeltsten innersten sinn und geist ausgeübt, hatte ja immer eine bestimmte stelle in seinen gedanken (vgl. z. b. sp. 1960 m.), darauf beruht z. b. das gedicht Äolsharfen v. j. 1822 (vgl. geisterharfe), und auch sonst spricht ers aus, z. b. im 8. sonnett:
er liebt ja, denk ich, her in diese stille,
und solltest du nicht in die ferne reichen?
2, 10 (1, 213 H.).
s. weiter dazu u. 19, d.
g)
und noch mehr, Göthes geister wurden ihm auch zu selbstwilligen wesen (wie die gedanken, schon mhd., s. sp. 1958), die ihm dichten zu helfen willig sind oder nicht (vgl. mir hilft der geist u. ä. 6, c): musik hab ich mir kommen lassen, die seele zu lindern und die geister zu entbinden. an fr. v. Stein 1, 213 (14. febr. 1779), vorher den ganzen tag brüt ich über Iphigenien dasz mir der kopf ganz wüst ist, und von mangelnder sammlung (der geister); ich will sehen, wie mich heute die geister behandeln. 2, 64 (18. apr. 1781), beim dichten am Tasso; ich war zu hause, redete mit den geistern. 1, 308 (4. juni 1780), ebenso, vgl. auch: ich möchte mich heute lieber hinsetzen und mir mährchen erzählen lassen (von den geistern) 2, 330. aber auch ihm wie von auszen kommend, also die selbstwilligkeit zu voller selbständigkeit erhöht: da mich gute geister in meinem hause besucht haben, bin ich nicht auswärts gegangen sie aufzufinden. 2, 65, d. h. allein geblieben, mit glück am Tasso arbeitend. er hörte sie auch singen, aus der natur heraus, den gesang der geister über den wassern, vom Staubbach im Haslithal her, urspr. als zwiegesang von geistern geschrieben (Schnorrs arch. f. lit. 3, 491), schickte er der freundin aus Thun mit den worten: von dem gesange der geister habe ich noch wundersame strophen gehört, kann mich aber kaum beiliegender erinnern. 1, 254, vgl. 1, 360 ein lied das ihm die elfen sangen und meine gedanken spielen mir schön concert 1, 217, wie er die nerven als klingende saiten behandelt 1, 25 (vgl. sp. 1630, auch Brockes unter geistigkeit), die geister aber sind ja die bewohner der nerven. übrigens ist es mit dieser verwechselung oder verflechtung des innen und auszen im grunde wie bei den bösen geistern die uns plagen u. e a. e., und dasz er damit das auszen nicht etwa läugnete, auch nicht in bezug auf geistergewalt, ist z. b. u. 7, b deutlich genug, es steht vielmehr zugleich eine überlieferte vorstellung dahinter, die z. b. Brockes aussprach i. j. 1721:
wer weisz, wie manche geister-schar,
wie viele tausend um uns schweben,
die uns durchdringen und umgeben?
ird. vergn. in gott 1, 417 (1728).
aus Göthes gedanken aber stammt doch auch was der herzog an frau v. Stein schreibt:
die geister der wesen durchschweben mich heut,
geben mir dumpfes, doch süszes geleit.
br. 1, 108;
vgl. auch seine äuszerung vom j. 1827 wir sind von einer atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen was sich alles in ihr regt und wie es mit unserm geiste in verbindung steht Eckerm. 3, 136, und i. j. 1722 von Klopstock, dem seher unsrer zeiten .. zu dem geister durch alle sinnen und glieder sprachen, in dessen busen die engel wohnten. 33, 95 (d. j. Göthe 2, 467).
h)
er musz auch gedichte von sich und dichterische gedanken kurz seine geister genannt haben, wenn ihm Schiller am 8. dec. 1795 schreibt: möchten sie doch auch einen ihrer geister in dem neuen jahrstück (der horen) erscheinen lassen. briefw. 2, 117. daher begreift sich auch die vergleichung: seine gedanken waren lieblich, wie die geister der dämmerung. Göthe 18, 111 (lehrj. 1, 7). anklingend im 17. jahrh. poetische geister in einem dichtwerk, in einem urtheil Zinkgrefs über Fischarts glückhaftes schiff, das sich hervorthue durch reichthumb poetischer geister, artiger einfäll, schöner und merkwürdiger sprüchen. Opicii poem. Straszb. 1624 s. 161, das dichtwerk wol wie eine kleine welt gedacht, das durch geister belebt ist, eig. dichtergedanken. vgl. auch das adj. geisterreich (neben geistreich) und begeistern, gleichfalls vom pl. geister gebildet, seit dem 17. jh., begeistert eig. mit geistern belebt (vgl. begeisten), wie noch Herder von dem vielbegeisterten saft (nervensaft) spricht, durch den wir genieszen und leben. id. 2, 74 (7, 1).
14)
endlich der menschengeist, zunächst der einzelne.
a)
gestiftet und ausgebildet ist diese bedeutung von geist durch den einflusz der kirche und kirchlichen wissenschaft, als übersetzung von spiritus, wie dieses von griech. biblisch πνεῦμα, diesz wieder vom hebr. חַור, die alle eigentlich hauch bedeuten, wie unser geist auch (s. 1); später ist die ausbildung von der weltlichen philosophie übernommen worden aus der hand der geistlichen, scholastischen, in welcher selbst schon einflüsse der griechischen, aristotelischen philosophie mitwirkend waren, wie auch röm. spiritus schon anwendung auf den menschengeist darbot (s. unter 2, b). die worte aus dem heimischen eignen geistesleben, welche sich neben geist um dessen wichtige stelle in der gedankenwelt bewerben konnten oder sie auch schon inne hatten, sind sinn, mut, gemüt, auch herz, mit welchen sich denn geist auseinandersetzen muszte (s. 16), theils sich scheidend und streitend theils sich friedlich einigend, wie mit seele auch (s. 15), das übrigens selbst von kirchlich-scholastischem einflusse getragen war. eine eingehende erörterung dieser wichtigen und lehrreichen verhältnisse ist hier nicht möglich, wol aber nötig eine genügende andeutung, da sich das alles in dem bestimmenden innersten unsrer sprachlichen und geistigen entwickelung bewegt und in der höheren wie in der alltagssprache überall zu tage tritt.
b)
in kirchlicher lehre und predigt scheint geist namentlich in gang gekommen im gegensatz zu fleisch, nach den biblischen, besonders paulinischen begriffen πνεῦμα und σάρξ (spiritus und caro): ther geist funs (promptus) ist, thaʒ fleisc ist abur ummahtîc. Tat. 181, 6, Matth. 26, 41; der lîchame unt daʒ fleisch stellet sich alle zît wider dem geiste. Eckh. 29, 17 ff.;
du rihtis uber mîn fleisch,
daʒ der mîn arme geist
niht verlorn werde.
Diemer ged. 309, 9;
swie kranc (schwach) er wære und swie alt ..
swaʒ sîn selbes geist wolte,
des muose sîn vleisch volgen.
Stricker Karl 1834;
der geist ist willig, aber das fleisch ist schwach. Matth. 26, 41; wandelt im geist, so werdet ir die lüste des fleisches nicht volnbringen. denn das fleisch gelüstet wider den geist und den geist wider das fleisch u. s. w. Gal. 5, 6 ff.; was vom fleisch geborn wird, das ist fleisch, und was vom geist geboren wird das ist geist. Joh. 3, 6, zugleich von neugeburt durch den heiligen geist; der mensch ist aus geist und fleisch zuͦsammen gesetzt. Frank parad. 311ᵇ, ex carne et spiritu constat (nr. 254); dise zwen menschen in einem ieden menschen, die seel und leib, geist und fleisch, sind und machen éin menschen. der ein geist ist aus gott geborn, geist von geist, untödlich, eitel leben und gerechtigkeit, der sündt und stirbt nit .. der ander mensch ist fleisch aus fleisch geboren, tödtlich, eitel tod und sünd .. das er, was geist ist, von natur hassen muͦsz. 313ᵃ fg.; das widerpellen, kifen und kiplen des geists (wider das fleisch). 314ᵃ; die leblichkeit der sinn (beim erwachen früh) und muͤtigkeit des geistes und fleisches etwas aufzumuntern und zuerfrischen. Garg. 159ᵇ (Sch. 296 wütigkeit); lebhaft fleisch, lebhaft geist. 57ᵃ (93), dagegen krank fleisch, krank geist Frank sprichw. 1, 26ᵇ, mens sana in corpore sano. aus jenem biblischen gegensatze auch: dasz wir im geiste lebendig, und in begierden todt sind. Olearius pers. ros. 2, 38.
c)
jetzt gilt dafür geist und körper (s. d. 2, a), neben leib und seele (vgl. dazu u. körper 2, b), doch auch geist und leib.
α)
geist und körper:
meine Laura, nenne mir den wirbel (cartesianisch),
der an körper körper mächtig reiszt,
nenne, meine Laura, mir den zauber,
der zum geist monarchisch zwingt den geist.
Schiller I, 209 (phant. an Laura);
dasz ein lebhafter geist sich zuletzt beinahe aller bewegungen seines körpers bemächtigt (sie beherrschend oder bestimmend). X, 80, vgl. dazu u. e, ε; gelingt es dem geist, die krankheit ... blosz in den körper zu bannen. W. v. Humboldt an e. fr. 1, 192.
β)
noch im 16. jh. werden vielmehr geist und leib gesellt: der lîp .. ist hie heime .. diz ertrîche ist sîn vaterlant .. der geist ist hie ellende, aber in dem himele sint alle sîne mâge und alleʒ sîn geslehte, dâ ist er vil wol gefriunt. Eckhart 29, 19 ff.; zuͦ volkomenheit und beschlusz ganzes geschöpfs (der ganzen schöpfung) hat got formiert ain leib der geistlicher natur fähig und mit aim geist vermischt sei. Berthold v. Ch. 27, 1; in menschlicher natur hat got leib und geist zesamen gefuegt. 27, 3 und oft das.; so ist der leib zwar tod .. der geist aber ist das leben. Luther Röm. 8, 10 u. ö. und noch neuerdings: das band, welches leib und geist zusammen hält. Bodmer mahler d. s. 1, 198;
die vorwelt sah ihn schon, die last von achtzig jahren
hat seinen geist gestärkt, und nur den leib gekrümmt.
Haller 42;
schönheit ist wenn der leib von dem geist, den er herbergt, ganz durchdrungen ist u. s. w. Bettine tageb. 91.
γ)
die trennung beider wird aber auch beklagt (vgl. u. 15, e):
wie lange trennen wir den körper von dem geiste!
es braucht der trennung nicht zum bloszen zeitvertreib,
uns trennt schon unsre pflicht! der eine dient das meiste
dem staate mit dem geist, der andre mit dem leib u. s. w.
J. B. Michaelis 2, 174 (unsre bestimmung, an Uz);
die scheidung zwischen geist und körper, seele und leib, gott und welt war zu stande gekommen. sittenlehre und religion fanden ihren vortheil dabei u. s. w. Göthe 53, 236 (36, 201 H.), vgl.jene kaum heilbare trennung in der gesunden menschenkraft 37, 21 (28, 199 H.), trennung dessen was gott in seiner natur vereint hervorgebracht 50, 43 (34, 129 H.), der sog. untern und obern seelenkräfte, eine gedankenrichtung, in der dann auch die sog. emancipation des fleisches (vom geiste) liegt, welche man in den kreisen des sog jungen Deutschlands den Franzosen getreulich nachbetete, während das rechte bei uns längst gewonnen war, z. b. in der äuszerung der Bettine vorhin angedeutet; übrigens wies man schon im 18. jahrh. auf das schädliche vergessen des körpers und überspannung des geistigen lebens hin, z. b. Michaelis a. a. o.:
hangt dieser arm als zierde nur an mir?
bin ich nur geist, und bin ich nicht auch thier? u. s. w.
2, 172.
s. auch Göthes 'geistig-körperlich' unter geistig und u. 20, a verallgemeinert und bildlich geist und körper.
d)
auch genauer
α)
menschlicher, menschengeist gegenüber dem göttlichen u. s. w. (vgl. 27, c): sonst wäre des menschen geist, dieweil er selbs verwickelt und gefangen ... ist, ein ungemäszer mittler zwischen got und des fleisch (zwischen nach bair. art mit dem gen.). Berth. v. Ch. 60, 3; under englischer natur steet umb ain grad nidrer menschlicher geist. 27, 2; also stark und fest ist der mönschlich geist, dʒ der feind (teufel) nitt mag ingon das ober teil der seelen oder das wesen der seelen, deshalb das die ist ein unteilicher geist, und darumb so mag er auch nitt on mittel in die seel würken .. Keisersberg irrig schaf D 5ᵃ. auch erschaffner u. ä., dem schaffenden oder schöpfer gegenüber (9, d): aber ein geschöpfter geist mag sich nit insenken in den andren geist, wenn als wenig zwen cörpor sich ganz durchtringen mögen, als wenig mögen sich zwen geist durchtringen. Keisersberg a. a. o.;
ein Newton übersteigt das ziel erschaffner geister,
find die natur im werk und scheint des weltbau's meister.
Haller 63;
ins innre der natur dringt kein erschaffner geist.
106.
auch endlicher geist im gegensatz zum unendlichen: erstaunen über gott, das höchste, auszer der liebe zu ihm, wozu ein endlicher geist fähig ist. Klopstock 11, 213. s. auch Schiller u. 9, c, beschränkter u. ä. (vgl. 19, g, γ).
β)
aber auch als solcher der unsterblichkeit, der ewigkeit fähig schon hier in ahnung (vgl. 5, a): ein guot getât, diu dâ êwig ist mit dem geiste, als der geist ouch êwig ist an ime selber. Eckhart 73, 4; ich empfand, meine liebe ist ewig, also, dacht ich, musz es auch mein geist sein. Leisewitz 68 (Jul. v. T. 3, 6);
weit, hoch, herrlich der blick (auf der höhe) ..
vom gebirg zum gebirg
schwebet der ewige geist,
ewigen lebens ahndevoll.
Göthe 2, 68 (an schwager Kronos);
mit dem staube nicht der geist zerstoben (vgl. ↗stäubchen als atom).
5, 8 (divan 1, talismane);
ich möchte mich nur mit dem beschäftigen, was bleibende verhältnisse sind, und so nach der lehre des *** (Spinoza) meinem geiste erst die ewigkeit verschaffen. 29, 65 (24, 385 H.).
γ)
denn er ist gott verwandt, göttlichen ursprungs:
o geist, der geister erste quelle!
Drollinger 26;
doch dies kaum halbe theil, das noch in ketten frohnt,
ist nicht der wahre mensch, der halb im künftgen wohnt.
der gott verwandte geist, der kern von unserm leben,
ist nie dem harten joch des schicksals übergeben.
Withof (1751) 112;
senkt sich doch der göttliche geist auch in den menschlichen: die schönheit des gedichts (der welt als gottes gedicht gedacht) zu verstehen sind wir fähig, weil auch ein theil des dichters, ein funke seines schaffenden geistes in uns lebt. Fr. Schlegel im Athen. 3, 60;
weil gott selbst die fähigkeit,
von seiner grösze was zu denken,
und also fast sich selbst in unsern geist zu senken,
so wunderbar gewürdigt hat ..
Brockes 1, 459,
im grunde wie bei Göthe gottes kraft in uns 52, 5, und alles das mehr aus eigner neuer erfahrung des denkenden geistes, als aus dem alten vorrat biblisch kirchlicher gedanken, mit denen es doch im grunde zusammentrifft, s. 9, e und 10, g, vgl. auch vorhin u. b bei S. Frank ein geist aus gott geborn, geist von geist, biblisch auf grund mystischer philosophie.
e)
dabei ist aber für unsre gewöhnung im 19. jahrh. nachdrücklich zu bemerken, dasz geist begrifflich eigentlich nicht das denkende in uns ist (s. 18), sondern das lebendige, lebengebende, lenkende, wirkende (vgl. als wille 17, h), entsprechend der ersten bed. atem, lebenshauch und zeichen (s. 2. 3).
α)
so besonders deutlich in den lebensgeistern, dem lebensgeist u. 13 als den eigentlichen trägern des lebens, im 15. 16. jh.: spiritus in corpore secundum medicos, der beweger vel beweglicheit der leblicheit, die da innerlich uszgeet in alle glider, leblich beweglich kraft, kraft der leblicheit ... Melber y 5ᵃ (vergl. u. 13, a). aber auch seelisch, geistig: spiritus, ein geist, et dicitur incorporeum illud quod movet corpus ut anima, denn anima essentialiter est spiritus. das.; aber fürter (nach der geburt) wirt das formiert fleisch durch sein aigen geist und nimer (nicht mehr) aus einflusz gemainer leiblicher natur regiert oder hewegt. Berth. v. Ch. 28, 1; das ist scholastisch, angeknüpft an den biblischen spiritus, begrifflich aber zurückgehend auf das aristotelische πρῶτον κινοῦν, primum movens oder mobile, auch motor. noch im 18. jahrh. so der geist als beweger, wie bei Melber (s. auch Schiller u. γ):
was ist ein leib, des geistes hülle?
sein klumpe liget todt und stille,
so bald ihm ein beweger fehlt.
Drollinger 18;
der geist, auch nur als princip der willkührlichen bewegung betrachtet. Schiller X, 78 (anm. u. w.). vgl. 19, c vom geiste in bewegung.
β)
biblisch geht es zurück auf die belebung des ersten menschen durch gottes geist (2, a): der geist, den got (bei der geburt) inn leib geuszt, macht denselben seinen leib lebendig und empfindlich. Berth. v. Ch. 27, 1, vgl. geist als leben 28, 14 (s. u. 11, g). dann aber in erhöhter anwendung auf das geistige und geistliche: viel nu seiner jünger sprachen, das ist eine harte rede, wer kan sie hören? .. sprach er (Jesus) zu inen, ergert euch das? .. der geist ists der da lebendig macht, das fleisch ist kein nütze. die wort, die ich rede, die sind geist und sind leben. Joh. 6, 63 (ahd. geist inti lîp Tat. 82, 11ᵃ), τὸ πνεῦμά ἐστι τὸ ζωοποιοῦν, vulg. spiritus est qui vivificat; der buchstabe tödtet, aber der geist machet lebendig. 2 Cor. 3, 6, τὸ πνεῦμα ζωοποιεῖ, spiritus vivificat, vgl. 26, b; so aber Christus in euch ist, so ist der leib zwar tod umb der sünde willen, der geist aber ist das leben umb der gerechtigkeit willen. Röm. 8, 10; wer Christus wort helt und erfüllet, der ist gewislich gehorsam und from, wird auch selig, denn seine wort sind geist und leben. Luther 1, 276ᵃ; denn was nicht geist ist, das lebet nicht. 378ᵇ; denn alles was diese gnade des lebendigen geistes nicht hat, das ist tod. 379ᵇ; denn alles was nicht geist oder gnade ist, das ist tod. 380ᵃ. noch jetzt als kräftigste wendung jenes biblische 'geist und leben' als éin begriff, vom menschen selbst s. Gellert u. 18, a, auch von geist in schriften, in der kunst u. a.:
was anitzt der Deutsche spielt (poesie),
wo er geist und leben fühlt,
dankt er ihm (Opitz) vor allen.
S. Dach 953;
es hat geist und leben, sal inest. Steinbach 1, 582; die sogenannte chrie über den geraden menschenverstand (von Merck), die wahrlich keine chrie, sondern geist und leben ist. Wieland in Mercks br. 2, 77; leider musz man von derselben (der deutschen kunst) sagen, dasz sie in der gegenwärtigen zeit sowohl an wahrer bildung als an geist und leben von der nation ist überflügelt worden. P. Cornelius i. j. 1814 an Görres, s. dessen br. 2, 434; es ist kein gegenstand, der seiner (Göthes) aufmerksamkeit entgeht, in alles bringt er geist und leben. H. Voss mitth. über Göthe u. Schiller 9; vgl. auch der heilige geist des lebens Göthe u. 10, l, und naturphilosophisch: die Franzosen haben (nun) dem materialismus entsagt und den uranfängen etwas mehr geist und leben zuerkannt. spr. in prosa 446; geist ist das alles in sich verwandelnde leben. Bettine tageb. 187. vgl.'gemüt und leben' gleich seele, geist Luther u. 19, a, α.
γ)
auch in gewöhnlicher rede der geist als belebend, beseelend in allerlei anwendung aufs leben: gestern noch der belebende geist, der grosze und einzige beweger seiner schöpfung (vgl. u. α), heute in seinem adlerfluge unerbittlich dahingestürzt .. Schiller VIII, 299, von Gustav Adolfs tode; von Wallenstein und seinem heere: ein neuer geist fängt jetzt an, den halb erstorbenen körper der oesterreichischen macht zu beseelen. 203;
doch in den kühnen schaaren,
die sein befehl gewaltig lenkt, sein geist
beseelt, wird euch sein schattenbild begegnen.
XII, 9 (prol. zum Wallenst. 113),
das heer als éin körper gedacht (vgl.körper 5), dem des feldherrs geist die seele gibt; ein neuer frischer geist beseelte nun das ganze, und der eine mann, von dem das neue leben ausgeht, heiszt auch kurz selbst der belebende geist (oder die seele) der gesellschaft, der gemeinde u. ä. (vgl. 28, b).
δ)
auch in philosophischem denken noch in neuer zeit, nicht ohne zusammenhang mit dem der scholastiker u. s. w.: geist ist das belebende princip im menschen. Kant 10, 243; geist in aesthetischer bedeutung heiszt das belebende princip im gemüthe. 7, 175 (vgl. 16, b, β); der geist, der in der kunst frei sein musz und allein das werk belebt. 7, 164; vgl. u. 11, a vom archeus (s. dazu u. gas 2, b) als principium vitale in den menschen, und vom rector archaeus der alchymisten u. 12, a, es ist im grunde der alte spiritus rector (vgl. 8, f), der die bewegung lenkt (das obere leitende Göthe u. 24, f), denn leben ist bewegung, daher der geist im gedrungensten sinne 'ewig bewegt': nur durch die sept wird das erstarrte reich der töne erlöst und wird musik, ewig bewegter geist, was eigentlich der himmel ist. Bettine br. 1, 273; denn sie (die musik) ist geist, verwandt mit der natur der in uns waltenden kraft, der seele, der bewegung. Wienbarg ästh. feldz. 220. und auch vom denkenden geiste:
wahr, dieser geist, durch den ich leben bin,
entschwingt sich willig seinen schranken ...
J. B. Michaelis 2, 169;
ach wie schmeichelts meinem triebe,
wenn man meinen dichter preist.
denn das leben ist die liebe,
und des lebens leben geist.
Göthe 5, 168.
er ist das lebendigste von allen:
der geist läszt sich nicht tödten!
Freiligrath 3, 66.
ε)
endlich auch der geist seinen körper bildend, schaffend, d. h. der begriff des belebens in seiner ganzen möglichen fülle genommen: endlich bildet sich der geist sogar seinen körper, und der bau selbst musz dem spiele (des freien geistes) folgen. Schiller X, 80, 9 (über anm. u. würde), vgl. u. 17, c von den gesichtszügen eines schlafenden;
noch fühl ich mich denselben, der ich war!
es ist der geist, der sich den körper baut,
und Friedland wird sein lager um sich füllen.
XII, 295 (Wallenst. tod 3, 13),
vgl. u. γ aus dem prolog zum Wallenstein; alle seine (Plessings) .. äuszerungen waren anziehend und abstoszend zugleich, dasz endlich .. die neugier rege ward, welchen körper sich ein so wunderlicher geist gebildet habe? Göthe 45, 319 (über die Harzreise, v. j. 1820); auch in bezug auf leben und welt überhaupt als wiederschaffend (gegenüber dem widergeist der verneint, zerstört 45, 430. 29, 231 H.), wie der geniale geist als schöpfer 23, d:
getrenntes leben, wer vereinigts wieder?
vernichtetes, wer stellt es her? „der geist!
des menschen geist, dem nichts verloren geht,
was er von werth mit sicherheit besessen!“
9, 326 (nat. t. 3, 4 a. e.);
was ist der kreis? ein punkt, der um sich selber kreist,
und seinen umfang wölbt, wie seinen leib der geist.
Rückert weish. d. br. 12 (1, 25), vgl. u. 20, e.
auch von der seele: die seele baut aber doch ihren körper, und kann man nicht aus dem gebäude auf den baumeister schlieszen? Lichtenberg (1800) 3, 460, über physiognomik, vgl. Hamann 6, 17; ich glaube, dasz ein geborner blinder sich gleichsam erinnern kann, wie die seele sich ihren körper bereitet. Herder lebensb. 2, 386, s. dazu ideen 1, 276; leben ist ein hauch, ein wehender athem, eine seele die körper baut. Wienbarg ästh. feldz. 68; vgl. auch von der innern form, in der der leib sich baut Creuz 2, 158 (mhd. forme des lîbes 15, c a. e.), dazu:
was ist des geistes leib? der körper ist es nicht ..
das ist des geistes leib: die form, die er sich baut,
in der mit geistesblick ein geist den andern schaut.
Rückert weish. d. br. 155 (5, 70).
auch seinen innern menschen schaffend, umschaffend:
und doch, wenn auch mein geist zum engel selbst sich schuf,
war es zu sein hier nieden mein beruf.
J. B. Michaelis 2, 171,
vgl. vorher der stolze gott, der mensch s. 170. so von einem geistigen leib, seelenleib (an den schon Sulzer glaubte, vgl. u. 19, n, α): dasz all dein (Göthes) forschen .. deine liebe vereint deinem geist einen verklärten leib bilden, und dasz der dem irdischen leib nicht mehr unterworfen sein werde wenn er ihn ablegt, sondern schon in jenen geistigen leib übergeströmt. Bettine br. 2, 4; vgl. J. G. Schlosser über die seelenwanderung 1781 s. 14 von einem reinen geist mit einem feinern körper.
15)
geist und seele stehn in einem eignen schwierigen verhältnis, theils zusammenfallend theils sich scheidend.
a)
beide als gleich, daher auch tauschend, mhd.: dar umbe daʒ der geist in den irdenischen lîp gestôʒen (gesteckt) wart .. daʒ diu edele sêle sô smæhelîche wart gekleit mit dem irdenischen lîbe. Berth. v. Reg. I, 98, 25; in einem zwiegespräch zwischen sêle und corper oder lîcham heiszt es im reime doch auch:
nu sage mir, du vil liever geist.
Germ. 3, 404ᵃ, 171;
in einem gleichen gespräch aus d. 15. jh. sieht der dichter
einen leichnam, der was tot,
von im sein geist gescheiden ...
bei dem leichnam stund die sel
mit weinen und mit clagen.
Bartsch erlösung s. 311;
do die sele in sulcher weis
dem leichnam schuld het geben ...
der leichnam sprach: pistu mein geist u. s. w.
316;
der leichnam, als wol pillich ist,
nicht gleiche schuld sol tragen
mit der sel ...
wan der leichnam durch den geist
sol gezogen werden
317fg.
und so noch nhd., z. b. bei bezeichnungen des sterbens oder der unsterblichkeit, s. 3, e, vgl. im voc. 1482 k 1ᵃ gaist, spiritus, oder sele und in andern vocc. Dief. 547ᶜ, und noch bei Stieler 648 der menschengeist, anima humana;
und wenn dem blöden geist wird vor dem tode grauen,
so steh, o höchster trost, der schwachen seelen bei.
A. Gryphius 2, 435.
auch vom lebenden, z. b.:
sein geist war meine seel, ich wünscht ohn ihn zu sterben.
ders. 1, 218;
wann dieser in gesellschaft lacht,
wann den der hochmuth trotzig macht,
wann jener unempfindlich scheinet:
erforsche nur den innren grund,
der arme geist ist doch verwundt,
der körper jauchzt, die seele weinet.
Withof 4;
die erde macht keine seele reich, sie macht sie immer ärmer, immer durstiger. daher ist der reichste geist der ärmste, der unglücklichste. Hamann 1, 101; das ohr ist der seele am nächsten .. die feine nerve des gehörs, die die nachbarin des geistes ist. Herder IV, 110. s. auch vorhin 14, e, ε von geist oder seele, die sich den körper baut. dagegen nie seele, nur geist als erscheinung (4, a), vgl. u. 4, c die klage eines geistes, dasz er um seine seele gekommen.
b)
aber die zwei worte doch auch mit zwei begriffen für sich, um deren feststellung man sich früh bemüht hat. die zweiheit gab auch schon die bibel an die hand, z. b. in dem lobgesang der Maria magnificat anima mea dominum, et exultavit spiritus meus in deo Luc. 1, 46 fg. (gr. ψυχή und πνεῦμα, Luther seele und geist), danach bei Otfried im gesang der Maria geist mînêr mit sêlu gifuagtêr I, 7, 3, also als zwei in eins gefügt. daher wol auch beide verbunden als eins, z. b. Adam zu Eva (vergl. schon u. 2, a):
du bist ein bein von mim gebein,
glich mir geziert mit seel und geist.
Ruff Ad. u. Heva 999;
(mann und weib sind) zwo seel und geist,
zwen lib verwandelt in ein fleisch.
1007.
aber auch eine scharfe scheidung beider gab eine bibelstelle an die hand: vivus est enim sermo dei et efficax et penetrabilior omni gladio ancipiti et pertingens usque ad divisionem anime ac spiritus. Hebr. 4, 12, gr. ἄχρι μερισμοῦ ψυχῆς καὶ πνεύματος, Luther scherfer denn kein zweischneidig schwert und durchdringet bis das (es) scheidet seele und geist, auch mark und bein. daher schon mhd.: sanctus Paulus sprichit ... „daʒ wort gotis ist ein swert daʒ dâ scheidet den geist von der sêle.“ wan iʒ ist underscheit zwischen geiste und sêle. di niderste redelichkeit (ratio inferior) und di sinlichkeit und daʒ beseben des gevûlens des menschen daʒ hôret di sêle an, aber die oberste redlichkeit (ratio superior) und di vornunftikeit und der vrîe wille, diz sint eigene werc des geistes, darumme gehôren si zû deme geiste. myst. 1, 252.
c)
bemerkenswert ist dabei, wie der versuch den unterschied schärfer zu fassen zusammengeht mit dem bemühen die einheit nicht zu verlieren, wobei denn einmal der geist der seele, einmal diese jenem begrifflich untergeordnet oder eingefügt wird, z. b.: spiritus, wint (s. 1, c), beweger, beweglicheit des geists (s. 14, e, α), die obrest kraft der sele, der geist. Melber y 4ᵇ; spiritus, der geist des menschen, potissima pars anime vel ipsa anima secundum tres potentias superiores. y 5ᵃ; so spülget (pflegt) man die seel zuͦ teilen in das ober teil, das auch genant würt dʒ gemuͤt oder der geist, und das under teil dʒ genant würt die sinnlicheit. Keisersberg irrig schaf D 4ᵇ (vorher doch ausdrücklich die vernünftige seel die in ir selbs wesentlich unteilsam ist), also der geist als ein theil der seele, und auch selbst als seele (ipsa anima). aber auch umgekehrt (vergl. unter f): unser seele ist ein geist und ewig .. darumb kan unser seele nicht ruwe finden in einiger creatur auf erden. Agricola spr. 189ᵇ (nr. 301); diu sêle ist ein geist und ist nâch gote gebildet u. s. w. Eckhart 246, 3; wan got ist ein geist unde diu sêle ist ouch ein geist und ist ze gote gefüeget als ein geist zem andern. 405, 15; nim hin den geist, daʒ ist die sêle, die man niht siht, sô ist daʒ ouge umbe sus offen, daʒ vor gesehen hât. 394, 31, also auch das höchste, der kern des geistes doch auch noch als sêle (auch als erkennend in seiner sprache, s. e); aber auch der vorigen auffassung entsprechend und als forderung an die menschenseele, sich zum geist zu erhöhen: daʒ oberste teil der sêle sol stên ûf gerihtet stêticliche ... dar umbe muoʒ diu sêle gesamet sîn und ûf gezogen unde muoʒ ein geist sîn. 121, 1. 7, vgl. an gott: herre, du bist ein geist .. und vergeistest die sêle 415, 14. die zweitheilung bei einheit besonders lehrreich bei Herm. v. Fritzlar, in einer erörterung über den zuk (entzückung): dar umme mûʒ der geist treten bûʒen sich selber und boben sich selber. wan man nimet den geist in zweier leie wîse, zum êrsten mâle alse her ist ein forme des lîbes (idea corporis, vgl. 14 a. e. Creuz, Rückert) und gibet deme lîchame leben, zum andern mâle als her ist ein ichtige natûre (im gegensatz zum niht), vornunftig bî sich selber. nu mûʒ her treten ûʒ sich selber dô (für dâ) her sêle ist .. und mûʒ trete in sich selber dô her geist ist, unde darumme ist nicht nôt daʒ der geist scheide von deme lîbe, wan der mensche intzucket wirt (vgl. 19, d, δ). myst. 1, 97, 39 ff.
d)
und noch im 16. jahrh. geist und seele als ein wesen, nur nach verschiedner richtung wirkend: dritte frag ist, ob ain mensch hab an im drei tail, benenntlich geist, sele und leib (folgen bibelstellen mit der drei- und zweitheilung, wie 1 Thess. 5, 23, Hiob 12, 10) .. es sein wol zwai wort, aber nur ain ding .. geist wirt genennt des menschen geistliche (geistige) substanz .. derselb geist wirt auch genennt ain sel, umb das er sich natürlich (der natur nach) undersich naigt zuͦm leib, denselben erkückt und empfindlich macht ... was wir versteen oder wellen, das kumbt aus oberm tail des geistes, daʒ wir leiblich leben oder empfinden, kumbt aus underm tail desselben geistes. darumb hat ain mensch nur zwen tail, benenntlich leib und geist, der (auch) ain sele genennt ist. Berth. v. Chiemsee 28, 15, d. h. die kath. kirchenlehre (vgl. die anm. des herausg.), vgl. der geist als des leibs sele 28, 13; das ander (stück), die sele ist eben derselbe geist nach der natur .. in dem, als er den leib lebendig macht und durch ihn wirket, und wird oft in der schrift für das leben genomen, denn der geist mag wol on den leib leben, aber der leib lebet nicht on den geist. Luther 1, 479ᵃ (453ᵃ), ausl. des magnificat; dabei eine vertheilung des geisteslebens unter geist und seele, die sich der unsrigen wol nähert, aber doch noch überraschend ist: diesen zweien stücken eigent die schrift viel dings, als sapientiam und scientiam, die weisheit dem geist (vergl. u. 18, b, α weish. Sal.), die erkenntnis der seelen, darnach auch hasz, liebe, lust, grewel und desgleichen. 479ᵇ; das dritte (stück) ist der leib .. welchs werk sind nur übungen und brauch, (je) nach dem die seel erkennet und der geist gleubt. das. (vgl. u. 18, c).
e)
also die seele auch erkennend, denkend, neben dem empfinden und wollen, wie im 13. jahrh. und noch im 18.; jenes z. b.: sol mîn sêle nu got bekennen, sô muoʒ si himelisch sîn ... darumbe, sol diu sêle got erkennen, sô muoʒ si in erkennen oben zît und oben stat (raum) .. want die wîle diu sêle erkennet zît oder stat oder des glîches einic bilde, sô enmac si got nimer erkennen. Eckhart 222, 8. 26. 30. im 18. 19. jahrh.: das wesen, welches in uns denket, nennen wir die seele. Wolff vern. ged. von d. kräften des menschl. verst. § 13; die gedanken (sind) veränderungen der seele, deren sie sich bewust ist. von gott § 144; die seele des menschen hat .. auch einen verstand, eine vernunft (vor den thieren voraus). 892; da die seele vorher in dem stande war, mit lust einer sache nachzudenken und, was ihr beliebte, zu überlegen. von der m. thun u. l. § 2. und so noch lange, z. b.: das wirkliche wachen wäre derjenige zustand unsrer seele, da wir .. gott denken. Klopstock 11, 207; wenn die ganze seele von dem, den sie denkt (gott) so erfüllt ist u. s. w. 213; gott hat unsern seelen einen hunger nach erkenntnis, ein verlangen zu wissen gegeben ... Hamann 1, 100; kein gedanke in der ganzen reihe menschlicher seelen ist vergebens gedacht worden, er hat auf andere gewürkt. Herder IV, 57; der freiheitsbegriff, als wahrer begriff des unbedingten, wurzelt unvertilgbar im menschlichen gemüthe und nöthigt die menschliche seele nach einer über das bedingte hinausliegenden erkenntnis des unbedingten zu streben. F. H. Jacobi 2, 76 (v. j. 1815); dasz die seele nichts wissen könnte von den dingen, wenn die dinge nicht seelisch .. wären. Wienbarg ästh. feldz. 200. bemerkenswert bei J. Böhme vereinigt seelengeist (vgl. u. 11, b): wenn das liecht gottes im centro des seelen-geistes anbricht, so siehet der seelen-geist als in einem hellen spiegel die schöpfung der welt. drei princ. 8, 1.
f)
im 18. jahrh. geist auch noch als oberbegriff von seele, wie im 15. 16. jahrh. u. c bei Eckhart, Agricola: eine menschenseele ist ein individuum (einzelnes mitglied) im reiche der geister. Herder II, 257, vgl. Lichtenb. u. 20, a, γ; da nun die seele unter die zahl der geister gehöret. Wolff vom m. verst. § 13, mit verweisung auf § 12, wo es heiszt: die creaturen äuszern ihre thätlichkeit entweder durch bewegung oder durch gedanken. jene nennen wir cörper, diese geister, und beide als eins: weil alle dinge, sie mögen cörper oder geister und seelen betreffen, in einigen stücken einander ähnlich sind. § 14, vgl. die geister allein haben vernunft von gott § 905; und werden diejenigen geister seelen genennet, da die vorstellende kraft durch den stand eines cörpers in der welt und seine gliedmaszen der sinnen eingeschränket wird. § 903; wolfisch ist auch: wir menschen bestehen aus einem groben körper und einem geiste, welchen man die seele zu nennen pfleget. J. Chr. Decker in Schwabes belust. 1742 1, 498; unsere seele ist so wohl ein geist, wie die übrigen (geister). 502; und diese (der sonne näheren planeten) könnten also leichtlich weit vollkommnere geister zu seelen haben. Gottsched weltweish., theor. th. § 1090, vgl.§ 1167: unter den geschöpfen gottes sind gewisz diejenigen seelen, die auch geister sind, ihrer herrlichen eigenschaften und kräfte wegen die vornehmsten (cap. von der republik der geister).
g)
die zweitheilung oder dreitheilung ist doch in der sprache allgemein, z. b.: der gott des friedes heilige euch durch und durch, und ewer geist ganz sampt der seele und leib müsse behalten werden unstreflich .. 1 Thess. 5, 23; die natur hat drei stück, geist, seel, leib, und mügen alle sampt gut oder bös sein. Luther 1, 479ᵃ, im anschlusz an diese bibelstelle; dasz der sohn in eine der guten lehranstalten aufgenommen wurde .. worin für den ganzen menschen, für leib, seele und geist möglichst gesorgt ward. Göthe 21, 128 (wanderj. 1, 7); auch gehäuft mit herz, gemüt, z. b.: in ihm (dem menschenantlitz) wohnt ausgedruckt still- und vielbedeutend des menschen geist mit herz und seele. Herder Kallig. 3, 110, vgl. seinen ausdruck der ganze geist u. 19, g, α; der apotheker in Herm. und Dor. zum geistlichen scherzend, da dieser die führung des wagens übernimmt:
gerne vertrau' ich, mein freund, euch seel' und geist und gemüth
an,
aber leib und gebein ist nicht zum besten verwahret ...
doch du lächeltest drauf, verständiger pfarrer, und sagtest:
sitzet nur ein und getrost vertraut mir den leib wie die seele ..
Göthe 40, 303.
er würde übrigens, da er die theilung überhaupt möglichst von sich hielt, ja darunter litt (vgl. bes. 50, 43, auch unter 14, c, γ, 20, a, γ), seine freude gehabt haben an der auffassung unsres alten sprachgeistes, nach der sie sich eigentlich aufhebt in dem höhern begriffe des lebens; denn nach ihm ist das höchste, was wir von gott und der natur erhalten haben, das leben (vgl. u. 10, l der heil. geist des lebens), die rotirende bewegung der monas um sich selbst u. s. w. 56, 153 (19, 221 H.), wie aber seele sowol wie geist eigentlich das leben in uns bezeichnen, ebenso ist selbst leib (s. d.) eig. das leben (körper eig. der todte leib), mhd. z. b. lîp und leben u. 2, b, auch iʒ erbarmet mich in den lîp, bis ins leben Lex. 1, 1930, noch in vocc. des 15. jh. ist anima neben leben auch lip Dief. 35ᶜ.
16)
geist und sinn, mut oder gemüt, auch herz (vgl. 14, a).
a)
geist und sinn berühren und kreuzen sich vielfach bis jetzt, werden auch früh verbunden, z. b.:
sînen geist er im înblies (gott dem Adam),
michilen sin er im verlieʒ
genes. 7, 20 D.;
daʒ mir sin unde geist
gemuot werdent beide.
Pilatus 28,
sin eig. das innere leben (geist mehr das leben überhaupt), daher auch lîp unde sin Iw. 3253, wie jetzt leib und seele, geist und körper;
worzu dienet das studieren,
als zu lauter ungemach? ...
dann (beim sterben) kömpt ohne geist und sinn
dieses alles in die erden.
Opitz 2, 207.
sinn, eigentlich der ältere bruder des aus geistlicher quelle stammenden geist, hat sich neben diesem in eigner weise und entwickelung zu erhalten gewuszt, dem andern sein gehege noch oft streitig machend; noch Göthe, dem es nebst sinnen besonders wert war, verbindet beide gern, z. b.:
geh in dich selbst! entbehrst du drin
unendlichkeit in geist und sinn,
so ist dir nicht zu helfen.
3, 115 (die weisen u. die leute);
es ist ihm aber noch nicht verschieden von seele und herz, auch einfach das innere genannt (vgl. 19, a):
lasz der sonne glanz verschwinden,
wenn es in der seele tagt,
wir im eignen herzen finden,
was die ganze welt versagt.
41, 233. 4, 289;
im innern ist ein universum auch.
3, 82;
so schaffet mannichfaltigkeit die höchste lust,
beschäftigt leicht den geist und sinn gebildeter.
11, 370;
und so gewinnt, in dieses raums bezirk,
gemüth und geist und sinn, befreit, erhöht,
was uns von auszen fehlt, erwünschten frieden.
368;
(da) sich geist und brust und sinn und herz erweitert.
343,
geist und brust wesentlich gleich sinn und herz, wie sonst geist und herz; am besten glückt ein solcher vortrag ganz aus dem stegreife, weil der sinn sich beisammen halten und der geist lebendig-kräftig wirken musz. 32, 29; dir fehlt innigkeit .. sich selbst nährender, stärkender, in sich selbst gedeihender sinn und geist. Jacobi Allwill (1826) 229. in älterm gebrauch treffen beide zusammen in der bed. bewusztsein, besinnung (s. 18, a), für unser geistreich (s. d.) galt im 16. 17. jh. und länger sinnreich, noch jetzt wechseln beide z. b. bei sinn oder geist einer gesetzesstelle im gegensatz zum buchstaben (26, b). sinn, wie sinnen, hat den vorzug, jener theilung des innern lebens durch das wissenschaftliche bewusztsein besser, zum theil ganz entgangen zu sein, wie es denn Schiller eben in bezug auf das scheiden mit natur (in uns) gleich setzt: die natur (der sinn) vereinigt überall, der verstand scheidet überall, aber die vernunft vereinigt wieder. X, 337, 26 (18. ästh. br. a. e.), auch im gegensatz zum bewuszten denken: wenn sich verstand und herz, sinn und gedanken entzwein. XI, 91 (als der kämpfe schwerster). aber auch als gegensätze: der herr recensent bricht hier im geist, doch ohne theilnehmung seines sinnes, über sich selbst den stab. Hamann 2, 61, ohne dasz ers gewahr wird, sinn für bewusztsein (wie geist 18, a). ähnlich als träger des eigentlichen ich, vom denkenden geist unterschieden: jeder gedanke blühet hier schnell zur empfindung hinauf, jede empfindung reift schnell zum genusse hinan, geist, herz und sinn suchen und finden sich, keine mauer einer traurigen psychologie hält sie getrennt. Börne 4, 18, aus Paris.
b)
auch mut, besonders gemüt kommen geist ins gehege.
α)
denn auch muot bezeichnet urspr. das gesamte leben unsres inneren, auch denkend (sp. 1946), daher auch sin unde muot, herze unde muot verbunden oder lîp. unde muot, und mîn muot, wie mîn sin, mein geist gleich ich (vgl. 21, b), strebend, sinnend, wollend u. a.:
dô mîn muot sît wolde vliegen ..
ob er .. anders wolde denken ..
MSH. 1, 206ᵃ;
ob eʒ iuwer muot niht vervât
für zageheit ..
Hartmann Erec 906.
nhd.: wenn ich on das wort bin (beim beten) .. so ist kein Christus daheim, ja auch keine lust noch geist. aber so bald ich einen psalmen .. für mich neme, so leuchtets und brennet es ins herz, das ich ander mut und sinn gewinne. Luther 6, 171ᵃ. uns befremdet nhd. des gemütes oder mutes geist, d. h. sinn, im gemüt wohnend: ernewert euch aber im geist ewers gemüts. Eph. 4, 23, τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν, spiritu mentis vestrae; im folg. neben seele und herz, in einem brautliede des bräutigams, der ihr sein haus als glückes stätte ausmalt, zu der sie selbst es machen wird:
hieher werdet ihr entbinden (frei wirken lassen)
eures muhtes edlen geist,
hie sol eure seele finden,
was sie sucht, doch allermeist
wird mein herz, mein freudenschein (voc.),
euer haus und ruhstatt sein.
S. Dach 433 Öst.
nhd. berührung haben beide auch in der bed. stolz (17, a), wie mut gesteigert als kühner mut, bei Abbt 1, 47 muth des geistes (muth in der seele 42); vgl. geist für lebhaftigkeit 2, d.
β)
gemüt und geist erscheinen lange auch als zusammenfallend: das ober teil (der seele), das auch genant würt dʒ gemuͤt oder der geist. Keisersb. u. 15, c. in der monarchia der seele bei Rollenhagen, bei deren ausführung er sich auf Melanchthon beruft, erscheint geist selbst nicht, aber
das gemüt oder mens, wie ers nant (der lehrer, Melanth)
und für des menschen seel erkant.
denn wie die sonn erleucht die sternen,
wie got die seel anblickt von fernen,
so setzt mens der vernunft sein licht u. s. w.
Froschmeus. II, 3, 3, 151 ff.,
d. h. er (es mag nach dem sein dabei an geist gedacht sein) regiert als könig v. 21, dem auch vernunft, gedanken, wille und herz gehorchen sollen (v. 163), er ist der kleinen welt des menschen das was unsrer nächsten sternenwelt die sonne, der geisterwelt gott ist, also der eigentliche geheime lebensmittelpunkt, gemüt genannt, lat. mens, aber in der seele dargestellt, doch von geist nicht verschieden, s. u. 15, c Melber, Eckhart, oder leibnitzisch zu reden Göthes monas als 'regierende hauptmonas' (s. u. 15, e und bei Falk 56) in dem monadenstaate unsres ich, d. h. im grunde das eigentliche ich (vergl. 18, h), als geist bezeichnet nach dem biblischen ursinn des wortes, d. h. als die göttliche urgabe des lebens an den menschen, das leben aber zugleich im höchsten sinne gefaszt, daher als ober teil der seele, gemuͤt oder geist. auch verbunden:
nun sei getrost und unbetrübt,
du mein geist und gemüte,
dein Jesus lebt u. s. w.
P. Gerhard 271 Göd.
vgl. u. 14, e, δ noch bei Kant geist als das belebende princip im gemüthe, und noch bei Schiller beide wie tauschend, z. b.: (die bilder der erhabnen natur) entreiszen seinen geist der engen sphäre der wirklichen X, 223, 32, dieser muthige streit des gemüths mit dem groszen naturgeist 224, 5; es heiszt die natur eines geistes verkennen, wenn man den sinnlichen passionen eine macht beilegt, die freiheit des gemüths positiv unterdrücken zu können. 340, 4, wie W. v. Humboldt den menschen zusammenfaszt in körper und gemüth ästh. vers. 1, xiii (vgl. u. 18, b, γ); s. dazu vom denkenden gemüth 17, f.
γ)
jetzt werden beide geschieden oder vertheilt nach der denkenden und empfindenden seite der seele (wie männlich und weiblich, vgl. 19, b, δ), z. b.: verspüren sie einen solchen öden und leeren raum in ihrem geist und gemüthe .. Bodmer mahler d. s. 1, 224 (s. 19, i, α), vgl. s. 225 herz und kopf, verstand und gemüthe (aber auch sp. 1953 gemüthsgedanke); die letztern haben geist, die erstern haben zum geist auch noch gemüth. Fichte reden (1869) 55, 4. rede; was ich über ihn (Winckelmann) seit so viel jahren im geist und gemüth herumgetragen, ins enge zu bringen. Göthe 31, 195; mit meiner schwester .. die an solchen dingen mit geist und gemüth theil nahm. 26, 199; vergl. u. e seel' und geist und gemüth, unter a gemüth und geist und sinn.
c)
auch bei geist und herz derselbe wandel oder umschlag des verhältnisses zwischen sonst und jetzt.
α)
gerade das herz ist ursprünglich die wohn- und werkstatt der gedanken (s.herz 7) oder genauer der noch ungeschiedenen 'gedanken und empfindungen' (s. sp. 1952); ahd. wird lat. mens mit herza übersetzt von Notker Boeth. 157, mhd. z. b. (vergl. sp. 1945):
wer orteil spricht ûʒ sînem munde (der richter),
der darf (braucht) wol sinne (so l.) in herzen grunde.
Kulm. recht h. v. Leman s. ⅩⅠⅠ
virnumft (dir) in dîn herze schein,
di mit den engiln ist gemein.
Haupt 17, 176, 23.
und noch nhd. geist und herz als wesentlich eins: also wil nu s. Petrus sagen, wolt ir keusch bleiben, so müsset ir fassen den gehorsam der warheit im geist, das ist, man musz das wort gottes nicht allein lesen und hören, sondern ins herz fassen. Luther 2, 332ᵇ, zu 1 Petr. 1, 22;
meines geists und herzens angst, unruh.
Weckherlin 111;
nun, was den augen nicht vergunnt,
das sieht mein herz und geist,
dem gott der heilgen weisheit grund
in seinem geiste weist (s. u. 18, b, α).
P. Gerhard 249 Gödeke,
vgl. mhd. das herze sehend sp. 1945; in einem trostliede über den tod einer tochter an die eltern:
auf derwegen! seid zufrieden (beruhigt),
vaterherz und muttergeist u. s. w.
252,
nicht mutterherz und vatergeist, was uns näher liegen würde.
β)
dagegen geist und herz in trennung oder auch in zusammenfassung, um das ganze wiederzugewinnen, wie kopf und herz (s. V, 1765), herz und hirn, gehirn (sp. 2487): unsre zeiten, denen es nicht sowohl am geiste, als am guten herzen fehlt. der Druide Berl. 1749 90. stück, mit geist ist gemeint was man damals lieber witz nannte (s. 24, d, vgl.herz undwitz Haller 202); Henzi, als ein mann, bei dem das herz eben so vortreflich als der geist war, wird von nichts, als dem wohle des staats getrieben. Lessing 3, 344; das ganz grosze .. macht erstarren. die seele ist erst ganz gedrängt voll davon, und dann folgt eine leere, weil der geist allein wirkt und seine verbindung mit dem herzen während dem staunen aufgelöst zu sein scheint .. der mensch ist froh, wenn er nach dieser bewunderung wieder auf etwas stöszt, wo sein herz auch mitspricht. Klinger 11, 109; fand bei diesen würdigen personen eine angenehme unterhaltung für geist und herz. Göthe 19, 292; muszte nicht ein so seltsamer .. ausspruch mich dem geiste nach von dem edelsten manne, dessen herz ich verehrend liebte (Jacobi), für ewig entfernen? 31, 73; indem ihr (Makariens) herz, ihr geist ganz von überirdischen gesichten erfüllt war. 23, 219 (wanderj. 3, 15), vgl. vorher im geiste, der seele, der einbildungskraft hegt sie, schaut sie es nicht nur (unser sonnensystem) 218, d. h. wieder als éin ganzes; s. auch u. 19, a, β, besonders 20, c a. e. (das herz eig. als kern des geistes).
γ)
man sieht, wie bei der schwierigsten aufgabe, welche leben und wissenschaft der sprache stellte, unser inneres leben zum ausdruck zu bringen, eine doppelte bewegung im gange ist, zu scheiden und zusammenzuhalten, beides wechselnd gefordert vom bedürfnis des lebens wie der wissenschaft, ferner wie das doppelte bedürfnis unter verschiedenen einflüssen verschieden zu befriedigen versucht wird, besonders aber, wie die heute geläufige theilung, mit beschränkung von geist auf das denkende nur langsam und versteckt sich anspinnt und erst spät zum reinen durchbruch kommt, der eigentlich ganz jung ist (s. 18, b, γ); das einigende ist für geist aber wesentlich der alte begriff leben (s. 14, e), der denn auch im folg. sich noch lange fortsetzt, ja bis heute als verborgner keim sieger bleibt in den fortgeschrittensten formen der entwickelung, nur in immer wachsender tiefe oder höhe der fassung.
17)
der begriff von geist, wie ihn der gebrauch zeigt, schlieszt noch lange, ja zum theil bis jetzt das leben der seele, des herzens und gemütes mit ein.
a)
noch im anschlusz an die zweitälteste bed., lebenskraft und fülle: geist, hoffart, animi elatio, spiritus. Henisch 1445, mit erinnerung an lat. sumere spiritum; vgl.hoher geist, altus spiritus, sublatus animus, ein hohen geist haben, hochmütig sein 1446, 34 (vgl.den geist erheben u. 19, f, γ); er hat einen groszen geist, arrogans est, spiritus sibi sumit. Stieler 638 (anders 22, d). jenes blosze geist noch mundartl., z. b. in Baiern, Tirol: geist haben, stolz sein (geistig) Schöpf 183, vgl. von thieren u. 2, d; der hat en geist! Schmeller 2, 79; ähnlich von ungeduld, seinen geist nicht halten können, wie jetzt sich nicht (im zaum) h. k.:
besser ein gedultig mann,
denn der sein geist nicht halten kann.
Henisch 1411.
ähnlich wohl noch bei Rädlein, wenn er als eins zusammenstellt geist, gemüth, herz, gedanken, kraft, stärke 342ᵃ, bei Aler 874ᵃ einfach geist, kraft, vires. hoher geist z. b.: ein gedültiger geist ist besser denn ein hoher geist. pred. Sal. 7, 9 (in anderm sinn 22, e), bair. noch hochgeistig, stolz Schm. 2, 79.
b)
von stimmung, seelenlage, gemütszustand, von 'gedanken und empfindungen' (vgl. f) als einem, die letztern aber auch noch vorwiegend oder herschend.
α)
biblisch z. b.: ther heilant .. gremizôta in sînemo geiste, fremuit spiritu. Tat. 135, 21, Joh. 11, 33, ergrimmet er im geist Luther (vgl. 19, k); und da es morgen ward, war sein geist bekümert (von dem traume). 1 Mos. 41, 8; was ists, das dein geist so unmuts ist, und das du nicht brot issest? 1 kön. 21, 5; ein geengster geist, ein geengstes und zuschlagen herz. ps. 51, 19; (ich wone) bei denen, so zuschlagens und demütigen geists sind, auf das ich erquicke den geist der gedemütigten und das herz der zurschlagenen. Jes. 57, 15; den elenden und der zubrochen geists ist. 66, 2; und werden .. fur angst des geists seufzen. weish. Sal. 5, 2; meine seele erhebt den herrn, und mein geist frewet sich gottes meines heilandes. Luc. 1, 47; da solchs Jhesus gesagt hatte, ward er betrübet im geist. Joh. 13, 21; und er seufzet in seinem geist. Marc. 8, 12; hatte ich keine ruge in meinem geist, da ich Titum meinen Bruder nicht fand. 2 Cor. 2, 13. vgl. geist und herz so u. 16, c, α.
β)
noch im 18. 19. j. heiterkeit, freude, feuer, unruhe, unmut, angst, empfindung überhaupt im geist, z. b.: er hat einen aufgeweckten geist, est hilaris. Steinbach 1, 851; ein lustiger geist, ingenium lepidum. Frisch 1, 336ᵇ, er erklärt diesz geist mit 'eigenschaft einer seele, das gemüth, animus, ingenium'; sie haben die ruhe, den heitern geist eines fröhlichen nicht. Gellert 5, 149 (vgl. 19, l, γ), wo man jetzt sinn vorzöge (vgl. c); dasz wir .. zu gewissen zeiten die unruhe des geistes eben so wohl lieben als zu andern zeiten die ruhe. 5, 143 (von den annehmlichkeiten des misvergnügens); wenn er (Göthe) ahnden sollte, was ich in meinem geist empfand, da ich damals in Weimar abreiste, so würd' ich ihm für allen menschen theuer sein. Klinger bei Rieger 172; selbst der trunkne geist (vor entzücken) Schiller Piccol. 3, 4;
mein geist war ein verzehrend feuer,
mein ganzes herz zerflosz in gluth.
d. j. Göthe 1, 269 (vgl. 19, l, δ),
die ursprüngliche fassung in einem Sesenheimer liede (willkommen und abschied), später geändert, nicht gebessert, adern für geist:
in meinen adern welches feuer!
werke 1, 75;
einigermaszen erholte sich unser geist von alle dem trübsal und jammer bei erzählung mancher heroischen that der tüchtigen stadtbürger. 30, 329; will man dem dichter dieses gefühl allgemeinen heiligen behagens rauben, will man .. einen (confessionell) beengenden grundsatz aufstellen, dann bewegt sich sein geist in leidenschaft .. 33, 157;
wie lag ein innres bangen
auf geist und körper.
3, 27;
wer sich daher als dichter, künstler, kenner
an unserm spiele freut, bezeug' es laut,
und unser geist soll sich im tiefsten freuen.
11, 368 (prolog in Leipzig 1807),
wo das im tiefsten schon dem geist die alte bed. sichert;
denn geist und körper, innig sind sie ja verwandt.
ist jener froh, gleich fühlt sich dieser frei und wohl.
11, 373 (prolog in Halle).
auch geistige freuden, geistesfreude (s. d.), allerdings mit erhöhung des begriffes, wie heiterkeit des geistes (Gellert 7, 74), serenitas animi, auf groszem, weitem und klarem denken ruhend, das aber in entsprechender stimmung aufgeht; vergl. freudengeist, von gott erbeten:
ach fülle meine brust (nicht kopf oder hirn)
mit deinem freuden-geist.
Brockes 2, 483 (470).
angst: was ist unser geist, wenn ihn vorüberziehende wolken (unglück) ängstigen? Hegner molk. 3, 73. stimmung des geistes: dadurch also unterscheidet sie (die idylle) sich zuerst von der epopee, dasz sie immer aus einer einzelnen und einseitigen, die letztere hingegen aus der allgemeinen stimmung des geistes entspringt. Humboldt üb. H. u. Dor. 236 (c. 57); musz man das auge ganz mit éiner farbe umgeben, z. b. durch ein farbiges glas sehen. man identificirt sich alsdann mit der farbe, sie stimmt auge und geist mit sich unisono. Göthe 52, 311. auch noch in alltagsrede z. b. sie hat einmal einen unruhigen geist (auch ist ein u. g. 21, e), es ist ein muntrer geist in oder auch um den menschen, wo mehr das ganze wesen gemeint ist, das ihn bewegt und von ihm ausgeht, auch seine umgebung färbt (vgl. 25).
γ)
mit überwiegendem denken etwa in fällen wie folg.: (auch) der bös mensch kan nimmer vollkommen sünden, der geist kippelt ihn immerzuͦ darumb, weret und wil nit in die sünd verwilligen. S. Frank parad. 312ᵇ (nr. 254), das gewissen, die stimme der geheimen gedanken; ein narr schütt seinen geist gar aus, aber ein weiser helt an sich. spr. Sal. 29, 11, schüttet seinen geist auf einmal aus Agricola spr. 116ᵃ, was er denkt, was ihm durch den sinn geht. rache im geist, rachegedanken, Thoas in der Iphig. 1, 3:
so lang die rache meinen geist besasz,
empfand ich nicht die öde meiner wohnung.
Göthe 9, 13,
es mag zugleich der geist der rache vorgeschwebt haben, vgl. 8, a. 7, g. selbst der blosz forschende geist haszt und liebt noch in seiner bloszen begriffswelt (vgl. 18, f):
wie kömmt es, dasz ein geist, der nichts als glauben haszt
und nichts als gründe liebt, den schatten oft umfaszt ..
Lessing 1, 168,
wie er sich schämt seiner bande s. 190 (s. 18, b, β).
c)
geist für sinn, gesinnung (gleichsam dauernde stimmung), mit dem vorigen leicht verwachsend: lieber, nu versuͦch eʒ noch ze dem dritten mol .. ob im got vil leicht ein pessern geist ein gæb. gesta Rom. 152, biblisch, s. u. 8, e; gib mir einen newen gewissen geist. ps. 51, 13; wol dem menschen, in des geist kein falsch ist. 32, 2; mit sanftem und stillem geiste. 1 Petr. 3, 4; vgl. gedültiger, hoher geist u. a; so wir aus reinem, richtigen geist, ohn lohns und geniesz gesuch wol thun. Luther 1, 482ᵇ; wo ir mit freundlichem geist daran handelt. 3, 30ᵇ; wiewol zebesorgen ist (bei der abstimmung in concilien), pöser geist und aigner nutz köme bisweil auch dazwischen. Berth. v. Ch. 6, 7, vorher ist vom heil. geist die rede der die abstimmung lenke, sodasz in jenem der teufel mitgedacht sein wird (7, h), vgl. 14, 5: wo die propheten, apostl oder lerer aus heiligem geist geredt oder geschriben, daselbs haben si nit geirrt, wo die deutliche vorstellung des h. geistes wol auch schon übergeht in heiligen sinn überhaupt (vgl. 19, k, δ); zwar wehlen sich manche aus einem stillen geist stille und einödige örter. Simpl. K. 82; einen rachgierigen geist, ein rachgieriges gemüth haben, esprit de vengeance. Rädlein 342ᵃ;
durch unsre mitte gieng er stillen geists,
sich selber die gesellschaft.
Schiller Wall. tod 4, 2;
solange wir an der schlafenden person die züge wahrnehmen, die ein wohlwollender sanfter geist gebildet hat. X, 79, 35 (vgl. 14, e, ε); ein feindseliger, mit sich uneiniger geist. 80, 10, wie er sich in den zügen ausdrückt; dagegen das harmonische gemüth z. 16, vgl. der sittliche geist z. 21; man kann von jeder gesetzmäszigen handlung, die doch nicht um des gesetzes willen geschehen ist, sagen, sie sei blosz dem buchstaben, aber nicht dem geiste (der gesinnung) nach moralisch gut. Kant 4, 183 (vgl. 26, b); der geist, aus dem wir handeln, ist das höchste. die handlung wird nur vom geiste begriffen und dargestellt. Göthe 20, 126 (lehrj. 7, 9), in W. Meisters lehrbrief, vgl. spr. in pr. nr. 542 von gesinnungen;
denn an der braut, die der mann sich erwählt, läszt gleich sich erkennen,
welches geistes er ist, und ob er sich eigenen werth fühlt.
40, 326 (H. u. Dor. 9),
nach Luc. 9, 55 οἵου πνεύματος, von Luther und danach im sprachgebrauch durch kind ergänzt (s. 8, h), und der angeborne sinn und geist, nicht eine erworbene gesinnung ist ja wirklich meistens gemeint.
d)
der geist auch von der bewuszten seele, genauer als das sich selbst bewegende leben in uns (vgl. 13, b), auch in bewegung nach auszen gedacht (oder gefühlt, vgl. 19, c, γ), z. b. beim lieben, wenn Fleming singt an ihren mund, als er sie ümmfangen hatte (umfaszt hielt), der geist als träger der liebe und des lebens zugleich (vgl. u. 19, m, β):
itzt hab ich, was ich will, und was ich werde wollen.
du wohnhaus meines geists, der als zu einer thür'
itzt ein, itzt aus hier geht.
604 (Lapp. 496),
wie er umgekehrt die geliebte mit edler geist anredet, s. u. 21, f;
wann ihr gesichte (anblick) mir geraubet meinen geist,
und dann ihr athem ihn hat wieder heim geweist.
Opitz 1641 s. 181;
hier soll bis zum letzten kusse
dir mein geist gewidmet sein.
Göthe 5, 148 (divan, buch Suleika);
beglückt, beglückt, wer die geliebte findet,
die seinen jugendtraum begrüszt,
wenn arm um arm, und geist um geist sich windet,
und seel' in seele sich ergieszt.
Hölty 199 H. (seligkeit der liebenden),
wie der geist die geliebte umschwebt, in nächster nähe: hier setzten wir uns. es war eine selige stille unter uns. mein geist umschwebte die göttliche gestalt des mädchens, wie eine blume der schmetterling. Hölderlin 239; lasz mich, rief ich, lasz mich dein sein, lasz mich mein vergessen, lasz alles leben in mir und allen geist nur dir zufliegen, nur dir, in seliger endloser betrachtung. 228. ebenso fliegt er mit den blicken fort, nicht denkend und vorstellend blosz, sondern fühlend, fassend (vergl. 18, e): ihr lieben ionischen inseln .. ihr seid mir all im auge, so fern ihr seid, und mein geist fliegt mit den lüftchen über die regen gewässer. 264, vgl. auch u. 19, i, γ. ähnlich Tasso (4, 1):
wo sind die stunden hin ..
die tage, wo dein geist mit freier sehnsucht
des himmels ausgespanntes blau durchdrang?
Göthe 9, 193,
wie Faust vom gefühl 12, 43 (sp. 2176). der begriff ist besonders klar im folgenden: ein tiefes lebensgefühl durchdrang mich noch (im kampfgetümmel). es war mir warm und wohl in allen gliedern. wie ein zärtlich scheidender, fühlte zum letztenmale sich in allen seinen sinnen mein geist. Höld. 266, das vollste innere leben mit bewusztsein. so im kampfe mit dem überwältigenden wallen der liebe: wie der schwimmer aus reiszenden wassern hervor, rang und strebte mein geist, nicht unterzugehn in der unendlichen liebe. 223, das eigenleben als zusammengefasztes ich, d. h. immer noch der ursprüngliche begriff lebensgeist (13, b), nur in der erhöhung, vertiefung und ausweitung der neuen zeit. zu der ausgreifenden bewegung nach auszen vgl. u. 13, f Göthe und Schiller.
e)
daher auch empfindender geist, gefühle des geistes (vgl. im geist empfinden Klinger u. b, β): die freudige empfindung des geistes, die .. in einer mächtigen überzeugung von der göttlichen liebe .. besteht. Gellert 5, 55 (41);
das hohe göttliche, es ruht in ernster stille,
mit stillem geist will es empfunden sein.
Schiller XV, 12 (huld. d. k. 208);
dieser zärtliche sinn der Griechen, der das materielle immer nur unter der begleitung des geistigen duldet, weisz von keiner willkürlichen bewegung am menschen, die nur der sinnlichkeit allein angehörte, ohne zugleich ein ausdruck des moralisch-empfindenden geistes zu sein (zu moralisch s. sp. 2178). daher ist ihm auch die anmuth nichts anderes, als ein solcher schöner ausdruck der seele in den willkürlichen bewegungen. wo also anmuth stattfindet, da ist die seele das bewegende princip (vgl. 14, e, α). X, 69, 28, über anm. u. w.; Venus, ohne ihren gürtel und ohne die Grazien, repräsentirt uns das ideal der schönheit, so wie letztere aus den händen der bloszen natur kommen kann und ohne die einwirkung eines empfindenden geistes durch die plastischen (nur körperlich bildenden) kräfte erzeugt wird. 70, 16. 20; der geist soll thätig sein und soll moralisch empfinden. 92, 2 (der sittliche geist 100, 5), also empfindender geist gleich seele, nur in schulmäsziger umschreibung, als versuch einer definition (wie umgekehrt geist auch als denkende seele); der geist bestimmt sie (die glieder) nicht blosz absichtlich, wenn er handelt, sondern auch unabsichtlich, wenn er empfindet. 78, 9, vergl. vorher vom gebiet des geistes, welches nicht eher endigt, als wo das organische leben sich in die formlose masse verliert und die animalischen kräfte aufhören 77, 34, also noch völlig der alte begriff, auch noch das sog. unbewuszte, animalische begreifend (s. auch 14, e, α a. e.), doch zugleich zusammengefaszt wie in einer spitze in dem begriff der freiheit des wollens 78, 17 ff. 77, 23, während das denkende und urtheilende noch als verstand erscheint 79, 15 (unterschieden von sinn), erhöht als vernunft 79, 13, das ganze zusammengefaszt aber auch als gemüth 80, 23 u. o., vgl. u. 18, b, γ; äuszerung eines trefflichen hochfühlenden ... geistes (Byron). Göthe 46, 229;
der aus goldenem becher der morgenröthe begeistrung
trinkt, und mit schönen gefühlen den geist bereichert am urborn
heiliger seelengenüsse, besucht von wenigen edlen.
Neubeck gesundbr. 96.
s. auch dunkles gefühl des geistes Fichte u. 18, f.
f)
auch 'denkend und empfindend', beides auch noch als ein thun (vgl. sp. 1952 m. und 1946): vermischte wesen heiszt er (Bonnet) solche, die aus einem denkenden und empfindenden geiste und einem organisirten cörper bestehen. Lavater auss. (1770) 2, 200; hypochondrie .. die krankheit tiefdenkender, tiefempfindender geister und der meisten groszen gelehrten. Schiller I, 109, 16; es war nämlich vorzüglichen, denkenden und fühlenden geistern ein licht aufgegangen .. Göthe 26, 341 (22, 197 H.); vgl. bei Sulzer: zum genie wird also auch eine warme empfindung erfodert, ohne welche der geist nie wirksam genug ist. theorie 2, 365ᵃ. denn wie der geist auch noch empfindet, so denkt auch noch das gemüth damals (man vergl. aber 16, b, β): das gemüth ist bestimmt, insofern es überhaupt nur beschränkt ist, es ist aber auch bestimmt, insofern es sich selbst aus eignem absoluten vermögen beschränkt. in dem erstern falle befindet es sich, wenn es empfindet, in dem zweiten, wenn es denkt. Schiller X, 346, 14 (21. ästh. br.), vgl. z. 18, wie empfinden und denken einander in einem punkte berühren (im gemüth); das gemüth geht also von der empfindung zum gedanken durch eine mittlere stimmung über, in welcher sinnlichkeit und vernunft zugleich thätig sind. 345, 13 (20. br.), d. h. im grunde noch wie früher z. b. bei Bodmer (sp. 1946). vom gedankenverkehr liebender: so eine liebe, fuhr jene fort, habe ich noch nie gesehen. sie sprechen ohne worte und verstehen sich ohne rede. ihr geist fliegt dem begriffe voraus, und ihre empfindungen sind eins, ehe sich der gedanke bildet. Hegner molk. 3, 92, wo denn denken und empfinden (und beides als verstehen) noch wie blitzartig zusammenfallen. s. auch 19, b, δ der geist zugleich als empfangend und zeugend.
g)
daher auch phantasie des geistes, ein eignes volles, zweites (oder erstes) leben im geiste: zuͦ obrist im haubt steet inwendig das hirn mit seinen cellen, durch die der geist würkt sein inwendig kreft, nemlich fantasey und gedächtnus, auch list oder vernuft. Berth. v. Ch. 27, 5 (vgl. u. gedächtnis 5, a), s. übrigens dazu u. i;
des geistes rege phantasie
schafft welten und zertrümmert sie.
Kosegarten poes. 1, 328;
und dasz schon hier im reich der sinne
die junge paradieseswelt beginne,
ward unserm geist ein wesen zugesellt,
aus geist und sinnlichkeit geboren:
die phantasie ward auserkoren,
zu öffnen uns die reiche wunderwelt.
Tiedge 1, 90.
das ist der bildende geist Schiller X, 91, 39, der doch in der anschauung auch ideen niederlegt das. der geist sieht, hört wie mit eignen augen, mit geistes ohr, sieht geistige bilder:
wie sie wandelt auf den birkenhöhen ..
kann mein geist durch trennungsdunkel sehen.
Salis (1808) 35, 'fantasie';
im spiegel stiller ahndung schaut
mein geist der wallfahrt ziel.
50;
stimm' aus jenen lichtern sphären ...
weile in des geistes ohr.
142;
geistige bilder stiegen aus dem zwielicht
der erinnerung.
46.
ebenso aber auch z. b. im geiste (s. 19, k) wandern, knien, singen, sprechen, und so von aller thätigkeit, die aus der sinnenwelt in die geistige mit übergeht; früher auch diesz im herzen, vgl. z. b. des herzens knie biegen V, 1424 m., ir herze sanc Erec 9689 u. anm., in geistlicher rede aber auch mhd. schon geist so: (stilles gebet) dâ mite der gernde geist mit gote lîse rûnet âne wort und âne lût und in ime singet der minne dôn unde doch âne schal. Haupt 8, 225.
h)
in besondrer nähe steht dem begriff von geist der wille (vgl. geist als der beweger in uns 14, e, α. δ), wie schon Adelung bemerkte (5, 2, b) „zuweilen auch in bez. auf die kraft zu begehren u. zu wollen, das gemüth, z. b. einen hohen geist haben, nach hohen dingen streben“ (vgl. a); daher denn z. b.: so härte die kunst, wie sonst der staat, den jungen geist und willen. J. Paul Lev. § 35; mhd. von zwei freunden:
wir sîn ein lîp und ein geist (vgl. 28, a)
mit willen und mit werken.
Eneit 181, 20,
das wollen dem geist, das handeln dem lîp gehörig; der geist ist willig, aber das fleisch ist schwach. Matth. 26, 41; befestige mich mit eim freiwilligem geist. ps. 51, 14 var.; auch geist für sinn und gesinnung (u. c), die ja besonders als neigung zu bestimmtem wollen erscheinen, gehört zugleich hierher, und noch jetzt, wenn z. b. nach dem geiste einer gesetzesbestimmung gefragt wird, so ist die frage darum, was der gesetzgeber eigentlich gemeint und gewollt hat (26, b, γ);
wol kräuter gäb's, des körpers qual zu stillen,
allein dem geist fehlt's am entschlusz und willen.
Göthe 3, 29 (elegie).
daher auch strebend, thatendurstig, thätig, kräftig, tapfer u. dgl., aber auch willkürlich:
ward eines menschen geist in seinem hohen streben
von deines gleichen je gefaszt?
Göthe 12, 85;
mein geist dürstet nach that, mein athem nach freiheit. Schiller II, 48 (räuber 1, 3); aber sein thätiger geist konnte nicht lange im schoos müsziger eitelkeit rasten. VI, 106, 12; daher kann auch der tapferste bei allem widerstande, den er gegen die sinnlichkeit ausübt, nicht die empfindung selbst .. unterdrücken, sondern ihr blosz den einflusz auf seine willensbestimmungen verweigern ... er kann durch seine selbstständige kraft verhindern, dasz naturgesetze für seinen willen nicht zwingend werden .. X, 109, 19, also über den einzelnen willensanwandelungen der geist zugleich als höherer wille (s. auch u. 18, h); nach willkür des eigenen geistes das leben umzugestalten. Pfizer briefw. zw. D. 116. aus Schillers gedankenkreis stammt auch folg. geist geradezu als wollen:
du hörst den donner rollen,
sein flammenzorn ist sich des zornes nicht bewuszt.
natur heiszt sein gesetz, nur in des menschen brust,
da herrscht ein selbstgebot, ein geist, ein eignes wollen.
Tiedge 1, 164 (Urania 6, 208);
recht hat der sinnentrieb, recht thun geziemt dem geist,
der halbgott steht am scheidewege.
170.
in der kath. kirchenlehre wird im geist der wille als höchste kraft gesetzt (vgl. schon 15, b a. e. Herm. v. Fritzlar): des geistes höchste kraft, benentlich (nämlich) der will. Berth. v. Ch. 28, 13; zuͦ höchst ist geordnet des geistes will, der an kain leiblich glid gepunden, sonder frei ist. 27, 5, vgl. 27, 9. 17 und 41, 1 freier will ist obriste kraft und regierer im menschen (vgl. 8, f), auch das gewissen wohnt in ihm 28, 17, lieben und hassen sind seine freien äuszerungen 28, 13, die äuszerungen des willens als ausflusz des eigensten innersten wesens und lebens, die man sonst ins herz setzt (vgl. der heil. geist als wille in uns Eckh. u. 10, c). auch nach Fr. v. Baader (16, 538 fg.), im anschluss an J. Böhme, ist der wille das centrum unsers geistwesens, wille und geist verhalten sich wie flüssiges und gestaltetes u. s. w., wie ähnlich bei Fichte best. des menschen 187 der wille das lebendige princip der vernunft, ja selbst die vernunft (selbstthätige vernunft ist wille 201, der göttliche wille das einige lebensprincip der geistigen welt 202), während Schopenhauer, der dem willen die wichtigste stelle zuspricht, ihn ins herz verlegt, er nennt ihn z. b. das leben des herzens (Schop.-lex. 2, 142), von geist dagegen, mit welchem worte man in der regel keinen deutlichen begriff verbinde, ist ihm der wahre begriff der des intellects als gehirnfunction (1, 230).
i)
auch nach älterer scholastischer anschauung wirkt zwar der geist schon durch das hirn, s. vorhin u. g Berthold v. Ch., aber eben so gut im ganzen körper: durch die augen vernimbt der geist das liecht und finster u. s. w., sonst allenthalben durch ganzen leib, wo derselb indert beruͤert wirt oder selbs etwas anruͤert, empfindt und verstet menschlicher geist die elementlichen aigenscheft. ders. 41, 5, es ist eben der alte begriff spiritus als incorporeum illud etc., s. 14, e.
18)
der geist als denkend, erkennend, als bewusztsein.
a)
als bewusztsein vielleicht schon mhd. im folg., wie sonst da sin, witze f.: dô nu Saul sîn geist benomen wart und was komen von sînen sinnen (so mit H), das er mit tiufelichen sachen umbgieng. historienbib. 874, angeknüpft an geist 2, c, von frischer lebenskraft, falls nicht eig. gotes geist in Saul gemeint ist (s. u. 8, a); vgl. das heutige geistesabwesend und geistesgegenwart (s. u.gegenwart 6, f), gegenwart des geistes für die äuszerliche gegenwart J. Paul Lev. § 138. im 16. jh. z. b. ohren, die on geist hören und darum den inhalt nicht fassen: es sind aber solche wort, die in unsern ohren, so sie on geist hören, lauten als lauter kinderteidinge (geschwätz), die weder kraft noch saft haben. Luther 6, 170ᵃ, geist als das gefaszte innerste leben, das zugleich erfordert wird um den geist der worte zu fassen; vergl. bei Creuz u. 13, b geist zum sehn im auge, den ihm der nervensaft liefert; geist so im höchsten sinn, vom genie als höchstem bewusztsein: er, der nicht mit dem auge allein sondern mit dem geist siehet und nicht mit der zunge (andern nachsprechend) sondern mit der (selbstschaffenden) seele bezeichnet. Herder ideen 2, 243. unserm bewusztsein entsprechend wol auch folg., obwol etwas von franz. esprit eingemischt sein könnte (s. 24, d):
doch mir (Sylvia) gefällt kein herz, das sich so bald ergiebt.
man sei dem schäfer gut, der uns weisz hoch zu achten,
allein man sei auch streng, und lasz ihn erstlich schmachten.
die liebe, die nicht kränkt, ist liebe sonder geist.
Gellert lustsp. 1748 378 (Sylvia 4. auftr.);
vgl. 'geist und leben' ähnlich (s. dazu 14, e, β):
du hast vollkommen recht, er ist nie aufgeräumt.
'er sieht mich an, und sinnt ..' mit einem wort, er träumt.
allein die lieb ist schuld, sie raubt ihm geist und leben.
doch beides wird sie ihm gedoppelt wieder geben,
so bald er glücklich ist.
s. 381.
später wurde der bewuszte geist ein wichtiger begriff, sodasz der geist sogar wol ganz im begriff des bewusztseins, wol gar des bloszen selbstbewusztseins aufgehen soll (vgl. g), als ob er mit der ganzen fülle seiner gaben nur da wäre zur schielenden selbstbespiegelung. s. übrigens auch geist vom gewissen (d. i. eigentlich bewusztsein, conscientia) im 16. jh. 17, b, γ, und vom bewusztseinsinhalt das.
b)
der geist forschend, denkend, wissend, verstehend u. ä.; vgl. mhd. diu forschende kraft der sêle. Haupt 8, 226.
α)
biblisch: ich denke des nachts an mein seitenspiel und rede mit meinem herzen, mein geist musz forschen. ps. 77, 7; wir reden von der heimlichen verborgenen weisheit gottes .. welche keiner von den obersten dieser welt erkand hat .. und in keines menschen herz komen ist .. uns aber hat es gott offenbaret durch seinen geist, denn der geist erforschet alle ding, auch die tiefe der gottheit. 1 Cor. 2, 10; denn welcher mensch weisz was im menschen ist, on der geist des menschen, der in im ist? also (ebenso) auch, niemand weisz was in gott ist, on der geist gottes. v. 11, aber nicht νοῦς oder mens, sondern πνεῦμα, spiritus, d. h. immer noch der ursprüngliche biblische begriff 2, a (vgl. 14, e, β), in erneuter unmittelbarer verbindung mit gottes geiste gedacht; ich weisz alles was heimlich und verborgen ist, denn die weisheit, so aller kunst (wissen) meister ist, leret michs. denn es ist in ir der geist, der verstendig ist ('intelligent') u. s. w., sihet alles und gehet durch alle geister, wie verstendig, lauter, scharf sie sind. weish. Sal. 7, 21 ff. s. auch 14, e, β vom geist und buchstaben. im 17. jh. z. b.:
deine liebe, deine gunst (neigung)
gieng und hieng nach lauter kunst (wissenschaft),
viel zu lernen, viel zu wissen
war dein edler geist beflissen.
P. Gerhard 255 Göd.
β)
im 18. jh. nunmehr als mens (z. b. Weber 335ᵃ):
nicht so (ist vergänglich) der geist, der lebt und denket,
mit schneller macht die sinnen lenket,
erwigt, beschleüszt, verwirft und wählt.
Drollinger 18 (unsterbl. der seele),
das ist nun wesentlich der geist aus Wolffs schule, aber nicht dem ausdruck nach, denn für den denkenden geist war dort verstand, vernunft oder seele das schulgerechte (s. u.γ und 15, e); einen denkenden geist, ein nach glück entbranntes herz, ein redendes gewissen in sich fühlen. Gellert 7, 214;
wo keine priester mehr, mit blutgem aberglauben,
die freiheit unsers geists und die gemüthsruh rauben.
Cronegk 2, 14;
ich denke, bis mein geist, der keine ruhe hat,
fast still zu stehn beginnt, vom schweren denken matt ..
und niemals (doch) hab ich ausgedacht.
Creuz 2, 111,
auch der denkende geist in bewegung in sich (vgl.'lebt' vorhin);
ein geist von wahrheit voll, gewöhnt zu scharfen schlüssen,
entdecket da beweis, wo andre glauben müssen.
Kästner (1841) 2, 86;
wer glaubte (conj.), dasz ein geist, um kühn und neu zu denken,
sich selber (so) schänden kann und seine würde kränken?
Lessing 1, 169;
ich las auch so viele beschreibungen dieser gegenstände, ehe ich sie sah. gaben sie mir denn ein bild, oder nur irgend einen begriff? vergebens arbeitete meine einbildungskraft sie hervorzubringen, vergebens mein geist etwas dabei zu denken. Göthe 16, 197, br. aus d. Schweiz 1; dasz der forschende geist sich nicht gerne von etwas erreichbarem ausschlieszen läszt. 33, clxiv H.; die geschichte .. sieht sich zuweilen durch erscheinungen belohnt, die .. den nachdenkenden geist auf eine höhere ordnung der dinge verweisen. Schiller VIII, 299; die wissenschaften, die .. den geist nur als geist vergnügen (befriedigen). IX, 81, im unterschied von den brodstudien; der mensch kann entweder in harmonischem bunde mit der natur fortgehen, seinen geist mit ihrer beobachtung, seine einbildungskraft mit ihren formen beschäftigen, seine empfindung auf gegenstände richten die sie ihm darbietet .. Humboldt über H. u. Dor. 159 (c. 44). die wissenschaften heiszen künste des geistes, geisteskünste (s.kunst II, 2):
da (im geistesall) lodern hoch, mit wunderbarem glanze,
die sonnen wahr und gut und schön,
um die, so willst du (gott) es, sich in vereintem tanze
des geistes künste drehn.
Bürger 79ᵃ;
Georgia (Göttingen), die auch gesang und reigen
erhabner geisteskünste führt ...
das.;
vgl. geisteswissenschaften (im gegensatz zu naturwiss.). Dem geist gehören vorstellungen, begriffe, abstractionen an: wenn die unruhe der seele nur in gewissen vorstellungen des geistes bestände .. Gellert 5, 31 (24); allein unsere vorstellungen des geistes bleiben nicht immer auf gleiche art helle, deutlich und vollständig. 56 (42), ganz wolfisch; von den feinsten abstractionen des menschlichen geistes, von wahrheit, schönheit und güte. Herder IV, 11, der freilich auch schon von trockenheit solcher geisteserzeugnisse spricht: es ist das resultat einer composition (statt lebendig gewachsen) und also ein trockner begrif des geistes. IV, 113, vgl.nackter begriff des g.: gerade diejenigen gedanken, deren darstellung nur im bild .. ganz gelingt, weil sie in begriffen sich nicht fassen und erschöpfen lassen, sind die eigentlich poetischen und geben dem geiste ein ungleich höheres, als der nackte begriff oder die abgezogene form. Pfizer briefw. 115. Dasz aber im 18. jh. der geist mit dem begriffsvermögen nicht zusammenfiel, diesz nur ein theil von ihm war (wie doch auch im 19. jh. noch bei Pfizer), zeigt z. b. Sulzers ausdruck von der oberen gegend des geistes, wo die allgemeinen und abstracten begriffe ihren sitz haben theorie 2, 363ᵇ (19, i, β), und dasz die seele als ihr wohnsitz galt (s. 15, e): niemand hatte vielleicht mehr deutliche begriffe beständig in seiner seele gegenwärtig, als Baumgarten. Abbt 4, 236, womit übrigens Hallers beobachtung u. 19, g, γ auszugleichen wäre. es lebt da in geist immer noch der alte weitere begriff nach, und noch Herder z. b. in einer begriffszeichnung des geistes erwähnt des denkens gar nicht: in der sinnlichen welt unterscheiden wir geist vom körper und eignen jenem alles zu, was den körper bis auf seine elemente beseelet, was leben in sich hält und leben erwecket, kräfte an sich zieht und kräfte fortpflanzet. human. br. 2, 13 (1793).
γ)
wie spät dieser engere begriff oder dieses merkmal durchgedrungen ist in den vordergrund, in dem es das heutige sprachbewusztsein sieht, zeigt der umstand, dasz kein wb. vor Adelung den denkenden geist besonders erwähnt, erst er setzt an, als 5. bed.: 'die mit dem körper verbundene einfache substanz, welche mit der kraft zu denken und zu wollen begabet ist, die seele .. am häufigsten in bez. auf die kräfte des verstandes, so wie seele mehr von den begehrungskräften gebraucht wird'. vor ihm findet sich höchstens geist auch mit verstand, esprit erklärt, wie bei Rädlein 342ᵃ, wie denn beide wechseln, z. b. im lobe einer braut:
frömmigkeit, verstand und zier ...
so viel art und geist zusammen.
Opitz (1641) 709. 710.
überhaupt treten verstand und vernunft vielfach ein für den verstehenden, denkenden geist (vgl. Schiller u. 17, e), im 17. jh. auch in geschmacklos geistreichelnder häufung: nicht wenige (dichter) werden gefunden, die zwar den geist ihres verstandes durch die flügel der vernunft über die gemeine ersinnungen tragen und in wol nachdenkbaren einfällen glückselig erfunden werden .. Alh. Moller tyrocin. poeseos teuton. Braunschw. 1656 s. 5 (vergl. verstandesvernunft Göthe 50, 44). noch ohne unterschied wechselnd z. b. in einem gedichte Günthers v. j. 1717, das den neuen aufschwung der philosophie feiert, durch Cartesius bewirkt:
wir haben etwas mehr, was an die sterne flieget,
ich meine den verstand, der götter eigenthum.
654;
die köpfe streckten drauf den gröszten eifer an
und lieszen der vernunft die freiheit mit dem zügel.
655;
der siegende verstand erforscht die heimlichkeit (geheimnisse)
und den verborgnen fleisz der mutter aller dinge.
das.,
und zwar gegen des aberglaubens geist das.; im folg. würde jetzt und wol auch im 16. jh., obwol da mit andrer färbung, geist für vernunft, verstand gesetzt werden, er spricht von seinen angstvollen grübeleien:
erhohlt sich die vernunft, so fühl ich noch ein herz ..
wie sehr sich ihr (der seele) verstand ermuntert und verklärt,
begreifet, nimmt und theilt, verbindet, unterscheidet ..
413.
zwischen geist und vernunft wechselt auch noch z. b. Humboldt, wenn er a. a. o. fortfährt (s. u.β): oder er kann sich einsamer in sein gemüth verschlieszen, seine vernunft abgesonderter (abstracter) beschäftigen, dann einbildungskraft und empfindung wie vorhin (das gemüth als alles das in sich begreifend). doch auch als verschieden, z. b.: wenn sie (solche volkslieder) auch geist und verstand, einbildung und erinnerungskraft aufregend beschäftigen. Göthe 46, 307. das eigentliche vordringen von geist scheint erst gegen 1800 geschehen, vielleicht am meisten durch die theoretische sprache der romantiker (z. b. im Athenäum), wie die ausbildung des neuen begriffes erst unserm jh. angehört, ohne zweifel hauptsächlich unter Schellings und Hegels einflusz (vgl. 27, b), während Kant noch den alten begriff hatte (s. 14, e, δ. 20, b, α, bes. 26, b, α), wie Gottsched noch geist und vernunft scheidet (24, d). wie das durch- und vordringen von geist geschah, zeigt etwa folgende äuszerung (vom jahre 1804), die jetzt, 80 jahre später, schon dem verständnis schwierigkeit macht: der verstand ist überhaupt selbst nichts als geist, wenigstens mehr geist als seele. diese steht in naher beziehung auf das gefühl, aber er ist geordneter, ausgesprochener, gebildeter geist, er ist im innern wesen geist, construirte gebildete seele. Fr. Schlegel philos. vorles. 1, 81.
c)
geist in seinem begriff über das seelenleben hinaus strebend.
α)
nun erscheint auch geist in bestimmter trennung von der empfindung, auch bei dichtern, die sonst beides gern zusammenhalten (vgl. 17, e. f): nicht dasz es ihm (Kaufmann) an geist fehlte, aber die empfindungen lassen keine überlegung aufkommen. Sulzer an Zimmerm. (1777) bei Bodemann Zimm. 267;
da die schönheit entstand, war die empfindung die braut,
bräutigam war der geist.
Klopstock 7, 11 (v. j. 1798), vgl. dazu 19, b, δ;
vergl. bei Schiller X, 505, 31 die schönheit ist das product der zusammenstimmung zwischen dem geist und den sinnen u. s. w.;
still (ergeben) seh ich, wie zu seiner mündung
des lebens wellenspiel mich reiszt.
erhöht die schwermuth die empfindung,
so hebt ergebung meinen geist.
Salis (1808) 26, 'ergebung',
vergl. vorher von der ergebung, die der seele saiten reiner stimmt, dasz sie sich denkend und überschauend auch über die empfindungsschicht erhebt und in die weltordnung fügt.
β)
denn der geist ist es, der die schranken des eben gegenwärtigen übersteigen kann, in denen wir mit den empfindungen (und gedanken) eingeschlossen leben, z. b. der ahnende geist: im geist sehen, vorher sehen, schwanen. Rädlein 342ᵇ;
mein ganzes leben gieng, vergangenes
und künftiges, in diesem augenblick
an meinem inneren gesicht vorüber,
und an des nächsten morgens schicksal knüpfte
der ahnungsvolle geist die ferne zukunft.
Schiller Wallenst. tod 2, 3;
ich will glauben behalten ... hohe und höhere ahnungen im geiste, vollen wirklichen genusz des unsichtharen in der seele. Jacobi Allwill (1826) 235; schaut ein begünstigter geist in die groszen welterscheinungen hinein .. und spricht das vorhandne ahnungsvoll aus, als wenn es entstünde. Göthe 49, 3 (doch auch ahnungsvolles herz 13, 88 und seele); der schäfer meinte, musik schütze vor bösen gedanken und vor langerweile. da hat er recht, denn die melancholie der langenweile entsteht doch nur, weil wir uns nach der zukunft sehnen. in der musik ahnen wir diese zukunft, da sie doch nur geist sein kann und nichts anderes, und ohne geist giebt es keine zukunft (und auch keine vergangenheit). wer nicht im geist aufblüht, wie wollte der leben und athem holen? Bettine br. 1, 307; so ists auch mit dem geist, in der gegenwart bedingt er schon die zukunft. 3, 38. vgl. von schranken des geistes 19, g, γ und das altphilos. transscendere, ahd. uberstepfan: der sin, der ratio heiʒet, der uberstepfet imaginationem. Notk. Boeth. 265.
γ)
und ebenso im grunde bei Luther der geist als träger des glaubens, im anschlusz an den altkirchlichen begriff (vgl. u. e und 15, d a. e.): und ist nemlich die vernunft hie das liecht in diesem hause, und (doch) wo der geist nicht mit dem glauben als mit einem höherm liecht erleuchtet, dis liecht der vernunft regiret, so mag sie nimer on irrthumb sein. 1, 479ᵇ.
d)
das denken als ein sehen, hören.
α)
das höhere denken und erkennen, über die nächste gegenwart hinaus, wird auch, wie das ahnen u. c, β, als ein sehen, schauen des geistes bezeichnet (vgl.anschauen): dâ (wo) daʒ götlich lieht die vernunft erhebet über sich selber unde dringet oder drücket den geist in sîn götlicheʒ antlite, dâ wirt der geist entfremedet allem gemerke der creaturen unde stât in einem blôʒen (reinen) anschouwen der êrsten wârheit. Eckhart 481, 7, vgl. u. gedanke II, 4, a und 5, e. g; der geist sihet bisz in die tiefe der gottheit. J. Böhme morg. 7, 11 (s. 8, d);
du, dessen geist, mit sichrer kraft,
den umkreis mancher wissenschaft
mit einem freien blick durchstrahlet.
Haller 157.
dazu auge des geistes, geistesauge u. ä.: und hiermit geht die ewige welt heller vor mir auf und das grundgesetz ihrer ordnung steht klar vor dem auge meines geistes. Fichte best. d. menschen 178, vgl. dens. u. f; selbst ein geist kann so den andern sehen, als bild wirklichen erkennens: (mein ziel ist) den geist eines menschen (Th. Abbts) wie ein einzelnes phänomenon, wie eine seltenheit (in einer sammlung) darzustellen, die würdig ist unser auge zu beschäftigen ... wenn ich ... unser auge aufthun könnte, geister wie körperliche erscheinungen zu sehen, zu betrachten. Herder II, 257; so geben sich unsre kunstrichterseelen auch alle mühe, durch ihre gelehrsamkeit und scharfsinn die süszen augenblicke uns zu rauben, da wir den geist des andern sehen und uns nach ihm bilden. 264 (d. h. sie zerpflücken das bild in begriffe); vgl. geistesblick und mhd. herzen ougen, herzen gesiht vom denken u. gedanke 2, b; auch in gesichtspunkt, standpunkt, horizont, einsicht u. a. ist dasselbe bild versteckt.
β)
aber auch als hörend wird der sinnende geist bildlich bezeichnet (vgl. die stimme des gewissens u. ä.):
das entweihte gefühl ist nicht mehr stimme der götter,
und das orakel verstummt in der entadelten brust.
nur in dem stilleren selbst vernimmt es der horchende geist noch.
Schiller XI, 69 (der genius);
in diesem innern sturm und äuszerm streite
vernimmt der geist ein schwer verstanden wort:
von der gewalt, die alle wesen bindet,
befreit der mensch sich, der sich überwindet.
Göthe 13, 185 (geheimnisse).
γ)
so begleitet das sinnenleben der seele sie auch in der erhöhung als geistesleben (vergeistet Eckh. u. 15, c), geht doch selbst das fühlen mit auf die höhere stufe (s. f); das plaudert Bettine einmal aus: der geist hat auch sinne. so wie wir manches nur hören oder nur sehen oder nur fühlen, so giebts gedanken, die der geist auch nur mit einem dieser sinne wahrnimmt u. s. w. Göthes briefw. mit e. kinde 1, 264.
e)
und noch sinnlicher, der geist greift, faszt (vgl.gedanke 12, a. 11, e):
und was der ganzen menschheit zugetheilt ist,
will ich in meinem innern selbst genieszen,
mit meinem geist das höchst' und tiefste greifen,
ihr wohl und weh auf meinen busen häufen ...
Göthe 12, 89;
die letzten enden aller dinge will
sein geist zusammen fassen.
9, 190 (Tasso 3, 4);
das erst stück, der geist (vgl. u. 15, g) ist das höchste, tiefeste, edelste teil des menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unsichtige, ewige ding zu fassen, und ist kürzlich (kurz gesagt) das haus, da der glaube und gottes wort innen wonet. Luther 1, 479ᵃ (von der seele s. u. 15, d), wo doch fassen (s. d. 13) eig. meint in sich aufnehmen als gefäsz. und ebenso begrîfen: diu eine kraft (der seele) ist verstentnisse, diu mac begrîfen die heilige drîveltikeit mit allen iren werken und besliuʒet si in ir, als der ein vaʒ vülte unde daʒ zuo beslüʒʒe u. s. w. Eckh. 496, 13; auch von erkennen unterschieden als sinnliches erfassen: ein iegelîchiu kraft, siu sî verstentlich oder sinlich, sol si etwas bekennen oder begrîfen, das muos ir gegenwürtig sîn. Haupt 8, 442 (doch auch von gottes verstentnisse 430). im 16. jh. auch ergreifen (s. d. 10), wie noch bei Göthe kaum dem geist, am wenigsten aber dem gemüth ergreiflich 46, 233, weil ihm in begreiflich die urspr. vorstellung des erfassens, umfassens zu verwischt war; denn dasz ihm diesz urspr. bild wieder klar war, verräth sein Prometheus in der übertreibung des zorns: könnt ihr (götter) den weiten raum des himmels und der erde mir ballen in meine faust? 33, 244, vergl. im Ganymed von der natur im frühling: dasz ich dich fassen möcht in diesen arm! 2, 82 und Faust: wo fasz ich dich, unendliche natur? 12, 33 (statt des bloszen schauspiels); strebte er doch die natur mit seinen augen zu ergreifen 16, 201 (br. aus d. Schw. 1, vergl. 'ins auge fassen'), alles aus dem drang seines geistes, über das blosz begriffliche erfassen hinauszukommen zum wirklichen erfassen, mit dem gefühl der besitznahme (vergl. 29, 319 fg. nach Moritz), wozu freilich nicht blosz der erkennende geist gehört, sondern der ganze geist, der geist selber; nur so weit geht die höhe der seligkeit, als sie begriffen wird. was der geist nicht umfaszt, das macht ihn nicht glücklich. Bettine br. 3, 54; alles was dieser (der himmlischen welt) entspricht, das reiszt der geist an sich und genieszt es mit entzücken. 2, 4. wie ernstlich man das ergreifen auch nahm, s. z. b. Hölderlin u. 17, d.
f)
auch das fühlen geht wirklich mit auf den denkenden geist über, in erhöhter weise, s. sp. 2182 vom wahrheitsgefühl, das dem denkenden geiste den weg weist, bei Göthe, Fichte; im folg. ist es freilich mehr der empfindende geist u. 17, e, geist noch zugleich als seele:
des Briten geist, der stärker denkt, als fühlt.
Kästner (1841) 2, 90, vgl.starker geist 22, b;
idee .. etwas, das gar nicht durch den leib, sondern nur durch den geist erfaszt wird .. auch nicht durch das dunkle gefühl des geistes, wie manches andere, sondern allein durch das auge desselben, die klare erkenntnis. Fichte reden (1869) 47, vergl. 34ff. auch den denkenden geist begleiten noch wärme, feuer, hitze (vergl. 19, l, δ), liebe, hasz u. ä. in seiner lebensschicht, daher warmer geist u. ä.: es war die neigung zu deutlicher erkenntnis (was mich an ihm fesselte) .. der geist der kalten betrachtung. aber ein warmer geist, und so viel schätzbarer, der sich nicht abschrecken liesz, wenn ihm die wahrheit auf seinen verfolgungen öfters entwischte u. s. w. Lessing 10, 1; dasz dieser feurige geist nicht immer sprüete und loderte, sondern unter ruhiger und lauer asche auch wieder nahrung an sich zog, dasz dieses immer beschäftigte herz nicht zum nachtheil seiner höhern kräfte beschäftigt war, und dasz diesen kopf eben so wenig licht ohne wärme, als wärme ohne licht befriedigte. s. 3, also wärme auch dem kopf und geist nötig, eben zum finden der wahrheit, vergl. 'denkender und empfindender geist' 17, f und wahre, vollständige, warme begriffe Lessing 10, 217. von der denkarbeit des dichters: da wir, um einer regel zu folgen .. durch diese bemühung die edle hitze des geistes dämpfen und ihn in seiner lobenswürdigen dreistigkeit und kühnheit aufhalten. Gellert (1784) 5, 267;
dein feur, religion,
entflamme meinen geist, das herz entflammst du schon.
Lessing 1, 187;
geist ist nicht allein fassungsgabe, sondern auch gefühl und instinkt des höheren, aus dem er seine erscheinung, den gedanken entwickelt. der gedanke aber ist nicht das wesentliche, wir könnten seiner entbehren, wenn er nicht für die seele der spiegel wäre, in dem sie ihre geistigkeit erkennt. Bettine br. 3, 55. auch 'sich selbst empfindet' der geist, in einer entzückung, die dem dichter die not der welt und des vaterlandes in licht verklärt zeigt:
war es dein (Serenas) schatten? du fliehst.   o war es ein traum? komm zurücke,
sanfte begeistrungen, reiszet den geist, der (einmal) sich selber empfindet,
länger aus dieser verdunkelten welt!
Cronegk 2, 74.
reines gefühl seiner selbst ist wol auch im folg. gemeint, 'als er seinem tod entgegen sah':
ruhe werde dem gebein
und gefühl dem geist gewähret.
Gökingk lied. zw. lieb. 112.
g)
dem schulgerechten denken freilich widerstrebt diese mischung des geistigen mit dem sinnenleben, es möchte ihr entrinnen und trachtet redlich dem reinen geist nach, dem reinen denken (vergl. reine vernunft, der reine verstand Schiller XI, 69); es treffen aber darauf die warnungen, die wegen der völligen trennung des denkens vom fühlen sp. 1950. 2182 schon aus dem 18. jh. angeführt wurden.
α)
so warnte schon in der ersten zeit von Kants geistesherschaft Schiller: was unsre denkkräfte anspannt und zu abgezognen begriffen einladet, das stärkt (zwar) unsern geist zu jeder art des widerstandes, aber verhärtet ihn auch in demselben verhältnis und raubt uns eben so viel an empfänglichkeit, als es uns zu einer gröszeren selbstthätigkeit verhilft. X, 350 (22. ästh. br.), wo ihm geist noch gar nicht der blosz denkenke ist, sondern sein thätiger, wollender geist (17, h); vom denkenden: wie viele giebt es nicht .. die, um die vollkommenheit ihres geistes zu beschleunigen, ihren körper zu grund richten. X, 412 (vergl. I, 109 u. 17, f); und er stellt bald darauf noch über den kantischen geist seinen neuen begriff mensch:
kannst du nicht schön empfinden, dir bleibt doch vernünftig zu wollen,
und als ein geist zu thun, was du als mensch nicht vermagst.
XI, 167 (tab. vot. 8),
womit u. a. Göthes fabel von geist und schönheit im streit zu vergleichen ist:
herr Geist, der allen respect verdient ..
vernimmt, man habe sich erkühnt
die Schönheit über ihn zu setzen u. s. w.,
die Schönheit hatte schöne töchter,
der Geist erzeugte dumme söhne u. s. w.
2, 297 H.
vom standpunkte des nationalen ganzen aus warnte Görres i. j. 1821: dieser kampf der siegreich gewordenen federkräfte (des geistes durch die reformation) muszte endlich zu einem grad von expansion hinführen, wo in der höchsten befreiung alle spannung sich verliert .. an diesem puncte ist der protestantism schon seit geraumer zeit angelangt .. wo dem geiste in dünner luft der athem versagen will u. s. w. Europa u. die rev. 311. 312.
β)
und dasz uns auch auszerhalb der wissenschaft warnung vor der überspitzung des neuen geistesbegriffes nötig ist, darauf deutet wol folg.: alles ist offenbarung, sie giebt den geist, und dann den geist des geistes. Bettine br. 3, 37, also den geist vergeistigen, fast wie das salz salzen (doch vgl. 24, a); du wolltest keine menschen, du wolltest eine welt .. den geist von allen geistern besserer zeit, die kraft von allen kräften der heroen, die sollte dir ein einzelner, ein mensch ersetzen! siehest du nun, wie arm, wie reich du bist? .. weil du alles hast und nichts .. Hölderlin 224; mit seinen überfliegenden gedanken, die nirgends zu hause sind, mit seinen raffinirten empfindungen, die keine heimath haben, steht der deutsche geist auf einer höhe, wo jede weitere eroberung ihn ärmer macht .. Pfizer br. zw. D. 145 (der geist noch denkend und empfindend). auch die als höchstes ziel erstrebte bildung des geistes bedarf der warnung: wir streben nach allseitiger bildung des geistes und bringen derselben .. unsre thatkraft und unsern nationalstolz zum opfer. W. Menzel die d. lit. (1828) 1, 23; auf das physische wird gar nicht mehr gesehen (beim heiraten), es ist als ob wir nichts als geist, rücksicht, verhältnis, geld wären. daher rührt denn das matte, aschgraue, todtlebendige geschlecht. Immerm. Münchh. 3, 113 (6, 1). vgl. auch 24, g geist als zu viel geist u. ä.
γ)
anders der reine geist als erhöhtes ganzes, nicht denkend blosz:
sind auch die thäler jetzt verwaist,
wo sonst ihr (der künste) tempel war,
es bleibt doch jeder reine geist
ihr ewiger altar.
Körner l. u. schw. 29;
der reine geist bildet sich einen reinen leib im wort, das ist die schönheit der poesie. Bettine br. 3, 91; das schöne macht sich blosz verdient um den menschen, das erhabene um den reinen dämon in ihm (s. 6, e), und weil es einmal unsre bestimmung ist, auch bei allen sinnlichen schranken uns nach dem gesetzbuch reiner geister zu richten, so musz das erhabene zu dem schönen hinzukommen .. Schiller X, 229, 24; vgl. die reinen geister im jenseits u. 5, a. s. auch aus Herder u. 20, b, β, Göthe 26, b, ε.
h)
dasz der begriff des geistes im denken und erkennen nicht aufgeht, mit vernunft nicht zusammenfällt, war z. b. Göthes wie Schillers überzeugung; jener z. b.: wer nicht überzeugt ist, dasz er alle manifestationen des menschlichen wesens, sinnlichkeit und vernunft, einbildungskraft und verstand, zu einer entschiedenen einheit ausbilden müsse u. s. w. 50, 44; in dem menschlichen geiste so wie im universum ist nichts oben noch unten, alles fordert gleiche rechte an einen gemeinsamen mittelpunkt u. s. w. s. 43 (34, 129 H.); und noch bestimmter Schiller im 19. ästh. br.: diese innewohnung zweier grundtriebe (nach stoff und form) widerspricht auf keine weise der absoluten einheit des geistes, sobald man nur von beiden trieben ihn selbst unterscheidet. beide triebe existiren und wirken zwar in ihm, aber er selbst ist weder materie noch form, weder sinnlichkeit noch vernunft u. s. w. X, 341, sondern etwas das mit beiden so zu sagen wirtschaftet, also wesentlich ein wollen und thun (s. 341, 17 ff., vgl. 17, h), ist ihm doch auch das denken eine handlung des gemüths (vgl. 16, b, β), eine absolute thathandlung des geistes 338, 32 ff., und was ihm für dieses handeln und die mitgegebene kraft das wahre ziel war, zeigt seine theosophie des Julius: ein geist, der sich allein liebt, ist ein schwimmender atom im unermeszlichen leeren raume. IV, 48; ich begehre das glück aller geister, weil ich mich selbst liebe. 45 u. s. w., d. h. es ist im grunde immer noch der alte begriff der sich u. 16, b, β ergab, das gemuͤt oder geist bei Keisersb., gemüt oder mens bei Rollenh., das eigentliche ich, oder der mystische punkt im menschen, wie es Immermann Münchh. 1, 216 ausdrückt (24, f, vgl. 20, e), die sich ihre rechte stellung, ihren rechten festen ort in der welt suchen, mit denken wie mit thun (vgl. ich für den geist gesetzt u. 21). aus solcher mittel- oder zwischenstellung flieszt es denn auch, nicht aus einer inneren zweiheit an sich, dasz von seiten des geistes die rede sein kann (vgl. 19, m), z. b.: schön heit und wahrheit gehören einer und derselben seite des menschlichen geistes an, nämlich der vorstellenden, erkennenden, wie sittlichkeit und glückseligkeit der praktischen, ethischen seite anheimfallen. Pfizer briefw. 111; ich betrachte also nur eine seite seines (Abbts) geistes, das gelehrte denken. Herder II, 260; diese seite von Abbts geist ist für mich die heiligste. 291; spricht man doch von vielseitiger bildung und vielseitigkeit eines geistes. das ist nun freilich alles blosz bildersprache, mit der man nach der alten schulmeinung (vgl. sp. 1949, auch 1957) nicht in den garten der wahren erkenntnis kommt, höchstens vielleicht um den zaun herumklettert; aber hier ist es, und gerade für diese erkenntnis, die aufgabe, eben die bilder zu sammeln, in denen der sprachgeist, also nicht blosz der einzelne unter dem einflusz zufälliger anwandlungen, sondern der allgemeine geist mit einer gewissen äuszeren und inneren notwendigkeit niedergelegt hat, was er von seinem eignen wesen hat erfassen können.
19)
das leben und wesen des geistes, so zu sagen sein thun und treiben, auch sein erfahren und leiden, wie es in der sprache in bildern und bildchen niedergelegt ist, von denen wenigstens die wichtigsten vorzuführen sind.
a)
bemerkenswert scheint zunächst, wie der geist als im innern, innersten wohnend gedacht wird, ja als versteckt (vgl. mhd. ingedanke sp. 1945).
α)
so der menschengeist: das wort (der Maria Luc. 1, 46) gehet daher aus groszer brunst und uberschwenglicher freude, darin sich ganz ir 'gemüt und leben' (vgl. 14, e) von inwendig im geist erhebt. darum spricht sie nicht ich erhebe gott, sondern meine seele. Luther 1, 479ᵃ, der geist wie der innerste höchste hintergrund der seele, vgl. Eckhart u. 15, c und des gemûtes innewendikeit myst. 1, 250 (sp. 1967);
seitdem du (Hallers gattin) voller eil den körper abgelegt,
worinn der innre geist (ohnehin) sich unbehülflich regt.
Bodmer bei Haller 247;
er sah in dem innern seines geistes die vorwelt in einem solchen glanze .. Klinger 4, 10; sah ich .. dasz euch euer innrer geist vor der gefallnen (d. h. mir) warnte. 4, 121.
β)
dazu die innigkeit, das in sich gehn des geistes, gemüts (sp. 2452):
früh lernte ..
dein geist sich sammeln, denkend in sich gehn ..
Schiller M. Stuart 2, 3.
verletzt zieht er sich zurück in sich vor der welt (umgekehrt alle sinnen und glieder durchdringend und nach auszen strebend s. Hölderlin u. 17, d):
sieh, da tritt der geist in sich zurücke,
und das herz, es schlieszt sich zu.
Göthe 1, 85 (d. j. Göthe 2, 37),
vergl.er geht schwer aus sich heraus, d. h. sein geist. er faszt sich zusammen in sich selbst: madame Roland, auf dem blutgerüste, verlangte schreibzeug, um die ganz besondern gedanken aufzuschreiben, die ihr auf dem letzten wege vorgeschwebt. schade dasz man ihrs versagte, denn am ende des lebens gehen dem gefaszten geiste gedanken auf, bisher undenkbare .. Göthe spr. in pr. 341, vergl. wieder von der seele:
da nimmt die seele rüstig sich zusammen,
an gott gedenkend und an alles hohe.
Eichendorf ged. 142;
muth ist uns noth und ein gefaszter geist.
Schiller Wallenst. tod 3, 12;
du (nacht), die sammlet den geist aus des tags zerstreuenden wirbeln.
Kosegarten dicht. 3, 186,
dem sammeln entgegen zerstreuen (vgl. sich zersplittern):
zerstreue nicht durch eitlen flitterwesens
neugierige betrachtung deinen geist.
Göthe 9, 301.
selbst innerlich weinend: in der letzten krankheit Schillers war Göthe ungemein niedergeschlagen. ich habe ihn einmal in seinem garten weinend gefunden, aber es waren nur einzelne thränen die ihm in den augen blinkten, sein geist weinte, nicht seine augen. H. Voss mitth. üb. Göthe u. Schiller 60.
γ)
auch bildlich so, innerster geist der moral u. ä.: auch enthält die öffentliche moral in jedem zustande der gesellschaft noch so viel gutes und wahres .. ihr innerster geist ist überall so richtig, dasz sie wenigstens als der vorhof der tugend ... ehrfurcht verdient. Jacobi Wold. 2, 237; indessen wollen wir uns doch nicht verhehlen, was der eigentliche geist jener freundlichen toleranz und edlen unbefangenheit ist: gleichgültigkeit und bettelei! Allwill (1826) 60, also sich versteckend hinter den formen eines andern geistes; vergl. von verborgnem geist, sinn u. 17, c (z. b. Göthe 20, 126) und geist und buchstabe u. 26, b.
b)
der geist als wachsend, sich nährend, der erziehung bedürftig, reifend, blühend, zeugend u. ä., d. h. theils wie ein leibliches theils wie ein pflanzliches wesen lebend.
α)
so junger geist, im jungen leibe, auch geboren, sich nährend und wachsend:
erst baut natur den leib, ein haus mit sinnenthoren,
worin ein fremdes kind, der geist, dann wird geboren.
Rückert weish. 102 (4, 14);
wie der leib durch speise zunimmt, nimmt unser geist durch ideen zu, ja wir bemerken bei ihm eben die gesetze der assimilation, des wachsthums und der hervorbringung, nur nicht auf eine körperliche, sondern eine ihm eigne weise. auch er kann sich mit nahrung überfüllen, dasz er sich dieselbe nicht zuzueignen und in sich zu verwandeln vermag u. s. w., am ende: kurz es wird in uns .. ein innerer geistiger mensch gebildet, der seiner eignen natur ist u. s. w. (dann seele genannt). Herder ideen 1, 292 (V, 4, 2), zu dem letztern vgl. Bettine u. 14 a. e. und S. Frank u. 14, b von den zwen menschen in uns; an den zeiten wachsen die geister. J. Paul 61, 211;
kein tag verstrich, der nicht mein kleines wissen mehrte,
mit dem der junge geist sich stopfte mehr als nährte.
Lessing 1, 192, vgl. 188;
eh der biegsame geist die tugend kennen lernte,
von der ihn die natur, nicht er sich selbst entfernte.
190;
wenn es (das genie) in dem felde der geschichte arbeitet, um die unnützen schätze des gedächtnisses in nahrungen des geistes zu verwandeln. 7, 134; ein vertrauter umgang mit der natur und mit klassischen mustern hat seinen geist genährt, seinen geschmack gereinigt ... Schiller X, 256. auch von hunger und durst, speise und trank ist die rede: ich las sie (die bibelstelle) mit verschlingendem hunger des geistes. Schubarts leben u. gesinn. 2, 165; kenntnisse und wissenschaften sind nicht für sich, sind nur für den geist vorhanden, dessen trank und speise sie sind. Wienbarg ästh. feldz. 74, nicht als eigentliches ziel des geistes, nur als mittel zu höheren zielen, wozu denn auch ein verdauen des gelernten gehört, denn unverdautes wissen nährt nicht, geht uns nicht in fleisch und blut über (vgl. u. gedanke 11, e, auch kauen 3). er gedeiht, reift u. ä.:
denn der geist gedeiht durch weisheit,
und das herz gedeiht durch schönheit.
Bürger 77ᵇ;
auch schreib, von wilder gluth der jugend angeflammt,
kein werk, das einst vielleicht dein reifrer geist verdammt.
Kästner (1841) 2, 84;
so schnell reift (selbst) im pallast der erdegötter
zur ersten grösz' ein edler geist (Joseph II.).
Mastalier ged. (1774) 24;
eine nachlässige erziehung und frühe kriegsdienste hatten seinen geist nicht zur reife kommen lassen. Schiller IV, 198; der reife, der vollkommene geist. VI, 316, 26; ein gereifter und vollendeter geist. Bürger 337ᵇ; dasz kein endlicher geist jemals zur vollendung ausreife. das. (der reife und vollkommene astralgeist 338ᵇ); ists genug, dasz in und am Weinsberg die geister wild wachsen wie wegerich? hätte man sie nicht in cultur legen können? Immermann Münchh. 2, 146, allerdings von J. Kerners geistern; da (bei lebendigem unterricht) fühlte er, an den gespannten blicken und mienen, dasz .. doch der keim des überschauenden geistes sich regte. Auerbach neues leben 2, 147.
β)
auch von krankheit und gesundheit ist die rede, von stärkung, schwächung, erquickung u. dgl. (vgl. u. 2, c): krank fleisch, krank geist. S. Frank spr. 1, 26ᵇ; ich weisz nicht, wie stark andere im geist sind .. Luther 6, 171ᵃ (s. u. 8, e), vgl. geisteskrank, geistesschwach;
der geist ist als gesund und krank auch zu betrachten,
alswie der leib, gesund ist über krank zu achten.
Rückert weish. d. br. 176 (6, 8);
so der gesunde geist thut was er will und thut
deswegen böses nicht, denn was er will ist gut.
das.;
blick in die sternwelt auf, damit dein geist gesundet!
dort ist der ewige kreis, der in sich selb sich rundet.
208 (7, 20);
der, für dem die welt erschrickt,
hat mir meinen geist erquickt ...
und erfrischt mir mein geblüt.
P. Gerhard 232 fg. Göd.;
das herz mir (Max) öde liesz und unerquickt
den geist, den keine bildung noch geschmücket.
Schiller Piccol. 1, 4;
gemein und unedel ist ferner, was die kraft des geistes schwächt. Fichte wesen d. gelehrten 105, durchaus nicht von der denkkraft blosz; der geist erschlafft unter den büchern. W. Menzel d. lit. 1, 8; vgl. geisteskraft, auch starker geist 22, b. auch frische des geistes, dagegen auch lähmung, erschlaffung, müdigkeit u. dgl., wie er ja arbeitet, ringt u. ä.: einen offenen sinn, ein erweitertes herz, einen frischen und ungeschwächten geist musz man dazu mitbringen (nicht durch abstractes denken in sich selbst getheilt). Schiller X, 506, zur schönheit; man liset das der prophête kam in die wüestenunge und wunschte sîner sêle das sie sturbe, want er müede was worden in dem geiste von unruowe dirre welte. Haupt 8, 225; das nachsinnende bestreben, dem müden geiste nach dieser abmattenden wallfahrt (des lebens) eine erquickende ruhe zu gönnen (in vorstellungen vom jenseits). Abbt 1, 26.
γ)
auch blüten und früchte des geistes, jene z. b. von der lyrischen dichtung: und doch wäre es für den freund des schönen ein sehr niederschlagender gedanke, wenn diese jugendlichen blüthen des geists in der fruchtzeit absterben, wenn die reifere cultur auch nur mit einem einzigen schönheitsgenusz erkauft werden sollte. Schiller VI, 314; dennoch glaubte ich, mein geist und wenigstens einige seiner früchte wären wol so weit emporgediehen, um .. ohne mundverziehung genossen werden zu können. Bürger 337ᵇ; die vergleichung der dichtung mit blüten und früchten ist alt, s. z. b. Konr. v. Würzb. Parten. 47 ff. Auch der geist selbst als blume, blüte: ich habe bemerkt an den bäumen, immer ist hinter dem abwelkenden blatt schon der keim einer zukünftigen blüthe verborgen. so ist auch das leben im .. leib die nährende hülle der geistesblume, und wie sie welkt und abfällt .. so drängt sich aus ihr hervor der geist als ewige himmlische blüthe. Bettine br. 3, 38. 39. der geist eingehüllt, wie in einem keim, daher enthüllen:
kein liebevolles wort kann seinen geist enthüllen.
Göthe 2, 150 (Ilmenau),
vgl. eingehüllt 1, 113, eingehüllete knospe Herder id. 1, 243, noch unentwickelt, denn entwickeln ist ebenso vom pflanzenleben auf den geist übernommen worden, vgl. Haged. 2, 15 (s. III, 659), unentwickelt sterben ders. 2, 154 und Lichtenberg unter entwickelungsgeschichte. das geistesleben als pflanzenleben auch in unserm vegetieren, bei Hagedorn 1, 73 pflanzenleben, freilich als des geistes unwürdig, bei Göthe war eingehüllt den ganzen tag tageb. 26. märz 1780, vegetierte nur.
δ)
aber auch gebärend, zeugend, beim dichten wie beim denken (vgl. mit gedanken schwanger gehn sp. 1967 m.):
schnell, wie es der geist gebohren,
will das werk empfunden sein.
Schiller XI, 360 (gunst des augenbl.);
wenn mehrere das gefühl dieser innern form hätten .. würden wir weniger verschobne geburten des geists aneklen. d. j. Göthe 3, 687 (28, 621 H.), vergl. unter gebären 8, c, geburt 5. auch empfangend und zeugend wechselsweise: sein (Schillers) geist wollte aber nicht lange blosz empfangen, er wollte selbst zeugen, bilden, gestalten. Petersen über Schiller im morgenblatt 1807, hist.-krit. ausg. I, 11, 14; so auch bei der erkenntnisarbeit theils empfangend theils zeugend: man findet tausend gelehrte .. bis man auf einen weisen mann stöszt .. die weisheit musz man selbst aus eigner kraft, durch wirkenden, zeugenden, nicht blosz durch empfangenden geist erwerben. Klinger 12, 179, vergl. bei Göthe 49, 94 (spr. in prosa 357) zum gewahrwerden des ideellen gehört auch eine pubertät, wie bei Heinroth anthropol. (vgl. unter gegenständlich) s. 456 die erkenntnis als eine art zeugung anzusehen, s. 458 die beobachtung als die mutter (empfangend), der geist der vater der erkenntnis (nachschaffend, zeugend), s. auch Göthe spr. in pr. 688. Also die zweiung alles lebendigen wesens in männlich und weiblich, die denn auch das geistige menschenwesen durchzieht (man spricht vom männlichen geist einer frau, vom weibischen geiste eines mannes), auch in den einzelnen geist übernommen, vgl. beim schaffen des dichters die empfindung als braut, der geist als bräutigam Klopstock 7, 11 (s. 18, c), bei Moritz: bildungskraft und empfindungsthätigkeit verhalten sich zu einander wie mann und weib. Göthe 29, 318, vergl. vermählung u. 20, a, β. und so vom geist in höchster auffassung (sein thun als ein schaffen der welt): zur welt suchen wir den entwurf. dieser entwurf sind wir selbst. was sind wir? personificirte, allmächtige punkte (vgl. 20, e) ... das leben oder das wesen des geistes bestehet also in zeugung, gebärung und erziehung seines gleichen .. Novalis 2, 125 (vgl. 28, b a. e.), und das bild ist durchgeführt bis zur glücklichen ehe, die der mensch mit sich selbst führt, auch mit überleitung zur wirklichen ehe. Aber auch vom menschlichen schaffen in der welt, in vergleich mit gottes schaffen (vgl. 23, d) als gebären: Fiesco, ein groszer fruchtbarer kopf, der .. in stiller dunkelheit gleich dem gebährenden geist auf dem chaos einsam und unbehorcht eine welt ausbrütet .. Schiller III, 349, 16, vgl. Hamann u. 23, d, α.
ε)
auch das bilden des geistes, uns schon ein ziemlich bildloser begriff, so jung er ist, gehört hierher, eig. ein erziehen als kunstgerechtes gestalten gedacht, als ergänzung des natürlichen wachsthums: bildung des geistes und herzens, ein durchgebildeter geist und charakter u. ä.;
geschäfte, wissenschaft, erfahrung, umgang, reisen,
die bilden einen geist, wie wir an Opitz preisen.
Kästner (1841) 2, 83;
gerade als wenn unser lernen ein bloszes erinnern wäre, weist man uns immer auf die denkmale der alten, den geist (nur) durch das gedächtnis zu bilden. Hamann 2, 288 fg.; begeisterung allein ist nicht genug (beim dichter), man fordert die begeisterung eines gebildeten geistes. Schiller VI, 316; vergl. veredlung des geistes IV, 44 (auch fruchtbäume werden veredelt). s. auch geistesbildung, den geist dressiren u. c, γ.
c)
der geist in bewegung, in verschiedner weise; es entspricht zugleich der alten wissenschaftlichen vorstellung vom geist als beweger in uns 14, e, α, vgl. ewig bewegt u. δ.
α)
er regt sich, zu einem geistigen thun:
o Mars, ich singe dich ...
du feldherr dieser welt, mein geist der reget sich
zu fliegen in dein lob.
Opitz 1, 88;
regt kein geist denn sich mehr? und ist uns andern allen
in diesem (Opitz) mut und lust und hoffnung ganz gefallen?
Fleming 459 L.;
so ist reger geist seit dem 17. jh. beliebt: ein reger geist verschaft sich auf alle körperlichen bewegungen einflusz ... Schiller X, 89, 30 (thätiger geist 90, 2), vergl., eigentlich umgekehrt: geist und körper müssen (auf der bühne) bei jeder bemühung gleichen schritt gehen. Göthe 19, 154. auch schnell, rasch, rastlos u. ä.:
ein jüngling, den des wissens heiszer durst
nach Sais in Aegypten trieb, der priester
geheime weisheit zu erlernen, hatte
schon manchen grad mit schnellem geist durcheilt.
Schiller XI, 50;
es giebt etwas hastiges und übereilendes in der stimme (beim sprechen). man würde es am ersten mäszigen, wenn man die schnelligkeit seines geistes oder die heftigkeit seiner begierden mäszigte. Gellert 6, 316 (13. mor. vorl.), wobei man an unser sog. nervöses wesen denkt, das doch eben nichts neues ist (vgl. z. b. 23, f a. e.), auch rasch im folg. ist so gemeint, unruhig übereilt;
ich höre, Tasso, dich mit staunen an,
so sehr ich weisz, wie leicht dein rascher geist
von einer gränze (extrem) zu der andern schwankt.
Göthe 9, 242 (Tasso a. e.).;
eine (künftige) zeit .. wo .. neue, erhabnere entdeckungen den rastlosen geist der menschen beschäftigten. Novalis Athen. 1², 96. aber auch er bewegt sich in leidenschaft (heftig) Göthe u. 17, b, β, ist unruhig, unstät u. ä., vgl.unruhe undruhe des geistes u. 17, b, β (die unruhe in der uhr ist danach benannt), mhd.: sô wirt in der geist unruowig, want er kein enthaltnisse (anhalt) hât an inwendigen sachen. Haupt 8, 226, ruowe des geistes (in der andacht) 228; vgl. übrigens der ruhige geist im ewigen wechsel, d. h. gott Schiller u. 30, d.
β)
auch als wach oder schlafend, erwachend, erweckt: den begriffen des Klopstock zu folge besteht das physische wachen in demjenigen zustande eines menschen, da er sich seiner selbst bewuszt ist. diesz ist aber der wahre seelenschlaf. unser geist ist nur alsdann wachend anzusehen, wenn er sich gottes bewuszt, ihn denkt und empfindet u. s. w. Hamann 1, 417, in bezug auf Klopstocks aufsatz von der besten art über gott zu denken (11, 207 ff.), wo es aber heiszt: das wirkliche wachen (im unterschied vom pflanzenleben und schlummer der seele) wäre derjenige glückliche zustand unsrer seele, da wir gott denken u. s. w. (vgl. 15, e); in dem tempel Thaliens und Melpomenens, so wie er bei uns bestellt ist, thront die geliebte göttin (platitude) .. und wiegt den geist in einen magnetischen schlaf, indem sie (nur) die erstarrten sinne erwärmt und die einbildungskraft in einer süszen bewegung schaukelt. Schiller X, 506, 27; der entschlusz zu philosophiren ist eine aufforderung an das wirkliche ich, dasz es sich besinnen, erwachen und geist sein solle. Novalis 2, 123;
man erschricket (erstaunt), wenn er nun (Opitz)
seiner tief-erforschten sachen
abgrund anhebt aufzuthun
und sein geist beginnt zu wachen.
Sim. Dach 713 Öst.;
er war nun wie verwandelt, sein geist war erwacht, während er vorher ein traumleben führte (vgl. u. erwachen 5. 7);
den aufgeweckten geist.
Fleming 465 L. (s. u. e, α);
nun (nach der krankheit) schien sein geist wie aus einem schlafe zu erwachen, und er zeigte sich plötzlich als ein munteres, thätiges und geistreiches kind. Tieck zu Novalis 1, xiii;
im leid solt du (laute) uns bringen freud ...
du solt uns unser geist erwecken,
wann wir ein guͦtes werk volstrecken.
Fischart 3, 27 Kz. (lob der lauten 741).
auch vom geiste eines volkes, Varus redet seine Römer an:
o! wenn doch der alte geist nicht in euch entschlafen wäre!
Schönaich Hermann 166;
das that (in den Franzosen) der geist, der in ihnen erwacht ist (durch Napoleon). schläft dieser geist wieder ein, so sinken sie wieder zurück. aber ehe er wieder einschläft, kann er noch viel um sich her zertrümmern. Seume 3, 8, vom jahre 1805.
γ)
auch in bewegung auszer sich hinaus, um die welt sich anzueignen, denkend oder dichtend, und zugleich sich selbst zu entwickeln; wie tief das auch in der gewöhnlichen vorstellungsweise wurzelt, s. u. gedanke 12, c, gedankengang u. a., vergl. Mephisto vom collegium logicum:
da wird der geist euch wol dressirt ..
dasz er bedächtiger so fort an
hinschleiche die gedankenbahn u. s. w.
Göthe 12, 95;
ein geist, der auf dem pfad, den man vor ihm gegangen,
nicht weiter kommen kann, als tausend mitgelangen,
verliert sich in der meng ...
Lessing 1, 168,
dazu bahnbrechende geister, pfadfinder u. ä. (vgl. Kästner u. 23, g);
hier öffnet sich ein feld euch dichtern, deren geist
so gern ins weite reich der möglichkeiten reist.
Kästner verm. schr. (1755) 74;
ihm (Faust) hat das schicksal einen geist gegeben,
der ungebändigt immer vorwärts dringt,
und dessen übereiltes streben
der erde freuden überspringt.
Göthe 12, 92;
der geist .. schreitet forschend durch die irdische welt der himmlischen zu. Bettine br. 2, 4. auch irre gehend, sich verirrend, verirrung des geistes, er gerät auf irrwege u. ä.:
und eure weisheit macht den irren geist noch irrer.
Lessing 1, 190.
auch die sog. entwicklung des geistes als ein fortschreiten, d. h. in die welt, in seine welt hinaus (oder hinein):
indessen schritt sein (Schillers) geist gewaltig fort
ins ewige des wahren, guten, schönen.
Göthe 13, 170;
so vom geist eines volkes, der menschheit (29): wir haben aber gesehen, dasz fortschreitung des geistes das ziel des staates sein soll. der staat des Lykurgus konnte nur unter der einzigen bedingung fortdauern, wenn der geist des volkes stille stünde. Schiller IX, 159, 24, vergl. 157, 7; der geist aber schreitet rastlos fort in seiner entwicklung. W. Menzel die d. lit. 1, 232.
d)
merkwürdig aber auch so gedacht, dasz der geist in die ferne schweift und den leib allein läszt.
α)
so besonders, um bei geliebten in der ferne einen besuch zu machen:
du trauerst, dasz ich nicht erscheine (dir im geist),
vielleicht entfernt so treu nicht meine:
sonst wär mein geist im bilde da!
Göthe 3, 32 (Äolsharfen),
deutlich so, dasz das erscheinen der geliebten in seinem geiste nicht von ihm abhängig oder bewirkt gedacht ist, sondern von ihr, also eigentlich als ein wirkliches erscheinen;
und aus dem fernen
unlieben land (Wetzlar)
mein geist wird wandern
und ruhn auf dir (fels bei Darmst.).
3, 36 H., d. j. Göthe 2, 21.
und wie ernstlich von ihm und in seinem kreise von dieser kindlich volksmäszigen vorstellung (s.γ) gebrauch gemacht wurde, zeigt z. b.: morgen (an s. geburtstag) denkt ihr gewiss an mich. morgen bin ich bei euch, und die liebe Meyern hat versprochen mir ihr geistgen zu schicken mich abzuholen. Göthe u. Werther 216 (d. j. G. 3, 36);
wann in des mondes dämmerlichte
sich deiner liebe traum verschönt ...
das ist mein geist, der dich umschwebt.
Matthisson (1815) 205;
fühlst du, beim seligen verlieren
in des vergangnen zauberland
ein lindes, geistiges berühren,
wie zephyrs kuss, an lipp' und hand,
und wankt der kerze flatternd licht:
das ist mein geist, o zweifle nicht.
206 (lied aus der ferne),
vergl. auch im letzten verse von Äolsharfen wie bei Göthe, auch u. 17, d bei Hölderlin, wie der geist sich über den leib ausgreifend ausweitet, noch ohne sich von ihm zu lösen und doch wie mit dem ansatz dazu. s. auch u. k, α und 13, f dasselbe von den lebensgeistern (nerven), womit die erscheinung gleichsam wissenschaftlich vorstellig gemacht war.
β)
bemerkenswert ist dabei, wie für den geist da auch einfach das ich gesetzt wird (wie beim denken, wollen u. a. ja gleichfalls, vgl. 21, a), also der geist, auch ohne seinen leib, als das eigentliche und ganze ich, das des dienenden und hemmenden leibes vergiszt; so schon in der ersten stelle u. α, dann in der antwort auf die frage dort:
schmückt Iris wol des himmels bläue?
lasz regnen (d. h. weine), gleich erscheint die neue (Iris);
du weinst! schon bin ich wieder da.
Göthe 3, 32;
sie ist fort, ich bin hier,
(nein doch) ich bin weg, bin bei ihr.
3, 41 (1, 197 H., juni);
doch zu der ferne bleibt mein blick gerichtet,
wo meinem herzen sich ein kreis erlesen ..
so trägt es mich zum ehrenvollen feste.
schon bin ich da! 'gesegnet alle gäste!'
4, 117 (2, 454 H.),
aus Weimar nach Marienbad zum 28. aug. 1823, d. h. er als völlige geistererscheinung (auch sprechend) gedacht, bei lebendem leibe; vgl. von überwindung des trennenden raumes:
du (Marianne) empfindest in der ferne
was ich in der fern' empfinde,
so als wär kein raum dazwischen.
47, 139 (3, 99 H.).
auch z. b. Herder an Merck i. j. 1770: unzählige male bin ich diese paar tage bei euch in Darmstadt gewesen, was kann ich dafür, dasz ihr so körperliche leute seid, um mich nicht gewahr zu werden. Mercks br. 1, 4. s. auch u. gedanke 9, und hier u. e, γ.
γ)
doch gerade das ist volksmäszig und alt (vergl. Bernger u. e, γ), z. b.: sei nur mutig, wenns zum treffen kommt, ich will bei dir sein (im geiste); bist du es oder ist es dein geist? s. 4, b. auch biblisch: denn ob ich (Paulus) wol nach dem fleisch nicht da bin, so bin ich aber im geist bei euch, frewe mich und sehe ewre ordnung. Col. 2, 5, τῷ πνεύματι σὺν ὑμῖν εἰμί (vergl. k, α); als der ich mit dem leibe nicht da bin, doch mit dem geist gegenwertig. 1 Cor. 5, 3, ἀπὼν τῷ σώματι, παρὼν δὲ τῷ πνεύματι, vulg. praesens spiritu.
δ)
auch unser entzückt gehört eig. hierher (vergl.entzücken 3): excessus mentalis, inzuckunge des geistes. Dief. 215ᵃ, d. h. eig. wenn er dem leibe entrückt ist, verzückt (s. Herm. v. Fritzlar u. 15, c):
mir ist der geist enzucket,
ze gote ist er gerucket.
Bartsch erlösung s. 222.
im alten sinne noch z. b. nordd. volksm. sie ist ganz entzückt über den tod ihres mannes, d. h. vor trauer wie abwesend. vergl. auch extasis, indruckung des geistes Dief. 219ᶜ, auch für ohnmacht; entpretten, d. i. entzuckt im geist. Agric. spr. nr. 381, s. unter bretten.
ε)
auch der geist ist fern, dem gegenwärtigen entfremdet (mhd. ellende mit gedanken sp. 1948):
ach, ich vermag kein wort zu sprechen,
ich bin mir fremd und unbekant,
das herz im leibe wil mir brechen,
der geist ist fern und abgewandt.
S. Dach 710 Öst.;
schau! im zweifelhaften dunkel
glühen blühend alle zweige ...
doch dein geist ist allem fern (beim geliebten).
Göthe 5, 190.
von tief zerstreuten heiszt es er ist nicht bei sich, ist abwesend, wieder er, d. h. sein geist und sinn. anders und doch ähnlich er ist auszer sich, aus dem häuschen. dagegen gegenwärtig: der wilde, der ... sinne und glieder ... und seine wenigen werkzeuge mit kunst und gegenwart des geistes zu gebrauchen weisz. Herder id. 2, 245.
e)
der geist steigend, fliegend, schwebend u. ä.
α)
er steigt, erhebt sich, in die höhere gedankenwelt:
ir geist erhept sich vil ze hoch,
es mag im nieman kommen noch (nach),
in hoffart und in listen.
Soltau 2, 148,
in einem kath. liede gegen die reformirten Solothurner v. j. 1533, der geist gewiss aus der rede der letzteren (vergl. 10, g. h.), in spöttischer wendung;
gleichwol musz ich bekennen,
ich war nicht der ich bin,
mein geist wil nimmer (nicht mehr) brennen,
noch steigen wie vorhin.
disz thut für allen sachen ...
die last der bösen zeit.
Opitz 2, 79;
itzt bin ich ungeschickt zu solchen schönen dingen,
mein geist will nicht empor, mein geist der ist betrübt.
Fleming 468 L.;
er wird die regen sinnen,
den aufgeweckten geist so weiter schwingen können.
465;
so ward auch manchem geist, der über andre steigt,
viel, was der christe glaubt, durch die vernunft gezeigt.
Kästner 2, 101;
da hob sich sein geist, ihn faszte
die nähe gottes mit heiligem schauer.
Schubart 1, 1.
vgl. aufsteigen im geiste (denkend) Höld. u. k, β.
β)
die erhebung wird als flug gedacht (wie beim entweichen aus dem leibe 3, d), mit flügeln, vgl. vom fliegen der gedanken (schon mhd.) u. gedanke 8, e, ff., oben u. 10, c mhd., wie der heilige geist die sêlen nimet ûf sîn vederen und swinget si ûf für got, auch in dem Solothurner liede ist ein fliegen gedacht, wie es 25, 4 heiszt so flüchend si zur kisten, höhnisch, zum kirchenschatz, ihn zu berauben, s. auch Opitz u. c, α;
wahr, dieser geist, durch den ich leben bin,
entschwingt sich willig seinen schranken,
fliegt an der reihe (kette) der gedanken
bis zu dem einzigen gedanken,
in dem wir alle wurden, hin.
J. B. Michaelis 2, 169;
doch eben dieser geist, so bald er höher fliehet (für flieget),
ins kleinste labyrinth der gottheit sich versteigt,
was sieht der thor?
das.;
mit ihm (Haller) schwingt am entfernten Belt
ein angenehmer geist (Hagedorn) sein glänzendes gefieder,
nie fliegt er bis zum pöbel nieder.
Uz 2, 311;
was hat man vollends von dichtern zu erwarten, deren geist, auch in seinem freiesten flug, in den niedern regionen blieb? J. G. Jacobi 4, 182;
ist's möglich, dasz ein geist, der sonnen zu erklettern
vermag und ihre strahlen theilt,
zum thron des ewigen in blitzerfüllten wettern
mit unversengtem fittich eilt,
nun diesen fittich senkt, und kindisch sich verweilt,
um eine rose zu entblättern?
so tief sank Newton nie ...
Thümmel 3, 5 fg.;
ach! zu des geistes flügeln wird so leicht
kein körperlicher flügel sich gesellen u. s. w.
Göthe 12, 60;
und deines geistes höchster feuerflug
hat (für das göttliche) schon am gleichnis, hat am bild genug.
3, 81 (proœmion);
da ists den lippen besser dasz sie schweigen,
indes der geist sich fort und fort beflügelt.
3, 170 (2, 274 H.);
mit leichtem geiste flieg ich über tage
und wochen weg, die uns in fremder gegend,
entfernt von euch, beschäftigen.
11, 355 (epilog 11. juni 1792);
denken beflügelt den geist, der beflügelte geist stirbt nicht. Bettine br. 2, 4; ahnungen sind regungen die flügel des geistes höher zu heben. 3, 55; das beweist nur, dasz der geist hier auf erden das schöne nur träumt und noch nicht seiner meister ist, denn sonst könnte er fliegen, so gut wie er denkt dasz er fliegen möchte. 1, 289; s. auch Hölderlin u. 17, d und vergl. Göthes ausführung 16, 199 (16, 226 H.), die deutlich macht, wie er kindergedanken, die andere wegwerfen, als mann festhielt und ausbildete, s. z. b. von künftiger seliger befiederung, die wir schon hier zuweilen durch die noch stumpfen kiele unsrer fittige spüren an fr. v. St. 1, 354 und von Mignons flügeln W. M. s. lehrj. 8, 2 a. e., auch von seinem fliegen im geiste unter gedanke 9, b; und der kindergedanke so ausgebildet ist alt, auch philosophisch:
da Plato unsern trieb der seele flügel heiszt,
wie leicht verfliegt sich nicht ein ungehemmter geist?
Hagedorn 1, 35 (vgl. die anm.);
zwar sein (des mysticus) geheimer geist eilt in geweihter ruh
der fernen ewigkeit mit kühnen schwingen zu.
Withof ged. 1751 s. 19,
in einer späteren umarbeitung v. 1760 (s. lit. br. 7, 171)
dann eilt der reinre geist in der phanatschen ruh
der fernen seligkeit auf Platons flügeln zu.
mhd. z. b.: er (Augustinus) spricht, wer der ist, der got und sînen nêhesten liep hat, der sol daʒ wiʒʒen daʒ sîn sêle gefidert ist und daʒ er mit frîen vettichen .. fliuget hin zuo gotte. Haupt 7, 144, bei August. animam habet pennatam (das.), vgl. Wackernagels anm., s. auch vom bloszen verstehen, wie der geist dem begriffe voraus fliegt u. 17, f a. e. auch in gewöhnlicher sprache ist von geistigem aufschwung die rede, seinem geiste fehlt der schwung u. ä., vgl.geistesschwung.
γ)
schwebend wie in wolkenhöhe (vgl. u. k, γ):
ein geist vom himmel her will stets am himmel schweben,
klimmt allzeit wolken an, will niemals unten kleben,
wo die gebückte schar der kleinen seelen kreucht.
Fleming 220 (198 L.);
vom gebirg zum gebirg
schwebet der ewige geist.
Göthe 2, 68 (an schwager Kronos);
und wieder auch ich (s. d, β): ich bin in der wünschenswerthesten lage der welt, schwebe über all den inrsten (so) gröszten verhältnissen .. an die Fahlmer 102 (d. j. G. 3, 132), aus Weimar jan. 1776, wie ähnlich an die Stein 1, 247 meine entfernten freunde und ihr schicksal liegen nun vor mir wie ein land, in dessen gegenden man von einem hohen berge oder im vogelflug sieht; der eigentliche geniereiche denker, der .. gleichsam über seiner materie, mit unverwandt auf sie gerichtetem blicke, zu schweben weisz. Garve versuche 2, 277; vgl. auch mhd. vorhin daʒ er fliuget zuo gotte und von solchem schweben über der welt:
mir ist alle zît, als ich vliegende var (conj.)
ób al der werlte und diu mîn alle sî.
Bernger minn. frühl. 113, 1.
auch folg. brüten musz so schwebend gedacht sein, vgl. brütend schweben Göthe 9, 320 (10, 63 H., nat. t. 3, 4): die urzeit der welt, der nationen, der einzelnen menschen ist sich gleich. wüste leerheit umfängt erst alles, der geist jedoch brütet schon über beweglichem und gebildetem .. schaut ein begünstigter geist in die groszen welterscheinungen hinein .. 49, 3 (29, 207 H.), d. i. der allgemeine geist (27, b), in vergleich mit dem göttlichen bei der mosaischen weltschöpfung: und die erde war wüst und leer .. und der geist gottes schwebet auf dem wasser. 1 Mos. 1, 2, vgl. von dieser urzeit: da dieser gipfel noch als eine meerumfloszne insel in den alten wassern da stand, um sie sauste der geist, der über den wogen brütete ... Göthe 33, clxv H. ähnlich: der geist der liebe musz in der romantischen poesie überall unsichtbar sichtbar schweben. Fr. Schlegel Athen. 3, 120. vgl. auch 17, d, wie der geist die geliebte umschwebt.
f)
überhaupt wird der geist nach oben strebend gedacht.
α)
so begrifflich, gegenüber dem schweren, nach unten strebenden stoff (20, b): wie der himmel alles (an sich zeücht), was geist und leücht (leicht) ist. S. Frank weltb. 1ᵃ. daher bei seiner lösung vom leibe:
ob ich irdsches denk und sinne,
das gereicht zu höherem gewinne:
mit dem staube nicht der geist zerstoben,
dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben.
Göthe 5, 8 (divan, talismane),
d. h. er nimmt dann auch den gewinn aus dem irdischen mit sich.
β)
und so schon im leibe, den er ja selbst mit in die höhe hält, als stimmung, mut, wille, bewusztsein (s. 17, a ff.), daher auch von gehobenem oder gedrücktem geist die rede ist, obwol man auch da meist den menschen selbst nennt (s. d, β), ich bin 'deprimirt' u. ä., in älterer ausdrucksweise die lebensgeister (s. 13) werden erhöht oder sinken, s. Göthe, Niebuhr u. lebensgeist 2. im vorigen jahrh., eben als man auf den geist aufmerksamer wurde, war viel von erhöhen die rede (frz. exalter, engl. exalt), auch als dauerndem höher heben oder stellen auf den stufen der geisteswelt (vgl. u. gefühl 7, c aus dem 16, jh. höherer geist u. 22, e, α), z. b.:
ist ein empfindend herz der ursprung unsrer pein,
es musz der ursprung auch von unsrer grösze sein,
und eben diesz gefühl und eben diese schmerzen
erhöhen unsern geist zugleich mit unsern herzen.
Cronegk 2, 6;
ich seh der städte lärm (hier) von fern mitleidend an ..
ja, hier vergesz ich fast der menschheit eignen schmerz:
zugleich mit meinem geist erhöhet sich mein herz.
2, 38;
selige augenblicke, wo an mir alles irdische sich bei ihr zu geist erhöhte! Heinse Ardingh. 1, 95; der erhöhte geist fühlt ruhig das körperliche aufwallen ohne seines. J. Paul 7, 128; seinen geist erhöhen. 8, 77; übrigens schon mhd. daʒ herze, der muot wirt erhœhet (Lex. 1, 637) und mit geist gleich das gemuͤt (s. 16, b), im 15. jahrh.: das unser gemuͤt zu der obersten volkomenheit wirt erhöhet, als ver (weit) das muglich ist hie in diser zit. zuo disem erhöhen des gemuͤtes gehoren drü ding .. Geffken bilderkat. 2, 21; s. auch mhd. der geist eig. als erhöhte sêle u. 15, c. daher auch exaltiert, d. i. erhöht, deren einheit doch nun vergessen ist (vgl. noch b. Schiller X, 264 durch kunst exaltirte natur), das lat. wort nur noch auf ungesunden überschwang des geistes angewandt, in ärztlicher fassung.
γ)
auch erheben: die grosze bevölkerung und die pracht erweckte das gehirn und den fleisz, und die freiheit erhob den geist. Winkelmann 3, 229, deutlich nicht das denkende (gehirn), sondern das ganze innere leben mit selbstgefühl, vgl.geist, auch hoher geist als animi elatio 17, a, im gewöhnlichen leben er will hoch hinaus, will immer oben auf sein u. ä. sich erheben: wenn der grosze geist in unserer gegenwart zu seinen gewöhnlichen höhen sich erhebt, so stehen wir gleichsam von ferne und blicken ihm schüchtern nach. Abbt 1, 110; wessen geist erhob sich nicht, wenn er .. ein reines resultat alter verwirrungen erblickte? Herder XI X, 232, zugleich von stimmung, die uns eben auch 'hebt'; dazu erhebung des geistes (und herzens), geisterhebend. vgl. übrigens hoher geist 22, e, der die welt von der höhe seines geistes betrachtet u. ä., auch gott als der höchste geist 9, b, worin der begriff gleichsam seine spitze findet.
g)
daneben aber mit dem bedürfnis nach weite.
α)
wie man von engem sinn und herzen spricht, so fühlt sich auch der geist oft plötzlich enge, im engen, z. b. Herder auf dem schiffe: was gibt ein schiff, das zwischen himmel und erde schwebt, nicht für weite sphäre zu denken, und an sein leben in Riga zurückdenkend: wie klein und eingeschränkt wird da leben, ehre, achtung, wunsch .. lust zu lernen .. wie enge und eingeschränkt endlich der ganze geist. IV, 348 (lebensb. 2, 161), der ganze, d. h. seele, gemüt eingeschlossen, vgl. 15, g; auch in bezug auf unternehmungsgeist oder überblick der dinge:
wiszt ihr, wies steht an diesem hof, wie eng
dies frauenreich die geister hat gebunden?
Schiller M. Stuart 1, 8 a. e.;
Philipp muszte um so viel mehr despot sein, als sein vater, um so viel enger sein geist war, oder mit andern worten: er muszte sich um so viel ängstlicher an allgemeine regeln halten, je weniger er zu den arten und individuen herabsteigen konnte (zu deren aufnahme im geist mehr raum und weite nötig ist). VII, 66. auch der kleine geist (22, d, β) ist wesentlich ein enger, beschränkter (s.γ), der grosze zugleich ein weiter. vgl. enggeist (der doch vielwissend ist) III, 481.
β)
daher den geist erweitern, ausweiten, umfang des g. u. ä.: ich habe niemand gekannt, dem es so geglückt wäre, seinen geist zu erweitern, ihn über unzählige gegenstände zu verbreiten, und doch diese thätigkeit fürs gemeine leben zu behalten. Göthe 16, 95 (Werther 120); durch die fortdauernde theilnahme an Shakspeares werken hatte ich mir den geist so ausgeweitet, dasz mir der enge bühnenraum und die kurze, einer vorstellung zugemessene zeit keineswegs hinlänglich schienen, um etwas bedeutendes vorzutragen. 26, 199 (aus m. l. 13); Homers werke haben zwar einen hohen subjektiven gehalt (sie geben dem geist eine reiche beschäftigung), aber keinen so hohen objectiven (sie erweitern den geist ganz und gar nicht, sondern bewegen nur die kräfte, wie sie wirklich sind). Schiller an Humb. 262; wir müssen ihm einen bedeutenden umfang und tiefe des geistes absprechen. Fr. Horn lit. d. 18. jh. (1812) 1, 240. und vom 'ganzen geiste' (s. Herder unter α):
nun (im j. 1814) .. da sich vor allen dingen
der himmel frei und wolkenlos erheitert,
sich geist und brust und sinn und herz erweitert ...
Göthe 11, 343.
die vorstellung waltet eig. auch schon mhd., wenn das herze (beim denken) wîtweidenic genannt wird, die gedanken wîtsweifende, s. u.gedanke 5, b. 8, f. vgl. auch u. i, γ.
γ)
im 18. jahrh. ist auf einmal viel von schranken oder grenzen des menschengeistes die rede, die ihm zu denken und daran zu rütteln geben, es gehört zu den erscheinungen, worin sich der durchbruch des geniebegriffes vorbereitet (s. 23):
vielleicht, wie unser geist, gesperrt in enge schranken,
nicht platz genug enthält zugleich für zwei gedanken.
Haller 177 (v. j. 1734),
vgl. dazu u. gedanke 2, b, wo die beobachtung auch schon mhd. auftritt (dagegen Abbt u. 18, b, β, Gottsched u. 24, d);
versenkt im tiefen traum nachforschender gedanken,
schwingt ein erhabner geist sich aus der menschheit schranken ..
104;
die stille schwermuth zeugt die göttlichsten gedanken,
sie hebet unsern geist aus seinen engen schranken.
Cronegk 2, 12;
die ewigkeit wog schon für jedes geistes schranken
die angemeszne kraft, gewebt aus grundgedanken.
Creuz 2, 182;
in unsres geistes uns noch unbekannten schranken,
in seiner tiefe, die nur der ihn schuf, ergründet,
sind millionen dunkeler gedanken,
die für die ewigkeit nur sind.
2, 111;
an geistern fehlt es nie, die aus gemeinen schranken
des wissens sich gewagt, voll schöpfrischer gedanken.
Lessing 1, 174;
und noch später (bis der segen und die notwendigkeit der beschränkung entdeckt wurde): es ist ein armseliges kleinliches ideal, für eine nation zu schreiben, einem philosophischen geiste ist diese grenze durchaus unerträglich. Schiller an Körner 2, 128; kühn frohlockend drangen unsere geister aufwärts und durchbrachen die schranke, und wie sie sich umsahn, wehe, da war es eine unendliche leere. Hölderl. 207; wie unserm weisen von Königsberg .. der uns den himmel des verstandes aufgethan und die grenzen des menschlichen geistes unwiderruflich bestimmt habe. Hegner molk. 1, 127; s. auch Michaelis u. e, β. Zachariä scherzte auch schon mit dem modischen begriffe (wie mit dem schöpferischen geist 23, d, β):
dein flatterhafter geist hat viel zu enge schranken,
du sollst dem Pudergott ein neues wesen danken,
das deiner würdiger, als deine (beschränkte) menschheit ist u. s. w.
verwandl. 2, 169.
Haller selbst aber, von dem das wol ausgegangen ist, erfuhr und erkannte auch schon das angenehme dieser schranken, in die sich der schweifende geist zur ruhe rettet (vergl. sp. 2182 Zimmerm.), im 3. verse der Doris:
die grüne nacht belaubter bäume
lockt uns in anmuthsvolle träume,
worein der geist (urspr. die seel) sich selber wiegt:
er zieht die schweifenden gedanken
in angenehm verengte schranken
und lebt mit sich allein vergnügt (befriedigt).
115.
daher auch beschränkter geist, geistig beschränkt, vergl. vom genie aus Drollinger u. 23, a.
h)
aber auch mit tiefe, theils gesuchter, theils gegebener.
α)
die welt stellt dem geiste die aufgabe, ihre tiefe zu suchen, wie es schon im gemeinen leben heiszt das ist mir zu tief (oder auch zu hoch), womit freilich meist gemeint ist zu tief gedacht, aber auch zu tief zum denken, zu tief für meinen geist; der kräftige oder scharfsinnige, durchdringende geist geht in die tiefe, der schwache bleibt an der oberfläche, heiszt auch selbst oberflächlich, früher flach, platt, auch seicht am geist Gellert 1, 96. von schwachen lesern und leeren schriftstellern heiszt es: so wenig kraft sie (die schwachen geister) auch mitbringen, so brauchen sie doch noch viel weniger, um den geist ihres schriftstellers auszuschöpfen. Schiller X, 506, 21.
β)
denn auch dem geist selbst wird die tiefe zugesprochen:
und beider dummen fleisz verlacht ein tiefer geist.
Kästner (1841) 2, 85;
auf! wagt in euren geist nur einen tiefern blick!
wie viel gedanken sind nicht stets in ihm zurück!
und warum sollen sie hier nicht entwickelt werden,
sind sie nur für den raum von dieser kleinen erden?
Creuz 2, 110,
also schranken nach unten gedacht, die zu durchbrechen wären, vgl. vorhin u. g, γ Creuz von unendlicher tiefe unsres geistes; wir träumen von reisen durch das weltall: ist denn das weltall nicht in uns? die tiefen unsers geistes kennen wir nicht. nach innen geht der geheimnisvolle weg, in uns oder nirgends ist die ewigkeit mlt ihren welten u. s. w. Novalis im Athen. 1¹, 74 (vgl. im innern ist ein universum auch Göthe 2, 224 H. und schon J. Paul Kampan. 113), wobei dem besitzer solches geistes, also dem geiste vor sich selber doch bange werden durfte, wie denn das nachher auch genug geschah:
und wenn du vor entzücken (s. d, δ) trauerst,
und wenn es weihend dich, wie gottheit, überfällt,
dann heiligt dich diesz graun, du schauerst
vor deinem eignen geist, vor deiner innern welt.
Tiedge 1, 129 (Urania 5, 244);
vgl. von der seele tiefsten tiefen Schiller XI, 265. XIV, 55, vor denen doch auch Haller 66. 166 schon schauerte.
γ)
dasz auch diese vorstellung alt ist, d. i. eine alte selbstbeobachtung des geistes, zeigt z. b. das mhd. sich vertiufen mit gedanken fundgr. 1, 321 (sp. 1948), sich in der tiefe verlieren, wie unser tiefsinnig, bei H. Sachs tief in gedanken, in g. vertieft (sp. 1964), vgl. tiefe gedanken (neben hohen) sp. 1954 und vom schacht der gedanken das.: dagegen wird der deutsche geist neue schachten eröffnen und licht und tag einführen in ihre abgründe .. Fichte reden 67. aber diese tiefe der welt und des geistes, wie ihre höhe und weite auch, sind im grunde nicht zwei verschiedene tiefen oder höhen, sondern eine; vgl. u. gedanke 10 und 11, wo diese einheit deutlicher von der sprache ausgeprägt erscheint.
i)
mit dem allen wird aber raum im geiste vorausgesetzt.
α)
er wird ihm auch ausdrücklich zugesprochen (vgl. vom beschränkten platz im denkenden geiste Haller u. g, γ, s. auch Abbt 4, 71 ff.): die meisten menschen .. wollen .. in zerstreuung gebracht werden .. damit sie nicht zeit bekommen, in sich selbst zu gehen .. so bald sie nur einmal zu sich selbst kommen, verspüren sie einen solchen öden und leeren raum in ihrem geist und gemüthe, dasz sie nichts mit sich selbst zu thun wissen. Bodmer mahler d. s. 1, 224 (gewöhnlich man fühlt sich leer, s. d, β). so vom gemüte, der seele: das gefühl der hoffnung macht den geist (des leidenden) munter und der schmerz des leibes kann den ganzen raum der seele, dasz ich so rede, nicht mehr einnehmen, weil eine seite davon mit dem vergnügen einer lebendigen hoffnung angefüllet ist. Gellert 5, 34 (26); wir sind gleichsam thierartige geister, unsere sinnlichen kräfte scheinen, wenn ich so sagen darf, in masse und raum genommen, eine gröszere gegend unsrer seele auszufüllen, als die wenigen obern. Herder IV, 27; ich möchte beten, wie Moses im koran: herr, mache mir raum in meiner engen brust. d. j. Göthe 1, 308 (vgl. u. gedanke 5, d); dasz auch in unserer vorzeit die vorstellung schon waltete, bezeugt ags. rûmmôd, rûmheort von freigebigen herren, geraummutig und herzig, wie ja der karge auch engherzig heiszt.
β)
in vielen bildlichen wendungen ist solch geistiger. oder seelenraum vorausgesetzt, z. b.: dasz er einmal seligkeit fühle und ahnde, was sei das lallen der propheten, wenn ἀρρητα ῥηματα den geist füllen. Göthe 33, 95 (d. j. G. 2, 467); das erhabene gibt der seele die schöne ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so grosz als sie sein kann. 16, 222, br. aus d. Schw. 2 (vgl. von grösze der seele, schon mhd., u. d, γ);
könnt' ich doch ausgefüllt einmal
von dir, o ewger, werden!
3, 13 H. (d. j. G. 3, 162);
die natur ist unerschöpflich an reichthümern, unendlich an gegenständen, und diese drücken sich auf tausendfache art in unsern geistern ab. Gellert 5, 277; ein reicher geist, den geist bereichern u. ä. auch bei philosophen in ihrem begrifflichsten denken schleicht sich die vorstellung ein, z. b.: sie (die tongestalten der musik) sind formen, nach denen dieser (unser empfindungsinhalt) sich als nach seiner wahrheit zu sehnen schien, ohne sie auszerhalb des geistes erreichen zu können. Lotze gesch. d. ästh. 451; bei der unendlichen kluft, die das geistige von dem körperlichen trennt (d. h. in uns). v. Kirchmann philos. bibl. 10, 81; in der sprache des 18. jahrh. z. b.: bei diesem erleuchtet es (das genie) die obere gegend des geistes, wo die allgemeinen und abstracten begriffe ihren sitz haben. Sulzer theorie 2, 363ᵇ; s. auch bei Schiller u. 20, d die welt in eine objective ferne rücken als that des geistes.
γ)
und, was das bedeutsamste ist, dieser raum wird der erweiterung und ausdehnung fähig gedacht (was ja auch im begriff des raumes liegt), auch ins unendliche: er (gott) wil, daʒ diu sêle sich wîter mache, ûf daʒ si vil enpfâhen .. müge. Eckh. 223, 20;
doch wo der höhre geist in seiner grösze glänzet,
im denken ausgedehnt an letzten himmel grenzet,
vom körper wie getrennt durchs unsichtbare sieht ..
Creuz 2, 183;
jetzt schwillt des dichters geist zu göttlichen gesängen.
Schiller I, 27, 9;
dann sucht' ich die höchsten berge mir auf und ihre lüfte, und wie ein adler, dem der blutende fittig geheilt ist, regte mein geist sich im freien und dehnt', als wäre sie sein, über die sichtbare welt sich aus. Hölderlin 222; die weitere fahrt rheinabwärts gieng froh und glücklich von statten. die ausbreitung des flusses ladet auch das gemüth ein, sich auszubreiten und nach der ferne zu sehen. Göthe 26, 293 (aus m. l. 14), sinn und gedanken; wenn wir einen solchen (erhabnen) gegenstand zum erstenmal erblicken, so weitet sich die ungewohnte seele erst aus ... durch diese operation wird die seele in sich gröszer, ohne es zu wissen. 16, 223 (br. aus d. Schw. 2), vgl. 22, d, γ;
vermögt ihr (götter) mich auszudehnen,
zu erweitern zu einer welt?
33, 245 (Prometh. 1);
(will) mit meinem geist das höchst' und tiefste greifen,
ihr wohl und weh auf meinen busen häufen
und so mein selbst zu ihrem selbst erweitern ..
12, 89;
ich habe dichtungs- und lebenskraft genug, sogar mein eignes beschränktes selbst zu einem Schwedenborgischen geisteruniversum erweitert zu fühlen. an Lav. 133; vgl. aus späterer ruhiger zeit unendlichkeit in geist und sinn und vom erweitern von geist und herz unter 16, a; Rückert bei erwähnung des unendlichen (bloszen) raumes, den er ablehnt:
was wär unendlichkeit die äuszerliche so?
der innerlichen nur des geistes bin ich froh.
weish. d. br. 46 (2, 24).
in merkwürdig ungeheurem bilde vorstellig gemacht bei Hamann: zwischen einer idee unserer seele und einem schall, der durch den mund hervorgebracht wird (um sie auszusprechen) ist eben die entfernung als zwischen geist und leib, himmel und erde. 1, 450, geist und leib als die äuszersten enden oder pole der menschenwelt (aber idee der seele s. 15, e. f), eigentlich doch nur deutlicher gesagt die kluft bei Kirchmann vorhin; vgl. schon bei Eckh. 373, 21 von der verre der nidersten krefte von den obersten, auch: mir ist himel und ertrîche ze enge. 464, 27.
k)
hierher gehört denn auch das häufige im geist, obwol nicht durchaus.
α)
im geiste thut man, was man äuszerlich, in der wirklichkeit möchte und nicht kann (vgl. 17, g), der geist als ein gebiet unter unsrer freiesten verfügung, z. b.: so bin ich aber im geist bei euch. Coloss. 2, 5, gr. nur τῷ πνεύματι, vulg. spiritu, sodasz Luther das in aus dem deutschen sprachgebrauch hinzufügte (1 Cor. 5, 3 vielmehr mit dem geist, s. d, γ), vergl. 1 Petr. 1, 22 die var. im geist für durch den geist und Joh. 11, 33 ergrimmet er im geist (τῷ πνεύματι, spiritu), auch ahd. schon gremizôta in sînemo geiste (s. 17, b), auch das grimmen ist eig. ein grimmiges gebaren (vgl. krimmen);
entfernt von ihm (dem freunde) wird mir ein glück zu theile,
und wenn im geist ichs ihm zu sagen eile,
wird mir diesz glück gedoppelt süsz.
Gellert 2, 64 (die freundschaft);
indesz, was hilft's, ihr guten kinder,
wenn man sich nur im geiste küssen kann?
Gökingk 1, 132;
ich habe mir die gestalt (der heil. Agathe) wol gemerkt, und werde ihr im geiste meine Iphigenie vorlesen. Göthe 27, 169, aus Bologna 19. oct. 1786, dasz sie ihm beim dichten helfe; eine eigenheit des verfassers, die sogar das selbstgespräch zum zwiegespräch umbildete .. er pflegte .. irgend eine person seiner bekanntschaft im geiste zu sich zu rufen. er bat sie, nieder zu sitzen, gieng an ihr auf und ab u. s. w. 26, 209, von sich selber; wie nahe ein solches gespräch im geiste mit dem briefwechsel verwandt sei, ist klar genug. 210 (aus m. l. 13), vgl. u. d von seinem geisterverkehr in die ferne;
ja, die entfernten lieben will ich nur
im geist besuchen.
9, 383 (nat. t. 5, 9);
adieu liebster, bleibe mir nah im geist. an Lav. 102; dabei geniesze ich noch die schönen ufer der Saale im geist. Charl. v. Schiller an Knebel 400. vgl. in gedanken so (z. b. ansehen, küssen, reisen) unter gedanke 11, a, aber bemerkenswert nicht in der seele, in welcher dergleichen doch im traum geschieht, aber nicht mit unserm willen.
β)
auch anderes geistiges oder seelisches thun oder erfahren geht natürlich im geiste vor:
in nachtes still, zu winter zeit,
mit cleinem slaf umbgeben,
in dem geist sach ich bereit (deutlich) ..
einen leichnam der was tot (eben gestorben),
von im sein geist gescheiden.
grosze clag und jamers not
hort ich von in beiden u. s. w.
Bartsch erlösung s. 311 (visio s. Philiberti);
entzuckt im geist s. d, δ; so preiset gott an ewrem leibe und in ewrem geist, welche sind gottes. 1 Cor. 6, 20;
sieh nur die wand in deinem zimmer an,
wo ich im geist vor einem bild (eines dichters) entbrannte ..
Gökingk lied. zw. lieb. 128;
meine kinder lassen sich zu gescheidten jungen an. ich sehe sie im geiste schon sitzen und schreiben und rechnen .. Göthe 20, 135, ein blick in die zukunft (vgl. 18, d vom sehen des geistes), die wendung ist allgemein; während es (der Götz) ersonnen .. wurde, bewegten sich noch viele andere bilder und vorschläge (zu schauspielen) in seinem geiste. 26, 209. von wissenschaftlicher denkarbeit: ein groszer fehler, den wir begehen, ist, die ursache der wirkung immer nahe zu denken .. und doch können wir ihn nicht vermeiden, weil ursache und wirkung immer zusammengedacht und im geiste angenähert werden. spr. in prosa 799. als innere welt im gegensatz zur äuszern auch recht deutlich: wenn ich hinsehe ins leben, was ist das letzte von allem? nichts. wenn ich aufsteige im geiste, was ist das höchste von allem? nichts. Hölderlin 207.
γ)
biblisch, kirchlich im geist, ἐν πνεύματι: ich war im geist an des herrn tag und hörete hinder mir eine grosze stim als einer posaunen. offenb. Joh. 1, 10; und also bald war ich im geist, und sihe, ein stuel ward gesetzt im himmel .. 4, 2; gott ist ein geist, und die in anbeten, die müssen in im geist und in der wahrheit anbeten. Joh. 4, 24; die geworen anebetter, die den fatter anebettent in deme geiste und in der worheite. Merswin 9 felsen 115. das ist zunächst zwar wie vorhin, das schauen im geiste wie das beten mit sammlung im innersten, daher z. b.: deshalb Christus das lang plappern und verdrüszig maulgebett nit haben wil. bit ein mal ernstlich im geist und denk oder glaub, got hab dich gehört. S. Frank spr. 2, 110ᵃ; deshalb schneiden sie ir anligen nit an ein kerbholz, sondern tragens im geist und glauben gar kurz in einer summ got für von herzen. das. (nachher gebet des geists und herzens). aber man musz dabei auch an eine mitwirkung des heiligen geistes gedacht haben, wie eben Frank dort weiter ausführt z. b. so wir im geist mit got ein geist seind, wie Luther von werken u. ä. spricht, die gehen in gottes geist, s. u. 10, a. g. so auch biblisch deutlicher: vleisziget euch der geistlichen gaben, am meisten aber, das ir weissagen möget. denn der mit der zungen redet, der redet nicht den menschen, sondern gotte, denn im höret niemand zu, im geist aber redet er die geheimnis. 1 Cor. 14, 1. 2 (var. mit dem geist, gr. nur πνεύματι), vergl. d. j. Göthe 2, 240. diese erhöhung des geistes wird auch ausdrücklich als ein schweben bezeichnet (S. Frank u. 10, 9, vergl. hier u. e, γ), schon mhd. in einem gespräch zwischen gott und der minnenden seele, die er unterrichtet und erzieht:
hie beginne ich eins geistlichen leben (d. h. im unterricht)
und lêre dich in dem geiste sweben.
Bartsch erlösung s. 218,
und dasz da gottes geist mit gedacht ist, zeigt vorher:
geselschaft (menschlicher) muost du dich erwegen,
wiltu mînes geistes pflegen (mit ihm umgang haben).
216.
wie da die sêle schweben soll im geiste, so ähnlich bei Luther: das fleisch wird durch der hende auflegung beschattet, das die seele im geist erleuchtet werde. 3, 370ᵇ, wol zugleich im eignen geiste (s. 15, d) wie im und vom göttlichen.
δ)
nach dem biblischen im geist reden noch jetzt in prophetischem geiste sprechen u. ä.:
ja, nun erfüllt sich mir ein altes wort
der weissagung, das eine nonne mir
zu Clermont im prophet'schen geiste sprach.
Schiller jungfr. von Orl. 1, 4.
doch ist da die alte vorstellung verblichen, wie doch auch im 16. jh. schon, wenn es heiszt aus heiligem geist reden, s. Berth. v. Ch. u. 17, c, vergl. schon mhd.: der geist, ûʒ dem daʒ werc geschiht. Eckh, 72, 24, d. h. aus dem die that hervorgeht. den im geist reden entsprechend auch im geist verstehen (allegorisch) Luther u. 10, i. a. e., als das rechte verständnis, vgl. schriften mit und in dem geist ihrer verfasser lesen Hamann 4, 261.
ε)
auch im geist eines andern handeln, reden, z. b.: das war nicht in meinem (des auftraggebers) geist gehandelt; das ist wie im geiste (oder auch aus d. g.) Schillers geredet, gedacht, empfunden; indem sie ihre dichtungen in dem geiste eines gewissen verrückten grafen schaffen wollte, der sich für den märtyrer Serapion hielt. Börne 3, 239; zwei freunde sind eins im geiste, im tiefsten geiste, wo die räumliche vorstellung wieder deutlicher auftritt. vgl. in einem geiste stimmen 28, a, auch bruderschaft im geist: du, mein lieber bruder im geiste des forschens nach wahrheit und schönheit .. Göthe 39, 347, auch in versöhnlichem geiste gehalten, abgefaszt u. ä., z. b. eine schrift in einem streite.
l)
höher oder tiefer greift der vergleich mit dem licht (und feuer, s. δ); während die bisherigen bilder die verschiednen verhältnisse des geistes nach innen und auszen zu fassen suchten, ist dies ein versuch, sein wesen selbst zu fassen.
α)
so vom begrifflichen standpunkte: licht und geist, jenes im physischen, -dieser im sittlichen herrschend, sind die höchsten denkbaren untheilbaren energien. Göthe 19, 213 H. (spr. in pr. 986), vgl. mein innerliches licht 41, 102, die wahre sonne 2, 151; geist und licht, es gibt keinen bessern vergleich. der geist macht dasz es tag in uns wird. oft durchfährt er uns auch nur wie der blitz und erhellet das dunkel nur auf einen augenblick .. Heinroth lebensstudien 2, 37; (ohne starken gedächtnisvorrat) ist der philosophische geist einer flamme gleich, der es an nahrung fehlt und welche auflodern und glänzen, aber nicht fortbrennen und leuchten kann. Garve versuche 2, 326; in der seele des mannes von genie (s. 23) herrscht ein heller tag, ein volles licht, das ihm jeden gegenstand wie ein nahe vor augen liegendes und wol erleuchtetes gemälde vorstellt. Sulzer theorie 2, 363ᵇ; mitten im schwärzesten dunkel der schlacht war es licht in seinem geiste. Schiller VIII, 150, von Gustav Adolf;
ihr wiszt auch nicht, wie selbst am starren, todten
vom geiste, der darüber einst geboten (hausrat u. ä.),
ein schimmer hängen bleibt, ein irres licht.
Geibel juniusl. 97.
und der vergleich ist alt, vgl. u. 16, b, β aus dem 16. jh. mens als licht, mhd.: unbescheidenlîche (undeutliche) vorhte oder hoffenunge .. blendent daʒ lieht des geistes. Haupt 8, 225, vergl. s. 227 der funke oder der glanster der sêle, s. 226 der êrste glanz der sêle (als diu forschende kraft), auch daʒ lieht der lûtren vernünfte; als diu sêle von den vier dingen, (nämlich) ein lieht, ein geist, ein fiur und ein vanken, heiʒet götlîcher unde himlischer natûre. Eckh. 246, 35 (s. vom geist der sêle 15, c), vgl. vom funkelîn der sêle 585, 26. 480, 24 ff. u. o., auch bezeichnet als leben und lieht myst. 1, 32 (s. u.funke 6), also zugleich mit dem ursprünglichem begriffe von geist als das eingeborne leben aus gott (14, e);
gedanken, worte, werk und sinn
sind nichts als finstre sünden,
wofern wir nicht des geistes licht
in unsrer seel' entzünden.
Günther 42.
auch aus dem antlitz strahlend, den leib durchdringend: von keiner menschenstirne strahlte mir noch so viel geist .. entgegen. Schiller IV, 338, 21; wenn das licht des geistes von dem leib, den er durchdringt, ausströmt und seine formen umkreist, das ist schönheit. dein blick ist schön, weil er das licht deines geistes ausströmt und in diesem lichte schwimmt. Bettine briefw. 3, 91; es ist ordentlich erbarmungswürdig, wie der schimmer des geistes verschwindet. Charl. v. Schiller u. i. fr. 1, 393, von dem alternden Kotzebue; selbst als leuchtender lichtkreis gedacht: wenn wir jagten im forst, wenn in der meersfluth wir uns badeten ... es war ein einzig leben und unser geist (verbunden) umleuchtete, wie ein glänzender himmel, unser jugendlich glück. Hölderlin 268 (vgl. u. 17, d); vgl. im höchsten sinne der vollendete menschengeist als luft und äther der einen vernunftwelt Fichte u. 2, e a. e., dazu: dann erst, wenn die augen all in triumphbogen sich wandeln, wo der menschengeist, der langabwesende, hervorglänzt aus den irren und leiden und siegesfroh den väterlichen aether grüszt. Hölderlin 256, wie bei den mystikern als fünklein aus gottes geist, dem göttlichen urlicht (zu äther vergl. 23, f a. e.). auch funken sprühend (vergl. unter 23, f): edle gemüther und tiefe denker werden von den funken seines geistes erleuchtet und entzündet werden. Tieck zu Novalis (1815) 1, xxxii. und kühn vorgreifend ins ungeheure:
licht ist das geistige kleid, das diese welt umflieszt ...
diesz geistige netz, gewebt aus gottes liebesblicken ...
o geist (menschengeist), mit diesem thau muszt du dich auch befeuchten,
wenn du in diesem bau mit willst als sonne leuchten.
Rückert weish. d. br. 47 (2, 24),
kaum halb als bloszes dichterbild gemeint, s. 28, b a. e.
β)
und nicht blosz so hoch und überschwänglich, auch die gewöhnlichste sprach- und denkweise ist von dem bild durchwaltet, denn sie könnte nicht auskommen ohne klar und dunkel, früher dafür noch kräftiger heiter, hell, licht, finster u. a., wie Wolff aus der alltagsrede bemerkt: wenn unsere gedanken klar sind, so sagen wir, es sey 'lichte' oder 'helle' in unserer seele (vgl. 15, f). gleich wie wir aber sonst das licht in der welt zu nennen pflegen, was die umstehenden cörper sichtbahr macht .. so nennen wir auch dasjenige in unserer seele ein licht, welches machet dasz unsere gedanken klar sind .. vern. ged. von gott u. s. w. § 203; daher verstehen wir nun auch, was die redens arten haben wollen, es 'beginne in uns lichte zu werden', ingleichen 'es ist mir noch ganz finster'. § 204. man rühmt an einem klarheit des geistes, klaren geist, gewöhnlich doch klaren verstand (vgl. 18, b, γ), jenes mehr vom 'ganzen geiste' (vgl.klar 11): eine geläuterte heitere menschlichkeit beseelt seine (Matthissons) dichtungen, und rein, wie sie auf der spiegelnden fläche des wassers liegen, malen sich die schönen naturbilder in der ruhigen klarheit seines geistes. Schiller X, 256;
ein weib, wie keines ist und keines war ..
mit hellem geist, mit aufgethanem sinn u. s. w.
VII, 31 (die berühmte frau);
erleuchteter geist, im 16. jh.: hocherleuchte geister, poeten und philosophi. Fischart pod. trostb. 660 Sch., vergl. erleuchten 2; die seele im geist erleuchtet Luther k, γ a. e. bei einem irrsinnigen spricht man von umnachtetem geist, nacht des geistes, aber auch vom allgemeinen oder zeitgeist aufklärung des geistes und geistige nacht, in der licht wird u. ä.; wird die nation immerdar gespalten bleiben und das licht der besten geister nur die höhen überglänzen und nicht auch die niederungen durchleuchten? Auerbach neues leben 2, 4.
γ)
ähnlich auch trübe, betrüben, heiter, erheitern, düster, verdüstern u. ä. (vgl.ε): er will die trüben wolken seines geistes durch das licht der wahrheit brechen, und es steigen aus seiner empfindung stets neue auf. Gellert 5, 32 (24);
ihr (der alten weisen) glänzend beispiel strahlt, wann ich zu zaghaft bin,
in meinen trüben geist durch alle wolken hin.
Uz 2, 89;
trüb ist der geist, verworren das beginnen,
die hehre welt wie schwindet sie den sinnen!
Göthe 3, 30 (aussöhnung);
ganze tage, ganze nächte
sitz ich .. weinend und betrübe
meinen geist, dasz deine liebe
nun ein andrer, falsches herz, besitzt.
Gökingk lied. zw. lieb. 107.
auch heitrer geist (17, b, β) setzt helligkeit in uns voraus, den geist erheitern, aufheitern u. ä.: aufgeregt war mein ganzes wesen, und dabei doch meine seele so still, mein geist so heiter; Jacobi Wold. 2, 50;
dieser beschlosz, sich hier an der urne der guten najade
aufzuheitern den geist, zu zerstreun die wolken des ernstes
auf der denkenden stirn.
Neubeck gesundbr. 107.
dagegen finstrer geist, der z. b. einen beherscht, seinen sinn lenkt, auch im hause waltend, z. b. in Theklas munde:
es geht ein finstrer geist durch unser haus.
Schiller Piccol. 3, 9,
zugleich als waltende macht, ja gestalt gedacht, nach 7. 8.
δ)
und wie das licht auszer uns, so kann sich auch das licht des geistes mit feuer und wärme vermählen oder soll es naturgemäsz, auch beim forschen: alle erfahrungen sorgfältiger beobachter, alle vermuthungen feuriger geister. Göthe 33, clxv H., von geschichte der menschheit; s. unter 18, f, wie Lessing Jerusalems geist der kalten betrachtung doch zugleich als warmen geist rühmt und als feurigen geist, den so wenig licht ohne wärme als wärme ohne licht befriedigten; vgl.den geist entflammen Lessing u. 18, f, auch die bemerkung der Bettine es ist wärme im geist, wir fühlen es, die wangen glühen vom denken u. s. w. briefw. 1, 264 und die warnung des merkw. ungenannten bei Zöppritz aus Jacobis nachlasz 1, 354 v. j. 1804, die nun erst recht zeitgemäsz erscheint: licht in den köpfen bei verfinsterten herzen ist wie ein verzehrendes feuer, nach einigen generationen sind auch die köpfe verkohlt. jetzt ist feuriger oder feuergeist ganz geläufig, doch meist bezogen auf wollen und streben (s. 17, h), aber auch auf das ganze innere leben des geistes, vgl.das jugendliche feuer eines brausenden geistes Schiller I, 98, Göthes geist als ein verzehrend feuer u. 17, b, β, d. h. in liebesnot, wie man dem geist in feuriger erregung oder gärendem zustand der empfindungen auch ein brennen, glühen, glut beilegt, ihn selbst zum vulcan macht:
die wahrheit, sollten sie nur alle geister kennen,
es würden bald für sie auch alle geister brennen.
Kästner (1841) 2, 83;
auf der fürstenschule hat das lesen der Güntherischen gedichte aus meinem geiste einen feuerspeienden Aetna gemacht, der alle um sich herum liegenden gegenden verheerte und die in meiner seele aufkeimenden pflanzen von vernunft in asche verwandelte. Gellert 10, 15 (186), wie Göthe im divan sein herz einen Aetna nennt 5, 167 und schon Opitz in den 'gedanken bei nacht, als er nicht schlafen kundte' und angstvoll über sich und die welt abrechnung hielt:
ich hitz' und bin entzündt wie Etna u. s. w.
2, 165.
s. auch hitze des geistes beim dichten Gellert u. 18, f, auch aus des dichters geist in seine dichtung übertragen:
gib den seiten geist und brand.
S. Dach 508 (zu saiten s. u. geige 2, c),
wie sonst geist und feuer, vgl. geist und leben 14, e, β, auch das biblische mit dem heil. geist und mit feuer taufen 10, c, β, mit geist- und feuerschritten Göthe 2, 254 H. der geist überhaupt als licht und feuer zugleich gedacht musz wol auch hinter ersticken stehen: nichts ist geschickter, den geist zu ersticken, als auf der einen seite weichlichkeit und auf der andern wildheit der sitten oder eine sklavische staatsverfassung. Gellert 5, 274 (191). ähnlich wol düster lodernd, weder recht hell noch recht warm:
düster lodert mein geist, wie das tannenfeuer
um der legionentödter grab.
Klamer Schmidt elegie an Minna 55.
ε)
wie aber hier licht und feuer, so wird auch licht und luft zusammen dabei vorgestellt; so wenn man von einer geistigen atmosphäre spricht, in der man atmet und ihre einflüsse einatmet, d. h. der raum zwischen himmel und erde mit seinem inhalt in die geisteswelt übernommen, vgl. Hamanns entsprechendes bild vom raume im geiste u. i, γ a. e. und Fichte u. 2, e a. e. vom geist als luft und äther; auch in den einzelnen geist wird das übernommen zur verdeutlichung seines innern lebens, so in J. Pauls dunstkreis des gehirns (s. u. dunstkreis), auch in gewöhnlicher rede in dem trübe und heiter u. γ, deutlicher in den wolken im geist, auf der stirn das., und Göthe spricht, das bild weiterführend, von seinem innern wetter, an fr. v. Steine 1, 191, an Aug. Stolb. 109, wie auch von sturm im geiste die rede ist. von dem alten vergleich des geistes mit wind, luft, hauch s. 2, e, auch mit den gasen als flüchtiger geist u. ä. 12, e.
m)
neben dieser möglichst geistigen auffassung vom geist in bildern stehen aber solche, die ihm, auch abgesehen von seinem leibe, volle leiblichkeit zulegen; geschieht das doch auch bei seinem geistigsten thun, dem denken, wenn das auszer als sehen auch als fassen und greifen gedacht wird (18, e), vergl. auch von seiten des geistes 18, h.
α)
so, wenn geister sich berühren, als bild innigster, tiefster annäherung: sie (die labyrinthischen verkettungen) lösen sich vielleicht auf da wo dein blick den meinen trifft, wie das räthsel meiner brust da wo dein geist den meinen berührt. Bettine br. 3, 29; wenn geister einander berühren, das ist göttliche elektricität 37 (vgl. u. 23, f), s. auch 38, wo diesz berühren mit elektrischer wirkung (gewitterhaft) durch das berühren der hand vermittelt wird. von seelen: sie (die mutter natur) gab uns die sprache, als ein werkzeug, die seele des andern unmittelbar zu berühren. Herder IV, 57. auch das geht versteckt schon im gewöhnlichen gebrauch um in der berührung, in die man im leben mit einem andern kommt, tritt u. ä., in geschäften wie in höhern angelegenheiten, diese geistige berührung in verschiedenster abstufung vom äuszerlichsten (mit der peripherie) bis zum innerlichsten (im centrum), das Bettine meint.
β)
als vorbereitung zu diesem berühren ein sich nähern: das mädchen war mir heilig geworden in dieser stunde. unsere geister näherten sich von tage zu tage mehr. Jacobi Wold. 2, 46, und auch das im alltagsleben: wir näherten uns täglich mehr (geistig), traten oder kamen einander näher u. a., wie umgekehrt leute bei gröszter nähe des körperlichen lebens einander doch geistig, im geiste fern oder abgewandt sein können;
doch, was alle freundschaft bindet,
ist, wenn geist zu geist sich findet.
Uhland 66.
die annäherung auch unter der wirkung des gesetzes im sonnensystem gedacht (vergl. u. 29, f) mittelst der sog. cartesianischen wirbel:
meine Laura, nenne mir den wirbel,
der an körper körper mächtig reiszt,
nenne, meine Laura, mir den zauber,
der zum geist monarchisch zwingt den geist.
Schiller I, 209.
daraus wird auch ein gegenseitiges umfassen der liebenden geister, von der umarmung äuszerlich vermittelt, so bei Hölty u. 17, d wenn arm um arm und geist um geist sich windet. als letztes ziel aber eine vereinigung in éinem höheren (vgl. 28):
nein, flammen sinds, die aus dem busen schlagen,
das leben ists, das hellre funken sprüht,
zum neuen sein schmilzt geist und geist zusammen
und glänzend steigt ein phönix aus den flammen.
E. Schulze die bez. rose 3, 93,
immer noch in dem alten begriff, das leben in ganzer fülle und einheit zugleich (15, g). dasz auch diese einigung nichts überschwänglich neues ist, zeigt schon die alltägliche wendung sie sind ein herz und eine seele (nach apost. gesch. 4, 32), im folg. ein geist und eine seele (beide als gleich, s. 15, a):
sein geist war meine seel, ich (Olympia) wünscht ohn ihn zu sterben.
A. Gryphius 1, 218 (Card. 3, 65);
die einigung auch von gott erbeten (vgl. u. 9, e):
und wo wir (verlobten) zwei in einem fleische sein,
so gib vielmehr nur einen geist uns ein.
2, 481;
kräftiger schon mhd. von Nisus und Euryalus (vgl. Aen. 9, 182), biblisch nach Eph. 4, 4 (s. 28, a):
wir sîn ein lîp und ein geist.
Veldeke En. 181, 20.
ein mächtiger geist fesselt, bindet andere geister (einigt sie um sich, in sich, vgl. 28, b):
du bleibst der seelen ewig meister,
die schönheit fesselt dir die geister,
und deine tugend hält sie fest.
Haller 119 (Doris);
wie leicht wird es einem groszen, die gemüther zu gewinnen! wie leicht eignet er sich die herzen zu .. und wie viele mittel hat er, die einmal erworbenen geister fest zu halten. Göthe 19, 18 (lehrj. 4, 2);
du kennst die geister nicht, und willst sie binden!
Z. Werner Luther 374.
γ)
aber auch in feindlicher berührung, geister mit einander ringend, im kampfe auf einander treffend: es müssen secten sein, und das wort gottes musz zu felde ligen und kempfen .. man lasse die geister auf einander platzen und treffen .. wo ein streit und schlacht ist, da müssen etliche fallen und gewund werden u. s. w. Luther 2, 455ᵇ mit bezug auf Th. Münzer und genossen (von dem aufrhürischen geist 1524), ein wort das in den kämpfen der 30 er und 40 er jahre um die pressfreiheit oft angewendet ward: lasset die geister auf einander platzen u. ä. (vergl. Geibel u. 2, e, β). auch von waffen des geistes u. ä. war damals viel die rede, das schwert des geistes Geibel ged. 329 (das schwert der ideen Görres Dtschl. u. d. rev. 128), von den bleiernen lettern als bataillonen des geistes u. ä., von geisterschlacht u. s. w., bis dann die geister auch mit ihren leibern und wirklichen waffen gegen einander giengen. geistiger ringkampf, gymnastik u. ä.:
auch manche geister, die mit ihm (Schiller) gerungen,
sein grosz verdienst unwillig anerkannt ..
Göthe 13, 173;
ihre erste bekanntschaft war durch die unerschrockene gymnastik des geistes, in welcher die jugend ihre ersten überschwellenden kräfte zu tummeln liebt, bezeichnet gewesen .. und manche stunde der mitternacht war .. in eifrigem kämpfen und ringen vergangen. Immerm. Münchh. 1, 219.
δ)
auch anders kampf des geistes, für die geisteswelt gegen widerstrebende mächte, also kampf des geistes für sich selber, um sein eignes dasein und gedeihen: er (minister Bernstorf) erlag unter den kämpfen des geistes, mehr durch arbeit und gram, als durch krankheit und jahre erschöpft. Sturz 2, 149, vgl.qualen des geistes Herder id. 2, 232, d. h. im kampf mit der übercultur; Klopstock, der uns immer nur aus dem leben herausführt, immer nur den geist unter die waffen ruft .. Schiller X, 473, 33;
die geister schützen sich mit ihren eignen waffen.
Creuz 2, 182;
in einer mahnung an die Deutschen zum beginn unsres jh.:
bleibt jung, gedenkt der ahnen ...
des geistes heilgen krieg kämpft treu wie ritter!
Fr. Schlegel ged. 242 (Athen. 3, 168),
vgl. H. Heine als ritter von dem heiligen geist in der Harzreise (buch d. l. 286) und Gutzkows 'ritter vom geiste'; auch held des geistes: da erneuerte sich die alte zeit des heiligen märtyrerthums, dem groszen helden des geistes und der wahrheit (J. Hus) ward es vergönnt, den schönsten tod zu erringen. H. Steffens die gegenw. zeit (1817) 269.
ε)
aber auch kampf des einzelnen geistes in sich und mit sich, theils mit dem fleisch (s. 14, b), geistes und fleisches kampf Stieler 923 (s. u.kampf 4, b), theils in sich selber, vgl. ein mit sich uneiniger geist Schiller X, 80 (17, c), daher geistige kämpfe, seelenkämpfe, kampf der leidenschaften, der gedanken, der zeitrichtungen im einzelnen geiste u. a.; und diesz wieder auch auf den allgemeinen geist (27) übernommen: wo er (der europ. gemeingeist) irrt, kann er nur durch wahrheit, nicht durch zwang gebessert werden, denn geist kann allein mit geist kämpfen. Herder hum. br. 2, 17; doch können noch alle ansprüche des geistes an die natur in ihre schranken gewiesen werden (zur herstellung des friedens zwischen beiden, s. 20, c), nur der geist wird beständig mit sich selber kämpfen .. der kampf, ohne den das ganze leben, diese ganze weltepoche, in der wir begriffen sind, nichtig wäre. W. Menzel die d. lit. 1, 227; auch unter dem bilde des streites der töne, die ihren einklang suchen (vergl. harmonie der geister 28, e):
kommt, stoszet an! es sterbe streit und hader!
doch — nicht zu früh. denn wie aus contrapuncten
der musica, so musz aus kampf und streit
des geistes einklang mit sich selbst entstehen.
Z. Werner Luther 113.
n)
was nun damit gewonnen ist? d. h. für die frage, die seit dem allgemeinern erwachen des bewuszten geistes unter den hauptfragen wol die vorderste geworden ist, von der man wol alles weiterkommen überhaupt abhängig macht: was ist eigentlich der geist? was weisz darauf der sprachgeist, also eig. der geist über sich selber auszusagen? die denker vom fach werden damit wenig zufrieden sein.
α)
auch der geist, wie er geboren wird, so wächst er, nährt sich, gedeiht oder nicht, wird auch krank und gesundet wieder, reift, trägt oder gebiert blüten und früchte, zeugt u. s. w., hat sogar männliches und weibliches in sich selber (19, b), er bewegt sich, regt sich, entschläft, wird erweckt oder erwacht, er geht ein ziel suchend, verirrt sich, findet sich wieder zurecht, wird müde oder träge, rafft sich auf, eilt, schreitet fort durch die dinge hin wie in sich (19, c), er ringt, kämpft mit hindernissen, um sein ziel und gedeihen, auch mit oder in sich selbst eben um sein ziel und gedeihen, berührt sich dabei mit andern, äuszerlich oder innerlich, in kampf oder liebe (19, m), d. h.: er hat das gesamte thun und leben seines leibes mit auf sein eignes thun und leben übernommen, wie gesteigert zu dem inneren geistigen menschen, von dem Herder spricht u. b, α (s. auch Bettine u. 14 a. e.), und das gemälde dieser übertragung, von dem hier nur ein schatten vorliegt, würde erst vollständig werden, wenn man die fälle alle zuzöge, wo statt des geistes der mensch selber, das ich genannt, der geist aber gemeint wird (vergl. 21, a), d. h. jener innere höhere mensch, der auch das leben seiner glieder dort im inneren nicht entbehrt, sondern erhöht und erweitert wiederfindet: das ist das bild das aus der sprache herausblickt.
β)
selbst das denken des geistes, das thun und leben seines bewusztseins, das als dem leiblichen in entgegengesetztester entfernung stehend gedacht wird, erscheint doch gerade recht sinnlich, als ein fassen, greifen (18, e), auch als ein fühlen, sehen, hören (18, d. f), ja auch das schmecken und riechen fehlt nicht, jenes in alter wie neuer zeit (s. u.gedanke 5, g und e, β), ist doch auch unser geschmack in der kunst u. ä. eigentlich geistig, ein geschmack des verstandes König zu Canitz 399. 409 (auch als sechster sinn), das riechen aber ist z. b. versteckt in wittern, spürsinn u. ä., deutlichst ausgesprochen in alltagswendungen wie er hat eine feine nase, sodasz auch alle äuszern sinne mit auf den geist, den innern sinn übernommen sind, um damit die welt zu fassen, womöglich zu genieszen (vgl. geistesgenusz), und dazu gehört sogar ein verdauen u. s. w. (s. 19, b, α). wer aber dieser sinnlichkeit oder leiblichkeit meint entrinnen zu können ins gebiet der heutigen wissenschaftlichen sprache, täuscht sich doch auch, denn auch die abstracten ausdrücke gehen zuletzt alle auf solche bildlichkeit zurück, nur dasz sie uns zumal bei den abgegriffenen, abgelebten und matt gehetzten fremdwörtern verwischt ist; z. b. das jetzt beliebte combinieren ist eig. doch nichts als ein zusammennehmen (von je zwei dingen), wozu eig. ein behandeln wie mit händen vorausgesetzt ist. eben die heutige flucht vor der sinnlichkeit ist zugleich ein fliehen von der wahren klarheit und wahrheit weg.
γ)
dennoch geht der geist in dem sprachbilde, worin er sich selbst spiegelt, nicht auf im leiblichen, sondern weit darüber hinaus, nach zwei richtungen, d. h. den zwei möglichen, nach innen und auszen. nach innen, denn er hat in sich ein eignes gebiet (19, a), in das er sich vor der welt, selbst vor dem eignen leibe z. b. bei schmerzen, ja vor sich selber z. b. bei reue zurückziehen kann (in sich gehn), ein gebiet in dem er frei schaltet und waltet und in sich thut was er leiblich nicht kann (19, k), ja von dem auch alles thun seines leibes eigentlich ausgeht, z. b. jedes wort das dieser spricht wie jeder schritt oder griff den dieser thut, denn er ist der beweger und beleber des leibes (14, e). nach auszen, denn er greift in seinem entwickeltsten innern leben über das leibliche weit hinaus, er schweift in die ferne, steigt, fliegt, schwebt (19, e), alles wie gelöst vom leibe (19, d) und doch immer im leibe, in dessen enge er doch nach der weite der welt, d. h. zugleich nach seiner ausweitung strebt, wie nach ihrer und seiner tiefe (19, g. h), denn er hat in sich und in der enge seines leibes einen eignen raum, der sich ihm zwar nur an und aus der welt entwickelt, aber der gröszten erweiterung fähig ist (19, i), an welche erweiterung sogar seine eigentliche entwickelung, sein ganzes weitergedeihen gebunden ist, aber nur sofern sie zusammenfällt mit dem tiefer gehen in sein eignes innere, denn nur durch dieses geht ihm der wahre weg zur welt, wie er es nur an dieser gewinnen kann: verzeihe mans, wenn ich da die von der sprache gezogenen linien zum bilde vorgreifend weiter zog. dabei strebt der geist für sich nach oben (19, f), als suchte er dort eben sein innerstes, seine tiefe (bei oder in gott, vergl. 10, g u. a.), während der leib als körper nach unten strebt, wie er mit dem schweren stoff, der erde verglichen wird, der geist dagegen mit luft und licht und feuer (19, l).
20)
was aber der geist selber ist, scheint an seinen gegensätzen am sichersten erkennbar, also geist und körper, geist und materie, geist und natur u. ä.
a)
geist und körper, nicht als lebendiges eins mit zwei seiten, wie u. 14, c (vgl. geistkörper Göthe 55, 315), sondern als begriffliche gegensätze (vgl. die klage über die trennung das.).
α)
sogar vom ganzen menschen selber (vgl. 21, d):
mich verrathen hat sie (die geliebte), mich verrathen!
hat verkauft mein herz um gold
und vertauscht den geist, der thaten
sang und that, mit einem körper,
der nur iszt und trinkt und schmollt.
Gökingk lied. zw. lieb. 98,
durch verlobung mit einem reichen ohne geist. beides im menschen wider einander thätig:
Tiz, Tscherning, Flemming, Rist, Harsdörfer, Cepko, Dach
und noch zehn andre mehr sahn ihm begierig nach (dem auffliegenden
Opitz),
ermunterten sich oft und spannten ihr gefieder.
umsonst, der körper zog den geist zur erden nieder.
Bodmer crit. lobgedichte (1747) 29.
β)
in der kunst, seit auch diese zugleich mit begriffen arbeiten musz: man möchte sagen, er (Klopstock) ziehe allem, was er behandelt, den körper aus, um es zu geist zu machen, so wie andre dichter alles geistige mit einem körper bekleiden. Schiller X, 473, 20, wie ähnlich schon Herder: er schildert eine ganz andere welt, die welt der seele und der gedanken, da jener (Homer) sie hingegen in körper kleidet und spricht: lasz sie selbst reden! fragm. 1, 55; die genesis der kunst, wie des menschen, war ein augenblick des vergnügens, eine vermählung zwischen idee und zeichen, zwischen geist und körper. ideen 2, 242 (9, 3), zu vermählung vergl. u. 19, b, δ; der ächte, nothwendige gegensatz in der romantik ist nicht der von begriff und bild .. sondern der von geist und körper, von diesseits und jenseits, von freiheit und nothwendigkeit. Pfizer briefw. zw. D. 123. auch in der natur, z. b. geist und körper einer blume J. Paul u. 11, f, und in der geisteswelt selbst die sprache als körper des geistes 26, a.
γ)
auch in anwendung auf die philosophische begriffsarbeit (vgl. b), wie Göthe an Schiller 6. jan. 1798: mir will immer dünken, dasz wenn die eine partei von auszen hinein (d. h. auf dem verkehrten wege) den geist niemals erreichen kann, die andere von innen heraus wohl schwerlich zu den körpern gelangen wird, und dasz man also immer wohl thut in dem philosophischen naturstande zu bleiben und von seiner ungetrennten existenz den besten möglichen gebrauch zu machen, bis die philosophen einmal übereinkommen, wie das, was sie nun einmal getrennt haben, wieder zu vereinigen sein möchte. br. 2, 7 (vgl. u. 15, g); vgl. den geschichtlichen blick auf den gang der frage: ehe man noch die gemeinen erscheinungen in der körperwelt erklären konnte, fieng man an, geister zur erklärung zu gebrauchen (s. 11 ff.). jetzt, da man ihren zusammenhang besser kennt, erklärt man eines aus dem andern, und die geister, bei denen wir stille stehen, sind endlich doch ein gott und eine seele (s. 15, f). Lichtenberg 1800 1, 156. auch wieder in anwendung auf den lebendigen menschen, von dem ja der ganze gedankengang ausgelaufen ist, wenn z. b. J. Paul sich gegen die wehrt, die meinen geist in meinen körper verwandeln wollen 10, 8, statt des begrifflichen körper aber auch wieder der alte lebendige ausdruck (s. 14, b): fleisch und blut sind hypothesen, der geist ist wahrheit. Hamann 1, 362.
b)
eigentlich begrifflich aber geist und materie, schon mhd. z. b. der geist gotes ist blôʒ und ledic aller materie, bilde und formen. Eckhart 413, 36.
α)
diese fassung gewinnt der gegensatz im abstracten denken, als wäre darin alles gegebene und mögliche wie zwischen seinen beiden äuszersten enden sicher umspannt und eingefangen zu weiterer behandlung, z. b.: denkt euch ein einfaches wesen und gebt ihm zugleich vernunft, wird dieses alsdenn die bedeutung des wortes geist gerade ausfüllen? .. ihr würdet den begriff eines geistes nur beibehalten können, wenn ein solches wesen sogar in einem von materie erfüllten raume gegenwärtig sein kann .. wesen also, welche die eigenschaft der undurchdringlichkeit an sich haben .. entweder der name eines geistes ist ein wort ohne allen sinn, oder seine bedeutung ist die angezeigte. Kant 3, 51. 52, d. h. im grunde wie im 16. jh. (s. 5, e), nur hier mit dem anspruch, damit das wesen zu erfassen: geist gleich nicht-materie (und weiter nichts), wobei sich zugleich die voraussetzung mitwirkend einschleicht, als wäre schon bekannt was die materie eigentlich ist und nicht blosz ein begriff, der vom geiste aus den gegebenen dingen abgezogen, gleichsam destilliert ist und mit dem eben der geist selber arbeitet und eben damit sich selbst beweist, auch wenn er so weit geht sich selbst zu verneinen. noch Wolff setzte vielmehr materie und geister gegen einander (vergl. seine geisterlehre, pneumatologia, nicht geistlehre): ich weisz wol, dasz einige alles, was nicht aus materie bestehet, geister zu nennen pflegen. v. g. von gott u. s. w. § 898; wenn man alle einfache dinge (elemente) geister nennen wolte, so müste die materie nichts anders als ein haufen geister sein, weil sie aus einem haufen einfacher dinge entstehet. das. in anwendung auf den menschen: ich weisz wol, dasz gewisse psychologen uns gern überreden möchten, wir wären entweder ganz geist oder ganz materie. Lenz versuch über das erste princ. der moral bei Stöber J. G. Röderer Colm. 1874 s. 36; die ruhe der materie selbst ist eine entgegengesetzte bewegung gleicher kräfte, die sich unter einander aufheben. die geisterwelt kennen wir freilich nicht, wir sehen aber aus täglicher erfahrung an unserm lieben hausherrn, unserer seele, dasz die geister noch weniger als die materie zur absoluten ruhe gemacht sind. wenn also die frage ist, welcher zustand für unser ich, das aus materie und geist zusammengesetzt ist, der glücklichste sei, so versteht es sich zum voraus, dasz wir hier einen zustand der bewegung meinen u. s. w. s. 42, diesz nur als probe, wie lebhaft auch unsere dichtergeister auf die gestellte frage eingiengen, die ja auch ihre welt in frage zu stellen schien. die fragstellung selber aber, die endlich den weg zur gewissheit zu betreten schien, war scharf angesehen vielmehr so, dasz sie das ganze zum stillstand der bewegung zu bannen oder wie in einem trichter ohne ausgang zu nichts zusammenzudrehen drohte (zur verschwindenden einheit Göthe u. e a. e.).
β)
da war es denn sache der dichter, der tödtenden zerreiszung gegenüber wieder auf die lebendige einheit hinzuweisen und für ihre herstellung zu arbeiten, z. b.: der mensch, wissen wir, ist weder ausschlieszend materie noch ist er ausschlieszend geist. die schönheit, als consummation seiner menschheit, kann also weder ausschlieszend ein objekt des sachtriebes, bloszes leben sein .. noch kann sie ausschlieszend ein objekt des formtriebs, blosze gestalt sein .. Schiller X, 324 (15. ästh. br.); die andern, welche den verstand ausschlieszend zum führer nehmen, können nie einen begriff von der schönheit erlangen, weil sie in dem total desselben nie etwas anders als die theile sehen und geist und materie auch in ihrer vollkommensten einheit ihnen ewig geschieden bleiben. 336 (18. br.); die poesie ist das tiefste leben und gemüth selbst, daher auch ihre wirkung so viel wahrer und tiefer als die der philosophie, und die schönheit ist nichts andres als die verkörperung des geistes oder die vergeistigung des stoffs, die durchdringung beider welten, die lebendige einheit von geist und materie, somit die höchste wahrheit, der wille der natur, das weltgeheimnis. Pfizer br. zw. D. 113. und naturphilosophisch: Priestlei und andere haben den spiritualisten vorgerückt, dasz man in der ganzen natur keinen reinen geist kenne und dasz man auch den innern zustand der materie lange nicht gnug einsehe, um ihr das denken oder andere geistige kräfte abzusprechen. mich dünkt, sie haben in beidem recht. Herder id. 1, 273 (5, 2); wie können zwei wesen .. harmonisch wirken, die, völlig ungleichartig, einander wesentlich entgegen wären? und wie können wir dies behaupten, da uns weder geist noch materie im innern bekannt ist? das.; weil aber die materie nie ohne geist, der geist nie ohne materie existirt und wirksam sein kann, so vermag auch die materie sich zu steigern (wie der geist, s. 19, f), so wie sichs der geist nicht nehmen läszt, anzuziehen und abzustoszen (vgl. 19, m). Göthe 50, 252 (34, 145 H.), vgl. vorher von materie, insofern wir sie materiell oder geistig denken, auch von seinem hasz gegen den begriff der todten materie 30, 200 (25, 132 H.), und in der betrachtung bei Schillers schädel:
was kann der mensch im leben mehr gewinnen,
als dasz sich gott-natur ihm offenbare,
wie sie das feste läszt zu geist verrinnen,
wie sie das geisterzeugte fest bewahre.
23, 286,
verrinnen als gegensatz zu gerinnen, wie nach dem worte von Hemsterhuis, die materie sei geronnener geist.
γ)
auch in der fassung geist und stoff (kraft und stoff), vergl. geist und staub (eig. die atome) Göthe u. 19, f, α:
dem herrlichsten, was auch der geist empfangen (vgl. 19, b, δ),
drängt immer fremd und fremder stoff sich an.
Göthe 12, 40;
o möcht' er (Leibnitz) siegen! doch was sind monaden?
was sind atomen? was der unterschied?
geist jene, diese stoff ...
Seume 7, 264;
auch jene schatten, die uns treu geleiten ...
sind rein, gleich den von erdenstoff befreiten,
sind lauter geist, an dem kein staub mehr klebt.
Salis (1808) 151.
vergl. auch geist und (formlose) masse als gegensatz Herder id. 2, 222, Schiller X, 97, 26 ff., genius und stoff (vermählung), auch element, masse, staub XI, 58, und von geist und masse in der kunst 26, e, γ.
δ)
auch geist und zeug, es heiszt von Opitz, wenn er den segen des landlebens preist:
damit wir auch hierzu rechtschaffen tüchtig würden,
bestrebt er sich den geist des zeuges zu entbürden,
der den genusz des lands verkürzend stören kan.
er reiszet aus der brust den blindgebohrnen wahn,
der furcht vor dem erwekt, was oft ein weiser ehret,
der im gehirn erdenkt, was wirklich doch versehret u. s. w.
Bodmer crit. lobged. 26,
also gedanken, geistiges selbst als stoff, materie, die des geistes leben hemmt, als druck auf ihm liegt, d. h. der unterschied von geist und materie begleitet den wirklichen geist auf allen stufen auf und ab. s. auch u. 26, f.
ε)
wie geistig auch stoff und materie verstanden werden kann, zeigt z. b.:
die geister, die vom stoff gefangen, werden frei
nur wo der freieste trägt zur befreiung bei.
Rückert weish. 47 (2, 25);
sobald wir merken, dasz die anmuth erkünstelt ist, so schlieszt sich plötzlich unser herz .. aus geist sehen wir plötzlich materie geworden .. Schiller X, 86, vergl. 91, 40 von einem geiste, der der materie anheim fällt; der geist soll den stoff zur form veredeln (das.), denn er kann nichts, als was form ist, sein eigen nennen 91, 28, die form (gestalt) aber ist zugleich der geist des stoffes, d. h. gleich idee (vgl. u. 15, c), der weltstoff aber erscheint in uns als gehalt, daher auch:
danke, dasz die gunst der musen
unvergängliches verheiszt:
den gehalt in deinem busen
und die form in deinem geist.
Göthe 1, 133 (dauer im wechsel).
c)
anders geist und natur, d. h. schon mit rückkehr vom kahl begrifflichen zum lebendigen, daher ohne die unüberbrückliche kluft dort (vgl. γ).
α)
als begriffliche umfassung des ganzen, das man sich bei der geistesarbeit so zerlegt: got und alleʒ daʒ er geleisten mag in geist und in nature. Eckh. 417, 7;
ihm, der stolz von der höh der aufgethürmten lügen
natur und geist und gott sieht unverhüllet liegen.
Lessing 1, 187,
von dem stolzen sinn, wie ihn die verdammte schulweisheit erzieht; Jacobi hatte den geist im sinne, ich die natur. uns trennte, was uns hätte vereinigen sollen .. wer das höchste will, musz das ganze wollen, wer vom geiste handelt, musz die natur, wer von der natur spricht, musz den geist voraussetzen oder im stillen mit verstehen! Göthe 60, 274 (27¹, 322 H.); die tiefsten geheimsten anschauungen (bei Hamann), wo sich natur und geist im verborgenen begegnen. 26, 109 (aus m. l. 12), vgl. aus Hamann selbst z. b.: und so, scheint es, ist die ganze körperliche natur ein ausdruck, ein gleichnis der geisterwelt. 1, 88 (v. j. 1758); die höhere philosophie behandelt die ehe von natur und geist. Novalis 2, 126; wir selbst sind ein sichtbar gewordener keim der liebe zwischen natur und geist oder kunst. 157; alle sinnliche natur (d. h. mit sinnen begabte) wird geist, aller geist ist sinnliches leben der gottheit. Bettine br. 3, 68;
baumeisterin natur scheint für sich selbst zumeist
zu baun, und baut zuletzt doch alles für den geist.
Rückert weish. 13 (1, 26).
β)
auch im menschen selber: da sihe, welch einen trefflichen geist er hat .. das der natur nicht müglich were, wider solch teglich reizen zu bestehen, weil die jugend an ir selbs hitzig ist. Luther 4, 217ᵇ (203ᵇ), von Joseph in versuchung; dasz nun der geist .. durch den (erhöhten) zustand, worinn er sich selbst befindet, der ihn begleitenden natur den ihrigen vorschreibt .. dadurch macht er das schöne möglich .. dasz aber wirklich schönheit daraus wird, das ist .. freie naturwirkung. Schiller X, 93; der so gestimmte geist läszt die von ihm abhängende natur .. erfahren dasz er ihr herr ist. 96; weil vor allen dingen erst die natur (in uns) hefriedigt sein musz, ehe der geist eine forderung machen kann. 505; wer ihn blosz in der erscheinung betrachtet, musz freilich den menschen trennen in natur und geist, freies und nothwendiges, leib und seele ... Steffens die gegenw. zeit 309, vgl. 316. 318;
ein säugling ist der geist, natur ist seine amme,
sie nährt ihn, bis er fühlt, dasz er von ihr nicht stamme u. s. w.
Rückert weish. d. br. 13 (1, 26);
es kommt drauf an, dasz .. der geist natur werde, damit dann wieder ein geist (ein anderer), ein weissagender, sich aus dieser entfalte. der dichter (du Göthe) musz zuerst dies neue leben entfalten .. Bettine br. 2, 145. im volksliede singt der geist der natur Herder von d. art u. k. 42.
γ)
wie gering in dieser fassung der gegensatz ist, zeigt sich besonders darin, dasz er unter umständen ganz schwindet, ja eigentlich schon im begriffe beider, denn wie die natur (φύσις) eig. das leben schaffende und lebende oder belebte ist, so auch der geist eig. das belebende (s. 14, e), sodasz beide sich im begriff des lebens die hand reichen (vgl. 15, g). daher auch ein überschlagen beider begriffe, denn wie sich auch philosophen auf die natur des geistes berufen, z. b. Fichte, so ist umgekehrt vom geist der natur die rede, lange vor Örsted bei Schelling, Hegel u. a., z. b.: zum experimentiren gehört naturgenie, d. i. wunderbare fähigkeit den sinn der natur zu treffen und in ihrem geiste zu handeln. Novalis 2, 159; der wird (ohne schaffende einbildungskraft) ein treuer maler des wirklichen sein, er wird die zufälligen erscheinungen, aber nie den geist der natur ergreifen. Schiller XI V, 5, 33, ist ja die natur in diesem sinne selbst nur eine idee des geistes, die nie in die sinne fällt 6, 20 (über den chor in der trag.); die natur hat auch einen geist, und in jeder menschenbrust empfindet dieser geist die höheren ereignisse des glücks und des unglücks .. so empfindet sich natur selig im geiste des menschen .. Bettine br. 2, 113, vgl. u. 11, c schon Schiller, Brockes u. a., es kommt aus der altüberlieferten vorstellung von geist. selbst bis in unsern denkenden geist reicht die überschlagende berührung beider begriffe, wenn z. b. Schiller einerseits diesen in unsre natur einschlieszt: einen offenen sinn, ein erweitertes herz, einen frischen und ungeschwächten geist musz man dazu (zum schönen) mitbringen, seine ganze natur musz man beisammen haben X, 506, anderseits in den geist selber ebenso die natur als vereinigenden sinn gegenüber dem scheidenden verstand 337, 26 (s. u. 16, a). vergl. die heutige doppelheit der naturwissenschaften und geisteswissenschaften, die doch nach ihrer einheit suchen, wie sie z. b. Göthe schon in sich hatte und aussprach, s. z. b. spr. in pr. 710. 720 und seinen ärger auf Hallers spruch vom innern der natur und dem erschaffnen geist (14, d) in scharfer erwiderung 2, 237 H., mit dem schluszworte: ist nicht kern der natur menschen im herzen? also das menschenherz als kern von geist und natur zugleich. s. auchgeisternatur.
d)
auch als geist und welt erscheint der gegensatz gefaszt: alles was wir erfinden, entdecken im höhern sinne nennen, ist .. eine synthese von welt und geist, welche von der ewigen harmonie des daseins die seligste versicherung gibt. Göthe spr. in pr. 903, vgl. Löpers anm., auch nr. 1038;
selig lern ich es spüren,
wie die schöpfung entlang
geist und welt sich berühren
zu harmonischem klang.
Geibel juniuslieder 109;
die harmonie oder synthese aber vom höchsten standpunkt: so ist die welt in der that eine mittheilung, offenbarung des geistes. Novalis 2, 143, vergl. s. 142 die natur als encyclopädischer, systematischer index oder plan unsers geistes;
aus geist entstand die welt und gehet auf in geist,
geist ist der grund, aus dem, in den zurück sie kreist.
Rückert weish. d. br. 8 (1, 14).
uns in nächster nähe aber, d. h. bis in uns selbst herein, erscheint der gegensatz auch als geist und sinnlichkeit, eins mit dem alten geist und fleisch (14, b), eigentlich aber eins mit allen angeführten gegensätzen, wozu denn der dichter die synthese gibt: die schönheit ist das produkt der zusammenstimmung zwischen dem geist und den sinnen u. s. w. Schiller X, 505, 31; er stellt die aufgabe: die sinnliche welt, die sonst nur als ein roher stoff auf uns lastet, als eine blinde macht auf uns drückt, in eine objective ferne zu rücken (wozu denn wieder raum in uns gehört, s. 19, i), in ein freies werk unsers geistes zu verwandeln und das materielle durch ideen zu beherrschen. XIV, 5 (üb. den chor).
e)
eine runde antwort auf die frage freilich, die sich nun einmal stellte, ergibt sich schwarz auf weisz nach haus zu tragen auch hier nicht. Herder hielt sie für unmöglich, z. b.: keine kraft in ihrem wesen kennen wir, können sie auch nie kennen lernen, denn selbst die, die uns belebt, die in uns denket, genieszen und fühlen wir zwar, aber wir kennen sie nicht. ideen 2, 229, vgl. 232 (9, 2). Göthe hat einmal eine antwort gegeben, aber in schnippischer haltung abweisend (vergl. der geist führt einen ewigen selbstbeweis Athen. 1², 78):
was ist der sogenannte geist?
'was man so geist gewöhnlich heiszt,
antwortet, aber fragt nicht'.
3, 116 (die weisen u. die leute);
doch findet sich auch ernste antwort bei ihm, dasz z. b. der geist, das ich nicht von den elementen ist (2, 229), aber diese an sich rafft zu seinem dienst (41, 337). zwar scheint sich auf dem wiederbetretenen wege der sog. materie nun endlich eine finden zu wollen: die naturforscher .. neigen dazu, die psychologie als einen zweig der chemie zu betrachten: aus kohle, phosphor und sauerstoff im protoplasma kommt der geist. Fechner tagesansicht Lpz. 1879 s. 7, aber wenn man ihn so auszer sich sucht, also auszer dem geiste, kann man ihn denn da finden? hinzuweisen ist doch auch auf die vergleichung des geistes mit dem punkt bei dichter-denkern, wie Rückert u. 14 a. e., Novalis u. 19, b, δ, Immermarn u. 24, f (vergl. 18, h), s. auch Fr. Schlegel u. 29, g vom punkt, der zugleich das ganze ist; nimmt man dazu den geist als kraft (z. b. Herder vorhin, vgl. u. kraft 4, a, δ), geist als kraft ist mir eigentlich ja noch gewisser als mein leib J. Paul 61, 221, vgl. 216, so führt das auf die kraftpunkte, mit denen in der philosophie der neue hylozoismus als wichtigem arbeitsbegriff arbeitet; und wie ein kraftpunkt wirkung ausstrahlen musz, so behandelt ihn Rückert dort zugleich als kreis (leib), Novalis als personificirten allmächtigen punkt, der andere aus sich schafft (vgl. auch punkte von ichs J. Paul 12, 155 und gott als kraft der kräfte unter kraft 5). dasz auch Göthe im stillen mit diesen vorstellungen arbeitete, ist auszuführen hier doch nicht der ort, nur auf seine wichtige unterscheidung der lebendigen einheit (kraftpunkt) und der verschwindenden einheit (bloszer punkt, vgl. b, a a. e.) spr. in pr. 912 und 687 möchte ich doch hingewiesen haben; wie jener zugleich der mittelpunkt eines lebendigen kreises wird, s. 28, b, auch 30, e. hier müssen wir indessen den sprachgeist weiter abhören.
21)
das verhältnis zwischen geist und ich, geist und mensch.
a)
in der regel wird mit ich u. s. w. eben der geist gemeint, z. b. ich denke, er will nicht, du muszt; besonders deutlich in dem ich bin bei dir (im geiste) u. 19, d, β. nur in gewissen fällen wird der geist besonders mit genannt (wie herz, seele u. s. w.), z. b. eben ich bin bei dir im geiste, es steht deutlich vor meinem geiste, doch auch ich seh es deutlich vor mir (im geiste).
b)
aber das ich scheidet sich auch von seinem geiste, tritt ihm sogar gegenüber, ganz deutlich, wenn man seinen geist anredet:
mache dich, mein geist, bereit,
wache, fleh und bete,
dasz dich nicht die böse zeit
unverhofft betrete.
kirchenlied;
wache dazu auch für dich,
für dein fleisch und herze u. s. w.
das. str. 6;
ermuntre dich, mein schwacher geist ..
J. Rist kirchenl.;
erhebe dich, mein geist, und lasz die niedre welt
den thoren, die der wahn in strengen fesseln hält.
Cronegk 2, 79;
was willst du thun, du geist, der sonst so stille,
der jung und fromm der scherze meister war?
ist schmerz dein wunsch? ist traurigkeit dein wille?
Gökingk lied. zweier lieb. 123,
wie Canitz 235 ff. seinen sinn anredet, Klopstock seine seele, wie schon Günther 844 und mhd. Ebernand 132, es stammt wol aus geistlichem einflusz. daher auch 'ich und mein geist' als das (geistige) ganze:
und wann der höllsche leue
nach mir und meinem geiste stellt.
P. Gerhard 45 Gödeke;
er (Newton) hatte sich im stillen gebildet und lebte meist mit sich selbst und seinem geiste. Göthe 54, 43 (36, 265 H.); beide aber auch mit verschiedenem wollen: indem er seinem geiste zwang anthat, um ihn bei der reihe abstracter ideen .. festzuhalten und ihm keinen ausflug auf gemählde (bilder) und empfindungen, wozu er so viel hang hatte, zu erlauben. Garve versuche 2, 339; kann man seinen geist nicht über die sichtbaren dinge erheben, wenn man gleich nicht vollkommen gesund ist? Gellert 5, 72. eigentlich schon wenn einer von seinem geiste spricht, scheidet er sich von ihm:
sein geist spricht meinem geiste
manch süszes trostwort zu.
P. Gerhard 230;
zeuch allen meinen geist und sinn
nach dir und deiner höhe.
44;
mein geist ist ein erzrebelle gegen alles was nur den schein eines zwanges hat. Sulzer in Körtes briefen d. Schweizer 92;
ich fühl es, dasz mein geist, wenn er sich still betrachtet,
sich dieser bande schämt.
Lessing 1, 190;
die vieljährige richtung meines geistes gegen die französische revolution. Göthe 50, 96 u. o., s. z. b. mein geist war ein verzehrend feuer, erholte sich unser geist unter 17, b, β. bei Göthe auch der geist schlechtweg für mein geist (vgl. der geist vom allgemeinen geist 27, b):
freudig war, vor vielen jahren,
eifrig so der geist bestrebt,
zu erforschen, zu erfahren,
wie natur im schaffen lebt.
2, 227 H.
allerdings theilt sich auch wieder das ich so in sich selbst, wie schon beim selbstgespräch, z. b.:
kann dein gesetzter geist auch könige verachten,
die, herrn der ganzen welt, im joch der thorheit schmachten?
Cronegk 2, 81, 'an sich selbst';
o wie fühl ich in Rom mich so froh, gedenk ich der zeiten,
da ... ich über mein ich, des unbefriedigten geistes
düstre wege zu spähn, still in betrachtung versank.
Göthe röm. eleg. 7, 5.
c)
ebenso der mensch und sein geist unterschieden: der erste war ein starker und aufgeklärter geist, aber vielleicht ein desto schlimmerer mensch. Schiller VII, 65, 22; vergl. XI, 167 den rat, als ein geist zu thun, was du als mensch nicht vermagst (s. 18, g); es soll auch nach gesetzen gesprochen werden, die er (der mensch) als vernünftiger geist selbst zu dictiren fähig und berechtigt ist. X, 278 (2. ästh. br.), d. h. so fern er zugleich ein vern. geist ist. vgl. auch von dem eignen geist 8, g a. e., vor dem man sich hüten soll u. ä. am deutlichsten ist die scheidung beim höchsten geist, genie, genius, der ja seinen eigner, sein ich auch ganz verläszt (24, a).
d)
aber auch der mensch selber als geist, sofern er mit geistigem zu thun hat, als geist wirkt, vgl. Jacobi da nun der geist im menschen eigentlich allein den menschen ausmacht Wold. 2, 243, s. auch Gökingk u. 20, a geist und körper so; schon mhd.: daʒ solhiu blœʒe unde ledikeit (die nötig ist um gotes geiste gelîch zu werden) allen geisten nicht erkant ist, daʒ ist alleine schult .. unsrer ungeüebeten sinne. Eckh. 413, 40; man lasse die geister auf einander platzen. Luther 2, 465ᵇ (s. u. 19, m, γ); ich habs zwar vorhin auch von dem selben geist (Th. Münzer) allhie zu Wittemberg gehört, das er meinet, man müsse die sache mit dem schwert volfüren. 2, 452ᵇ; bis das derselbige geist von im selbst flohe unvertriben. 3, 44ᵇ, der geist zu Alstedt, d. i. Münzer, s. mehr u. 8, g; die nachricht, dasz sich die seele des Cicero .. in dem garten eines .. landguts habe blicken lassen, machte unter allen geistern eine grosze bewegung. ein jeder eilte aus neugier dahin, und ich selbst war unter dieser zahl. Rabener (1755) 2, 39; nur wenig geister können in der wahrheit selbst ihr glück finden. Lessing 1, 437; wenn jemahls ein geist einen stosz bekommen hat (impuls hiesze es jetzt) zu einer ewigen bewegung, so bekam ihn Stilling von Herdern. Stilling wandersch. 173. von menschen, mit denen man im geiste verkehrt: nachdem er (Herder) vorher die lasterbrut der neuern geister, de- und atheisten, philologen, textverbesserer u. s. w. mit feuer .. ausgetilget. Göthe 60, 224 (d. j. G. 3, 23); bei meiner mutter lebzeiten hätte ich das werk unternehmen sollen .. nun aber muszte ich diese entschwundenen geister in mir selbst hervorrufen. 32, 62 (ann. 1811), von seiner lebensbeschreibung, mit anklang an das rufen der geister u. 4, e, α (vgl.seelen 12, 5). s. auch denkende und empfindende geister u. 17, f.
e)
besonders mit bezeichnung der geistesart (sinnesart); so auch im hausdeutsch er ist ein unruhiger geist, schon von kindern (aber nicht ein ruhiger g.); vgl. Knebel als ein unruhiger geist fr. v. Stein b. Charl. v. Sch. 2, 290; im 16. jh.: Münzer war ein thumküner geist. Luther 3, 444ᵇ; er heiszt auch ein aufrhürischer, schwimelgeist 2, 453, Carlstad ein toller, schelliger geist 3, 49ᵃ, s. u. 8, g, vgl. rotten- und mordgeister das., mit anklang an einen geist der den menschen besessen hat (8, a); die unreinen genieszsuchtigen geiste. Luther bei Dietz 2, 53ᵃ; den eklen geistern, den die schrift nicht schmeckt. das.; vermessene, tölpische geister. 4 (1556), 467ᵃ; wenn uns auch die ganze welt für einen fanatischen geist ansähe. Gellert 2, 83 (62);
vergebens werden ungebundne geister
nach der vollendung reiner höhe streben.
Göthe 11, 316. 47, 102 (natur u. kunst);
die holden jungen geister
sind alle von einem schlag ..
4, 315,
bis ihm endlich ein derber geist
ungeduldig die thüre weist.
13, 115;
kommt, Lionel, helft mir die stolzen geister
zufrieden sprechen und versöhnung stiften.
Schiller jungfr. von Orl. 2, 2;
der stolze geist verlernte sich zu beugen.
o schad' um solchen mann!
Wallenst. tod 4, 2.
f)
lobend seltener, wie edler geist, reiner geist: edle frome geister. Luther b. Dietz 2, 53ᵃ;
disz thut ein edler geist, der nicht zu zagen weisz,
erwehlt für ruh gefahr u. s. w.
Opitz (1641) 692, vergl. du edeles geblüte 694;
du aber, edler geist (die geliebte) gedenkst noch nicht zu gläuben,
was mein getreuer mund dir oft und viel verspricht.
Fleming 606 (522 L.);
und so mancher edler geist
euch (Opitz) zu folgen sich befleiszt.
S. Dach 713;
kaiser Joseph II. als edler geist s. Mastalier u. 19, b, α; vgl. vom begriff eines edlen geistes Schiller X, 357 (s. 22, a, β) und von dem adel der sêle Eckh. 416 ff., von dem adel der seel Keisersb. gran. B 3ᵈ ff. (als ihr angeboren), geist im adel, d. i. genie Hamann 4, 365. s. auch edle geisterschaft u. 28, d.
g)
auch geist im engern sinne, kluge, klare geister u. ä.: kluge geister. Luther b. Dietz;
durch den witz der klugen geister
hat er uns den weg gemacht.
Fleming 370 L.;
(haben erwiesen) was ein hurtiger und gelehrter geist kan. Hofmannsw. vorr. b 4ᵇ; in Wolfs metaphysik entdeckte erst lange darnach ein scharfsinniger geist (Baumgarten) die anfangsgründe der aesthetik. Kästner (1841) 2, 171. auch in besondern wissenschaften, z. b.: von ausflüssen aus gott redet Spinoza nie, einem geometrischen geist sind dergleichen bilder auch nicht die liebsten. Herder gott 172; wo der brodgelehrte trennt, vereinigt der philosophische geist .. neue entdeckungen, die den brodgelehrten niederschlagen, entzücken den philosophischen geist. Schiller IX, 83 (auch der philos. kopf); ein aufgeklärter geist. VII, 65 (s. u. c). wie beliebt das war von früher her, zeigt, dasz selbst apotheker und quacksalber im scherz so hieszen:
schätzt nicht, ihr salb- und wurzel-geister
alkermes in so hohen kauf (theuer),
seht, Bacchus ist ein gröszrer meister,
der richtet alle schwachheit auf.
Picander 3, 366.
22)
die bezeichnung der verschiednen geistesart ist überhaupt sehr manigfaltig und würde genau erörtert auch wesen, leben und begriff des geistes von verschiednen seiten neu beleuchten und näher rücken; besondre betrachtung fordern wenigstens freier, starker, schöner, groszer, hoher geist und die gegensätze, überall zugleich der mensch selbst als geist behandelt.
a)
von freien geistern, freiheit des geistes ist von früh an die rede, in verschiedenem sinne.
α)
mhd.: aber doch muostu dich hie wenen (hienieden eingewöhnen) und înkêren unde dich halten in stæter vrîheit des geistes âne snelle bewegunge unstæter dinge, diu den klâren aneblik des gotlichen wesendes vermitelent (dazwischen tretend hindern). Heinr. v. Egwint b. Haupt 8, 229; wie daʒ müge gesîn, daʒ der geist vernünfteclîche wider umbe komen müge in ein unwandelbærkeit (aus den unstäten dingen heraus) unde daʒ er habe daʒ êwig bilde in sîner hœchsten klârheit .. und in der inswebenden (tief eingebornen) frîheit des geistes? Eckhart 416, 13; daʒ diu götlîche frîheit des geistes frîheit nimet. 417, 17. anhalt dazu bot eine bibelstelle: denn der herr ist der geist, wo aber der geist des herrn ist, da ist freiheit. 2. Cor. 3, 17. daher auch im 14. jh. eine secte die brüder des frîen geistes, die valschen frîen geiste (s. u. 10, h), und noch im 16. jh. eine secte von friem geist, die freien geist, s. aus Keisersberg, Luther unter freigeist, auch S. Frank u. 10, g.
β)
im 18. jh. und früher schon ist wieder lebhaft davon die rede, es gelte den geist zu befreien, in verschiedenem sinne (vgl.γ), z. b.: es ist ungebundene freiheit, ja die freiheit ist es, die allem geiste das rechte leben giebet und ohne welche der verstand .. gleichsam todt und entseelt zu sein scheinet. Thomasius kl. schr. 459, vergl. 394 ff.; wie sehr es unsern landsleuten an einem freien geist mangelt, der eben so nothwendig ist, wenn man ein schönes werk empfinden, als wenn man es schreiben soll. es fehlt ihrer einbildungskraft an der ruh und stille, sie leben in einer beständigen reihe von ungestümen ergetzlichkeiten oder bemühungen, die sie beunruhigen. Bodmer vom wunderb., vorr. 4ᵇ, also unfrei in sich durch unruhe;
bald, wenn der freie geist zwar nicht die sylben zählet,
doch wort und redensart voll reiz und nachdruck wählet (in
prosa).
Kästner 2, 94,
beides wie ein vorklang von Schillers ästhetischer freiheit; weil er das leben nicht ängstlich sucht, verliert er nie jene freiheit des geistes, die zu entschlieszungen in gefahren .. erfordert wird. Gellert 7, 50 (18. mor. vorl.); du sollst zu einer höhern freiheit des geistes gelangen, wo du solcher behelfe (der philosophie) nicht mehr bedarfst .. das gewöhnliche ziel der frühesten bildung ist unterjochung des geistes u. s. w. Körner an Schiller in den philos. briefen bei Schiller IV, 56; diese hohe gleichmüthigkeit und freiheit des geistes, mit kraft und rüstigkeit verbunden, ist die stimmung, in der uns ein ächtes kunstwerk entlassen soll. X, 350 (22. ästh. br.), wegen des begriffes vgl. die anm. s. 343 zum 19. br. a. e., nachher ästhetische freiheit 353, 25 (freiheit des gemüths XIV, 4, 19); ein edler geist begnügt sich nicht damit, selbst frei zu sein, er musz alles andere um sich her, auch das leblose, in freiheit setzen. 357; das physische bedürfnis, das in seiner nackten gestalt die würde freier geister beleidigt. X, 383 (ästh. br. a. e.). auch moralisch: es wäre schrecklich, darum gegen alle tugend mistrauisch zu werden und sich wider ihre eigenthümliche kraft, die freiheit der seele, als wider einen bösen geist verwahren zu wollen. Jacobi Wold. 2, 239, also auch die moral auf innere freiheit gebaut, ja die freiheit als trieb, ziel und wesen des menschengeistes: er selbst sollte der schöpfer seiner glückseligkeit werden .. er sollte den stand der unschuld, den er jetzt verlor, wieder aufsuchen lernen durch seine vernunft und als ein freier vernünftiger geist dahin zurückkommen, wovon er als pflanze und als eine creatur des instincts ausgegangen war. Schiller IX, 126, der geist, der sich selbst gefunden, regte sich nach allen seiten, nach auszen und innen, und forderte gegen die vorgefundnen schranken (vergl. 19, g, γ) freieste bewegung seiner selbst. freilich: alles was unsern geist befreit, ohne uns die herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich. Göthe spr. i. pr. 39 (vgl. 45, 430 fg., 29, 231 H.), er arbeitete für innere freiheit (unterh. mit Müller 146), innerlich unabhängig zu werden 60, 295 (27, 296 H.); die (jetzige) zeit, welche die geister frei macht, öffnet zugleich ihren blick ins weitere u. s. w. 23, 158 (nachher das. von erweiterten herzen), wanderj. 3, 12; vgl. geistesfreiheit. auch politisch ist von nötiger freiheit und noch drückender sclaverei früh die rede bei unsern dichtern, z. b. schon bei Hagedorn, Haller, wenn auch der geist nicht eben genannt wird, doch vgl. von ersticken des geistes durch eine sclavische staatsverfassung Gellert u. 19, l, δ. vgl. auch freie seele, z. b.
die freiheit wohnet nicht in allen seelen.
zieht sie bei einem ein,
so kan er sich mit recht zu diesen zehlen,
die etwas mehr als menschen sein.
Canitz 211.
γ)
eine besondere beziehung hat der begriff in freigeist (s. d.), der frei denkt, frei ist von aberglauben und vorurtheilen, von wahn, besonders aber den verknöcherten lehren der kirche gegenüber seine freiheit behauptet, wofür auch fromme schriftsteller wirkten, z. b.:
wer frey darf denken, denket wohl.
Haller 205;
die schwermuth lehrte mich erst diesen trieb (nach der ewigkeit)
ergründen,
und mein zukünftig glück in bessern welten finden,
in einer welt, wo dann mein geist, vom wahn entfernt,
vom öden körper frey, sich selbsten kennen lernt ...
wo keine priester mehr mit blutgem aberglauben
die freyheit unsers geists und die gemüthsruh rauben.
Cronegk 2, 14. 15.
über das weitere schicksal und die ausartende entwickelung des begriffes s. A. Sauer J. W. v. Brawe Straszb. 1878 s. 34 ff.
δ)
auch die reformation war eine befreiung der geister, eine that des freien deutschen geistes:
höhern sieg hat der errungen ..
der die geister selbst befreit.
freiheit der vernunft erfechten
heiszt für alle völker rechten ..
Schiller XI, 413;
die kirche .. war der geistigen entwickelung gegen ihre eigentliche bestimmung feindselig in den weg getreten, und hatte durch ihre verknöcherung den freien umlauf der lebensgeister (vgl. 29, e) vielfältig gehemmt. darum war der einwohnenden freiheit des geistes ein recht gegeben, gegen diese hemmende schranke anzukämpfen, und die explosion im kampfe dieser federkräfte war eben die reformation, die .. die idee befreite. Görres Eur. u. die rev. 311.
ε)
der unfreie geist ist gebunden, in fesseln, gefangen u. ä., wie man von geistiger gebundenheit, knechtschaft, geistesfesseln spricht (vgl. im stoff gefangen u. 20, b, γ): die schönheit wie die wahrheit, diese zwillingsschwestern, sind aus dem freien geiste geboren, und darum auch nur für den freien geist erkennbar .. der gebundenen seele ist das auge für diese göttlichen gestalten verschlossen. Heinroth lebensstudien 1, 162 (die freiheit ist das lebenselement des geistes 168), man bemerke, wie immer noch seele dazwischen kommt;
der (an sich) schrankenlose geist ist darum nur gefangen
in schranken, um darin zur freiheit zu gelangen.
Rückert weish. d. br. 13 (1, 26).
b)
starker geist, im allgemeinen und in einem besondern sinne, besonders im 18. jh.
α)
wie man dem geist kraft zuspricht, geistige kraft, geisteskraft, der leiblichen verglichen, zu seinem thun und streben nötig (vgl. z. b. sein greifen 18, e), so heiszt er auch stark und schwach, wird gestärkt oder geschwächt (jenes z. b. Schiller u. 18, g, α, vgl. geistesschwach); z. b. in bezug auf mut, festigkeit, tapferkeit: aber der geist wird mutig und stark in im, das ers überwindet. Luther 4 (1556), 218ᵃ, der geist im kampf mit der sinnlichen natur, von Joseph in der versuchung, vgl.stark im geist Luther u. 8, e;
ermuntre dich, mein schwacher geist.
J. Rist kirchenl.;
wann im Vesuvius (des Opitz) die bilder scheuszlich blöken
und starke geister selbst vermögend sind zu schreken ..
Bodmer crit. lobged. 25 (char. d. d. ged. 186);
wie dann? mein geist, sonst stark, jetzt weibisch schwach!
giebst du so leicht dem schnöden kummer nach?
Withof ged. 1751 s. 124 (in der franz. fassung ame);
nicht den feurigen sinn und das glühende herz für sich allein, sondern den starken geist, der herz und sinn nach gesetzen zu lenken wuszte, haben sie (alle völker) über alles bewundert. Jacobi Woldemar 1, 138 (folgen beispiele aus Sparta); stärke des geists in allen auftritten des jammers. Schiller I, 101; lange zeit hatte man jene spartanische mutter bewundert, die ihren aus dem treffen entkommenen sohn mit unwillen von sich stöszt .. zu einer solchen unnatürlichen stärke des geistes hätte man der menschheit nicht glück wünschen sollen. IX, 158 (Lykurgus). im unterschied vom groszen geist s. Abbt u. d, α. in bezug auf denkkraft oder geistiges leben überhaupt:
dessen volkes (leute) .. das an der erden klebt
und seinen schwachen geist gar nimmer aufwärts hebt.
Opitz 2, 107;
gab auch die natur dem weibe
schwächern geist bei schönern leibe ..
Gökingk lied. zw. lieb. 102;
Forster hat gar sehr geirrt, als er sich einer schimmerreichen ausländischen philosophie anheim gab, als er von fremden borgte, was er unendlich besser in seinem eignen starken und freien geiste selbst hätte erzeugen können. Fr. Horn die schöne lit. D.s (1812) 2, 163. vgl.stark denken Kästner u. 18, f, Rabener 2, 63 (als philosoph), starke gedanken, selbst stark schreiben Abbt 1, 103, doch mehr zum folg. auch in bezug auf schöpferische kraft des dichters:
pfleget nicht schnell zu vergehn,
was ein schwacher geist ersinnet?
Canitz 351 (207);
o könnt ich mit dem starken geist,
den noch die welt am Maro preist,
ein ewig lied zur nachwelt schreiben.
Haller 158.
β)
auch in dem besondern sinne stark, gestärkt durch wissenschaft und vernunft gegen die macht der vorurtheile u. ä. als schwächen, denen schwache geister unterliegen, nach dem franz. esprit fort (diesz schon im 17. jh.), z. b.:
zwar wenn ein starker geist mit vorurtheilen kämpft,
sich kühn zur arbeit sport, stolz, geiz und wollust dämpft,
die wissenschaft erhebt, dem schnöden laster fluchet ...
er sieht die ganze welt als einen kreislauf an u. s. w.
Withof ged. (1751) 24;
die laster kenn ich all, doch kann ich alle meiden?
hier hilft kein starker geist, von wissenschaft genährt,
und schlüsse haben nie das bös in uns zerstört.
er, der mit sicherm blick das wahrheitsreich durchrennet u. s. w.
Lessing 1, 191.
besonders auch der religion gegenüber (vgl.γ): der versuch des starken geistes zur prüfung der heiligsten wahrheiten ist also allemal löblich. Abbt 1, 94; daher hatten die stärksten zweifler auch einiges recht sich den namen der stärksten geister beizulegen. 91; glaube und unglaube haben also ihre starken geister. 98, in einer untersuchung von der stärke gegen die vorurtheile (und von der stärke der seele überhaupt), die in dem streit der zeit darüber die rechte mitte sucht. auch in die bed. groszer geist übergehend, z. b. Günther von sich:
ich hatte von geburt viel ansehn auf der erden,
nach meiner väter art ein starker geist zu werden ...
was andern sauer ward, das war schon meinen kräften
ein lustiges bemühn und froher zeitvertreib.
kein eckel, keine furcht, kein abergläubisch schrecken
vermochte mir das herz mit unruh anzustecken u. s. w.
700;
was ist von diesem engel mir geblieben?
ein starker geist in einem zarten leib,
ein zwitter zwischen mann und weib ..
Schiller VI, 32 (die berühmte frau).
selbst auf übermenschliche geister übertragen: die übrigen freien wesen übertreffen den menschen an güte oder an bosheit kraft ihrer eigenen natur. dieses sind die einwohner der unsichtbaren welt, diese starken geister, die andern gesetzen unterworfen sind als die menschen u. s. w. Bodmer crit. br. 100. dagegen ins folg. übergreifend von der königin Isabeau in der jungfr. v. Orl. 2, 2:
die heuchelei veracht ich.   wie ich bin,
so sehe mich das aug' der welt.   'wahr ists!
dén ruhm habt ihr mit starkem geist behauptet.'
Schiller XIII, 234.
γ)
schon vor 1750 auch völlig gleich freigeist (s. a. γ) in seinem schlimmen und schlimmsten sinne: untersuchung, ob es verständig und vorsichtig gehandelt sei, wann man die gottesleugner und religionsspötter starke geister nennet. belust. des verst. u. witzes 1743 1, 13 ff.; ich schmeichle mir gar nicht, dasz ich solche starke geister überführen werde. Gellert 5, 36 (27); ich will gegen sieben uhr mit h. Krausen in die gesellschaft der hiesigen starken geister gehen, um sie zu widerlegen, wenn sie wider Mosen und die propheten falsche schlüsse machen. Gleim an Kleist 1747 (Sauer Brawe 41); nennen sie es, wie sie wollen, freidenker, starker geist, deist, ja wenn sie ehrwürdige benennungen misbrauchen wollen, nennen sie es philosoph, es ist ein ungeheuer, es ist die schande der menschheit. Lessing 1, 389 (freigeist 1, 1); weil ich selbst ein atheist bin, das ist ein starker geist, wie es jeder ehrliche kerl nach der mode sein musz. 412 (2, 4), d. h. Johann der mit seinem herrn in Paris gewesen; in einer epistel über die starkgeisterei (bei gelegenheit von Jerusalems selbstmord):
was kömmt heraus? der böse, böse tod ...
stellt sich .. den starken geistern gegenüber:
ein hitziges, am Styx erzeugtes fieber,
geführt von schwarzer phantasie,
schleicht an ihr lager, schüttelt sie,
verwirrt ihr witziges gehirnchen u. s. w.
Gotter 1, 369.
s. auch Lichtenberg u. geistesstärke.
c)
schöner geist, gleichfalls unter franz. einflusz.
α)
zwar die übertragung des begriffs schönheit auf geist, gemüt, seele war schon von mhd. zeit her geläufig, z. b.:
alsô des lîbes schône, die gûte (die heil. Elisabeth)
was schône ouch an dem mûte ...
al ir gedanken lieht gevar.
Ludwigs kreuzf. 4991;
dem einen gît er (gott) schœnen sin,
dem andern guot (geld) u. s. w.
Walther 20, 19;
swer dâ hât schœnen sin,
der ist unsælec under in.
welscher gast 327,
d. h. unter der höfischen jugend, die nun dem wein und spiel huldigt; diu sêle schœne Eckh. 413, 29, zugleich als geist gedacht (s. 15, c. f): frewe dich, daʒ dîn schœne sêle, diu dâ ist ein lûter vernünftiger gotformiger geist, daʒ diu ûʒ dem .. kerker sol erlœset werden. Suso briefe 71 Pr. (vgl. Er. Schmidt Richardson, Rousseau u. Göthe s. 319). nhd.:
wirstu die frömmigkeit, die sie (die mutter) hat, an dir haben,
des vaters schönen geist, mit dem der himmel ihn
so reichlich ausgeziert ...
Opitz 1641 s. 140,
an eine neugeborne tochter, vielleicht zugleich zu β;
Phillis, die an geist und gliedern
gleiche kraft und schönheit trägt.
Günther 120;
leider nur erneuerte sich vor dem schönen geiste der fürstin der wüste wirrwarr (der feuersbrunst). Göthe 15, 315 (16, 152 H.); Yorik Sterne war der schönste geist der je gewirkt hat. wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön. sein humor ist unnachahmlich, und nicht jeder humor befreit die seele. 23, 273 (19, 106 H.), frei und schön zusammen, wie u. b, α stark und frei bei Horn. vgl. auch schöner charakter Schiller X, 48 und die schönen geister an gottes thron bei Opitz u. 7, e, β, auch schon hier als erreichbares ziel für den menschen:
denkt er ewig sich ins rechte (also als geist),
ist er ewig schön und grosz.
Göthe 47, 69 (3, 166 H.).
selbst von pflanzen und thieren (vgl. 11, f. g):
(die natur) die einen schönen geist dem leibe, der gefällt,
bei thieren und gewächs harmonisch zugesellt.
Wieland mor. briefe 9, 87.
β)
im besondern sinne aber angewandt auf betrieb und förderung der sog. schönen wissenschaften und künste (belles lettres), nach franz. bel esprit, seit dem 17. jh.:
wann ihr schöner geist erwacht
und entschleuszt sich was zu schreiben,
so wird nichts von ihr gemacht
als was würdig zu bekleiben (haften und dauern).
Opitz 1641 s. 710;
und da das vaterland verfolgung leiden musz,
bringstu (Zincgref) es wiederumb durch schreiben auf den fusz,
sagst was disz edle volk für schöne geister trage.
668,
mit bezug auf Zincgrefs apophthegmata; auch auf wissenschaft überhaupt bezogen, z. b. von einem mediciner und philosophischem naturkenner:
was sag ich nun von euch, ihr ruhm der pierinnen,
von eurem schönen geist' und reichbeseelten sinnen?
auch ihr seid aus der schar, die von der wiegen an
mit alter weisheit sich zu mäszen fleisz gethan u. s. w.
Fleming 62 (118 L.),
vgl.das schöne volk, die dichter und gelehrten s. 93 (159). im 18. jh. auch noch später neben schöngeist: ein schöner geist, ein abgerichter, flüchtig kluger kopf, un bello spirito, un bel esprit. Rädlein 342ᵇ (1711, zu flüchtig vgl. 12, e, bes. volatil Less.), mehr gleich witzig im franz. sinn (s. 24, d), wie auch bei Opitz schon; Lohenstein, Hofmannswaldau, Weise waren die muster der deutschen schönen geister (als Gottsched auftrat). Kästner 2, 165; einige berühmte schöne geister. 172; der prinz bekam also einen schönen geist zum hofmeister. Wieland 6, 157; bei jener groszen auswanderung der schönen geister Griechenlands nach Syrakus. 3, 4; ein magus musz man sein, wenn man unsere schönen geister lesen will. Hamann 2, 400; unsere schönen geister .. versichern uns, dasz es mit der religion nicht richtig sei, um uns desto leichtgläubiger gegen ihre beweise zu finden .. 180, zugleich als starke, freie geister gedacht; unsre schönen geister, genannt philosophen. Göthe 39, 342 (d. j. G. 2, 206); es ist ein schöner geist von der neuen sorte, die sind alle grob. 14, 53; für die schriftsteller und schönen geister. Garve vers. 2, 285; viele unsrer schönen geister und philosophen, die vor dem publicum als denker auftreten. 305;
und nun erscheint (als hausfreund) — o mög ihn gott verdammen!
ein groszer mann, ein schöner geist u. s. w.
Schiller VI, 32 (die berühmte frau);
bei werken des schönen geistes. X, 499 (auch schöne geisteswerke Athen. 1¹, 146); heute kommt die herzogin von Curland und bleibt ein paar tage .. die herzogin bittet ihr (für sie) alle schönen geister bei hofe. frau v. Stein b. Charl. v. Sch. 2, 273; spöttisch: unsere schönen und süszen geister, vom starken getränk ihrer allweisheit und menschenliebe berauscht. Hamann 7, 27. auch feiner geist, wie engl. fine spirit: ich möchte den unter unsern groszen genies und feinen geistern schen, der es in eben den umständen sogleich viel weiter gebracht hätte (als Gottsched). Kästner 2, 166.
γ)
an den franz. begriff knüpfte sich übrigens ein schwerer verdrusz für unsere vorfahren, indem ein Franzos sich über die möglichkeit des bel esprit, der beauté d'esprit bei uns zweifelhaft oder absprechend geäuszert hatte, der jesuit pater Bouhours in seinen entretiens d'Ariste et d'Eugène, in der 4. unterhaltung 'le bel esprit' (Amsterd. 1708 s. 231), wo Arist meint, que le bel esprit est de tous les païs et de toutes les nations (folgen Griechen, Römer, Franzosen, Italiener, Spanier, Engländer, dann) d'Allemands même et de Moscovites, worauf der gegenredner doch erwidert: c'est une chose singulière qu'un bel esprit Allemand ou Moscovite u. s. w., auch mit einer art wissenschaftlicher begründung, mit berufung auf das klima und die nature languissante des nordens, dasz also le bel esprit ne s'accomode point du tout avec les temperamens grossiers et les corps massifs des peuples du Nord u. s. w. In den erwiderungen, die das auf unsrer seite hervorrief (vgl. Koberstein § 188 anm. 9), ist auffallend, dasz nicht der deutsche ausdruck gebraucht wird, als wäre er nach Opitz, Fleming wieder vergessen gewesen (vgl. doch Rädlein vorhin); s. z. b. von einer antwort J. Fr. Cramers in Tentzels monatl. unterred. 1695: unter diesen dialogis handelt einer von der fertigkeit, schärfe und munterkeit des menschlichen verstandes, welche die Franzosen bel esprit nennen. s. 154; p. Bouhours wendet ein, dasz die leute, so nach dem norden wohnen, wegen ihrer dicken und starken leiber keinen subtilen und galanten geist haben könten. 157 (zu subtil s. 13, c, zu galant s. d. 3);
wenn Burrhus fraget, ob es müglich
vor einen Deutschen sey ein bel-esprit zu sein?
so antwort' ich, wie er, mit einem klugen nein ...
denn, wenn man elnen bel-esprit
aus Frankreich in person auf deutschem boden sieht,
so glaubt man allezeit, dasz er ein antichrist,
ein gaukler oder gaudieb ist.
Wernike 1704 s. 197 (s. 140 B.),
vgl. s. 94, wo er die äuszerung eines Franzosen le Clerc anführt, hervorgerufen durch eins seiner epigramme: si le p. Bouhours la voyoit, il ne mettroit point en question, si un Allemand peut être bel esprit. gegen Bouhours auch: ja es zeigen die schönen geburten der poeten, dasz unter dem kalten climate von Teutschland so wohl bon esprit als bel esprit anzutreffen sei. J. G. Neukirch anfangsgr. zur reinen d. poesie Halle 1724 s. 3 (vgl.bon esprit Bouh. 205). Noch i. j. 1757 nahm Rabener gegen einen Franzosen stillen bezug darauf, als ihn Friedrich d. gr. zu sprechen wünschte, durch vermittelung des marquis d'Argens, er aber sich wehrte als deutscher schriftsteller mit dem deutschen könig französisch sprechen und durch einen Franzosen verkehren zu sollen und dem marquis die ablehnung selbst der (franz.) vorverhandlung mit ihm französisch meldete, u. a. mit der bedauernden wendung, jener sei d'autant plus estimable, qu'il est peut-être le seul de sa nation, qui permette à nous autres Allemands d'avoir de l'esprit (Rabeners briefe 276), vgl. auch in den satiren 2, 87: nun werden es die übermüthigen Franzosen doch auch glauben, dasz es in Deutschland schöpfer gebe, welche von sich selbst etwas hervorbringen (s. dazu u. 23, d, α); denn der begriff schöner geist war in der that in den des genius übergetreten (s. 23, a), schon bei Bouhours, wenn er z. b. s. 205 für bel esprit auch beau genie setzt, ihn auch als 'schöpfer' faszt: un bel esprit est riche de son fond, il trouve dans ses propres lumières ce que les esprits communs ne trouvent que dans les livres .. il ne s'approprie point les pensées des autres u. s. w. 208.
d)
groszer und kleiner geist (vgl.groszer geist anders, von stolz und anmaszung u. 17, a).
α)
groszer geist, von helden, auch geisteshelden: sihe, welch ein groszer geist, wie hoch setzt er gottes gebot über alles das auf erden ist. Luther 4 (1556), 217ᵇ;
so bald ein groszer geist wird in die luft gehaucht
und seines schreibers kiel (der ihn beschreibt) ihm in die dinte daucht,
so bald gebiert sein todt ein leben, das nicht stirbet ..
Fleming 219 (197 L.);
du dreimal groszer geist ... den keiner feinde zwang,
den keiner freude glimpf vom heilgen vorsatz drang ..
A. Gryphius 2, 91,
'auf hrn. J. Herrmanns poetische erquickstunden'; dorten gründet ein groszer geist ein reich, und eine reihe namenloser könige folgt. Leisewitz 110; nur die fertigkeit sich bei einem jeden vorfalle schnell bis zu allgemeinen grundwahrheiten zu erheben, nur diese bildet den groszen geist, den wahren helden in der tugend und den erfinder in wissenschaften und künsten. Lessing 6, 22 (10. lit. br. a. e.), beides in groszer geist umfaszt; dasz ich ein groszes vorurtheil für dr. Luther habe und ihn in absicht auf die eigenschaften des herzens und des genies für einen der gröszten geister halte. Kästner 4, 75;
und was wir einzeln sonst in groszen geistern preisen,
sehn wir bei dir vereint: den staatsmann und den weisen.
2, 91;
die zeit, die kräfte, groszer geist,
die du so laut dem ruhme weihst,
die weihe still den werken (für die menschheit).
Gellert 2, 68 (48),
denn was sind alle regeln der kunst anders, als stimmen, befehle der natur, welche die gröszten geister gehört, verstanden und ausgeübt haben? 5, 130. es ist ein zug des 18. jh., den begriff vorzugsweis auf dichten und denken zu beziehen (ein groszer geist bei den büchern gedacht), was denn jetzt noch nachwirkt, so dasz uns z. b. groszer mann und groszer geist durchaus nicht zusammenfallen, wie doch noch Leisewitz, Lessing vorhin, auch Abbt 1, 14 ff. von der grösze des geistes (s. bes. s. 28), doch auch schon: bei dem groszen geiste sieht man weniger auf die ausführung als auf die entwürfe. er kann im kabinete bleiben, niemand erwartet ihn im felde. man ist zufrieden, ihn, wenn ich so sagen darf, denken zu sehen. aber bei einem starken geiste! er musz auf thaten weisen können u. s. w. 1, 101;
du .. willst ein dichter sein? geh, lasz den schweren namen,
zum dichter trägst du kaum den ungekeimten samen.
so sprach ein groszer geist, von Klopstocks feur erhitzt,
zu meiner muse jüngst ..
Lessing 1, 173.
die grösze auch sinnlich gedacht, unwillkürlich: lernen wir einen wirklich groszen mann kennen .. so macht er, wenn er klein von person ist, einen noch stärkern eindruck auf uns. sein geist wird um so gröszer vor unsern augen, denn wir wundern uns, wie er raum in dem kleinen körper gefunden hat u. s. w. Klinger 11, 109 (vgl. 19, i); geister, die das masz eines propheten haben. Abbt 1, 26, vgl. riesengeist Göthe 39, 345. aber wieder auch wie starker geist, als freigeist, schon vor 1750:
des glaubens spötter sein ist groszen geistern eigen.
Kästner 2, 100.
β)
kleiner geist (s. u. klein 6, e, γ): stand- oder antrittsrede des h. prof. Philippi, gehalten in der gesellschaft der kleinen geister. Liscow 342 ff.; wir sind kleine geister, und also nicht einmal fähig, unsere mängel zu erkennen. 363; philosophen .. welche auf der katheder grosze weltweisen und in ihrem hause die kleinsten geister sind. Rabener 2, 113, d. h. eigennützig, rachsüchtig, hochmüthig u. ä., also was wir eher kleine seelen nennen würden, vgl. kleiner geist und kleine seelen Abbt 1, 18. 20;
berühmt zu werden, ist nicht schwer,
man darf nur viel für kleine geister schreiben.
Gellert 1, 96 (der unsterbl. autor);
ihm folgt ein leichter schwarm noch zehnmal kleinrer geister.
wie glücklich ist er nun, die rotte nennt ihn meister.
Lessing 1, 169;
es musz ein kleiner geist sein, der sich wahrheiten zu borgen schämt. 1, 391 (freig. 1, 1); ist das die rache der kleinen geister an dem genie, dem sie nachzuklimmen verzagen? Schiller III, 510, 16. s. auch pöbel der geister Lessing 1, 389. im 16. jh. gering: sagen sie abermal, wie sie pflegen, das irer geist sei zu hoch und unser zu geringe (um sie zu verstehen). Luther 2, 454ᵃ, von Th. Münzer und genossen.
γ)
auch die grosze seele müszte eigentlich hiér neben den groszen geist gestellt werden, da beide sich theils nahe berühren, theils auch zusammenfallen (oder es können und sollten); verwiesen sei wenigstens auf Göthe u. 19, i, β. γ, wie durch das erhabene die seele sich ausweitet, in sich gröszer wird (um es in sich aufnehmen zu können), sich so grosz fühlt als sie sein kann, d. h. von natur; zum verständnis des 18. jh. und seines neuen geisteslebens, auch seines geistesbegriffs wäre die ausführung nötig, wie da die angeborne grösze der menschlichen seele gleichsam neu entdeckt wurde und die grösze der zeit im geiste wie im leben wesentlich mit möglich machte. Auch grösze des gemüths, als von geistesgrösze abhängig, z. b.: diese grösze des gemüths ist unstreitig nur ein antheil sehr weniger menschen, die mit einem hohen masze des geistes ausgerüstet sind. Gellert 5, 56 (42). und wieder auch ich (s. 21, a), wenn z. b. Uz in der kunst stets fröhlich zu sein Horazens aude sapere umbildet:
ich wag es, grosz zu sein!
2, 89.
Auch das übrigens schon im 13. 14. jahrh. in aller grösze und klarheit, sêle wieder zugleich als geist, wie bei der schœnen sêle (s. u. c, α): swenne man frâget, wie grôʒ diu sêle sî, sô sol man wiʒʒen, daʒ ir grœʒe himel und erde niht erfüllen mac, niwan got selber, den die himel aller himele niht begrîfen mügent. Eckhart 413, 25; sie äuszert sich aber in allumfangender liebe: von der güete, diu an gote ist, wirt gebreitet ir (der menschen) herze, daz si alle creature minnent in gote und got in aller creature, und wirt diu sêle alsô gebreitet, daʒ siu minnet elliu dinc in allen dingen u. s. w. Wackern. pred. 119; beides aber erscheint auch im 18. jh. z. b. in Göthes geiste aus eigner innerer erfahrung, s. unter 19, i, β. γ.
e)
hoher geist u. ä. (anders, von stolz u. 17, a).
α)
im 16. jh. ungefähr wie groszer geist jetzt: Daniel aber ubertraf. die fürsten und landvögte alle, denn es war ein hoher geist in im, darumb gedachte der könig in uber das ganze königreich zu setzen. Dan. 6, 3, vulg. spiritus dei amplior (vgl. 23, f); darumb, das ein hoher geist bei im funden ward. 5, 12, spiritus amplior, vgl. v. 11 und 14 der den geist der heiligen götter hat, spiritum deorum sanctorum habet in se (vgl. 9, e); s. Peter wuszte auch wol, das sein und aller christen geist höher war, denn der heiden und jüden .. Luther 2, 454ᵃ (gleich erhöht u. 19, f, β), das hoch auch ganz eigentlich vorgestellt (vgl. grosz u. d, α Klinger): und dieser geist, der so hoch über uns ist, als die sonne über der erden, der uns kaume für würmlin ansihet .. das. 2, 454ᵃ, von Th. Münzer; wenn die hohen geister oder naseweisen .. wollen das weltliche recht endern. 6, 155ᵃ; es mangelt den hohen geistern, das sie die redekunst grammatica .. nicht recht ansehen. bei Dietz 1, xi, sich 'genial' über die schulbildung hinwegsetzen. Auch im 17. 18. jahrh. noch:
der ganze Helikon ist bei dir (Leyden) eingezogen,
nach dem der hohe geist (Heinsius) von Gent hieher geflogen.
Opitz 2, 44;
ein hoher geist pflegt oft mit noth und qual zu kämpfen.
A. Gryphius 1, 32;
dort würkt ein hoher' geist, betrogen vom geschicke,
in seinem eignen glück des vaterlandes glücke.
Haller 183. 334;
doch wo der höhre geist in seiner grösze glänzet u. s. w.
Creuz 2, 183 (s. u. 19, i, γ);
der autor schrieb und drückte das bild von dem idealischen schönen, das sein hoher geist (genius) ihm entworfen hatte, aus (wie in einem stoffe). der kunstrichter, der in seinem eingeschränkten verstande das original nicht antrifft (vorfindet), nach welchem dieses gemälde entworfen ist, schilt es unnatürlich, behauptet, dasz es wider die regeln sündiget u. s. w. Gellert 5, 179 (135); die göttliche hoheit der seele ... jene hoheit des geistes. 41 (31); dagegen eine leichtigkeit, höhe des geistes, sicherheit (in Voltaire), die entzücken. ich sage höhe des geistes, nicht hoheit. man kann ihn einem luftballon vergleichen u. s. w. Göthe an fr. v. Stein 3, 48 (vgl. 19, f), also höhe ohne entsprechende, ergänzende grösze. vergl. einen hohen geist haben, nach hohen dingen streben Adelung u. 17, h. s. auch höhere geister (über dem menschen) Schiller u. 7, e, γ, gott als der höchste geist 9, b.
β)
auch erhabner geist:
versenkt in tiefen traum nachforschender gedanken
schwingt ein erhabner geist sich aus der menschheit schranken.
Haller 104;
bei einer kenntnis stets verzagt und träge stehn,
nie lehrbegier'gen blick nach andrer wahrheit drehn ..
kommt schlechten seelen zu, erhabner geister kraft
erschöpft die arbeit nicht von einer wissenschaft.
Kästner (1841) 2, 107;
aber wie unterscheiden sich die edlen und prächtigen klagen erhabner geister vom jammer gemeiner seelen! Creuz 2, 264.
γ)
auch hier nämlich wieder seele, vgl.erhabene seelen Abbt 1, 24, die hoheit der seele Gellert 4, 246 (192), die göttliche hoheit der seele 5, 41 (31), von der wahren hoheit der seele Klopstock 11, 252 ff.
23)
der menschengeist in seiner höchsten erscheinung, als genie.
a)
der begriff ist eigentlich schon in dem geist u. 22 mit enthalten, z. b. im starken geist Virgils b. Haller, auch im freien und schönen geist (s. bes. 'mehr als mensch' b. Canitz dort u. a, β und Bouhours u. c a. e.), besonders im groszen und hohen geist, in letzterm schon im 16. jahrh. mit zu erkennen, z. b.: Christus wuszte auch, das sein geist höher war denn der Jüden, noch (dennoch) liesz er sich herunter und erbot sich zu recht (vor ihnen). Luther 2, 454ᵃ, vergl. dens. vom h. Petrus vorhin und von sich selbst als armer geist, on geist u. 10, i.
b)
als man im 18. jahrh. bei dem neuen aufsteigen des geistigen bewusztseins besonders aufmerksam wurde auf den begriff und seine hohe bedeutung, suchte man auch dafür nach deutlicherer oder kräftigerer bezeichnung, z. b. ungeheurer, allgemeiner geist, mustergeist u. a.: was man einen ungeheüern oder allgemeinen ('universellen', s. 27, a) geist zu nennen pflegt, ist anders nichts, als ein vor andern am wenigsten beschränkter geist (vgl. 19, g, γ). ein solcher kan vermittelst der kunst seine schranken wol verbergen, aber nicht erweitern. Drollinger 194, vgl. 200, nach Pope; da ich aber solche allgemeine geister gleich ausnehme (beim erziehungsplan) .. Herder II, 357, wie Baco, genies in der wissenschaft;
ein geist, den die natur zum mustergeist beschlosz,
ist, was er ist, durch sich, wird ohne regeln grosz ...
doch jedes hundert jahr, vielleicht auch seltner noch,
kömmt so ein geist empor, und wird der schwächern joch ..
drum wird dem mittelgeist vielleicht die regel nützen?
Lessing 1, 183;
o zeit, beglückte zeit! wo gründlich seltne geister
gott in der creatur, im kunststück seinen meister,
dem spötter aufgedeckt u. s. w.
1, 176;
geister im adel. Hamann 4, 365 (vgl.edler geist 21, f); ist die natur sich unähnlich geworden? hat sie sich in hervorbringung glücklicher geister erschöpft? Gellert 5, 265 (184); auch groszer weltgeist, mitten im neuen geniewesen selbst: das wär ja eben eine von den groszen weltgeister eigenschaften, in seinem herzen die unendliche morgenröthe zu haben, den ewigen sang und klang rein und treu u. s. w. Klinger briefl. v. j. 1776 bei Rieger 388, eig. wie der allgemeine geist vorhin, alles, die ganze welt umspannend.
c)
in der vorbereitenden zeit legte man besonderes gewicht auf das endliche loskommen von dem alten ewigen nachahmen, das die schule allein lehrte, auf das schöpfen aus sich selbst (vgl. z. b. Bouhours u. 22, c a. e), daher das genie als erfinderischer oder orignalgeist: (man sollte) zuerst als weltweiser das genie und originalgeist und erfindung zergliedern (d. h. psychologisch erforschen), seine ingredienzien auflösen und bis auf den feinsten grund zu dringen suchen. Herder I, 255 (fragm. 2, 202); die hindernisse, die das genie und den erfindungsgeist aufhalten. 256; von Moritz heiszt es, bei gelegenheit seiner forschungen über das dichterische genie: er selbst scheint kein erfinderischer geist zu sein. Herders gattin an ihn in H.s reise nach Ital. 199; vgl. erfinder für genie (in künsten) ideen 1, 243, genien und erfinder 247. noch jetzt hervorragender geist, der die andern 'um kopfeslänge überragt' u. ä., z. b. als schöpfer der bewegenden ideen: die ideen, welche die welt in bewegung setzen sollen, kündigen sich immer erst in einzelnen hervorragenden geistern an. Ranke gesch. d. reform. 1, 103; vgl. aus dem 18. jh.: auch ragen eben hierdurch die geister erster grösze über die mittelklasse der denker hervor, dasz sie die (schaffende) kraft und die regel zugleich in sich enthalten. Garve vers. 2, 312. bahnbrechende geister, vgl. Kästner u. g.
d)
diesz in gesteigerter fassung schöpferischer geist, auch geistschöpfer. vgl. den geist überhaupt als leben schaffend 14, c, ε, als zeugend 19, b, δ.
α)
veranlaszt war es durch franz. esprit créateur, das im anfang des 18. jahrh. aufgekommen sein musz, s. z. b. Danzel Gottsched 138 aus den lettres françoises et germaniques von 1740, wo auf dem deutschen Parnass ein esprit createur vermiszt wird (vgl. Bouhours u. Rabener u. 22, c a. e.); daher auch bei Deutschen anfangs der franz. ausdruck: dasz herr Klopstock sich als einen rechten esprit createur characterisirt hat. G. Fr. Meier beurth. des heldeng. der Messias (1749) s. 10; wie dieser heilige dichter sich .. als einen rechten esprit createur, wie Milton und Tasso, erwiesen habe. Hesz zufäll. ged. über d. h. d. Mess. (1749) s. 9. der franz. begriff schlug bei uns eigne wurzel in einem gedankenkreis, den Bodmer und Breitinger ausbauten, daher auch jener selbst als schöpferischer geist:
in dieser bildung herrscht der schöpferische geist,
der neuen witz und muth im Noah uns beweist u. s. w.
Hagedorn 1, 85, auf Bodmers bild;
diesz ist der schöpferische geist,
der uns durch lehrende gedichte
den reiz der tugend fühlen heiszt u. s. w.
Gellert (1839) 10, 168, auf Richardsons bild;
ihr wollt uns durch eure tragödien rühren, ihr kenner der regeln! und wir fühlen gleichwohl, dasz euch der schöpferische geist gemangelt .. 5, 128 (168); er wird dann auch bald vom forscher verlangt (wie Fontenelle den Newton einen esprit créateur nannte, s. Littré s. v.): der name eines groszen gelehrten wird nicht durch studiren .. allein erworben, es wird genie, es wird eine gewisse natürliche (angeborene) grösze und lebhaftigkeit der seele erfordert. Gellert 5, 79 (60);
der dichtern nöthge geist, der möglichkeiten dichtet
und sie durch seinen schwung der wahrheit gleich entrichtet,
der schöpferische geist, der sie beseelen musz,
sprich, M ***, du weists, braucht den kein physicus?
Lessing 1, 177,
worauf entdecker in der natur genannt werden, dann:
hat die kein schöpfergeist bei ihrer müh beseelt,
und ist es nur Homer, weil ihm ein ältrer fehlt?
das.;
vielleicht beruht .. die ehre eines schöpferischen geistes auf der schwierigkeit, ein wüstes chaos leerer sonnenstäubchen (atome) zu einer welt voll ordnung, schönheit und fruchtbarer wirksamkeit auszubrüten. Hamann 3, 232, der ausdruck in der ganzen fülle und höhe seines begriffs genommen, das thun des göttlichen geistes auf den menschlichen angewandt wie bei Schiller u. 19, b, ε a. e. (zu brüten vgl. u. 19, f, γ). aber eben das ist das ursprünglich gemeinte (vgl. Bodmer vom wunderb. 32), musz es auch beim franz. ausdruck gewesen sein, vergl. die äuszerung eines Franzosen bei Göthe an Schiller 28. febr. 1798, dasz man dem genie schon lange une sorte de création zugeschrieben habe; esprit créateur ist ja nichts als das kirchliche spiritus creator, gott als weltschöpfer (9, d, vergl. 1. Mos. 1, 2).
β)
diesz auch in genauer nachbildung geistschöpfer, eig. undeutsch (vergl. schöpfergeist Lessing vorhin): „was ist denn aber an genies gelegen?“ desto mehr liegt uns an brauchbaren männern. zu diesen wird eine glückliche temperatur von gaben und geschicklichkeiten erfordert, eine gewisse mittelmäszigkeit, die sich nicht zu genies und geistschöpfern hebet und nicht zu dummen dorfteufeln herabsinket Herder I, 381 (frag. 3, 42), d. h. im anschlusz an Klopstocks 'geist schöpfer' von gott Mess. 1, 10 (s. 9, d), wie schon Mendelssohn i. j. 1755 brieflich: aber so gehts, die Deutschen verkaufen ihre waaren allzu wohlfeil. thäten sie ein wenig sauren humor oder lustige gasconaden daran, so würden sie gewisz geistschöpfer (esprit createur) seyn. Lessing 13, 10. der vergleich war aber in Klopstocks sinne, der ja die dichtkunst als gottes nachahmerin bezeichnete eben in jener stelle Mess. 1, 11, wie schon in seiner lat. abgangsrede von Schulpforte als creatrix (Cramer Klopst. 1, 100). Daher dann schöpferkraft des geistes, das genie als schöpfer, noch heute geläufig (freilich nun fast abgebraucht oder seines kerns beraubt): ein genie, diese allmächtige schöpferin menschlicher seelen. Herder II, 318 (vgl. 28, b);
Homer zog arm und blind herum,
und dennoch sang er Ilium
und des Odysseus wanderschaft
mit voller schöpfer-geisteskraft.
Schubart 3, 5;
zuerst musz der stoff herbeigeschafft oder es müssen im eigentlichen verstande ideen und bilder hervorgebracht ('producirt') werden. diese schöpferkraft des geistes kann nie zu frei und ungebunden wirken. Garve vers. 2, 305 (einige beobacht. über die kunst zu denken), d. h. vom denker, selbstdenker überhaupt, nicht blosz vom dichter, vgl. schaffende kraft des genies, schöpfungen des geistes s. 311; so verwahrloset sollen wir uns auch zeigen bei betrachtung der vortreflichsten sache in der schöpfung? eines geistes, der in seinem umkreise selbst ein schöpfer ist? Abbt 1, 14, in dem cap. von der grösze des geistes, vom genie; noch andre .. suchten einen andern weg, um grosz zu werden, um den namen der erfinder, der schöpfer zu verdienen. Gellert 5, 269 (187), s. auch Lessing 7, 355 vom ewigen und vom sterblichen schöpfer, gott und dem dramatischen dichter. Der begriff war aber begreiflich früh dem spott ausgesetzt, selbst religiösen bedenken, solange er frisch war. harmlos zwar ist, nicht gegen den begriff selbst gerichtet:
ich will dir den Le Grand zu deinen diensten senden,
und der frisire dich mit schöpferischen händen.
Zachariä renomm. 3, 406;
ihr (Lisettens) schöpferischer witz, den nichts zu binden pflegte,
der spitzen schnell erhob, mechanisch muschen legte,
ward irre ...
das schnupftuch 2, 105 (vgl. dens. u. 19, g, γ),
vgl. in ähnlichem tone: mit schuldiger ehrerbietung erkenne ich die gewalt des genies an, die dazu gehören mag, ein schönpflästerchen an seinen rechten ort zu legen u. s. w. Abbt 1, 21, was wie auf franz. äuszerungen gemünzt klingt;
du bäckst, was Gallier und Britten emsig suchen (vgl. Mendelssohn
vorhin),
mit schöpfrischem genie originelle kuchen.
d. j. Göthe 1, 86 (vgl. originalgeist u. c).
Aber in scharfem ernste aus Gottscheds kreise: ein jeder dichter ist schöpfer, nicht von narrenspossen, nein! er ist wirklich ein schöpfer, unter dessen händen aus nichts etwas wird, aus unsinn wörter .. Schönaich ästh. in einer nusz. vorr. a 8ᵃ; mit einer vortrefflichen schöpferkraft begabet, aus nichts was zu machen. 388; brachte ein barmherziges mütterchen einen kranken geführet, der sich selbst zum schöpfer machte. 283; schöpfer Klopstock 168 u. s. w.; was für handreichung herr Bodmer diesem schöpfer (Breitinger) thun müssen, ehe er seinen critischen dichtkunstbau zu stande gebracht. Schwabes belust. 1742 2, 280; sind sie denn ein Valentinianer und glauben, dasz unsere poetischen schöpfer bei ihrer schöpfung untergottheiten brauchen? 279; schöpferisch schreiben, schöpferisch dichten sind strafbare und unchristliche ausdrücke .. wir wissen aus der schrift, vernunft und natur, dasz nur ein einziger schöpfer ist. Triller, s. Lessing 3, 214; so müssen alle trunkene, träumende und mondsüchtige auch in die seltne classe der schöpferischen geister zu setzen sein. 215.
γ)
später erscheint der begriff, eben in jener kirchlichen fassung, aber wie neu an der quelle geschöpft, bei Göthe wieder, wenn er vom jahr 1797 gegen Schiller äuszert, in bezug auf die xenien: doch läugne ich nicht, dasz wir den creator spiritus wohl zum freunde haben müssen, wenn wir das nächste jahr nicht zurück, sondern vorwärts treten wollen. briefw. 1, 242 (15. nov. 1796), bild und wort mochte zwischen beiden geläufig sein. dasz es auch gemeint war, wie jener schöpferische geist, zeigt der spruch in prosa nr. 196: der herrliche kirchengesang veni creator spiritus ist ganz eigentlich ein appel ans genie, deswegen er auch geist- und kraftreiche menschen gewaltig anspricht. 49, 62 (19, 51 H.); daher auch seine übersetzung des lat. hymnus (s. u. 10, d), mit der überschrift appel ans genie, s. Loeper b. Hemp. 3, 64. dasz er auch den älteren begriff schon in der geniezeit in ganzer fülle in sich hegte, als selbsterlebt, zeigt z. b. in dem schriftchen von deutscher baukunst: deinem unterricht dank ichs, genius, dasz mirs nicht mehr schwindelt an deinen tiefen (also in höchster höhe), dasz in meine seele ein tropfen sich senkt der wonneruh des geistes, der auf solch eine schöpfung herabschauen und gottgleich sprechen kan, es ist gut! 39, 347 (d. j. G. 2, 210). in spätern jahren faszte er, wie Schiller, W. v. Humboldt, den begriff auch akademisch kurz und kühl zusammen in productiv, wol nach Kant, z. b.: die einbildungskraft als productives erkenntnisvermögen ist sehr mächtig in schaffung gleichsam einer andern natur aus dem stoffe den ihr die wirkliche gibt. krit. der urth. § 49 (nachher auch schöpferisch das.). nun ist denn auch das so abgenutzt, dasz z. b. unter den dichtern von damals nach dem heutigen verstande Kotzebue der productivste geist wäre, der begriff also eigentlich in sein gegentheil umgedreht ist. dasselbe meint übrigens der bildende geist Schiller X, 91, 39 u. ö.:
an gebildetem nur darfst du, nachahmer, dich üben,
selbst das gebildete ist stoff nur dem bildenden geist.
XI, 176 (tab. vot. 68).
e)
auch eine andere bezeichnung des genius im menschen, als salbung, die noch im 18. jh. galt (seit Klopstock allmälich durch weihe verdrängt), geht auf den heil. geist zurück (vergl. dessen bildlichen gebrauch im 18. 19. jh. u. 10, l): (Petrus predigte) ir wisset wol .. wie gott den selbigen Jhesum von Nazareth gesalbet hat mit dem heiligen geiste und kraft. ap. gesch. 10, 38;
zu salben den, der aus der höh
uns salbt mit seinem geiste.
P. Gerhard 170 Göd.
daher salbung für genius schon im 16. jh.: hab acht uf dich selbs und auf dein genium, das ist auf die salbung in dir (um dem andern ins herz zu sehen). S. Frank spr. 1, 21ᵇ, als eine art geheime gottesstimme. im 18. jh. vom genie: zum genie .. diesem salböl der geister. Herder I, 255 (fragm. 2, 203); ein salböl sollte man aus ihren schriften ziehen (vergl. so geist 12, g), das uns zu ihren nachfolgern einweihete. II, 255; ein paar einfälle über kunstwerke (von ihm selbst), aber auch ohne geist und salbung. reise nach It. 293; stehen wir da und beten an den gesalbten gottes (den künstler, Erwin). Göthe 39, 349 (d. j. G. 2, 212). auch noch in seiner übersetzung des veni creator spiritus, wo der heil. geist angeredet wird (lat. et spiritalis unctio):
und salbung heilger geistes-kraft.
Göthe 3, 65 H.
f)
diese beziehung des höchsten menschengeistes auf den göttlichen, der in jenem wohnung nehmend gedacht oder empfunden wird, ist ja uralt und allgemein, aus griechischer vorstellung her z. b. versteckt in unserm enthusiasmus, gr. ἐνθουσιασμός (so Morhof unterr. 594), von ἔνθεος, d. h. in dem ein gott ist, aus römischer bekannt z. b. in Ovids est deus in nobis etc., aus morgenländisch alter vorstellung her z. b. in dem spiritus dei im Daniel u. 22, e, α; biblisch, aus A. und N. T., s. u. 9, e, schärfer gefaszt als der heilige geist im menschen wirkend 10, g, in welcher färbung dann die vorstellung eigenthum der neuen zeit wurde, auch von zeit zu zeit neu aufgefrischt, d. h. aus dem überlieferten begriff in empfindung zurück übersetzt oder vertieft, als thatsache im eignen geist und gemüt wie neu entdeckt, bei uns besonders im 14. und 16. jh., nicht ohne ausschreitung und misbrauch (s. 10, h). im 18. jh. aber trat sie bei uns neu auf, unabhängig von der biblisch-kirchlichen überlieferung, im kreise des geniewesens, aber vorbereitet auf dem gebiete philosophischer und ästhetischer forschung (vergl. Sulzer theorie u. genie a. e.), s. z. b. vorhin u. d, u. 14, d, γ Brockes, u. 19, l, α Sulzer. bis zu welcher deutlichkeit sich die vorstellung damals wieder steigerte, zeigt z. b.: er (der erfinder, s. c) ist der eigentliche mensch, und da er selten erscheint, ein gott unter den menschen. Herder id. 2, 243, vergl. 239 vom erfinder der schrift er wirkte als ein gott unter den menschen; hiesz das genie doch schon vorher ein halbgott, geistesheros: und endlich ist der mensch nach dem loose der millionen zu beurtheilen, nicht nach wenigen halbgöttern. Creuz 2, 178 (weise und dichter 186, genii oder genies 263); vgl. schon im 17. jh. u. a den begriff mehr als mensch, auch von den mit schmerz empfundenen schranken des menschlichen geistes u. 19, g, γ. Wie das dann in der eigentlichen geniezeit sich ausgestaltete und wirkte, weite wellenkreise schlagend in der denkerarbeit wie im leben, auch bis in die gegenwart herein, das wäre unter gott vorzutragen; nur zur andeutung sei verwiesen auf Fausts bin ich ein gott? Göthe 12, 32 (halbgott 82), auf seinen Prometheus im trotz gegen die götter und als schöpfer einer neuen menschenwelt; so auch das schaffende genie als halbgott 26, e, γ (gottgleich u. d a. e.), und Göthe selbst eigentlich wie gott 28, b. Auch ein versuch zu natürlichem begreifen an stelle der früheren geistlich oder geistig göttlichen auffassung arbeitet in den geistern unserer dichter-denker mit, anknüpfend an die vorstellung des geistes als licht (19, l). wenn es bei Abbt als himmlischer funke erscheint (vgl.funke, fünkelîn der sêle im 14. jh. u. 19, l, α): sollte nicht der funke des genies durchgehends von einem und demselben feuer des himmels hergenommen sein? wenn man ihn leuchten sieht, so denkt man es wohl. 1, 31, bei Leisewitz 107 als der funken des himmels, so ist das bei Herder ein elektrischer funke id. 1, 34 u. ö., das genie ein zweiter Prometheus, der mit gefahr den elektrischen funken vom himmel holt fragm. 2, 205, auch funke und aetherstrahl ideen 1, 34 (vgl. der aetherstrahl genie Schiller I, 298. 302). denn wie in der wissenschaft der sog. nervengeist als aether in uns gefaszt ward (13, b), so bei Herder auch der weltgeist, der 'in uns denkt' (11, a) und als ätherischer oder elektrischer strom die ganze kette des lebens durchwirkt, sich steigernd von der pflanze bis zum menschen: ideen 1, 105; daher auch von der ('nervösen') aufregung in den geistern: von dem verfasser (Lavater) scheint es fast, als erfodere er zur gesundheit einen beständigen elektrischen zustand, und glaube nicht wärme genug zu haben, wenn er nicht funken von sich giebt. Kästner 4, 183; vergl. auch Bettine u. 19, m, α. alles zugleich erscheinungen, wie sie aus dem 14. jh. auch schon aufzuweisen wären, bis zum menschengeist der sich selbst als gott fühlt (Eckh. 465, 1. 675, 6).
g)
auch génie meint eigentlich einen gott im menschengeiste, nach römischer fassung, die schon im 16. jh. bei uns eingang fand, s. genius als salbung, gleich des Sokrates δαιμόνιον bei S. Frank u. e, bei H. Sachs dem dichter erscheinend und zusprechend u. 6, b, vergl. auch das. die alte schulvorstellung vom genius als göttlicher schaffenskraft im naturwesen (a gignendo genannt), als gott der natur, was denn jenem höchsten geniebegriff wie von oben die hand reicht. aber diese schöne tiefe und deutlichkeit ist uns in genie verloren, worin genius im 18. jh. aus Frankreich wie neu ins land kam (während die Engländer genius beibehielten), als ein unwiderstehlicher strom, und doch nicht ohne widerstreben, s. z. b. Herder II, 350 aus Heinze, der dafür z. b. geist und witz vorschlug; zu beschäftigungen, wo man .. zu seinem ziele zu gelangen, neue wege sich machen oder wenigstens bähnen musz, wird geist erfordert, oder genie, wenn jemanden das französische wort energiquer ist. Kästner 2, 174 (96). Wie bald aber der zusammenhang mit genius sich lockerte una löste, zeigt z. b., dasz ihn Kant sich wieder vermuten muszte: daher denn auch vermuthlich das wort genie von genius, dem eigenthümlichen, einem menschen bei der geburt mitgegebenen schützenden und leitenden geist, von dessen eingebung jene originalen ideen herrühren, abgeleitet ist. krit. d. urth. § 46. schuld daran war die vermischung mit ingenium, wie es auch bei Kant dort vorher heiszt: genie ist die angeborne gemüthsanlage (ingenium) u. s. w.; daher auch das genie, was eig. nicht gescheider oder geschmackvoller ist als es das geist, das dämon sein würde; nur wer der genie sagte, wie z. b. noch Wieland (1826) 16, 54. 44, 197. 211, Schiller VI, 272 (künstler 255), blieb beim eigentlichen sinne. auch im pl. liegen uns nun geníes und génien auseinander, während noch Bürger 1789 2, 239 in der betonung geníeen beides wol zusammen nehmen wollte.
h)
auch geist hat doch dafür gedient und thut es noch, nicht blosz als groszer, hoher geist (vergl. z. b. Gellert u. 22, e, α), auch geist für sich, z. b.: strenge beobachtung der regeln, mühsame nachahmung groszer muster ersetzen den mangel des geistes nicht und machen ihn oft nur kenntlicher. Kästner 2, 174 (96), vgl. denselben vorhin;
da rufen sie den geist an in der noth,
und grauet ihnen gleich, wenn er sich zeigt.
Schiller Piccol. 1, 4;
aber sein genie, ich meine, sein geist
sich nicht auf der wachtparade weist.
Wallenst. lager 6;
daher ist gekommen, dasz ich mit so viel natürlicher anlage so wenig gemacht und gethan habe. entweder es war durch die kraft des geistes gezwungen, gelang oder mislang, wie glück und zufall es wollten .. Göthe 29, 35 (24, 366 H.), aus Rom, von seinem schaffen in der geniezeit; es ist über Shakespeare schon so viel gesagt, dasz es scheinen möchte, als wäre nichts mehr zu sagen übrig. und doch ist dies die eigenschaft des geistes, dasz er den geist ewig anregt (vgl. 14, e). 45, 38, Shakespeares groszer geist s. 43;
o sprich mir nicht von jener bunten menge,
bei deren anblick uns (dichtern) der geist entflieht.
12, 10 (Faust, vorsp.);
ein jeder pfeiler (in der Stephanskirche) steht ein eigner held ..
und trägt des geistes königlichen stempel.
Körner (1861) 234.
ebenso wenn Kant den geist in der kunst als das talent definiert, das schnell vorübergehende spiel der einbildungskraft aufzufassen und in einen begriff zu vereinigen, der original ist und zugleich eine neue regel eröffnet, die aus keinen vorhergehenden principien oder beispielen hat gefolgert werden können (krit. der urth. § 49), wo der begriff des 18. jh. vom genie als vorgreifendem entdecker im verhältnis zu den beschränkten mitteln der schule und den vorhandenen vorbildern deutlich auftritt. s. auch 6, c der geist als genius, der uns innerlich etwas zuraunt, dem dichter beisteht (bei Bürger gut altdeutsch als kobold), auch griechisch als dämon 6, e, christlich als heiliger geist (z. b. im dichter) und blosz geist 10, l und i, als guter geist 7, a, und vergl. der geist der götter, der geist alles genies Herder u. 8, b, der geist der in einem wohnt u. ä. 8, d, voll geistes u. ä. 8, e.
24)
geist für sich überhaupt als höherer geist, begabung, talent, witz (esprit) u. ä., mit dem vorigen sich berührend, auch mischend.
a)
wie es sich hier vom ursprünglichen begriffe entfernt, zeigt der gegensatz, dasz jeder wol einen geist, aber nicht jeder geist hat (während nicht jeder, der geist hat, ein genie ist). damit ist aber der geist hier fast wie ein auszer uns befindlicher vorrat gedacht, der verschieden vertheilt ist, sodasz einmal überhaupt nicht alle daran theil haben (geistlos, ohne geist, s. c), aber auch die betheiligten diesz in verschiednem masze sind (reich, arm an geist, s. b), ja der einzelne zu verschiednen zeiten seinen theil verschieden besitzt oder auch ganz entbehrt, das letztere wie beim genie, genius, der als angeborne gabe seinen eigner doch auch wie nach laune im stich läszt oder besucht, wie das dichter erfahren und erzählen (z. b. Göthe 12, 10 vorhin), aber auch denker (z. b. J. Böhme, u. 8, d). und doch hat auch das sein entsprechendes schon beim ursprünglichen begriffe, bei geist als bewustztsein 18, a im niedern und höhern sinne (z. b. on geist hören), als stimmung 17, b, ja als volles leben, lebenskraft 2, c. d. und umgekehrt heiszt es auch vom genie, als menschengeist überhaupt: wenn wir (auch nur) von der auszenwelt sprechen .. verfahren wir wie das genie (sie nachschaffend). ohne genialität existirten wir alle überhaupt nicht. genie ist zu allem nöthig. was man aber gewöhnlich genie nennt, ist genie des genies. Schlegels Athen. 1², 78 (vergl. der geist des geistes u. 18, g, β), wie schon bei Gottsched dichkt. 351 von 'geist oder witz' (s. d) in eigentlich gleichem sinne, s. auch Drollinger u. e und Sulzer u. 11, g a. e. selbst von thieren. so bleibt alles doch éin begriff oder wesen (welches ja beides hier zusammenfällt), aber befähigt und bestrebt, sich in sich und aus sich selbst zu steigern. s. weiter von der wandelung des begriffs u. 25, e.
b)
arm oder reich an geist u. ä., jenes schon aus der bergpredigt geläufig: sêlic sint die armen des geistes, wan daʒ himelrîche ist ir. Beheims ev. Matth. 5, 3, οἱ πτωχοὶ τῷ πνεύματι, pauperes spiritu, Luther die da geistlich (d. h. geistig) arm sind, vgl. geistarm, wo deutlich wird wie ers verstand, s. auch von seinem armen geist 10, i;
arm an geiste kommt heut spät dein geliebter vor dich.
arm an liebe kommt er weder frühe noch spät.
Göthe bei Schöll br. u. aufs. 236 (3, 119 H.);
Necker .. immer karg an worten und reich an geist. Sturz 1, 106, vergl. geistreich; auch gering am geist (vgl. 22, d, β): eben diese tugend (demut) .. braucht ihren hohen verstand .. ohne damit zu pralen, und der geringere am geiste fühlt in ihrem umgange seine schwäche nicht. sie leiht ihm den ihrigen, und er verwundert sich dasz er so richtig denkt. Gellert 7, 91 (69). es hat einer viel oder wenig geist, ist voll oder leer an geist (vgl. geistvoll, geistleer): sie hat viel geist (verstand), beaucoup d'esprit. Rädlein 342ᵃ; von keiner menschenstirne strahlte mir noch so viel geist, so viel hohes, so viel göttliches entgegen. Schiller IV, 338, 21; er war träumerisch still und verrieth nur wenig geist. Tieck zu Novalis (1815) 1, xiii, von N. als kinde; wenn ich noch so geleret und vol geistes were, als etliche sich dünken lassen. Luther 6, 171ᵃ (s. 8, e);
hernach, wo er (Opitz) voll geists ein höher wunder preiset ..
Bodmer char. d. d. ged. 265.
aber armut des geistes auch anders, von mangelnder wissenschaft oder ausbildung, z. b. Lessing 1, 412, wie umgekehrt reichthum des geistes; vgl. Schillers geständnis von sich selbst, als er sich in Weimar an den dortigen gröszen unmittelbar messen konnte: das resultat aller meiner hiesigen erfahrungen ist, dasz ich meine armut erkenne, aber meinen geist höher anschlage als bisher. briefw. m. Körner² 1, 104.
c)
ohne geist, nicht ohne geist, z. b.: und musz man sich verwundern, dasz ein handwerksmann, der lateinischen und griechischen sprache unkundig (H. Sachs) so mancherlei sachen hat schreiben können, die nicht ohne geist seyn. Morhof unterr. (1718) 341; wenn ich die einfälle derselben (lappländischen lieder) betrachte, so sind sie warlich nicht ohne geist. 378 (nachher recht sinnreich), vergl. Hagedorn: so entdecket man vielleicht in den beiden lappländischen oden, die der Spectator anführet, und in einigen alten gesängen nordischer und americanischer völker so viel geist und wahre schönheiten, als in diesen liedern der Italiener. 3, vii; man sagt von gewissen producten .. sie sind ohne geist, ob man gleich an ihnen, was den geschmack betrifft, nichts zu tadeln findet. ein gedicht kann recht nett und elegant sein, aber es ist ohne geist. eine geschichte ist genau und ordentlich, aber ohne geist. eine feierliche rede ist gründlich und zugleich zierlich, aber ohne geist. manche conversation ist nicht ohne unterhaltung, aber doch ohne geist. selbst von einem frauenzimmer sagt man wol: sie ist hübsch, gesprächig und artig, aber ohne geist. was ist denn das, was man hier unter geist verstehet? Kant kr. d. urth. § 49, folgt eine ausführung über geist in ästhetischer bedeutung, als das belebende princip im gemüthe (s. 14, e, δ), das vermögen der darstellung ästhetischer ideen, die das gemüth beleben, indem sie ihm die aussicht in ein unabsehliches feld verwandter vorstellungen eröffnen, s. auch d a. e. und 26, c.
d)
es kreuzt sich aber im 17. 18. jh. mit witz, d. h. franz. esprit (engl. wit), bei Wolff witz gleich ingenium, i. e. facultas percipiendi rerum similitudines, auch zum erfinden nötig (metaph. § 360. 367). beide stehn sich eine zeit lang gleich, z. b.:
(wir wähnten) dasz andre luft (klima) uns mehr als unsre witzig macht,
dasz dieser himmel nicht des geistes kraft erwecket.
Hofmannswaldau begräbnisged. 30;
bei Gottsched dichtk. 351 (in s. ersten gründen der weltw. 2, 322 nur witz): was denn nunmehr die poetische art zu denken von der prosaischen unterscheidet? die vernunft kann und soll es nach dem vorigen nicht sein. was wird es denn wohl anders, als der witz oder der geist sein können? und in der that macht diese gemüthskraft .. einen groszen unterscheid in den gedanken u. s. w., es folgt eine psychologische ausführung in wolfischer art, in der man den begriff oder vorboten des bald nachher sog. genies erkennt, indem z. b. solche 'scharfsinnige' geister gleichsam in einem augenblick hundert eigenschaften von einer sache, die ihnen vorkömmt, wahrnehmen .. so ist ihnen denn allezeit eine menge von gedanken fast zugleich gegenwärtig, das gegenwärtige bringt sie aufs vergangene, das wirkliche aufs mögliche u. s. w. (vergl. Göthe u. f); bemerkenswert ist besonders auch, wie da vernunft und geist noch getrennt gehen (s. 18, b, γ), jenem das schulgerechte gebundene denken vorbehalten bleibt, dem geist aber ein frei schweifendes und gestaltendes, auch dem langsamen gange der vernunft vorgreifend, d. h. esprit als der keim von genie, wie eigentlich auch noch bei Kant, nur in vertiefter und erhöhter fassung, in der krit. d. urth. § 49 (vgl. u. 23, h), darin auch: das letztere talent ist eigentlich dasjenige, was man geist nennet (vorher genie), nämlich das unnennbare in dem gemüthszustande bei einer gewissen vorstellung auszudrücken und allgemein mittheilbar zu machen, der ausdruck mag nun in sprache oder malerei oder plastik bestehen (s. 181 Kirchm.). geist gleich witz, esprit z. b. auch beim scherzen (vergl. Gellert u. e):
selbst die schönheit vom gemüthe
bricht durch blick und antlitz vor,
und der reden geist und güte
kützelt oft ein lauschend ohr,
dasz mich auch das zusehn schmerzt,
wenn sie mit gespielen scherzt.
Günther 273.
von den alten Schweizern, im vergleich mit den jetzigen (i. j. 1734):
ihr sinn war stark und ungezieret,
und all ihr witz war nur verstand ...
(doch) der freiheit sitz und reich auf erden
kan nicht an geist unfruchtbar werden,
wer frei darf denken, denket wohl.
Haller 205.
auch werke des geistes, wie witzige schriften u. ä., schönwissenschaftliche: eben der gute geschmack, mit dem ein kaufmann die werke des geistes liest, wird ihn auch in seinen handlungsgeschäften angenehm und beredt und in seinen erfindungen neu und sinnreich machen. Gellert 5, 85 (64) u. ö.; werk des geistes Schiller X, 510, 26 schlieszt auch philosophie mit ein. noch in unsrer zeit geist so im franz. sinne: dieser verfall des geistes (bei den franz. schriftstellern nach der revolution) ist natürlich. damals war die freiheit ihre geliebte, jetzt ist sie ihre frau, und noch kein dichter hat die schönen augen seiner eignen frau schön besungen. Börne 3, 147.
e)
lange werden auch geist und witz gebunden, meist wol um den einen begriff von esprit zu erzielen (vergl. Kant u. f):
ihr, ihr süszen zuckermägdchen, ihr, ihr zärtsten Pindustöchter
(d. h. Musen),
seid nicht wie die andern jungfern ... wolt am liebsten lieb gewinnen,
die durch vieler jahre wissen, die durch vieler jahr erfahren
innerlich sich schön und hurtig voller geist und witz gebahren.
Logau 3, 5, 77;
von schilderung der frauen bei den dichtern:
in Frankreich macht man sie von lauter geist und witz.
Wernike 48;
menschen ohne geist und witz sind so wenig anzutreffen, als misgeburten und wundertiere, sagt Quintilian. Drollinger 193 nach Dubos (zur sache vgl. u. a); selbst von thieren (s. Sulzer u. 11, g):
es weisz ja jedermann, und ist bekannt,
wie sehr an geist und witz sich unterscheidet
ein schaf, ein hund, ein fuchs, ein aff', ein elephant.
Brockes 1, 460 (452).
'beim eintritt in die Leipziger Deutsche gesellschaft':
ihr Deutsche, die ihr euch für Deutschlands ruhm vereinigt,
ihr, die ihr unsern witz und unsre mundart reinigt ...
ich wag es (mich zu euch zu gesellen), nehmt von mir nur fleisz und eifer an,
wo ich durch witz und geist mich nicht erheben kann.
Kästner (1841) 2, 103;
o Weimar! dir fiel ein besonder loos!
wie Bethlehem in Juda, klein und grosz.
bald wegen geist und witz beruft dich weit
Europens mund, bald wegen albernheit.
Göthe 13, 136 (auf Miedings tod).
und wie da geist auch mit auf dem wege war, auf dem witz zu seinem heutigen begriffe kam (eig. geistreicher scherz), zeigt z. b., als zug im bilde von rechter freundschaft:
so bildet der geschmack den scherz.
den witz, den geist, die uns itzt scherzen lehren,
beseelt die liebe u. s. w.
Gellert 2, 64 (45);
vgl. liebe sonder geist ders. u. 18, a.
f)
aber beide schieden sich noch im 18. jh., und geist, der deutsche geist gieng höhere wege: in der französischen sprache führen geist und witz einerlei namen esprit. im deutschen ist es anders. man sagt, eine rede, eine schrift .. ist schön, aber ohne geist. der vorrath an witz macht es hier nicht aus .. wenn jene sachen und personen geistvoll heiszen sollen, so müssen sie ein interesse erregen und zwar durch ideen. Kant 10, 243; was ist der witz eines La Mettrie, mit dem er frech über das heiligste spottet, gegen den geist eines Hallers, mit dem er die religion und die rechte der vernunft vertheidiget? Gellert 6, 87 (55), 3. mor. vorl. a. e.; das was die Franzosen geist in schriften nennen, kann ihnen, nicht aber uns, unentbehrlich, vortreflich, belebend scheinen. Herder II, 357; der höchste charakter orientalischer dichtkunst ist, was wir Deutsche geist nennen, das vorwaltende des oberen leitenden (vergl. 14, e, δ) .. der geist gehört vorzüglich dem alter oder einer alternden weltepoche .. jene dichter haben alle gegenstände gegenwärtig und beziehen die entferntesten dinge leicht auf einander (vgl. Gottsched u. d), daher nähern sie sich auch dem was wir witz nennen. doch steht der witz nicht so hoch, denn dieser ist selbstsüchtig, selbstgefällig, wovon der geist ganz frei bleibt, deshalb er auch überall genialisch genannt werden kann und musz. Göthe 6, 78 (4, 269 H.); die französische nation, ihr geist und ihre literatur haben und sind esprit, versetzte der diaconus .. unsere literatur ist ein product der speculation, der freiwaltenden phantasie, der vernunft, des mystischen puncts im menschen (vergl. u. 21, e). die gaben dieser von grundaus gehenden arbeit des geistes sich anzueignen sind eben nur wieder geister, welche die arbeit stählte, vermögend. Immermann Münchh. 2, 215. 216 (2, 10); es gibt viele liberale politische schriftsteller in Paris, die mit geist, mit kraft sogar, mit witz gewiss, schreiben .. aber .. ihr witz gleicht dem blitze, der strahl zündet kein zweites mal. Börne 4, 8 fg.
g)
doch auch der geist, wie da der witz, zu zeiten auf falschen wegen, z. b. bei Hofmannswaldau, in widerspruch mit dem verstand kommend (wie bei Haller nachher mit der vernunft):
bei ihm bekam der geist den rang vor dem verstande,
dasz er an wahrheit statt ein sinnenspiel erfande u. s. w.
mit solchem falschen witz düngt Hoffmann sein gedicht ..
Bodmer crit. lobged. 32 (char. d. d. ged. 335. 353),
während Opitz das. s. 27 (v. 222) gelobt wird als
gleich zärtlich (zart, fein) an gefühl, an geist und an verstand.
das heiszt auch falscher witz, wie eben bei Bodmer, falscher geist, franz. faux esprit (s. Littré): weil in ihren (Hoffmannswaldaus und Lohensteins) schriften mehr falscher als wahrer witz .. anzutreffen. Wernike 1704 s. 171;
seit Boileau den Parnass von falschem geist gereinigt,
hat reimen und vernunft in Frankreich sich vereinigt?
Haller 123.
daher selbst unsinn als geist und umgekehrt (wie manche jetzt drauf und dran sind, den geist im sog. ulk zu suchen):
und ist das glück so ungemein,
von einer welt gerühmt zu sein ...
die wildheit muth, den unsinn geist
und ehrsucht grösze nennet?
Gellert 2, 67 (47), der ruhm.
Bemerkenswert auch zu viel geist, witz: wie der schatten das licht angenehmer macht, so wird durch eine sittsame einfalt die lebhaftigkeit des witzes erhöht. denn ein werk kan auch mehr geist haben als ihm gut ist, gleichwie der überflusz an blut einem leibe verderblich fällt. Drollinger 209 nach Pope, mit der anm.: herr Pope selbsten hat mehr geist als körper, mehr gedanken als worte u. s. w., d. h. Popes gedanke ist nicht ganz gefaszt; ja man kan in dergleichen gelegenheiten, die eine ernsthafte .. schreibart erfordern, sich sogar durch zu viel witz eines vernünftigen lesers verachtung auf den hals ziehen. Wernike 210, mit berufung auf einen gleichen tadel des Seneca gegen Ovid, auch auf Dionys. Halicarn. (wo witz als verborum delitiae erscheint). und wieder in unsrer zeit, geist als falscher oder 'zu viel geist', z. b. in treffendem vergleich mit raketen:
in der gesellschaft, wo am blanken theetisch
das wasser brodelt und der blaustrumpf glänzt,
und wo prosaisch bald und bald poetisch
des geists rakete durch die luft sich schwänzt,
langweilt' er sich ..
Geibel ged. 152 (Clotar).
so geist schreiben, brieflich: er ging trällernd ein paarmal in der stube auf und ab .. legte sich zwei bogen postpapier zurecht, und schrieb .. gleichzeitig die beiden briefe, den spirituellen und den submissen, (immer) erst eine zeile geist an den erbprinzen und dann eine zeile angemessenes an den regierenden herrn. Immerm. Münchh. 3, 194 (6, 15). vergl. geistreich auf demselben abwege (geistvoll noch nicht), wo der geist mehr sich selber spiegelt und beleuchtet, als die welt und wahrheit (vergl. Bodmer vorhin), wenn ihm sein bewusztsein zu sehr zum selbstbewusztsein geworden ist (wozu ihn freilich die philosophen drängen); s. auch u. 18, g von zu viel geist in unsrer bildung überhaupt.
h)
geist als besondere begabung in verschiedener abstufung.
α)
z. b. geist zum dichten, erfinden u. ä.:
lust und muth und geist zum dichten ..
suchen mit gewalt zu flüchten ..
weil der zunder deiner küsse
meinen trieb nicht mehr erweckt.
Günther 263;
zum entdecken gehört glück, zum erfinden geist. Göthe 50, 163, hier zugleich als 'schöpferischer geist' (23, d). vergl. im 16. jh. geist als redegabe u. ä. (eig. heil. geist) 10, i und wieder auch vom manne selber (21, d ff.): ein geist, ganz für die musik geschaffen, kann gleichsam ein ganz heterogenes wesen gegen ein genie sein, das eben so sehr für die bildenden künste gebildet (geschaffen) ist. Herder IV, 37.
β)
geist und talent verbunden: menschen von weniger geist und talent (als Thümmel, Lessing) glaubten das gleiche, ja noch mehr thun zu dürfen. Göthe 26, 198 u. ö., es scheint, wie 'geist und witz' u. e, den begriff von geist durch den zweiten begriff färben und bestimmen zu sollen. doch auch unterschieden: sich von einem eigenen irrthum loszumachen ist schwer, oft unmöglich bei groszem geist und groszen talenten. 54, 107, die talente wol als attribute von geist. ähnlich geist und genie gesondert: man hat auch bei diesem unternehmen (Schillers Wallenstein) gesehen, dasz man eigentlich alles wagen kann, sobald man mit genie, geist und überlegung wirkt. Göthe an W. v. Humb. 71; vgl. in der 'heiteren' aufzählung 36, 208 genie, talent und geist beisammen.
γ)
auch geist und fleisz (vergl. vorhin geist und glück): wenn wir bedenken, welche schritte geist und fleisz hand in hand gethan haben, um aus dem beschränkten hebräischrabbinischen kreise bis zur tiefe und weite des sanscrit zu gelangen (bei erkenntnis des orients). Göthe 6, 218. geist und geschmack, die nicht immer im einklang sind:
beklagt des grüblers trocknen fleisz,
der in der alten besten werken ..
nur wörter auszusichten weisz.
ihr geist, geschmack und unterricht
befruchtet seine seele nicht u. s. w.
Hagedorn 1, 93,
wo zugleich genius gemeint ist, wie im folg. esprit;
hier (in Leipzig), wo sich früh, vor mancher deutschen stadt,
geist und geschmack entfaltete, die bühne
zu ordnen und zu regeln sich begann.
Göthe 11, 367;
dazu kommt meine neigung zur dichtkunst .. und das bedürfnis, meinen geist und geschmack auszubilden. 19, 154. geist und geschmack einer nation s. 29, b Abbt.
25)
von gewissen richtungen, stimmungen oder arten des menschengeistes, die zugleich wie geister für sich behandelt werden (s. e), z. b. der geist des widerspruchs, der liebe, der forschung.
a)
es geht zurück auf biblisch-kirchliche vorstellungen.
α)
biblisch z. b. geist der welt, bei Paulus: wir aber haben nicht empfangen den geist der welt, sondern den geist aus gott. 1 Cor. 2, 12. von bösen geistern s. z. b. aus dem 15. jh. u. 7, g den geist der hoffart und des neids, die vom Satan entsendet unter dem volk in Nürnberg aufruhr anfachen, indem sie die herzen und zungen besitzen, in besitz nehmen, darin ihre wohnung aufschlagen (s. 8, a); die vorstellung wirkt noch deutlich nach in folg.: vielleicht regt sich der geist des widerspruchs, der in allen menschen wohnt, nie lebendiger und wirksamer als in solchem falle. Göthe 22, 172 (wanderj. 2, 9); vgl. Faust zu Mephistopheles du geist des widerspruchs! 12, 211 (Walpurg.) und von Herders widerspruchsgeist 25, 298. auch noch geist der lüge u. ä.: protestiren gegen den geist der lüge, der tausend zungen spricht und sich .. eingeschlichen hat in alle unsere .. verhältnisse. Wienbarg ästh. feldz. 34 (eingeschlichen wie ein feind in eine gesellschaft). s. auch im 17. jh. u. 7, e, α a. e. hochmuthsgeist, zankgeist u. ä. geradezu als teufel, daher auch hoffarts-, ↗hochmuthsteufel u. ä. Auch ein geist der ungeduld, der unruhe, der zwietracht u. ä., d. h. eig. ein einzelner aus dem reich des bösen mit diesem bestimmten wirkungskreis:
jetzt (seit ihrem tode) rafft ein geist der ungeduld
es oft mir aus der brust (das blümchen Wunderhold).
Bürger 85ᵃ;
vielmehr war er durch einen heimlichen geist des widerspruchs mit heftigkeit auf die entgegengesetzte seite getrieben. Göthe 19, 148 (lehrj. 5, 2). im 16. jh. z. b.: wo habend sy das gelernet? sich von der christenlichen kilchen rotten .. das mag ye nit ein geist der einträchtigheit sin. Zwingli vom touf r iijᵃ, ein geist der zwietracht lenkt sie. im folg. geist des aberglaubens mag schon mehr esprit (c) anklingen:
gesetzt, dasz hier und dar des aberglaubens geist
die wissenschaften drückt und mit verfolgung wüthet ..
Günther 655.
β)
von guten geistern in uns, die von oben, von gott kommen, s. u. 10, f aus dem A. T. geist der weisheit, des verstands, des rats und der sterke, der erkenntnis u. ä., aus dem N. T. geist der warheit, der vom vater ausgehet, geist des glaubens u. ä., vergl. u. 8, b. c, wie ein solcher geist im menschen wohnt, auf ihm ruht, über ihn kommt u. ä., auch z. b. der geist aller kunst und cultur Herder u. 8, c; durch den geist der reinheit, der sie (die liebe) selbst ist. Göthe an Aug. Stolb. 101. so noch der geist der liebe, des friedens (vergl. u. b), der eintracht, des vertrauens, der freudigkeit u. s. w., der z. b. in einem hause herrscht (herr ist), einen menschen regiert (s. 8, f). auch, ungewöhnlich:
herzer bruder, mich verdreuszt,
dasz sich meiner liebe geist
nicht so merklich kunt kan geben.
S. Dach 568.
γ)
auch mit adj. (vgl. d), z. b. für der geist des zorns auch der zornige geist Luther 3, 26ᵇ (s. 8, f), noch jetzt, doch meist mit dem unbestimmten art. (wie u. α): ein herrnhutischer geist auf den kanzeln. Herder IV, 411; es herrscht ein muntrer, unruhiger geist o. ä. in dem hause; die erwiderung ist in einem versöhnlichen geist gehalten, aber auch in friedfertigem geiste u. ä., womit es denn aus der anschaulichkeit vollends ins innere oder begriffliche gerückt ist als stimmung, gesinnung, 'tendenz'.
b)
seit dem 16. 17. jh. schob sich diesem geist die römische vorstellung des genius unter und ein (s. 6, b), noch im 18. jh. auch aus der bildenden kunst jedermann geläufig, wie nachklingend noch jetzt bei dichtern und in gehobener rede, z. b.: mit ihr hat der geist der ruhe unser haus verlassen; auch schwebend, wie geflügelt, z. b. der geist der liebe 19, e a. e., des friedens:
o geist, der über diesen wassern lebt ..
du geist des friedens, der mich jetzt umschwebt ..
Herwegh lieder eines leb. 1, 190.
im 18. jh. z. b.: wenn der geist der erfindung vor mir über streicht .. d. j. Göthe 1, 396; ich möchte, wie ein dichter, den weithinsehenden Apoll und .. die alleswissenden musen anrufen (zur schilderung Griechenlands), aber der geist der forschung sei mein Apoll und die partheilose wahrheit meine belehrende Muse. Herder id. 3, 135 (13. buch, vorw.);
warum blickst du so wild? was siehest du? siehst du erscheinung?
nahet dir eine todtengestalt?
'keine todtengestalt ... aber dennoch ein geist,
ha der schreckliche geist der freiheit, durch den sich die völker
jetzt erfrechen zu sehn, was sie sind!'
Klopstock od. 2, 133 (der fürst u. sein kebsweib).
auf der schwelle zwischem anschaulichem und begrifflichem, der äuszerlichen und innerlichen vorstellung steht z. b. (vergl. schon u. 6, b): aber da waltete kein froher geist über dem ganzen (dem Groszcophta als oper), es gerieth ins stocken .. Göthe 30, 268.
c)
im 18. jh. mischte sich dann auch das franz. esprit ein und das anschauliche geht ganz im begrifflichen auf, wenn auch noch wendungen, wie dasz der geist der menschlichkeit einem die feder führt, etwas dictirt, an den biblischen ursprung erinnern; doch mischt sich auch genie, genius leicht ein.
α)
mit gen. z. b.: überhaupt läszt sich von keinen briefen weniger hoffen (zur besserung des stils), als von denen die der geist des ceremoniels und der mode eingeführt .. hat Gellert 4, 67 (56); eben der geist der ordnung, der klugheit, der symmetrie, der den Paul Aemil eine armee vortheilhaft stellen lehrt, wird ihn auch ein allgemeines fest für ganz Griechenland mit einer anständigen pracht anordnen lehren. 5, 85 (64); eben der geist der menschlichkeit, der ihn (Plinius) bewegt, wenn er bei dem Trajan für seine freunde bittet, wird ihm auch die feder führen, wenn er die sache des streites erzählt. das.; es sei, dasz noch durch keinen streit die wahrheit ausgemacht worden .. der streit hat (doch) den geist der prüfung genähret. Lessing 8, 211; da doch der mönchsgeist nicht der ächte geist des christenthums ist. Zimmerm. eins. 3, 240; vom geist des christenthums. Herder XX, 3 ff.; der geist der religion hat sich verändert. in den zeiten, da die dichtkunst blühete, herrschte noch eine gewisse wilde einfalt u. s. w. I, 267; was für ein blick überhaupt auf diese gegenden (im slavischen osten), wenn einmal der geist der kultur sie besuchen wird! IV, 402; je mehr aber auch sie kultur empfingen .. desto mehr drang sich ihnen unvermerkt, ja oft wider ihren willen, der schönere, ruhige geist des kunstfleiszes, des ackerbaues, des handels und der wissenschaft auf. ideen 3, 321; der geist ihrer (der propheten) reden war patriotismus. XX, 129, was sie trieb und spornte; weil sie den sanften geist der duldung verbreitet. Schiller IV, 64, 16. 21; dem geist der forschung war eine bleibende schranke gesetzt. VIII, 21, 13; der geist der freiheit hatte sich also .. weit lebhafter regen, weit schneller entwickeln müssen. IX, 162; der geist der unabhängigkeit. X, 306, 22, der ordnung 290, 12;
edler geist des ernstes soll
sich in jünglingsseelen senken.
Uhland 13.
seltener tadelnd oder von schlimmen richtungen, z. b.: in den urtheilen (Woltmanns) herrscht .. ein gewisser geist der kleinigkeit und der nebensache. Schiller an Göthe 17. sept. 1800, esprit de bagatelle; welcher patriot kennt und beklagt den geist der kleinheit nicht, der unser vaterland ängstigt. Schubarts leben 2, 115; darum geht ein geist der verwesung in unserm staatsgebäude um. Görres Teutschl. u. die rev. 125.
β)
vielfach in form der zusammensetzung, z. b.:
es war ein reicher abt vom baugeist stark gerühret.
Drollinger 167 (fou de l'architecture 166);
warum ward er (Voltaire), der stets partheygeist neckte,
geflissen selbst der stifter einer sekte?
Gotter 1, 372,
d. i. geist der parteiung; dasz Bodmer selbt bei einem lehrbuche sich nicht völlig vom controversiengeiste frei machen kann. Herder IV, 307, esprit de controverse; nach dem toleranzgeist, der sich auch .. in der griechischen religion mehr ausbreitet. 402; der edle bemerkungsgeist. ideen 2, 69, der empirischen beobachtung; dem tollen eroberungsgeist entsagen. 3, 76; handelsgeist in Europa. 4, 274, esprit de commerce, kriegergeist 276. 284, rittergeist in Europa 285; der abstractionsgeist Schiller X, 289, ein nüchterner beobachtungsgeist 511, der philosophische untersuchungsgeist 276, der sammlungsgeist Göthe 38, 57, lesegeist Schubart leben 1, 9. so noch unternehmungsgeist (esprit d'entreprise), parteigeist, krämergeist, kleinigkeitsgeist u. ä.
γ)
ungewöhnlich mit inf.: ich will mich .. vom geist der schriftstellerei abwenden und zum geist zu handeln gewöhnen! Herder IV, 409; ein herrnhutischer geist .. kann den geist einführen, bibliotheken zu verbrennen .. aus frömmigkeit ignoranten zu werden. 411, wie franz. z. b. (s. Littré 2, 1496ᵇ): tout le monde était nourri dans l'esprit d'observer les lois. Bossuet. vergl. im 16. jh. geist so mit inf. als gabe, u. 10, i.
d)
auch mittels des adj. bestimmt, wie u. a, γ.
α)
in der wissenschaft: eben der beobachtende geist, der in ihm (Mylius) den reichthum der erde durchforschte, lenkte sich auch auf die entferntesten himmlischen körper. Kästner 3, 157; über den gebrauch des mathematischen geistes auszer der mathematik. 2, 173 ff.; den so mühsamen beobachtern der mathematischen methode (in andern wissenschaften) fehlte grösztentheils der mathematische geist. 174; weil er auch ein philosophischer geist ist. 175; seit der reformation erwachte der wissenschaftliche geist in ganz Europa. Steffens die gegenw. zeit 283; Fichte .. muszte fürchten, von dem unaufhaltsam systematischen geiste seiner philosophie .. weit über seinen zweck fortgerissen zu werden. Schlegels Athen. 3, 284, der also mehr in seinem system als in ihm selbst seinen sitz hatte (vgl. 26, f, γ).
β)
aber nicht blosz von geist so im heutigen engern sinn, auch kriegerischer geist u. ä.: auch den Arabern ging die morgenröthe der kultur nicht eher auf, als bis die energie ihres kriegerischen geistes .. erschlafft war. Schiller X, 306, 19; der abergläubische geist einer gegend, zeit, aufrührischer geist, rebellischer, militärischer, kameradschaftlicher geist u. a.
γ)
in der kunst: gleich als ob hierdurch der längst entschlafene poetische geist (in mir) wiederum erweckt worden wäre. Wernike vorr. a 6ᵇ; freilich läszt sich durch critik, regeln und feile kein epischer geist geben und haschen. Herder II, 164; auch die geschworenen feinde alles poetischen geistes. Schiller X, 498; ich habe heut den Wallenstein aus der hand gelegt und werde nun sehen, ob der lyrische geist mich anwandelt. an Göthe 25. juni 1798; hier (bei Schröder) wird alles süsz, was Shakspeares hoher tragischer geist uns verbittert hat. Göthe 45, 56. vgl. u. 26, g der geist der dichtkunst u. ä., als geist für sich gedacht wie im folg.: der dichterische geist ist unsterblich und unverlierbar in der menschheit. Schiller X, 450; der schlesischen dichter, in deren regelrechten alexandrinern sich grösztentheils nur der schleppende geist forterbte, der ihnen aus den gelehrten schulen .. anklebte. Docen misc. 1, 247.
e)
die u. 24, a bemerkte wandelung des begriffs greift hier weiter. wenn dort schon der geist nicht mehr notwendig zusammenfällt mit dem ich (dessen lebenskern er doch ursprünglich ist, s. 14, e), so geht hier die unterscheidung bis zur völligen trennung. denn der geist der liebe, der forschung, der epische geist u. s. w., obwol im menschengeiste auftretend oder erwachsend, wird doch dabei auch wie eine macht für sich behandelt, wie zugleich auszer dem menschengeiste bestehend, und zwar wie éiner, der doch überall erscheinen kann. denn selbst wenn z. b. der geist des widerspruchs in allen menschen wohnt (a, α), ist er doch zugleich wie éiner gedacht, mit éiner wirkung in allen und éinem quellpunkte für alle. also geist über dem menschengeiste, aber auch mit einer einheit für sich, zugleich wie unabhängig vom einzelgeiste und doch in ihm mit überall gegenwärtiger wirkung: kurz, der begriff ist auf dem wege vom einzelnen zum allgemeinen geiste, der wieder in der verschiedensten abstufung auftritt. die hauptfrage ist dabei, wie weit auch dieser noch wirklicher geist bleibt, d. h. die ich-form festhält (18, h). in der alten vorstellung geschah das dadurch, dasz man diese geister als genien, als engel oder teufel, vom obersten guten oder bösen geiste kommend dachte, wie jetzt noch die dichter, am deutlichsten in dem alten frau Treue, frau Wahrheit u. ä., die im volksliede noch nicht ganz verschwunden sind (s. 29, d, ε). in der blosz begrifflichen auffassung von heute ist jener geist eigentlich ohne einheit und ichheit, erscheint also mehr wie ein vorrat, der bald hier bald dort einem geist zugetheilt wird, d. h. er wird eigentlich unter den begriff des stoffes gestellt, zu dem doch der geist begrifflich im gegensatz steht (20, b). dieses schwanken zwischen geist als wirklichem geist mit einheit und in mehr stoffartiger erscheinung oder vorstellung durchzieht denn auch die folgende entwickelung, wobei es doch an sich als notwendig erscheinen will, dasz der geist bei seiner weiteren erhöhung gerade in dem begriff der zusammengefaszten einheit und ichheit sich schärfer ausbilde und darstelle, um die ja der einzelne geist schon ringt, um sich zu sichern (vgl. u. 30, c), und er sucht und findet diese sicherung eigentlich nur beim allgemeinen geiste in irgend welcher form. für diesen die erhöhte ichheit zu gewinnen ist denn auch das in deutlichkeit wachsende trachten der einen denkrichtung, die sich an unsere groszen dichter anschlieszt (vergl. bes. 29, e) und damit eigentlich der alten, vorkritischen vorstellung die hand reicht, während der kritische verstand beide als blosze dichtung behandeln musz, der freilich auch mit der einheit des einzelgeistes eigentlich doch nicht zurecht kommen kann, da er damit zuletzt immer auf das fühlen angewiesen bleibt, dem er doch den zutritt in seinen arbeitskreis glaubt versagen zu müssen.
26)
geist in wort und schrift, in kunst und wissenschaft, d. h. der geist wirklich in erscheinung auszer sich selbst, zugleich auf der brücke zum allgemeinen geiste (28).
a)
der geist im gewand von wort und sprache, diese als sein körper, vgl. 20, a, auch Drollinger u. 24, g.
α)
von geist und sprache überhaupt: die sprache ist die hülle des geistes. je zarter sie sich an ihn anschmiegt, desto durchsichtiger wird sie, desto klarer tritt der geist hervor. Heinroth lebensstudien 2, 109, vergl. Herder u. gedanke 7, d; nicht die sprache an und für sich ist richtig, tüchtig, zierlich, sondern der geist ist es der sich darin verkörpert. Göthe 50, 159; wenn der schulverstand, immer vor irrthum bange, seine worte wie seine begriffe an das kreuz der grammatik und logik schlägt, hart und steif ist, um ja nicht unbestimmt zu sein, viele worte macht, um ja nicht viel zu sagen .. so springt hier (beim genie) wie durch innere nothwendigkeit die sprache aus dem gedanken hervor und ist so sehr eins mit demselben, dasz selbst unter der körperlichen hülle der geist wie entblöszt erscheint. Schiller X, 439. vom geist der sprache selbst s. h.
β)
doch wiederholt sich hier auch der widerspruch zwischen geist und körper, der sich bis zur kluft erweitern kann (vgl. u. gedanke 7, d): weil das mittel, dessen sie (poesie und beredsamkeit) sich bedienet, nämlich die sprache .. ein sprödes wachs ist, das oft ausspringt, wenn man die bilder des geistes hineindrücken will. Gellert 5, 273 (190); tausend schönheiten verduften (in einer übersetzung), und oft ein theil vom geiste selbst. Herder II, 360;
warum kann der lebendige geist dem geist nicht erscheinen?
spricht die seele, so spricht ach schon die seele nicht mehr.
Schiller XI, 179.
so zumal bei der schulsprache, wenn sie den höchsten und tiefsten geist fest einfangen und auszer sich setzen will in worte:
musz ich dem trieb mistraun, der leise mich warnt ...
bis auf die ewige schrift die schul' ihr siegel gedrücket
und der formel gefäsz bindet den flüchtigen geist?
Schiller XI, 68 (der genius);
du kerkerst den geist in ein tönend wort,
doch der freie wandert im sturme fort.
321 (worte des wahns);
um die flüchtige erscheinung zu haschen, musz er (der philosoph) .. ihren schönen körper in begriffe zerfleischen und in einem dürftigen wortgerippe ihren lebendigen geist aufbewahren. X, 276, zu flüchtig vgl. 12, e, s. auch Kant u. b, α.
γ)
worte, sprüche, reden haben auch ihren geist für sich, als lebendigen kern in worthülle: „alles für jeden und jeder für alle!“ es ist ein freudiger geist in den worten, und er ergreift auch immer meine menschen (krieger) wie göttergebot. Hölderlin 257; so sprachen wir. ich gebe dir den inhalt (des gesprächs), den geist davon. aber was ist er ohne das leben? 214; vgl. 12, g geist aus schriften gezogen. dabei wieder jener widerspruch, in bezug auf die sprache der wissenschaft: und doch ist jede wortüberlieferung so bedenklich. man soll sich, heiszt es, nicht an das wort, sondern an den geist halten. gewöhnlich aber vernichtet der geist (der andere, der es auffassen soll) das wort, oder verwandelt es doch dergestalt, dasz ihm von seiner früheren art und bedeutung wenig übrig bleibt. Göthe 53, 79 (36, 93 H.), vgl. von der gefahr, das wesen durch das wort zu tödten 52, 306 (farbenl. § 754).
b)
der gegensatz auch noch schärfer gefaszt als geist und buchstabe.
α)
so schon biblisch, bei Paulus, γράμμα und πνεῦμα: der buchstabe tödtet, aber der geist machet lebendig. 2 Cor. 3, 6 (vgl. 14, e); es leidet die schrift nicht solch spalten des buchstabens und geistes, wie Emser frevelt, ist nur .. ein einfeltiger sinn darinnen. Luther 1, 378ᵇ, vgl. im geist verstehen 10, i a. e.; so man den tödtenden buchstaben und ausgetruckten text laszt faren und hangt an dem geist der hölltiefen speculationen unserer professorn auf römischen hohenschulen, welcher geist allein lebendig macht. Fischart bien. 1588 174ᵇ (am rande der röm. geist ist ketzermeister über den heil. geist); man redet schon lange von einer allmacht des buchstabens, ohne recht zu wissen was man sagt: es ist zeit dasz es ernst damit werde, dasz der geist erwache und den verlornen zauberstab wieder ergreife. Fr. Schlegel Athen. 3, 15. bemerkenswert bei Kant in der definition der ästhetischen idee, als welche zu einem begriffe viel unnennbares hinzu denken läszt, dessen gefühl die erkenntnisvermögen belebt und mit der sprache als bloszem buchstaben geist verbindet. krit. d. urth. § 49 (s. 180 Kirchm.), also geist nicht eigentlich als gedachtes, sondern als ein gefühltes unnennbares, für welches begriff wie sprache nicht reichen, das aber dem 'geist' im heutigen sinne sein leben gibt (s. 14, e, δ); vgl. Schiller u. α, β vom 'lebendigen' geist, der den worten sich entzieht, und Göthe spr. in pr. 743 von der idee, die selbst in allen sprachen ausgesprochen doch unaussprechlich bliebe, d. h. es ist der alte eigentliche begriff von geist als innerstem, geheimem, ja verstecktem lebenskern und quell (s. 19, a), der auch wiederkehrt in seiner erscheinung in schrift und kunst. vergl. u. g.
β)
so geist und buchstabe eines gesetzes, einer verfassung u. ä., von denen bei streitiger auslegung die rede ist. der geist geht auch da im buchstaben nicht auf, schwebt mehr in oder über dem ganzen (der 'allgemeine' geist), entweicht leicht u. s. w.: seitdem unsre römischgelehrten richter den geist der deutschen verfassung verloren haben .. Möser phant. 1, 163, seit sie ihn nicht mehr in sich haben und daher in der d. verfassung nicht mehr finden und verstehen; so wie ein mensch im porträt immer ein sonntagsgesicht macht und nur erst dann wahr erscheint, wenn wir ihn in der beweglichkeit des lebens sehen, so ist es auch mit der form der staatsverfassungen. der geist ist es, der sie beleben musz u. s. w. Hegner molk. 1, 79; Jherings geist des römischen rechts, Montesquieus geist der gesetze, esprit des lois. auch der allgemeine geist, der nur aus dem ganzen zu gewinnen ist: dieselben gesinnungen finden wir in den übrigen staaten Griechenlands .. wo immer der eine theil (partei) den andern zu unterjochen strebte und den vortheil des stärkeren für den allgemeinen geist der gesetze ansah. Jacobi Wold. 1, 146.
γ)
im einzelnen gleich sinn, was eigentlich gemeint war vom gesetzgeber: wo sich ein fall zuͦtruͤg, das ein gesetz wider gemeinen nutz und lieb wer, so soll man dem gesatzgeber in das herz sehen (welches ist der geist, kern und seel aller gesatz), wie er es doch gemeint hab. S. Frank parad. 240ᵇ (nr. 178). auch gleich absicht, besonders unausgesprochene, verborgene: der geist dieses gesetzes, der menschlichen thorheit zweimal im jahre einen frölichen ausbruch zu gönnen, damit sie keine böse gehrung im körper (der gemeinde) veranlasse. Möser phant. 2, 317 (nr. 72), vom glücksspiel am abend der heil. drei könige im Bockholter stadtrecht. vgl. u. 17, c der geist aus dem wir handeln Göthe, von einer handlung, dem buchstaben, aber nicht dem geiste (der gesinnung) nach moralisch gut Kant.
δ)
auch von ungeschriebenen gesetzen, pflichten u. ä.:
doch wir (von der liebhaberbühne) gehören ja zum groszen handwerk nicht ..
kein wunder, dasz dem geiste jener pflicht
die sitte unsrer schule widerspricht.
Gotter 1, 77,
d. h. wie es im (franz.) lustspiel den Lisetten als pflicht 'vorgeschrieben' ist, ihre liebhaber zu behandeln. geist von trieben:
kann rührender die liebe sprechen,
als durch den himmel, den sie giebt?
vernimm den sinn, den geist der süszen lebenstriebe ..
Tiedge Urania 4, 65,
was gott und natur eigentlich damit meinen, wollen.
ε)
geist und sinn eines schriftstellers: im ganzen leuchtet der geist des Tacitus aus ihr (der übersetzung) sehr gut hervor. Herder IV, 336; man glaubte voraus zu sehen, dasz sich nun die handelsweise Hamlets gar gut werde erklären lassen, man freute sich über diese art, in den geist des schriftstellers einzudringen. jeder nahm sich vor, auch irgend ein stück auf diese art zu studiren und den sinn des verfassers zu entwickeln. Göthe 19, 28 (lehrj. 4, 3 a. e.); alles memoriren helfe nichts, wenn der schauspieler nicht vorher in den geist und sinn des guten schriftstellers eingedrungen sei. 183 (5, 7). auch geist einer rolle: auch glaubte ich recht in den geist der rolle (des Hamlet) einzudringen, wenn ich die last der tiefen schwermuth gleichsam selbst auf mich nähme. 26 (4, 3), einzudringen, wie in die verborgene mitte. aber der geist des dichters blickt auch selbst heraus: die schönen stellen, aus welchen der reine geist des dichters gleichsam aus hellen offenen augen hervorsieht. 19, 173 (5, 6), der reine, wie den hemmenden stoff und buchstaben voll durchdringend und durchbrechend (vgl. 18, g, γ). umgekehrt der geist des auffassenden jenem gegenüber: ich habe bei schauspielern, so wie überhaupt, keine schlimmere anmaszung gefunden, als wenn jemand ansprüche an geist macht, so lange ihm der buchstabe noch nicht deutlich und geläufig ist. 19, 184 (5, 7 a. e.).
c)
geist in der dichtkunst.
α)
im gegensatz zum sinnlichen, stofflichen: siegen gleich die alten dichter in der einfalt der formen und in dem was sinnlich darstellbar und körperlich ist, so kann der neuere sie wieder im reichthum des stoffes, in dem was undarstellbar und unaussprechlich ist, kurz in dem was man in kunstwerken geist nennt, hinter sich lassen. Schiller X, 455, s. Kant u. b, α; wenn man daher an den schöpfungen des naiven genies zuweilen den geist vermiszt, so wird man bei den geburten des sentimentalischen oft vergebens nach dem gegenstande fragen. beide werden also, wiewol auf ganz entgegengesetzte weise, in den fehler der leerheit verfallen, denn ein gegenstand ohne geist und ein geistesspiel ohne gegenstand sind beide ein nichts in dem ästhetischen urtheil. X, 500; auch im unterschied von leben und seele:
leben athme die bildende kunst, geist fodr' ich vom dichter,
aber die seele spricht nur Polyhymnia aus.
XI, 303 (tonkunst).
vgl. gedichte ohne geist, rede ohne geist Kant u. 24, c, auch Morhof, Hagedorn das.
β)
ein dichtwerk hat auch seinen geist für sich, als künstlerisches ganzes, als kleine welt für sich, z. b. vom Messias vor seiner vollendung: einige haben nicht über ein fragment urtheilen wollen, weil es noch kein ganzes wäre .. kann ich denn nicht über den geist der theile .. als über ein ganzes urtheilen, ohne ein prophet sein zu dürfen? Herder I, 275 (fragm. 2, 240), der geist des ganzen doch schon in den theilen, wie in seinen gliedern erkennbar; hätte ein lied von guter weise (poetischer tonart, melodie) einzelne merkliche fehler, die fehler verlieren sich .. der geist des liedes, der allein in die seele wirkt und gemüther zum chor erregt, dieser geist ist unsterblich und wirkt weiter. volkslieder 2, vorr. 34. auch lebendiger geist, worin der eigentliche begriff des geistes durch lebendig gesichert werden soll (vgl. u. a, β):
nicht muster zwar darf uns der Franke werden (im trauerspiel),
aus seiner kunst spricht kein lebend'ger geist.
Schiller XI, 325 (an Göthe beim Mahomet).
γ)
als gegensatz zum geist erscheint aber nicht nur stoff und gegenstand (s.α), sondern auch die regel, in der man leicht eben den geist sicher eingefangen wähnt: es (minnesang und meistersang) sind verschiedene stufen einer stetigen entwicklung und ausbildung, entartung und erstarrung des deutschen gesanges. die regel wurde stets enger gezogen und der geist entschwand. Uhland schr. 5, 80; und die form: aus den meisterstücken menschlicher dichtkunst und beredsamkeit sind kindereien geworden .. wir haschen ihre formalitäten (in der schule) und haben ihren geist verloren. Herder urspr. d. spr. 169; die schönsten formen des alterthums belebt ein geist, ein groszer gedanke, der die form zur form macht und sich in ihr wie in seinem körper offenbaret u. s. w. hum. br. 8, 136 (104. br.), die form als körper des geistes, vergl. von der form als geist des stoffes u. 20, b, γ. die form aber hat auch ihren geist für sich, der in der form getroffen oder verfehlt werden kann: in der nachbildung des deutschen volkslieds klingt er (G. Schwab) ganz zusammen mit herren Uhland .. er erkannte tiefer den geist der alten liederformen und brauchte sie daher nicht äuszerlich nachzuahmen. Heine die rom. schule 315, also wie im innersten versteckt (19, a).
d)
in der tonkunst und tonwelt, z. b.: gestern habe den Paganini wieder gehört. der mensch ist eine echte rarität, die violine selber .. anmuth und geist fehlen (doch) auch nicht. Zelter an Göthe 5, 224; die sept .. ist zum ton geworden um den tönen den geist zu geben. Bettine br. 1, 272, vgl. s. 273 musik als ewig bewegter geist (14, e, δ); von der musik musz jede kunst, die am sichtbaren haftet, an innerer wirksamkeit übertroffen werden, wie der körper vom geiste: denn sie ist geist u. s. w. Wienbarg ästh. feldz. 220. auch der classische geist eines musikstücks u. ä.
e)
in der bildenden kunst.
α)
unmittelbar z. b. der menschengeist im portrait:
ein bild, ein menschlich bild! der schöpfung meisterstück ..
gibt auch des künstlers hand den farben geist und fühlen?
ein denkend wesen blickt aus seinem angesicht u. s. w.
Drollinger 75.
β)
ein kunstwerk hat aber überhaupt seinen geist für sich, z. b. ein bildwerk: der geist, der dies haupt (des Zeus) belebt, bewegte auch die locke seines haars, er erfüllt die göttliche brust und den bau des körpers. Herder Kallig. 3, 173. ein bauwerk: das schön-erhabne ist der zweckhafte geist, der den bau erfüllt, der im bau wohnet. 3, 112; da sie (die Peterskirche in Rom) nicht wie die gebäude der alten sichtbar von geist erfüllet und belebt ist, so wird das kleinere Pantheon dem gefühl erhabner wie sie. 113; hättest du (Welscher) mehr gefühlt als gemessen, wäre der geist der massen über dich gekommen, die du anstauntest, du hättest nicht so nur nachgeahmt .. Göthe 39, 341 (d. j. G. 2, 205), von antiken bauwerken, s. den begrifflichen gegensatz geist und masse, stoff 20, b, γ, hier die masse, materie selbst mit einem geist, der ihr einheit und leben gibt, in sie übertragen oder 'eingehaucht' vom menschengeiste: in dem menschen ist eine bildende natur .. sobald er nichts (mehr) zu sorgen und zu fürchten hat, greift der halbgott, wirksam in seiner ruhe (vergl. gott als ruhiger geist Schiller u. 30, d), umher nach stoff, ihm seinen geist einzuhauchen. Göthe 39, 348, der schöpferische menschengeist im vergleich mit dem göttlichen, s. 23, d und f. auch von der sog. manier, als subjectiver stufe des kunststils: nun wird es eine sprache, in welcher sich der geist des sprechenden unmittelbar ausdrückt und bezeichnet. 38, 182. eine bestimmte kunst mit einem bestimmten geist: meinen sie noch, dasz die kunst der Griechen, ihrem geiste nach, nicht für uns gehöre? Herder hum. br. 6, 92 (71. br.), im gegensatz zu den verschiedenen lebensbedingungen.
γ)
aber auch die gegenstände selbst, auch naturgegenstände, haben ihren geist und sprechen ihn dem kenner aus: licht und farben sprechen eine zartere sprache, als leibhafte formen, sobald das auge des künstlers den geist seines gegenstandes zu sehen, seine hand ihn darzustellen vermochte. Herder Kallig. 3, 191; das höchste .. nach welchem sie (die kunstschule) strebte, sei's in der zeichnung oder composition, in farben oder im geist der gestalten. das.; schönheit thut uns wohl, weil sie dem verstande, der einbildungskraft und den sinnen gleichsam die arbeit vormacht, dem menschen mit dem geiste des gegenstandes, seinem begriffe, entgegen kommt. Jacobi Wold. 2, 207, der geist, begriff (noch gleich idee) wieder als versteckt, am schwersten zu finden; die milbe und der knochenberg elephant sind uns in ansehung ihres baues und des geistes, der ihn beseelt, gleich merkwürdig. Herder Kall. 3, 32.
δ)
auch geist in der natur unter der hand des künstlerischen menschengeistes: es ist eine mit geist beseelte und durch kunst exaltirte natur, die nun nicht blosz den einfachen, sondern selbst den durch cultur verwöhnten menschen befriedigt. Schiller X, 264, von der gartenanlage zu Hohenheim und der landschaft von Stuttgart dahin, also der geist von menschenkunst hinzugethan; doch ist, wie von der seele, wol auch vom geist einer natürlichen landschaft die rede.
ε)
auch geist in (natürlicher) bewegung des menschen: Salvoti hat schöne augen, ich sehe ihn aber doch lieber vor mir hergehen als ins gesicht, denn er trägt einen grünen mantel dem er einen vortrefflichen faltenwurf giebt, schönheit giebt jeder bewegung geist. Bettine br. 2, 122. wie fern ist das vom heutigen 'geist', aber noch dicht beim alten begriffe, eigenartiges leben, das uns selbst belebend anspricht.
f)
in der wissenschaft.
α)
auch hier, wo eigentlich alles in geist umgesetzt werden soll, doch der widerspruch und kampf zwischen stoff und geist (20, b, γ): übrigens ist Woltmanns werk (über die reformation) .. um nichts reifer .. es kam darauf an, diesen stoff .. in grosze fruchtbare massen zu ordnen und mit wenigen hauptstrichen ihm den geist abzugewinnen. Schiller an Göthe 17. sept. 1800. und wie leicht dieser geist, der allein das leben mitbringt, der daran arbeitenden hand, d. i. eben dem geiste entschlüpft:
wer will was lebendigs erkennen und beschreiben,
sucht erst den geist heraus zu treiben,
dann hat er die theile in seiner hand,
fehlt leider! nur das geistige band!
Göthe 12, 96,
der geist als band der theile; der grübler .. bemerkt alles, nur nicht den geist einer sache, den läszt er sich entwischen, denn der läszt sich nicht zergliedern. Herder zur lit. (1827) 6, 333, wie der anatom dem lebendigen leibe gegenüber. selbst geist der gröszen, diese wie geistige wesen für sich: die höhere mathematik beschäftigt sich mit dem geiste der gröszen, mit ihrem politischen princip, mit der gröszenwelt. Novalis 2, 148.
β)
selbst in der philosophie, diesem geistigsten arbeitsfelde des menschengeistes, verfolgt ihn jenes versteckspiel des wirklichen, lebendigen geistes, der widerspruch zwischen geist und buchstaben (vergl. b): weil ich eine feste terminologie, das bequemste mittel für buchstäbler jedes system seines geistes zu berauben und es in ein trocknes geripp zu verwandeln, so viel möglich zu vermeiden suchte. Fichte grundl. der wissenschaftsl. viii; eine solche vorstellungsart liegt zwar auf keine weise im geiste des kantischen systems, aber im buchstaben desselben könnte sie gar wohl liegen. Schiller X, 316, 34; da wusten sie alles und nöthigten gottes rathschlüsse in ihre systeme, puppenspiele, wort - systeme ohne geist, unhörbar dem ohr, nicht fühlbar dem innern menschen. J. G. Schlosser Anti-Pope 148, der geist gehört auch da dem innern menschen an (19, a). auch schwer faszbar zwischen gegensätzen schwebend: gefühl und verstand .. zwischen diesen beiden gegensätzen schwebt der geist der allein wahren, befriedigenden philosophie mitten inne. Fr. Schlegel philos. vorles. 2, 442.
γ)
wie aber dieser geist eines systems ein geist für sich sein kann, auch auszer dem geiste seines urhebers, ja in ihm selber wie selbstwillig wirksam, zeigt z. b. die äuszerung im Athenäum über Fichtes unaufhaltsam systematischen geist u. 25, c, β, d. h. immer wieder der alte begriff von geist, nur über den einzelgeist hinausgewachsen. wie aber anderseits solcher geist auch wieder zu stoff werden kann, begrifflich und nach seiner wirkung, s. u. 20, b, δ; man denke nur an die häufige klage über gelehrten unterricht, der doch geisttödtend wirkt, also ein in sich reicher geist als das gegentheil von geist wirkend, als erdrückender stoff. kann doch philosophie sogar ihren geist verlieren, z. b. über lauter strenger form und methode, die doch dem geiste sichern weg bahnen sollen: die philosophie borgte (bei Wolf) von der mathematik ihr air, ihren gang, ihre ausdrücke und verlor darüber wirklich ihren geist. Herder lebensl. I, 3¹, 209.
g)
dieser geist der philosophie leitet den begriff vom einzelnen zum allgemeinen geiste über, wie geist der wissenschaft, der kunst u. ä.:
der geist der medicin ist leicht zu fassen u. s. w.
Göthe 12, 99,
gegenüber andern solchen geistern, die der suchenden hand so leicht entschlüpfen (f, α); wie der herzog unterwegs vom geiste der naturlehre überfallen worden, wundert mich. an Knebel 1, 57; der grosze künstler .. musz ein mann sein, der, wenn er auch den geist seiner kunst nicht gehabt hätte, noch immer ein genie geblieben wäre. Sulzer theorie 2, 366ᵃ; in derjenigen gattung, welche freie fictionen der einbildungskraft behandelt, hat er (Matthisson) sich mit groszem erfolg versucht und den geist, der in diesen dichtungen eigentlich herrschen musz, vollkommen getroffen. Schiller X, 253, 22; hierdurch ward ihnen (den Arcadiern in Rom) zugleich der gewinn sich der natur zu nähern und in frischer luft den uranfänglichen geist der dichtkunst zu ahnen. Göthes 29, 221; ganz verschiedene ansichten .. deren jede aus ihrem standpunkte den unendlichen geist der poesie in einem neuen lichte zeigen kann. Fr. Schlegel Athen. 3, 62, wo das unendlich den begriff des allgemeinen recht deutlich macht;
einmal athmen möcht ich wieder
in dem goldnen mährchenreich.
doch ein strenger geist der lieder
fällt mir in die saiten gleich.
freiheit heiszt nun meine fee u. s. w.
Uhland 104 (das neue mährchen),
immer zugleich als geist für sich und auszer dem menschengeiste gedacht; vergl. in ihm, subjectiv, der lyrische, epische geist u. ä. 25, d, γ, obwol beide fassungen natürlich verflieszen, wie recht deutlich im folg. geist der poesie, der den poeten belebt, begeistert:
küsse sind der weg zum lieben
und der geist der poesie.
Günther 923.
h)
am deutlichsten zeigt den übergang zum allgemeinen geist der geist der sprache.
α)
die sprache gehört ja nicht blosz allen geistern eines volkes in einem gegebnen augenblick an, sondern ebenso allen in aller zeit rückwärts und vorwärts als eigenstes eigenthum, an dem alle zeiten des volkes bilden und schaffen, also der eigentliche ausdruck des allgemeinen geistes eines volkes über zeiten und räume hinweg: denn jede sprache enthält die form einer eignen ideen - verknüpfung, die durch das national - genie (den genius der nation) gebildet wird, und auf dasselbe zurückwirkt. Garve vers. 2, 331; die schriftsteller des ersten ranges .. sind unstreitig diejenigen, die, wie Voltaire und Rousseau, entweder in dem geiste ihrer sprache denken, oder diesen geist nach dem ihrigen zu modeln wissen. 264; welch ein feld zu lernen, den geist der griechischen sprache zu lernen! nach zeitaltern und schriftstellern. Herder IV, 424; geist der zeit .. der sprache. von d. art u. k. 89; die deutsche sprache .. hat eine unglaubliche gelenkigkeit, sich dem ausdrucke, den wendungen, dem geist, selbst den sylbenmaszen fremder nationen .. anzuschlieszen. unter der bearbeitung jedes eigenthümlichen geistes wird sie gleichsam eine neue, ihm eigne sprache. hum. br. 8, 115 (br. 101), der sprachgeist als eins mit dem volksgeiste.
β)
anfangs brauchte man genie dafür, d. i. genius in franz. form (vgl. 23, g): alles dasjenige, was man unter dem genie einer sprache versteht. diesz naturell u. s. w. Hamann 2, 123; zudem hats auch den vorzug (mit der franz. sprache im unterricht anzufangen) .. dasz ihr genie zwischen der lateinischen und unsrer steht. Herder IV, 395; nur lebendig, um .. den schwung und das genie einer neuen, der ersten antiken sprache (der lat.) recht einzupflanzen. 397, wie genie der nation 431 u. ö.; aber auch genius: der genius der sprache ist also auch der genius von der litteratur einer nation. I, 148.
γ)
doch auch im 17. jh. schon geist: es haben unsere vorfahren .. mit nichten, wie etliche critici treumen, von ihren feinden ihre rede erbettelt (aus der lat. sprache entlehnt), sondern vielmehr haben alle europeische sprachen viele wurzeln, wörter, saft, kraft und geist aus dieser reinen uhralten haubtsprache der Teutschen. Schottel haubtspr. 123, gedacht wie kraft und saft eines baumes, was doch von dem heutigen begriffe geist sachlich nicht verschieden ist (vgl. geist und kraft der nation 29, b, α). auch vom sprachgeist überhaupt ist nun die rede (vgl. Fichte u. 27, b), der zu den geistern der einzelnen sprachen in demselben verhältnis steht, wie zu den einzelnen menschengeistern überhaupt der allgemeine geist.
27)
der allgemeine geist.
a)
ausdrücklich als allgemeiner geist bezeichnet, doch wieder in verschiedenem sinne. rein begrifflich, als vorbild oder quell oder urbegriff der einzelnen geister gedacht:
die ewigkeit wog schon für jedes geistes schranken
die angemeszne kraft, gewebt aus grundgedanken.
ein allgemeiner geist lag ihr, als vorbild, dar,
der nur in einzelnen zum seyn bestimmet war.
Creuz 2, 182.
dagegen als lebendig wesend und wirkend: wo ein volk das schöne liebt, wo es den genius in seinen künstlern ehrt, da weht, wie lebensluft, ein allgemeiner geist, da öffnet sich der scheue sinn, der eigendünkel schmilzt und fromm und grosz sind alle herzen u. s. w. Hölderlin 290, geist nicht als das denkende, sondern als schaffende und belebende urkraft. von der vernunft, als gabe aus gottes geist gedacht: die vernunft kann im körper nicht von selbst anfangen, sondern der allgemeine geist musz der dumpfen thierseele sich mittheilen, nur dadurch wird auch sie ein ich, ein denkendes wesen. Fr. Schlegel philos. vorl. 2, 221. auch allgemeingeist im volke oder lande heilsam wirkend und wie allgegenwärtig (vgl. 25, e): das ganze römische reich war auf seinen straszen sicher, solang' es der gewaffnete adler mit seinen flügeln deckte, dagegen in Asien und Afrika, selbst in Griechenland einem fremdlinge das reisen gefährlich ward, weil es in diesen ländern an einem sichernden allgemeingeist fehlte. Herder id. 3, 327; der allgemeingeist Europas. 4, 46; vgl. allgemeiner nationaler geist 29, b, β und gemeingeist Herder u. 29, d, β. s. auch universeller geist 28, b, allgemeiner geist 23, b, genie, von gott als weltgeist 30, b.
b)
der geist schlechthin, theils als der geist überhaupt, blosz begrifflich, theils als der allgemeine geist, der lebendige, wirkende, aber auch beides verwachsend: die grosze bevölkerung und die pracht erweckte das gehirn und den fleisz, und die freiheit erhob den geist. Winkelm. 3, 229; dasz fortschreitung des geistes das ziel des staates sein soll. Schiller X, 159;
nicht fürcht ich feindes zahl und stärke — beides
besiegt der geist —
Grabbe 2, 332;
bisher haben wir nur einzeln genie gehabt, der geist soll aber total genie werden. Novalis 2, 137, vergl. s. 142; diese lebendige wirksamkeit des gedankens wird sehr befördert .. durch denken und bezeichnen in einer lebendigen (lebenden) sprache .. mit dem besitzer einer solchen sprache spricht unmittelbar der geist und offenbart sich ihm wie ein mann dem manne. Fichte reden 60 (5. rede); kann eine neue mythologie sich nur aus der innersten tiefe des geistes wie durch sich selbst herausarbeiten ... Fr. Schlegel Athen. 3, 97, an Schelling angelehnt, wie folg. die neue philosophie der zeit meint, deren einwirkung überhaupt im folg. sich zeigt (vgl. 18, b a. e.):
in sich hat sich der geist von sich gefodert.
3, 167;
es ist nicht zu läugnen, dasz der geist sich durch die reformation zu befreien suchte u. s. w. Göthe 23, 255 (spr. in pr. 463); der geist jedoch brütet schon über beweglichem und gebildetem. 49, 3, s. u. 19, e, γ; so ist .. Teutschland eine ursprüngliche chaotische flüssigkeit geworden, worüber der geist noch schwebend brütet (zu einer neuschöpfung). Görres Europa 284; der geist erschlafft unter den büchern, die doch selbst nur seiner kraft ihr dasein verdanken. W. Menzel die d. lit. (1828) 1, 8; die deutsche sprache ist der vollkommne ausdruck des deutschen charakters. sie ist dem geist in allen tiefen und in dem weitesten umfang gefolgt. sie entspricht vollkommen der mannigfaltigkeit der geister u. s. w. 27; dies (Bettinens naturevangelium) ist das innere und ursprüngliche heiligthum der menschennatur .. die göttliche jungfrauschaft des geistes, der die welt unbefleckt in sich empfangen und sie so nun wieder herausgebären möchte in der alten ewigen reinheit. Th. Mundt gesch. d. lit. der gegenwart (1853) 640. seine ausbildung fand der begriff in dieser fassung hauptsächlich in Hegels system, wo der geist sich vom subjectiven durch den objectiven geist hindurch zum absoluten geist entwickelt, der letztere auch als der eine allgemeine geist (29, b, α). der begriff tritt recht deutlich heraus in aller geist bei Thomasius u. 22, a, β, begrifflich und lebendig zugleich, geist doch mehr als masse gedacht (vgl. 30, c).
c)
der menschliche, des menschen geist (vgl. 14, d).
die weisheit, war sie nur verfloszner zeiten ehr?
ist nicht des menschen geist der alten grösze mehr?
Lessing 1, 174;
„vernichtetes (leben), wer stellt es her?“ der geist!
des menschen geist u. s. w.
Göthe 9, 326 (s. 14, e, γ);
doch so viel gutes reichlich auch natur verliehn,
des menschen geist verbessert's immer und erhöht's u. s. w.
11, 372;
scepticismus und freidenkerei sind die fieberparoxysmen des menschlichen geistes und müssen .. zuletzt die gesundheit befestigen helfen. Schiller IV, 32; der menschliche geist müszte eine ungeheure umwälzung, eine solche erfahren, von der wir gar keine ahnung haben, wenn der kreis seiner wirksamkeit sich bedeutend erweitern sollte. Börne 2, 5. als macht im einzelnen wirksam: als du in die schöpfung tratst, belebete dich geist .. es durchwallete dich leben .. als du ins reich der menschheit tratst, belebete dich geist der menschen, erziehung u. s. w. Herder XX, 181. der begriff wird deutlicher, wenn nach einer geschichte des menschlichen geistes getrachtet wird, d. h. als éines ganzen, an dem alle einzelnen ihr theil haben: auch mir ist die numismatik .. eine urkunde zur geschichte der völker, und da ich in dieser überhaupt am liebsten die geschichte des menschlichen geistes studire .. Herder III, 395; in einem philosophischen wörterbuch .. wäre jedes stammwort mit seiner familie, recht gestellet und gesund entwickelt, eine charte vom gange des menschlichen geistes, eine geschichte seiner entwicklung. urspr. d. sprache 82 (vgl. Fichte vorhin); was man in dieser art hat (von psychol. schilderung der vornehmsten kunstgenies), ist nur noch als ein schwacher anfang zur naturhistorie des menschlichen geistes anzusehen. Sulzer theorie 2, 367ᵃ.
d)
auch über die in einem gegebnen zeitpunkt vorhandnen gleichzeitigen erscheinungen der menschheit hinweg auf verschiedenster entwicklungsstufe doch als éiner, wie in einem geographischen gemälde vorgestellt (vergl.den geist eines schriftstellers sehen 18, d, α): die gegeneinanderstellung verschiedner cultivirter sprachen mit den revolutionen (entwicklungswendungen) ihrer völker würde .. gleichsam ein wandelbares gemählde der mannichfaltigen fortbildung des menschlichen geistes zeigen, der, wie ich glaube, seinen verschiednen mundarten (sondererscheinungen) nach noch in allen seinen zeitaltern auf der erde blühet. da sind (zugleich) nationen in der kindheit, der jugend, dem männlichen und hohen alter unsres geschlechts .. Herder ideen 2, 238 (9, 2), der menschliche geist als gegenstand des forschens und schauens für den geist selber, wie er anderseits durch die wissenschaft die natur überschauen und durchblicken lernt (in die mit 'naturhistorie' vorhin doch auch der geist eingereiht ist): die ausführung, durch welche die sämtlichen naturerscheinungen nach und nach vor dem menschlichen geiste verkettet worden .. Göthe 50, 253.
e)
die allgemeinheit deutlicher gemacht, selbst anschaulich: so darf auch kein volk Europas .. thöricht sagen 'bei mir allein, bei mir wohnt alle weisheit'. der menschliche verstand ist wie die grosze weltseele, sie erfüllt alle gefäsze, die sie aufzunehmen vermögen, belebend, ja selbst neuorganisirend dringt sie aus allen in alle körper. Herder hum. br. 4, 36 (br. 42). auch wachsend und werdend gedacht: jetzt behaupten einige, es habe sich irgendwo eine wahre durchdringung (der bisher streitenden wissenschaften) ereignet, es sei ein keim der vereinigung entstanden, der allmählig wachsen .. werde .. und bald werde nur éine wissenschaft und éin geist, wie éin prophet und éin gott sein. Novalis 2, 111.
28)
das verhältnis zwischen dem allgemeinen geist und den einzelnen.
a)
wie allgemeiner oder gemeinsamer geist sich bildet oder einstellt, schon aus, in und zwischen zweien, s. u. 19, m, β, mhd. von freunden die ein lîp und ein geist sind, aus dem 17. jh. von verlobten die gott um einen geist bitten, aus 19. jh. von liebenden, in denen geist und geist zusammenschmilzt; jene umfassendste mhd. vorstellung ist biblisch: seid vleiszig zu halten die einigkeit im geist durch das band des friedes, ein leib und ein geist u. s. w. Eph. 4, 4. so erweitert in immer gröszerm kreise von genossen, die sich in einem geist zusammenfinden oder ihn aus sich erzeugen: umb das wirt solhe besamnung ain concili genent, daʒ daselbs der kirch vorgeer und regierer in ainem geist auf ain mainung zesamen gehelen und gleich stimmen. Berth. v. Chiemsee 6, 4 (vergl. u. 10, c, γ sp. 2644);
o! wenn doch der alte geist nicht in euch (Römern) entschlafen
wäre!
nein! kein bundsvergeszner Deutscher käm' aus dieser schlacht davon.
Schönaich Hermann 166;
tausend hände belebt ein geist, hoch schläget in tausend
brüsten, von einem gefühl glühend, ein einziges herz,
schlägt für das vaterland und glüht für der ahnen gesetze ..
Schiller XI, 86 (spazierg.);
vor den freiwilligen habe ich allen respect, wenn sie von hause aus masse machen und der geist, der sie vereint, eintritt anstatt des handwerks, das sie noch nicht verstehen. Göthe an Knebel 2, 120 (dec. 1813); bei aufhebung der Jenaer burschenschaft i. j. 1819:
das haus mag zerfallen,
was hats denn für noth?
der geist lebt in uns allen,
und unsre burg ist gott.
Aug. Binzer wir hatten gebauet u. s. w.
wie ernstlich die einheit gemeint ist, wenigstens bei genauester auffassung, zeigt das einzige herz (nicht blosz einiges) bei Schiller, deutlicher gemacht durch folg. bild: ach! zwei liebende herzen, sie sind wie zwei magnetuhren, was in der einen sich regt, musz auch die andere mit bewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine kraft die sie durchgeht. Göthe 18, 110 (lehrj. 1, 17); so ist jener eine geist éine kraft die in vielen geistern wirken kann, auch über raum und zeit hinweg, wie allgegenwärtig, den bedingungen von raum und zeit wie entrückt: jeder strebe nur als einzelner zu sein was er sein soll, so wird der gleiche geist im allgemeinen von selbst sich klar werden. Fr. Schlegel philos. vorl. 2, 424. er wird auch gottesgeist, geist aus gott genannt: nein! bei dem geiste, der uns einiget, bei dem gottesgeiste der jedem eigen ist und allen gemein! im bunde der natur ist treue kein traum. wir trennen uns nur, um inniger zu sein .. wir sterben, um zu leben. Hölderlin 284, von freundschaft, diese aber zugleich als vertretendes abbild der letzten einigung aller und zugleich der ureinheit gedacht. in philosophischer fassung z. b. bei Hegel von der andacht: die andacht in allen angezündet ist der geistige strom, der in der vielfachheit des selbstbewusztseins seiner als eines gleichen thuns aller und als einfachen seins bewuszt ist. der geist hat als dieses selbstbewusztsein aller seine reine innerlichkeit ebensowohl als das sein für andere und das fürsichsein der einzelnen in einer einheit. phänom. d. geistes 534, vgl. vom wirken des volksgeistes im einzelnen u. 29, b.
b)
auch ein bestimmter einzelner geist, ein lebender als schöpfer oder vertreter solcher einheit (als 'mittelpunkt' des 'kreises', s. a. e.), s. u. 14, e, γ z. b. Gustav Adolf, Wallenstein als belebender, beseelender geist ihrer heere; von Scharnhorst und dem preusz. heere i. j. 1813:
heer aus seinem geist geboren ..
wählet ihn zum feldgeschrei.
Schenkendorf 31.
und wie deutlich auch solche erweiterte einheit und das übergehen eines geistes in andere gefaszt werden kann, zeigt z. b. in Göthes nachricht über den plan seiner unvollendeten 'geheimnisse': und nun konnte nach langem zusammenleben Humanus gar wol von ihnen (den zwölf rittern als seinen jüngern) scheiden, weil sein geist sich in ihnen allen verkörpert, allen angehörig, keines eigenen irdischen gewandes mehr bedarf. 45, 330 (1, 135 H.), verkörpert, also zu vollem ganzem leben auszer sich kommend, zugleich der eine geist sich theilend und doch in den theilen wieder ganz er selbst werdend (wie in der naturwelt). und das war wirklich die meinung des dichter-denkers, in aller schärfe ausgesprochen schon von seinem Prometheus, als gottgleichem 'schöpfer' von 'gestalten' (s. 23, d);
hier meine welt, mein all!
hier fühl ich mich,
hier alle meine wünsche
in körperlichen gestalten,
meinen geist so tausendfach
getheilt und ganz in meinen theuren kindern.
Göthe 33, 247,
und später ausdrücklich von sich selbst ebenso scharf deutlich:
theilen kann ich nicht das leben (d. h. mich, meinen geist) ..
allen musz das ganze geben ..
immer hab ich nur geschrieben,
wie ichs fühle, wie ichs meine (aus dem ganzen innern),
und so spalt ich mich, ihr lieben,
und bin immerfort der éine.
4, 394 (2, 396 H.),
d. h. wie das licht (vgl. von licht und geist 19, l, α) und wie gott, vgl. von gott und seinen geschöpfen, wie dort Prometheus: in jedem seiner kinder liebet und fühlt er sich mit dem vatergefühl, als ob dies geschöpf das einzige seiner welt wäre. Herder ideen 2, 218 (9, 1). und wie dort in Göthes Prometheus seine kunstgeschöpfe aus dem geiste des schöpfers hinaus streben zu vollem eignem leben, aus dem kunstkreise in die wirklichkeit hinüber, so werden die gestalten seiner dichtung auch als 'verkörperungen' seines geistes behandelt: Göthes geist verkörperte sich auch in einem Wilhelm Meister, in einem schenken Hafis .. Wienbarg ästh. feldz. 267 ; auf halbem wege dazu liegt es, wenn Klopstock die gestalten der dichtung als geister vor und in seinem geiste behandelt (6, d), wie Göthe seine dichtergedanken als geister, lebensgeister in ihm selber (13, g. h). Die vorstellung findet ihren abschlusz darin, wenn nach Novalis das wesen des geistes in zeugung .. seines gleichen besteht, als eines lebendigen punktes der andere aus sich schafft (19, b, δ), wenn das genie nach Herder seelen schafft (23, d, β), und in folg. begriff eines genius oder universellen geistes (vergl. 27, a): eine ächt synthetische person ist eine person, die mehrere personen zugleich ist, ein genius u. s. w. Nov. 2, 143; das leben des universellen geistes ist eine ununterbrochene kette innerer revolutionen. alle individuen, die ursprünglichen, ewigen nämlich leben in ihm (s. lebensgeister u. 29, e). er ist ächter polytheist und trägt den ganzen Olymp in sich. Athenäum 1², 146, vergl. von Göthes universalität 3, 170 ff., an den auch dort gedacht ist, wie in ein oder das 'universum' verwandelt; vgl. von Göthe: ihm (Herdern) ist er ein allumfassender geist. Schiller an Körner 1, 137; er macht seine existenz wolthätig kund, aber nur wie ein gott, ohne sich selbst zu geben. 2, 21. Deutlich aber wird die vorstellung durch ein bild von einem solchen geist als sonne, mit der wirkung der sonne in der geisteswelt (vgl. Rückert u. 19, l, α):
lösche nicht den geist der weisen,
dessen heil'gen sonnenglanz
jugendliche mond' umkreisen.
Uhland 4, an den tod.
so auch bei Göthe früh: haben hier (hienieden) funfzig lässige nöthig, durch éinen wirksamen ermuntert zu sein, musz es hier menschen geben, die mittelpunkt sind und sonne .. 33, 93 (d. j. G. 2, 465); er wird lieber die sonne in seinem kreise bleiben, als, ein komet, durch viele andre seinen schrecklichen unsteten zug führen. 42, 145 (Gottfr. v. B. 3 a. e.); bin ich bestimmt, ihr (Herders) planet zu sein u. s. w. aus Herders nachl. 1, 28 (d. j. G. 1, 259); vgl. von Schiller und dem kampfe um solche stellung in der geisteswelt:
auch manche geister, die mit ihm gerungen ..
sie fühlen sich (nun) von seiner kraft durchdrungen,
in seinem kreise willig festgebannt.
13, 173,
in seinem kreise, d. h. von ihm als bestimmendem mittelpunkt; vgl. unter kreis 6. 7 von den 'kreisen' in denen alles leben sich gestaltet und die zu einander wieder ordnung gewinnen müssen unter leitung bestimmender geister. es ist wie im microcosmus mit der regierenden hauptmonas Göthe u. 13, b; s. auch 29, f und 30, c.
c)
und auch über raum und zeit hinweg wird solche einigung durch wort, schrift und kunst vermittelt (vgl. 26), dasz auch abgeschiedne geister in lebenden lebend und wirkend bleiben oder werden:
so zeuch auch du denn hin in dein Elyserfeld,
du Pindar, du Homer, du Maro unsrer zeiten,
und untermenge dich mit diesen groszen leuten,
die ganz in deinen geist sich hatten hier verstellt.
Fleming 458 Lapp., über Opitzens ableben,
vgl. u. 13, f Opitz selbst als sein erster geist, lebensgeist in ihm; leser, setze dich neben mich und lies mit mir, denn der geist, der Abbts körper überlebt, athmet in seinen schriften. Herder II, 255, ist damit zugleich in den allgemeinen geist übergetreten; ein salböl sollte man aus ihren (groszer geister) schriften ziehen (vergl. 23, e) .. so hat man von ihnen das grosze erbtheil, dasz ihr geist auf uns ruhe. denn das, glaube ich, ist die wahre metempsychosis und wanderung der seele .. wenn uns ein genius .. daran zu erinnern scheint, dasz der geist dieses verstorbenen weisen uns belebe. das.;
wol flieszen, sprach er zu sich selbst, gedanken
in mich, gedanken, manch jahrhundert alt,
der längst verstorbnen, nicht gestorbnen geister
beseelen mich.   ihr sprecht zu mir, Horaz,
Homer und Plato, ein verborgnes band
zieht von der ältsten bis zur neusten zeit
aus seele sich zu seele u. s. w.
Adrast. 6, 7;
werke der einbildungskraft .. wissen .. die empfindung .. im sinn des lesers oder hörers .. dergestalt zu erwecken und festzuhalten, dasz jetzt nicht unser, sondern der geist des dichters, des künstlers uns gebietet. metakrit. 1, 195, mit unserm geist wie eins geworden, vgl. schriften mit und in dem geist ihrer verfasser lesen Hamann 4, 261; es weht einen das gefühl an (aus Streichers schrift über Schillers flucht), als hätte Schillers geist .. an dem büchlein mitgearbeitet. Palleske Schillers leben 1, 173. und wie ein solcher geist in den allgemeinen übergehen, ja ihn bilden helfen kann: du (Göthe) sagtest 'ich denke jetzt an Schiller .. wenn man ihn nicht so reich achtet und so ergiebig, so wars weil sein geist einströmte in alles leben seiner zeit und weil jeder durch ihn genährt und gepflegt war' .. damals schrieb ich deine worte auf u. s. w. Bettine br. 1, 280, vergl. Göthe selbst im epilog zur glocke a. e. und im Göthe-jahrb. 1, 277; was wären wir heute, wenn nicht die geister vergangner jahrhunderte in uns fortlebten. Fechner tagesansicht 46;
der ächte geist schwingt sich empor
und rafft die zeit sich nach.
Uhland (1820) 107, gespräch.
und was éin geist dabei fürs ganze bedeuten kann, auch im widerspruch mit der ganzen augenblicklichen gegenwart: und wenn sie (die wahrheit) sich in einen einzigen geist zurückzöge, so hätte das nichts zu sagen, er wird im stillen, im verborgenen fortwaltend wirken u. s. w. Göthe 23, 209 (wanderj. 3, 14).
d)
als ziel erscheint dabei eine verbrüderung der geister, geistergemeine u. ä., eine art geisterstaat (vergl. Klopstocks deutsche gelehrtenrepublik): z. e. diese herren (die die preisaufgabe gestellt) .. hielten wärme und sinnlichkeit des ausdrucks, inbrünstige liebe der wahrheit .. stille verbrüderung mit sympathisirenden geistern .. für enthusiasmus und schwärmerei (worauf die frage gerichtet war), ei nun! desto schlimmer für sie. Lessing 11, 463; dies unsichtbare commercium der geister und herzen ist die einzige und gröszeste wohlthat der buchdruckerei, die sonst den schriftstellerischen nationen eben so viel schaden als nutzen gebracht hätte. Herder ideen 1, vorr. 4ᵃ, vergl. vom commercium menschlicher geister und herzen im leben, das 'der artige umgang' erschwert, werke II, 263, auch von der sprache und schrift als ewigem band, das das ganze menschengeschlecht zu éinem groszen ganzen machet IV, 57; über grundsätze können sich nur geister einander erklären (durch die buchdruckerei ermöglicht), die zusammenkunft der körper ist sehr entbehrlich .. im umgange mit geistern auf Fausts mantel bleibt meine seele frei ... hum. br. 2, 147; ich kann darauf rechnen, dasz sich in dieser gesellschaft, an eben diesen grundsätzen und lehren alle edlen geister der welt mit mir vereinigen. 148; verbrüderung der geister ist der unfehlbarste schlüssel zur weisheit, einzeln können wir nichts. Schiller an Körner 1, 23;
das wahre war schon längst gefunden,
hat edle geisterschaft verbunden ..
Göthe 22, 261 (3, 192 H.), vgl.edler geist 21, f;
geistergemeine Schiller XI, 167 (tab. vot. 7). die gemeinde dann auch als kirche (s. d. 4, d), z. b. von der geisterbewegung in Schillers jugend: die tieferen geister des deutschen volkes bildeten eine unsichtbare kirche u. s. w. Palleske Sch. s leben 1, 59, vergl. die gesellschaft aller denkenden menschen in allen welttheilen als eine zerstreute unsichtbare kirche Herder hum. br. 2, 146, nach Lessing 10, 272.
e)
als letztes ziel erscheint nämlich eine alle geister umspannende vereinigung, alle, d. h. auch über die schranken des körpers und der zeit hinaus; schon in Wolffs schule eine gesellschaft der geister in diesem sinne: da nun alle endliche geister zur ehre ihres schöpfers geschaffen sind, und also alle einen gemeinschaftlichen endzweck haben, so musz eine gesellschaft der geister wirklich sein. J. Chr. Decker in den belust. des verst. u. d. w. 1742 1, 502, vgl. vorher das. vom reich gottes als der allervollkommensten gesellschaft, das aus vielen einzelnen gesellschaften bestehen musz, welche sich in möglichster verbindung mit einander befinden oder eine in die andere gegründet sind (in einander organisch gegliedert) s. 503, mit der aufgabe der weltvollendung: die geister sind eigentlich nur im stande, die absicht des ganzen weltgebäudes zu vollführen. 507. Auch als harmonie der geister, in anlehnung an des Leibnitz harmonia praestabilita, die auch dort schon wirkt, und mit nachklang der harmonie der sphaeren (vgl.kor 3, e): das ist auch meine hoffnung .. dasz solche grosze töne und gröszere einst wiederkehren müssen in der symphonie des weltlaufs .. von kinderharmonie sind einst die völker ausgegangen, die harmonie der geister wird der anfang einer neuen weltgeschichte sein. Hölderlin 221, die einzelnen geister als töne darin: auch wir sind nicht geschieden (durch meinen tod), Diotima .. lebendige töne sind wir, stimmen zusammen in deinem wohllaut, natur! 293 u. ö.; s. auch Zach. Werner u. 19, m a. e., Schiller u. 30, e. Von der stellung und aufgabe des einzelnen geistes darin: ich überschaue und durchschaue jene geistige ordnung nicht .. ich bin nur ein glied in ihrer kette und kann über das ganze eben so wenig urtheilen, als ein einzelner ton im gesange über die harmonie des ganzen urtheilen könnte. aber was ich selbst sein solle in dieser harmonie der geister, musz ich wissen, und es wird mir unmittelbar offenbart durch eine stimme, die aus jener (geistigen, ewigen) welt zu mir herüber tönt .. die stimme meines gewissens. Fichte bestimmung des menschen 203. das bild von der kette auch sonst (eig. für verkettung, vergl. geisteskette), z. b.: die kette der geister ist liebe, sie hängt menschen an menschen, und menschen an gott. Schlosser Anti-Pope 143 ; s. auchband, ↗das geister mit geistern in eins verschlingt Fichte a. a. o. 228 (sp. 2626 fg.), vgl. Hamann u. 29, a geist und band der gesellschaft. dazu ein zusammenhang der geister, durch die geister selbst vermittelt: es gibt in der natur so viel zusammenhang, den das menschliche auge und der verstand nicht ahnen .. warum sollen wir den zusammenhang der geister leugnen? .. warum sollten die gesetze (die angeführt werden) eben da aufhören gültig zu sein, wo die geisterwelt beginnt? Charl. v. Schiller u. i. freunde 1, 62 (v. j. 1806), allgemeiner geisterzusammenhang Schiller I, 98. s. auch reich der geister 29, g, geisterall, geisterbund, geistergemeine.
29)
die erscheinungsformen des allgemeinen geistes.
a)
im leben geist der familie, die eigentliche quelle oder urzelle des allgemeinen geistes: die familien vereinigte (in alter zeit) ein geist, dem selbst die einheimische zwietracht zur wirksamkeit und übung diente. dieser geist machte sie fruchtbar an anschlägen und der ausführung gewachsen. Hamann 1, 10, vergl. s. 35 ff. vom familiengeist (im unterschied von familiensucht), der auch städte gebaut und noch jetzt zum allgemeinen besten gepflegt werden müsse; solche familien (die den alten geist bewahrt) sollte man nicht untergehen lassen .. damit der geist darin nicht sterblich würde. 38, zunächst in anwendung auf handelsstädte. auch alle andern lebenskreise haben oder brauchen einen solchen geist, der sie belebt, beseelt, einigt, d. h. den 'kreis' als bestimmender mittelpunkt eigentlich allein möglich macht, und er ist oft und am besten durch einen einzelnen geist vertreten (28, b); vgl. corpsgeist, gemeingeist. ferner geist der gesellschaft, im engeren und weitesten sinne: ohne sprache hätten wir keine vernunft, ohne vernunft keine religion, und ohne diese drei wesentliche bestandtheile unserer natur weder geist noch band der gesellschaft. Hamann 6, 25; er konnte gar wol bemerken, dasz er, dem geist und dem sinne der gesellschaft nach, wirklich längst verabschiedet war. Göthe 20, 92 (lehrj. 7, 8).
b)
im groszen leben geist eines volkes, nationalgeist u. ä.
α)
den geist eines volkes oder jahrhunderts anzubauen, und äcker zu düngen oder fruchtbar zu machen geschieht durch ähnliche mittel. Hamann 3, 191; der geist und geschmack einer nation sind nicht unter ihren gelehrten und leuten von vornehmer erziehung zu suchen. diese beide geschlechter gehören gleichsam keinem lande eigen. aber unter dem theile der nation liegen sie, der von fremden sitten und gebräuchen und kenntnissen noch nichts zur nachahmung sich bekannt gemacht hat. Abbt 1, 272, geist als das uranfängliche, wurzelhafte innenwesen, wie beim einzelnen; durch feine spekulationen wird nie der geist einer nation geändert, aber durch grosze beispiele allemal. Herder I, 256; der gelehrte Selden .. pflegte zu sagen, dasz dinge der art (die alten gesänge) das treuste bild der zeiten und den wahren geist des volkes enthielten. volkslieder 1, 7; eine (deutsche) nazionaltracht .. wird selbst den geist der nazion vaterländischer stimmen, wenn éine kleidung alle vereinigt und von andern völkern unterscheidet. Sturz 2, 394; der staat des Lykurgus konnte nur unter der einzigen bedingung fortdauern, wenn der geist des volkes stille stünde. Schiller X, 159; wie kommt es nur, dasz sich dort (in Frankreich) ganz natürlich gemacht hat, was bei uns nie zu stande kommen will, nämlich ein beständiger contact der groszen mit den geistern und mit dem geiste der nation ..? Immermann Münchh. 1, 215 (2, 10); es ist dort eine natürliche brücke von dem volksgeiste und von der literatur zu dem geiste der vornehmen classen geschlagen. das.; kein dichter, und sei er noch so hochbegabt, kann das hervorbringen was eine sammlung von volksliedern umfaszt, denn der historische geist eines volkes ist gröszer als der geist des gröszten einzelnen. Auerbach deutsche abende (1867) 240; aber auch das grosze kunstwerk eines einzelnen soll aus dem geist seines volkes geboren sein, wie es diesen geist in sich verkörpern soll u. ä. (vergl. Göthe u. β und γ). von jener bezeichnung des volksliedes doch schon vor 1770 spöttisch-ironisch: wenn ihr absingt mit dem stab in der hand unsere mord- und gespenstergeschichten oder gar den geist und die kraft der nation aus krügen und herbergen ... ungenannter bei Sturz 1, 117 (vgl.kraft und geist der sprache 26, h, γ). auch lebendiger volksgeist, als quell des lebens der nation (vergl. 2, b): das menschliche gefühl .. wogegen die neuntödter, die philosopsischen schüler wol schreiben, auch wol wirken, wenn kein lebendiger volksgeist es aufhebt. Arnim wunderh. (1845) 1, 442. in den einzelnen wirksam (vergl. 28, a): die einzige richtschnur wäre dann die von seiner bildung abhängende, gerade vorherrschende ansicht des dichters (bei behandlung der märchen), während bei jenem natürlichen fortbilden der geist des volkes in dem einzelnen waltet und einem besondern gelüsten vorzudringen nicht erlaubt. W. Grimm kinderm. 1, xvi. als dichtergeist: diese form (