genusz m
Fundstelle: Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3518, Z. 4
subst. zu genieszen.
1)
das wort hat eine ziemlich merkwürdige geschichte, die es hochd. eigentlich als recht jung zeigt, geniesz m. (s. dort) hatte lange seine stelle inne, das bis ins 18. jahrh. von den wörterbüchern theilweis bevorzugt wird.
a)
noch im 17. jahrh. kennen es die hauptsächlichsten wbb. nicht, wie im anfang Henisch, Schönsleder, so am ende des jahrh. Stieler (nur geniesz); aber in M. Krämers teutsch-ital. wb. Nürnb. 1678 steht, seltsam genug: genosz, genusz, m. usufrutto. 533ᵇ, also eine unhochd. form (s. b) erklärt mit genusz, das er doch selbst nicht aufführt. es erscheint aber im anfang des jahrh. in den Salzburger Alpen: das si (die obrigkeit) .. uf die verprechere gute spech und vleiszigstes aufmerken hoben (so) und kainem .. etwas ubersechen oder umb ainicherlei genusz oder fraindschaft willen vertuschen helfen. österr. weisth. 1, 133, 24, vom j. 1616 (132, 25), also als rechtsausdruck, in einer formel, die denn gewiss ins 16. jahrh. zurückreicht, wo doch in schriften und wörterbüchern kein zeugnis vorliegt, wie auch in den vocc. des 15. jahrh. nicht. also auf alle fälle ein wort, das wenig bekannt und doch vorhanden war. und so vielleicht schon im 13. jahrh., wo sonst auch genieʒ die form ist, genuʒ (nicht in den wbb.) nach folgendem; ein held wird von edlen frauen im saal gefeiert und mit allen freuden ergötzt:
swaʒ ieglîch bestes kunde,
daʒ treip si vor dem werden man,
durch daʒ in niht verdruʒʒe,
swaʒ man ze vröude erdenken kan
den senenden nâch genuʒʒe.
Berl. heldenb. 5, 40ᵇ, Hagens heldenb. 2, 180,
die sich nach genusz sehnen, freilich in der bedeutung, die erst im 18. jahrh. auftritt.
b)
wertvoll ist bei diesem stand der dinge mnd. genut, neben genêt, geniesz, im 15. 16. jahrh. reichlich bezeugt (wb. 2, 62ᵇ), z. b. im 15. jahrh. genut von einem geliehenen gute, gewinn, nutznieszung eines capitals, also aus dem geschäftsleben, die wolle als genut von den schafen, der stad genut als ziel gemeinnützigen gebarens der bürger, es fällt zugleich mit nut, nutz zusammen; auch verbunden genête und genute (pl.) wb. 2, 59ᵃ, 25; nrh. 15. jh. genot Teuth. 104ᵃ. auch die nl. form ist genot n. (neben nut n. nutzen), bei Kilian fehlend, aber mnl. z. b. Rein. 4265, auch im 17. jahrh. bezeugt, und daher musz wol jenes seltsame genooz bei Krämer stammen, wie bei Lohenstein genoszbar (s. d.), genusz habend und gebend, ob nach einem nl. genotbaar? es war die zeit nl. einflusses auf unsere sprache und schriftsteller.
c)
wertvoll für das auftreten des hochd. wortes ist eine form genüsz, um 1700: die kinder Israel werden durch langen genüsz auch des himmelbrods müde. Besser 367; genüsz der jagdhunde. öcon. lex. 798 (s. 4). darin wirkt das damals geläufige geniesz nach, ist aber mit genusz überein gebracht, das danach aber ziemlich neu und noch nicht durchgedrungen sein muszte. entsprechend wird auch genüszen geschrieben für genieszen, woran das aufkommende genusz seinen theil haben mochte in dieser zeit, wo man über die sprache eifrig nachdachte, besonders beflissen, die abweichenden formen überein zu bringen, z. b.: „geneis hat seinen namen vielleicht von genüssen, weil es das gute ertz .. gleichsam vor sich geneuszt und verzehret“. Chemnitzer bergwerkslex. 245; s. auch genüszung unter genieszung 3 und genüszig, genüszlich.
2)
genusz ist, wie geniesz, eigentlich nutznieszung, der nutzen dessen man von irgend einem gute genieszt, s.genieszen 2 ff., vergl. das nd. genut unter 1, b.
a)
genusz, geniesz, usufruit, jouissance, usage, profit, avantage, revenu. Rädlein 355ᵇ; genusz oder geniesz eines dinges, die lust oder der nutz, den einem die besitzung eines dinges giebet. Ludwig 740, des genusses wegen, for profit's sake, der genusz ist schlecht, the profit is but little das., aus dem geschäftsleben; genusz, emolumentum, commodum, usus Aler 898ᵃ, aber mit verweisung auf geniesz. bei Adelung den genusz der zinsen eines capitals haben, wie noch zinsgenusz u. ä. (nd. genut so 1, b), auch: ich habe von dem gute weiter nichts als den genusz, das recht, den jährlichen ertrag zu genieszen. den eigentlichen begriff bezeichnet recht deutlich das noch geläufige gartengenusz, die früchte als gewinn und freude vom garten.
b)
in weiterer anwendung genusz einer wohlthat Adelung, noch z. b. genusz von stipendien u. ähnl., genusz eines rechtes, wie noch rechtsgenusz: ganz anders verhält es sich mit den hofgesessenen im staat, diese haben .. noch jetzt den genusz obiger alter rechte. Möser phant. 2, 7, vorher ist von rechtsgenossen die rede, die in demselben rechtsgenusz stehen. s. auch unter 1, a genusz von bestechung und dazugenüszchen.
c)
bemerkenswert genusz und verdrusz in reimformel: der genusz bringt verdrusz, commoditas omnis sua fert incommoda secum. Steinbach 2, 140; endlich wurden die Wasunger bürger auch falsch (über die einquartierung der feindlichen krieger), rückten ihrer obrigkeit ins haus und sagten, wir sollen haben den verdrusz und andere herrschaften den genusz, das gehen wir nicht ein u. s. w. G. Freytag bilder aus der d. vergangenheit 1859 2, 387;
da mag denn schmerz und genusz,
gelingen und verdrusz
mit einander wechseln, wie es kann.
Göthe 12, 88.
ebenso: wer will haben den geniesz, musz auch haben den verdriesz. Aler 895ᵇ als gereimtes sprichwort; ehren beschweren, sind mehr verdrieszlich als genieszlich. Lehman 1, 176.
d)
in höherer anwendung z. b.: genug, dasz durch die reformation unendlich viel gutes ist gestiftet worden ... genug, dasz wir in dem genusse ihrer früchte sitzen. Lessing 4, 99; diese bewegung (zu einer weltliteratur) währt zwar erst eine kurze weile, aber doch immer lang genug, um schon einige betrachtungen darüber anzustellen, und aus ihr baldmöglichst, wie man es im waarenhandel ja auch thun musz, vortheil und genusz zu gewinnen. Göthe 46, 241, im deutlichen anschlusz an den geschäftlichen gebrauch unter a; dann wünschte ich auch, dasz sie schon in einigen jahren den genusz von einem solchen menschen hätten für ihr bau- und gartenwesen. an herz. K. August 1, 141, vortheil und gewinn mit freude.
e)
im übergang zu dem folgenden begriff, der doch von haus mit darin wirkt, z. b.: genusz der freud, usura gaudii (Cic.). Aler 895ᵇ; einen lachenden erben im besitz einer hoheit zu sehen, die ihr durch einen neunjährigen genusz zum bedürfnis geworden war. Schiller VII, 325, von Margarethe von Parma als statthalterin der Niederlande. als Tasso zögert, den dargebotenen kranz von der büste Virgils anzunehmen:
Tasso. o laszt mich zögern! seh ich doch nicht ein,
wie ich nach dieser stunde leben soll.
Alphons. in dem genusz des herrlichen besitzes (sollst du leben),
der dich im ersten augenblick erschreckt.
Göthe 9, 120.
3)
im jetzigen begriff fällt das hauptgewicht auf die lust, die den genusz begleitet und freilich von jeher darin eingeschlossen ist, aber nicht als hauptmerkmal (s. genieszen 6); es ist bemerkenswert, dasz kein wörterbuch auszer Ludwig (s. 2, a) die lust besonders bezeichnet, bis auf Adelung (s. unter d), noch bei Frisch 2, 19ᵃ ist es nur commodum, quaestus, utilitas, während bei genieszen (6, a) schon im 17. jahrh. ausdrücklich mit von lust die rede ist. der begriff der lust erscheint dabei in einer bewegung aufwärts, vom sinnlichsten ausgehend dem hohen und reinen zu, ja mit umschlagen in sein gegentheil, ein wichtiges stück aus der geistes- und lebensentwickelung des vorigen jahrhunderts.
a)
bei Adelung 'der genusz einer speise, eines trankes, wenn man sie zu sich nimmt', s. dazu genieszen 5; da denn zuletzt eine trauliche herberge die halberstarrten (von der schlittenfahrt) aufnimmt, eine lebhafte flamme des kamins die eindringenden gäste begrüszt, tanz, chorgesang und mancher erwärmende genusz (d. h. punsch u. dgl.) der jugend sowohl als dem alter genug thut. Göthe 33, 148 (lyr. ged. von Voss). genusz schlechthin: in kurzer zeit war ihnen (der schauspielertruppe) essen, trinken, aufwartung, wohnung zu gering, und sie lagen ihrem beschützer, dem baron, an, dasz er für sie besser sorgen und ihnen zu dem genusse und der bequemlichkeit, die er ihnen versprochen, doch endlich verhelfen solle. 18, 298 (lehrj. 3, 9);
o verletze mich nicht, den treuen gartengenossen (einen apfelbaum),
dem du, als knabe, so früh manche genüsse verdankt.
1, 324 (Amyntas).
der genusz des heiligen abendmahls Adelung (vergl. genieszen 5, b).
b)
genusz schlechtweg meint dann lange und vielfach noch jetzt sinnengenusz: der geisteszustand der mehrsten menschen ist auf einer seite anspannende und erschöpfende arbeit, auf der andern erschlaffender genusz. Schiller X, 505, 20; in sinnlichen genüssen schwelgen u. ä.; man denkt oder dachte dabei besonders auch an liebesgenusz (vgl. genieszen 6, c), wie z. b. Göthe in dem jugendgedichte wahrer genusz; in welchem engen sinne, zeigt, wie eben der zusatz wahrer dort, deutlicher z. b. folgendes (doch noch mit verwendung der ersten bedeutung, nutznieszung):
es wünsche, wer da will, ein herz, das nie sich bindet,
das von der liebe nichts, als den genusz empfindet,
das vorige vergiszt, ans künftige nicht denkt
und nur ans jetzige sich, klug wie thiere, henkt.
Haller 253 (177 Hirzel), antwort an Bodmer, vom jahre 1738;
ihre (der verständigen ehegatten) liebe wird sich durch den genusz nicht in kaltsinn, ihr vernünftiger umgang nicht in ekel (widerwillen), sondern beides in eine sanftere freundschaft .. verwandelen. Gellert 7, 200;
zu spät erblickt sie ihn (erkennt ihn als thoren), wann, der für sie geschmachtet,
gesättigt vom genusz, einst ihren kusz verachtet u. s. w.
Uz 2, 204 (sieg des liebesgottes 4).
man warnte aber auch bald, wie hier, vor solcher fassung des begriffes, eben in den kreisen unserer dichter, die ja die führung übernahmen und über die aus französischen und römischen einflüssen stammende lebensform hinaus strebten, in die doch der genusz mit aufgenommen werden muszte, z. b.: Ovid lehret die wollust, jene sinnliche, die ohne zärtlichkeit des herzens vom genusse zum genusse schweift, und selbst in dem genusse schmachtet. Lessing 3, 238 (das neueste u. s. w. oct. 1751), wie das Faust mitten im genusse erfährt, dasz er doch nicht befriedigt:
so tauml' ich von begierde zu genusz,
und im genusz verschmacht' ich nach begierde.
Göthe 12, 171;
des genusses wandelbare freuden
rächet schleunig der begierde flucht.
Schiller XI, 54 (das ideal u. das leben),
vergl. in den künstlern den rückblick auf die natur des sinnengenusses:
zum erstenmal genieszt der geist (beim heldenlied des sängers),
erquickt von ruhigeren freuden,
die aus der ferne nur ihn weiden,
die seine gier nicht in sein wesen reiszt,
die im genusse nicht verscheiden.
VI, 270.
ein gedicht vom jahre 1786, der genusz, schildert das leben eines genuszmenschen:
geschaffen war Philotas zum genusse.
ein blick voll schwärmerischer glut,
der alles schnell umfaszt und nirgends schmachtend ruht
u. s. w., am ende:
genusz, genusz, genusz! sonst sann und trieb er nichts,
und starb, in nichts als im genusz erfahren,
ein junger greis — von fünf und zwanzig jahren.
Gotter 1, 323.
ein gedichten des jungen Lessing der genusz, der als allegorisches wesen behandelt ist, spricht diesen bitter verklagend an:
so bringst du mich um meine liebe,
unseliger genusz! betrübter tag für mich ...
nimm sie zurück, die kurze lust!
nimm sie, und gieb der öden brust,
der ewig öden brust die beszre liebe wieder!
1, 62,
was deutlicher wird in dem gedicht der eintritt des 1752ˢᵗᵉⁿ jahres, wo auch schwer klagend die rede ist von der gottheit holder liebe, die aus der verlarvten stadt (Berlin) geflohen ist, wo buhlerey den (ihren) tempel hat 1, 91.
c)
der genusz wird nun in empfinden verlegt und da gesucht, wobei eben der begriff empfinden (das helfende stichwort der zeit, vgl.gefühl 6 fg.) durch unsere dichter an innerlichkeit und höhe in aufsteigende bewegung versetzt wird; vgl. unter genieszen 6, e die seele, das herz als genieszend. so lehrt der junge Göthe in jenem gedichte wahrer genusz sich selber, seine altersgenossen (unddie fürsten nach der ursprünglichen fassung):
empfinde, jüngling! und dann wähle (greif nicht blindlings)
ein mädchen dir, sie wähle dich u. s. w.
Göthe 47, 9 (der junge Göthe 1, 95),
wobei man die in den werken ausgelassenen strophen zuziehen musz, um den punkt zu sehen, von dem da ursprünglich ausgegangen war, ganz gründlich vom allertiefsten punkte aus (denn wollust fühlen alle thiere, der mensch allein verfeinert sie), dabei tröstend:
lasz dich die lehren nicht verdrieszen,
sie hindern dich nicht am genusz u. s. w.
dabei wird dieser genusz im empfinden auch gegen das einseitige kopfleben der schule ins treffen geführt, das durch die dichter zu berichtigen war:
kein genusz ergrübelt sich,
ich weisz gnug, indem ich mich
im empfinden übe.
Hagedorn 3, 88,
in einem gedicht die jugend, wo die liebe als quelle der lust behandelt wird, und zwar die freie liebe, wie dort beim jungen Göthe.
d)
der begriff, zugleich auf diesem wege der 'verfeinerung', ward nun auf das menschenleben überhaupt erstreckt oder von ihm verlangt, als sein ziel ausgesteckt. so bei Klopstock, von dem ein freund aus längerem umgang berichtet: Klopstocks leben ist ein beständiger genusz. er überläszt sich allen gefühlen (wie in Hagedorns schule) und schwelgt bei dem mahle der natur u. s. w. Sturz 1, 183, es folgt weiter, wie er in kunst, malerei, musik genosz; vorher geht, wie gründlich er den naturgenusz verstand und übte, auch den genusz der menschen dabei. dazu stimmt eine äuszerung von ihm selbst in einem briefe an Herder vom jahre 1799: es gehört mit zu den kleineren genüssen meines lebens, dasz, wenn ich sah, dasz man glaubte, man beherrschte mich, ich einsilbig wurde und bei mir lächelte. aus Herders nachl. 1, 211, zugleich selbstgenusz (s. dort, vgl. sich genieszen u. d. 6, g, γ). genusz des lebens, lebensgenusz ist nun geläufig, im wechsel des lebens: (Winckelmann) angewiesen auf thätigkeit, genusz und entbehrung, freude und leid, besitz und verlust u. s. w. Göthe 37, 22;
zwei blumen blühen für den weisen finder,
sie heiszen hoffnung und genusz ...
geniesze, wer nicht glauben kann,
wer glauben kann, entbehre u. s. w.
Schiller IV, 30 (resignation).
im einzelnen genusz eines vergnügens Gellert 5, 147, der freude, der ruhe, der glückseligkeit seines zustandes Adelung, er bestimmt den begriff als den 'zustand, da man eine sache mit anmuth empfindet'; bei einer sonderbaren .. gemüthsart, die mich .. sogar im genusz des erflehtesten glücks manches hat leiden machen. Göthe an herz. K. August 1, 115 (1788).
e)
das aufsteigen und verinnerlichen des begriffs zeigt sich handgreiflich z. b. in dem selbstlosen genusz an der freude anderer: die glückseligkeit des braven jünglings, dessen lebhafteste freude mitzufühlen, war ein ungemeiner genusz. Göthe 30, 154 (campagne in Frankreich 23. oct.), womit denn das sinnliche völlig überwunden ist, eigentlich in sein gegentheil umgesetzt, der begriff genusz aber dabei doch im fühlen bleibt, wie immer, also in einer freudigen befriedigung des eigentlichsten ichs, gleichsam ein höheres, inneres nähren. so ist denn von genusz die rede im menschenverkehr, z. b. es ist ein genusz, mit ihm oder in seinem hause zu verkehren, ein genusz, den herrn mit seinen leuten verkehren zu sehen, auch ein genusz, ihn sprechen zu hören, wo denn sittlicher und kunstgenusz sich mischen. ebenso genusz des umgangs, der freundschaft. und wie man schon länger von menschen genieszen sprach (s. dort 6, g, β), so nun auch menschengenusz, genusz ihres eigensten wesens in umgang und innerstem verkehr: und o welch ein genusz, der so wenig gesuchte, uns so nahe gelegte ... so unentbehrliche, so beseligende menschengenusz. Lavater auss. in die ewigkeit 3, 129, mit lang ausmalender ausführung; wie wenig ist derjenige (ein) mensch, der die freude des menschengenusses nicht kennt. 131. vgl.herzensgenusz (von freundschaft), seelengenusz.
f)
indem nun aber als ziel gesteckt war, das ganze leben zu einem genusz zu machen, wollten und muszten auch schmerz und leid, ja der tod in den begriff aufgenommen sein.
α)
das ist denn in Göthes geist und seele zu verfolgen, er ist auch darin die stimme der zeit. Faust, in der entscheidenden verhandlung mit Mephisto, wo er zuerst dem genusz trotzig ungläubig entsagt:
kannst du mich mit genusz betrügen,
das sei für mich der letzte tag!
Göthe 12, 86,
will doch nachher schmerzlichen verlust, indem er in voller verzweiflung an der welt und sich die gegebenen gegensätzlichen begriffe trotzig verwirrend durcheinander wirft:
du hörest ja, von freud' ist nicht die rede,
dem taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten genusz,
verliebtem hasz, erquickendem verdrusz.
mein busen, der vom wissensdrang geheilt ist,
soll keinen schmerzen künftig sich verschlieszen,
und was der ganzen menschheit zugetheilt ist (an freud und leid),
will ich in meinem innern selbst genieszen u. s. w.
89,
wo man, mitten im verzweifelten zorn und eben durch ihn in die höhe getrieben, den gesuchten begriff sich aufschwingen sieht über die peinigenden gegensätze, um in einem neuentdeckten höheren punkte auch darüber herr zu werden und doch — genusz zu bleiben, der dem ich seine gefährdete einheit wiedergibt (zu vergleichen ist auch genieszen 6, h, β). mild dagegen und aus tieferer erkenntnisz und erfahrung kommt leiden als genusz im Tasso (3, 1), wenn die prinzessin von sich berichtet:
eines war,
was in der einsamkeit mich schön ergötzte,
die freude des gesangs. ich unterhielt
mich mit mir selbst, ich wiegte schmerz und sehnsucht
und jeden wunsch mit leisen tönen ein.
da wurde leiden oft genusz, und selbst
das traurige gefühl zur harmonie.
Göthe 9, 177.
in der Pandora schmerzen als genusz:
die schmerzen selbst um solch ein kleinod sind genusz.
40, 402,
wobei denn eigentlich auch von der wonne der wehmuth, die in dem aufsteigenden innern leben der zeit eine wichtige rolle spielt, die rede sein müszte.
β)
wie hoch aber der begriff auf diesem wege kommen konnte und kann, zeigt der eingang des philosophischen gedichtes eins und alles vom jahre 1823:
im gränzenlosen sich zu finden
wird gern der einzelne verschwinden,
da löst sich aller überdrusz:
statt heiszem wünschen, wildem wollen,
statt lästgem fordern, strengem sollen
sich aufzugeben ist genusz.
Göthe 3, 89,
indem also das ich, das sonst eben im genusz sich sucht, gerade entgegengesetzt sich selbst aufgibt und hingibt (an das ganze), findet es vielmehr alles was es suchte, mit höchstem genusz, was denn zugleich in die gedankenrichtung und lehre der alten mystiker einlenkt. ein anklingender oder einstimmender gedankengang in des jungen Schiller seele zeigt sich in der theosophie des Julius, in dem capitel aufopferung, wo von der höchsten äuszerung der liebe die rede ist, die sich selbst, auch das leben opfert, dabei die frage: wie ist es möglich, dasz wir den tod für ein mittel halten, die summe unsrer genüsse zu vermehren? wie kann das aufhören meines daseins sich mit bereicherung meines wesens vertragen? Schiller IV, 48.
γ)
auch der tod an sich erscheint bei Göthe als genusz, nicht nur von einer fliege, die sich an süszem gifte todt saugt in dem gedichte fliegentod: das leben so sich im genusz verliert (2, 292 H.), sondern auch vom menschen, im 2. act des Prometheus, wo dieser der Pandora den ihr noch unbekannten tod schildert, indem er ihn in ihr bekannte begriffe kleidet, dabei:
wenn alles — begier und freud und schmerz —
in stürmendem genusz sich aufgelöst,
dann sich erquickt, in wonne schläft —
dann lebst du auf u. s. w.
33, 261.
g)
auch der geist genieszt nun (vergl. Schiller unter b), geistige genüsse, geistesgenusz (s. dort) sind nun eigenthum der gebildeten sprache, im gegensatz zu sinnengenusz, auch reiner, reinster genusz genannt in stillem bezug auf jenen, auch hoher genusz, weil er den geist erhöht. so in der wissenschaft, genusz des denkenden geistes:
wen einst (einmal) der wahrheit liebe rührt,
wird edlern welten zugeführt,
und sättigt sich mit engel-speise,
im nähern wächst der wahrheit zier (schönheit),
mit dem genusz steigt die begier u. s. w.
Haller 156 (113 Hirzel), an Geszner 1733,
wo der begriff mit sättigen, speise auch noch im engen anschlusz an den sinnengenusz als seinen ausgangspunkt erscheint (vergl. geist 19, b), dessen überwindung bezeichnet ist mit der begier, die mit dem genusz wächst, statt zu schwinden (s. unter b aus Schiller); ebenso kosten bei solchem genusz: bei ihrer neigung war ihnen das mittelmäszige nicht unerträglich, und der herrliche genusz, mit dem sie das gute vor und nach kosteten, war über allen ausdruck. Göthe 19, 186. aber auch dieser genusz hat seinen eigentlichen sitz im empfinden und bleibt damit bei dem eigentlichen begriffe (s. c), wie das der dichter ausspricht:
hoher genusz der schöpfung, wenn wir, von des denkens
feuer entflammt, sie empfinden, sie erblicken,
(sie) hören, staunen vor ihr, vor ihren
blümchen und straszen des lichts!
Klopstock oden 1, 312 (der unterschied, 1771);
wer, was die schöpfung, und was er selbst sei, forscht,
anbetend forscht, was gott sei, den heitert, stärkt
genusz des geistes, wen nach diesen
quellen nie dürstete, der erlieget.
werke 7, 35 (die wahl).
und wem das zu dichterisch ist, lese z. b. bei dem philosophen Mendelssohn im 12. brief über die empfindungen nach, wo in genauer psychologischer analyse ausgeführt und ausgemalt ist, wie auch beim höchsten sog. reinen denken, dem mathematischen, die arbeit am schlusz in empfundnen genusz einschlägt: der mathematiker schwimmt in wollust. über die empfindung 1755 s. 132. anders genusz des denkenden geistes eigentlich als selbstgenusz (s. dort): ob es nicht unbegreiflich lächerlich wäre, aus einer feigen furcht .. sich um den höchsten genusz eines denkenden geistes, grösze, hervorragung, einflusz auf die welt und unsterblichkeit des namens zu bringen. Schiller an Huber aug. 1787, briefwechsel mit Körner 2. ausg. 1, 104.
h)
unentbehrlich im gebildeten leben ist auch kunst- und naturgenusz, gleichfalls als ein thun des empfindenden ichs.
α)
kunstgenusz, auch auf seiten des künstlers: das gemüth, das sich mit einer solchen arbeit beschäftigt (einfacher nachahmung der natur), musz still, in sich gekehrt und in einem mäszigen genusz genügsam sein. Göthe 38, 180 (auf der höchsten stufe zu glückseligkeit gesteigert 187). von seiten des genieszenden:
stellt ihr euch selbst abwesendes dar (im geiste), so genieszet
ihr es durch euch, wie's der dichter zum genuss' euch
gegenwärtiget.
Klopstock od. 1, 313 (der unterschied),
vgl. in der zweiten strophe vom genusz, den der künstler gibt; der genusz schöner werke. Schiller X, 507, 1, der empfindende leser im moment des genusses 507, 18. auch im trauerspiel, das die menschliche nacht, gewitternacht malt, hört der genusz nicht auf:
gleich einer lichten wolke mit goldnem saum
erschwebt die dichtkunst jene gewölbte höh
der heitre, wo, wen sie emporhub,
reines gefühl der entzückung athmet.
auch wenn sie nacht wird, flieht der genusz doch nicht
vor ihren donnern, feuriger letzt er sich!
drauf schwebt sie, schöner bläue nahe
nachbarin, über dem regenbogen.
Klopstock od. 2, 29 (verschiedene zwecke).
Schiller bestimmt auf der höhe seiner einsichten den begriff der kunst geradezu so: die rechte kunst ist nur diese, welche den höchsten genusz verschafft. der höchste genusz aber ist die freiheit des gemüths in dem lebendigen spiel aller seiner kräfte. XIV, 4 (über den chor in der trag., vor der braut von Messina); an den begriff lebensgenusz (d) aber angeschlossen, vom dichter:
du gibst so vielen doppelten genusz
des lebens.
Göthe 9, 230 (Tasso 5, 2).
bemerkenswert eine äuszerung über seinen begriff von genusz, veranlaszt durch das spiel Paganinis: mir fehlte zu dem, was man genusz nennt und was bei mir immer zwischen sinnlichkeit und verstand schwebt, eine basis zu dieser flammen- und wolkensäule. Göthe an Zelter 5, 305.
β)
naturgenusz, den man im freien, im wald, im gebirge sucht, auch genusz der gebirgsluft, der freien luft u. a.; genusz, den ein landschaftsbild gibt, zugleich in kunstgenusz einschlagend: rechts bildete die stadt (Coblenz), an die brücke sich anschlieszend, einen tüchtigen vorgrund u. s. w., dieses bild gab einen herrlichen aber nur augenblicklichen genusz, denn wir landeten. Göthe 30, 180; wie mir sogar diese nothgedrungene winterreise (im Harz) anstatt beschwerlich zu sein, dauernden genusz gewährt. 229. der genusz der natur erscheint bei ihm aber auch ganz anders noch, in tieferem, tiefstem sinne, s. u. genieszen 6, h, β von Faust, aus des dichters eigenster tiefe, die natur fühlen, genieszen, als gegensatz oder erfüllung des bloszen verstehens, ihr innerstes wesen mit dem eignen innersten sinn erfassen, was eben in genieszen seinen ausdruck findet; diesz übrigens auf Herders vorgang, der das von ihm erstrebte tiefste verstehen des menschlichen als genieszen bezeichnet (s. dort unter α), womit denn der begriff, wie fern auch von seinem ausgangspunkte, geradezu in polform, doch immer bei sich selbst bleibt, als ein aufnehmen von äuszerem in sich selbst zur nährung des ichs, mit lust begleitet.
γ)
bei Adelung ist selbst von genusz gottes die rede: 'die seligkeit des menschen bestehet in dem genusse gottes und seiner vollkommenheiten, in der anschauenden erkenntnisz des guten in gott'. Lavater, indem er sich die zustände im jenseits ausmalt, als höchste erhöhung von freundschaft und liebe, setzt die spitze davon in ein genieszen der gottheit: auf welche neue, mannichfaltige, unnennbare weise werden wir da die gottheit in freunden und geschwistern erkennen, empfinden, genieszen, und ihr (so) näher kommen! aussichten in die ewigkeit 3, 139 (17. brief). von religiösem genusz, neben sittlichem, ist auch bei Göthe die rede; er spricht von der architektur als einer verstummten tonkunst, malt sich die sage vom Orpheus aus, dann: die töne verhallen, aber die harmonie bleibt. die bürger einer solchen stadt wandeln und weben zwischen ewigen melodien .. fühlen sich am gemeinsten tage in einem ideellen zustand .. werden des höchsten sittlichen und religiösen genusses theilhaftig. 44, 252 (spr. in prosa 694). Faust, als ihn österlicher glockenklang und chorgesang vom selbstmord zurückhält, erinnert sich aus jungen jahren:
sonst stürzte sich der himmels-liebe kuss
auf mich herab in ernster sabbathstille.
da klang so ahnungsvoll des glockentones fülle,
und im gebet war brünstiger genusz.
Göthe 12, 45.
4)
ganz anders, durch ein misverständnisz weidmännisch von den jagdhunden genusz der fährte, geruch Adelung; es heiszt auch er genieszt die fährte, eigentlich aber geneust, d. h. wittert (s.geneusen am ende), das dann als geneuszt genommen ward. anders und richtig den hunden den genusz geben, ihren antheil am erlegten wild, gewöhnlich geniesz (s. dort 4, a), daher auch vermittelnd genüsz öcon. lex. 798 fg. (s. dazu 1, c). und noch anders der genusz vom magen des wildprets, weil er das behältnis der genossenen speise ist Adelung.
Zitationshilfe
„genusz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/genusz>, abgerufen am 22.10.2019.

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