Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gerad, gerade, adj. und adv.

gerad, gerade, adj. und adv.,
verkürzt grad, grade, oberd. auch krad (Mathesius Sar. 203ᵃ. Schm.² 2, 51. Schöpf 526), krôd (Fromm. 2, 338. Schöpf), das adv. mundartlich weiter gekürzt zu kad, kod nur Schöpf a. a. o., gad genau, nur Stalder 1, 410. Schm.² 1, 871. 2, 51. das wort gehört seinem stamme nach zu goth. raþjô zahl, garaþjan zählen, eigentlich 'gleichzählend', ahd. gerad, kerad, par Graff 4, 256 (11. jahrh.), mhd. gerat, gerade mhd. wb. 2¹, 558ᵇ. comparation gerader, geradester, in älterer zeit und noch in heutigen mundarten auch mit umlaut geräder (Henisch 1504. Schaidenreiszer 244ᵃ, gereder Zimm. chr. 1, 6, gräder Stumpf 309ᵃ), gerädester (Kirchhof mil. disc. 187, geredist Schm., obersächs. hier gehst du gräder, am grädsten).
1)
durch zwei ohne rest theilbar, aus zwei gleichen zahlen bestehend, gerad oder eben, par. voc. 1482 l 8ᵃ, eben, gerade an der zal, gleich, par. f 5ᵃ: ahd. par et impar i. kerad unde ungerad. Notker Aristoteles 37, 61 Graff; mhd.
si hæten eine gerade schar:
dane was niwan ein und ein.
hætens iemen zuozin zwein
an die geraden schar gelesen,
sô wære ir (gen. plur.) ungerade gewesen
und wæren mit dem ungeraden
sêre überlestet und überladen.
Tristan 16856;
nhd. es ist gerad aus, par numerus, par divisio est Schönsleder T 7ᵇ; er lehret eilf und zwanzig gerade machen (that teacheth tricks eleven and twenty long). kunst über alle k. 152 Köhler; also musz mancher heutiges tages .. glauben, sieben und neun seien gerade zahlen, ob er schon in seinem hertzen eines andern überzeugt ist. Zinkgref apophth. 3, 264;
so ist die fünfe
die erste zahl aus grad und ungerade.
Schiller XII, 95 (Piccol. 2, 1).
in stehenden redewendungen und technisch:
a)
fünf gerade sein lassen, es nicht so genau nehmen, durch die finger sehen, s. fünf sp. 556, dazu noch: man musz etwan fünf gerad lassen sein. Agricola sprichw. 228ᵇ, vgl. Albertini hofschul (1610) 41ᵇ; bei groszen herren musz man fünfe gerade sein lassen. Stieler 1501; zumahl wenn sie wohl verdauten, gut schliefen und keine besondere ursache hatten, fünf für gerade gelten zu lassen. Wieland 15, 81; in gleicher bedeutung: ich schwiege dem nach also mauszstille und liesze immer so hin in allen, was sie nur anfiengen, siebene grad sein. Simpl. 1, 1, 3, 14; dreizehn gerade sein lassen. Mühlmann lat. wb. 2, 505.
b)
gerad oder ungerad, grad und ungrad spielen, ein kinderspiel, bei dem errathen werden musz, ob die zahl der in der hand gehaltenen nüsse, steinchen u. dergl. gerad oder ungerad sei (s. eben 2, paar I und hochspiel):
rite ein gra man uf und ab
mit cleinen kinden uf einem stab
und spilte gerade und ungerade.
Renner 2736;
jud, rat, gerad oder ungerad?
fastn. sp. 1, 188, 14;
durchs los .. nach dem das messer mal oder umbmal tregt, nach dem es gerade oder ungerade ist. Luther 3, 207ᵇ; gerad oder ungerad machen Maaler 169ᵇ; grad oder ungrad Garg. 165ᵇ im verzeichnis der spiele; gerad oder ungerad mit nussen, ludus nucum Frischlin nomencl. 474; grad und ungrad spilen Schönsleder T 7ᵇ, gerad oder ungrad 7ᶜ; gerad und ungerad spielen. Aler 898ᵃ; der ... dafür mit den kleinen mädchen versteckens, frau Sonn, gerad oder ungerad und dergleichen spielchen spielte. Wieland 15, 145;
binsene häuschen erbaun, lastwägelchen fahren mit mäusen,
spielen gerad ungrad (ludere par inpar).
Voss Horaz 2, 147 (sat. 2, 3, 248).
c)
technisch.
α)
in der arithmetik: gerade zahl, numerus par, 'unverständige nennen solche zuweilen eine gleiche zahl' mathem. lex. 1, 568; gerad gerade zahl 'die sich durch eine gerade zahl dividieren und aufheben läszt, und auch wiederum einen geraden quotienten bringet', dagegen ungerad gerade zahl 'die eine ungerade zahl zum quotienten hat' ebenda 569.
β)
in der musik: die gerade oder egale und die ungerade mensur (takt). musical. lex. (1749) 372; der einfache gerade takt besteht aus einer arsis und einer thesis von gleicher zeitdauer .. der einfach ungerade takt enthält drei taktglieder, von denen das erste den accent hat und die beiden andern accentlos sind. A. v. Dommer musik. lex. 818. daher von volkstänzen, die innerhalb ihrer einzelnen theile wechselnden takt, geraden und ungeraden, haben: grad und ungrad, oder zwiefacher, ein Oberpfälzer bauerntanz Böhme geschichte des tanzes 1, 194. 2, 181.
γ)
bei den buchdruckern: gerade columne, die zweite, vierte, sechste u. s. w. seite des gedruckten bogens. Täubel 2, 67.
δ)
weidmännisch von hirschen, z. b. ein gerader vierzehnender, ein ungerader zwölfender, vgl.: die zahl der enden wird allemal verdoppelt nach der stange angesprochen, auf welcher die meisten gültigen sichtbar sind, nur dasz der zusatz 'gerade' die gleiche zahl auf beiden, 'ungerade' aber die ungleiche bestimmt. Kehrein weidmannsspr. 96.
2)
aus zwei gleichen theilen ohne überschusz bestehend, gleichvertheilt: mhd.
diu rede was under in gerade,
si seit im und er seit ir.
Tristan 11960.
nhd. gerad, gleich, da eins so viel hat als das ander. Emmelius sylva M 2ᵃ; ein gerader bürger, civis aequalis, mediocris Weber deutsch-lat. wb. 345ᵃ.
3)
gleichmäszig in éiner richtung fortlaufend, ohne krümme oder schiefe.
a)
gleichmäszig gewachsen, regelrecht gebaut, wohlgestaltet, stattlich, schön: procerus lang, mediocris vel quadrate stature geraed Trochus E 1ᵃ (de homine); gerade und lang, elegans, gracilis voc. inc. teut. g 6ᵃ; gerader, elegans, oder hubscher, stoltzer oder vast edler voc. 1482 l 8ᵃ. Dief. nov. gl. 146ᵇ; libenter fuisset pulchrior der geredist Schm.; her was .. eines geradin behegelichen libes an lenge unde an dicke, eines liblichen fruntlichin antlitzes, weddir zu magir noch zu feist. Ködiz leben des heil. Ludwig 18, 12;
sy (das vermeintliche hoffräulein) wart nacket an der stette ..
dô was eʒ ein gerader man.
Dioclet. 7086;
mein öheim Hainz ist ain gerader man.
fastn. sp. 568, 9;
es ist der Hainz gar ain gerader knecht.
568, 19, vgl. 656, 8. 13;
ach reicher Christ, ...
bewar im (dem allerliebsten) seinen graden leib
vor leid und auch vor schande.
Uhland volksl. 135;
bist du aber ein jungs eeweib
und hast einen geraden leib,
so halt dich stät an deinem man.
H. Folz in weimar. jahrb. 2, 116, vgl. 111;
ihr kehle die ist grad und schön,
ihr händlein lilienweisze.
wunderhorn 3, 149;
ein gerad gesell mehrmals abwechselnd mit ein ebner gesell. chron. der d. städte 2, 80 fg. (Nürnberg, mitte des 15. jahrh.); der künig von Engelland ist ein gerade person, von glidmaszen gantz woll geschickt, ein frölich wolgefarbt angesicht. Weller zeit. 22 (Nürnberg, 1513); ausz mutter leib grad und wol geproportzet. Garg. 114ᵇ; sie (Helena) war eine schöne länglichte gerade person, und war kein tadel an ihr zu finden. Widmann Faust 512. bisweilen bleibt zweifelhaft, ob die bedeutung 'ebenmäszig gewachsen, stattlich' oder die des zweiten gerad 'behend, gewandt' (vgl. sp. 3553) gemeint ist: da nun drei oder vier jar also vergangen, ein gerader junger aus ihm war worden. Bocc. (1580) 1, 75ᵃ; an ewerm hof ... ein junger gerader küchenbub. Galmy 255; ein fast schöner, gerader, züchtiger jüngling. buch der liebe 229, 2.
b)
schlank, hoch aufgeschossen: gerad, procerus Cholinus-Frisius 699ᵃ. Alb. u 3ᵃ. Heyden E 1ᵃ; gerad, lang, procerus Schönsleder T 7ᶜ; gerad von leib, altus, celsus Henisch 1503. Rädlein 356ᵃ; die Cimbri .. haben ire helm mit thierköpfen von aufgespörten meulern (geziert), die ganz ainer greusenlichen gestalt und form, auch mit flugeln, die ain solche gestalt haben, das man maint, sie weren vil gröszer und gereder, dann sie waren. Zimm. chron. 1, 6; man schonet ... seiner schönen kind, wann er het als gerad sün, wol fünf, als man sie vinden mag, und zwu gerad schön töchter. chron. der d. städte 10, 309 (Nürnberg, von 1469); mitten unter ihnen stund ein gerader jüngling, der über sie alle ragete. 4 Esra 2, 43; Maximinus der keiser ... an mannlicher gestalt und person also gerad, das er lenger dann acht schuͦch war. S. Frank chron. (1551) 149ᵃ;
ich bin ein mensch gerad von leib,
ein mechtiger könig gros und reich.
Joh. Römoldt 768.
c)
senkrecht, aufrecht, emporgerichtet, steil: gerad sein, nach der blei-waage, ad perpendiculum esse. Frisch 1, 342ᵃ; wenn die wag (das zünglein) gerad innstat, aequilibrium Maaler 169ᵇ; precisus, gerade, geraide, gerad gar Dief. 452ᵇ, gar gerader voc. 1482 k 2ᵇ; eine maur, so nicht gerade in die höhe gehet. Ludwig 740; gerade aufwerts stehend, gerade herunter hangend. ebenda; eine säule stehet nicht gerade, 'wenn sie nicht senkrecht stehet, ob sie gleich an sich gerade ist' Adelung; den kopf gerad tragen, portar la testa diretta ed alta. Krämer 535ᵃ; frau, die .. den kopf nicht gerade und den leib nicht einwärts hielt. Möser 1, 136; der gondoliere stunde mit seinen knappen schiffer-schuen auf der hintersten spitze dieser gondel so gerade, wie eine ausgehauene statue. träum. Pasquinus 106;
aufmerksam sitzt sie da, gerader als ein kegel.
Wieland 17, 269 (Idris 5, 57);
(er) schritt einher gerader als ein bolz.
22, 268 (Oberon 6, 43);
(die geliebte von gestalt) gerade wie ein bolz,
überschwenglich an stolz.
Rückert mak. 1, 178;
wer ist die erauff gehet aus der wüsten, wie ein gerader rauch? hohelied Sal. 3, 6; (der nebel) löste sich in geraden, gutgewachsenen regen auf. Holtei vagab. 1, 184, vgl. es regnet gerade herunter; in der mitternacht vor Sanct Johannis-tage soll der teufels-abbisz an der mittlern wurtzel nicht stumpff sein, sondern eine gantze wurtzel gerade in die erde haben. rockenphil. 2, 7; die felswand fällt gerade ab; der mast wird gerade gerichtet; die rakete steigt gerade in die höhe; gerader weinstock, aufwachsend wie ein bäumchen Jacobsson 5, 650ᵇ; gerade, steile schrift im gegensatz zur schrägen, liegenden, geometrisch ein gerader kegel, ein gerader cylinder u. s. w. mathemat. lexicon 568; in zusammensetzungen: baum-, bolz-, kerzen-, stangengerade. abstract:
das tiefe hoch, das hohe tief,
das schiefe grad, das grade schief,
das ganz allein macht mich gesund,
so will ichs auf dem erdenrund.
Göthe 12, 289 (Faust II. Zoilo-Thersites).
in tadelndem sinne, steif: er geht so gerad wie eine drahtpuppe, wie ein ladestock; bei den kupferstechern das gerade 'sagt man von den steifen, langen und übelgebogenen schnitten; man musz sich da hüten, mit steifen, geraden und trocknen schnitten zu stechen' Jacobsson 2, 61ᵃ.
d)
wagerecht: gerad, nach der wasser-waage Frisch 1, 342ᵃ; bisz die zungen der wag recht in seinem galglein, und der balcken geradt, überzwerch und gleich steht. Thurneisser von prob. der harnen (1576) 85; ein berg von einer graden und gleichen höhe, directum montis jugum. Steinbach 1, 632.
e)
winkelrecht: winckelgerad, orthogonius Dasypodius E 5ᶜ; was gerade ecken hat, rettangolo Krämer 534ᵇ; gerade gewinckelt sein, to be rectangular Ludwig 741; ein gerader winkel wird mit einem bogen von 90 grad ausgemessen. Bion neueröffnet werckschule, übersetzt von Doppelmayr (1726) 4, in der geometrie jetzt allgemein rechter winkel; den flusz gerade durchschwimmen; wer glücklicher (beim ringelrennen) sein will, hängt zuvor den ring gerad. Comenius orbis pictus 2, 17; gerad gegem berg oder bühel, adversus clivum. Maaler 169ᶜ; grad vorüber was ein schärgaden, exadversum ei loco tonstrina erat. 191ᵃ; gerad gegen uber. Schönsleder T 7ᶜ; gerad gegen meinem haus über, die fenster stehen gerad gegen den rathhausfenstern über. Krämer 535ᵃ; ich sasz neben der alten gerad gegen diesen dreien damen über. Simplic. 1, 368; gerade dem wohnhause gegenüber sah man durch ein gitterthor in den baumgarten. Immermann Münchh. (1841) 1, 158;
der äuszerste .. sei der Saturnus,
der mit dem rothen schein, grad von ihm über,
in kriegerischer rüstung sei der Mars.
Schiller XII, 141 (Piccol. 3, 4).
f)
gestreckt, gleichmäszig gerichtet, als gegensatz zu krumm, gebogen, gewunden, uneben, eigentlich und bildlich.
α)
jre beine stunden gerade. Hesekiel 1, 7; gerade bein dantzen auch nit allzeit gerad. Garg. 25ᵃ (32 Sch.); mit geraden füszen aus dem bette fahren (schnell, hurtig). Adelung; als bild ehelicher eintracht:
eʒ stêt gar wol swenn eine hant die ander cleit
und ouch ein fuoʒ gerade bî dem andern steit.
Kolmar. meisterl. 58, 37;
viele drängten (fliehend) ins haus hinein und überstürzten einander, andere fielen gerade auf den boden nieder und versteckten sich. Auerbach schatzkästlein (1862) 1, 93; mit zurückgebogenem haupt oder lieber gerade auf dem rücken liegend. Wieland Lucian 5, 224;
ain ässchen holtz,
war zäh und grad gleich einem boltz (pfeil).
B. Waldis Esopus 1, 73 Kurz;
ein krummes holtz gibt eben so wol kohlen als ein gerades. Henisch 1504; es musz gerad holtz sein, was zu drehen dienen soll. 741; aus einem gar klübigen tennenholz schöne gerade rütlein schneiden. Fronsperger kriegsb. 1, 138ᵇ; ein gerades rohr, ein langer gerader stamm. Frisch 1, 342ᵃ; gerader stengel. Emmelius nom. 55; grad machen, richten, corrigere Frisius dict. pueror. (1556) 2, 101ᵃ; gerade machen, was krumm ist, gerade biegen Rädlein 356ᵇ; ihre scheiteln sind so weisz und so gerad gemacht. Simplic. 1, 139; in zusammensetzungen faden-, schnurgerad; einen krummen nagel gerade klopfen; die gerade griechische nase; die grade, schmucklose wahlklinge. H. Heine (1862) 8, 125; dickteufel vom kurzen, graden horne, dürrteufel vom langen, krummen horne. Göthe 41, 324; gerader bohrer, mit gerade fortgehenden schneiden, im gegensatz zum schneckenbohrer. Jacobsson 2, 61ᵃ; am himel wirds schön durch seinen wind, und seine hand bereitet die gerade schlangen (sternbild). Hiob 26, 13; die lug krimmet sich wie eine schlange, sie gehe oder stehe, so ist sie nimmer gerade. Henisch 1504;
nicht die grade drommete von erz, noch gewundene hörner,
auch nicht helm war jezo, noch schwert.
Voss Ovid nr. 2, 10.
β)
eine gerade linie. Luther der 110. psalm (1539) L 3ᵇ; ein gerade lini, recta linea Henisch 1503, s. die gerade sp. 3554; er sasz in gerader linie zwischen uns. Tristram Schandy 9, 83; jetzt in kreisen, jetzt in ellipsen, oder .. in graden linien. Göthe 17, 340; in gerader linie abstammen von jemandem, nicht in einer seiten- oder nebenlinie: wie die risen ... auff die welt kommen, und unser Gurgelstrossa nach die rechter gerader lini von ihnen abgestigen seie. Garg. 25ᵇ (33 Sch.); jener uralte apfelkern stammte nach einer familiensage in gerader linie von dem apfel ab, den vater Adam mit seiner frau liebsten im paradiese verzehrt hatte. Auerbach schatzkästl. 2, 186; eine gerade zeile (weder krumm, noch winkelschief). Ludwig 740; bessere oder gerädere forchen (furchen). Schaidenreiszer (1570) 244ᵃ; dasz der see den selbigen buck oder krümme etwas verloren und sich gräder gestaltet habe, dann er desz ends bei Ammiani zeiten gewesen sei. Stumpf 309ᵃ; gerad der gassen nach, hac recta platea Cholinus-Frisius 741ᵃ; bergmännisch gerader gang, vena recta Emmelius nomencl. 347; die fahrstrasze gerad legen, die krümmungen, winkel und ecken beseitigen;
fahrt wohl, ihr straszen grad' und krumm.
G. Schwab 'bemooster bursch'.
γ)
die gerade fläche, ohne unebenheiten, in der geometrie die ebene fläche, die nach allen richtungen hin gerade linien enthält; gerade machen, gleich machen was ungleich ist Rädlein 356ᵇ; den fuszboden gerad und eben machen, die erhöhungen und vertiefungen beseitigen, ein bret gerad hobeln.
δ)
gerad gehen, laufen u. s. w.: ob er wol nichts denn hincken kan und nimmer gerad gahn. Luther grund und ursach (1521) n 4ᵇ; ach wisz werden schlimmer und schicketer gleser formirt, die ihr lebenlang kein kraden tritt thun, biszweilen auff beide seiten in gottes und weltsachen hincken. Mathesius Sar. 203ᵃ; gestracks ein berg aufsteigen, oder gerad obsich gon. Maaler 177ᵃ; gräntzen, so gerad für sich gehen, prorsi limites. Aler 898ᵇ;
irrlicht. nur zickzack geht gewöhnlich unser lauf.
Mephist. geh er nur g'rad', ins teufels namen!
sonst blas ich ihm sein flacker-leben aus.
Göthe 12, 203;
denn wir gehen ganz gerade,
nur die stiefel gehen krumm.
R. Reinick 'blauer montag';
an einem orte werde ein ende sein, dachte er, wenn er gerade laufe. J. Gotthelf 7, 200; dasz er nicht fliehe, sonst nur auffs gerädest darvon streichen kan. Kirchhof mil. disc. 187; es flieszen nicht alle wasser gerade. Henisch 1504; ein pferd gerad und krumm tummeln, maneggiar un cavallo in diretti ed in volte o corvette Krämer 535ᵃ; in der schifffahrt, geraden kurs halten 'wenn man den geraden weg mit dem winde hält', von dem geraden kurs abkommen oder abfallen. Jacobsson 2, 524ᵃ.
ε)
gerade glieder, im gegensatz zu gliedmaszen, die von natur oder durch alter, krankheit u. s. w. krumm sind; gerad im gegensatz zum krüppel, zum bucklichten: aus einem geraden menschen zum kröpel werden. avant. 1, 43;
der stumme wird gehört, die lahmen werden gehn,
die krüppel grade sein.
Opitz deutsche poem. (1641) 5;
der krüppel ist doch noch ziemlich ganz und gerade, scheint doch noch ziemlich gesund und stark. Lessing 1, 575 (Minna v. B. 4, 6); ich begehre mit keinem ehewerber den ring zu wechseln, der nicht sei gerad wie eine kerze und schlank wie eine tanne. Musäus volksm. (1826) 4, 118 'Ulrich mit dem bühel', vgl. 131; ich habe immer gedacht, ein bursch, der gesund und gerade wäre und seine vierundzwanzig jahre hätte, müsse auch darauf denken, dasz er eine frau bekäme. Salzmann Seb. Kluge 25; sie heilete viel unheilsame kranckheiten, richtete die krummrückige gerad. Widmann Faust 293. daher
ζ)
gerad, gesund, heil, im gegensatz zu siech, krank, gelähmt, todt: ein gerader mensch, homo sanus, integer Stieler 1501; got bewiste abir sine milde gnade, daʒ der jungeling gesunt unde gerade wart (vorher einen queckin son, der hatte dri jar di gicht gehat, daʒ her zu bete muste lege). Ködiz leben d. h. Ludwig 97, 21; do wardt er (der gelähmte) wunderbarlich gesundt und aller seiner glider wider geradt. Zimm. chron. 1, 157, 2; Ulenspiegel der sprach er wolt im seiner krancken vil gerad machen. Eulensp. 17; wa er die krancken nit grad macht. ebenda; ich kenne ihr, die an krucken, item, die mit einer eiser hand sein reich worden, welche, weil sie gerad waren, zwen füsz, zwo hend hetten, .. weil sie gerad lieffen, kondte gott kein ehr mit ihn einlegen. S. Frank parad. 200ᵃ; gerad (sani) küssen wir unser hend, in nöten suͦchen wir gott. ebenda; der verwundete klagt:
o wer ich grad, ich wagt die haut,
diweil sie doch for ist zerhaut.
Fischart flöhhatz 377 Kurz (781 Sch.);
heut gerad, morgen im grab. Henisch 1503 (vgl. heute roth, morgen todt); im beinhausz ist kein unterscheid an einem lamen und geraden fusz. 1504; die kanaille soll man an den nächsten besten galgen knüpfen, die bei geraden fingern verhungern will. Schiller II, 35 (räuber, schausp. 1, 2).
η)
gerad wort, richtig, deutlich, im gegensatz zu gebrochen, verstümmelt: ein besezzin frouwe, .. di hatte der bose vient manch jar betrubit unde gequelet also sere daʒ si kein ganz gerade wort gesprechen mochte. Ködiz leben des heil. Ludwig 83, 22.
θ)
in bildlicher verwendung, recht, richtig, in ordnung, gerecht: man musz .. sanftmüthig bleiben und demüthig, grad zu machen suchen, was andere krumm gemacht. Gotthelf Uli der pächter 51;
aber ich thue Reineken selbst nichts grades noch krummes
(ik dô Reinken wêr krum efte recht).
Göthe 40, 95;
leset ihr über Reineke mir nicht grades noch krummes,
frag ich den teufel darnach!
(wille gy nicht lesen recht noch krumme
dar sla sik de düvel umme).
ebenda;
gott .. das scepter deines reichs ist ein gerade scepter. psalmen 45, 7 (ein ruth der gerechtickeit auszleg. des 109. psalm. 1520); (du) scheinest schief (krumm, übel) zu nehmen, was grad in meinem sinne geht (in der ordnung ist), und leitest wirklich ganz andere dinge zu dem schiefsten. Chamisso 5, 82; das geht nicht mit geraden dingen zu, wie mit rechten dingen th. 2, 1166, auf erlaubte oder natürliche weise; tisch und stühle gerade rücken, bücher gerade hinlegen.
ι)
gerad, dexter Alberus u 3ᵃ.
κ)
gleichmäszig fortschreitend, gleichzeitig, in der musik: die fortschreitung (des gesanges in den stimmen) ist in gerader bewegung 'wenn beide stimmen mit einander steigen und fallen', in der seitenbewegung 'wenn die eine stimme fortgeht, indem die andere auf einem tone liegen bleibt', in der gegenbewegung 'wenn die eine stimme steigt und die andere dagegen fällt' Jacobsson 5, 215ᵇ; die frantzösischen airs à deux lieben den gleichen oder geraden contrapunct d. h. wo die eine stimme eben die worte zu gleicher zeit singet als die andere, oder nur hier und da etwas ungerades oder concertirendes vorkommt. Mattheson vollk. capellm. 215. auch von volkstänzen, die in ein und derselben taktart und tanzbewegung fortschreiten, z. b. die ältern landüblichen tänze im bair. Schwaben 'unterscheiden sich in die geraden tänze, ländler im zweiviertel- oder dreivierteltakt, und die offnen tänze, der deutsche tanz, nach alter sitte immer nur von éinem paare und zwar von jedem partner einzeln und frei (nicht angefaszt) getanzt' Bavaria 2, 832.
λ)
in gerader bewegung auch im gegensatz zur umkehrung und rückkehr, gerad als gegensatz zu umgekehrt, umgestürzt, umgelagert, in der mathematik: zwei paare von gröszen können gerade (direct) oder umgekehrt proportional sein; in der musiktheorie: ein musikalisches motiv tritt bei der contrapunctischen behandlung in gerader bewegung oder umgestürzt auf; ein accord kann gerade oder umgelagert sein.
g)
ohne umschweife und krümmen auf das ziel losgehend.
α)
eigentlich: gerad vorwerts, adversa fronte. Henisch 1503; ein schneck kan auch wol einem hasen zuvor kommen, wenn sie immer gerade fort kreucht und der hase allzeit umbweg läuffet, auch offt ruhet. 1504; er läst sich nicht irren, er geht seinen weg gerade fort. Ludwig 740;
'ich gehe meinen weg gerade nach dem ziele,
das ziel ist schön und grosz!' sprach unser edler Pitt.
Gleim 5, 142;
der scheue blick anstatt gerad ans ziel
zu gehn, muszt' einen umweg nehmen.
Wieland 21, 181;
weder ihn anzureden vermag ich, noch zu befragen,
noch ihm grad' ins antlitz zu schaun.
Voss Odyss. 23, 107
(s. gerad offen sp. 3549);
da er das herz nicht hatte, ganz gerade auf die sache los zu gehen, so lenkte er von weitem dahin. Göthe 22, 43; auf diesen zweck eilte er nur allzu gerade los. 26, 274; jetzt gleich und grad gegen Jaxthausen zu. 8, 102; das reichsfähnlein ist auf dem marsch, grad hieher, sehr schnell. 8, 104;
und auf den feind gerad an stürmen wir.
Schiller XIII, 213 (jungfr. von Orl. 1, 9);
grad' auf den könig dringt sie an — sie hat ihn
erreicht — sie reiszt ihn mächtig aus dem kampf.
333 (ebenda 5, 13);
alles dieses ging so glatt und gerade durch, dasz an keiner ecke und an keiner schenke auch nur eine einzige dieser perlen (theilnehmer eines wallfahrerzuges) hängen geblieben wäre. Lichtenberg 5, 332;
gegen den holm dann
schnitten sie (kahnfahrer) grade hindurch die dunklere tiefe des seees.
Voss 1, 43 (Luise 1, 698);
geraden fuszes zu jemand gehen, mit vermeidung aller umwege, alles zeitverlustes Adelung. Ludwig 740; (Machiavellus) wolte gerades fuszes hinein gehen. träum. Pasquin. 168; sobald ich aus dem bade kam, ging ich gerade zum Hipparchus. Wieland Lucian 4, 232.
β)
gerad weg, recta via Henisch 1504: wann die jenige, die ihn über alles liebet, gern hätte, dasz er wissenschafft von ihrer person haben solte, so hätte sie ihn freilich nicht erst hieher, sondern den geraden weg zu sich kommen lassen. Simpl. 1, 363;
das ist
der gradste weg, den freund in ihrem herzen,
der für euch spricht bei tag und nacht, zu schüchtern.
Tieck 2, 111;
gerades weges, weniger gut geraden weges, zusammengerückt geradenwegs (s. geradewegs), auf dem kürzesten wege, stracks: von da (gehe ich) gerades weges nach Rom. Lessing 12, 202, geraden weges nach Rom 203; sein heer, dessen .. andre (hälfte) längs der adriatischen seeküste geraden wegs gegen Apulien anrückte. Schiller IX, 260; weis er auch, dasz ich izt diese schlüssel gerades wegs zum policei-lieutenant trage. II, 85; philosophie, die, anstatt ihre freunde mit spitzfündigen grübeleien über das unbegreifliche und unerreichbare um ihr dasein zu betrügen, sie geraden wegs zu dem erreichbaren hohen ziel ihrer bestimmung hinführt. Wieland 28, 248 Gruber; wenn es ein nachtwandler wäre, den ich in gefahr sähe, geraden weges den hals zu brechen. Göthe 20, 214; gerades wegs von Pohlen her. Rädlein 356ᵃ; gib vor, du kämest geraden wegs aus Böhmen. Schiller II, 63; gerades wegs vom galgen her! (vorher ich komme recta vom galgen her). 91; ich mache mich geradenwegs dahin. 126;
auch dann nicht, wenn mein rasender gelust
geradenwegs nach seinem herzen zielte?
V, 9 (dom Karlos 1, 1).
der gerade weg, der rechte, redliche (sp. 3550): ich verführte sie? das ist nicht wahr, .. wir sind allezeit den geraden weg gegangen. Weisze kom. opern 1, 143; sprichw. der gerade weg der beste;
gott hat die gradheit selbst ans herz genommen,
auf gradem weg ist niemand umgekommen.
Göthe 4, 336 (zahme xenien 4);
mein weg musz gerad sein.
ich kann nicht wahr sein mit der zunge, mit
dem herzen falsch.
Schiller XII, 196 (Piccol. 5, 3);
halt die mittelbahn und den geraden steig, so wirst du am sichersten gehen. Comenius orbis pictus 1, 227;
ich geh die grade strasze.
Kotzebue dram. sp. 2, 269.
γ)
gerade aus, zusammengezogen geradaus, s. d.
δ)
gerade, gerade heraus, ohne ausreden und winkelzüge, unverblümt, offen (s. geradezu):
ihr müszt es g'rad gestehen.
Göthe 12, 158;
sagt g'rad', mein herr, habt ihr noch nichts gefunden?
12, 164;
sag es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die seele:
jenes mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast.
40, 274;
geschwind! nur grad' heraus gesagt!
mit welchem weine kann ich dienen?
12, 114;
doch grad heraus! was ihr am dauphin thut
ist weder menschlich gut, noch göttlich recht.
Schiller XIII, 232 (jungfr. von Orl. 2, 2);
hochweiser Salomon! dein spruch
'dasz unter tausenden kein gutes weib zu finden'
gehört — gerad' heraus — zu deinen zungensünden.
Lessing 1, 9, vgl. 7, 187.
ε)
gerade, schlankweg, ohne viel umstände zu machen, kurz und bündig (s. geradehin, geradeweg, geradezu): er sieht oft aus als wenn er in der völligen überzeugung lebe, er sei herr und wolle es uns nur aus gefälligkeit nicht fühlen lassen, wolle uns so gerade nicht zum lande hinausjagen. Göthe 8, 187; obgleich alle seine unternehmungen offenbare empörungen waren, so wagte es doch der schwache Philipp nicht, den kühnen, gefährlichen mann grade anzugreifen. Klinger 4, 252;
mich so
gerad' bei seit zu werfen, dazu bin ich
euch noch zu mächtig.
Schiller XII, 124 (Piccol. 2, 7);
ich will wenigstens meine commission ausrichten. so gerade abzuziehen ist gar zu schimpflich. Göthe 11, 18; sieht man doch, dasz ich immer nur für mich gekuppelt habe, und da ists nicht übel gerade und ohne umschweife zu tractiren. 11, 22;
was hilfts nur g'rade zu genieszen?
die freud ist lange nicht so grosz,
als wenn ihr erst herauf, herum,
durch allerlei brimborium,
das püppchen geknetet und zugericht't.
12, 135, vgl. 140;
bin so frei g'rad' herein zu treten,
musz bei den frauen verzeihn erbeten.
150;
seine verwunderung darüber, dasz er ihm so gerade geschrieben: Hadem habe u. s. w. Klinger 8, 121; nun fiel es ihnen erst auf, dasz sie diese wunderbare erklärung so gerade von Jarno angenommen, und sich nicht um die nähern umstände erkundigt hatten. Göthe 20, 190;
drum frisch! lasz alles sinnen sein,
und g'rad' mit in die welt hinein!
12, 91.
ζ)
unmittelbar, direct: wenn die (seele) nicht ganz in der geradesten richtung zu gott gekehrt war, so blieb ich kalt. Göthe 19, 294; die sinnlichkeit und die daraus entspringenden neigungen haben keine gerade beziehung aufs böse. Kant 6, 195; einige ehrenmänner .. versicherten, sie kämen gerade von ihr her. Wieland Lucian 1, 410; das gerad vor eim ist oder gerad vor den augen, quod adest ante oculos. Maaler 169ᶜ;
den kaiser setzt man grade vor die wand;
auf den tapeten mag er da die schlachten
der groszen zeit bequemlich sich betrachten.
Göthe 41, 82;
grammatisch gerade rede, directe: verbindungen ungerader und gerader rede. Haupt Neidhart s. 178.
η)
zur hervorhebung des schärfsten gegensatzes: sie seind gerad widder einander, pugnant ex diametro. Alberus V 2ᵃ; gerad zuwider, direttamente contrario Krämer 535ᵃ; gerad gegen den strohm schiffen. Aler 898ᵇ; gerad entgegen, exadversus. die gerad entgegene sonn anschauen, mit gerad entgegenem leib streich empfangen. ebenda; dem auftrag gerad entgegen handeln; ein der natürlichen zweckmäszigkeit .. gerade entgegengesetzter zweck. Kant 5, 261; man hat daher in wissenschaftlichen dingen das gerade gegentheil von dem zu thun, was der künstler räthlich findet. Göthe 50, 3, vgl. 26, 338; mit nichten. gerade vielmehr das gegentheil. Lessing 6, 259, vgl. 8, 328; wenn sie (aufschneiderei) ja etwas beweiset, so beweiset sie gerade das gegentheil. 11, 121; nach pathologischem princip, welches gerade das gegentheil des vorigen (des moralischen beweggrunds) ist. Kant 5, 200; Michel war das gerade gegenspiel von seinem bruder. Auerbach dorfgesch. 1, 140; ein freundliches aufnehmen der meinungen anderer, wenn sie nur nicht mit meinen überzeugungen in geradem widerspruch standen. Göthe 26, 166; wie sie denn auch jenen einfachen theilen .. gerade widersprechen. Kant 3, 358, vgl. 4, 107; in Asien streckt sich das gebirge in der gröszesten breite des landes fort, .. wer sollte denken, dasz es auf dem untern hemisphär gerade anders, in die gröszeste länge sich strecken würde? Herder 3, 49 (9, 75 H.); nimm dich in acht, es könnte sich gerade umgekehrt verhalten. Wieland Lucian 2, 255; kinder rufen im trotz gegen ein verbot: nun grade! nun erst recht!
θ)
in übertragener bedeutung, ohne rückhalt, ohne hinterlist, lug und trug, offen, ehrlich, aufrichtig, wahrheitsliebend: ehrliche und gerade leut handlen mit einander trewlich und ohn falsch und geferde. Henisch 1504; gepräge des geraden redlichen mannes. Siegfr. v. Lindenb. 3, 5; beschlosz ich um so mehr, ganz offen und gerade gegen ihn zu sein. Göthe 25, 6;
ich schätze den der tapfer ist und g'rad.
9, 35 (Iphig. 2, 1);
lasz durch diese rede
aus einem g'raden treuen munde dich
bewegen!
9, 97 (5, 6);
nicht lügen werd ich jetzt; ich habe nie gelogen.
warum in deiner hand wär ich ein krummer bogen?
gerade sollst du mich erfinden wie den pfeil.
Rückert 12, 202 (Rostem 74);
heut noch werd ich ihn
auffordern, ... eure künstlichen gewebe
mit einem graden schritte zu durchreiszen.
Schiller XII, 196 (Piccol. 5, 3);
(ihr) werdet, hoff ich, selber nicht erwarten,
dasz euer spiel mein grades urtheil krümmt.
161 (Piccol. 4, 4);
was willst du lange vigiliren,
dich mit der welt herumvexiren,
nur heiterkeit und grader sinn
verschafft dir endlichen gewinn.
Göthe 2, 255;
Benno fand an dem ehrlichen Schwaben einen so schlichten und geraden sinn. Musäus volksm. (1839) 4, 93;
du sohn von Teut,
wohl steht dir das gerade wort,
wohl der speer der gerade bohrt,
wohl das schwert das offen ficht
und von vorn die brust durchsticht.
E. M. Arndt 'deutscher trost;
die feinere welt hat das grade deutsche von ihm noch nicht abgerieben, er giebt sich, wie er ist, für nicht besser, für nicht schlechter. Klinger 1, 377; eine rechtliche und gerade handhabung der religion, und ein nicht-ansehen der person. Claudius 7, 54;
behandelt die frauen mit nachsicht!
aus krummer rippe ward sie erschaffen,
gott konnte sie nicht ganz grade machen.
willst du sie biegen, sie bricht;
läszt du sie ruhig, sie wird noch krümmer.
Göthe 5, 78;
zeig an dein vatterland dabei
und geh uns fein grad under augn.
J. Ayrer soldan v. Babil. 364ᵃ;
ich bin jedermann gerad unter augen gangen, und da ich als ein mensch gestrauchelt und geirret hette, hab ich meine feil oder schalckheit nit beschönet oder zugedeckt. Mathesius Sarepta 19ᵇ; sich mit einer deutlichen und geraden antwort vernemen lassen. Luther 87ᵃ; er erzählte ihm sehr gerade den vorfall. Hippel lebensl. 3, 222; man thut immer besser, dasz man sich grad ausspricht wie man denkt, ohne viel beweisen zu wollen. Göthe 50, 145; bei aller meiner neigung zu ihm wuszte ich, dasz er der mann nicht war, mit dem man ganz gerade handeln konnte. 19, 286;
im fall euch, selbst am hof, das gerade
in meiner denkungsart gefiel.
Göckingk ged. 2, 98;
das gute liebt sich das gerade;
böse früchte trägt die böse saat.
Schiller XIV, 51 (braut von Mess. 1, 7).
auch mit der färbung 'plump, derb' (s.geradezu): ich bin ein plumper gerader teutscher kerl. Schiller III, 364 (kabale 1, 2).
ι)
schlicht und redlich, 'schlecht und recht': die nation ist wacker und gerade vor sich hin. Göthe 27, 24; (Zimmermann) von natur heftig und gerade vor sich hin. 26, 337; dabei mit klarem und scharfem blick: es herrscht darin der gerade gesunde menschenverstand. 54, 190;
nein, der mann bedarf der geduld; er bedarf auch des reinen,
immer gleichen, ruhigen sinns und des graden verstandes.
40, 278;
so hatte der gerade, richtige sinn dem alten beobachter schon manches entdeckt. 37, 38; dasz ein so gerad sehender, wohldenkender mann auch in das, was die nächsten stände über ihm vornehmen, einen richtigen blick haben und manchmal geneigt sein möchte, diese und jene verirrungen zu tadeln, läszt sich erwarten. 33, 180. s. der gerade weg sp. 3548.
h)
das ziel unmittelbar treffend, genau: ein schusz gerade ins schwarze, er traf gerade das herz;
nembt mit eüch das pirsch armbrost mein,
dann es ist starck und scheüst geradt.
Teuerdank 42ᵃ.
verallgemeinert, in pünktlicher übereinstimmung mit seinem object, dasselbe scharf hervorhebend.
α)
genau, dem ort nach: gerad an dem ort, ibidem. gerad zum aller nächsten bym feind, quam proxime hostem Maaler 169ᶜ; gerad in der mitte. Rädlein 356ᵇ; eine gerade zwischen zwei meeren liegende insel, pari intervallo. Weber deutschlat. wb. 3345ᵃ; gerad oben uber jnen ausgebreitet. Hesekiel 1, 7; er (der wilde jäger) zieht grad' über uns hin. Göthe 8, 149; der schnitt ging durch den ballen (der hand) gerade unter dem daumen. 19, 134;
grad auf dem weg nach Regenspurg zum Schweden
ergriffen ihn (Sesina) des Gallas abgesandte.
Schiller XII, 210 (Wallenst. tod 1, 2);
g'rad am gestell der säule des Pompejus,
von der das blut rann, fiel der grosze Caesar.
A. W. Schlegel Jul. Cäsar 3, 2.
β)
der zeit nach: gerad an seim geburtstag, natali suo ipso die Schönsleder T 7ᶜ;
ist wol fünf och sechs jar da gelegen
bisz grad und eben ietzunt.
Mone schausp. 2, 392;
er starb zu Padua .. grad' auf die stunde,
die er im horoscop sich selbst bestimmt.
Schiller XII, 206 (Wallenst. tod 1, 1);
gerade als wir meinten, wir seien auf dem äuszersten. Gotthelf Uli d. p. 342; gerade als die festfreude ihren gipfel erreichte. Freytag werke 13, 244; grad von jugendt auff, jam inde ab adolescentia. Maaler 191ᵃ; grad rächt, in ipso tempore Frisius dict. pueror. (1556) 2, 101ᵃ; gerad zu rechter zeit. Aler 898ᵇ; ich erinnerte mich gerade zur rechten zeit, dasz ich auch ein paarmal verse gemacht hätte, um in eine menge von süszen träumen zu fallen. Tieck 14, 175; der mann kehrte grade noch zu rechter zeit heim, um zu verhindern, dasz der fremde betrüger seiner ahnungslosen frau eine vollmacht abschwatzte. Freytag neue bilder 236 (werke 21, 60).
γ)
der zahl und menge nach: precise, gerade noch minner noch me, gerad weder mer noch minder Dief. 452ᵇ; dis jar, da wir christen schreiben von der geburt Christi 1542, sinds gerade 1468 jar (seit der zerstörung Jerusalems). Luther 8, 49ᵇ; es ist gerade zwölf jahre. Steinbach 1, 632;
heut ist es grad acht tag,
hot mir mein schatz aufgsagt.
Auerbach dorfgesch. 1, 337;
gerad als vil als vor. Maaler 169ᵇ; gerad so viel. Aler 898ᵇ; nur wenig, aber gerade so viel als nöthig sein mag. Göthe 26, 155; gerad tausend gülden. Krämer 535ᵃ; seit dem jahre 61 habe ich für die journale des hrn. Nicolai gerade einen kleinen octavbogen geliefert. Lessing 8, 200.
δ)
der art und weise, der beschaffenheit nach: da si aber in der kirchmess woll gezecht, kamen si (die Brüsseler) gerad wie sie gesessen waren (dort gesessen hatten) zu ross und fusz, dem hinterhalt in die hände. Wilw. v. Schaumb. 82; wann sie (die fremden gäste für die bettladen) zu lang gewesen, (wurden sie) entweder an kopff oder füszen gestümelt, bisz sie sich gerad hineingeschickt. Simplic. 2, 414; willst du aus deinem sohn einen phantasten oder ein störrisches ungeheuer erziehen lassen, .. so ist dieses gerade der mann dazu, ihn zu einem oder dem andern zu machen. Klinger 8, 122; es trifft gerade damit zu oder überein, ad unguem. Ludwig 741; gerade auf den schlag, hujusmodi, eadem prorsus ratione. Stieler 1502; gerad eins gleichen alters, aequaevus Maaler 169ᵇ; gerad gleich einsi freünd als desz anderen, aeque utriusque necessarius 169ᶜ; gerad also (ganz ebenso) schafft gott allen guͦten willen in uns. S. Frank sprichw. 2, 80ᵃ; es ist gerade also, rem acu tetigisti Stieler 1502; das war beim Krimkrieg und dem italienischen gerade so. Freytag kronprinz 18; bairisch gerade so mein, eben so gut: hätte er gerade so mein das auch genommen, d. i. hätte er nur gleich auch das genommen. Westenrieder gloss. 195. Zaupser 32, s. darüber Schmeller² 1, 1617. 1635. 1423. Mareta (1861) 23; (der stoltze man) ist gerade wie der tod, der nicht zu settigen ist. Habac. 2, 5; grad wie ein derwisch. Schiller XV, 2, 102; ich weisz es gerad als wol als du, ich weisz gerad als vil als du. Maaler 169ᶜ; gerad so grosz, schön, als. Rädlein 356ᵇ; gerad wie es gangen ist, erzellen. Cholinus-Frisius 741ᵇ; es geschahe gerad wie er vorher gesagt hatte. Krämer 535ᵃ; ich hab sie (die hand) abzeichnet, grad wie er sie aufs papier gelegt hat. Auerbach dorfgesch. 1, 285; gerade so, wie ich gedacht hatte. Freytag werke 13, 163; gerade als, gerade als ob, als wenn: gerade, als werestu der Hans. Luther 7, 376ᵃ; gerade, als lereten wir, das Christus leib im brot were, wie stro im sacke oder wein im fasz. 8, 177ᵇ; gerad als weren die leien nit auch so geistlich gute christen als sie (die geistlichen). an den adel B 3ᵃ; gerade, als ob du es nicht wüstest, quasi vero nescires Stieler 1502; das habe er in einem tone gesagt, dasz es gerade gemacht, als ob es donnere. Gotthelf Uli der pächter 362; das kommt gerade heraus, als wann u. s. w. Ludwig 740; gerade als wenn einer in königlichem ornat, mit diadem und fürstenhut auf dem kopfe und dem scepter in der hand betteln gehen wollte. Wieland Lucian 1, 433.
i)
letztere bedeutung des adverbs verblaszt noch weiter zu 'eben, just', das in neuerer zeit weite verbreitung gewonnen hat.
α)
gerad erst, modo Dasypodius E 5ᶜ;
und grad so schwert er (der knecht vor gericht) ein eid,
so verlierens wir all beid.
Mone schausp. 2, 397;
grad zuͦ allem glück hatt sy sich hiehär gewendet. Maaler 191ᵃ; das wolte ich gerad haben. ihr habts gerad errathen. Rädlein 356ᵇ; das mädchen antwortete, das wäre ihm gerade recht, so brauche es nicht länger herumzulaufen. J. Gotthelf 7, 339; es fehlt einem solchen kampfe gerade an allem. Göthe 60, 284; Deeger fand es gerade ersprieszlich, dasz man einmal in wind und wetter hinausgeschickt sei. Auerbach neues leben 2, 188; die fähigkeit, alle rechte der (deutschen königs-)würde auszuüben, hing an bestimmten überkommenen stücken. und nicht blosz, weil diese gerade ehrwürdig waren und zum königsschatz gehörten. sie hatten vielmehr ein gewissermaszen persönliches leben. Freytag werke 15, 523; er (Theramenes) ist modisch gebildet, vornehm, volksschmeichler und oligarch, wie es gerade die zeitumstände fordern. Droysen Aristophanes 3, 397; ihm war der kopf dick, da der senior ihm grade (soeben) vorgeklagt hatte. Freytag 13, 127; der landrath, welcher gerade aus dem thor fuhr. 130; gerade las ich von ihnen, sagte Victor. 283; die zahl der vornehmen herren, welche in der armee hohe kommandos .. wegen ihrer geburt erhalten, ist schon gerade grosz genug. kronprinz 25; für unsre kinder ist das beste gerade gut genug.
β)
bei verneinungen: ich bin ihm gerade nicht böse, aber gut kann ich ihm doch unmöglich sein;
das will ich grad nicht sagen;
doch hat sie wohl u. s. w.
Göthe 2, 274;
nur dasz nicht gerade die erstgeburt entschied, sondern freie wahl statt fand unter mehreren gliedern eines herrschenden hauses. Fr. Schlegel über d. neuere geschichte 171; weil man eine solche absolute einheit in der Ilias und Odyssee nicht gerade nachweisen kann. Göthe an Schiller 299; bei allen diesen erzählungen wackelte mir mitunter der kopf, ohne dasz ich ihn gerade geschüttelt hätte. werke 23, 95; ich denke aber, dasz er als Preusze eben gerade keine begeisterung für solche prächtige zugabe zu wirklicher macht gehabt haben wird. Freytag kronprinz 30; das klingt nicht gerade sehr verlockend.
γ)
zur stärkern hervorhebung einzelner wörter, satztheile und sätze, insbesondere der pronomina: innrer drang, der vater und mutter verläszt, um grade dém manne, grade dém weibe anzugehören. Schleiermacher pred. über d. christl. hausstand (1860) 6;
nein, ein discours wie dieser da,
ist g'rade der den ich am liebsten führe.
Göthe 12, 122;
nur keine furcht, dasz ich diesz bündnisz breche!
das streben meiner ganzen kraft
ist g'rade das was ich verspreche.
88;
es giebt keinen zufall;
und was uns blindes ohngefähr nur dünkt,
gerade das steigt aus den tiefsten quellen.
Schiller XII, 249 (Wallenst. tod 2, 3);
wer giebt gerade dir, dem einzigen unter allen deutschen männern und schriftstellern, den besonderen auftrag, beruf und das vorrecht uns zu versammeln und auf uns einzudringen? Fichte reden an die d. nation 14. rede; das kaiserreich, das gerade er so heisz ersehnt hatte. Freytag kronprinz 67; selten nachgesetzt: (das mädchen) sang um so lauter, um dadurch gerade über sich meister zu werden. Auerbach dorfgesch. 1, 115;
dem falschen willst du kriegsvolk anvertraun,
ihn aus den augen lassen, g'rade jetzt
in diesem augenblicke der entscheidung?
Schiller XII, 246 (Wallenst. tod 2, 3);
grad heut ist mein geburtstag, Cassius
kam heut zur welt.
Voss Shakesp. 7, 2, 263;
ich habe nun einmal gerade zu jener harmonischen ausbildung meiner natur, die mir meine geburt versagt, eine unwiderstehliche neigung. Göthe 19, 153; nebst der musik isolierte und hob ihn gerade die menge, die ihn umsasz, aus der menge. J. Paul 3, 14; so viele gute, tüchtige leute von sich zu lassen, und gerade den allerschlechtesten zu behalten! Lessing 1, 545 (Minna von Barnhelm 3, 2); gerade das vornehmste kennzeichen darinn fehlet. 8, 435; der (bürgermeister) ist oft gerade am wenigsten meister über die bürger, sondern ein ganz anderer mit einem andern titel. Auerbach schatzk. 2, 192; Bolz. warum müssen sie einem armen teufel gerade seine einzige seele, den professor, entführen? Adelh. gerade den professor will ich haben. Freytag journalisten 2, 2;
gerade, weil sie ihn zu hassen
versucht war, dürfe sie ihn nicht verderben lassen.
Wieland 18, 105.
δ)
zufällig: wie es gerade kommt, trifft, wie es der zufall, das schicksal mit sich bringt;
syne konet (kühnheit) helpet en cleine,
so en erwurpet mit eime steine
ein bœse gebuer gerade.
Karlmeinet 399, 53;
welcher luft-schiff-herr von bedeutung wäre nicht gerade (unmittelbar) über Ulrichsschlag weggesegelt, wenn er nicht leider darin gerade einen groszoheim hätte, dem er einen prima-wechsel präsentieren kann? J. Paul 32, 76; das junge volk, welches alle tage eine andere rechnung macht und immer das am höchsten in rechnung stellt, was ihm gerade am besten gefällt. J. Gotthelf 7, 345.
ε)
nur, in süddeutschen mundarten Schm.² 2, 51, z. b. des is grad e gedanke dagegen. verkürzt gad, s. oben sp. 3542 und Tobler appenzell. sprachschatz 209 f., welcher zahlreiche belege gesammelt hat.
ζ)
nach gerade, zusammengerückt nachgerade, allmählich, endlich, s. th. 6, 63: kein unheilsamer krebs verzehret also die glieder des leibes, als die ümgekehrte und vertorbene liebe die gliedmaszen des gemüttes, nemlich die tugenden nach einander anstekt und nach gerad in lauter laster verwandelt. Butschky Patm. 693; eurem Klinger sollte nun, dächt' ich, nach gerade doch auch allemal ein wort der kritischen ermahnung ans herz gelegt werden. Wieland bei Merck 2, 66.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3542, Z. 34.

gerad, gerade, adj. und adv.

gerad, gerade, adj. und adv.,
verkürzt grad, oberd. auch krat (Uhland volksl. 654), im adv. weiter gekürzt zu gad, sogleich Stalder 1, 410. comparation mit und ohne umlaut, z. b. gerader Harff 97, geredest Schm.² 2, 52. ahd. kiradi, kirathi, velocissimus Graff 4, 1152 (8. jahrh.), mhd. gerat, gerade, comp. gerater Lexer 1, 870 f., mnl. gheraed Kilian. das wort gehört zu ahd. hrat, rat velox, citatus (beschleunigt), adv. hrato, hrado, rado, ratho, comp. hrador, superl. hradost Graff 4, 1150 fg., mhd. rat mhd. wb. 2¹, 558ᵃ, nd. rat, celer, expeditus Dief. nov. gl. 83ᵃ. 162ᵃ, altn. hrađr, beweglich, eilig, ags. hräđ, hređ, schnell, plötzlich, adv. hrađe, hräđe, hređe (adv. comp. hrađor, daher engl. rather, eher, lieber), rađe, nnl. rad, behend, westfries. red, celer, agilis, promptus; vgl. die ahd. nebenform redi, redii, bereit Otfrid 1, 1, 75. 3, 19, 4. aus dem gothischen kommt in betracht der comp. raþizô εὐκοπώτερον Luc. 18, 25, fraglich nur wegen des fehlenden h im anlaut, das sonst im gothischen treu bewahrt ist.
1)
schnell, rasch, hurtig, gewandt, rüstig: gerad, gerade, geraede, citus, volucer Dief. 125ᵃ. 628ᵇ; gerad, agilis Alberus G 2ᵃ. u 3ᵃ; gerad, behend, in einem huy, fertig mit allen gliedmaszen dieselben zu brauchen, agilis, citus, festinus, rapidus, cito, propere Henisch 1503, ebenso bei Rädlein 356ᵃ; gerad an gliedern, gelenck, agile Krämer 534ᵇ; mhd.
dem was die zunge und der munt
gerade zu dem worte.
Herbort 15009;
dô giengen ûʒ der ahe siben chuo gerade (adv.)
veiʒt unde schône.
Milstätter genesis 85, 2,
während die Wiener und die Vorauer hds. rade schreiben;
er eilt zen vîenden sô gerad
reht als ein katze in ein bat.
Suchenwirt 91ᵇ;
dar umb sijnt dae gerader lude ind gebueger dan hie zo lande. Arnold von Harff pilgerfahrt 97; sonderlich rannten Wilwolt von Schaumburg und Endres von Wildenstain, das ein vast langer gerader gesell was. Wilw. v. Schaumb. 47; in sollichem entluͦffen ir bei drei hundert, der selbigen die geredesten ... in das schlosz Engelstatt. Baumann quellen 1, 769; behende geratte lantsknecht. Lorichius wie man iunge fursten 145 neudruck; ein lantzknecht ..., gar ein schöner gerader, freidiger junger kärle. Wickram rollw. 74, 18; ein junger gerader fröudiger mann (bischof). Stumpf 705ᵇ; mit dem bogen schussen sie (Gallier) ausz der maszen gerad (geschickt). 144ᵇ;
die magt was krat (gewandt).
Uhland volksl. 654;
gerad pferdt, equus bene currens Henisch 1504. Rädlein 356ᵃ; welchs (pferd) mit loufen ind rennen dat geraedest ind snelste were. chron. d. d. städte 14, 861, 12 (Köln, von 1499); guͦt und gerade pferde. Lorichius 175. andere beispiele bei Schmeller a. a. o. das adv. lebt noch in den mundarten: grade, graë, hurtig, geschwind brem. wb. 2, 532, in Vorpommern Dähnert 159ᵃ, hamburgisch Richey 79, holsteinisch Schütze 2, 60, in Hannover Klein 1, 141, Westfalen Woeste 76ᵇ, Göttingen Schambach 67ᵃ, altmärkisch Danneil 69ᵇ, ostfriesisch ten Doornkaat-Koolman 1, 669ᵇ (mit comp. grader, superl. grâdste), in Waldeck gerade Curtze 466ᵇ, niederhessisch Pfister 77.
2)
wie bereits sp. 3544 erwähnt worden ist, läszt sich an manchen stellen die bedeutung der beiden gerad nicht scharf sondern, offenbar hat eine vermischung der gleichlautenden wörter stattgefunden, z. b. stattlich und behend, tüchtig: der soldan hatt 30 söne gezeuget, die denn auch starcke und gerade männer waren. buch der liebe 9, 4; sehet, sein die Teutschen nicht wackere, starcke, ansehnliche, gerade männer? Zinkgref apophth. 1, 75; gesund und rüstig: wolten sie aus ydem closter ein geraden iungen munich dar geben. Mone anzeiger 8, 461 (ratschläge zum Türkenkriege 1477), jungen graden münch Schm.
3)
adv. sofort, alsbald: gerade, snel, altohant Teuthonista 7ᵃ. 104ᵃ. Schiller-Lübben 2, 64ᵃ; gerad, confestim Henisch 1503; so man des erdtrichs nimpt, und ströwet es anderszwo auff krotten, schlangen, so sterbens gerad darvon. S. Frank weltbuch 58ᵇ und öfter.
4)
merkwürdig tirol. grad ei, sieh! Schm.² 52, ahd. girado adv., ecce Tatian 5, 8. 9, 1.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3552, Z. 69.

gerade, geräde, f.

gerade, geräde, f.,
substantiv zu beiden gerad.
1)
gleichheit: geräde, egalité, paritas dict. Genf 1695 136.
2)
schlankheit, wohlgestalt: gräde, proceritas Maaler 191ᵃ, geräde Dasyp. E 5ᶜ; die geräde in die höhe, proceritas Aler 898ᵇ; die ander schel ist wünschen hübsche und gerade des leibes. Keisersberg narrensch. 76ᵃ; zerbrechlich werden in gesundtheit, .. in hüpschy, in schöny, die grädy und alle ding in ein miszgewechsz und zerbrechung gerahten. Paracelsus werke (1616) 2, 175 C.
3)
geräde, droiture, rectitudo dict. Genf 1695 136ᵇ, vergl.ungerede, krümme, biegung Maaler 254ᵇ: disze (die Hüttenstainer riegung) gehet hinumb auf die Sarwandt, von danen auf die Planberger höche, ... der gerade nach auf den gespizten stain und von danen der geratten nach bis in die mitte der schweinzhitten. östr. weisth. 1, 170, 27; im hüttenwesen, das eisen in die gerade bringen, auf den stabhämmern, es gleichmäszig strecken Campe; noch tirol. gräde, krêd, gerade richtung oder stellung Schöpf 526, kräde, kräden, kröden 337; kärnt. gröde, greade, geradheit, gerade richtung, offenheit Lexer 120; schweiz. gredi Hunziker 111, grêde, greide Tobler 234ᵃ.
4)
schnelligkeit, gewandtheit:
(jüngling) tröst dich nit deiner schone,
gered noch sterck.
Osw. v. Wolkenstein 112, 3, 3;
Hugo aber durch seine geräde und behendigkeit entsprang jm. Hugoschapler XI; an statt des tantzens .. wiese ich die gerade meines leibs, wenn ich mit meinem kürschner fochte. Simpl. 1, 483 Keller (1, 3, 18). vgl. ahd. hrati, agilitas Graff 4, 1151.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3554, Z. 25.

gerade, f.

gerade, f.
in der geometrie verkürzter ausdruck für gerade linie (εὐθεῖα γραμμή Euklid 4. def.), wahrscheinlich eingeführt durch Jakob Steiner, dessen 'systematische entwickelungen der abhängigkeit geometrischer gestalten' (Berlin 1832) beginnen: die in der geometrie erforderlichen grundvorstellungen sind: der raum, die ebene, die gerade (gerade linie) und der punct. die flexion ist durchweg adjectivisch, z. b. diejenigen geraden zu finden, welche irgend vier gegebene gerade .. schneiden. Steiner ges. werke (1881) 1, 402. im italienischen findet sich schon bei Galilei neben linea retta die abkürzung retta: le due rette. discorsi e dimostrazioni (Leiden 1638) 26.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3554, Z. 52.

gerade, f.

gerade, f.,
später mit anlehnung an gerät auch n., ein wichtiges wort aus dem früheren rechtsleben.
1)
fahrende habe der frau, hausrat und kleider, vor allem aber der weibliche schmuck und putz, beim tode des mannes von rechtswegen der witwe (witwengerade), beim tode der frau gesetzlich der tochter oder der nächsten verwandten weiblicher linie (jungfrauen-, niftel-, mumengerade), im mittelalter auch dem sohne geistlichen standes aus dem nachlasz zukommend, s. Grimm rechtsalt. 566. 576. Haltaus 661. 1370. Weinhold d. d. frauen² 1, 211. R. Schröder lehrbuch d. d. rechtsgesch. (1889) 296 f. 683 fg. belege: die tochtir, die in deme hûse ist umbestatit, di en teilit sân nicht irer mûter gerâde mit der tochter, die ûʒgerâdet ist. Sachsenspiegel 1, 5, 2 Weiske; die ungerâdete swester en teilt nicht ir mûter gerâde mit deme pfaffen (ihrem bruder), der kirchen oder phrûnde hât. 1, 5, 3; sô nimt sie (das wîb) alleʒ daʒ zû gerâde hôret, daʒ sint alle schâf und gense und casten mit ûfgehabeten liden, alle garn, bette, phule, kussene, lînlachen, tischlachen, twêlen, badelachen, beckene, lûchtere, lîn und alle wîbliche kleidere, vingerlîn, armgolt, schapil, saltere und alle bûche, die zu gotis dînste hôren, die vrowen phlegen zu lesene, sidelen, laden, tepte, umbehange, ruckelachen und al gebende .. bursten, schêren, spiegele. 1, 24, 3, vgl. 1, 27. 3, 38; der grune mantel gehoret zcu der gerade. anzeiger d. germ. mus. 8, 387 (Pirna, von 1459); gerade, vordel dat dye vrouwen stervende geven an achtergelaten, cleynode, exuvie. Teuthonista; mundus, der weiber geschmuck odder gered. Alberus X 1ᵃ; parafernalia, brautgabe, gerede. Dief. 411ᶜ; gerade .. dasselbige geräthe und was darzu gehört, werden auch bona paraphernalia (das seind gaben, die den weibern über ihre mitgift gegeben werden, zu ihrem schmuck und gezierde dienstlich und gebräuchlich) genennt. Besold thesaurus 1, 309ᵃ, vgl. Frisch 2, 88ᶜ; die grade begreifft alles gerähte, so dem weibe gehöret, damit sie umbgehet, und das sie in jhrer gewalt, und die schlüssel dazu hat. Scheräus (1619) 136; was in das jungfrawengerede gehöre? der jungfrawen ihre bindecranz und beste rogk. weisth. 4, 690, 16; thom jungferngerahde gehöret datjenige, so se anne heft, wen se sick geschmücket heft, ob se mit einem in dantz gahn wolde, undt eine lade, dar se eren schmuck inne heft. 3, 235, 21;
im Opplischen fürstenthum, ist es nicht schade?
hat jungfer noch fraue nie keine gerade.
Logau 1, 7, 90;
man theilt die erbschafft schon in ihre classen ein;
man ordnet, wem der schmuck und die gerade solle,
und wem, wenn eines stirbt, der mahlschatz möge sein.
Picander ged. 1, 280;
wollten sie nicht eine gerichtsperson rufen lassen? ich wollte ihnen die gerade vermachen. Gellert 3, 404 (lustsp. 421); einige halsbänder und zwei betten sind ihre ganze gerade. Rabener (1755) 1, 94; gerade und heergewette gehen nicht über die brücke (grenze). Haltaus 662; die volle gerade, welche der witwe gehört, im gegensatz zur halben oder niftelgerade. Campe.
2)
nebenformen auszer den bereits erwähnten. gerade ist die md. und als neutr. auch mnd. form Schiller-Lübben 2, 64ᵃ, nd. rade Sachsenspiegel a. a. o. Homeyer, rade, rathe, redhe brem. wb. 3, 459 aus ältern niedersächs. stadtrechten; radeleve, f. Haltaus 1499, gebildet wie bûlêve (s. baulebung th. 1, 1187) und tôtleibe Grimm rechtsalt. 365. 568; wyfrad brem. urkunde von 1206, wiverate, vrowenradhe Haltaus 662; das frawengerede, -gerethe, -gerehde, -geröde weisth. 4, 690, frauengeräth 4, 664, 21; das gerade 3, 43. 235, das grade 103 f.; soest. geraide, mlat. gerada Haltaus 661.
3)
verbreitung, abstammung und ursprüngliche bedeutung. die gerade war auf Norddeutschland und zwar auf das geltungsbereich des sächsischen rechts beschränkt: Westfalen, Nieder- und Obersachsen, die Lausitz, Schlesien, Brandenburg, Pommern, den sächsischen gau in Niederhessen; ihre überreste wurden erst von der gesetzgebung des 19. jahrhunderts beseitigt. in Süddeutschland war das wort unbekannt, der Schwabenspiegel setzt an den entsprechenden stellen das masculine rat, rate oder daʒ varnde guͦt. in älterer zeit hatte das geraderecht eine gröszere verbreitung, name und sache lassen sich nachweisen zuerst in der lex Burgundionum 86: mala hareda, wiedergegeben durch 'ornamenta' (sc. puellae), von Wackernagel kl. schriften 3, 362 als 'vermählungszurüstung' gedeutet, ferner 51, 3: 'ornamenta quoque et vestimenta matronalia (var. matrimonialia) ad filias absque ullo fratris fratrumque consortio pertinebunt'; sodann in der Lantfridischen redaction der lex Alamannorum 53, 1, MG. leg. III, 104: 'sequat eam (der wiederverheirateten witwe) dotis legitima et quidquid parentes ejus legitime plagitaverent et quidquid de heredi paternicam secum adtulit'; in der lex Angliorum et Werinorum (Thüringer) 6, 6: 'mater moriens filio terram, filiae vero spolia colli, id est murenas, nuscas (s. nusche th. 7, 1009), monilia, inaures, vestes, armillas, vel quidquid ornamenti proprii videbatur habuisse'; 7, 3: 'ornamenta muliebria, quod rhedo dicunt'; endlich im zweiten capitular der lex Salica c. 2 (Behrend s. 93): 'de chane creudo (var. cane creuto, wo chane dem ahd. quena, chone, mulier entspricht). si quis pater aut parentis quando filiam suam ad marito donat, quantum ei in nocte illa quamlibet rem donavit, toto extra partem incontra fratres suos vindicet'. auch aus dem mittelalterlichen dänisch bietet Molbech 1, 118 bruderede, brudens udstyr:
de brudeklæder giver jeg dig,
jeg vil dich give mere, al min bruderede.
k. vis. Nyerup IV, 159.
die angeführten älteren belege lehren, dasz gerade ursprünglich den brautschmuck, die ausstattung der braut für den brautlauf bedeutete (geschmeide, festgewand, zierat wie spiegel, kamm u. s. w.) und erst später auf andere fahrende habe der braut und frau ausgedehnt wurde. sie lehren ferner, dasz gerade nicht vom hochd. masc. rât supellex abzuleiten ist, wie J. Grimm rechtsalt. 567 vermuthete, sondern dasz hier der nämliche stamm vorliegt wie im altnord. reiđa, f. apparatus, ornatus athletarum, apparatus convivii, reiđ, n. pl. ornamenta equi, reiđi, n. ornatus navium, ornamenta equorum Egilsson 653, ags. geredro, aplustra Wright 350, 1 Wülcker, bridel-þwancgas and geræda, frenos et falera 99, 11, gerædu, falere 332, 16; hochd. rosszier oder rosskräid, frontalia, zöttlin an dem rosskräid, freni, a frontalibus pendent, quae caput equi hinc inde vinciunt et additis bullis interdum auratis gemmisque venustant Pinicianus (1516) L 1ᶜ, rossgered Dief. 247ᶜ (aus Pinicianus 1521), rosgeräth, phalerae, nasale, frontale, ornamentum equorum Schönsleder (1618) v 6ᵇ, s. gerät 14 und gereit.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3554, Z. 63.

geräte, gerät, n., collectiv

geräte, gerät, n., collectiv

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von rât, ahd. karâti, girâti, kirâdi, consilium, consolatio, secretum, mysterium Graff 2, 465, alts. girâdi, hilfe, vortheil Heliand 4195, im mhd. geræte, md. gerête, gerêde Lexer 1, 871, den verschiedenen bedeutungen von rât entsprechend: die ratschläge, die man ertheilt, beratung; überlegung, entschlusz; vorsorge, hilfe; fülle, vorrat, ausrüstung, md. hausrat. im nhd. sind nur die letzteren bedeutungen erhalten, und zwar haben sich die jetzt gemein üblichen 'hausrat, werkzeug, gerätschaft', denen der begriff 'ausrüstung, vorrat' zu grunde liegt, von Mitteldeutschland aus über die nhd. schriftsprache verbreitet, daher kommt es, dasz die älteren oberdeutschen wörterbücher gerät selbst nicht aufführen, sondern nur das altüberlieferte seelgerät. das einfache wort hat sich im nhd. derart weiter entwickelt, dasz gerät nicht nur als gesamtbegriff dient, sondern auch das einzelne stück bezeichnet, eine verwendung, die sich vereinzelt schon im älteren md. nachweisen läszt: ein torecht frouwe (stahl) ein corporal von dem altere unde eine mappeln unde dar zu di buchsin mit dem heiligen licham unde stiʒ daʒ alliʒ in iren ermil .. (der priester überraschte sie beim diebstahl) doch nam he or di buchsen und slug or daʒ andere gerete uʒ der hant. Ködiz leben des heil. Ludwig 86, 31.
1)
vorsorge für die seele und deren ewiges heil, seelgeräte, s. dort.
2)
vorrat
a)
an nahrungs-, lebensbedarf:
dâ wart manec verhouwen hût
mit unkunder spîse erschoben.
sölhe herberge kunde ich loben, ..
dâ ich funde alsölh geræte.
Wolfram Willeh. 448, 2;
manic weip,
die selten immer missetete,
wær daʒ sie hete gut gerete,
beide an der kost und an der wete.
Renner 12223, vgl. 3917;
lasz das wilpret und ander guot geret.
märchen vom zaunkönig, Germ. 6, 103, 400 (15. jh.);
fleisch und brod und ander gerät, das der acker trägt. monumenta boica 2, 517; cepurica olera quae in horto seruntur, gartenkräd Pinicianus (1516) A 5ᵇ; obs, kraut, rueben, arbesz, zwifel und dergleichen geringe victualia oder gartengeräth. bair. landrecht von 1616 546; wilt du machen einen fladen von vasten gerete (fastenspeise). buch von guter speise 20;
hand si denn vail das vastengeræt ..
es sig mandel, risz, vigan,
damit tuond si (die kramer) schamlich umbgan,
von winber, klainen und groszen,
kunnends die alten under die nüwen verstoszen.
teufels netz 9903.
b)
an zündstoff: jetzt fiel der unglückliche strahl in ein hoch aufgethürmtes, lange gesammeltes brenngeräthe, und Europa entzündete sich. Schiller VIII, 382.
3)
die gesamte ausrüstung des gottesdienstes, besonders die heiligen gefäsze: das gerete des hauses gottes. Nehemia 13, 9; alles gerete des gottesdiensts. Hebr. 9, 21; reiniget euch, die jr des herrn gerete tragt. Jesaia 52, 11; das heiligthum richt er auch widerumb herrlich an und lies mehr heilig gerete darein machen. 1 Macc. 14, 15; geweihet gered, so zum gottesdienst gestifft und geordnet wirdt, item was von kleinoten, gold, silber und anderem geopfferet wirdt. Henisch 1504; gold zu güldenem, silber zu silberm, ertz zu ehernem, eisen zu eisenem, holtz zu hültzenem gerete. 1 chron. 30, 2; den tisch mit alle seinem gerete, den leuchter mit seinem gerete, den reuchaltar. 2 Mos. 30, 27. in zusammensetzungen: altar-, kirchen-, opfer-, weihgerät, s. d.
4)
die ausrüstung des heeres wie des einzelnen kriegers, waffen, rüstung, gepäck u. s. w.: mhd.
vil erhaft er (Alexander) sin gerette scuͦph ...
sibenzech tusent was sines hers.
Diemer deutsche ged. des 11. u. 12. jh. 200, 13;
nhd. da lag der weg vol kleider und gerete, welche die Syrer von sich geworffen hatten. 2 kön. 7, 15; und sollen ettliche stattliche besessene bürgere ... in jrem gerete (rüstung), mit jren hellebarten und besten wehren, zum burgermeister ... eilen. Leipziger ordn. von 1544 46ᵇ; zogen jm nach hinauff bei vier hundert man, aber zwei hundert blieben bei dem gerete (gepäck). 1 Sam. 25, 13; das sie möchten mit ihrem gerete und waffen frei sicher abziehen. Waissel chronik (1559) 212ᵇ;
lasz mein
geräth zu schiffe bringen.
Schiller XIII, 208 (jungfr. v. Orl. 1, 5, heergeräth 209).
auch das einzelne waffenstück:
strecken das schöne geräth (den speer) zur nahrungsprossenden erde.
Ilias 3, 89, vgl. 135;
Johanna. gebt mir den helm! Bertrand. was frommt euch diesz geräthe?
Schiller XIII, 179.
in zusammensetzungen: belagerungs-, feld-, heer-, kampf-, kriegs-, schlacht-, schleuder-, waffengerät, s. d.
5)
alles was zur ausrüstung des schiffes gehört, mhd. schifgeræte Tristan 8602: die schiffleute .. worffen das gerete, das im schiff war, ins meer. Jona 1, 5; mancherlei schiffsgeräthe. Felsenburg 4, 117;
eilig brachten wir jezt die geräthe des schiffes in ordnung.
Voss Odyss. 11, 9;
aber Tälemachos trieb und ermahnte die lieben gefährten,
schnell die geräthe zu ordnen. sie folgeten seinem befehle:
stellten den fichtenen mast in die mittlere höhle des bodens, ..
spannten die weiszen segel mit starkgeflochtenen riemen.
2, 423.
6)
die ausrüstung des reisenden: die patronen (des schiffes) haben in der herberg den pilgrin entbotten, dasz sie sich mit allem jrem geräth auff die galleen solten lassen führen. reisbuch des heil. lands 1, 229 (reise Hans Werli's von Zimber, 1483); nim dein wandergerete und zeuch am liechten tage davon. Hesekiel 12, 3; und solt dein gerete eraus thun, wie wandergerete. 4; nun sind alle hände mit der verfertigung seines (des abreisenden) geräthes beschäftigt. Pfeffel pros. versuche 1, 27.
7)
allgemein, das gesamte zubehör, alles was damit zusammenhängt:
prior. die welt
und ihr geräthe liegt schon lange zeit
versiegelt da auf jene grosze reise.
Schiller V, 2, 264 (don Carlos 2, 14).
8)
werkzeug der bauern, handwerker, künstler u. s. w.: landwirthschaftliches geräth, auszer dem handgeräth eine anzahl von spanngeräth, wie der pflug, die egge, die walze. Krafft landw. lex. 364ᵇ; zu dem handgeräth der landwirthschaft sind namentlich zu rechnen: spaten, schaufel, hacke (haue), sense und sichel, dreschflegel, heu- und düngergabel. 403ᵃ; die gebäude wieder aufzubauen, den verlust an vieh und geräth zu ersetzen, die wirthschaft fortzuführen erwies sich als schwer. Freytag werke 12, 232; in zusammensetzungen: ackergeräthe, instrumenta rustica Steinbach 2, 222, baurengeräte, arma rustica Frisch 2, 88ᶜ, gartengerät, s. d.; nim abermal zu dir gerete eines törichten hirten. Sacharja 11, 15, zween stebe v. 7; Blaustrumpf hatte den kutscher und sein geräth (wagen) nur gemiethet. Gutzkow Blasedow (1838) 1, 434; spaden und spannung oder was sonst zum deichgeräthe gehörte. Möser patr. phant. 1, 327;
alle sogleich nun erregt ergriffen das starke geräthe,
schaufel und hacke mit lust, dasz der klang des erzes ertönte,
auch den gewaltigen pfahl, den steinbewegenden hebel.
Göthe 40, 342;
handwerksgeräte, instrumenta opificum Stieler 1503; zimmer- sive baugeräte, materia ad aedificandum apta. ebenda; geräthe, die zu einem baue vom maurer- oder zimmermeister zu liefernden werkzeuge. Ehrenberg baulex. 260; fischergerät, instrumentum piscatorium, als ein gäbele. Henisch 1504; nachdem er (der friseur) mit seinem geräthe (kamm und nadel) in diesem sechsgelock ordnung gestiftet hatte. Immermann Münchh. 1, 32; geräthe zum erzprobiren. Röhrig techn. wb. 329ᵇ; chymisch geräth. Woyt 982; geräthe oder die ausstattung einer loge musz sein: die bibel, der zirkel und das winkelmasz. Gädicke freimaurerlex. (1818) 212; gerät zum turnen; schreibgerethe, graphium Dief. 268ᶜ (14. jh.); kunst wil gerete haben. Neander sprichwörter 20 Latendorf; Vulcans werkstätte, die mit allem möglichen kunstgeräthe und mit werken seiner kunst angefüllt ist. Wieland Lucian 5, 224, s. kunstgeräte.
9)
hausrat, hausgerätschaft: md.
sîn hûs und sîn gerede.
heil. Elisabeth 643 Rieger;
ich (der krämer) habe auch gutes geretes veil,
nuscheln (spangen) unde deiszelseil (seil zum anbinden der pferde an die deichsel),
beutel unde teschelein,
darzu die glesen tepfelein.
osterspiel in Wackernagels leseb. 1, 1015, 38 (15. jh.);
nd. husgerede, -gerad, supellex Dief. 568ᵃ, hochd. hausgerat, utensile 631ᵇ (15. jahrh.); geräd, hauszgeräth, was nicht eingemauret ist, als zinnwerck, schisselen, kandlen, kuchenwerck. Henisch 1504; leihen heiszt das, wenn ich jemand mein geld, gut oder gerete thu das ers brauche, wie lange jm not ist, oder ich kan und wil ... wie ein nachbar dem andern leihet schüssel, kannen, bette, kleider. Luther 7, 372ᵇ; geräth, meubles Rädlein 356ᵇ; schlechte geräthe, armer leute geräthe, lumpen. 357ᵃ; kammer-, bettgeräte Ludwig 741; in der ausstattenden kunst nennt man geräthe alle mobilien, möbel, decorationsgefäsze u. s. w. Mothes ill. baulex. 2, 393ᵇ; geräte in der küche, geschirr. Kramer 2, 93ᶜ; alles offen gerete, das kein deckel noch band hat. 4 Mos. 19, 15; mache auch aschentöpffe, schauffeln, becken, krewel, kolpfannen, alle sein gerete soltu von ertz machen. 2 Mos. 27, 3, s.feuergeräte; zinnern geräte. Ludwig 741; masergerät, s. d.; allerhand häszliche ausgestopfte thiere hingen von der decke herab, unbekanntes seltsames geräthe lag durcheinander auf dem boden. E. T. A. Hoffmann gold. topf 5. vig.; ich langte aus dem schrank die beiden geräthe (zahnstocher und seife). Rückert makam. 1, 62; die nähnadel und plätte und anderes geräthe des weiblichen ackers. J. Paul 22, 229;
ja, ich weisz, wie behaglich ein weibchen im hause sich findet,
das ihr eignes geräth in küch' und zimmern erkennet.
Göthe 40, 253.
auszerdem in zahlreichen zusammensetzungen, wie back-, bade-, haus-, kasten-, kisten-, küchen-, lösch-, schöpf-, spiel-, spinn-, tafel-, tisch-, theegerät, s. d.
10)
scherzhaft vom gemächt: ob der neugekoren papst auch mit allem hauszgeräht zur kleinen nächtlichen hauszarbeit gestaffiert sei. Fischart bienenk. 232ᵃ; dein mannsgeräth. Voss Aristophanes 3, 51.
11)
weiszleinene wäsche: leinen geräth, lineum instrumentum Henisch 1504; weisz geräte, lintea pura, lota. schwarz geräte, lintea immunda, sordida. Stieler 1503. Ludwig 741; geräthe nennet das frauenzimmer die sämmtliche wäsche und sonderlich das leinene zeug, welches sie im vorrath haben, und in der haushaltung gebraucht wird. Amaranthes² 569; es sollte ein reinlich kaste sein für leinen geräthe drein zu legen, da nicht eisen durchgeschlagen das leinen geräthe eisenmalicht machte. Luther briefe 5, 162; wer zahlt holtz, saiff und wäscherlohn, wann sie mir und ihr das leinen geräd saubern läst? Simpl. 3, 200, 14 Kurz; auch fande ich .. einen groszen vorrath von allerhand leinen geräth, hembdern, leilachen, handzwehlen, servietten, fatzinetlen. 3, 382, 30; ich wolte gestern etwas von weiszen geräthe auff unserer obern bühne auffhencken. 4, 60, 17, etwas von weiszem zeug 63, 29; die (gräfin) trägt sich erbar, in einem feinen erbarn schwarzen kleid, mit ehrbarem feinem weiszem geräth. Philander (1650) 2, 89; er kam wieder und sagte mir, dasz er bis auf das weisze geräthe und eine madratze zum schlafe mit den nöthigsten möbeln versehen wäre. Gellert 3, 316; tischgeräthe, linteamenta coenatoria Steinbach 2, 222. die bedeutung 'wäsche' ist noch heute in Frankfurt a. Main und an der untern Lahn gebräuchlich, in mundartlicher aussprache grêt Kehrein 159. Pfister 227, in gerichtlichen anzeigen durch leib- oder weiszgeräth verdeutlicht: in Niederrad wurde bei einem waschmann eingebrochen und diesem drei mahnen (körbe) mit weiszgeräth gestohlen. Frankf. journal vom 3. mai 1873; als fem. auch in Würtemberg: was in die geräth kommt Schmid 420. s. leinwandgeräte.
12)
kleidung: mnd.
aldus schal syn al syn gherede (ausrüstung, anzug), ..
enen mantel hebbe he umme
bunt in alle siner krumme,
ok schal ene bunte koghele staen
up sime hovede u. s. w.
meister Stephans schachbuch 1904;
nhd. wullin geräth, vestimenta, indumenta Henisch 1504, wüllen geräth, habillements ou hardes de laine Rädlein 357ᵃ; darumb heiszt (in dem spruche wer zwene röcke hat, gebe dem einen, der keinen hat) ein rock die gantze kleidung, das gerehte der kleider. Luther tischr. 142ᵇ Aur.; ein weib sol nicht mans gerete tragen, und ein man sol nicht weiberkleider anthun. 5 Mos. 22, 5; alle kleider und alle gerete von fellen, und alles peltzwerck. 4 Mos. 31, 20; das Herman sampt einem stadtdiener gefangen und alles seines gerets bis aufs hemde beraubet ward. Waissel chronik 212ᵃ; noch siebenbürg. geräth, kleidungsstücke überhaupt Haltrich 99.
13)
zierat, schmucksachen, kleinode: mhd.
an zierlîchem geræte
an lîbe und an der wæte,
daʒ niemen deheine
von edelem gesteine
von sîden und von golde
beʒʒer haben solde.
Gregorius 3213;
nhd. die kinder Israel hatten .. von den Egyptern gefordert silbern und gülden gerete, und kleider. 2 Mos. 12, 35;
er trug viel gülden geräth auf dem haupt;
das war aus dem tempel Jehovas geraubt.
H. Heine Belsazar.
in zusammensetzungen: hof-, pracht-, prunk-, putz-, schaugerät, s. d.
14)
stirnschmuck und riemenwerk der pferde: stirngeredt, frontale equi Dief. 248ᶜ. Dasyp. V 3ᵃ, stirngeräd Schönsleder Gg 6ᵃ, das stirngerädt oder die stirnriemen am zaum Frisius dict. puerorum (1556) 1, 322ᵃ. 2, 223ᵃ. Maaler 389ᵇ. Rädlein 846ᵃ, dazu vgl. sterngesmyde, frontale, frontis ornamentum in equis Kilian; rosskräid Pinicianus, s. bei gerade sp. 3556; vordergeräth, antilena, vordergeschirr der pferde, hintergeräth, postilena Frisch 2, 88ᶜ; vorder grät, hinder grät am sattel Dasypodius F 2ᶜ. V 3ᶜ. hier hat eine vermischung zwischen gerät und gereit stattgefunden, noch bei Brack 36ᵃ steht das ältere ursprüngliche: vordergerayt antela, hindergerayt postela, gerayt unden an dem sattel, subtela. s. gereit.
15)
zusammensetzungen:
gerätekammer f.
kammer in wohngebäuden zum aufbewahren von geschirr, möbeln u. s. w., rumpelkammer; in Frankfurt a. M. kammer zur aufbewahrung der wäsche Röhrig techn. wb. 281ᵃ. —
gerätekasten m.
werkzeugkasten Mothes ill. baulex. 2, 393ᵇ; behältnis zur verwahrung der wäsche, auch gerätheköthe genannt Amaranthes² 569. —
geräteschrank m.
wäschschrank Amaranthes² 570. —
geräteschuppen m.
wirtschaftsraum zum aufbewahren der ackergeräte, wagen, pferdegeschirre u. s. w. Eger techn. wb. 2, 329. —
gerätewagen m.
wagen mit werkzeug. Eger a. a. o.
geräthaushälterin f.
beschlieszerin der wäsche in gasthöfen und gröszeren haushalten: geräthaushälterin, welche auch die zimmer nachzusehen hat. Frankf. journal vom 3. april 1872. —
gerätholz n.
nutzholz, 'welches wohl geschlacht ist und zu allerhand instrumenten, dann auch vor die werkleute tauget' im gegensatz zu brenn- und bauholz. Heppe wohlred. jäger 280ᵇ: den handwerckern in denen städten, als schreinern, pütnern, wagnern, bildschnitzern ... sol man ziemlich um gebührlich geld mit gereth-holtz helffen. brandenb.-kulmb. waldordn. von 1531 in Fritschii corp. jur. ven. 3, 339ᵃ. —
gerätlos
ohne hausrat und geschirr: nun giengen wir durch eine kleine geräthlose küche. Brentano 4, 33. —
gerätpflanze f.
zu allerlei gerätschaften und werkzeug, sowie zur färberei dienlich Oken 2, 367. —
gerätseil n.
wäschseil Kehrein 159. —
gerätsgut
was gerätschaftsgut. —
gerätstifter m.
stifter eines seelgerätes (s. d.) Frisch 2, 88ᶜ. —
gerätträger m.
wandernder händler, der eisernes gerät (von Steyer in Österreich nach Nürnberg und Obersachsen) trägt Melzer beschr. d. stadt Schneebergk (1684) 110 fg.
gerättuch n.
tuch zum säubern des tafelgeräts: im jahre 1611 bestand am sächsischen hofe das tafellinnen aus 27 damastenen und 10 zwillichenen tafeltüchern, herrenquehlen, geräthtüchern, gemeinen tüchern und salvetlein. Leipziger tagebl. vom 13. april 1890. —
gerätübung f.
übung am turngerät, im gegensatz zur freiübung.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3564, Z. 28.

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gernhaber geschlagen
Zitationshilfe
„geräde“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ger%C3%A4de>, abgerufen am 29.11.2021.

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