Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geräut

geräut,
s. gereut.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3586, Z. 35.

gereuen

gereuen,
verstärktes reuen, mhd. geriuwen, in reue versetzen, schmerzen, mit starker flexion, dagegen das intrans. und refl. geriuwen 'reue empfinden' schwach flectiert, mhd. wörterb. 2¹, 750ᵇ. die starke flexion setzt sich noch im älteren mhd. fort (prät. geraw, part. gerawen, gerewen, gereuen), ist aber allmälig von der schwachen verdrängt worden. die md. nebenform des infinitivs gerawen (B. Waldis, Henisch) ist aus älterem gerûwen hervorgegangen.
1)
in reue versetzen, reue verursachen.
a)
das subject in 3. person: mhd.
Isôte ich sô verwîʒen sol,
daʒ si der zorn geriuwet
und in niemer wider geniuwet.
Ulrich Trist. 2111;
nhd. also gerewet den herrn das ubel. 2 Mos. 32, 14; als denn wird euch ewer sünde und abgötterei gerewen. Ezechiel 36, 31; gottes gaben und beruffung mögen jn nicht gerewen. Römer 11, 29; eine rewe, die niemand gerewet. 2 Cor. 7, 10; doch gerau herzog Bryn die sach. Aventin. 6, 189, 1 Lexer; hat dich der schimpf gerewen? Luther 1, 359ᵇ;
zuͦ morgens da er nüchtern ward,
hett in der schimpf gereuen.
Schade sat. u. pasqu. 3, 156, 18;
man schos nach in mit freuden nu (bei ihrem abzug)
und pfiff in ein liedlein darzu:
'hat dich nu der schimpf gerawen,
so zeuch du es wider enheim
und klag das denn deiner frawen.'
Soltau 2, 238 (belagerung Leipzigs 1547);
die reisz mich schier gerewen hat.
Waldis Esopus 4, 1, 70 K.;
hab nie kein gsehn, der guts in trewen
seim nechsten thet, das jn het grewen.
4, 99, 124;
mein warsagen hat mich gerawen.
H. Sachs 14, 34, 4 Keller;
die kain müh noch not hat gerauen,
ir nachbarn zu besuchen weit.
Fischart glückh. schiff 760 Kurz;
die ehre kennet keinen obren; wer ihr zum nachtheil was gebeut,
da sihe zu, dasz dich dein leben zum schutz der ehre nicht gereut.
Logau 3, 2. zugabe 53;
beglückt wer treue rein im busen trägt,
kein opfer wird ihn je gereuen!
Göthe 12, 87;
lasz dich diese ausgabe nicht gereuen. Adelung; mit einleitendem es: denn es hat mich schon gerewen das ubel. Jer. 42, 10; es gereuet mich meine thorheit. Hederich 1083; als subject ein zusammenfassendes das:
daʒ gerou vil manegen sint.
Nibel. 1866, 4;
Honorius der IV. krönet ouch keiser Friderichen, und daʒ gerou in. Closener in chron. d. d. städte 10, 146, 8;
der frum here von Guttenstein
meint, er wer bei inen dahein
und reit zu in in getrauen:
das hat in ser gerauen!
Liliencron hist. volksl. 2, 359, 19;
das war jm leid und graw jn sehr.
B. Waldis 1, 26, 15 Kurz;
als subject ein relatives so, ein satz: derselbige man müsse sein, wie die stedte, so der herr umbgekeret, und jn nicht gerewen hat. Jerem. 20, 16; den hofemeister gereute fast, dasz er die geringste meldung davon gethan. Hofmannswaldau bei Steinbach 2, 259.
b)
unpersönlich, es gereut mich: mhd.
Hagne riet die reise:   idoch gerouw eʒ in sît.
Nibel. 1451, 4;
west ich, sprach der getriuwe,
ob eʒ mich niht geriuwe,
und obe eʒ mir hie wære
ze sagenne gebære.
Tristan 105, 38;
wesse ich, ob siʒ noch gerûwe (conj. prät.).
Walther 73, 34;
nhd. wens einen schon gerewen hette, das er ein münch were worden. Luther 6, 23ᵃ; gott gedacht, es möcht das volck gerewen, wenn sie den streit sehen, und wider in Egypten umbkeren. 2 Mos. 13, 17; thu nichts on rat, so gerewets dich nicht nach der that. Sirach 32, 24; zuͦ morgens geraw es den künig, und wolt uns weder wissen noch hören. S. Frank weltbuch 219ᵃ; es gereüwet mich nit deren meinung ze sein. Maaler 170ᵃ;
ich wil samlen einen rat
und fliszig erfaren dise tat,
domit es uns nüt gruwe.
Soltau 2, 146, 17 (Schweiz, von 1533);
(der fuchs) dacht: villeicht möcht dichs gerawen
und das dich hindern ohrn wirst krawen.
B. Waldis 2, 178, 41 Kurz;
keiner ist gezwungen, den es hat gerawen.
Gargantua 280ᵇ (528 Sch.);
kindes willen ist nicht zu trawen,
was sie heut wöllen, thut es morgen gerawen.
Henisch 1507;
es gerewe jhn (gott), dasz er die menschen erschaffen nicht dasz es jhn eigentlich gerewet, dann weil er in allem vollkommen, kan jhm kein schmertz, rewe ankommen u. s. w. Phil. Lugd. 5, 92; komm hervor, sonst könnte es dich gereuen, so lange du lebst. J. Gotthelf 7, 356;
aber ich werde der letzte nicht sein, den es bitter gereute,
frauenrath befolget zu haben.
Göthe 40, 117;
o meine fürstin, lasz dich's nicht gereuen!
9, 178.
c)
mit genitiv der sache, über welche man reue empfindet: uͤwer stoltzen hochmuts wird uͤch geruͤwen. Tschudi chron. 1, 358ᵃ; euch wird nimmermehr meines raths gerewen. Mich. Neander menschenspiegel (1560);
ein jeder lasz sich nicht gerawen
seines beruffs.
B. Waldis 1, 18, 27 Kurz;
lasz dich der straff gerewen.
B. Ringwaldt laut. warh. 70;
auff das dich nicht gerew der that.
43;
liesz der thorheit sich gereuen.
Lichtwer fab. 3, 21;
es kommt ein tag, schon seh ich ihn, wo euch
des nichtigen, gewaltsam ausgepreszten
gelübdes schwer gereuen wird.
Schiller VI, 169.
d)
auch mit dativ der person: einem etwas gereuen. Krämer 537ᵃ; dem etwas gereuet, poenitens Aler 901ᵇ; dasz er schaden leiden und ihm gereuen wird. pers. rosenth. 7, 14; wann du ihn aber geschwinde hinrichtest, und dirs etwa geräuete, hilfft kein rath mehr ihn wieder zu bringen. 8, 71; als aber der haase erwachet und siehet, dasz die schnecke ihm vorgekommen und den berg erreichet hatte, gereuete es ihm, dasz er geschlafen hatte. Lokmans fab. 21;
was ists, das mich heut erfreue,
das mir morgen nicht gereue.
P. Gerhard 2, 5;
wer hier ein engel wär, dem solt' es bald gereuen.
Göckingk 1, 159;
ihr leben als schriftsteller war ein leben in gott, und ihre letzte stunde kann ihnen nicht schwer werden, wenn sie mit dem gedanken diese welt verlassen, keine sylbe geschrieben zu haben, die ihnen im sterben gereuen könnte. Hippel an Klopstock 240 Lappenberg; so fängt es ihm an zu gereuen, dasz er diesem mädchen sein wort gegeben. Lessing 4, 347; dasz die person zur erfüllung ihres versprechens rechtlich nicht angehalten werden könnte, wenn es ihr gereuete. Kant rechtslehre (1798) 109; es soll dem einsichtsvollen recensenten nicht gereuen. 184; ich ertheilte jenem hauptmann eine solche antwort, dasz es ihm wohl gereuen mochte, vor mich getreten zu sein. Göthe 34, 95; ihre (der französischen reformatoren) wenig politische unbiegsamkeit entzog ihrer lehre den ruhm ein ganzes reich eingenommen zu haben und musz ihnen noch heute gereuen. Schiller IV, 100;
den tapfersten magen hat die zeit,
ihr nimmermehr ein essen gereut.
Tieck 16, 334.
e)
selten mit dem hilfszeitwort sein statt haben:
ob eʒ dich gerüwen sy.
Laszberg lieders. 2, 259, 1726;
es ist mich nit gerauwen. Maaler 169ᵈ; doch war uns dieser handlung schier gereuen. Philander 4, 648.
2)
reue empfinden, bereuen.
a)
intransitiv und transitiv: mhd.
geruochet mich nû rîten lân
in ein klôster etewâ,
daʒ ich die sehs wochen dâ
belîbe und ich geriuwe (thue busze).
Engelh. 4185;
nhd. die ersten, die anfahenden menschen seind die lang in sünden gelegen seind und haben gereuwet. Keisersb. evangelibuch 79ᶜ; wir haben die sünd verlassen, gebeichtet, gereuwet obnen hin. 79ᵈ;
last uns simplicianisch werden.
was gilts, wir werdens nicht gereuen,
wann einsten die gottlosen schreien.
Simplic. 1, 1, 25, 91;
so wird er die herausgestoszene seufzer herzlich beklagen und gereuen. Butschky kanzl. 690; viel trauben essen gereütt man etlich mahl, wen man einen braffen tribsdrill bekompt. Elis. Charl. 1, 247; er hat under einem meister, der nicht zu gereuen ist, gelernt. Aler 901ᵇ.
b)
reflexiv, sich gereuen mit genitiv der sache: mhd.
di ir geloubin an dich habetin,
ir nôte dir clagetin;
di dir wole getrûwetin,
ir sunde sich gerûwetin.
vom glauben 3724 (Massmann deutsche ged. des 12. jahrh.);
nhd. ursach geben, sich der hochzeit zu gereuen. Philander 1, 23; ein verständiger thut nichts, dessen er sich könnte gereuen. Aler 901ᵇ; ein jeder gereuet sich seines stands. ebenda; der sich gereuet der that, schier kein schuld hat. ebenda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3630, Z. 30.

gereuen, n.

gereuen, n.
substantivischer infinitiv des vorigen: vorbedacht kein gereuen macht. Aler 901ᵇ; zum gereuen tracht, der urtheilt unbedacht. ebenda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3632, Z. 39.

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Zitationshilfe
„geräut“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ger%C3%A4ut>, abgerufen am 01.12.2021.

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