Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gerufe, geruf, gerüfe, gerüf, n.

gerufe, geruf, gerüfe, gerüf, n.,
subst. verb. zu rufen, mhd. geruofe, md. gerûfe, nd. gerôpe Schiller-Lübben 2, 73ᵇ. ten Doornkaat-Koolman 1, 613ᵇ, mnl. gheroep Kilian 171ᵃ.
1)
lautes rufen und schreien, lärm, wie gerufte 1, gerücht 1: geruff, clamor Dief. 125ᵇ, geruͤff, geschrei Emmelius nomencl. 86; md.
dîn vreude ist kumen in ein leit
an clegelîchem gerûfe.
pass. 100, 42 Hahn;
mit michelem gerûfe
greif man den alden pâbest an.
pass. 378, 50 Köpke;
daʒ ist der Franzôsen gerûfe (feldgeschrei). Loher und Maller 58ᵇ. 106ᵃ bei Lexer nachtr. 197; da wart von eime juden ein klein steinichen geworfen uf di monstrancien .. da wart ein gerufe unde ein geschrei ober di juden, daʒ si smelichen doit bleben. Limb. chr. 79, 12 Wyss; geruͤffe und geschrai. archiv des hist. vereins in Würzburg 22, 118 (von 1443); davon ein solich merklich geruf und schreien uferstant, das dem kuniklichen anwalt in keinen weg stünde zu erleiden. Wilw. v. Schaumb. 118; die suw und die iungen ferlin liefen .. uber die pfaffen, uber die begynen .., so daʒ da ein geruf und ein geschrei ward von den alten beginen. Eulensp. c. 94; dasz ist ein todter wolff, machen ir darusz so ein gerieff. 78; als er (Eck) das hört, welch ein geruff und klappern ward von im gehört! Carlstadt bei Luther 1, 148ᵇ;
für angst erfüllte sie den himmel mit gerüff.
D. v. d. Werder Ariost 28, 54, 7;
disz schrecken, disz gerüff von stimm zu stimme rinnt.
Gottfr. von Bulljon 20, 77. 9, 31;
kein rechtes schweigen war noch recht gerüffe da.
20, 51;
hastu nicht ein gerüf da, nimium tinnis et acute clamas, man kan vor dem gerufe (ululatus et strepitus) nichts hören. Stieler 1628; die nachbaren haben des sterbenden gerufe (gannitum tristem) weit gehöret. ebenda; inzwischen kam ein cameeltreiber mit hellem geruff. pers. baumg. 9, 5; ein grosz geruffe machen. Rädlein 361ᵇ; da treten denn stracks leute auf, rufen und schelten: glattkinn! glattkinn! und diesz gerufe und geschelte ... Klopstock 12, 79.
2)
umgehendes gerede, landgeschrei, wie gerücht 3: ob ein gerûffe uber in chumt. Altprager stadtr. 109, 25 Röszler (14. jh.); weresz, daʒ einich man bezoget were von den burgern vor ein gelute, ader vor ein gerufe von deheiner sachen, der mag dune sin unschult mit zwelff sinen magen binnen dry wecken (wochen) na der bezicht. weisth. 1, 540, 21 (Rheingauer landrecht, 14. jahrh., aus Bodmann 624 fg.); wer .. keinerlei lymuͦt oder geruͦf mahte, das yemans dodurch verston möhte, das ein solich persone ussetzig und nit schön (rein) sin solte. Straszburger pol.-ordn. 55 Brucker (15. jahrh.); also ist ein unterschid under gemeiner achtung oder opinion, und geruͤff oder fama, wann gemeine opinion macht etwo ein recht, aber das gemein geruͤff oder fama nit, doch bestehet das selb geruͤff oder fama, bisz dawider bewisen werden mag. Tengler laiensp. (1544) 114ᵇ; so ein geruͤff entstehet, das einer gelt oder guͦt genomen (durch bestechung). 113ᵃ; als mancherlei unleümbden und geruͤff biszher entstanden und für mich kommen, das etlich unholden (hexen) in diser herrschaft seind. 105ᵇ.
3)
der ruf, in welchem einer steht, wie gerücht 4: Ulenspiegel .. liesz niergen guͦten geruͦff hinder im. Eulensp. c. 54; ein prelat, ein regierer, ein prediger und der geleichen personen, welche einer gemeind vor sind, die selben söllent wöllen ein guͦt ruͦmrich geruͤf haben und sich in jrem leben und wandel also halten, das ire werck dem geruͤf entsprechen. Keisersberg seelenp. 12ᵇ; sein lob und geruͦff. post. 2, 19; der lorbeerbaum hat disz geruff, das kein wetter darein schlecht. Bock kräuterb. 842.
4)
gerühme, vgl. gerücht 1 am ende: md.
mit michelem gerûfe
berûmete sich genûger,
wie er als ein klûger
ouch klûge lûte ubersteic.
pass. 285, 4 Köpke;
nd. hê mâkd d'r'n gerôp (geprahle, aufheben) fan. Doornkaat-Koolman 1, 613ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3758, Z. 80.

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Zitationshilfe
„gerüfe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ger%C3%BCfe>, abgerufen am 06.12.2021.

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