Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gerülle, gerüll, n.

gerülle, gerüll, n.
subst. verb. zu rollen, nd. rullen, etwas lockeres, das leicht rollt, ins rollen kommt, etwas zusammen- und durcheinandergerolltes, md. gerille (s. d.), vgl. gerölle.
1)
wie geröll 1, lockeres gestein an bergabhängen:
wie jetzt der raubschütz auf geheimen wegen
mit seinem raube will davon sich machen,
hört er's gerüll von schweren tritten krachen.
Lenau neue ged. 17.
2)
bergmännisch.
a)
gerülle 'bedeutet gar lucker und lose gebürge, das immer nachfället und man stets versprügeln musz' Herttwig bergb. 171ᵇ, vgl. gerölliges gestein: das rote gebirge, rotenklee, gerülle, gniest u. s. w., dise 16 bergkart oder fletze ligen alle auff dem schifer. Mathesius Sar. 71ᵇ;
da (im schosz der erde) ist's so kühl! da ist's so still!
kein schwadengift und kein gerüll
kann uns dann weiter schaden.
J. Chr. Wagner bergmannslied im musenalm. 1784 s. 25.
b)
ein gerüll machen: wenn viel gänge zusammen und unter einander fallen, dasz man ihr streichen und sahlbänder nicht von einander unterscheiden und erkennen kan, so saget man: das ertz machet ein gerüll. Herttwig bergb. 171ᵇ; aufgefaszt als eine ableitung von rülen, rüllen, brüllen Stieler 1636. Schm.² 2, 88, im reime mit gebrüll: wann viel gänge zu hauffe fallen und machen ein gerull und gebrull. Löhneisz 16; die ertze machen ein gerüll und gebrüll, ramblen sich. Berward bergphras. 5.
3)
in Nordböhmen und der Oberlausitz heiszt die brautausstattung, die im festlichen aufzuge in das haus des bräutigams geführt wird, gerülle oder plündich (s. plunder theil 7, 1945) Knothe 251. Petters andeut. 19. Willkomm sagen 1, 8.
4)
allerhand alte unbrauchbare mobilien und hausrat, in die winkel oder auf den boden gestecket Amaranthes frauenz.-lex.² 573, zum theil auch sonst nur zur seite gesetzte mobilien und hausgerätschaft, so man bis zur ausbesserung oder zufälligen gebrauch in einem verschlossenen raume aufzubehalten pfleget Zinck öcon. lex. 925, allerhand untereinandergeworfenes zeug Bock pr. wb. 14: in einem alten vergesznen rentenregister, welches unter anderem gerüll in einer polterkammer lag. Immermann Münchh. (1841) 1, 87; gerüll und gerümpel. 3, 205.
5)
trümmer: schlangen, die unter dem gerülle der alten altäre lauern. H. Heine reisebilder 4, 106; bildlich: wo staub und gerüll von jahrhunderten liegt. Tieck ges. nov. 10, 40.
6)
das gerülle, in Meiszen der abgang von den garben in den scheuern Adelung; in Estland gerüll, das durcheinander von spänen, trockenen reisern u. s. w. Sallmann beitr. (1877) 21ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3770, Z. 29.

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Zitationshilfe
„gerüll“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ger%C3%BCll>, abgerufen am 30.11.2021.

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