gerüst part.
Fundstelle: Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3781, Z. 1
zusammengezogen aus gerüstet, s.rüsten; daneben hat sich ein selbständiges adj. ausgebildet: gerüst, bereit, rüstig, ungerüst, ein dölpel, ungefüg, hinlessig Alberus, köln. geröss, kräftig, rüstig, der form nach wie geröss, baugerüst Hönig 73ᵇ; der student machte sich schon gerüst (fertig), eine lustige bauerncomödie auf solche (hochzeit) auszufertigen. Jucundiss. 212.
gerüst n.
Fundstelle: Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3775, Z. 24
unverkürzt gerüste, ahd. cahrusti, kihrusti, garusti, girusti Graff 2, 547, mhd. geruste, gerüste, mnd. geruste, verbalsubstantiv zu rüsten, ahd. hrustjan.
1)
aus-, zurüstung, im ahd. und mhd.: daʒ ist al daʒ geruste (ausrüstung mit) guoter lêro unte guoter wercho. Williram 58, 23 Seemüller;
thô quâmun ôstana in thaʒ lant   (magier) thie irkantun sunnun fart,
sterrono girusti (zurüstung, d. h. stellung und bewegung).
Otfrid 1, 17, 10;
sît ze andern künsten .. sô vil lernunge gehœret unde liste unde gerüstes. mystiker 1, 309, 6 Pf.;
swer si (kunst) trîben rehte sol,
der muoʒ hân daʒ gerüste,
dâ mit er si volende nâch der liute muotgelüste.
Konr. v. Würzburg in v. d. Hagens minnes. 2, 334ᵇ;
von kielen ein gerüste grôʒ
erhuop sich dâ ze lande.
troj. krieg 23556;
eʒ dûchte in wesen, als er eʒ sach,
ein zouberlich geruste.
pass. 345, 25 Köpke.
2)
ausrüstung mit waffen, kleidern, schmuck.
a)
waffenrüstung:
ist uns thaʒ girusti,   brunia alafesti,
ioh ist uns helm ouh ubar thaʒ,   ioh wâfen alawassaʒ.
Otfrid 5, 1, 15;
daʒ heidine wîcgeruste
daʒ was vile veste:
sie truogin hornîn gewant.
könig Rother 4142 Rückert;
du hast ouh begerwe
daʒ tûre geserwe,
daʒ gûte geruste
ubir dîne bruste,
di halsberge wîʒe.
glaube in Wackernagels leseb. 1, 242, 26;
sper und gerüst was im berait.
Laszberg liedersaal 2, 247;
si tâten ubir ir bruste
daʒ geistliche geruste.
glaube 3027 Maszmann;
möcht einer fragen, mit was krefften, vermügen, gerüst oder wappen er das thu? Luther 1, 91ᵃ.
b)
insbesondere eine vorrichtung an der rüstung, der am plattenharnisch angebrachte eiserne haken, in welchen beim angriff der speer eingelegt wurde: als ich gar nach zuo im kam, warff ich den spiesz in dasz gerüst, und rant im uff sin schilt. Ehingen 24; die Franzosen hielten, hetten die spies auf iren sattln steen, aber die herzogischen wurfen die iren in die gerüst. Wilw. v. Schaumburg 180; der (gebrochene) spies (des gegners) belib Wilwolten in dem gerüst und hinterhaken. 47; so heft der koningh (Johann von Leiden) die renspiesze in dat geruste gelacht und heft na dem crentzlein gerennet. münst. chron. 2, 133.
c)
ausrüstung des pferdes, reitzeug, rossdecke, stirnschmuck u. s. w., ornamenta, phalerae Diutisca 3, 74:
der solde in des bâbstes hof
ein wîʒ phert senden alle jâr
und ein gerête harte klâr,
den zoum unt guot geruste,
als es den bâbst geluste
und erʒ mit êren rîten muge.
Ebernand Heinrich u. Kuneg. 1885;
dat beslach von dem geruste, dat dat pert umb hadde, was al verguldet. münst. chron. 2, 93; ganz gerüste zu dem pferde. Grimm rechtsalterth. 569 anm.
d)
kleidung:
alsô er (Isaac) in (Jacob) chuste,
vile suoʒe in anstanch daʒ geruste (vorher gewæte).
fundgruben 2, 39, 1;
vil dörperlîch stât alleʒ sîn gerüste
daʒ er treit.
Neidhart 41, 9;
er treit an dem lîbe
ein engestlîch gerüste.
234, 11;
noch in den sette und tredeci communi der venedischen alpen garüste, kleidung, tode-garüste, trauerkleidung, untar-garüste, unterkleid, rüsten, ankleiden, letzteres auch im Bregenzerwalde Schmeller cimbr. wb. 162ᵇ; schweiz. das grust, anzug, rüstung Hunziker 114.
e)
schmuck: ahd. garusti, ornamentum Graff 2, 547, in gleichem sinne ags. hyrst; teppiche zum kirchenschmuck, vergl. kirchgerüste unter no. 3:
si worhte wol ze prîse
unt was sô wercwîse
an zierde, an gotes geruste.
Ebernand Heinrich u. Kuneg. 3315;
noch schweiz. das und der grust, alles was zur festlichen kleidung oder zum schmuck gehört, putz Stalder 2, 294. Rütte 34.
3)
ausrüstung, gerät: ahd.
er giang innan thaʒ hûs (tempel),   ioh warf se alle (wechsler) thanana ûʒ,
ziwarf allaʒ thaʒ girusti, ...
thie disgi, thie thâr stuantun,   thâr sie thô munizôtun,
thie stuala ouh, thâr sie sâʒun,   inti ir kouf mâʒun, ..
zistiaʒ er thie skrannon   then selben koufmannon,
ioh allaʒ thaʒ gisidili   sô det er filu nidiri.
Otfrid 2, 11, 12;
mhd. doch wart ir vil gestroufet abe,
ê daʒ sie sich schiften von des landes habe,
an liut, an guot, an maneger leie gerüste.
Lohengr. 5866;
si truognʒ gerüste (tafelgerät) wider dan.
vier karrâschen man dô luot.
Parz. 240, 12, vgl. 237, 22 fg.;
ferner kirch-, hûsgerüste, hausgerust, kirchen-, hausgerät Lexer 1, 1403. 1583; wagingeruste, wagengeräte, epireda fundgr. 1, 396ᵃ; nhd. da hat der mensch angel, netze, garn, körbe, reusen und allerlei gerüst, das man sie (fische) fehet. Luther 3, 239;
(die wagen) mit kleider, harnasch, wer und grist
wies im krieg den gebrauchlich ist.
Thurneiszer archidoxa (1575) 23.
unbrauchbares gerät, gerümpel, vergl. gerüstwerk: mein kind, ich bite die ewig weiszheit, daʒ sie in dein herze ziech und alles daʒ gerüste dar auʒ stosz, daʒ ie darin gesasz. Suso br. 35 Preger, nachher alleʒ daʒ gerumpel; schwäb. der grust, unordentlich umherliegendes geräte, grusteln, im geräte hin und her stören und sich damit leicht beschäftigen, rustlich, unordentlich Schmid 443.
4)
vorrichtung, maschine, werkzeug, gestell.
a)
im allgemeinen: ahd. garusti, instrumentum, machina, auch übertragen, machina facinorum, instrumenta laudis Graff 2, 547; machina, gerust, gerüste, gerüst, geroist Dief. 342ᵇ, nov. gl. 243ᵃ;
ouch ist si (thür) durch daʒ êrîn,
daʒ kein gerüste müge gesîn
weder von gewalte noch von kraft,
von liste noch von meisterschaft,
dâ mite man si verscherten müge.
Trist. 427, 16;
swaʒ künste man eht öugen sol,
die müeʒen hân gerüste (werkzeug),
mit dem si von der brüste
ze liehte künnen dringen.
Konr. v. Würzburg troj. krieg 129;
die buchstaben sint recht zu nennen subtil und man kann sie nit alle nennen, dann etliche musz man allein weisen, wie mans mit den natürlichen organis und gerüst im mund machet, da man gar nichts hört. Ickelsamer a 7; man musz den lesen lernenden weisen, wie und mit was gerüst man sie (die buchstaben b p, d t, k g) im mund macht. b 3.
b)
insbesondere die aus balken und stangen aufgezimmerten, neuerdings auch aus eisen gefertigten, zahlreich im gewerbe- und fabrikbetrieb.
α)
die kriegs- und belagerungswerkzeuge der älteren zeit: des Fl. Vegetius vier bücher der ritterschaft .. mit mancherleien gerüsten, bolwercken und gebeüwen zu kriegsleüffen gehörig. titel der zu Augsburg 1529 erschienenen Vegetiusübersetzung; wurfmaschine, schieszgerüste Fronsperger 3, 191ᵃ: ahd. giruste, tormentum Steinmeyer-Sievers gl. 2, 669, 7 zu Virg. Aen. 11, 616;
manic mange drîn warf
unt ander wîcgerüste.
Servatius 1775;
sturmbock, mauerbrecher: widder, sturmgerüst Dasypod. V 3ᶜ; hölzerne thürme: gerüste zur belägerung, turres contabulatae machinamentaque Aler 911ᵇ.
β)
gerüst zum klettern: gerüst, steg an einem baum, machina scansoria Henisch 1526; die steiger- und klettergerüste auf unseren turnplätzen.
γ)
zum heben von lasten, wie kran, winde: hebegerüste, maschala Steinbach 2, 322; gerüste, etwas damit zu heben, oder sonst zu bewegen. Hederich 1089; gerüste, das sich auf- und niederhebet in comödien. ebenda.
δ)
ölpresse: ein gerüst öl zuͦ trotten dienlich, solea Maaler 171ᵃ.
ε)
bergmännisch gerüst, über tage ein aufbau aus holz, eisen oder auch mit mauerung; z. b. bei bohrungen ist das gerüst aus drei rüstbäumen hergestellt, daher dreifusz, galgen, krähenfusz genannt; beim abteufen, bei allen senkschächten mit wasserhaltung hängen die über dem schachte aufgestellten pumpen in gerüsten. Dannenberg - Frantz 149.
ζ)
in den eisenhammerwerken das gerüste, hammergerüste, bestehend aus massiven unterlagen für die wasserradwelle und den zwei festen seitenwänden, zwischen denen der helm des groszen eisenhammers in einem eisenringe auf und nieder bewegt wird Scheuchenstuel 99.
η)
gestell: thürgerüste, jugumenta januae Henisch 1526, fenstergerüste, jugamenta fenestrae Stieler 1646; das gerüst des strumpfwirkerstuhls Eger technol. wb. 2, 331ᵇ; galgengestell, s. unter 5, f, β; vom kreuz Christi: jenes martergerüst und den daran leidenden heiligen. Göthe 22, 27; büchergerüst, gestell für bücher; die zapffen (der tannen) abblaten und in einer warmen wolgehitzten stuben in der höhe auff einem sondern darzu zugerichtem gerüst auffschütten. Meurer jag- u. forstrecht (1582) 11ᵇ; in Ruhla gerüst, gestell, namentlich um fremde tauben anzulocken und zu fangen Regel 191;
das gerüst
des vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen.
A. v. Droste-Hülshoff ged. 249 'durchwachte nacht';
gerüst, sensengerüst, rechenförmiges hölzernes gestell, welches beim hauen des getreides, besonders des hafers, an die sense neben der klinge befestigt wird Krünitz 11, 390.
θ)
lehr-, bogengerüst, ein gestell aus gerüstrippen (ausgeschweiften täfelchen oder aus bretstücken und stangen zusammengefügten bogen), welches zum muster dient, nach welchem oder über welches eine bogenwölbung oder ein simswerk gemauert werden soll. Krünitz 70, 368. Mothes illustr. baulex. 3, 235.
ι)
untergestell der geschütze: gerüste zu dem geschütze, fabrica cantheriati machinamenti, ad tormenta muralia Weber deutsch-lat. wb. 347ᵇ; ein steinpuchsz auf einem hohen geruszt. städtechron. 2, 287 anm. (von 1449); scherembüchsen, auf einem gerüst mit rederen. 294, 2; zwu schermbüchsen mit zweien gerüsten. 295, 4.
κ)
bockgestell als unterlage für weinfässer: weingerüste, cantherius Steinbach 2, 322.
λ)
steinpfeiler im wasser, als sichere grundlage für villen: ahd. stenin gerusti, saxea pila Steinmeyer-Sievers gl. 2, 715, 31 zu Virg. Aen. 9, 711.
μ)
gerüst, darauff man bildwerck stellet und von einem ort zum andern führet, pegma, machina statuam portans, in pegmatis simulacra bellorum, victarum civitatum et provinciarum a triumphantibus repraesentabantur Henisch 1526, bildergerüste Stieler 1646.
ν)
gestell, maschine, worauf die brunnenröhren gebohrt werden: geruste von holz, schragen und gerust. Tucher baumeisterb. 197, 26. 9.
ξ)
in der sägemühle das gerüst zum bretschneiden, der rüstbock Eger technol. wb. 2, 331ᵃ.
ο)
im wasserbau, gerüst aus pfählen, lagerhölzern, riemen und bohlen, welches an einem ufer, wo vorpfähle geschlagen werden müssen, oder auch mitten im wasser gemacht wird, um das schlagwerk oder die rammmaschine darauf zu stellen. man macht auch fliegende gerüste von schiffen oder flöszen, pfähle in der mitte des wassers einzuschlagen. Vochs baulex. 122ᵃ.
π)
in den walzwerken, das walz- oder walzengerüst aus eisen, bestehend aus zwei ständern, in welchen die zapfenlager für die walzen eingelegt und festgemacht werden, so dasz in jedem gerüste zwei oder drei walzen vorhanden sind. Scheuchenstuel 99.
5)
jeder aus holz erbaute erhöhte standort, bühne.
a)
zu theateraufführungen: pulpitum, ein gerüst, daruf man spilet Alberus dict. BB 4ᵇ, choragium, ein gerüst, daruff man das spil helt. Cc 2ᵃ; ein gerüst zur comedi, machina Krämer 540ᵃ; das er den ernst der richter zuͦ einem gunst des gerists (theatri) bekerte. Gengenbach pfaffenspiegel 125; zu dieser (deutschen) nation sprach ich (schauspielerin), über die mich ein kleines gerüst erhob, von welcher mich eine reihe lampen trennte. Göthe 19, 97;
die scheidende .. blicket noch einmal
nach dem leichten gerüst irdischer freuden zurück.
lasz mich der tage gedenken, da mich, das kind, du dem spiele
jener täuschenden kunst reizender musen geweiht.
1, 315 (Euphrosyne);
denn auf dem bretternen gerüst der scene
wird eine idealwelt aufgethan.
Schiller XI, 324;
es ist das hölzerne gerüste der schaubühne, wenn die beleuchtung dahin ist. IV, 40; dergleichen scene will die offene weite welt zum gerüst. Jacobi Woldemar 1, 83;
verzeiht, ihr theuren,
dem schwunglos seichten geiste, ders gewagt,
auf diesz unwürdige gerüst zu bringen
solch groszen vorwurf.
Schlegel Shakesp. 7, 7 (Heinrich V. prol.);
kaum weicht mit der tollwuth die eine
weg vom gerüst, so erscheint der gar mit beulen der pest.
H. v. Kleist epigr. 14.
in zusammensetzungen: theatergerüst Göthe 18, 60, s. theil 11, 335 und bretergerüst; spiel-, schaugerüst, scena Stieler 1646; vorgerüste, proscenium Steinbach 2, 322.
b)
für schaustellungen aller art, z. b. auf jahrmärkten: am molo, einer hauptlärmecke der stadt (Neapel), sah ich gestern einen pulcinell, der sich auf einem brettergerüste mit einem kleinen affen stritt ... neben dem affengerüste ein wunderdoctor. Göthe 28, 63; ich sahe auf einem hohen gerüste eine seele, in der gewöhnlichen pracht eines marktschreiers. Rabener sat. 2, 29; man sieht den ganzen jahrmarkt, im grunde steht das bretergerüste des marktschreiers. Göthe 13, 12; bildlich:
auch sein enkel gab, nicht auf den höhen
eines schaugerüsts, gab ungesehen.
Pfeffel poet. versuche 3, 76.
c)
für sänger und musikanten: gerüst in der höhe, darauff die pfeiffer und singer sich in wehrendem spiel kan halten, pulpetum Henisch 1526; sänger-, musikantengerüst Stieler 1646.
d)
zum sitzen für die zuschauende menge: gerüste für die zuschauer eines schauspiels. Kramer 2, 93ᶜ; zu dem gerüst, darauff die jungfrauwen stunden. Amadis 1, 149 Keller.
e)
schulgerüst, auf dem das lebende modell in der malerakademie steht. Göthe 36, 235.
f)
zur hinrichtung eines verbrechers.
α)
schaffot, vgl. blut-, marter-, mordgerüst: gerüste, einen öffentlich hinzurichten, structura ad supplicium Frisch 2, 138ᵇ; er wurde auf einem gerüste gerichtet. Steinbach 2, 322; aus der nacht stieg mir ein schwarzes gerüst entgegen, geräumig, hoch u. s. w. Göthe 8, 280;
fort mit ihr aufs schimpfliche gerüste,
wo das aas den fernen adler lockt.
Schiller I, 194;
ihr seid die richter! richtet! brecht den stab!
und wenn es zeit ist, laszt den zimmerer
mit axt und säge kommen, das gerüst
aufschlagen.
XII, 444 (M. Stuart 1, 8), vgl. 549;
ein grosz gerüst, mit schwarzem tuch beschlagen,
erhob sich von dem boden, mitten drauf
ein schwarzer block, ein kissen und daneben
ein blankgeschliffnes beil.
554 (5, 5).
β)
galgen: errichtung des Detzemer hochgerichts im j. 1736. die zimmerleute richteten mit hilfe der gehöfer das gerüste auf (vorher hangbaum, nachher galgen). weisth. 2, 320 anm.
g)
pranger: gerüste, worauf einer (übelthäter) aufgestellet wird. Hederich 1089;
sie sollten mein geschlecht ...
nicht vor der schmach des schandgerüstes wahren?
Göthe 7, 312 (Tancred 4, 6).
h)
scheiterhaufen: furgerüst, pira voc. opt. 9, 63.
α)
zum verbrennen eines ketzers, oder seines bildes und seiner bücher: doctor Martinum Luther zu Wormbs uff aim hohen gerust, so vor der tumbkirchen uffgericht was, an ainem briefe, daran der Luther gemalet was, mit etwanvil buchern ... offentlich verprennen. Baumann quellen 2, 7;
nun stehn, umringt von henkersknechten,
die brüder auf dem brandgerüst.
Lenau Savonarola 260;
die winde durchs gerüste streichen
und eifern frisch das feuer an.
261.
β)
zur todtenbestattung:
der aufgeschichteten waldung
ungeheures gerüst, zusammenstürzend, erregte
mächtige gluth zuletzt. da senkten sich Hektors gebeine
nieder, und asche lag der edelste Troer am boden.
Göthe 40, 341 (Achilleis v. 4);
sie häuften die waldung,
bauend das todtengerüst, je hundert fusz ins gevierte,
legeten dann auf die höhe den leichnam, trauriges herzens.
viele gemästete schaf' .. zogen sie ab am gerüst.
Voss Ilias 23, 164;
doch nicht lodert in glut das gerüst des todten Patroklus.
192.
γ)
zum brandopfer:
das hat jenes gerüst, das glut und altar mir bereitet?
Voss Virg. 4, 676, scheitergerüst 640;
ich häuft' ein scheitergerüst in der grube.
Orpheus 954.
i)
katafalk: leichengerüste, castrum doloris Frisch 2, 138ᵇ. Krünitz 73, 728.
k)
nassauisch gerüst, der mit balken belegte raum über der scheuertenne Kehrein 153.
l)
hölzerner ausbau, austritt, zum wasserschöpfen am flusse: das wasser was so grosz, das man dy fesser mit einer schepffen über die brucken ân alle gerüst einschepfft und füllet. städtechron. 15, 55, 26 (von 1524); hölzerner balkon: am vordergaden des hauses reichen nicht selten herfür der ercker, gerüst, auszschusz, menianum, pulpita, specula. Becher nov. org. philol. nr. 137.
6)
das aus holz errichtete baugerüst der maurer, zimmerleute, tüncher, schieferdecker, maler, als hülfsmittel bei herstellung oder ausbesserung von bauten, entweder ein hohes stand-, stamm- oder hauptgerüst mit rüstbäumen, oder niedrige bockgerüste, die auf bockgestellen ruhen, oder, namentlich im mittelalter, fliegende, schwebende gerüste, auf querbalken (auslegern, ausschuszbäumen) aufliegend, die in durchgehenden mauerlöchern befestigt waren Müller-Mothes 1, 456.
a)
zum hausbau: geruste der murer, suppedaneum ut faciunt aedificatores vel sustentaculum voc. inc. teut. i 2ᵃ; wen einer eim ein werk verdingt hat, so macht er (zimmermann) ein gerüst dar. Keisersberg brösaml. 1, 94ᵇ; wenn man ain gewölb will machen, so muͦsz man vil gerüst darumb machen, ain gantz gespenst richtet man auff, und auf den selben behülft man sich untz das das gewölb gemachet wirt, so thuͦt man denn das gerüst und dasselb gespenst hinweg. geistl. spinnerin d 4ᵇ; auf das gerüst .. gelanget man durch eine schräge breterne brücke, welche ein laufgerüst genannt wird. Krünitz 17, 451; bei thürmen wird von dem zimmermann ein gerüst von bauholz verfertiget, auf welches man karren kann. Jacobsson 2, 65ᵃ; ein gerüst aufschlagen. Eger technol. wb. 2, 331ᵇ; man hatte schon angefangen die mauern aufzuführen und zu dem endzweck das gerüst erbaut ... die gerüste standen wieder leer, und die leichtesten unter den gästen stiegen hinauf, sich umzusehen. Göthe 17, 101; an der vordern (seite) wird eben gebaut, das gerüste steht noch, an welchem die werkleute auf und nieder steigen. Schiller XI V, 288; sobald das gebäude steht, fällt das gerüste. VI, 52;
brecht das gerüste! sprengt die bogen! reiszt
die mauern ein!
XIV, 404;
bildlich: lieben christen, last mein und aller lerer auszlegen nur ein gerust sein zum rechten baw. Luther auslegung der ep. u. evang. vom Christag (1522) ttt 5ᵇ; wir wissen nicht, wie unser herr gott seinen bauw zurichtet, wir sehen nur das gerüste von stangen und bestenen stricken zugericht. tischr. 44ᵃ; die wunder, die Christus und seine jünger thaten, waren das gerüste, und nicht der bau. das gerüste wird abgerissen, sobald der bau vollendet ist u. s. w. Lessing 10, 58; der dichter erbauet sein kunstwerk, sein zauberschlosz, ohne dazu den (schau)spieler weder als gerüste noch baumateriale nöthig zu haben. J. Paul jubels. 57; keine spur von nebengedanken, die in andern werken als gerüste gebraucht werden, um auf die hauptsachen zu kommen. Sulzer theorie d. schön. künste 3, 221.
b)
zum abputzen der gebäude: nach aufgerichtetem gerüst und angemachter tünch, schlägt der tüncher die alte tünch ab. Comenius orbis pictus 2, 246. zum abputzen werden die fliegenden, beweglichen oder schwebenden gerüste, hängegerüste oder fahrzeuge benutzt, die mittels starker seile und flaschenzüge an balken befestigt sind, welche aus dem dache hervorragen Ehrenberg baulex. 261, neuerdings die leitergerüste, aus einer reihe langer aufrechtstehender leitern bestehend, die durch querbreter verbunden sind.
c)
zum abbruch von baulichkeiten: eine säule durch das gerüste niederlegen. Steinbach 2, 322.
d)
zur herstellung von wand- und deckengemälden:
auf mächtigem gerüst er (maler) stand,
den frommen pinsel in der hand.
Platen 1, 228.
e)
ein gerüst zum schiffbau Krämer 540ᵃ; die gerüste der schiffbauer an den seiten eines schiffes, um das schiff kalfatern zu können Jacobsson 2, 65ᵃ.
7)
aus balken, stangen und brettern errichteter, freistehender, thurmähnlicher bau mit stockwerken: gerüst oder brüge (s. d.) machen, machinari Maaler 171ᵃ; die thurmgerüste als aussichtspunkte auf den bergen. vgl. no. 4, b, α.
8)
überhaupt aufbau, gebäude, bau.
a)
eigentlich:
nirmeginôt sih .. thiu helliporta uber thaʒ,
diufeles girusti.
Otfrid 3, 12, 36;
(der stein) lît z' aller unterist
an der gruntfeste
unte habet ûf daʒ geriuste.
Diemer ged. des 11. u. 12. jh. 364, 13;
der aufbau und die verzierungen des schiffshintertheils: ahd. girusti, aplustra Graff 2, 547.
b)
übertragen, vom erd- und himmelsgebäude, wie gerippe 6:
uf dem wilden erde geruste.
Martina 209, 6;
daʒ ertgerüste altd. blätter 2, 132; daʒ himelgerüste und daʒ ertrîchgerüste. mystiker 1, 297, 9 Pfeiffer;
daʒ er daʒ wît gerüste
der himelkœre gar durchmaʒ
mit sînes sinnes ougen.
Heinzelein v. Constanz 125, 49, 6 Pf.;
colossale karyatide,
trägt (Seismos) ein furchtbar steingerüste,
noch im boden bis zur büste.
Göthe 41, 137 (Faust 7546 Weim.);
vom kegel eines feuerspeienden berges: wo die zeugen des ersten ausbruchs, ich möchte sagen, das alte gerüste sich vollständig erhalten hat, da steigt der vulkan aus einem erhebungskrater empor. Humboldt kosmos 1, 236; vom stengel- und blätteraufbau einer pflanze:
immer staunst du aufs neue, sobald sich am stengel die blume
über dem schlanken gerüst wechselnder blätter bewegt.
Göthe 1, 328;
auf gerüst der blätter schwebend, blume, bau dein heiligtum,
duftverhüllter liebespaare brautkapelle baue recht!
Rückert ged. ausw. 4;
kein winterfrost mit seinen eisesbanden
verbarg ihr (der araucaria) stolz sich breitendes gerüst.
Lingg ged. 2, 300;
vom netzbau der spinne:
kaum hat sein werk der spinne fleisz vollendet,
zerstört ein tritt das sinnige gerüste.
Platen 2, 27;
vom gebäude des christlichen heils:
o liebens-würdigster, was für ein weites feld
für meinen engen geist ist dir zum lob gestellt!
die lange ewigkeit wird nicht zu weit sich strecken
um dieses heil-gerüst im grunde zu entdecken.
F. A. L(ampe) bündlein XXV gottsel. gesänge (Bremen 1723) s. 58;
vom aufbau der gedanken und schlüsse: möglich, dasz das ganze gerüste meiner schlüsse ein bestandloses traumbild gewesen. Schiller IV, 52.
c)
das innere balkenwerk, das dem bau halt und festigkeit gibt, den kern des gebäudes bildet.
α)
eigentlich, wie gerippe 7, b, α: dachgerüst, balkengerippe des daches, dachstuhl.
β)
bildlich, wie gerippe 8: das gerüst der republik, forma reipublicae Kraft deutsch-lat. wb. 1035ᵇ; das ganze gerüst ihres daseins rückt aus seinen fugen, der tod ihres vaters stürmt herein, und das schöne gebäude stürzt völlig zusammen. Göthe 19, 78; im tadelnden sinne, das leere dürre gerippe, das des schönen ausbaues entbehrt: einige vergleichung wird sogleich jedem zeigen, dasz nur das gerüste stehn geblieben ist, und dasz alles übrige unserm dichter gehört. Schlichtegrolls vorrede zu Gotter 3, vii; die vordringlichkeit, mit der das klappernde gerüste des systems sich geltend macht. lit. centralblatt 1889, sp. 1260.
γ)
übertragen, vom knochenbau, skelett: die knochen (bilden) das verbindungsgerüst zwischen beiden (nerven und muskeln) .. das knochengerüst bildet das veste zimmerwerk des thierischen gebäudes. Oken 4, 22; von den schalengerüsten versteinerter weichthiere: in dem kalkbruche zwischen Ölsnitz und Untermarxgrün wurden vor kurzer zeit auf dem oberdevonischen knotenkalke sehr schöne und wohlerhaltene exemplare von orthoceras (geradhorn) gefunden. es sind dies fuszlange gerüste von weichthieren, die in den ältesten zeiten der erde (silur und devon) vorhanden waren. Leipz. tagebl. 29. juli 1891.
9)
für geriste, der rist des fuszes: offtmalen begibt es sich, dasz einer auff ein hand oder auff das gerüste des fuszes geschlagen wird. Würtz wundarznei (1612) 349.
gerüst adj
Fundstelle: Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3781, Z. 8
ruhig, geruhig, im niederd. sprachgebiet Stürenburg 69ᵃ. Berghaus 1, 559ᵃ, westf. geröst Woeste 77ᵃ, dazu das subst. gerüstheid, ruhe Doornkaat-Koolman 1, 613ᵇ, ebenso mnl. gherust, gherustheyd Kilian, nnl. gerust, gerustheit. zum nd. fem. rust, rüste, ruhe, das auch ins spätmhd. und nhd. eingedrungen ist.
Zitationshilfe
„gerüst“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ger%C3%BCst>, abgerufen am 22.09.2019.

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