Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gerütze, gerützet, geruzig

gerütze, gerützet, geruzig,
s. grütze u. s. w.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3781, Z. 78.

ritzen, verb.

ritzen, verb.
stringere, findere, sulcare.
I.
Formales. das verb. flectiert schwach und entspricht dem mhd. ritzen; ahd. rizzan, rizzôn. goth. wäre vritjan anzusetzen; es ist factitivbildung zu reiszen. niederl. ritsen Kilian, schwed. ritsa; vgl. oben reiszen sp. 754. von ritzen wurden erst in späterer zeit die nomina actionis ritz und ritze gebildet (s. dort).
II.
Bedeutung. seiner herkunft gemäsz ergibt ritzen einen ähnlichen sinn wie reiszen, bezeichnet aber eine weniger gewaltsame und planlose handlung als jenes; vergl. schlitzen zu schleiszen. das verb. wird meist mit dem acc. des objects gebraucht, doch auch in andern fügungen. ritsen notare fundum et mensuram vasis Kilian; ritzen obenan hin verletzen und anrüren Maaler 334ᵈ, laedere Stieler 1594, leviter vulnerare, incisuras facere, perstringere cutem, als mit dornen. Frisch 2, 123ᵃ.
1)
letzteres ist die eigentliche bedeutung des verbums, für welche zahlreiche belege vorhanden, oft mit ausdrücklicher erwähnung der haut: und hêten tûsent smide ûf in gehouwen, si möchten im nit ein hêrlîn geritzet hân. deutsche mystiker 1, 304, 11; und sie (die propheten Baal) rieffen laut, und ritzeten sich mit messern und pfrümen, nach jrer weise, bis das jr blut her nach gieng. 1 kön. 18, 28; dessen fleisch will ich in stücken reiszen, und hungrigen geyern zur speise geben, der ihm (Franz Moor) nur die haut rizt, oder ein haar kränkt! Schiller räuber 4, 5 schauspiel;
Polimedes lieʒ dare gan
uf eime rosse vil snel
und ritzit im fleisch und vel
und hurte in also sere
e er kumen were
zu der erden.
Herbort von Fritzlar 6934;
nun hatt der ritter in der hant
ein messer in den litzen,
do wart er si mitten ritzen
in irem minsten vinger ein,
das das bluot ein wenig schein.
Keller altdeutsche ged. 184, 26;
auch Ktesippos traf dem Eumäos ritzend die schulter.
Voss Odyss. 22, 279;
geritzt nur! weitre seelenpforten öffn' ich gleich.
Göthe 40, 394;
nicht stillt Afrodite dem schönen knaben die wunde,
die in den zierlichen leib grausam der eber geritzt.
Schiller 11, 302;
wär' ich nur ein dorn der hecke,
welche schlau ihr röckchen ritzt!
nur ein tröpfchen von dem drecke,
der an ihre wade spritzt!
Hölty 206 Halm.
2)
ritzen, in der sprache des bergmannes so viel wie mit dem ritzeisen (s. dort) arbeiten, ritze einhauen; wobei der sinn noch durch die zusammensetzungen abritzen, anritzen, ausritzen, durchritzen, verritzen variiert wird. Veith bergwb. 384; querschleg machen, hornstat brechen, verschremen, ritzen, oder ein wand werffen. Mathesius (1571) 137ᵇ. wahrscheinlich hatte Göthe diesen kunstausdruck im sinne:
erde sie steht so fest!
wie sie sich quälen läszt!
wie man sie scharrt und plackt!
wie man sie ritzt und hackt!
40, 383.
3)
ritzen in besonderem sinne: die kesten ritzen, in die kastanien, bevor man sie brät, einschnitte machen. Schöpf 559; ritzen, im herbste nur halb pflügen, so dasz ein wasen auf den andern kommt; die brache umreiszen Schm. 2, 195.
4)
übertragene bedeutungen.
a)
von dem knirschen der zähne, wol nach dem klange des ritzens: das knirren so vom kirren, ritzen oder zusammen reiben und an einander stoszen der zeene entstehet. Thurneisser magna alch. 2, 223.
b)
in dichterischer sprache erscheint ritzen vielfach in erweitertem und gehobenem sinne von 'verletzen, verwunden':
kein blitz, kein donner ritzt
die klippen so entzwey, wie ihrer schönheit flamme.
Lohenstein auserles. ged. (1703) 1, 272;
in deutlichem bilde:
wenn an den wahlspruch: immer selbst sich gleich!
ein sterblicher das näherrecht besitzt:
so bist es du! nur für die tugend weich,
hat nie ein pfeil des glücks noch deine brust geritzt.
Göckingk 3 (1782), 199;
vielfach wirken die pfeile des Amor: einige ritzen,
und vom schleichenden gift kranket auf jahre das herz.
Göthe 1, 262;
das ziel erreichst du; doch des falschen kranzes
verborgne dornen ritzen deine hand.
9, 271;
mein herz in süszem blute steht
von eines blickes dorn gerizt.
Rückert 345.
c)
häufig finden wir, auch in prosa, ritzen auf ethische verhältnisse übertragen; in diesem falle wird die seele, das gemüt eines menschen als verwundbar gedacht, und ritzen steht für kränken, beleidigen, peinigen, quälen u. s. w.: Taubmanni kurtzweil aber ritzete niemanden. Brandt bericht vom leben Taubmanns (1675) 27; wer wie ein dornstrauch ins regiment kompt, ungefordert und ungeschnittelt, kan nur ritzen und stechen und den schaffen die wolle abziehen. Schuppius 834; gemeiniglich blieb es also zwischen beiden göttinnen bei blicken, bei ironieen, bei anspielungen; kurz, bei dem ganzen kleinen nadelgefechte, womit sich die damen oft schmerzhaftere wunden zu ritzen pflegen, als die männer sich schlagen. Engel schriften (1801) 1, 5; in gewissen verfassungen quillet die geritzte seele wie verwundete bäume unaufhörlich und beim kleinsten bestreifen. J. Paul Siebenk. 1, 121; denn die ausgenommen, die ihm ähnlich war, ritzten und baizten die andern alle, die es nicht waren, sein inneres so sehr mit ihren tischreden, dasz er nie in gröszerer beklemmung war als heute. uns. loge 2, 121;
wer unter gottes schirm und schutz,
des allerhöchsten sitzet,
darff bieten allen teuffeln trotz,
ja das jhn einer ritzet,
sehr wol verwart unnd sicher ist,
wer sich verlest auff Jesum Christ,
den öbersten feldherren.
P. Heusler bei Selneccer psalmen (1587) 48;
ewren sententz ich loben thu,
und sag, wo man mit dieser schlingn
den ketzer nicht wird nider bringn,
so wird er wol ein weile sitzn
und uns (die katholischen) an allen orten ritzn.
Ringwaldt spec. mundi (1590) G iiijᵃ;
ach, lasz mich deine (Christi) wunden
alle stunden
mit lieb im herzensgrund
auch ritzen und verwunden.
P. Gerhardt 201;
ja, herr, du tratst ihm (dem tod) an das herz,
brachst seines stachels spitzen;
nunmehr ist er ein lauter scherz,
und kann uns gar nicht ritzen.
290;
auch greifft nichts härter an, kein eisen ritzt so scharff:
als wenn man reden wil, und doch nicht reden darff.
A. Gryphius teutsche ged. (1698) 1, 306;
was härter treffe kränkung oder schimpf,
will ich nicht untersuchen; jene dringt
in's tiefe mark, und dieser ritzt die haut.
Göthe 9, 208;
viel abenteuerlichs wirst du schaun,
viel neues wird dein herz durchblitzen,
mit bunten vögeln, bunten frau'n,
mit braunen und schwarzen wird's dich ritzen.
Arndt 424.
eigenthümlich in folgender stelle vom schwerte gottes: Gaza wird kalh werden und Ascalon, sampt den ubrigen in jren gründen, verderbet. wie lange ritzestu dich? o du schwert des herrn? wenn wiltu doch auffhören? fare doch in deine scheide, und ruge und sey still. Jerem. 47, 5.
5)
zusammengesetzt kann ritzen mit den meisten präpositionen werden: anritzen, aufritzen (einen schwären aufritzen Stieler), ausritzen Campe, beritzen (variis scissuris lancinare: die gartenländer sind von der hitze hin und wieder beritzet. Stieler), durchritzen, einritzen (einen stamm zum pfropfen Stieler, seinen namen in etwas Frisch), herabritzen, hinaufritzen u. s. w. verritzen als bergmännischer fachausdruck: unverritzt feld, campus sive spatium, das noch mit kleinern schächten, stollen oder strecken geöffnet, und noch kein erz heraus geholt ist, in quo fossorum instrumenta nihil quaesivere, illudque aperuere. Frisch 2, 123ᵇ.
III.
Lautlich gleich sich darstellend erscheint das verb. ritzen auch sonst noch, aber mit anderer herkunft und bedeutung.
1)
ritzen bezeichnet ein kranksein der pferde, wobei den thieren eiter aus der nase flieszt; auch dieses flieszen selbst wird ritzen genannt. das wort ist zurückzuführen auf rotzen, rutzen, rützen, in dessen erster silbe der zu ü getrübte vocal später zu i erhellt wurde; vgl. ritz und ritzig. so du aber eins (ein ross) kauffst und du wissen wilt, ob man ims (das ritzen) verstelt (durch künstliche mittel unbemerkbar gemacht) habe, so reüt es, und halt jm die gurgel zu, wann du absteigst so hebt es an zu ritzen und flieszen gar sehr. Seuter rossarzn. (1599) 48.
2)
ritzen im Zipser dialekt 'brünstig, geil sein' Schm. 2, 195, vgl. holl. ridsig brünstig, ridsen reizen. ein zusammenhang dieses verbums mit dem schweiz. ausdruck ritzeli lüderliches mädchen (s. oben ritze 5) ist wol als sicher anzunehmen. auch ritze als kuhname gehört in diesen zusammenhang hinein, s. Schm. 2, 195.
3)
ritzen schaukeln. vocabular von 1735 bei Schm. 2, 195. ursprung dunkel.
4)
ritzen, in Passeier 'beim spinnen den faden mit den fingern, die man in die am rocken befestigte ritzkachel (kleines gefäsz mit wasser) eintaucht, befeuchten'. Schöpf 559.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1891), Bd. VIII (1893), Sp. 1082, Z. 58.

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Zitationshilfe
„gerützet“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ger%C3%BCtzet>, abgerufen am 01.12.2021.

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