Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

geradigkeit, f.

geradigkeit, f.
1)
paritas, geradekeit, nd. geradicheit, glichheit Dief. 413ᶜ; geradigkeit, aequalitas, parilitas Stieler 1502. s. gerad 1, sp. 3542.
2)
schlankheit, s. gerad 3, b sp. 3544: geradigkeit, elegantia, gracilitas. voc. inc. theut. g 6ᵃ; proceritas corporis, justa et elegans statura Frisch 1, 342ᵃ. Stieler a. a. o.; grösze und geradigkait der person, staturae magnitudo. Vegetius von 1529 bei Schm.² 2, 52; hab ich einen menschen gesehen, schön von leib, gestalt und geradigkeit, hominem forma aetate atque proceritate satis conspicuum. Bebel (1589) 50ᵃ.
3)
als gegensatz zu krümme: gleich wie die erste zweig, so von natur etwan krum gewachsen, nie leichtlich zu der geradigkeit wiederum mögen gebracht werden. anm. weish. lustg. 95.
4)
geradigkeit, integritas, sanitas Stieler 1502. s. gerad 3, g, ζ sp. 3546.
5)
behendigkeit, gewandtheit (s. das zweite gerad sp. 3552), mhd. geradikeit, geradichait mhd. wb. 2¹, 558ᵇ, geradikeit, agilitas Dief. 18ᵃ. Melber a 7ᵃ. Henisch 1503, nl. raddigheit Kramer 1, 307ᵃ, ostfries. gradîgheid, schnelligkeit ten Doornkaat-Koolman 1, 670ᵃ; oberd. auch kradigkeit Schmid 324 (s. unten), wie krat für gerad sp. 3552.
a)
im allgemeinen: wie dir gott schöne gestalt und geradigkeit des leibs geben hat. Schaidenreiszer (1570) 9ᵇ; gefiele meiner mutter, die damal ein junges ding von 17 jahren war, dessen (des seiltänzers) leibsproportion und geradigkeit so wohl, dasz sie sich gleich in ihn vernarrete. Simpl. 2, 46 (2, 1, 10).
b)
fertigkeit in ritterlichen übungen: darnach gab er (Eberhart von Wirtenberg) sich auff ritterspil, geradigkeit, reuterei, jagen, beissen, springen und wie es disz alter gibt ... also dasz er in aller geradigkeit und ritterspilen all sein hofgesind überwand. S. Frank Germaniae chron. 273; lehret er ihn behendigkeit und geradigkeit mit ringen, lauffen, springen u. s. w. buch der liebe 79ᵃ;
mit laufen, steinstoszen und springen,
mit ghradigkeit, fechten und ringen.
H. Sachs 1, 4, 319ᶜ. vgl. 2, 2, 74ᵇ. 75ᵃ;
besonders im reiten und im kampf zu ross, 'reiterstückchen': die mammalucken reüten all tag auff ein eben feld und üben sich in ritterspilen, dasz wunderlich zuͦsehen ist, und treiben ungleüblich geradigkeit und kampffstuck. S. Frank weltbuch 16ᵃ; eng in eim ring lincks und rechts umbkehren, sich zäumen .. und was dergleichen geradigkeit mit pferden zu treiben ist. Gargantua 176ᵃ (323 Sch.).
c)
in den leibesübungen der palaestra: fechtschulen, da sich die jugent im fechten und ringen und allerlei geradigkeit übet, gymnasium. Henisch 1503; auch als übersetzung für palaestra selbst: bewere (versuche, periculum fac) in in der geschrift, in geradigkeit. Terentius deutsch (1499) 60ᵇ.
d)
in den festlichen kampf- und wettspielen des alterthums: vil und mancherlei spectackel und spil hielt man (zu Cäsars zeit) zuͦ Rom mit springen, fechten und anderer geradigkeit. S. Frank weltb. 76ᵃ; sonderlich haben sie (die alten) sich fast gebraucht desz wettlaufs mit rossen allein und dann auch mit den wägen, damit haben sie wunderbarliche geradigkeiten getrieben, seind darmit gantz künstlich und so geübet und gewisz gewest. Seuter rossarznei (1599) 6.
e)
in tanz, gesang, spiel und anderen volksbelustigungen: haben darauff den gantzen tag ein guten mut, mit vielerlei kurtzweil, singen, springen, dantzen, geradigkeit und anderer abentheür. S. Frank weltb. 51ᵃ;
mit geradigkeit, tanzen, reien und singen.
H. Sachs 1, 176, 34 Gödeke;
vom heimlichen minnespiel beim tanz:
ich han in dorfen getanzt und gesprungen,
darzuo traib ich solch geradigkait,
das mir holt warn all rocken mait, u. s. w.
fastn. sp. 343, 19.
f)
in den künsten der fahrenden leute, 'kunststück': saltator, triber der geradigkait. Dief. 509ᵃ (15. jh.); etlichen, so auf dem sail geradigkait getriben und gefochten haben. Schm.² 2, 52 (vom jahre 1560); landfarer, der mangerlai geradikchait und parat kunde. ebenda von 1392; dem fechtmeister on arm (am rand gaukler) soll schul zu halten oder sein kradigkeit zu treiben zugelassen sein, doch soll er von armen menschen nit mer dann ain pfening nemmen. protokoll von 1551 bei Schmid schwäb. wb. 324. daher die bedeutung 'possen, lose streiche':
wann im der wein steigt in das hirn,
so thut er nichts denn fantasirn,
mit springen und geradigkeit
ölpern, kelbern ist er bereit.
H. Sachs 1, 160 Göz.
g)
sogar von den leistungen abgerichteter hunde: die budel .. sind sonderlich fürtreffliche spürhund, auch zum vorstehen, zum baissen, ins wasser, und sonst auf allerhand geradigkeit zu unterweisen. Hohberg 2, 601ᵃ, sowie endlich
h)
von den kunstfertigkeiten der gärtnerei: andere dergleichen geradigkeiten und künste mit den blumen (versuche sie zu füllen, verschieden zu färben u. s. w.). Hohberg 1, 702ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3558, Z. 54.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
geplärre gernhören
Zitationshilfe
„geradigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geradigkeit>, abgerufen am 23.01.2022.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)