Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geraum, geraume, n.

geraum, geraume, n.,
auch mit umlaut geräume, coll. zu raum th. 8, 275.
1)
raum, platz, räumlichkeit, mhd. gerûme Lexer 1, 889 neben gleichbedeutendem masc. gerûm nachtr. 197, ebenso ags. gerûm, n. spatium neben masc. gerûma, spatium amplum Grein 1, 442:
hei machde eme ein groes gerûm.
Karlmein. 199, 45;
hei kûme
mit ir mocht sitzen im gerûme.
211, 43;
die stadtknecht und die büttel .. machen der processen (procession) ein geraum. anz. d. germ. mus. 12, 68 (Nürnberg, von 1442); so mochte man nit geraum da oben haben, daʒ wirdig heiligtum zu zaigen. chron. d. d. städte 3, 367, 13; so sol man sich versehen (zum schanzenbau) mit gutem geraume, darauf kein verhindernus. Fronsperger kriegsbuch 3, 124ᵇ; haus und etwas geräume. Dief.-Wülcker 613 (Ilmenau, von 1795).
2)
geräumter, vom verhau befreiter weg: so raumten die veinde zu zeiten daʒ geheuw oder geheg auf und machten in den weg dardurch und triben vihe und leut hinausz, und wenn man in die straszen verlief, so triben sie zu demselben gereum hinausz, also daʒ esz nit vast nutz ist, den wald zu verhawen. chron. d. d. städte 2, 271, 22.
3)
ausgereuteter platz im walde: geraume Dief.-Wülcker 613 (Weimar, von 1607); niemand sol hinfüro kein geraum oder reute brennen. brandenb.-kulmb. waldordn. von 1531 in Fritschii corp. jur. ven. 3, 341ᵃ. s. geräumte.
4)
geräumigkeit: die häuser müssen geraum haben, in aedibus adhibenda est cura laxitatis Aler 900ᵃ, s. geraume, f.
5)
übertragen, spielraum, musze: lôsz uns gerûm. Alsfelder pass. 4959 Grein; das ir geraum genug habt. chron. d. d. städte 15, 26, 30 (Leonh. Widmann chron. von Regensburg).
6)
geraum, s. geraune 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3580, Z. 1.

geraum, adj.

geraum, adj.,
verstärktes raum th. 8, 283.
1)
viel raum fassend, umfangreich, weit und dadurch bequem: ahd. carûmo, kirûmo, adverb. opportunus Graff 2, 508; mhd. gerûme, gerûm Lexer 1, 889; ags. gerûme, spatiosus, opportunus Grein 1, 443.
a)
adjectiv: gerumme spatiosus, gerume umbgang spatium Dief. 545ᵃ; die kochhutten sal man by die fischbencke bij sant Niclas heiszen uffslagen uff das allercleinlichste .., uff das der placze und berg deste gerumer sij. Janssen reichscorr. 2, 36 (von 1442); die geraume see. Olearius pers. reisebeschr. 2, 2. Heilmann Thuc. 970;
aus dem geraumen Lycien.
Bürger 171ᵇ;
schon lief
das schiff in den geraumen hafen ein.
147ᵃ;
wen schwäch und niedrigkeit in tiefen thälern hält,
den trägt sein auge nie durch ein geraumes feld.
J. E. Schlegel 4, 78;
geraume gärten. pers. reis. 5, 6; in den geraumen hof hinein fahren. ehe eines mannes 420; ein ziemlich geraumes schlosz. ehe eines weibes 177; Segest wurde vom Armin in seinem schlosse belagert, und es muszte schon eine ziemlich geraume vestung sein. Möser osnabr. gesch. 1³, 49; es war ein geraumes und reinliches gewölbe. Jung-Stilling gesch. d. hrn. von Morgenthau 1, 284; in einem geraumen zimmer. Schweinichen 1, 202; dann ging er die geraume hütte zu sehen. Geszner 1, 270; wir reiseten demnach alle viere in meinem geraumen wagen. ehe eines mannes 419; er liesz sich ein geraumes kanapee machen. Rabener 4, 167; leipz. die schuhe müssen geraume sein, weit und bequem; wie wird sie (die magd) schmunzeln, wenn sie wird sehen, dasz er (der topf) so fein grosz und geraume ist. Schoch stud. leben E 4;
und füllt geraume becken mit erprobtem nass.
Göthe 11, 371;
schnell standen vor uns nicht danaidische,
geraume becher.
Klopstock 2, 232, vgl. 202;
rack und zucker liesz der stöpfel
aus geraumem rohr.
Voss 6, 7;
der ungeheure weite wald
war ihr geraumer aufenthalt.
Gleim 3, 337;
das obdach der schiffe auf einen geraumen umfang mit leder überziehen. Heilmann Thuc. 992; ist demnach zwischen selbigem exempel und unser anzilung ein geraumer unterscheid. Butschky Pathm. 854; so toll und töricht gehet der arme verfürte Teutsche mit sich selber üm, .. dasz er von den ausländern verlachet und seine so geraume (wortreiche) sprache vor eine landpracherin (bettlerin) gehalten werden musz. Stieler vorrede s. 7; nebenform geraun:
ir (frechen) solt uns geraun weg lon
und lat uns unser springen walten.
fastn. sp. 446, 15.
b)
adverb: man findet noch stöllen, die nach ublichem stollrecht so weit genommen sein, dasz man mit eim lauffkarrn geraum drinne fortkommen und sich berüren hat können, die mit der zeit also zusammen gewachsen, dasz einer kaumet auff der seiten hinein dringen kan. Mathesius Sarepta 34ᵇ; die feuermäuern (sind), damit sie füglich bestiegen werden können, genugsam weit und geraume zu bauen. kursächs. feuerordn. von 1719 bei Hayme jur. lex. 156; das sy wol geraum ligen. küchenmeisterei b 1; geraum und nicht enge sitzen, so dasz man den ellbogen frei habe. Ludwig 742;
der edle lebensbaum (Maria)
steht zierlich und geraum
in diesem garten.
cathol. gesangb. (Osnabr. 1727) 163.
c)
subst. im geraumen, in weitem raume, als gegensatz zur engigkeit: wo der geist nach hohen dingen trachtet und sich in dem geraumen umsiehet, da können die hände unmöglich enge eingespannet sein. Chr. Gryphius poet. wäld. II anhang 23; Rente wollte sich (bei einem gastmahl) nicht setzen, sondern excusirte sich vorgebend, er wolle die herrn patres mit versorgen helffen, und wäre ihm besser, dasz er im geraumen wäre, damit er desto eher bei ereigneter gefahr entspringen könte. Ettner hebamme 752.
2)
übertragen auf die zeit, sehr ausgedehnt, lang, viel: die dincke zu einem gerumen frieden (waffenstillstand) oder zu gantz errichtunge brengen. fontes rer. austr. II, 20, 23 (Weimar, von 1451); zu betzalung geraume frist geben. chron. d. d. städte 11, 768, 39 (Nürnberg, von 1469); geraume zeit, multum, satis temporis Henisch 1507; den überaus groszen schmertzen, den er schon eine geraume zeit erlitten hatte. Widmann Faust 295 (323 Keller);
geraume zeit, eh ich sie selbst betrat,
war schon der beste theil der welt mein eigen.
Schiller V, 41 (dom Karlos 2, 5), vgl. 51;
sie betrog dich geraume zeit.
Göthe 4, 328;
es ist auch schon eine geraume zeit. 18, 105; eine noch geraumere zeit. Lessing 10, 145; man hat schon eine geraume zeit her wider solche neugierigkeit (sucht nach neuem) der Teutschen gesungen und gesagt. Stieler vorrede s. 6; dasz er vor geraumer zeit die und die angewöhnung gehabt. Tieck 4, 50; von geraumer zeit her. Opitz 1, vorrede 8ᵃ; seit, nach geraumer zeit. Göthe 60, 285. 46, 170; wenn es mir nach geht, sollen wir auf geraume zeit gute gesellen bleiben. 27, 63; ich kenne ihrer vil, die geraume jahre gelebet. Butschky Pathm. 41; vor geraumen jahren verweilte ich einen glücklichen sommer an der heiszen heilquelle. Göthe 51, 5; nach, seit geraumen jahren. 6, 40. 21, 19; schon seit einer geraumen (reichlichen) viertelstunde. J. Paul flegelj. 1, 71; nachdem er ihn eine geraume weile voller bewunderung betrachtet hatte. Wieland 12, 274; freunde, die sich nach einer geraumen trennung unvermuthet zusammen finden. 2, 212. substantivisch
a)
ein geraumes, eine geraume zeit: er besann sich ein geraumes, dann sprach er. Rückert 11, 319 (mak. 1, 126).
b)
am, im geraumen, solange es noch zeit ist, bei zeiten, eigentlich solange noch spielraum vorhanden ist: aber sie furchte sich fur einem so tyrannischen, drum kehrte sie am geraumen um und gab ihm abschlägliche antwort. Wiedemann dec. 31;
wer im geraumen, wenn sie (die teuflische schlange) sticht,
ihr mit gebet nicht widerspricht,
der wird von jhr gar leicht betrogn.
B. Ringwaldt l. w. 58;
und kehr ja im geraumen widr,
das du nicht sinckest gar darnidr.
144.
3)
nicht beengt durch speise, leer: so du am ersten in daʒ scheff triczt, so ist dir not daʒ dir der magen geraum und rain ist, wan so du ie rainer pist, so dir daʒ varen und undewen minner schatt (schadet). anzeiger d. germ. mus. 10, 320 (von 1426).
4)
mit umlaut geräum: in stätte, dörfer oder auff geräumen plätzen und wiesen. Kirchhof milit. discipl. 204; so er (der habicht) leicht und kurzdäuwig ist und .. weiten geräumen auszwurf hat. neu jagd u. weidwerkbuch, Frkf. 1582, falknerei 2, 12ᵇ; leut, welche gantz weite conscientias und gereume mitwissens haben. Lorichius wie iunge fursten 166 neudr.; euwer hauszfrauw, wie gleisznerisch sie sich gegen euch stellet, hat im sinn, euch umbzuͦbringen, wo ihr nur gereume ursach und platz mag darzu gegeben werden. Kirchhof wendunm. 326ᵇ; comparativ: er versetzte mich aus der schmäligen dürftigkeit .. in etwas geräumere umstände. Reiske lebensbeschr. 76; superlativ: weil nun auch die allergeräumsten umbschränckungen beschwerlich sind. Lohenstein Armin. 1, 820; adverb: dieselbig büchsz soll gern und geräum in das rohr gehen, dasz sie nicht zu klein oder zu grosz, sondern die rechte grösz und runde habe. Fronsperger kriegsb. 2, 197ᵃ; auch von der zeit: sprichw. den wagen, weil es noch geräum ist, umbwenden (eine sache zu rechter zeit noch aufgeben). Kirchhof disc. mil. 7.
5)
anderes stammes ist geraum, anberaumt, als ziel (râm) angesetzt, entstanden aus mhd. geræme Lexer 1, 870, mit demselben lautwechsel wie in anberaumen statt anberâmen: das man in schuldig ist gnediclich genugig ze machen yecz und auf geraum teg. fontes rer. austr. II, 7, 280 (von 1461); dasz mein gnedigster hr. von Mayntz einen nemblichen geraumen landtag her uff den Landberg bescheiden soll. weisth. 1, 471 (von 1430).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3580, Z. 32.

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Zitationshilfe
„geraum“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geraum>, abgerufen am 05.12.2021.

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