Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gereis, n.

gereis, n.
subst. zu reisen, rüsten, ordnen, zu einer gewissen absicht fertig, geschickt machen Stalder 2, 268, s. reisen 1 th. 8, 735.
1)
ordnung, regel: die gewonheit unserer altforderen ist ausz dem gereisz kommen, oder ab der ban, de curriculo deflexit consuetudo majorum. Maaler 170ᵃ; die unmäszigkeit demmen und in das recht gereisz bringen, das sy nit über das zil der guͦten hauszhaltung trätte. ebenda; gar ausz dem greisz kommen, gantz und gar in all wäg irren, tota errare via. 192ᵃ; die sache ist im greis. Stalder 2, 269; es (das mädchen) erzählte, wie es den und diesen einer andern abgestochen, dann ihn zum narren gehalten, als er geglaubt, es sei alles im besten greis. J. Gotthelf 21, 142; die kuh ist im greis, im zustand der trächtigkeit. Stalder a. a. o. Seiler 145ᵇ. Hunziker 203.
2)
gerüst: thüregreis, thürgerüst, zeitgreis, uhrgerüst Stalder.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3621, Z. 35.

gereis, n.

gereis, n.
licium, ein ausdruck der ältern webersprache.
1)
der aufzug, die kette eines gewebes: der fadem, gereisz, der durchleuft, quo textrices in telis implicant stamina Alberus C 1ᵇ; μονόμιτος, mit eim gereisz geweben, πολύμιτος, mit vielen gereiszen und bilden geweben. ebenda; webergereisz, μίτος, ἱστότονον, πήνισμα, le fil de la traime d'un tisserand Frischlin nom. cap. 128; gereysz, quod utrinque stamina ligat Junius 133ᵇ.
2)
wie gereisholz 1: das wäbergeschirr, gereisz, dardurch der zettel (die kette) auf dem stuͦl gezogen wirt. Calepinus (1570) 856. Cholinus-Frisius 516ᵇ. Dasyp. M 2ᵇ; geraisz, die drümmer, daran die weber das garn oder wurff (kette) knipffen. Henisch 1504; webergereis Schönsleder Nn 2ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3621, Z. 51.

gereis, n.

gereis, n.
reisig, coll. zu reis, zweig: so bald man den hirschen gesäet hat, soll man den mit hurden oder gereisz wol bedecken. Tabernaemont. kräuterbuch 656; nun was die gruͦb allenthalben mit kleinem gereisz und strow überdecket. Wickram rollw. 81, 22 Kurz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3621, Z. 64.

gereis, adj.

gereis, adj.
zum kriegszug gerüstet, besonders zu pferd, beritten, s. reisig th. 8, 745 und gereisig:
wie danne der guote bûman stât umb sîne pfert
die dâ gespannen sint im pfluoge, als er sî gereise.
Kolmar. meisterl. 71, 26;
mit 50 geraisen leuten und geraisigen pfärden (der stadt dienen). chron. d. d. städte 5, 132 anm. (von 1424); da schlug man im den kopf ab und sünst einem geraisen knecht mit im. 11, 469, 16 (Nürnberg, 15. jh.). mhd. auch substantivisch der und diu gereise, der und die mitreisende Lexer 1, 876.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3621, Z. 69.

greis, adj.

greis, adj.
subst.
form und verbreitung.
1)
urspr. nd. wort: asächs., mnd., mhd. grîs, ebenso afries., mnl.; nnl. grijs; dazu wohl auch anord. gríss ferkel, borch; schwed., dän. gris ferkel; aus dem germ. frz., span., portug. gris, ital. griso, grigio, mlat. griseus; die letzteren formen weisen auf germ. *greisja-; die etymologie liegt völlig im dunkeln; vielfach mit grau auf dieselbe idg. wurzel gherē strahlen zurückgeführt, vgl. Fick ⁴ 3, 144.
2)
im Heliand fehlend, wird das adj. in seiner grundbedeutung 'grau' durch die glosse grisa cani diut. 2, 192 fürs asächs. bezeugt; mnd. mehrfach belegt Schiller-Lübben 2, 149ᵃ; in den lebenden nd. maa. allgemein: Schütze holst. 2, 67; Richey hamburg. 81; brem. wb. 2, 546; Strodtmann osnabr. 76; Leihener cronenberg. 47ᵇ; lux. ma. (1906) 153ᵃ; Wöste westfäl. 86ᵃ; Bauer-Collitz waldeck. 41ᵃ; Schambach götting.-grubenh. 68ᵇ; Danneil altmärk. 70ᵇ; Mi mecklenburg.-vorpomm. 29ᵃ; Frischbier preusz. 1, 253. auch im niederhess. noch bekannt; doch scheint das adj. sonst den md. maa., nach dem schweigen der idiotica zu schlieszen, im ganzen fremd (bei Hertel salz. 17 als ungebräuchlich bezeichnet). das litterarische vorkommen von greis grau entspricht diesem befunde. das obd. hat das adj. anscheinend vom nd. empfangen (ahd. fehlt es noch), und auf obd. boden entwickelte sich die bedeutung 'alt'; auch in der schöpfung des subst. greis scheint das obd. vorangegangen. diese weiterbildungen gehören wesentlich der litteratursprache an, für die dialecte bedeuten sie wenig. von ihnen findet sich nd. nur das subst. bis in die moderne ma. gelegentlich; obd. erscheint das adj. als 'alt' nur im alem., Staub-Tobler 2, 799, das subst. häufiger, ib. 800; Fischer schwäb. 2, 822; Schmeller 1, 1010; aber im schwäb. liefert z. th. noch die form den beweis, dasz es sich um eine entlehnung aus der schriftsprache handelt; fürs tirol. wird greis subst. bei Schöpf 212 ausdrücklich als volksunüblich bezeichnet. die grundbedeutung 'grau' ist dem obd. in nhd. zeit verloren gegangen, wenigstens im litterarischen gebrauch; dialectisch findet sich die alte farbbezeichnung noch, merkwürdiger weise aber an eine form des adj. gebunden, die von der zu erwartenden gestalt abweicht: alem. mit kürze griss oder grisch grau (schon 1676: der wolf wird zwar grisser, aber nicht besser Staub-Tobler 2, 800); griss subst. weisz und schwarz gefleckte kuh; vgl. grisel adj. von gemischter farbe, weisz und schwarz durcheinander (schon bei Notker crisil fuscum Graff 4, 334); grisleⁿ f. eine so gefärbte kuh; (g')grisslet, was grisel, auch: gesprenkelt, gefleckt; griset adj. ebenso, vgl. greisig; im bair. entsprechen formen ohne diphthongierung: gris canuto, grigio Schmeller cimbr. 126ᵇ; vgl. grîset adj., österr. ziemlich verbreitet (tirol. auch grîselet), mit derselben schwankenden bedeutung wie im alem., s. u. greisig. man beachte, dasz sich zu der formalen ausweichung ein auffallender unterschied der bedeutung gesellt; vermuthlich stehen beide erscheinungen in zusammenhang. allem anschein nach liegt eine wortvermengung vor, aber es ist fraglich, ob das bei Staub-Tobler 2, 800 für die mit l-suffix gebildeten formen des alem. herangezogene rĭsel, bezeichnung gesprenkelter, mit andersfarbigen tupfen, flecken übersäter thiere, zur erklärung ausreicht; vgl. auch das dän. adj. grisset von grauer oder gemischter farbe.
3)
im 17. jh. erscheint nicht selten die schreibung greus, gräus: alt und greüsz Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch 125; bei den greüszen (subst.) 94; die jungen und gräusen Zesen verm. Helicon (1656) 2, 133; gräuser bahrt s. u. I A 2; der greuse bisam s. u. I A 1. ursprünglich wohl nur die vermeintliche wiederherstellung einer scheinbar mundartlich entstellten form, wurde diese schreibung auch theoretisch begründet durch etymologische anknüpfung an grau und grausen: weil man ein grausen und abschäu für den alten hat Bellin hd. rechtschreibung (1657) 35. noch ende des 18. jhs. musz H. Braun die schreibung gräus zurückweisen wb. (1793) 120ᵃ. vereinzelt gräisen Grimmelshausen Simpl. 4, 767, 30 Keller; Harsdörffer teutsche secretarius 2, 674.
4)
zur schreibung des spiranten sei bemerkt, dasz das ältere nhd. mit ziemlicher consequenz im inlaut s, im auslaut sz anwandte. im 16. jh. erscheint allerdings greis noch nicht ganz selten, aber im 17. nur sehr spärlich: Birken forts. der Pegnitz-schäferey 81; Fleming 1, 48. 115 Lappenberg; Butschky Pathmos (1677) 218; umgekehrt tritt auch sz im inlaut auf: A. v. Eyb deutsche schr. 2, 100, 20; Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 181; Treuer deutscher Dädalus 1, 71. 270; Lohenstein Arminius (1689f.) 1, 140ᵃ. 901ᵃ; in der ersten hälfte des 18. jhs. liegt die gleichmäszige moderne schreibart mit der alten im kampf; unter dem vorgange Stielers (stammbaum 696) dringt greis vom md. aus vor: Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 198; Thomasius ged. u. erinn. 1, vorr. 1; Besser schr. 1, 65 König; Schwabe belustigungen 1, 440; Lichtwer äsop. fabeln (1748) 24. 89; Gottsched neueste ged. (1750) 81; ged. (1751) 1, 170; doch hält sich greisz als seltenere form noch bis ins 19. jh.: Haller Usong (1771) 69; Hippel lebensl. 2, 587; Kretschmann 1, 71; Göthe IV 1, 255 Weim.; Schubart briefe 1, 51; 2, 67 Strausz; Schenkendorf ged. (1815) 179; selbst im inlaut kommt sz noch bis ende des 18. jhs. hie und da vor: Uz 133 lit. denkm.; Hufeland kunst d. menschl. leben zu verlängern (1797) 119.
I.
greis, adjectivum.
A.
grau, und zwar bezeichnet greis gegenüber grau den helleren ton; daher mit 'weiszgrau, hellgrau, silbergrau' umschrieben Wöste 86ᵃ; Schambach 68ᵇ; Frischbier 1, 253; Doornkaat-Koolman 1, 689ᵃ; derselbe unterschied gilt fürs nl. Verwijs en Verdam 2, 2139.
1)
die dialecte gebrauchen das adj. mit vorliebe neben ganz bestimmten begriffsgruppen; namentlich vom haar des menschen (auf dem ganzen nd. gebiet); dann auch vom haar- und federkleid der thiere: ene grîse katte Schambach 68ᵇ; grîse gos wildgans Wöste 86ᵃ; vgl.:
dazu sind noch die haselmeus,
mit ihren breiten schwentzlein greis
Rollenhagen froschmeus. 2, 136, 14 Gödeke;
der schwartze (bisam) aber ist lang so gut nicht, als der greuse Arnold wahrhaft. beschreibungen (1692) 207; daher gewisse substantivierungen: der grise esel Frischbier 1, 253ᵇ; den griisen nennt der pommersche bauer den wolf Dähnert 161ᵃ; vgl.:
sag, jaufkint, warumb ist der walt weisz
und warumb ist der wolf auch greisz
fastnachtsp. 555, 1;
später umgedreht:
durch waz ist der walt so grise?
durch waz ist der wolf so wise?
Uhland hoch- u. niederd. volkslieder 5;
nichts ist da, als greise wolfshäupter J. Grimm Reinhart fuchs vorr. lxii; in diesem gebrauch als eigenname auch alem. dialectbesitz geworden: griss, grisel grauschimmel, schwarz und weisz gefleckte kuh, graue ziege Staub-Tobler 2, 800; sprichwörtl.: 's graue (das kalb) schlōt der grische (der alten kuh) noᶜʰ 2, 799; vgl.:
also kennt gris den gromen (graumann) wol
(ein esel kennt den andern)
Murner narrenbeschw. 72, 107 Gödeke;
die zweite, mit der vorigen allenfalls vergleichbare begriffsgruppe umfaszt linnen, tuch u. ä.: griseus pannus gries dûch Diefenbach nov. gloss. 198ᵃ; grîse (ungebleichte) lenewand Schambach 68ᵇ; Danneil 70ᵇ; Doornkaat-Koolman 1, 689ᵇ; grîse tweren zwirn Schambach 68ᵇ;
seht an disen grîsen roc
W. v. d. Vogelweide XVIII 19;
uber das stifteten auch gemelte eheleuth von ihrem gut .. den hauszarmen leuthen .. zehen stück griser und wüllen thuch (man heiszt es loden) zur kleidung auszzuspenden Wolfg. Hartmannus Augsp. chronica (1595) 165; alle jahre wurden einige stücken linnen in der haushaltung gemacht und einige greis zugekauft, welche sie hernach zusammen bleichen liesz J. Möser sämtl. werke 1, 206; daneben in mannigfachen anderen verbindungen: griis utkiken von kälte blasz aussehen Berghaus 1, 613ᵇ; hê word grîs fan kolde, oder fan angst un schrik Doornkaat-Koolman 1, 689ᵇ; hê sügt so grîs (fahl) ût, as wen hê krank is ib.; se es so grîs as ne hucke Wöste 86ᵃ; auch niederhess. von fahlem teint; grîse graite (grete) buttermilchsuppe Wöste 86ᵃ; grise grapen ein graues gericht brem. wb. 2, 546; grîser (ungewaschener) hals Frischbier 1, 253;
was bös, was gut, was blaw, was greisz
vater nunmehr ich selber weisz
Hollonius freimuth 13ᵇ;
erst ist sie (die butterblume) gelb und wird dann greis
Tieck schr. 2, 356.
2)
zu vollem litterarischem leben ist greis grau nur in wenigen verbindungen gelangt.
a)
greises haar u. ä. in mhd. zeit auch obd. ganz gewöhnlich:
gemischet was sîn (Hagens) hâr
mit einer grîsen varwe
Nib. 1672, 3;
der bart sîn was von alter grîs
und dâ bî des hâres loc
K. v. Würzburg Partonopier 20532;
nhd. seit der Opitzischen reform sehr geläufig; fast ausschlieszlich in poetischer oder doch gehobener sprache; bis ins 19. jh. fast nur bei norddeutschen autoren:
der wangen zier verbleichet,   das har wird greisz
Opitz teutsche poemata 143 neudr.;
ich schrie: ihr helden schont! schont meiner greisen haare!
Gryphius trauersp. 113 Palm;
manch greiser bart erstarrt ob meinen gelben haren
272;
wann sich kraft und saft verlieren, ..
schreyen sie erst greisz am haare
nach dem früling ihrer jahre
Tscherning deutscher getichte früling (1642) 107;
ihr alten greisz von haaren
Spee trutznacht. (1649) 167;
das alter kan die kunst: färbt schwartze haare greisz
Logau sinnged. 180, 85 Eitner;
des alten gräuser bahrt hing noch ganz fol bluthes Zesen adriat. Rosemund 112 neudr.; ihm sey es zwar umb seine greise haare nicht so leid Lohenstein Arminius (1689f.) 1, 23ᵇ;
sein bart war greis, nicht wahr?
Shakespeare 3, 162;
er mitten drin, von greisem haar umhangen
Eichendorff (1864) 1, 424;
Nereus mit greisem haupt- und barthaar Welcker alte denkmäler 1, 206; bildlich:
ach das der winter sich mit seinem greisen haar
verender' in den lentz
Opitz teutsche poemata 186 neudr.;
ich kene, und scheze seine ferdinste um unsre sprache; und ich habe dise durch in .. hir und da in noch greiseren haren gesen, als ich si forhär kante Klopstock über spr. u. dichtkunst 3, 43; wesentlich erst seit dem 19. jh. durch litterarische übertragung auch bei süddeutschen:
ward ich einen mann gewahr,
arbeitsam mit greisem haar
Uhland gedichte (1898) 1, 40;
keinem greiser ward das haar
Kerner lyr. ged. (1847) 24;
in den bärten, langen, greisen
bilderbuch (1849) 168;
rang in fruchtlos blut'gem ringen
um ihm liebe abzudringen
für des mannes greises haar
Grillparzer 4, 109;
seit dem ende des 18. jhs. bei einigen auch greise locken: schluchzend wälzt sie sich auf der erde, die fäuste voll greiser locken maler Müller 1, 105;
o reisz mich nicht an diesen
greisen locken
2, 241;
ein edler lorbeer ist es, der die greise
verehrte locke der erfahrung schmückt
Stägemann kriegs-gesänge 62;
wer aber kommt die haide hergezogen ..
das haupt von greisen locken wild umflogen?
Lenau 53 Barthel;
ich schüttle mit verzweiflung greise locken
Chamisso (1836) 4, 31.
b)
greiser kopf u. ä.; erheblich seltener als greises haar, im übrigen liegen die verhältnisse ähnlich; die ältere zeit bevorzugt kopf:
wird denn mein greiser kopf den schönen tag erleben,
der unser langes leid soll durch die freud aufheben?
Gryphius trauersp. 153 Palm;
lasz, greiser wunder-kopf, den schwarm der grillen fliegen!
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 242;
als der kaiser Augustus sahe, dasz die .. cammer-fräule seiner tochter Julia die grauen haare gar sorgfaltig ausrupfeten, fragete er seine prinzessin tochter, ob sie lieber einen kahlen, oder einen greisen kopf haben wolte? Lindenborn Diogenes (1742) 1, 500; in einer .. weise .., die den nüchternen kenner der welt befremdet, der den enthusiasmus im greisen kopfe und den schauder vor der wirklichen welt in dem gereiften manne nicht dulden mag Gervinus gesch. d. deutschen dichtung (1853) 5, 198; die jüngere zeit zieht das poetischere haupt vor:
bis, wenn dein greises haupt zur ruhe sich gesenket,
ein ewig lied von dir in Davids harfe töhnt
Drollinger gedichte 92;
eine doppelte schlafmütze auf seinem greisen haupt Herder 15, 145;
seht, auf die brust
zielt man! nach diesem greisen haupte!
Schiller 12, 301;
ach in deinen schoosz mein greises haupt!
maler Müller 1, 107;
der ritter von Lichtenstein richtete sein greises haupt auf Hauff sämtl. werke 1, 283;
über Apo's greisem haupte
die zwei nachtigallen schweben
Brentano (1852ff.) 3, 451;
Tages ..., als zwerghafter wunderknabe mit greisem haupt Gerhard akad. abhandl. 1, 299; vgl.
reizt man auch noch mit greisem kinn,
und beinen, wie ein storch, die schöne?
Goekingk gedichte 1, 147.
c)
namentlich in mhd. dichtung nicht selten als farbe des winters:
der walt stuont aller grîse
vor snê und ouch vor îse
Neidhart 6, 1;
die boume die dô stuonden grîs,
die habent alle ir niuwez rîs
vogele vol
4, 36;
die heide siht man von dem kalten winter grîse
v. d. Hagen minnes. 1, 26ᵇ;
auch hagel weisz, auch flocken greisz
von schnee und eysz entzogen
Spee trutznacht. (1649) 142;
als Phebus in den steinbock trat,
da sahe man den winter kommen,
den winter, welcher kahl und greisz
die felder überzog mit eisz
Rist Parnasz 748;
nur mhd. auch vom grauenden tag:
der tac schœn unde grîse
sîn lieht beginnet mêren,
und muoz ich hinnen kêren
K. v. Würzburg troj. 9180;
des morgens dô der grîse
tac ûf dringen solte
Partonopier 16394;
ähnlich:
si sach vil ungerne
grâwen tac,
den morgensterne,
diu wolken grîse
v. d. Hagen minnes. 2, 237ᵃ;
vgl. 237ᵇ (Marner).
B.
alt; die entwicklung dieser bedeutung vollzieht sich in mhd. zeit auf obd. boden, bezeichnenderweise also in einem gebiet, wo das adj. anscheinend nicht einheimisch ist; md. erst seit dem 17. jh. häufiger; den dialecten ist die abgeleitete bedeutung im ganzen fremd, wenn es auch an ansätzen nicht fehlt: hê word al older un grîser Doornkaat-Koolman 1, 689ᵇ; vgl. Staub-Tobler 2, 799.
1)
am fühlbarsten wird der bedeutungsübergang beim vergleich gewisser fälle prädicativen gebrauchs, wenn nämlich greis sein, werden mit präpositionalen ausdrücken verbunden wird:
diu (olbente) was frümec unde wîs
und darzuo vor alter grîs
Reinhart fuchs 1440;
und ir vil starke wîsheit
würd ûf ir vater dâ geleit
der von alter wære grîs
K. v. Würzburg troj. 10945;
von manegen kriegen wart er grîs
U. v. Zatzikhoven Lanzelet 46;
jener Engelmâr,
von des schulden bin ich grîs
Neidhart 93, 6;
vor leide werden grîs Lexer 1, 1088 aus U. v. Türheims Willehalm;
solt ich von sorgen werden greis,
und nach dem schaden klueg und weis
O. v. Wolkenstein 87, 1 Schatz;
noch heute dialectisch: he ergert sik grîs Wöste 86ᵃ; hier ist die ursprüngliche bedeutung intact; dagegen:
und (ich) mag in zühten werden grîs
Winsbekin 6, 5;
du vervluͦhter alte unwis,
in gottes vluͦche bistu gris
Barlaam 317, 24;
verlân myn alte wyse
darin ich bin worden gryse
Staub-Tobler 2, 799 (a. 1557);
du träumst dein ganzes leben, wirst greis in deiner kindheit
Dusch verm. werke 19;
sollen denn wir und unsre kinder im kriege greis werden und nie frieden bekommen? Niebuhr röm. gesch. 3, 240; man vergleiche weiter:
juncherre wîs (Christus),
du wære grîs:
nun zieret dich ein brûner vahs
K. v. Würzburg lieder u. sprüche 1, 17
und die bezeichnung gottes als alter greiser jungeling Ackermann aus Böhmen 55, 17 Knieschek; grau und greis ist eine alte tautologische formel; und doch verschiebt sich auch in ihr allmählich die bedeutung:
wer daz ieman in der jugent
von tugenden mochte wesen wîs,
sô was er (der jüngling) grâ unde grîs
in sîme hertzen binne
H. v. Fritzlar 132;
die frau sahe in (ihren alten mann) ubel an.
sie sprach: 'kommstu iez von Pareis?
noch bistu aber grau und greisz
Fischart ehzuchtbüchlin 261, 31 Hauffen;
dasz damals unsere aufgabe war, uns von den überlebten, greisen und grauen verhältnissen der mittleren zeiten auf geistigem wege zu befreien Gervinus gesch. d. deutschen dichtung (1853) 5, 110.
2)
gegenüber solchem schwanken sichern attribute und antithesen auch schon für das mhd. die bedeutung 'alt':
du wirst der buoche wîse:
sô bin ich der jâre grîse
Hartmann v. Aue Gregorius 1466;
er schein der jâre grîs und alt
K. v. Würzburg Partonopier 4252;
ich dacht, du wärest der jar ze greys,
das du lebst nach mannes art
Hätzlerin liederbuch 280;
ein kel wîz
hât wol den prîs:
si machet mich an jugende grîs
v. d. Hagen minnesinger 2, 65ᵇ;
sî (die junge) hiez sich schône brîsen
und huop sich von der grîsen
Neidhart 7, 5;
die jungen zuo den grîsen
Lamprecht v. Regensburg Franciscus 254;
die hôhin und di wîsen,
die jungen und die grîsen
Martina 83, 84;
diese im mhd. äuszerst häufige antithese (Lexer 1, 1088) ist im nhd. sehr in den hintergrund getreten:
alles Tuͤtschland soll si prysen,
die jungen und die grysen
Tschudi chron. Helvet. 1, 489;
das jahr ist niemals gleich, bald ist es kalt, bald heisz.
wir ändern uns mit ihm, itzt sind wir jung, bald greis
Fleming deutsche ged. 1, 115 Lappenberg;
die jungen und gräusen
Zesen verm. Helicon (1656) 2, 133;
ein in jüngerer zeit beliebtes oxymoron ist schlecht vergleichbar, weil greis in ihm oft eine besondere färbung hat: aus den meisterstücken menschlicher dichtkunst .. (sind) kindereien geworden, an welchen greise kinder und junge kinder phrases lernen und regeln klauben Herder 5, 111; was wollt ihr alte, greise kindsköpfe mit euren kindischen vorurtheilen und ammenmärchen? E. M. Arndt schr. für s. l. Deutschen 4, 64; 'das junge Deutschland!' — deutsche jungen seid ihr, weiter nichts! greise jünglinge, die als philister enden werden Bauernfeld ges. schr. 3, 304. das nhd. bevorzugt vielmehr statt der antithese die paarung alt (und) greis, die mhd. erst recht selten erscheint:
sage, du alde griser man (Petrus),
mich duncket, du horest Jhesum an
Alsfelder passionsspiel 112, 3514 Grein;
drauf ir habt ein alten greisen
ambtman sitzen in seinem bart
teuerdank 249, 160 Gödeke;
diese waren alte greisze ... weiber Lohenstein Arminius (1689f.) 1, 901ᵃ;
mir gehn die augen über,
mir altem greisen mann
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. 3, 221;
ain ritter, alt und greis,
wolt dienen got mit fleisz
Hätzlerin liederbuch 163;
wer abr sein vatter alt und greisz
verlest, der wird zu schanden werden
H. Sachs 19, 13 Keller-Götze;
du machst dein mann grau, alt und greisz
Wickram 4, 44 Bolte-Scheel;
dasz wir auch denen,
so nunmehr alt und greüsz, auch kranck und kraftlos seyn,
noch lange lebenstag und jare wünschen wolten,
das möge ich keines wegs
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch 125;
ach alter man, ach greiser man
Uhland hoch- u. niederd. volkslieder 1, 254;
die reihenfolge alt — greis steht durchaus fest; höchstens im reim umgekehrt:
nu bistu gris und alt,
der lip ist dir von alter kalt
schauspiele d. mittelalters 1, 81, 200 Mone;
erst in jüngerer zeit wird greis dem substantivierten alt vorangestellt:
kaum, dasz erfahrung noch die greisen alten lehrt
Schwabe belustigungen 1, 199;
was! auf das feld? mich hülflos greisen alten?
H. v. Kleist 2, 208;
sechzehn jahr' — und wie ein greiser
alter sitz' ich, matt und krank
Freiligrath ges. dicht. (1870) 1, 5;
man beachte, wie häufig sich die bedeutung nach der seite des gebrechlichen, abgelebten neigt; besonders deutlich:
einst war ich jung und frisch
jetzt bin ich greis und alt
Herder 25, 565.
3)
wo das mhd. die bedeutung nüanciert, geschieht es meist in der richtung auf die weisheit und erfahrung des alters:
jâ ist si (Minne) gewaltec der tumben und der grîsen
W. v. Eschenbach Titurel 70, 1;
swie tumb ich doch sî der tage,
ich sî doch wol sô sinne grîs,
daz ich behalt wol ritters prîs
Ulr. v. Lichtenstein frauend. 47, 7 Lachmann;
du wære der witze grîs
und der jâre gar ein kint
Tristan als mönch 2059;
vgl.
ûf stuont der fürsten einer dô,
die bî dem râte wâren, ...
des lîbes edelîch und alt,
beidiu grîse unde wîse
Tristan 15351; vgl. 2740;
im nhd. steht diese bedeutungsschattierung hinter der unter 2 behandelten (gebrechlich, abgelebt) erheblich zurück:
myn narrheyt loszt mich nit sin grys,
ich byn fast alt, doch gantz unwys
Seb. Brant narrensch. 8, 1 Zarncke;
die fürsten worent ettwan wisz,
hattent alt rät, gelert, und grysz
46, 64;
und wenn ein greiszer thor dich einen neuling nennt
Günther gedichte (1735) 384;
auch die alten und die greisen
werden nicht im rathe ruhn
Göthe 16, 373 Weim.
4)
attributiv in älterer sprache besonders neben man; greiser man vertritt vielfach das subst. greis:
einer heizet der von Berne,
mit dem sô rît ein grîser man
Virginal 81, 11;
vgl. mhd. wb. 1, 577ᵃ;
darauf sprach
mein vatter der viel greise man
Fischart flöhatz 7, 139 neudr.;
von mir, der ich von meinen brüdern hier
ganz ohne kunst das kleine lied gesagt, ..
von mir spricht einst vielleicht ein greiser mann
Seume gedichte (1804) 9;
doch, lebt er noch hienieden,
so ist's ein greiser mann
Platen 1, 20 Hempel;
der greise mann hatte blüthen und blätter sinnig zusammengestellt Holtei erzähl. schr. 7, 17; wesentlich erst seit dem 18. jh. erweitert sich der kreis der substantiva; zunächst meist in poetischer sprache:
der Alster greise fürst, der schutzherr ihrer wellen,
verliesz den kühlen grund
König gedichte (1745) 313;
in lauben, die er selbst gepflanzt,
der greise bürger sitzet
Miller gedichte (1783) 194;
dasz Thetis, mit dem silbersaum,
des greisen meergotts tochter, dich berückt
Bürger 602 Bohtz;
ehrt eures eignen greisen vaters haupt
in diesem greis
Schiller Turandot 2243;
der noth gehorchend, nicht dem eignen trieb
tret' ich ihr greisen häupter dieser stadt
heraus zu euch
braut v. Messina 2;
als mir's mein greiser vater drohte
Grillparzer 5, 174;
nun spricht ein greiser bauer
in seiner knechte kreis
Hebbel 6, 161;
besonders seit dem 19. jh., dann auch in der prosa ganz allgemein: hier segneten greise helden ihre söhne Meiszner Alcibiades 3, 79; in einem schiffe ist der greise fährmann .. abgebildet Göthe 48, 93 Weim.; greiser beamten und officiere .. giebt es hier eine menge Immermann 1, 199 Hempel; die erstorbene zeugungskraft greiser eheleute neu beleben, konnte gott als schöpfer .. der welt Strausz 4, 37; der greise neunzigjährige Gutzkow ritter v. geist (1850ff.) 1, 32; seit mehreren jahren war nun der greise kantor und stiftsherr von Mure tot Keller 6, 40; die priesterinnen, greise frauen in weiszen linnenen gewändern Mommsen röm. gesch. 2, 173; vgl. 1, 307; 2, 207. 257; der ton, in welchem er redete, glich dem eines greisen warners, der junge verirrte von einem verderblichen vorhaben abmahnt Moltke schr. u. denkwürdigk. 1, 58; aus furcht vor der fremde, wo sie des greisen königs gemahl werden sollte Storm 1, 47; jung scheint der gebrauch neben eigennamen: zuerst sang sie die grotte, wo der greise Saturnus nickt maler Müller 1, 149; bei der leichenfeier des Patroklus erweist er dem greisen Nestor die höchste achtung und ehre Hegel 10¹, 305; der greise Voss ... erhob jetzt freudig seine stimme Treitschke deutsche gesch. (1897) 3, 194; namentlich der greise Lappenberg unterhielt sich lange .. mit dem manne Steub drei sommer in Tirol 1, 16; selten von thieren: machte den greisen Sultan, den ältesten der Mühlenhof-hunde, von der kette los Holtei erzähl. schr. 5, 197.
5)
ganz jung ist die anwendung des adj. auf theile des körpers, an denen das alter besonders in erscheinung tritt; namentlich greises gesicht ist bei neueren erzählern ziemlich häufig: es erschreckte mich nur, dasz .. kindereien und thorheit plötzlich aus dem greisen antlitze eines magiers mir wieder lebendig würden Tieck schriften 20, 124; den eigensinn des greisen gesichts Ludwig 1, 146; ein frösteln durchfuhr den jüngling, als er in das greise feierliche angesicht des meisters blickte Storm 3, 23; anderes mehr poetisch:
mein greises gebein ist schwer und leer
Strachwitz gedichte (1850) 337;
sie (die freiheit) kleidet sich zu dieser zeit in vielerlei gestalten:
bald weib, bald mann, bald nur ein kind, bald hat sie greise falten
W. Müller gedichte (1868) 2, 131;
vgl.
horch! wie in hellen kinderstimmen singt
die lebensahnung, und zusammenklingt
mit greiser stimmen tiefem todesahnen
Lenau 4, 139 Grün;
die lust beflügelt ihren greisen schritt
M. Beer sämtl. werke 217.
6)
soweit greis nicht mit personen verbunden wird, steht es weit überwiegend neben abstracten begriffen; nur ganz selten neben concretis:
greise fichten splittern
Körner 2, 239 Hempel;
in der ruine dort, die greis
hintrauert
Roquette waldmeisters brautfahrt (1874) 76;
die greise thurmuhr rasselte zwei viertel nach zehn Holtei erzähl. schr. 35, 21.
a)
neid weret lang, wird alt und greisz
H. Sachs 3, 341 Keller;
sein ruhm, der wird nicht greis,
sproszt immer jung herfür
Fleming deutsche gedichte 1, 48 Lappenberg;
schön und blühend, wie die jugend
des heilgen eichbaums grünt,
war er der fürsten liebling, hatte sich durch tugend
viel greisen ruhm verdient
Kretschmann 1, 126;
da, nach des herbstes mildem segen,
das greise jahr mit kaltem regen
die fluren umgewühlt
Uz 361 Sauer;
Theanor ..
.. sah den greisen tag im lichten sterbgewand
Pfeffel poet. versuche 1, 198;
auch für 'alt' im sinne 'vor langer zeit entstanden':
was uns die gottesfurcht und greiser brauch befiehlt,
das nehmet von mir an
Fleming deutsche gedichte 1, 121 Lappenberg;
ein greises wort, vielberühmt den menschen, lautet also
Droysen Äschylus (1841) 68;
auch umgekehrt für 'spät':
so lange wird man dich der greisen nachwelt melden
Lohenstein Arminius (1689f.) 1, e 5;
vgl.:
aber ich (die kunst), ich weisz zuzieren
mich mit greiser ewigkeit
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 138;
also wesentlich in poetischer sprache; anscheinend liegt ein urspr. bildlicher, vom greisen menschen her übertragener gebrauch vor.
b)
nur in zwei fällen ist greis, ohne mit personen verbunden zu sein, bestandtheil der prosasprache geworden; greises alter (oft mit dem nebensinn des gebrechlichen, vgl. oben 2):
dann welcher haszt das alter greis,
der wirt der jaren nimmer alt
Wickram 3, 155 Bolte-Scheel;
kombt ... in dem schwachen unholden greisen alter (geschr. Alter) der tod Harsdörffer der teutsche secretarius 2, 40; diese flamme hätte nun auch die ... seele des feldherrn Marcomius angefeuret: dasz seine andacht weder im greissen alter (geschr. Alter) noch im tode erkaltet wäre Lohenstein Arminius (1689f.) 1, 140ᵃ; vgl. 2, 572ᵇ; uber diesen beschwerden kömmt unvermuthet das greise alter, wo gleichsam alle schwachheiten der menschlichen natur zusammen flieszen disc. d. mahlern 4, 38; er (Kant) in seinen blühendsten jahren hatte die fröhliche munterkeit eines jünglinges, die, wie ich glaube, ihn auch in sein greisestes alter begleitet Herder 17, 404; aber das alter musz nicht greis, das beharrliche nicht eigensinnig, der stillstand nicht sogleich der tod sein Gutzkow ges. werke 7, 129; ähnlich: denn ungeachtet die greise zeit bey diesem greisen schon alles andere feuer ausgelescht hatte Lohenstein Arminius (1689f.) 2, 43ᵃ;
du (graf Eberhard) schlugst dich unverwüstlich noch greise jahr' entlang
Uhland 1, 242 Fränkel;
dazu kommt erst in jüngerer zeit greis bei epochen, politischen und socialen gebilden (oft mit dem nebensinn des senilen): ich will vielmehr mit der unschuld, mit der Plato seinen greisen erlaubt, die spiele der muntern jugend anzusehen, aus meinem greisen zeitalter hinaustreten Herder 3, 298; gilt der vorwurf der lobrednerei veralteter zeiten nicht ebenso gut greisen körperschaften als einzelnen greisen? Jean Paul 34, 14 Hempel; ist das greise Europa bestimmt, vom jugendlichen Amerika überwunden zu werden? Gutzkow ges. werke 8, 85; das wort aus der bekannten grabschrift 'als greis leichtsinnig und grillig' gilt auch vom greisen hellenenthume Nietzsche 1, 80.
II.
greis, substantivum.
A.
flexion. die st. flexion hat sich zuerst auf md. boden ausgebreitet; sie erscheint vereinzelt schon mnd. (Schiller-Lübben 2, 149ᵃ), ist aber erst mit der 1. hälfte des 18. jhs. zur herrschaft gelangt: greis acc. sg. Ziegler asiat. Banise (1689) 525; Hahn einl. z. teutsch. staats-hist. 3, 171; Besser schr. 1, 65 König; Schönaich Hermann (1751) 8; greises Cramer nord. aufseher 1, 68; greise dat. sg. Lessing 2, 291, 2; nom. pl. Schnabel insel Felsenburg 77, 22 Ullrich; Schönaich Heinr. d. vogler (1757) 20; Steinbach setzt als pl. greisze an wb. 1, 637; bis ins ende des 17. jhs. herrscht md. durchaus schw. flexion; im 18. jh. nur noch selten: dat. sg. Brockes ird. vergnügen 2, 166; Triller poet. betracht. 1, 300; aber selbst im 19. jh. noch möglich, freilich meist im gen. sg., wo die schw. form aus euphonischen gründen der st. vorgezogen wurde (vgl. u. Schiller); so bei Fouqué altsächs. bildersaal 4, 72; Strachwitz ged. (1850) 105; für acc. sg. bei Chamisso (1836) 3, 293; 4, 36; nd. dialecte haben die schw. flexion ebenfalls lange gehalten Schütze holst. 2, 67. — dem md. folgt das bair.; in Nürnberg kämpfen schon im 17. jh. st. und schw. flexion: greisen gen. sg. Harsdörffer frauenz.-gesprechsp. 5, 54; greisse gen. pl. teutsche secretarius (1656) 1, 506; greissen dat. sg. Birken ostländ. lorbeerhayn 181; greis acc. sg. forts. d. Pegnitz-schäferey 81; im 18. jh. herrschen dann die st. formen: greises Mastalier ged. (1774) 102, 2; greise dat. sg. Mayr päckchen satiren (1769) 54; greis acc. samml. v. schauspielen (Wien 1764ff.) 1, 45; doch bei Denis noch mehrfach schwach, lieder Sineds (1772) 169, 22; 200, 8; noch bei Schmeller 1, 1010 plur. greisen. — am zähesten halten die alem. dialecte die schw. formen; sie hat Adelung anscheinend im auge, wenn er dem wort im obd. schw. flexion zuschreibt, lehrgebäude 1, 405. im schwäb. vollzieht sich der übergang erst spät im 18. jh.; der junge Wieland sagt im acc. sg. den greisen 3, 6 akad. ausg.; der junge Schiller gebraucht nach Pfleiderer beitr. 28, 334 bis 1782 nur die schw. formen (doch greise nom. pl. 2, 95 [räuber]), um später ebenso entschieden die st. zu bevorzugen; nur im gen. sg. ist er der form greisen treu geblieben; auch Schubart schwankt: schw. formen s. bei Pfleiderer a. a. o., dazu greisen dat. sg. sämtl. ged. 1, 191, aber greise nom. pl. ästhetik d. tonkunst 14. 73; sämtl. ged. 2, 26; gen. pl. 2, 280; vereinzelt noch spät im 19. jh.: des greisen (wieder gen.!) Mörike 1, 97 Göschen (aber dem greise 1, 263); nach Pfleiderer haben auch schwäb. grammatiker bis zu Gayler (deutsche declin. mit besonderer rücksicht a. d. schwäb. dial. [1835] 111) die richtigkeit der schw. flexion vertreten; schweiz. erscheint schon merkwürdig früh eine ganz vereinzelte st. form: ein alten grysz in den schweiz. schausp. des 16. jhs. (s. u. 3 a); gibt hier der gebrauch als scheltwort die erklärung? noch im 18. jh. fast ausnahmslos schwach (aber: einen .. greisz Haller Usong 69); auch noch im 19. jh.: acc. sg. U. Hegner ges. schr. 5, 86; dat. sg. G. Keller 6, 184 (aber: einem greise 2, 91); nach Staub-Tobler 2, 800 noch in heutiger ma. plur. griseⁿ. — auch bei Rheinfranken noch ziemlich spät; gen. pl. Brentano 6, 202; vielleicht noch bei Gervinus: dennoch bedurfte es nur einer poetischen zeit wie 1813, um den greisen (Fr. Stolberg) noch einmal für das irdische lebendig zu machen gesch. d. deutsch. dicht. (1853) 5, 43. — vorstehendes gilt nur für die obliquen casus; im nom. sg. herrscht schon im 16. jh. die form greis überall; vgl. Luther 20, 255, 14 Weim.; fastnachtsp. 316, 9; teuerdank 183, 134 Gödeke; H. Sachs 17, 319, 6 Keller-Götze; Zimm. chron. 1, 595, 47; 597, 33 Barack; Gengenbach 35 Gödeke; Boltz Terenz (1539) 99ᵃ; Seb. Franck Germ. chron. 26ᵃ; Fischart Eulenspiegel 8, 190 Hauffen; aber der greise erscheint bis ins 17. jh. im ganzen sprachgebiet noch gelegentlich, so bei Forster frische teutsche liedlein 98, liii 1 neudr.; D. v. d. Werder rasender Roland (1638) 8; Moscherosch gesichte (1650) 2, 146; Happel akad. roman (1690) 542; auch die lexikographen sind um die wende des 16. und 17. jhs. noch nicht entschieden: ein alter greise Kramer teutsch-ital. (1700) 1, 563ᵇ; alter greis, aber: die alte greisen; der greise verkehrt oft nicht seine weise Stieler 696; vereinzelt noch im 18. jh.: ich greise Denis lieder Sineds (1772) 120, 9; wie lange das wort als ein ursprüngliches adj. empfunden wurde, zeigt die noch spät mögliche pronominale flexion:
musz ein priester, musz ein greiser
für den thüren bettlen gehn?
Rist friedejauchz. Deutschland (1653) 18;
einer ware ein alter greiser, der seine schwachen beine mit krücken stützete Lindenborn Diogenes (1742) 1, 701.
B.
gebrauch. das subst. wurzelt in der abgeleiteten bedeutung des adj. greis, nämlich 'alt' (über substantivierungen des adj. in der bedeutung 'grau' s. I A 1); da das adj. in diesem sinne ursprünglich auf personen beschränkt war, gilt auch das subst. nur von alten menschen; ausnahmen sind durch bildlichen gebrauch zu erklären:
ein greis der käfer redt ihm zu
Lichtwer äsop. fabeln (1748) 24;
erstaunlich ists, was man unter den kaltblütigen wasserbewohnern .. für greisze findet Hufeland kunst d. menschl. leben zu verlängern 119.
1)
a)
zahlenmäszige begrenzung:
sechtzig jar gehet dichs alter an
sibentzig jar ein greisz,
achtzig jar nimmer weise
schöne weise klugreden (1548) 76ᵃ;
vgl. Agricola 750 teutscher sprichw. (1534) Z iiᵃ; das reimwort weise weist noch auf die ursprüngliche schw. form greise; dagegen scheint die heute übliche gestalt des letzten verses achtzig jahr schneeweisz zu jung, um unmittelbar durch die verkürzung von greis hervorgerufen zu sein; im 18. jh. noch die urspr. fassung Thomasius gedanken u. erinn. 1, vorr. 1; Eisenhart grundsätze der deutschen rechte in sprüchw. 28; es ist ein groszes vergnügen, einen greis so zu sehen. obgleich über 70 jahre, ist er doch .. gesund, thätig, frölich Nicolai reise d. Deutschland 1, 193; allein Petrus Diaconus thut der sachen ohnstreitig zu viel, wenn er Lotharium zu einem hundertjährigen greisz macht Hahn einl. zu d. teutschen staats-historie 3, 171; so satt hat kein 100 jähriger greisz gelebt, als ich 40 jähriger elender Schubart briefe 2, 67 Strausz; so überholt mancher zwanzigjährige jüngling den hundertjährigen greis Pückler briefw. u. tageb. 2, 231.
b)
häufiger ist eine scheidung nach lebensepochen:
er kennet dich nunmehr als jüngling, mann und greis
Besser schriften 1, 65 König;
da war jedem die zunge gelöst; es sprachen die greise,
männer und jünglinge laut voll hohen sinns und gefühles
Göthe Herm. u. Dor. 6, 38;
bringet sie (die wahrheit) der jugend, den erwachsenen, den greisen bey Haller restaur. d. staatswiss. 1, lxvi; es wäre, als erhöbe sich der jüngling über den mann, der mann über den greis Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 95;
nach gold und vorrang gieren wir, mann und greis
Voss sämtl. ged. (1802) 3, 32;
kommt ihr männer und greise!
Schubart sämtl. ged. (1825) 2, 26;
den jüngling Walther sieht man in seinen gedichten mann und greis werden Gervinus gesch. d. deutschen dichtung (1853) 1, 314; —
der gottlosz wird an haarn ein greisz,
aber an dem verstand nicht weisz
Eyering proverb. 1, 40;
(Harris) gute menschen leben lange. (Mertens) so würden sie ein greis H. Beck rettung für rettung (1801) 140;
reift vollends hinan zum greis er,
jede schmach musz dulden er dann
Platen 1, 223 Hempel;
er wurde schon ein greis, da er zu schreiben begann Holtei erz. schr. 3, 64; häufig ist der in den himmel zurückgekehrte gott zum greise geworden Ratzel völkerkunde 2, 91; —
er sparte als greis den rest seiner kräfte
Kortum Jobsiade (1799) 1, 104;
was physische erdkunde .. J. Banks, dem greise, verdankt Ritter erdkunde 1, 34; wie von Goethe's wahrheit und dichtung geurtheilt worden ist, dasz der greis in der ruhigen klarheit des alters sich in die stürme und wirrnisse seiner jugend gar nicht mehr recht habe hineindenken können Strausz Schubarts leben 1, xv; unberührt von den umwälzungen der sturm- und drangzeit freute er sich noch als greis seines Gleims Meinecke Boyen 1, 51; er (der kopf des Sophokles) .. stellt überhaupt den greis vor, nur nicht mit so starkem ausdruck des alters wie die unten vorkommende erzbüste Welcker alte denkmäler 1, 459; neben eigennamen: also sagt der alte betagte und lebenssatte greiss Simeon Dannhawer catechismus milch (1657ff.) 2, 64; besonders im epischen stil:
Ilioneus treffliches schiff, und des tapfern Achates,
Abates, und des greisen (geschr. Greisen) Alethes sind alle vom sturme
übermeistert (grandaevos Aletes Äneis 1, 121)
Schiller 1, 123;
um des thebaiischen greises Teiresias seele zu fragen
Voss Odüssee 188, 492 Bernays;
da reichten alle gäste dir,
greisz Siegmar, ihre hände
Kretschmann sämtl. werke 1, 71;
bin ich doch der greis Olympos,
den die ganze welt vernahm
Göthe 3, 219 Weim.
c)
wo die bedeutung irgendwie gefärbt ist, gesellt sich ihr meistens, wie beim adj., der begriff des abgelebten, zum tode reifen: denn ungeachtet die greise zeit bey diesem greisen schon alles andere feuer ausgelescht hatte; war doch das feuer seiner väterlichen zuneigung .. so thätig Lohenstein Arminius (1689f.) 2, 43ᵃ;
das müssen reize sondergleichen seyn,
die einen greis in solches feuer setzen,
Schiller Maria Stuart 1401;
da bleibt ein greis nicht kalt Müllner dram. werke (1828) 7, 137;
du irrest Salomo!
nicht alles nenn' ich eitel;
bleibt doch dem greise selbst
noch immer wein und beutel
Göthe 3, 280 Weim.;
wie bebt der greisz,
dafern er weisz,
das itzt der tod auf ihn die sichel wetzet
Morhof unterricht v. d. dtsch. spr. (1682) 1, 762;
wann zeit und schwachheit ihn dem grabe näher leiten,
seufzt der betrübte greis, und schmählet auf die zeiten
Cronegk schriften (1766) 2, 83;
röchelnd hofft es der greis, du wirst unsterblich seyn
Schiller 1, 42;
ein greis am rande des grabes zieht die summe seiner existenz Scherer kl. schr. 1, 15; oder der begriff des ohnmächtigen: was hab' ich dir denn, wenn ich so ein greis bin, zu leide thun können Wieland Lucian (1788) 2, 34;
habt ihr denn gar kein eingeweid', dasz ihr
den greis, der kaum sich selber schleppen kann,
zum harten frohndienst treibt?
Schiller Tell 366;
wo witwen und waisen, greise und krüppel an den wasserströmen sitzen und heulen Schubart ästhetik d. tonkunst 73; in diesem sinne ganz stereotyp, wo gewaltthätigkeiten wehrlosen gegenüber geschildert werden sollen: morgen .. ersteigt er unsre höhen .. ermordet die greise Klinger neues theater 1, 21;
das winseln deiner greise ruft: 'erwache!'
Körner 1, 122 Hempel;
du bist Almansor nicht, sonst dränge dir
ins ohr der greise und der weiber wimmern
Heine 2, 295 Elster;
weitere belege s. u. 2; seltener und schwächer klingt der begriff des ehrwürdigen an:
stirb, prophetischer greis, stirb!
Klopstock oden 1, 107 Muncker-Pawel;
so war, zu Breslaus ruhm, der theure greis gelehrt
Kästner verm. schr. 1, 109;
wo sind edlere thränen, als die auf den wangen des greises, der gleich einer alten eiche dasteht Herder 3, 29; kronischer greis für Homer Voss antisymb. 44; ebenso: es ist eine süsze stunde meines lebens .. in welcher ich ihnen das lied des göttlichen greises überreiche ges. werke der brüder Stolberg 11 vorr.; dasz ein umherirrender greis den segen .. nicht der undankbaren vaterstadt, sondern gastfreien fremdlingen zuwendet G. Freytag 14, 153; der segen eines greises wird dir nicht schaden Pocci komödienbüchlein 5, 19; nd. wenigstens in éiner wendung prägnant für den blöden, geistesgeschwächten greis: he brukt em vörn griesen er hat ihn zum besten Schütze holst. 2, 67.
d)
sprichwörtlich: der greisz verkert nit sein weysz Seb. Franck sprüchw. (1541) 2, 22ᵇ; vgl. Henisch 1739; Stieler 696; danach:
dieweil ich mich nicht hoch erschwing,
sonder behalt mein eulenweisz,
die nicht hoch steigt, gleich wie ein greisz
Fischart Eulenspiegel 8, 190 Hauffen;
bulerei und stekenreiten, wan ich etwas merken kan,
stehet eines wie das ander' einem alten greisen an
Grob dichter. versuchung 26;
so oft sie alte greisen sehen auf dem stecken reiten disc. d. mahlern 1, 3; die alte greisen soll man ehren Stieler 696.
2)
antithetische verbindungen.
a)
am häufigsten kind und greis:
was hab' ich dessen frommen,
ob ich ein kind, ob ich ein greisz
von hie werd hingenommen?
Sim. Dach 157 Österley;
die parzen reiszen
die kinder und greisen
alle mit einerlei sichel dahin
Erlach volkslieder d. Deutschen 3, 305;
im eigentlichen metaphysischen verstande ist schon nie éine sprache bei mann und weib, vater und sohn, kind und greis möglich Herder 5, 124;
freiheit! freiheit! ...
es sei des kindes erster laut,
es sei des greises letztes wort
Hoffm. v. Fallersleben ged.⁹ 400;
durch solche sprachliche spielereien wird zuletzt bewiesen, dasz ein greis ein kind, und ein kind ein greis sei Bismarck polit. reden 3, 18; besonders beliebt in fällen wie: kranke, sagst du, greise und kinder (sind bei dem überfall umgekommen)? Schiller 2, 95; von allen seiten schallte ihm das geschrei der kinder, der greise entgegen, die man ermordete 4, 168; jene wehrlosen flüchtlinge, weiber, greise und kinder, sahen sich nun der wuth des entsetzlichen ... feindes preisgegeben Ranke reform. gesch. 3, 307 (vgl. o. 1 c); in diesem gebrauch auch gesteigert:
der rauch von Friedrichs festen städten
wirbelte mit dem jammergeächz'
der säuglinge, der greise,
der schwangern und kranken gen himmel
Schubart sämtl. ged. (1835) 2, 280;
mit feuer und schwert soll diese stadt heimgesucht werden, und greise und säuglinge sollen für den ungehorsam büszen Meisl theatral. quodlibet 1, 203; nicht so häufig ist jüngling und greis, das etwa dem mhd. die jungen und die grîsen entspricht und den begriff greis weniger extrem faszt: dann werden jünglinge und greise den tod fürs vaterland .. betrachten lernen Th. Abbt verm. werke 2, 41; sie kann den jüngling wie den greis gewinnen Gleim briefw. 1, 51 Körte; greise, jünglinge, weinten, segneten ihn S. v. Laroche frl. v. Sternheim 1, 79;
jünglingen ein muster, greisen
wie zu loben, wie zu preisen!
Herder 25, 367;
nicht mehr um eichenkränze
ficht jüngling nun und greis
Schenkendorf gedichte (1815) 8;
vgl.: indehm aus einem gesegneten .. jünglinge ein .. verteufelter greis wird Butschky Pathmos (1677) 218;
und ich (Telemach) scheue mich auch, als jüngling den greis (Nestor) zu befragen
Voss Odüssee 35, 24 Bernays;
er ist der arm des jünglings in der schlacht,
des greises leuchtend aug' in der versammlung
Göthe Iphigenie 1384;
vereinzelt:
alles schreibt, es schreibt der knabe, der greis, die matrone
Schiller 11, 156;
mann und weib, ihr greis' und jüngsten,
singt all'!
Voss sämtl. ged. 5, 11.
b)
neben diese elementaren antithesen läszt sich eine fülle anderer stellen, die den gegensatz weniger scharf oder weniger schlicht fassen: wenn nun aber ein alter eyfersüchtiger greisz seine junge frau verdrüszlich macht Stranitzky Ollapatrida 84, 17 neudr.;
Geilinde, die bereits auf junge freyer dencket,
nun ihren schwachen greisz ein jäher stick-flusz kräncket
Hagedorn vers. einiger gedichte 50 neudr.;
das schönste weib auf dieser welt, ..
kaum zwei und zwanzig frühlingen entflogen,
und eines greisen frau
Schiller 5, 11; —
wenn der von seinen ungerathenen kindern verstoszene greisz die hände gen himmel über sein haupt zusammenschlägt Hippel lebensläufe 2, 587;
da schüttelt, froh des noch erlebten tags,
dem heimgekehrten sohn der greis die hände
Schiller Piccolomini 550;
öfter ach! verkehrt das geschick die ordnung der tage,
hülflos klaget ein greis kinder und enkel umsonst
Göthe 1, 284 Weim.;
ich bin jung gewesen, und bin zum greise geworden
Klopstock Messias 4, 360;
und es blühten dem greise
von scherzliebender jugend die rötelnden wangen noch einmal
Mörike 1, 263 Göschen;
kräftige männer gingen neben den pferden, vier oder fünf frauen saszen auf dem wagen .., nebst mehreren kindern und selbst einem greise G. Keller 2, 91; bildlich: ihr Hellenen bleibt doch immer kinder; nirgends ist in Hellas ein greis Humboldt kosmos 2, 404; in vielfachen variationen erscheint das dankbare oxymoron vom kindischen greis:
schaut wie ein greysz und kind so gleich einander sind:
denn der ist an verstand, als das an jahrn ein kind
Warnecke poet. versuch (1704) 177;
er hatte von einem kind und einem greisen den gegensatz gemacht: die kindheit nehme bey dem ersten durch die jahre ab, bey dem andern zu Bodmer sammlung crit., poet. schr. 2, 110; ein edelmann, der keine andern verdienste hat, als seine ahnen, der ist .. höchstens einem in die kindheit gerathenen greise gleich, der ehemals grosze thaten verübet hat Gottsched neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit 4, 25;
alles, du ruhige, schlieszt sich in deinem reiche, so kehret
auch zum kinde der greis, kindisch und kindlich, zurück
Schiller 11, 185;
da waren die altklugen kinder, welche es unter ihrer würde hielten, durch den reif zu springen, und die kindischen greise, welche gern .. gesprungen wären, es jedoch nicht konnten Raabe hungerpastor (1864) 2, 213.
3)
attributive bestimmungen.
a)
alter greis. diese verbindung ist so alt wie das subst. selbst und verdankt ihr entstehen vielleicht mit dem bedürfnis, den sinn des jungen, aus einem doppeldeutigen adj. entsprungenen subst. bestimmter festzulegen; daher mhd. häufiger als das blosze subst.:
er was ein alt grîsen, niht uerre mohte er chiesen
Milstäter genesis 105, 32 Diemer
(alt man : chiesan Wiener gen.; also die unform grisen unter dem zwang der umreimung);
dô sprach Symon al offenbâr:
wê dir aldeme grîsen
passional 173, 62 Hahn;
vgl. mhd. wb. 1, 577ᵃ; Lexer 1, 1088; im älteren nhd. so stark überwiegend, dasz einfaches greis verhältnismäszig selten ist; erst im 18. jh. aus seiner vorherrschaft verdrängt, erst im 19. gemieden; die wendung ist in der regel rein tautologisch, erst in jüngerer zeit häufen sich fälle, in denen das adj. steigern soll: warumb nymme ich nicht dem alten greiszen seinen stecken und slahe in A. v. Eyb deutsche schr. 2, 100;
neun guter lehr ich geben will ..
die lehret mich ein alter greiss
H. Sachs 17, 319 Keller-Götze; vgl. 4, 411, 29;
Nerva der alt greisz regiert ein jar und vier monat Seb. Franck Germ. chron. (1538) 26ᵃ;
fürsichtig, gnädig und wysen,
losend ein klein mir alten grysen
schweiz. schauspiele des 16. jhs. 3, 41, 586 Bächtold;
darauf sprach der alte gris
Zimm. chron. 1, 597, 33 Barack;
Alethes auch der alte greysz
Spreng Äneis (1610) 5ᵃ;
Adam, Adam, du alter greysz
Wackernagel kirchenlied 3, 126;
vgl.: Adam, die oude grise Verwijs-Verdam 2, 2139;
zu Crailszheim war ein alter greisz,
redt all sein sach fast reimen weisz
Sandrub hist. u. poet. kurzweil 123 neudr.;
ein alter greyse pülfert sein haar, will das eckelende frauenzimmer dabey uberreden, seine haar wären nicht alters halben grau Moscherosch gesichte (1650) 2, 146; der alte greise klopfete dem Teutschen auf die schultern Happel akad. roman (1690) 542;
ihr lüfte, die ihr uns zu alten greiszen macht,
erfüllet unser land mit segens-reichen jahren
Henrici ernst-scherzh. gedichte (1727ff.) 2, 10;
kennst du nicht den alten greis, Friederich den groszen?
Ditfurth 100 histor. volkslieder 57;
wilst du sein bild, so stell dir einen groszen .. mann, .. den gang eines alten greises vor Caroline 1, 307 Waitz; in übersetzungen für einfaches senex: er möcht .. ein list erdichten, ausz welchem der jüngling .. disen zähen unwilligen alten greysen über sein willen erhielt Boltz Terenz (1539) 73ᵃ (hunc difficilem invitum vorsaret senem heautontim. 535); namentlich alem. nicht selten mit scheltendem nebensinn:
er erwuscht den wirt bey seinem kragen
thet in raufen und schlagen,
wolher du alter greisz
Gengenbach 35, 129 Gödeke;
ich will dich werlich heüt üben du alter greisz, wie du wirdig bist Boltz Terenz (1539) 99ᵃ (ego te exercebo hodie, ut dignus es, silicernium adelphi 587);
das will djugent nit von im lyden,
facht an, wider den alten zkyben,
nent in frefflich ein alten grysz
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 2, 122, 181 Bächtold;
auch beim hinzutreten anderer attribute fällt alt in der regel nicht fort:
Neidelhart, der bös alt greis,
im hoflichen entgegen gieng
teuerdank 183, 134 Gödeke;
sehet nu, was der gut alt greis in seim hertzen hab Luther 20, 255 Weim.;
sie sihet, dasz der ist ein erbar alter greise
D. v. d. Werder rasender Roland 8;
so ir mir alt verwaisten greisen
in dem kein barmung wolt beweisen
H. Sachs 8, 24 Keller,
diesen alten vorsichtigen greysen (Tilly) Chemnitz schwed. krieg 1, 207, 2;
wenn du siehest alte leut', alte wohlbetagte greisen,
sollst du ihnen nach gebühr allen dienst und ehr' erweisen
Neumark fortgepfl. lustwald 3, 54;
der alte betagte und lebenssatte greiss Dannhawer (s. 1 b); da sass ein alter ansehenlicher greiss Schupp schriften (1663) 558; ein alter eyfersüchtiger greisz Stranitzky (s. o. 2 b); steigerungen:
fürst Nestor der uhralte greisz
Spreng Ilias (1610) 45ᵇ;
sehr alt scheinende greisse Schnabel insel Felsenburg 77, 22 Ullrich; ich glaube, er lebt als hochbetagter greis noch, während ich dies schreibe Laube 1, 37; superlative: welches auch die älteste gräisen in harnisch jagen mögen Grimmelshausen Simpl. 4, 767, 30 Keller; die urältesten greise unseres hauses waren auf dem steine gesessen Stifter 5¹, 19; schon früh auch nd.: also smeckede dem olden gryse Hanna dat hemmelsche brot Schiller-Lübben 2, 149ᵃ; een old griis ein sehr alter mann Dähnert 161ᵃ.
b)
die bunte fülle attributiver adjectiva gehört wesentlich dem 18. jh. an; die epitheta deuten leise den übergang von einer roheren älteren auffassung des greises zu einer humaneren an, die sich im 18. jh. ausbreitet.
α)
körperlich und geistig hinfällig, abgelebt:
zu voraus der kalköpfte greis ..
er mus beschlagen sein gar wol
Hayneccius Hans Pfriem 23, 423 neudr.,
weh mir! was in dem mund zahnloser greisen
die nusz, sind thoren räthsel eines weisen
Brentano 6, 202;
einem runzligen von der sonne verbrannten greis Mommsen röm. gesch. 5, 94;
wie krumme greise, satt des lebens
Gottsched neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit 6, 363;
so kont .. sie (Pallas) doch von mir schier dürren greisen
(nunmehr so kalt und alt) erwarten schlechte brunst
Weckherlin ged. 2, 309 Fischer;
kinderlos, ein welker greis
Grillparzer 4, 18;
ich bin ein schwacher greise,
zieh' nicht mehr weit hinaus
Fouqué zauberring (1812) 1, 48;
ich
bin nichts mehr — ein ohnmächt'ger greis
Schiller 5, 421;
ohnmächtige greise Tieck schriften 1, 88;
küszt ein verlebter greis der jugend purpur-wangen
Neukirch anfangsgründe z. teutsch. poesie 753;
als ob der tod nicht eben so wohl jünglinge, als abgelebte greisen hinraffete Breitinger crit. dichtkunst 1, 412; kaum zwanzig alte abgelebte greise Meiszner Alcibiades 1, 120;
jetzt treiben kaum entnervte greise
den pflug in zweifelhafte gleise
Gottsched neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit 8, 540;
in seinen letzten lebensjahren beginnend, hatte die neue verehrung für ihn (Grillparzer) nach dem tode des müden greises ungeahnte ausdehnung gewonnen jahrb. d. Grillparzergesellsch. 1, vii; welche besorgnisz .. kann sie .. zur flucht vor dem thörichten greise anspornen? Holtei erz. schr. 2, 6; die kindischen greise Keller (s. 2 b);
ein armer mann, der eine milde gabe
von euch zu bitten kommt, ein dürft'ger greis
Bauernfeld ges. schr. 5, 27;
anders: da sie aber grausam genug sind, mich armen greis nicht persönlich sehen zu wollen Pückler briefw. u. tageb. 1, 353;
denn, wenn sie vorüberzögen
geräuschlos, meine tage;
so stürb' ich als gemeiner greis
Schubart leben u. gesinn. 1, 280.
β)
rüstig, ehrwürdig, weise: übrigens war die zahl blühender greise in Italien sehr grosz J. v. Müller sämtl. werke 1, 243; (Göthe) ist das bild eines schönen und rüstigen greises Humboldt br. an Welcker 140;
so sollst du, muntrer greis,
dich nicht betrüben
Göthe 6, 17 Weim.; vgl. 49, 7;
er (gott) hat uns nicht den muntern freundlichen glücklichen greisz entrissen IV 1, 255; so ein glücklicher greis Sturz schriften 1, 50; ein feiner greis von aufrechter haltung mit silberweiszem haar Mörike 3, 9 Göschen; kame ein ansehnlicher greiss mit den sesselträgern vor des ... Civilis haus A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 540;
ein hoher greisz mit weiszen haaren
Lenau 476 Barthel;
der majestätische greis (Ludwig XIV.) Dahlmann gesch. d. frz. revol. 5; ein erbar alter greise D. v. d. Werder (s. 3 a); er hat .. die andächtige leichtgläubigkeit jenes ehrwürdigen greises gemisbraucht Gottsched neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit 3, 354; diesem verehrungswürdigen greis Gottsched briefe 1, 143 Runkel; einen ehrwürdigen greisz Haller Usong 69;
wenn wir den würdgen greis, und sein ruhmvolles alter
mit sanften zähren seegneten
Giseke poet. werke 161 Gärtner;
ehrwürd'ger greis, war greis er immer doch
Grillparzer 8, 120;
geht hin an diese gruft, seht den verdienten greisz
Pietsch gebundene schr. 184;
du gleichfalls, hochverdienter greis!
verdienst das ganze lob
Gottsched ged. (1751) 1, 170;
Teutschland hat an ihm verlohren einen seiner weisen greisen
Neumark teutsche palmbaum 369;
lehren aus dem munde erfahrner greise Herder 12, 113; wenn hier etwas an meiner erziehung versehen wurde; so war es, dasz man mich auf einmal zu einem gelehrten greise machen wollte Knigge roman meines lebens 1, 187.
γ)
ethisch kennzeichnende adjectiva: der bös alt greis teuerdank (s. 3 a); indehm aus einem gesegneten ... jünglinge ein .. verteufelter greis wird Butschky Pathmos 218;
du hast mit dem kopf geändert auch dein hertz, du falscher greisz
H. v. Hoffmannswaldau u. a. gedichte 2, 110 Neukirch;
als mann zu thaten willig,
als greis leichtsinnig und grillig
Göthe 2, 289 Weim.;
nicht selten wird der jugendliche verschwender noch ein geiziger greis Hebel 2, 27 Behaghel;
um ihn saszen edle greise, deren herz durchs auge sprach
Schönaich Heinrich d. vogler 20;
die bestellung eines briefes an Hadem, von dem er den edlen greis so oft unterhalten hatte Klinger werke 8, 149;
zu deinem vater wende dich zurück
und tröste den gebeugten edlen greis
Göthe 9, 427 Weim.;
du müsztest, wo du nur kannst, diesem edlen, heiligmäszigen greis .. das wort reden Görres ges. briefe 3, 227;
vor freuden weint der fromme greisz
Stoppe Parnasz 279;
Arist, ein frommer greis
Pfeffel poet. versuche 1, 6;
der prior, ein frommer, ein eifriger greis
Arent, Conradi, Henckell mod. dichtercharaktere 247;
dasz sie einem rechtschaffnen greise die wenigen schritte zu seinem grabe noch so schwer und bitter machten Lessing 2, 291; der gut alt greis Luther (s. 3 a);
ich sehne
mich nach dem stillen gange, nach den worten
des guten greises
Göthe 11, 300 Weim.;
bei der ankunft Maximilians erwachte in dem kinderlosen gutmüthigen greise die .. zärtlichkeit Ranke reform. gesch. 1, 66; Micipsa, ein schwacher, friedlicher greis Mommsen röm. gesch. 2, 138; kein treuer und unschuldiger greis und vater kann würdigere thränen weinen B. v. Arnim Cl. Brentanos frühlingskr. 166;
held York, der strenge greisz
Schenkendorf gedichte (1815) 179.
4)
bilder und vergleiche; gott als greis schon mhd., s. mhd. wb. 1, 577ᵃ;
ich bitt allein demütig,
mein alter, frommer greisz,
wolst mir doch seyn so gnedig
Wilh. Alardus bei Fischer-Tümpel 2, 158;
ein kind nach Adams weise
an ihren brüsten lag.
es war ein alter greise,
erschuf den ersten tag
Mittler deutsche volkslieder 305;
ein solches wesen nun soll einzig und allein
mein gott, und nicht das götzen-bild
von einem alten greisen seyn
Brockes ird. vergnügen 2, 166;
sie (die bauern) stellen sich gott nur im bilde,
als einen erbarn greisen, für,
der gut, geduldig, sanft und milde,
und keinen menschen gern verlier
Triller poet. betrachtungen 1, 300;
vom winter:
es hat ohn alle gnad der kahl und kalte greysz
wäld, gärten, berg und thal entgrünet und entlaubet
Weckherlin 2, 395 Fischer;
o wie manche der bräute
hat gefreiet der tod der greis
Rückert ges. poet. werke 1, 469;
den vater Rhein herauf, der hinter den sieben bergen vom kloster Rolandswerth an .. wie ein lichtheller greis im silberhaar von lustigen rebenhügeln gleich jungen liebesgöttern umwimmelt da liegt Heinse 10, 1 Schüddekopf; vgl.: erstlich müste gemahlet werden der Elbestrom in gestalt eines alten greisen Harsdörffer frauenzimmer gesprechsp. 5, 54; vor mir aber .. stand der uralte dom, nicht grosz, nicht düster, sondern wie ein heiterer greis Heine 3, 243 Elster; um den Montblanc ... zu sehen, ein greis der auf die grüne jugend der Dauphiné ... herabschaut Laube ges. schr. 5, 161; es bleibt in ihr (der litterarischen welt) dadurch ein ewiges leben, sie ist immer greis, mann, jüngling und kind zugleich Göthe IV 12, 57 Weim.; die zeit, die jung zu sein schien, als ich ein knabe war, war nun einem kindi schen greise gleich geworden Arndt geist d. zeit (1807) 1, 5.
5)
erst in jüngerer zeit breitet sich ein gebrauch aus, der das hinfällige, senile zum wesen des begriffs macht und vom alter absieht: er hat graue haare, .. ohne ein greis zu seyn A. W. Schlegel im Athenäum 2, 85;
der kummer machte frühe mich zum greise
Zach. Werner söhne d. thals (1804) 2, 170;
viele menschen bleiben in gewissem betrachte ewig kinder, indesz andre vor der zeit greise werden Knigge umgang mit menschen (1796) 2, 4; sein vater, früh zum greise geworden, hatte sich vom geschäfte zurückgezogen Holtei erz. schr. 5, 183;
mit vierzig jahren siecher greis, ist er von land zu land gefahren
Droste-Hülshoff 2, 25 Schücking;
ich bin 42 jahre alt und fühle mich als greis jahrb. d. Grillparzergesellsch. 3, 211; ähnlich:
so schmücke bockshaar nicht die stirn von jungen greisen
Zachariä poet. schr. 1, 172;
blödsinnige alte, junge greise, aufgedunsene müsziggänger .. trieben sich in der halle umher Holtei erz. schr. 1, 80; wie oft kam ich mir, mit dir verglichen, vor wie ein greis Ebner-Eschenbach 4, 113; anders, aber vergleichbar:
disz mich, wie jung ich starb, zum alten greiszen macht
S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn 181;
er starb in seiner jugend,
und starb, der seele nach, so männlich, als ein greis
J. J. Schwabe belustigungen 1, 440.
III.
greis in compositionen. so weit es sich um zusammensetzungen mit dem adj. handelt, hat greis fast ausschlieszlich den ursprünglichen sinn 'grau', die bedeutung 'alt' tritt ganz zurück, vgl. greisalt und vielleicht greiskraut; wie danach zu erwarten, erscheinen ableitungen und compositionen vorwiegend auf nordd. boden; noch heute im nd. nicht selten: grīslich grauartig, ins graue spielend Schambach 69ᵃ; Bauer-Collitz 41ᵃ; Frischbier 1, 253ᵇ; griishaftig grauartig Berghaus 1, 614ᵃ; griisschömmel ib.; grīshempen grauhänfen Kl. Groth quickborn (1900) glossar; vgl. die nd. belege unter greisgrau, greiskopf; beachtung verdient, dasz sich in einigen alten compositis greis als 'grau' auch obd. findet, vgl. greisbart, greisgrau, greiskopf (mhd. noch grîsvar, -gevar Lexer 1, 1088 f.); das ist deswegen hervorzuheben, weil greis 'grau' als simplex dem obd. in nhd. zeit fast völlig fehlt (vgl. I A 2). unter den zusammensetzungen mit greis subst. sind die ältesten greisenalter und greisenjahre (17. jh.), das 18. jh. fügt nur wenige hinzu wie greisenhaar, -kopf, -leben, -weisheit, die breite fülle gehört erst dem 19. jh. an. trotz dem übertritt des subst. in die st. flexion bleibt greisen- als compositionselement auch in den jungen bildungen die regel; doch erscheint, nachdem die st. flexion endgültig zur herrschaft gelangt war, vom ende des 18. jhs. bis hoch ins 19. greises- nicht selten (vgl. greisesalter, -arm, -brust, -erotik, -erstarren, -gestalt, -hand, -ohr, -runzel, -tage); namentlich zu anfang des 19. jhs. ziemlich häufig; mehrfach bei Voss, Arndt, auch noch bei Hebbel, Gutzkow; obd. selten; bisweilen anscheinend mit absicht, weil individueller, der gewöhnlichen bildung vorgezogen; mehr gelegenheitsbildungen sind die compositionen mit dem endungslosen subst., greisgespenst, -kind, -knabe; vgl. dazu jriesekel alter mann, der ein ekel ist Meyer richtige Berliner⁵ 55ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1914), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 64, Z. 70.

greis2, m.

²greis, m.
1) eine bergart: wir nennen solche taube oder lehre arten in unserm silber bergwerck glantz, .. cobalt, speyse, greusz, gilbe leiten Mathesius Sarepta (1562) 39ᵇ; quarzum arenaceum körniger quarz, bergm. greis Schreber beschr. d. eisen-, berg- u. hüttenwerke zu Eisenärz (1772) 51; der greisz ist eine weisze grisige bergart .. und findet sich .. bey dem eisensteine ein 5; der echte vocal scheint eu, vgl. greusz terra sicca cinerea Schmeller 1, 1011 (aus dem promptuar. von 1618); deshalb vielleicht eine umgelautete form zu mhd. grûz korn; doch kommt wegen der farbe des gesteins auch greis grau in betracht; vgl. ¹greisen. — 2) greis, kreis .. die quarze und steinstücken, welche bey der seifenarbeit mit dem trog aus dem graben ausgehoben und von zwittern (= zinnerz) abgesondert werden Jacobsson technol. wb. 2, 149ᵇ; in den zinnseifen die steinchen, die ohne zinngehalt sind Voigt mineralog. abh. (1789) 2, 275; hierher scheint zu gehören: also wie disem eysen geschicht durch die stercke des fewers, geschicht auch hie in diesen kranckheiten, das ist, das die bein schifer abwerfen wie das eysen den greyst Paracelsus chir. schr. (1618) 245 a; fraglich ist die zugehörigkeit von greis m. gravier, gros sable Beil technol. wb. 261; anderer herkunft scheint greis m. trockener mörtel Martin-Lienhart 1, 281ᵇ; Follmann 215ᵃ. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1914), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 81, Z. 62.

greis3

³greis,
?
und dein nas (wäre) guͦt zuͦ eim leschhorn,
dein zung ein dreck darmit zuͦ born,
dein oren zuͦ eim henckers greis,
dein augen zuͦ einr raben speis
Folz klopfan, Weim. jahrb. 2, 120, 13;
göltzet und fartzet wie ein schwein
und stinckt im aus dem hals der wein,
wirft etwan auch darzu ein greis,
ein sau het wol daran ir speis
H. Sachs 9, 97 Keller.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1914), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 82, Z. 17.

greis4, n.

⁴greis, n.,
rauschbrand, acute krankheit des rindviehs Martiny wb. d. milchwirtsch. 47; Staub-Tobler 2, 799 mit etymol. versuchen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1914), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 82, Z. 28.

greis5, n.

⁵greis, n.,
s. gereis.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1914), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 82, Z. 31.

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„gereis“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gereis>, abgerufen am 07.12.2021.

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