Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gereist, part.

gereist, part.
von reisen.
1)
auf reisen gewesen und dadurch welterfahren, s. th. 8, 737:
nie war mein busen seelevoller,
zu singen den gereisten mann,
der wunder ohne zahl gesehn.
Göthe 56, 19.
2)
zu reisen, ordnen (s. das erste gereis), geordnet, zu einem bestimmten zweck geregelt, von geschöpfen wie von leblosen dingen, auch von kühen, die zur gelegenen zeit kalben: die kuh ist gereist. Stalder 2, 268. schweizerisch.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3622, Z. 62.

reisen, verb.

reisen, verb.
niederfallen, ein im nhd. schon früh geschwundenes wort: reysen, rysen, abrysen, als das laub ab den böumen, defluere, decadere. Maaler 330ᵃ; weitere nhd. belege unter den beispielen. mhd. mnd. rîsen, ahd. alts. rîsan, altfries. rîsa, ags. rîsan, engl. to rise, altn. rísa, goth. reisan in urreisan. neben der allen germanischen sprachen gemeinsamen bedeutung 'aufsteigen, sich erheben' entwickelt das verbum im hoch- und niederd. die bedeutung 'niedersinken, fallen'. J. Grimm gesch. d. d. spr.² 461 hielt die bedeutung cadere für die ältere, die entgegengesetzte erst durch die im goth., ags. und alts. nicht fehlende partikel ur (goth. urreisan) und â (alts. ârîsan) bewirkt, eine bedeutung, welche dem verbum auch nach abfall der partikel (wie im ahd. altn.) verblieb. gerade die ältesten zeugnisse unterstützen aber die annahme, dasz die bedeutung cadere die ältere sei, nicht; es ist anzunehmen, dasz das wort ursprünglich den allgemeineren sinn, sich in bewegung setzen, trug, der sich nach zwei entgegengesetzten seiten entwickelte. Entsprechend dem starken verbum in doppelter bedeutung erscheint ein factitives schwaches verbum, goth. raisjan, ags. ræran, engl. to rear, altn. reisa, schwed. resa, dän. reise aufstehen machen, aufrichten; dagegen mhd. rêren fallen machen (für reiran, reisjan. gr. 1², 343); mundartlich erhalten: bairisch reren, reiren Schmeller 2, 133; auch rieren, schweiz. rüren a. a. o. 134 ist hierher zu ziehen, ebenso das daneben vielfach auch erscheinende röhren, verröhren. dasz dieses wort hier und da auch intransitiv erscheint, ist nicht auffallender, als dasz das starke verbum rîsan auch transitiven sinn erhält (s. unten). reiren, reuren Schmid 430. Schöpf 558. Birlinger 373ᵇ. Kehrein 331. mit anlehnung an das hochd. röhre, alemannisch rôre stark flieszen Frommann zeitschr. 5, 396. I, 13. auch niederd. reren Schambach 171ᵃ. Woeste 213ᵇ, märk. räiren Frommann zeitschr. 3, 261, 35, rer n. die ausfallenden ähren oder körner Schambach 171ᵃ, mnd. rere Schiller-Lübben 3, 466ᵃ, hess. rêr f., gerêr n. Vilmar 324. s. röhren. Das im mhd. noch durchaus starke verbum wird im nhd. von dem schwachen verbum reisen iter facere beeinfluszt, so dasz nun auch schwache formen begegnen:
und da ich auferwachet,
da war es alles nichts,
dann nur die liechten röselein
die reisten her auf mich.
Uhland volksl. 69.
ebenso stehen im mnd. neben den gewöhnlichen starken formen auch schwache: averst syn sohne wolde gerne darnha arbeiden, dat se (die stadt Lübeck) nicht tho hoch rysede. Lüb. chron. 1, 462 bei Schiller-Lübben 3, 489ᵇ. auch im heutigen mundartlichen gebrauch, in welchem sich das wort meist lebendig erhalten hat (s. unten), ist in einzelnen gegenden anstatt der starken die schwache flexion eingetreten: hess. das praet. zu rîsen rîste, part. pr. gerîst, auch reiste, gereist, daneben hat sich das starke part. pr. gerisen erhalten Vilmar 328. ebenso gerissen bei Schmeller 2, 143. im nd., wo das wort überhaupt kräftiger lebt als im oberd., ist die starke conjugation fester bewahrt. Gebrauch. die anwendung von rîsen in dem sinne von fallen, niedersinken ist hochdeutsche besonderheit; schon im ahd. erscheint rîsan vorwiegend in dieser bedeutung, welche auch der gesammten späteren gebrauchsentfaltung zu grunde liegt; nur aus der übersetzung des evangelium Matthäi belegt Graff 2, 537 arrîsit surget, arrîsant surgent. das fem. urrist resurrectio Graff 2, 538 (goth. urrists) bewahrt noch diese sonst dem hochd. entschwindende bedeutung von rîsan. auch im mhd. heiszt rîsen fast durchaus fallen (doch s. unten unter 1, b). im goth. alts. ags. altfries. und altn. ist rîsan in der bedeutung fallen nicht bezeugt. auf das spätere niederd. hat dagegen der hochd. gebrauch eingewirkt, so dasz hier beide entgegengesetzte anwendungen neben einander vorkommen.
1)
rîsan surgere.
a)
in eigentlichem sinne: goth. urreisan aufstehen, sich erheben, dann besonders resurgere von den toten auferstehen; hierzu das factitivum urraisjan aufstehen machen; urrists, f. die auferstehung, alts. ags. rîsan und ârîsan, altn. rîsa in gleicher anwendung; mnd.
under Jupiters orde plege ick (planet Mars) tho wesen
unde boven der sonnen byn yck geresen.
kalendervers (1530) bei Schiller-Lübben 3, 489ᵃ.
mnld. rijsen, oprijsen surgere ... scandere Kilian;
eer hi daer quam, so waest dach,
ende die sonne begonste risen.
Reinaert 1316.
im neueren nd.: de sunne riset, die sonne kommt höher. de risende sunne neben der eigentlichen bedeutung auch morgen-, vormittagszeit. brem. wb. 3, 500. die sonne reist (steigt) kennt Campe als schifferausdruck; risen, uprisen aufquellen, schwellen, vom gährenden teig u. ähnl. brem. wb. 502. ostfries. 't water rist, is in 't risen, das wasser steigt, de dêg wil nêt rîsen u. a. beispiele bei ten Doornkaat-Koolman 3, 44ᵇ.
b)
uneigentlich, vielleicht hierher zu ziehen sind aus dem mhd.:
lieʒ er sich volleclîche bî der mâʒe wern,
sô möht ime gelücke heil und sælde und êre ûf rîsen.
Walther v. d. Vogelweide 29, 30
(anders Lachmann in der anm. zu dieser stelle);
er (Waldemar von Brandenburg) ist der sibende winkelstein, dâ sich daʒ rîch ûf setzet,
swenn eʒ in sînen hôhsten êren rîsen mac.
Frauenlob 138, 6;
wieder aber im niederdeutschen; mnd. vom steigen des preises Schiller-Lübben 3, 489ᵇ; de ware riset, die waare schlägt auf. brem. wb. 3, 500; im sinne von entstehen wie altfries. altnord. rîsa, ags. ârîsan, vgl. Schiller-Lübben ebenda; her risen erwachsen, entstehen, herrühren. brem. wb. 3, 503.
c)
transitiv, erheben: rîs' dî, mîn sähn, stehe auf; das pferd rîst sich, es erhebt sich auf die hinterbeine. Frischbier 2, 228ᵇ. ebenso ostfries.: hê rês sük up, er richtete sich auf, ik rês hum in de högte. ten Doornkaat-Koolman 3, 44ᵇ.
2)
cadere, delabi.
a)
im eigentlichen sinne, besonders vom tröpfelnden fallen, vom regen, vom allmählichen herabsinken der blätter u. ähnl.: et folium eius non defluet, noh sîn loub nerîset. Notker ps. 1, 3; et sicut guttae stillantes super terram, unde also regenes trophen rîsente in erda so stillo chumet er. 71, 6, ririn inciderent Steinmeyer-Sievers 1, 476, 3; ube danne heiʒ chumet ter uuolchenônto suntuuint, sô muoʒen die bluomen rîsen aba dien dornen. Notker 1, 78, 1 Piper. ebenso nidar rîsan Graff 2, 538, mhd. dem er ê sîne brôsem verzigen het, die ab sînem tische riren. Leyser pred. 3, 1; die storch habent grôʒen vleiʒ und grôʒ sorg und auch grôʒ lieb zuo irn kinden und lâʒent ir aigen federn reisen in ir nest, wenne sie prüetent, darumb, daʒ diu kindel sanft sitzen. Megenberg 175, 15; ist auch, daʒ ein man beraubet wird seiner gezeuglein, sô reiset im der part. 12, 24;
ich kiuse an dem walde,   sîn loup ist geneiget,
daʒ doch vil schône stuont frœlîchen ê.
nu rîset eʒ balde.
minnes. frühl. 82, 26;
ich sach ouch, daʒ die rosen risen
ûf veiol und ûf grüeneʒ gras.
Hätzlerin 2, 57, 56;
heide grîset,
ûf die rîset
tuftes vil.
minnes. 1, 361ᵇ Hagen;
rise dir golt, alsam der snê,
du woltest dur dîn gîtikeit, stüende eʒ an dîner wal, noch mê.
2, 248ᵇ;
eʒ reis ûf in der bluotec sweiʒ.
Parz. 387, 24;
häufig in der mhd. epischen poesie von den panzerringen, den schildgesteinen u. ähnl., welche unter den schwerthieben sich lösen und zu boden sinken:
des reis ir schiltgesteine   verhouwen in daʒ bluot.
Nibel. 2149, 3;
die ringe begunden rîsen von dem küenen man.
roseng. 2077 Hagen.
bisweilen wird mehr an das zerreiszen des ringgeflechtes, als an das niedersinken der ringe gedacht:
(der löwe) lief ouch sâ den gênden man
vil unbarmeclîchen an
unde zarte deʒ îsen.
man sach die ringe rîsen
sam sî wæren von strô.
Iwein 5377;
die ringe rirn als ein glas.
Wigal. 10952.
in dem folgenden kampfbilde tritt eine bedeutung von rîsen hervor, die bis heute lebt (vgl. unten):
die helme von im nider riren
reht alsô gar teige piren.
frauend. 93, 11.
zu boden sinken vom menschen, besonders den im kampfe fallenden:
sô brechent im die vüeʒe erdîn,   daʒ er muoʒ rîsen.
minnes. 2, 369ᵇ Hagen;
die veigen und die wunden risen
von sîner hende zuo dem plân.
troj. 35512;
daʒ von Munsalvæsche der templeis
von dem orse in eine halden reis.
Parz. 444, 23.
geistlich:
wer mac im denne, ob er geleit
wird in schedelichen val,
und ûʒ dem neste hin ze tal
dîner gnâden rîset.
goldne schmiede 1094.
von bergen, felsen:
ob hôhe berge unt velse risen
dur sîn gebot.
minnes. 2, 377ᵃ Hagen.
vom allmählichen niedersinken von mauern, einfallen (vergl. auch unten):
mîn dach ist fûl, sô rîsent mîne wende.
Walther v. d. Vogelweide 25, 5;
mnd. weme dat har sere riset, de schal od wrywen mit wyne. Schiller-Lübben 3, 489ᵃ, mnl. rijsen, afrijsen, labi, delabi, decidere Kilian. im gebrauche des älteren nhd. und der mundarten, so weit in denselben das wort noch lebt, tritt im gegensatz zum mhd. die engere bedeutung von rîsen 'allmählich, tröpfelnd, gleitend niedersinken' wieder stärker hervor: rysen, langksam fallen voc. von 1482 bei Weigand 2, 460; das rysen der trauben von unzeytigem rägen in der bluͤst. Maaler 339ᵃ; abrisender tow. Keisersberg bilgersch. (1512) 65ᵃ; als im psalm stehet, er wird herab reisen, gleich wie der regen auff das fell Gedeonis. Luther 1, 94ᵇ; doch wie das gras erdorret und der blum reiset, so bleibt doch das wort unsers gottes in ewigkeit. Zürcher bibel (1530). Jes. 40, 8; die blätter reisen vom baum; abreisende blätter, folia caduca. voc. von 1618 bei Schmeller 2, 142; das obs verreisen lassen. ebenda; loses erdreich, sand reist: ich habe unten am boden des geschirrs ein zimlich loch gelassen, solches verklebt, und wann ich den sand habe wollen heraus haben, es wieder geöffnet, so ist der sand nach und nach ausgeriesen. Hohberg 1, 694ᵇ; besonders der sand in der sanduhr, diese heiszt reisende uhr, reisuhr (s. dieses): häuf das getraid (im masz) auf, bis es abreist; mensura bona et confecta, ein abreysende masz Schmeller a. a. o., der reisende stein, risende stein ist in älteren arzneiwerken der blasenstein: zu dem kame der reisent stain user der lenden und blater darzu. Zimm. chron. 4, 82, 24; darzuͦ wider die rysenden stein und andere weetagen der blaasen. ortus sanitatis (1524) 28ᵃ; die eselmilch den grienechten oder so das griess und den reysenden stein haben, nichts schadet. Forer thierb. 43ᵃ. zusammengezogen rysenstein im register des ortus sanitatis, ebenso noch heute nd. rîsenstein Schambach 173ᵇ;
so reis, so reis, feins röselein,
so lasz dein reisen sein.
Uhland volksl. 69;
als wenn ein eydex sich bewegt,
im kraut dürre baumbletter regt,
oder von einer alten wand,
bey der nacht sonst reiset der sand.
Rollenhagen froschm. Dd 2ᵇ;
der heilig geist soll über dich kommen
gleich wie der thau reiszt über die blumen.
Cölner gesangbuch 1617 anhang bl. 41ᵇ str. 4;
schon von bäumen kommt geriesen
starke meng der blätter fahl.
Spee trutzn. 208, 195 Balke;
und wann das laub von bäumen reist,
ist auch der herbst nit weit.
epithal. Marian. v. 1659 bei Schmeller 2, 142;
auch fallen in der schlacht, wie mhd.: allererst erhuͦb sich ein harter streit, da sach man zu beiden theilen so viel leut reisen, das es erbärmlich zu sehen was. Aimon bog. E. — mundartlich noch jetzt weit verbreitet: bair. es reisst nebel Schmeller 2, 143, im kärnt. nur vom nebel, der als feiner regen niedersinkt Lexer 207; schweiz. rîsen in gleicher anwendung Spreng idiot raur. vom abfallenden obst Stalder 2, 276. Tobler 365ᵃ; hess. rîsen: das reife obst rîst, die blätter im spätherbst rîsen Vilmar 328. rîsen ebenso vom abfallen des obstes im nordthür. Kleemann 17ᶜ. henneb. Spiesz idiot. 195. reiszn nur im ausdruck nebel reiszn in der Egerländer mundart Neubauer 90ᵇ. auf nd. gebiete: der nebel rîset Woeste 216ᵃ; nachdem die sonne steiget und nicht riset, sagt ein procurator bei hegung eines echtdinges in Lübeck. brem. wb. 3, 501. sprichwörtlich woor wat is daar riset wat (von der vorstellung des früchtebeladenen baumes ausgehend), wo überflusz ist, fällt auch für andere etwas ab. brem. wb. 3, 501. Schambach 173ᵇ. nld. rijzen vom fallen der blätter im herbst Vlaamsch idioticon 543ᵇ; transitiv, im sinne ablaufen lassen: rijsen, pissen Kilian. die bedeutung fallen lebt in zahlreichen von rîsen abgeleiteten oder mit ihm zusammengesetzten worten: nhd. rieseln (s. d.), riese (s. d.) natürliche oder künstliche rinne im gebirge, in welcher wasser, schnee, gestein, sand, besonders auch geschlagenes holz zu thal fährt. hierzu schwäb. rîsen transitiv vom herabrutschen lassen Schmid 435, adj. reisig zum abrutschen geneigt Schmeller 2, 144; rîs das abfallende, mhd. in tennrîs, tennenrîs mhd. wb. 2, 1, 726ᵇ, vergl. hess. berîs m. abfall vom getreide, welcher beim aufladen und einfahren des getreides auf dem acker zurückbleibt Vilmar 328, nd. ress Danneil 172ᵇ, reisel, abreisel, der abfall, quisquiliae Aventinus bei Schmeller 2, 144, vgl. unten reisobst. mhd. louprîse, der abfall der blätter im herbst, zugleich als bezeichnung der jahreszeit, vgl. oben laubreise 6, 298. ahd. pettiriso m. lecto decumbens, clinicus, paralyticus Graff 2, 541, noch im 16. jahrh. gebräuchlich, vgl. oben th. 1, 1738. Zarncke zum narrensch. 38, 85. ebenso mhd. hellerise, der in die hölle gefallene engel, der teufel. anders gebildet ahd. niderrîs m. diabolus Graff 2, 541.
b)
niedersinken in übertragener anwendung, von etwas herkommen, zufallen, auch ab-, wegfallen, abkommen:
guot ist niht guot, dâ von schande und laster rîset.
minnes. 3, 420ᵃ Hagen;
lâʒ uns dîn barmung rîsen (wie thau herniederfallen),
in unser herze gieʒen (intransitiv).
Frauenlob 410, 11;
nû wart er keiser ouch beschrirn,
ê diu selbe wîh ze Rôm wær im gerirn.
Lohengr. 3164;
ja gerîst so vil nicht dir
in den buosem sô du wænst.
Seifried Helbl. 4, 228;
swelche von der wârheit risen,
die solde man versêren.
passional 307, 63;
o weib, du rosenlochter schein,
die lieb die sol nit reysen.
Hätzlerin 120, 12.
3)
rîsen allgemeiner: aufbrechen, sich in bewegung setzen, losgehen, sich auf etwas zu bewegen: mhd. rîsent werden flüchtig werden. historienbibel des mittelalters, herausg. von Merzdorf 122. mnd. dat slot stormede he menliken, also dat in der borch nemende rysen (flüchten) konde, de dar uppe weren. Lübecker chron. 2, 539 bei Schiller-Lübben 3, 490ᵃ. hd. mit zu: do wier ietz von herbst bisz uff pfingsten do waren und noch immer mer schuͦler allenthalben zuͦ rysen. Th. Platter 33 Boos. nd. laat dat tau risen, lasz es ablaufen. brem. wb. 3, 502. losgehen vom geschütz:
he gink sulven bei de bussen stan,
he let ein hovedstuck risen.
Liliencron hist. volksl. 3, 263, 63.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 731, Z. 6.

reisen, verb.

reisen, verb.,
iter facere, peregrinari. ahd. reisôn, mhd. reisen, altfries. reisia, mnd. reisen, resen, mnl. reysen Kilian. das verbum ist aus dem deutschen in das spätere nord. gedrungen: isländ. reisa Biörn Haldorson 2, 198ᵇ; schwed. resa, dän. rejse. ahd. reisôn gehört zu ahd. reisa f. der aufbruch, die ursprüngliche bedeutung scheint eine transitive zu sein (vgl. gramm. 2, 16), zum aufbruch rüsten, fertig machen, dann überhaupt bereiten, zurichten; in letzterem und ähnlichem sinne erscheint das verbum im ahd., mhd., älteren nhd. und noch jetzt mundartlich. hiernach würden sich reisôn zu ahd. rîsan, als dessen ursprüngliche bedeutung 'sich in bewegung setzen' anzunehmen ist (sp. 731), ähnlich verhalten, wie reitôn in antreitôn ordinare Graff 2, 480 zu rîtan ebenda 476, vgl. auch ahd. reisunga f. machinatio, praeparatio Graff 2, 542. neben der transitiven bedeutung erscheint aber schon ahd. die intransitive, eine reise antreten, sich fortbewegen; im mhd. und älteren nhd. begegnet reisen hauptsächlich in dem sinne: einen kriegszug unternehmen, sich auf einem kriegszuge befinden, eine anwendung, welche nach dem 16. jahrh. aufgegeben wird, vgl. den gleichen vorgang bei reise. übertreten in starke flexion (in vermischung mit dem vorigen risen) scheint nicht stattzufinden. das perfect von nhd. reisen wird mit sein gebildet. nur wenn reisen absolut gebraucht wird, wenn kein ziel der reise angegeben ist, so dasz die vorstellung des reisens als thätigkeit besonders lebhaft hervortritt, wird auch haben neben sein angewendet, allerdings mehr im ältern nhd., als in jetziger sprache: ich hab offt gereiset. 2 Cor. 11, 26; so lässet sich der unterscheid unter einem, der zu hause hinter dem ofen gesessen, und einem andern, der gereiset hat, bald abnehmen. Butschky Patm. 155; wer nicht viel gereiset hat. pers. baumg. 7, 26; ein mann, der viel gereist und die welt gesehen hat. Klinger 3, 128; ein mann, der erst in handels-, dann in politischen geschäften viel gereist hatte. Göthe 15, 264;
Crispus hat gereist, ist hurtig, ist gelehrt, und wird veracht?
Logau 3, 83, 45;
du hast bereits bisher in deinen jungen jahren
genug gereiszt, gesehn, gehört, geprüfft, erfahren.
Günther 465;
sehr viele reisten nur im geist,
und überredten sich, als hätten sie gereist.
Gellert 1, 46;
so auch mhd.:
daʒ er sô rehte zühteclîch
gereiset het mit irm her.
Suchenwirt 4, 510;
unt haben die nu alle wol gereiset,
sô sî eʒ mir ein kleiner ungemach.
minnes. 3, 288ᵇ Hagen.
1)
reisen, bereiten, zurüsten: ahd. sîa daʒ alleʒ reisonta (disponentem, f.). Notker 1, 784, 4 Piper; so reisot iʒ alles kot peʒest. Graff 2, 542;
giwisso, so ih thir zellu,   thiu werk bisihet si ellu;
si iʒ allaʒ gote reisôt.
Otfrid 4, 29, 25;
mhd. ir wollen (wolle) sî nu zeisete,
zû werke sî dî reisete.
Elisabeth 7127.
im schweiz. hat sich reisen in dieser bedeutung erhalten: reisen, leiten, ordenlich weysen, deducere, dirigere Maaler 330ᵃ; willt du nicht, junger herr? ich will dich schon reisen. Spreng idiot. raurac. Stalder 2, 268. im Aargau: de wage reise, herrichten, z'wëg reise, zurecht machen; er het em's g'reiset, er hat ihm eine falle gestellt Hunziker 203, vgl. Seiler 233ᵇ. Frommann zeitschr. 6, 410, 36;
es ist doch nicht mein töchterlein,
es ist doch nicht mein sohnes weib,
es ist nummen mein armes südeli,
es reist meinen gästlenen stübeli.
Tobler schweiz. volksl. 1, 113.
2)
reisen, intransitiv.
a)
einen kriegszug unternehmen, auf dem kriegszuge sein, im mhd. mnd. mnl. und älteren nhd., sowol absolut als mit näheren bestimmungen: reisen, zuͦ reisz faren, kriegen, militare Maaler 330ᵃ; sondern las deinen weltlichen oberherrn kriegen, unter desselbigen panier und namen soltu reisen. Luther 4, 477ᵇ; und wöllen scheel und sawr sehen, schatzung zu geben, oder selbs zu reisen. 480ᵇ; welcher reiset jemals auff seinen eigen sold? 1 Cor. 9, 7; nach diesem zug und schlacht, reisete Judas wider die feste stad Ephron in welcher Lysias und sonst viel volcks war. 2 Macc. 12, 27; mit einem solchen mut reisete der gantze zeug fort, sampt jrem gehülffen, den jnen der barmhertzige gott von himel gesand hatte. 11, 10; wie er aber von Schippenbeil auf Bartenstein reisete fast mit sechshundert reisigen. Waissel chron. (1559) 194ᵇ; item anno dom. 1300 und 60 jar an sant Seboltz abent, do raiset dy stat Nuremberg ausz mit Jugelweyd auf den von Wirtenberg. d. städtechron. 1, 352, 5; waʒ aber nicht verbrant was, daʒ het im gehuldet und musten mit im raisen. 2, 132, 2; die heiden reisetent in die cristenheit. 8, 413, 19;
wider ûf die cristenheit
zû reisene was in nicht leit.
livl. reimchron. 4883;
er lieʒ doch dar zû pfande
sumelîchen rischen man (als todten),
der reisen nimmer mêr began.
2266;
der helt mit vrechen rotten
vil dicke reist in Schotten lant.
Suchenwirt 7, 70;
ich wolt der helt niht sparn
und reit gen Priuʒen auf der vart,
dâ ritterlîch gereiset wart.
18, 156;
mit krieg unwidersagt raysen
tuͦtt man ietz prennen und zaysen.
Hätzlerin 1, 28, 139;
und tuond mit ainander raisen und kriegen.
des teufels netz 7168;
her künig, ich kan anderst nicht,
den in dem krieg raisen und reitten,
mit wüermen und mit lewten streitten.
H. Sachs hürn. Seufrid 9 neudruck;
der adel mag schier nüme bliben
der bschützen solt witwen und waisen
mit wachen huͤten und auch raisen.
P. Gengenbach todtenfresser 158, 205 Gödeke;
machen vil armer witwen und weysen,
vermeynen dann mit solchem reysen,
mit langen spiessen, mit kriegischer wehr
bschirmen den glauben und gotts ehr.
Fischart dicht. 2, 357 Kurz;
bruͦder Claus gab unsz manch guͦten rot
weit zuͦ reissen unsz allzyt verbot,
hiesz unsz do heimen bliben.
P. Gengenbach alt eydgnosz 14, 81 Gödeke.
b)
aufbrechen, weggehen von einem ort, sich fortmachen; auch vom unfreiwilligen fortgehen, sich wegscheeren. im sinne von aufbrechen: ahd.
tho druhtin wolta reison,   sîn selbes rîches wîson.
Otfrid 5, 16, 1;
mhd. swie nâhe mir dîn reisen (dein abschied) gê,
sô dunket eʒ mich wæger doch,
daʒ du ze lande kêrest noch,
danne ich iemer angest habe.
Konrad v. Würzburg Parten. 2864;
niederrhein:
hei reif eme: ris, in des duwels namen, ris!
d. städtechron. 12, 164 (4992);
nhd. darumb schenken wir in silber und golt
und seint in doch nit anderst holt
dann dasz sie uns ir hilf beweisen
und thuͦnt grosz zeichen, sunst lant wir reisen
unser andacht (lassen wir fahren).
Schade sat. u. pasqu. 1, 28, 47;
und wenn jr zum andernmal drometet, so sollen die lager auffbrechen, die gegen mittag ligen, denn wenn sie reisen sollen, so solt jr drometen. 4 Mos. 10, 6. ähnlich wird in der modernen sprache reisen wie abreisen gebraucht: wann gedenken sie zu reisen? nächsten montag reise ich. derber, sich fortmachen: hör sie, jungfer mauläffchen, sie kan reisen. wie zum Velten ist denn das käzchen hier herauf gekommen? Hermes Sophiens reise 6, 312; trifft er sie nicht — reise, die welt ist weit! Lessing 11, 466; der wirth aber, der bis her ruhig am ofen stand, trat hervor und sagte: jetzt, zirkelschmied, reist! Hebel 3, 141. besonders mundartlich: nu wöll wie man reise, nun wollen wir nur gehen Frischbier 2, 221; o wo reisede he! wie schnell machte er sich fort; dat geld is reiset, das geld ist weg; laat em reisen, lasz ihn gehn Dähnert 378ᵃ; reis! oder du kannst reisen, mach' dasz du fort kommst Albrecht 191ᵇ; ähnlich schlesisch Weinhold 77ᵃ; auch reflexiv Schm. 2, 138; in derber rede wie sterben, vgl. abreisen theil 1, 88:
mancher Franzmann muszte reisen,
dem ein scharf husareneisen
zwischen leib und seel' gefahren.
Lenau neue ged. 28.
c)
eine reise (im gewöhnlichen sinne) machen, sich auf reisen begeben, auf reisen sein, zunächst vom menschen, ohne nähere bestimmung. sprichwörtlich: reisen kostet geld. reisen macht nicht gelehrt. wer reyset, dem seyndt die meilen gemacht! manche reisen wie dess müllers karch, der kommet alle nacht wieder vors haus. Wander 3, 1645 ff.; also leget mancher durch das reisen, und durch den umgang mit höflichen und klugen leuten, ingleichen durch vil widrige begebnüsse, so einem auf reisen zustoszen, vil unart ab. Butschky Patm. 155; darum thun jene frische leute wohl, dasz sie reisen; wenn ihnen gute vernunfft, eine gefärtin giebet; und verstand, den hofemeister spielet. 3; ich will her seyn und fremde länder und städte besehen, vielleicht werde ich durch mein reisen ein berühmter kerl. Reuter Schelm. 1, 20; darum hat sich niemand von unsern reisenden personen bisz auf diese stunde im geringsten nicht bekümmert. Chr. Weise erzn. 23 neudr.; reflexiv, sich müde reisen. wir haben uns ganz müde gereiset. Adelung;
ein mann, der musz nur reysen,
ertragen hitz und frost.
Opitz bei Wackernagel leseb.³ 2, 401;
jungfern die dem hause hüten, männer die gereiset sind:
wer ihr gegenteil erwehlet, ist an geistesaugen blind.
Reinhold v. Freientahl spazierw. 99;
er schied im reisen aus der zeit
zu der gewünschten seligkeit.
Drollinger 274;
sie (die störche) sollen uns beweisen,
erwiedert er, und lacht,
dasz nicht das viele reisen
die dummen klüger macht.
Hagedorn 2, 123;
reisen soll ich, freunde, reisen?
lüften soll ich mir die brust?
Uhland ged. 55;
durch feld und buchenhallen
bald singend, bald fröhlich still,
recht lustig sei vor allen
wers reisen wählen will.
Eichendorff bei Wackernagel leseb.³ 2, 1703;
packt eure bündel fest und gut
und thut niemals das reisen laszen
so lang noch wallt das frische blut!
Schade handwerksl. 125.
mit näherer angabe der art des reisens: zu lande, zu wasser, zu fusz, dafür sprichwörtlich auf schusters rappen, zu pferde, zu wagen, zu schiffe; in der kutsche, mit der post, mit der eisenbahn; mit gefolge, zu zweien, in gesellschaft, allein reisen; bequem, unbequem, gemächlich, langsam, so schnell als möglich reisen, auf eigene kosten, auf staatskosten reisen u. s. w.; glücklich reisen. zum abschiede sagt man reise glücklich, reise mit gott: (als Ludwig) in pilgrims wîse ûʒ zîhen wolde in verre fremde lant, dâ wolde he zîhen unde reisen uff sînen eigen solt unde zerunge, daʒ her nîmand schatzen noch schindin dorfte. Ködiz 53, 10; gebet, wenn man zur see reisen will. Manson seebuch 103; will er ihr im park aufstoszen, so reiset sie (scherzhaft), wie die sinesischen kurire, doppelt, weil man den mädchen gern das gewissen, wie die natur alle wichtige glieder, doppelt gibt. J. Paul Titan 2, 45;
reis' ich auf diesem blatt papier
(es kostet gar zu viel, im wagen!)
nach Wien.
Göckingk 2, 135;
sie reisten nie auf kosten des regenten.
Gellert 1, 47.
mit zeitangabe: wie lange reisen wir noch? die ganze nacht, drei tage, tag und nacht reisen. anders: ich reise nur des nachts, am tage, zur nachtzeit. mit räumlichen bestimmungen: dahin, daher, herum, weit und breit herum reisen; einen weg, eine strecke, mehrere tagereisen reisen. ungewöhnlich: ich bin dieses weges schon öfters gereiset. Adelung (wie des weges kommen); den flusz hinauf, das gebirge entlang reisen; aufs land, über land, über feld reisen; nach Italien, in älterer sprache: in Italien reisen, in das südliche Frankreich, ins badische reisen; in biblischer sprache: gen Jerusalem reisen; in die ferne, nach hause, von Berlin über Cöln nach Paris, durch Leipzig reisen; des tages sieben meilen reisen; wie lange reist man auf dieser linie bis Hamburg? um die erde, durch die ganze welt reisen; in einem lande, innerhalb eines landes reisen u. s. w.; und Jacob thet ein gelübd, und sprach, so gott wird mit mir sein, und mich behüten auff dem wege, den ich reise, ... so sol der herr mein gott sein. 1 Mos. 28, 20; hastu gnad zu meiner reise gegeben, daher ich gereiset bin. 24, 42; wir reisen von Betlehem Juda, bis wir komen an die seite des gebirges Ephraim, daher ich bin. richter 19, 18; und es begab sich, da er reisete gen Jerusalem, zoch er mitten durch Samarien und Galilean. Luc. 17, 11; als er aber das gesichte gesehen hatte, da trachten wir also bald zu reisen in Macedonian. apostelgesch. 16, 10; aber dieweil er so seer vleiszig war, ist er von jm selber zu euch gereiset. 2 Cor. 8, 17; und es begab sich darnach, das er reisete durch stedte und merckte. Luc. 8, 1. sprichwörtlich: der weit reyst verendert wol das gstirn, aber nit das hirn. Franck 2, 184ᵃ; wer reist in fremde lande, der musz den beutel offen und das maul zu haben. Wander 3, 1646; wer kan latein, hat ein gut pferdt und seckel mit geld, der reyset und kommt wol durch die gantze welt. Pistorius thes. 7, 17; es begehrte Philander in seinem brieff, dasz Antenor .. diesem seinem sohn, welcher auff universitäten reysen solle, einen guten rath geben wolle. Schuppius schr. 3; ob er etwan von Wien alsbald zu mir geraiset sey? 256; wie viel deutsche, seyn lust halben, in Welschland gereiset, die alda mutt und seele verlohren? Butschky Pathm. 26; so reiset nun die narrenbegierige compagnie dahin. Weise erzn. 23 neudr.; wir reisen, und nur an örter, wo die natur lacht. Klinger 1, 180; nun wahrhaftig, und wenn der bis ans ende der welt reist, er ist und bleibt ein narr! Eichendorff taugenichts 144;
all welt sucht freud wonne,
mit reisen fern und breit.
Ambr. lb. 20, 15;
sie reisten nicht durch grüne felder,
o nein! sie suchten finstre wälder,
und reisten unter furcht und quaal.
Gellert 1, 47;
die kinder des verworfnen drachen,
die laster, reisten über land.
Lichtwer fabeln 1, 7;
mit angabe eines zweckes: aus langeweile, zum vergnügen, zur zerstreuung, zur erholung, zur weiteren ausbildung reisen; in geschäften, in höherem auftrage reisen u. ähnl.: da wich das geschmeysz, und traff eben den Gargantua, so auff ein hochzeyt reyszt, mit seim ulckthier, auff gedachter heyd an. Fischart Garg. 147ᵇ. frei: als wir von Mecca wallfahrt reiseten. pers. rosenth. 5, 17. ungewöhnlich:
wie begrüszt' ich so oft mit staunen die fluthen des Rheinstroms,
wenn ich, reisend nach meinem geschäft, ihm wieder mich nahte!
Göthe 40, 242.
in besonderem sinne auf etwas reisen, um sich in ihm auszubilden, zugleich aber auch, um dadurch seinen unterhalt zu erwerben: der handwerksgesell reist auf seine profession; auf eine kunst reisen; sehr auffallend ist es, dasz der herzog ... die baukunst nicht auf eben die weise in jungen leuten beförderte ..; denn es ist mir keiner bekannt, der auf baukunst gereist wäre. Göthe 43, 128. dann frei in derber rede, sich handwerksmäszig auf etwas legen: der reist aufs kartenspielen, darauf kannst du reisen u. ähnl. Albrecht 191;
werben kann ein jeder,
es ist nichts leichter als aufs freien reisen.
Schiller Turandot 2, 1.
von thieren, wenn sie ähnlich den menschen wandern und ziehen: die störche, schwalben reisen. in älterer sprache und in poetischer ausdrucksweise ist der gebrauch freier: auch reisen sie (die bären) fleiszig auf die felder nach dem hafer. Heppe jagdlust 1, 343; Gotthold stund vor einem immenhaus und sahe mit lust zu wie die honigvögelein ab und zu-reiseten. Scriver andachten 63. frei auch von leblosen dingen: dieser brief muszte weit reisen, um an seine adresse zu gelangen; die post reiset tag und nacht. part. praet.: ein gereister mann, mit dem nebensinn, der durch reisen viele erfahrungen gesammelt hat, besonders ein viel-, weit-, in älterer sprache ein wohlgereister mann, gegensatz ein ungereister mann: ein wohlgereister alter mann sagte einst: er hette nichts von seinen reisen, als einen leren beutel, verterbten magen, und verleztes gewissen. Butschky Pathm. 156; vielgereiste weltleute Klinger 1, 378;
freunde! es giebt glücklichere zonen,
als das land, worinn wir leidlich wohnen,
wie der weitgereiste wandrer spricht.
Schiller 11, 363.
so in diesem sinne auch von thieren:
den guckguck fragt die lerche:
wie kömmt es, sage mir,
dasz die gereisten störche
nichts schlauer sind, als wir?
Hagedorn 2, 122.
ohne nebensinn, von leblosen dingen: gereiste pflanzen, die aus fernen landen kommen. Adelung;
das nöthigst ist das brot; doch läst man gleichwol gelten
die weit gereiste würtz und sonsten, was da selten
in unsre kuchel kummt.
Logau 1, 96, 3.
das part. praes. in substantivischem gebrauche in weiterem sinne einer, der sich auf einer reise befindet: wo nun ein reisender hinkommt, da wird er nicht geachtet, nach der tugend seines gemüttes, oder deswegen bedienet, .. sondern nach der schwere des beutels. Butschky Pathm. 106; ein reisender im personenverzeichnis der juden. Lessing 1, 304; dies ist eine mit gelbem tuche behangene landkutsche, worin acht reisende sitzen können. Hölty 222 Halm; lasz ihm die kleider ausziehen, so will ich sagen er sey ein reisender, und ich hab ihn bestohlen. Schiller 2, 100 (räuber, schausp. 2, 3); seht zu, ihr jungen reisenden, wer von euch als erster in der stadt des glückes ankommt. Freytag ahnen 5, 266;
es schaut der reisende des wohlstands holde zeugen,
gebäude mancher art aus mancher gegend steigen.
Drollinger 85;
inzwischen erhub sich ein plötzlich geschrei,
dasz auszer den schranken ein reisender sey.
Lichtwer fabeln 1, 11;
ein reisender ist so gewohnt
aus gütigkeit fürlieb zu nehmen.
Göthe 12, 160;
wer kommt da so eilig
noch die wiese herauf? ein reisender scheint es, ein jäger.
Körner 2, 190.
im engeren sinne, ein reisender handwerksbursche Campe: ein armer reisender bittet um eine gabe. in neuerer sprache besonders der geschäftsreisende, aber auch der forschungsreisende wird so bezeichnet: ein kühner und unermüdlicher reisender. verbal construiert: ein bild ..., welches das gegenstück jenes schildes vorstellt, an welchem der reisende in das südliche Frankreich sich so umständlich ergeht und ergötzt (von einem buchtitel). Göthe 31, 235.
d)
reisen im sinne von c in bildlicher anwendung: dein gemüt reiset oder ist über väld, du sinnest anderschwo hin. Maaler 330ᵃ; o gott! ich reise täglich durch die welt zum himmel, wo mein rechtes vaterland ist. Butschky Pathm. 156;
sî mûstin alle reisin
in tôtlîchin vreisin
nâch iren hergesellin
ân undirlâʒ zur hellin.
Jeroschin 5465;
so vil das reysend stündlin kan.
Wickram irr reit. bilg. 8ᵃ;
solt ich denn auch des todes weg
und finstre straszen reisen:
wolan, so tret ich bahn und steg,
den mir dein augen weisen.
P. Gerhard 85 Gödeke;
dein wort sei meine speise
bis ich gen himmel reise.
60;
herr, sprich zu mir: komm' her, ich wil dich unterweisen,
hier ist der wahre steg, hier kanstu zu mir reisen,
und meinen himmel an.
P. Fleming 18;
man wird dich, herr, mit furchten preisen,
weil sonn' und monde sind
und durch den runden himmel reisen,
vom kind auff kindeskind.
Opitz ps. 72, 3;
stets reist das leben in die weite.
auf! fesselt hier es an das fasz!
Arndt ged. 54;
wo bist du, süszer inhalt meiner lieder?
wo bist du, meiner jugend schöner geist?
die sonne flieht, und kehret ewig wieder,
doch du bist ewig in die nacht gereist.
42;
der frühling schlug die augen auf so helle,
hinunter reisten ström' und wolken schnelle.
Eichendorff poet. w. 1, 57;
wir haben wohl hienieden
kein haus an keinem ort.
es reisen die gedanken
zur heimat ewig fort.
68;
vergangen ist der lichte tag,
von ferne kommt der glocken schlag;
so reist die zeit die ganze nacht,
nimmt manchen mit, der's nicht gedacht.
295.
e)
mundartlich gilt reisen auch vom zurücklegen ganz kurzer strecken, überhaupt so viel als von einem ort zum anderen gehen, nd. wil we med enander rêsen? wollen wir zusammengehen? Schambach 170ᵃ; ebenso bair. mit dem rocken reisen oder rockenreisen, mit dem spinnrocken aus dem hause in gesellschaft gehen. Schmeller 2, 138.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1890), Bd. VIII (1893), Sp. 734, Z. 34.

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Zitationshilfe
„gereist“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gereist>, abgerufen am 06.12.2021.

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