Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geraten

geraten,
verstärktes raten, mit einer zum theil selbständigen entwickelung. starkflectiert wie das stammverb: praes. 2. und 3. sing. ahd. kirâtis, gerâtit, mhd. gerâtest, gerâtet, mit umlaut gerætest, gerætet geræt, nhd. gerätst, gerät, selten gerätet (gerätht Steinbach 2, 223), daneben ohne umlaut geratest, geratet, alemann. gerotet gerot; imp. ahd. garât, nhd. gerate (vgl.geratewohl); praet. ahd. kiriat, mhd. nhd. geriet, schwäb. geruͤte (Zimm. chron.). geraten wird in den zusammengesetzten zeiten mit dem hilfsverb sein verbunden, ausgenommen in der bedeutung 'entbehren', wo dem besonderen ursprunge gemäsz nur haben gebräuchlich ist, welches übrigens im oberdeutschen auch bei den bedeutungen 'gereichen, gelingen' häufig auftritt (zwei beispiele aus H. Sachs und den städtechroniken s. unter nr. 11, b und f), vereinzelt schon mhd.:
des sun wol gerâten hât
und alsô gar ze lobe stât.
Erec 2913.
1)
zu frühest nachweisbare bedeutungen: goth. garêdan, auf etwas bedacht sein, sich befleiszigen: garêdandans gôda, προνοούμενοι καλά 2 Cor. 8, 21; ahd. garâtan, girâtan, consulere, prospicere, decernere Graff 2, 459, daʒ er imo gerâten habeti ze sô tugedîgero magede. Mart. Capella 17; altsächs. girâdan, ratend oder sorgend einem etwas bewirken:
siu thô gerno bad
that is the hêlogo Krist   helpa geriedi.
Heliand 2022, vgl. 2988;
mhd. gerâten, raten, anraten, beauftragen, anordnen mhd. wb. 2¹, 582ᵃ. Lexer 1, 871:
dô sprach aber Hagene   'daʒ gerætet nimmer mîn lîp.'
Nibel. 1146, 4;
hie mite gerietens under in (wurden unter einander zu rate).
Tristan 9641;
si giengen râten under in zwein
und gerieten enein (wurden rates einig).
12866;
dô kom von Troneje Hagne,   als im der wirt geriet (aufgetragen
hatte):
den bûhurt minneclîchen   dô der helt geschiet.
Nib. 554, 1;
nhd. gereüt in (den menschen) denn dick, das er ie ausz Egipten diser welt ist kommen, und wirt denn hassen alle die, die jm ie gerietten (den rat gegeben hatten zu gehen) ausz der welt. Keisersberg granatapfel J 4ᶜ.
2)
mit rat beistehen: daʒ wir ir zuͦ disz zyt nyt wol geradin kuͦnnen. Dief.-Wülcker 613 (Wetzlar, von 1349); einem geraten sein, s. sp. 3576; mit rat und that helfen: ist och, das der man, der uf dem hof ist, kind lät (hinterläszt), die dem hof und dem gut nüt gerâten mugent, hent die kint ein frünt (verwandten), der mag wol uf den hof sitzen umb die zins und umb dienst, die von dem hof gänd, untz uf die stünd das die kint dem gut gerâten mugent. weisth. 1, 100; so wird gott nicht wunder thun, so lange man der sachen durch ander seine dargethane güter gerahten kan. Luther 2, 463ᵃ. vgl. übrigens wegen ge- bei hilfszeitwörtern oben sp. 1614.
3)
planen, sinnen:
ja entar ich in vor Etzel   gerâten keinen haʒ,
wan er iwer mâge   vrô vil gerne siht.
Nib. 1842, 2;
ersinnen, erfinden: schnel kund Ulenspiegel einer guͦten schalckheit geraten, als er wol beweise zu Leipsig den kürsznern an der fastnacht abent. Eulenspiegel 55.
4)
raten, von ungefähr das richtige zu treffen suchen, mutmaszen: dasz die arznei ein kunst von wönen (wähnen), geraten oder bedunken geacht wirt, conjecturalem artem esse medicinam. Celsus von Khüffner (1531) 11ᵃ; mnl. gheraeden, conjecturam facere, divinare, solvere aenigma Kilian.
5)
treffen, gleich dem einfachen râten: mhd.
den spieʒ zuchter ûf mit chrefte
er riet in ûf die helmguphen.
Ruolandes liet 155, 15;
dî roten er an gerît
ûf der wiltnisse verre
menlîch mit strîtis werre.
Jeroschin 22275;
noch luxemb. geroden, treffen, de' nôl geroden, den scheibennagel treffen Gangler 175. — aus dem begriff 'treffen, zielbewuszt oder zufällig', sowol vom schieszenden und schlagenden krieger als vom geschosz und der hiebwaffe sowie vom wurf oder schlag gemeint, entwickeln sich die weiteren begriffe 'wohin gelangen' und 'gelingen, glücken'.
6)
wohin kommen, gelangen, mit absicht oder durch zufall, eigentlich und bildlich.
a)
mit accusativ:
daran sich manger verschriet
der einen holzwec geriet.
Konrad von Haslau jüngling 1034;
swâ den narrenwec geræt ein jüngelinc.
1041;
aber es geruͤthe ain andern wege (es kam anders). Zimm. chron. 2, 199, 15.
b)
mit adverbien: man (die belagerer) geriet von tag ze tag dem huse nahen. Conr. Silberdrats lied von grave Friederich von Zolre 379 Laszberg;
da sie nu das ersahen,
in wart zuͦm tauffe not,
sie gerieten (kamen heran) faste nahen,
iegklicher sein haubt dar bot.
deutsches heldenbuch 139ᶜ (395, 34 Keller);
als er in seiner boszheit zunam, hat er nicht allein ... in unzehlichen mutwillen verharret, sondern ist auch so weit gerahten, dasz er an allen orten lästerung anrichtete. 3 Macc. 2, 24; so werden wir nicht allein das evangelium verlieren, sondern wird auch endlich dahin gerahten, das wir weder latinisch noch deudsch recht reden oder schreiben können. Luther 2, 464ᵃ; es sei dann jemand fremder, der verirre und ungefehr dahin gerahte. Simplic. 1, 296, 29 Kurz;
und er war im begriff zu fragen, wohin sie gerathen?
ob auf der traurigen flucht sie nun mit dem volk sich befinde?
Göthe 40, 295.
c)
mit präpositionen.
α)
an jemanden oder etwas geraten: mhd.
an die andere (sache) er geriet.
pass. 74, 94 Köpke;
nhd. die fraw mit groszer bitt .. geradt an sy hin (macht sich an sie), sie sölle doch jrs manns leben ansehen. Wickram rollw. 17, 4 Kurz; mit leidenschaftlicher liebe: sitze nicht bei eins andern weib, .. und prasse nicht mit jr, das dein hertze nicht an sie gerate. Sirach 9, 13; das du nicht geratest an eines andern weib. spr. Sal. 2, 16; du müsztest denn gar an einen höllbesen (böses eheweib) gerathen sein. Claudius 3, 17; feindlich, gewaltsam:
die trabanten und soldaten
warlich dort her an uns gerathen.
J. Ayrer kön. Edwart 389ᵃ;
sobald ich aber in den garten kam, welchen er nach jhm zuriegelte, geriethe er an mich, und mit aller gewalt muste ich jhm meine eigene strümpff .. und schuhe ausziehen und in handen geben. Philander 2, 138; im kampf oder wortgefecht: sie werden nach dem wortstreit mit schlägen aneinander gerathen. Frisch 2, 90ᵇ; sie trafen sich, geriethen an einander, Waller fiel, und ihr bruder ist entflohn. Gotter 3, 121; dasz sie über solche und ähnliche dinge aneinander geriethen, wenn sie zusammenkamen. immer aber blieben sie trotz dieser streitigkeiten gute freunde. Immermann Münchh. (1841) 1, 150, vgl. in der nämlichen bedeutung mit einem zusammen geraten, wir sind hart zusammen geraten; er mochte aus meiner verzweifelten entschlossenheit herausgefühlt haben, dasz er .. an den unrechten gerate, und vermied jetzt jede reibung. G. Keller grüner Heinrich (1884) 1, 216, gleichbedeutend an den falschen geraten; örtlich und bildlich: in solcher langwierigen reise wird er zweifels ohne auch an diese örter gerathen sein. Micrälius altes Pommern 1, 10; an der feinde lager gerathen. Steinbach 2, 223; an den bettelstab geraten. Luther hauspost. festtheil 81ᵃ; so wir (weiber) an das kifen gerahten, können wir nit aufhören. Fischart ehz. 626 Sch.;
gesotten oder gebraten!
er ist ans feuer gerathen.
Göthe 2, 241.
β)
auf etwas geraten: mhd.
daʒ mîn reise niht geriet
wan ûf daʒ hûs ze Klâremunt.
Mai u. Beaflor 170, 2;
nhd. dasz du nicht geratest auf den weg der bösen. sprüche Sal. 2, 12; diser Lorentz lehrts (seine kunst) disen Hellenbrand, der auch dardurch auf den h. stul gerithe. Fischart bienenk. 241ᵇ; auf eine reise gerathen. pers. baumg. 7, 26; der eine von den beiden brandern .. gerieth auf den grund, ehe er noch die brücke erreichte. Schiller IX, 58;
durchforscht den abgrund der natur,
geräth den Griechen auf die spur.
Günther 229;
er gerieth auf die rede, in eum sermonem delabebatur. Steinbach 2, 223; geriethen wider auf ihr voriges geschicht-gespräch. A. Gryphius trauersp. 263 Palm; demnach wir (als schriftsteller) aber nun eben auffs erst heiligthum unserer pfaffen gerhaten, so wöllen wir ... Fischart bienenk. 156ᵃ; ich bin niemahls auf die gedancken gerathen. Rädlein 357ᵇ; auf einen einfall, auf einen verdacht geraten;
er schwieg, ich wurde roth, gerieth auf andern sinn.
Günther bei Steinbach 2, 224;
auf eine torheit geraten. psalm. 85, 9; weil Hamlet ganz in sich selbst versenkt ist, eben jezt erst nachgrübelt, von idee auf idee, von zweifel auf zweifel geräth. Engel 8, 255; alle des Eli nachkommen konten auf keinen grünen zweig gerathen. Schuppius 299; sprichwörtlich vom pferd auf den esel geraten.
γ)
aus etwas geraten:
und wiwol das best mein füs thaten,
das ich aus der schlacht bin gerhaten.
Fischart flöhh. 760 Kurz (793 Sch.);
küsse die hände der königskinder, weil sie noch in die schule gehen: sie werden schon aus derselben gerathen, und wann sie selbst erhoben werden, dich auch grosz machen. pers. baumgarten 2, 20; aus der bahn, aus dem geleise, aus den schienen geraten; aus einem irrthum in den andern geraten; aus dem häuschen geraten theil 4², 655.
δ)
auszer sich geraten, vor erregung, vor wut wie vor entzücken: Alcibiades gerieth beim anblick dieses gemähldes auszer sich. Wieland 3, 261; gerieth die stadt vor freude auszer sich. Freytag werke 13, 211;
die zarte haut kan auch entzücken,
zumahl wenn man den blauen strich
der adern auswärts kan erblicken,
o da geräth man auszer sich.
Picander 2, 317.
ε)
durch etwas geraten: mhd.
der bere (bär) von dem schalle   durch die kuche geriet.
Nibel. 900, 1;
sô daʒ der selbe slac geriet
Rêmô dur sîner brüste bein.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 32296;
nhd. die acten sind (in unordnung) durch einander geraten.
ζ)
tirol. hinter einander geraten, in streit kommen. Schöpf 536.
η)
in etwas geraten, eine redewendung mit reicher entwicklung, zunächst örtlich, dann übertragen auf zustände aller art: mhd.
in welhes lant sîn vart geriet.
Ulrich von Türheim Willeh. 196ᵇ;
nhd. gerath ich ungefehr in die Mariengasse.
Hagedorn 1, 89;
sie festhalten, dasz sie nicht ins haus gerieth. Göthe 25, 361; die griff sind miszlich, sie gerahten sobald ins gesäsz als in das aug. Fischart groszm. 563 Sch.; wiewol im (dem mädchen) derselb (strick), nach dem sie nahend am ufer, offtmahls in die hände gerahten. Kirchhof wendunm. 2, 502 Öst.; ingleichen gerieth uns eine starcke anzahl weinfässer (auf dem eroberten schiff) ... in die hände. Felsenb. 4, 117; gereth ein misztrawen in die hertzen. Mathesius Sar. 88ᵇ; den leuten in die mäuler gerathen. Ludwig 741; und sind bei solcher gelegenheit auch mit dem könig in Dennemarck und andern herren, die sich damals in dem lager für der stadt befunden, in kundschaft gerathen. Micrälius alt. Pommern 4, 76; noch ehe Nicolai in Ewalds bekanntschaft gerieth. Göckingk leben Nicolais 15; thue den schwachen und unvermögenden keine gewalt an, denn es kan geschehen, dasz auch sie in ein ansehen gerathen. pers. baumg. 2, 9, vgl. 4, 26; wann er durch das glück .. ein wenig in das steigen geräth. Simpl. 1, 1, 17, 65; ist auch in die gedancken gerathen, dasz er Rom hat Odoacriam nennen wollen. Micrälius altes Pomm. 1, 98; wie seid ihr in die meinung gerathen? Ludwig 741; ins erzählen, ins lachen, weinen, ins wachsen, laufen geraten u. s. w.; wie herzog Friderich den lügenern so wünderlich feind war, ... das mirs in ein lachen geriet. Luther 6, 164ᵃ;
vom grünen esel hört man singen,
und so geräth das kind in schlaf.
Gellert 1, 97;
nach vielen schrecklichen und wunderbaren epochen .. war er in einen seltsamen zustand der ruhe des geistes und der unruhe des körpers gerathen. Göthe 20, 176; er gerieth in die heftigste leidenschaft. Nicolai Sebaldus Nothanker 3, 137; Pembrock geräth in wuth. Lessing 6, 174; ich gerieth in die gröszte verlegenheit und aufregung. G. Keller grüner Heinr. (1884) 1, 182; in verwirrung, angst, verzweiflung, zorn, in den harnisch (th. 4², 489) geraten; bei in forcht gerathenen leuten. Rihel Livius 24; er ist in sölliche vermässenheit geradten. Maaler 169ᶜ; damit nicht etwa ein guter freund und nachbar in versuchung gerathe, an ihm zum schelme zu werden. Gotthelf Uli d. pächter 336; sie waren so gar ferne in den jrthum geraten, das sie auch die thiere, so bei jren feinden verachtet waren, fur götter hielten. weish. Sal. 12, 24; in händel gerahten, in rixam incurrere Stieler 1516; war es geheime sorge, dasz er selbst mit dem fremden in tötlichen streit gerathen könne? Freytag werke 13, 174; einander in die haare geraten, s. theil 4², 15; so wenig fürchtete ich in eine solche trennung zu gerathen. Göthe 19, 319; in ungnad, in den bann, in verachtung gerathen. Ludwig 741; wirstu darüber beim könig in hasz gerathen. pers. rosenth. 1, 18; in vergessenheit geraten; ins stecken (stocken) gerahten Stieler 2160; wie nun alle ding mit der zeit in ein erger weis gerathen. Frank weltb. 105ᵇ; dieser gebrauch ist hernach in einen miszbrauch gerathen. Schuppius 840; in unordnung, in gährung, in aufruhr geraten; geräth ein staat in anarchie, sogleich thun sich verwegene, kühne, sittenverachtende menschen hervor. Göthe 6, 41; in abhängigkeit, sklaverei, gefangenschaft geraten; widerumb in eine kranckheit gerahten. Henisch 1505; in böse gesellschaft, in schlechte hände geraten; er ist wieder in sein voriges wüstes leben gerathen. Ludwig 741; als ich noch jung, war ich der arbeit heftig gram, schlug dieselbige aus und gerieth ins luder (lüderliche leben). A. Gryphius trauersp. 266 Palm; hernach gerieht sein eigener sohn in ehebruch. Schuppius 513; in miszliche verhältnisse, ins gedränge, in bedrängnisz geraten; der fürst war in schulden gerathen. Möser patr. phant. 2, 358; unversehener weis in was geraten oder bucklet darhinder kummen, immerens premor. Schönsleder T 7ᶜ; in die klopfe, klemme, in schande, ins elend, in unglück gerathen Rädlein 357ᵇ; in armuth gerahten. Henisch 1505; er gerätht in die äuserste gefahr. Steinbach 2, 223; dasz ich zehenmal lieber tod sein wolt als noch einmal in solche noht gerahten. Zinkgref apophth. 3, 310 Weidner; dieweil jhe die sachen in diese letz'e noth und extremitet gerahten. Amodis 27; ins verderben gerathen. Krämer 535ᵇ; dasz das underst bein oder öberst in ein auszmürgeln und verschwinden gerathe. Weier arzneibuch (1583) 32ᵃ; wie (durch das fangen der kleinen fische) die fischwasser der benöthigten fischbrut entsetzet und dadurch in die abödung gerathen. Heppe jagdlust (1784) 3, 221; in brand gerathen Krämer 535ᵇ, in feur Ludwig 741;
dadurch gerieth so gleich mein blut
wie dürres holtz durch blitz in flammen.
Günther bei Steinbach 2, 224.
sehr selten ist dabei in mit dem dativ verbunden: das die bepste gantz und gar in einem andern stand und wesen, denn S. Peter war, gerhaten sein. Flacius Illyr. von ankunfft des röm. keiserthumbs an die Deudschen (1567) 117; die bewegung .., in welcher das ganze theater gerathen. Lessing 7, 166.
θ)
nach einem orte geraten: durch sturm verschlagen geriet der kauffahrer nach Schottland.
ι)
über jemanden oder etwas geraten: der geist gottes geriet uber jn. 1 Sam. 10, 10; des andern tags geriet der böse geist von gott uber Saul. 18, 10; ach Adam, was hast du gethan? denn dasz du gesündiget hast, ist nicht dein fall über dich allein gerathen, sondern auch über uns. 4 Esra 7, 48;
ergrimmen wird gewisz
der, über welchen ich gerathen musz.
Bürger 143ᵇ;
meine husaren gerathen unterdesz über ein fässel branntwein. Freytag werke 13, 107; über die bücher, einem übers geld geraten.
κ)
unter jemanden oder etwas geraten: herr meines lebens, las mich nicht unter die lesterer geraten. Sirach 23, 1; das du nicht geratest .. unter die verkereten schwetzer. spr. Sal. 2, 12; du bist wol auch einer von den bösen menschen, und ich gerathe unter sie und weisz nicht wie. Tieck 20, 119; wann der unsinnig Aiax unter das vihe geraht. Garg. 80ᵇ (138 Sch.); in krigen alles unter die füsz geräth und zu grund gehen musz. Zinkgrff apophth. 3, 4 Weidner; under fremde herrschafft gerathen. Rihel Livius 25.
λ)
von etwas (ab oder her) geraten: vom rechten wege gerahten Kramer 2, 93ᵃ; da keine empfindung so gern das reich der phantasie zu ihrem gebiet haben mag, als die liebe, so kann auch keine so leicht von der würde und wahrheit ab, und in phantasterei und spielwerk hinein gerathen, als diese. Herder zur schön. lit. 4, 59;
summa, jhr flöh seid allsam noch
zu nicht nit nutz ..:
was solt dann guts von euch gerahten.
Fischart dicht. 2, 170, 1322 Kurz.
μ)
zu jemanden, einem orte oder einer sache geraten: mhd.
zuo Bethlehem er dô geriet.
pass. 5, 80 Hahn;
nu was der strît gerâten
zeime alsô verrem rucke (stoszweisen fortbewegung)
von der drîer künege drucke.
Wolfram Willeh. 423, 26;
nhd. ich kan mir ... auf keinerlei weise einbilden, dasz die dienstbarkeit derselben, welche sich bei jungen leuten auffhalten, minder beschwerlich und mehr erträglich, als derojenigen, die zu alten gerathen. A. Gryphius 1, 845; das man .. zum angrieff geriete. Luther 8, 42ᵇ; ist solches vergebens, das sie darzu nicht gerathen künnen, so gehen sie ganz still in das dorf. Pape bettel- u. garteteufel O 4ᵇ; einen hübschen jungen gesellen, der durch geschwindigkeit dieser kranckheit zum aussatz gerahten. Weier arzneibuch (1583) vorrede B 1ᵃ;
und endlich von dem schweinen bratn
zum dürren kesenbrod geratn (herunterkommen).
Ringwaldt laut. warh. 38;
vermeinten, zuͦviel guͤtigkeit kein guͤtigkeit, sonder ein laszkeit were, durch welche die schelck guͦten raum erlangt, zuͦ freblichem muͦtwillen geraten würden. Lorichius wie iunge fursten 173 neudruck; der Simplicissimus wäre nimmermehr zu solcher erkäntnüsz gerathen. Simpl. 1, 1, 6, 26; so würde man ohne zweiffel zur höllen-pein gerathen. pers. rosenth. 3, 4;
du brachtest zu papir die tapfre heldenthaten,
wodurch printz Bouillion und andre sind gerahten
zur höchsten herrligkeit.
Rist Parnasz 145.
ν)
zwischen etwas geraten: da gerieth ihm ihr mützchen zwischen die finger. Immermann Münchh. 4, 47; zwischen thür und angel geraten.
7)
geraten mit infinitiv, dazu gelangen etwas zu thun, anfangen, darauf verfallen, darauf kommen, aus dem mhd. noch in das ältere nhd. hereinreichend, als hülfszeitwort gebraucht wie gestân, öfter dem griech. τυγχάνειν entsprechend, s. gramm. 4, 96.
a)
ohne zu:
so minne an tumben kinden
ir spil gerâtet vinden.
Tristan 12436;
si gerieten schrîgen.
Boner edelstein 7, 22;
und gerotet die rebe sich ie bas zieren
und mag darafter (nach St. Urbanstag) nit erfrieren.
Konr. Dangkrotzheim namenbuch 163 Pickel;
und gerotent sich dienstmegde uffrüsten
uff Sant Johans den baptisten.
187;
wenn dem menschen die augen seiner vernunfft werden auffgethon dʒ er anfacht zuͦ gesehen gott den herren, das ist wenn er jn gerat zuͦ erkennen. Keisersberg has im pf. Aa 3ᵃ; sobald du ... geratest dir selber glauben und von tugenden ablassen. Aa 4ᵇ; das der bischoff die person (nonne) geriet zuͦ fast ansehen und in anfechtung fallen gegen ir, und geriet aines mals mit ir schimpffen (scherzen) und gab ir ainen streich an den rucken. Aa 5ᵈ; er gerot nit me gesehen. bilg. 71ᵃ; bei nacht, so es gerot vinster werden. schiff d. pen. 27ᵇ; die sonn geriet undergon. post. 1, 30ᵇ; do gerietent sie murmelen. ebenda; wenn ich vil kaͤmit oder kümich (kamin) in eim closter sich, so geradt mir schwelkern (übel zu werden). gaistl. spinnerin, granatapfel 1511 O 4ᵇ; wann du disz pflaster 2 oder 3 tag gebruchest und sich der schad gerot reinigen. Gersdorf feldb. der wundarzn. (1528) 77; riers wol under ainander, bisz das sy geraten trucken werden. Braunschweig chirurg. (1539) 83.
b)
mit zu: da die fraw nun gessen het, da geriet sie auch zu dürsten. Pauli schimpf 61ᵃ (105 Öst.).
8)
einen ausgang nehmen, ausschlagen, ausfallen.
a)
unpersönlich: mhd.
do geriet eʒ mislîche (fiel es anders aus).
Wigalois 1989;
hie mite er sich zem slage bôt
und wolte in aber treffen dô.
nu geriet eʒ niht alsô.
Engelhard 4920;
nhd. (der ratgeber) spricht, du seiest auff der rechten ban, und er stehet gleichwol wider dich, und merckt wie es geraten wil. Sirach 37, 10; antwurt Martia (die einen andern mann nehmen soll) und sprach 'ich weisz nit wie es geraten wirt gen dem vorigen man.' Albr. von Eybe 7ᵃ; ausz tausend und tausend gerathet es nicht, wie mit Udalrico hertzogen in Böhmen. Simplicissimi albern. briefsteller (1725) 14; dann der lust tregt mich ia dahin, es gerat wie es wölle. Alberus wider Jörg Witzeln mammeluken M 1ᵃ.
b)
mit persönlichem subject: lieber meister, ich wil disz stück bratens und diesen semmel in meine keippen (tasche) stecken, dann ich nicht wissen kan, wie wol auf den abend der würt gerahten möchte. Melander jocoseria 2, 77; es geradt der kauff hernach, wie er wölle. Wickram rollw. 101, 26 Kurz;
die federn, zum exempel, sind zu kurz gerathen.
Göthe 2, 215;
liesz sich einige streifen nesseltuch ans hemde heften, die aber etwas breit geriethen. 19, 15; die vergleichung (möchte) ein wenig zu deutsch gerathen. Engel 3, 147; mein brief gerieth zu spät, weil ich gestört wurde. Herders lebensb. 1, 2, 273.
c)
mit zu, wozu führen, wozu gereichen: mhd.
ouch geriet der êrste ungewin
ze sînen unêren.
Iwein 4666;
nhd. an welchem ort mein herr der könig sein wird, es gerate zum tod oder zum leben, da wird dein knecht auch sein. 2 Sam. 15, 21; es geriete mit euch zu diesem oder jenem leben. Luther 5, 13ᵃ; es gerath zu glück odder unglück. Agricola spr. 8ᵃ; ich wil sie jm (zum weibe) geben, das sie jm zum fall gerate, und der Philister hende uber jn komen. 1 Sam. 18, 21; demnach so schlagen jr einandern und geradt ettwan zuͦ eim todschlag. Wickram rollw. 61, 18 Kurz; worüber es zu einer blutigen schlacht geriethe. Simplic. 2, 23, 206; dan es musten ie die sachen zum vertrag geratten. Dief.- Wülcker 613 (Frankfurt, von 1546); das (aufstellen der götzenbilder) geriet zur sunde. 1 kön. 12, 30; Saul aber schwur jr (der wahrsagerin von Endor) bei dem herrn und sprach, . es sol dir dis nicht zur missethat geraten. 1 Sam. 28, 10; wo du jren göttern dienest, wird dirs zum ergernis geraten. 2 Mos. 23, 33; es sol euch die stercke Pharao zur schande geraten, und der schutz unter dem schatten Egypti zum hohn. Jesaia 30, 3, vergl. Habacuc 3, 10; das dem evangelio .. zu fürdernusz gerathen sollt. Luther br. 2, 368; zuͦ verderbnusz und schaden geradten oder auszschlahen. Maaler 169ᶜ.
9)
zu etwas werden.
a)
das gewordene im nominativ: welche ... also ausz einer schönen jungfrawen ein hübsche frauw gerathen ist. Amadis 24.
b)
mit zu beigefügt: mhd.
geræt zeim herrn ein bœsewiht.
Thomasin von Zirclaria wälscher gast 4407;
nhd. wie bistu mir denn geraten zu einem bittern wilden weinstock? Jer. 2, 21; geraten jr mir zu zuhörern, so wirdt gewisz dort die weiszheit auff der wegscheid umbsonst ruffen. Garg. 17ᵇ (18 Sch.); dasz männiglich daraus gespührt und abgenommen, dasz ich zu einem krieges- oder reitersmann gerathen würde. Götz v. Berlichingen 6;
aus einem schreiberlein zumal
gerieth ich (Altringer) zu eim general.
Opel u. Cohn 30 jähr. krieg 341, 112;
lange zeit war eins burgers sohn .. den studiis obgelegen und derhalben zu einem sehr gelehrten mann gerahten. Kirchhof wendunm. 125ᵃ; hernach aber durch sein täglich vollsaufen und trunkenheit, nimmer nüchtern, unordentlich bübisch leben, gerieth er immer und immer (je mehr und mehr) täglich zu einem untüchtigen garstigen menschen. 2, 324; ein füllen .., ob ich es fällen (wallachen) oder zum hengst gerathen lassen soll. Gotthelf Uli der pächter 348; will das holtz nit zun pfeiffen gerhaten, .. so gerhats zum boltz. Garg. 213ᵃ (397 Sch.);
hast deine castanien zu lange gebraten;
sie sind dir alle zu kohlen gerathen.
Göthe 2, 241;
es ist gar zuͦ rägen geradten, tempestas indulget imbribus. Maaler 169ᶜ; es ist zuͦ einem sprüchwort geradten, ist ein gemein sprüchwort worden. ebenda;
ich main, und kent ich singen
als die lieben nachtegallen,
es wurde ir dannocht nit gefallen
und geriet mir zu aim eselgeschrai.
Zimm. chron. 4, 328, 38;
ist nun etwa ein frommer man,
der sich nimpt desz armen an,
so wisz der arm zu halten sich
in seinem fordern mäsziglich,
dasz ihm desz frommen manns genadt
zu einem miszbrauch nicht geraht.
Erasm. Alberus 145;
ihr paradies gerieth zum staat
von viel kategorieen.
Schillers musenalm. 1797 124.
10)
sich ereignen, geschehen:
sus iʒ ûf den tac gerît,
daʒ der pomerênschen dît
man dî brûdre sach irslân
tûsint unde vumfzic man.
Jeroschin 8143;
und geriet, das sie kamen und sich nidersetzten in Haran. Luther 4, 71ᵇ; gerets aber, das er dich ersticht oder erschlegt. 478ᵃ; es ist on gfärd geradten oder geschehen, fortuito cecidit Maaler 169ᶜ;
soll den Eliser-felden
disz land (Schlesien) sich gleiche melden,
musz dannen disz gerathen,
dasz drinnen sind nur schaten.
Logau 1, 6, 99.
11)
glücklich ausschlagen, gut ausfallen.
a)
gelingen, glücken: gerathen oder bekleiben, prosperari voc. 1482 l 8ᵃ, nl. geraaden, beklyven Kramer 2, 92ᶜ; geradten, wol von handen gon, succedere Maaler 169ᶜ; mhd.
dem ûf sînen vîent ein slac geriet.
Ludw. kreuzf. 4406;
Parzivâls antpfanc dô geriet,
manege clâre frouwen
muos er sich küssen schouwen.
Parz. 698, 22;
nhd. zuͦletzt dem ritter geriet ein stich
Tewrdanck durchs pantzer übersich.
Theuerdank 113ᵃ;
er hieb jm bei ein viertheil des schilts ab ... da Reinhardt den streich geraten sahe, er redt in spotsweis zu Rulanden. Aimon q 4; also gerieth ein wurff, der brach jhm (dem drachen) den grad auff dem rucken. Rihel Livius 225; indem sie nun mit einander zu ringen kamen, gerieth es dem Römer, dasz er dem Frantzosen einen under seinen harnisch gab. Kirchhof wendunm. 24ᵃ; aber es geruͤt im zu allen thailen und hett mer glucks, dann rechts. Zimm. chron. 2, 306, 18; es stehet in gotes handen, das einem regenten gerate, der selbe gibt jm einen löblichen cantzler. Sirach 10, 5; der gott unser veter gebe dir gnade und lasse dein furnemen geraten. Judith 10, 9; eim lessigen geret sein handel nicht. spr. Sal. 12, 27; durch seine klugheit wird jm der betrug geraten. Daniel 8, 25; sie (die glogg) ist nit geratten. chron. d. d. städte 5, 327, 16; des selben jars ward der irhersteg angefangen, der geriet nit, man must in abprechen. 10, 233, 7;
seit ich den standt anheben sol,
dan er gar seltn graten thuͦt.
Schmelzl hochzeit 12ᵇ;
merck ob du weiszlich hoffen bist
auff glück das ni geraten ist.
Schwartzenberg 120, 2;
frisch auff, jhr lieben solldaten,
die schantz (glückswurf, wagnis) uns solle gerathen.
Erasmus Widmann, neue musical. kurtzweil (Nürnberg 1618) nr. 15;
damit uns sicher grat die schantz.
Thiebolt Gart Joseph 1540 B 6 (366 neudr.);
geräthet unser rath
so wiszt: dasz euch Rom sein heil zu dancken hat.
Lohenstein Epicharis 44, 465;
solches geräthet oft am besten. kunst üb. alle k. 83, 7 Köhler; was man desz sonntags spinnet geraht nicht. Henisch 1506; dem einen gerathet es, dem andern nicht. Hebel schatzk. 202; man probiert, es geräth, es miszräth. Göthe 17, 33; nun, sind die kuchen gerathen? rief sie mich an. 25, 355;
will vogelfang dir nicht gerathen,
so magst du deinen schuhu braten.
2, 240;
meine gedanken gerathen nicht.
242;
alsdann geräth das lied auch wohl.
Lessing 1, 70;
wenn unter hohen jubelvollen zungen
ein süszer ton auch mir geräth.
Ramler 1, 66;
und was dem riesen fehlt (fehlschlägt), kann seinem zwerg gerathen.
Wieland 17, 59 (Idris 1, 92);
und was er anfing, das muszt ihm gerathen.
Schiller XII, 273 (Wallenst. tod 3, 3);
komm! wir wagen es gleich, das frischgewagte geräth nur.
Göthe 40, 275;
die Deutschen sind recht gute leut,
sind sie einzeln sie bringens weit;
nun sind ihnen auch die gröszten thaten
zum erstenmal im ganzen gerathen.
47, 231.
b)
gedeihen.
α)
von feld- und gartengewächsen, gut wachsen und reiche ernte bringen, wol mit anlehnung an mhd. rât, fülle, reichthum: mhd.
ein boum niht wol gerætet,
der in der wüeste aleine stât.
Konrad von Würzburg troj. krieg 18582;
daʒ der erden frühte (dann) niht so wol gerâtent sam andreu jâr. Megenberg 78, 11; desselben jars (1499) da geriet der wein in Ostereich so wol, so er in vil jarn nie so wol geraten het. chron. d. d. städte 11, 610, 4; den bauern geriet weder ir ops noch kraut. Keisersberg sünd. d. munds 18ᵃ; geret doch das korn auff dem feld nicht alle jar. Luther 3, 130; es wächst mir im garten, und geräth. Petrarca 97ᵃ; haud temere unquam pervenit ad frugem, geraat nit liederlich, das ist nit lychtlich oder bald. Cholinus - Frisius 848ᵇ; früe saat selten geraht. Henisch 1506.
β)
übertragen auf das äuszere und innere gedeihen der menschen, insbesondere in bezug auf charakter und sittlichkeit: besser menschen hab ich nit funden in clöstern oder in gaistlichen statt dann die geraten seind. da gegen hab ich auch nit böser menschen funden, dann die miszraten seind. Keisersberg has im pf. Aa 4ᵃ; geredt nu ein furst, das er klug, frum oder ein christen ist, das ist der groszen wunder eins. Luther von weltlicher uberkeit (1523) E 1ᵇ; wie die pfeile in der hand eines starcken, also geraten die jungen knaben. psalmen 127, 4; die mütter haben alle söne lieb, und geret doch zu weilen eine tochter bas, denn der son. Sir. 36, 23; die unehrliche kinder gerathen offt besser als die ehrlichen. Lehmann flor. 1, 485; stieffmütter selten gerathen. Mathesius hochzeitpred. (1584) 158ᵇ; er geräth nicht, thut kein gut in dieser profession. Krämer 535ᵇ; wenn es auf St. Johannistag regnet, so verderben solches jahr die nüsse, hingegen gerathen die huren. Abr. a S. Clara närrinnen 2.
γ)
nach einem geraten, nach jemands vorbilde, vgl. nachgeraten: die kind gerahten selten nach jhren eltern. Schaidenreiszer (1570) 22ᵃ; er vettert sich, das ist, er gereth nach dem vatter. Agricola sprichw. 342ᵇ, nr. 645; der schuler gereth nach seinem meister. Henisch 1506; gerät das kalb nach der ku, so sind der huren zwo. Garg. 29ᵇ (41 Sch.).
c)
glück und erfolg haben: die gerathen, sind die beste (in den augen der welt). Aler 900ᵃ.
d)
durch glück zufallen, in reichem masze zu theil werden:
dann unser gmuͤt uff roub nit stat
old das ein büt im wald uns gradt.
trag. Joh. B 2;
gerat in ein beut, das sy reich heim kummen, so seind sie erst recht edel. Frank weltb. 46ᵃ; mir ist ein beut gerahten, die musz verschlemmet sein. Garg. 95ᵇ (167 Sch.).
e)
wol bekommen:
nützt es (das wildbad) schon durch eines bit,
so gerats darnach tusenten nit.
Murner badenfahrt 132 (35, 37 Martin);
nun wil ich auff den abendt spat
uns zurichten einen salat
und ein faisten capaun braten,
darauff der Reinfal (wein) mag gerahten.
H. Sachs 3, 2, 212ᵃ;
würst, flaisch und gut schweinen praten,
darauff eim möcht ein trunck geraten.
1, 506ᵃ;
steck an den schweinen praten,
dazu die huͤner jung:
darauff wird mir geraten
ein guter frischer trunck.
Garg. 95ᵇ (167 Sch.).
f)
verstärkt durch zusätze wie wol, gut, glücklich, nach wunsch u. s. w., vgl. nr. 11, b, α: wol geraten, für sich gehn, bene succedere Dasypod. F 2ᶜ; es ist dir wol geradten, es ist dir glücklich gangen Maaler 169ᶜ; die sach geradtet wol. ebd.; gerath wol, pfeiffenholtz! Garg. 213ᵃ; demnach seine gute anschläge nicht wol waren gerathen. Rihel Livius 26; seine heirath ist ihm wohl gerathen. Rädlein 357ᵃ; narren haben gut glück, sie setzen hinein und geraht überzwerch wol. Henisch 1506; wanns wohl geräth, sind alle gute hebammen, in tranquillo quilibet gubernator est. Aler 900ᵃ; darumb kompt man nimmermehr zu auszbeut, gerets wol, so machet man blei, und gibt euch ein zubusz - brieff daran, darauff leihet kein jude, und gibt kein teuffel. Mathesius Sar. 218ᵃ; aber es gerieth dem junckher eben wol, dasz er seines pferdts zaum in den händen behalten. Amadis 77; das getraid, der wein ist dieses jahr wohl gerathen. Frisch 2, 90ᵇ; das vieh gerieth glücklich. Steinbach 2, 223;
derhalb hat die that unterwunden
und hat jm auch glücklich geraten.
H. Sachs 3, 1, 150ᶜ;
geräth es gut, so freue er sich seiner weisheit und seines glücks; läufts übel ab, dann bin ich bei der hand. Göthe 17, 24; es ist nach wunsch gerathen. Aler 899ᵃ; das bild ist dem maler vorzüglich geraten.
12)
übel geraten, übel ausschlagen, schlecht gedeihen, misraten, vgl. schweiz. vergrathen, fehlschlagen, mislingen Stalder 1, 474: ubel geradten, male cadere, die sachen geradtend übel. Maaler 169ᶜ; wenns denn geschehe, das das erst mal ubel geriete. 2 Sam. 17, 9; die besten gedancken gerahten wol zum übelsten. Henisch 1505; aber diese unpartheilichkeit gerieth mir übel. Fr. Nicolai in Göckingks leben desselben 38; das hätte dir übel gerathen können. Göthe 8, 69. 42, 95. 303; welches uns aber beinah übel gerathen wäre. 24, 252; gelingt nun diesem klugen helden sein besuch, so ist frevelhaften stürmern der unterwelt früher ihre unternehmung übel gerathen. 44, 121; von menschen: ist das eine frouwe einen man hat, der obil geraten ist. kulm. recht 5, 58, s. 184 Leman; er ist ubl geraten, ad turpitudinem educatus Schönsleder T 7ᵈ.
13)
an rat, vorrat, mittel, vermögen (theil 8, 157) knüpft ein merkwürdiges geraten im ostpreuszischen an: wir geraten nicht mehr, zu geben, vermögen nicht mehr die steuern aufzubringen. Frischbier 1, 227; gerathen, völlig fertig werden, jemanden gleichkommen, ich kann ihm nicht gerathen, ich kann nicht so viel und so geschwinde arbeiten als er, oder wenn es eltern von einem kinde sagen, ich kann ihm nicht so viel kleidung, wäsche u. s. w. machen lassen, als es zerreiszt. Hennig 83; gerathen, ausreichen, auskommen, man kann mit dem was man einnimmt nicht gerathen. Bock 13.
14)
geraten, entbehren, ermangeln, missen, verzichten, in der neueren schriftsprache durch entraten verdrängt, aber noch in mundarten lebendig; ihm liegt zu grunde das mhd. rât haben eines dinges, es nicht nötig haben, es entbehren können, es lassen mhd. wb. 2¹, 571, z. b.
dô sprach der hêrre Sîfrit   'ich hân der hunde rât.'
Nibel. 875, 1.
a)
mit genetiv: mhd.
(man) der iuwer niht gerâten kan.
Iwein 6124;
ir habet ouch vil maniger hande hôhvart, der ir wol gerietet. Berthold von Regensburg 1, 397, 4 Pfeiffer;
o kunik, gib ir das kint allein hin:
meines tails ich gern geraten wil.
fastn. sp. 2, 530, 7;
nu sie aber das nimer thun, und der fasten auch wol lieber geraten möchten. Luther 1, 514ᵃ; ein dirne, wo nicht die hohe seltzame gnade ist, kan sie eins mannes eben so wenig geraten, als essen, trincken, schlaffen und andere natürliche notdurfft. 2, 140ᵇ; so wenig wir essens und trinckens geraten können, so wenig können wir anfechtung und leidens geraten. 5, 315; muszten sie (die priester) eben so wol, als die leien, der andern gestalt geraten und emperen. 6, 101ᵇ; ich habe auch eine nonne genommen zu der ehe, wiewohl ich es hätte mügen gerathen, und nicht sonderliche ursache gehabt. briefe 3, 84; ich wolt lieber eines augs dann deiner freundtschafft geradten. Wirsung Calistus q 2; mag der mensch des schlauffes nit gerauten. Steinhöwel bei Schmid schwäb. wb. 420;
man spricht der sei ain sälger man,
der artzenei geraten kan.
Schwartzenberg 137, 1;
zuͦ straff muͦst sy (die jungfrau) ains mansz geratn.
Schmelzl David 15ᵇ;
ich wil graten jr allsander (aller männer),
eh ich Phebum nem zu eim man.
H. Sachs 3, 2, 268ᵇ;
uberflüssige buchstaben in unserm teutschen a be cee .. der wir geraten möchten .. sein erstlich das griechisch y und z. Ickelsamer c 4; hilff gott, das die welt also will betrogen sein und der münch, juden und dergleichen goldwürm nit will geratten. Frank weltb. 154ᵇ; darmit es in der besatzung zu gutem komme und die feind desselbigen gerahten und mangeln müssen. Fronsperger kriegsb. 1, 128ᵃ; die wilden leuth gerahten der seel, darumb sie nicht sagen können, dasz sie menschen sind. Paracelsus 2, 183 A;
wer aber das (geld) nicht haben kan,
vil dings das er darff grathen musz.
J. Ayrer könig Theodos. 173ᵇ (2, 861, 10 Keller);
man gereht eines jeden, der nicht da ist.
schöne Phänicia 421ᶜ (3, 2116);
wer nicht will mahlen, der gerath desz mehls. Henisch 1505 sprichwörtlich;
müssen drinn (in der stadt) all sengen und braten:
auch die kinder in der mutter leiber,
auszer der aller schönsten weiber,
der wir nit können gerathen.
Fadingerlied (1626) in Görres hist.-pol. bl. 33, 957.
b)
auch mit accusativ: was ir daniden bei euch geraten köndt, es sein knecht oder pferdt, das wöllend uffs furderlichst hieher verschaffen. Baumann quellen 2, 398; das wir doch vil lieber geraten wölten. Schade sat. u. pasqu. 3, 92, 9; so namentlich mundartlich: bair. östr. gradn Schm.² 2, 168, graͦdn Castelli 147. Loritza 49ᵇ, graͦtn Schöpf 537. Lexer kärnt. wb. 205, schwäb. graten Schmid 420, würzb. geratha Sartorius 45, egerländ. graudn Neubauer 65. aus den mundarten ist das wort sogar in benachbarte romanische gebiete eingedrungen: ladinisch garatè, geraten, gelingen, entbehren, churw. gratiar, gartiar, gratager, gartegiar, gelingen Schneller 1, 237.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3567, Z. 79.

geraten, n.

geraten, n.,
substantivischer infinitiv des vorigen, successus, adventus Steinbach 2, 224: gott müsse das gedeien und geraten geben in unser erbeit und hut. Luther 5, 481ᵃ; er meinet er wolle zutreffen, aber es ligt doch alles am gerahten. Neander sprichw. 11 Latendorf.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3576, Z. 68.

geraten, part. adj.

geraten, part. adj.
1)
einem geraten sein, raten, mit rat und that behülflich sein: daʒ wir si und die iren getriulich schirmen und ouch geraten und beholfen sin wellen. chron. d. d. städte 1, 138, 3 (von 1384); daʒ wir in dan geraten und beholfen sein. 145, 1 (Nürnberg, von 1388); anweisung geben: wollet mir geraten sein wesz (mich weiter gegen ihn halten soll). Dief.-Wülcker 613 (Frankfurt, von 1351); ewer furstlich gnaden geruhen, uns in sölichem bei disem unsern botten in schriften gnedigklich geraten zu sein, wes uns in solichem gegen dem hawfen der uffrurigen pawrschaft zu tun oder zu lassen sei. Baumann quellen 2, 232.
2)
günstig, gewogen:
swem si niht wol gerâten (sind),
der wirt hin und her gedeuset (gezaust).
Renner 3632;
noch heute hört man im volksmund: dem sind die nachbarn nicht geraten.
3)
wolberaten an geist und körper, wolbeschlagen: ein geraten man kan viel tausent helffen. Luther 6, 2ᵃ; mit anklang an gerad, behend, gewandt: griffen die zween den erwelten (bischof) und wolten ine uff den altar heben, aber als er ein geradner herr was, da hupfft er selbs hinuff. S. Brant 200ᵇ Zarncke.
4)
wolgediehen: ein gerathen jahr, annus fertilis Aler 899ᵃ, s. geratjahr; eine wohl (übel) gerathene ehe. Rädlein 357ᵃ; ein wolgerahtener sohn, nl. wel geraaden Kramer 2, 93ᵃ; wolgelungen: ein seer wol geraten bilde. Luther wider Hans Worst E 4ᵇ.
5)
ratsam, vortheilhaft, nützlich: so vil das sü ouch geroten beduncket darzuͦ zuͦ setzen das kein zapfener zweierlei win in eim keilre haben soll. Straszburger zunft- u. pol.-verordn. 545 Brucker (von 1453); do beduhte die herren ouch geroten sin zuͦ ordenen. 546; gerahten finden etwas zu thun, nnl. geraaden vinden Kramer 2, 92ᶜ, mnl. gheraeden duncken, consultum et utile videri Kilian; da wir sie (die wolle) auf dem wagen hatten, wollte uns nicht länger gerathen sein zu warten. Schweinichen 1, 363;
wahrlich gerathener wär es im forst zu erlegen das raubwild.
Voss bei Campe;
(man) rechnets dabei noch immer für gerathen, wenn man nur ungeschlagen durchkommt. Felder sonderl. 2, 198; näheres s. unter raten theil 8, 176.
6)
von geratner weis, aus erlaubten ursachen: darnach fragt man, ob ainer aus dem land käm, es wäre von geratner oder ungeratner weis wegen. östr. weisth. 1, 2, 41; wann ainer von geratner weis, als von lerung handwerchs, diensten oder anderer sachen wegen aus dem land käm. 43.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3576, Z. 73.

gereit, adj. und adv.

gereit, adj. und adv.,
verstärktes reit (s. th. 8, 765), beide später verdrängt durch das gleichbedeutende bereit, goth. garaids διατεταγμένος, altn. greiđr, leicht, leicht zu bewerkstelligen oder von statten gehend, ags. gerâd, instructus, paratus, mhd. gereit, gereite, niederd. gerêd mit der nebenform gerêdich (chron. d. d. städte 12, 322, 7), mnl. gereide, nnl. gereed. über ableitung und verwandtschaft s. gereite 4, c und Dief. goth. wb. 2, 159.
1)
bereit, fertig, zur hand:
und vant sîn eʒʒen al gereit.
Eneit 291, 28;
künec unde hof die wâren dô
ze sînem willen gereit.
Tristan 210, 4;
daʒ der gereite gotes segen
disse reinen mannes pflac.
Gregorius 3574;
s. die reichen belege im mhd. wb. 2¹, 671ᵇ fg.; do dy forme (zum glockengusz) gereit was, do liesz er dy in dy erden brenge. Stolle thür. chron. 187; das schiff ist nicht schuldig auf ihn, den kranken zu beiten (warten), sondern zu segeln, so es gereit ist. jus nauticum civit. Gedanensis 1611 § 7; gereite kost, fertig gekochte. Magdeb. fragen b. 2, cap. 8, variante für gare kost; vorrätig: Zigenhan in Hessen daʒ stedechen wart uf einen morgen fru ... irstegen unde gewonnen und alleʒ daʒ genomen, daʒ man gereideʒ fant, geplondert gare. Limburger chron. 91; wiltu uber land essig mit dir tragen ... das du gereiten essig habst. küchenmeisterei d 3; juristisch gereite habe, gereites gut, der theil des besitzes, über den man sofort verfügen kann, also vornehmlich das baare geld, die daliegenden früchte u. s. w., im gegensatz zu den immobilien:
(dasz er) der frouwen ein deil gulde
reichete an gereider habe (baarem gelde) ..
sa nu di frouwe lobesam
daʒ gelt also zu ir genam.
heil. Elisab. 7535 Rieger;
unde wel ich, daʒ men dyt gereyt gelt unde korn alleʒ gutlichen unde kuntlichen gebe unde bezale von deme gereyden gude unde von der gereyden habe, dy ich laszen, daʒ sy an fruchten oder an wyne unde wy man dy gereyden gut haben unde finden mach nach myme dode. Limburger chron. 132 Wyss (urk. von 1382); und sal man des doden frunden ader den beschadigten den schaden offrichten von des misdadigen gereitesteme gude, unde sin ander gud is virfallen unserme herren. Bodmann rheingau. alterth. 627 (14. jh.), wiederabgedruckt weisth. 1, 543, 69, vgl. weisth. 2, 626 f. (von 1498); geredes gut oder gerede, bei den schiffern die wertvollsten gegenstände der ladung, welche sogleich zur hand liegen und bei einem unglücksfall zuerst gerettet werden müssen. das wort lebt noch in den mundarten, z. b. schwäb. graid, fertig Schmid 422, bair.-tirol. grêd, bereit Schm.² 2, 31. Schöpf 543, aach. nordostböhm. preusz. gerêt Müller-Weitz 67. Knothe 250. Frischbier 1, 228ᵃ, gerêd brem. wb. 3, 453. Schütze 3, 280. ten Doornkaat-Koolman 1, 611ᵇ, siegerl. gereit, gelegen, bequem Schütz 13ᵇ.
2)
baar, vom geld: man gap ir dâ vure funf hundert lôtige marg, wanne si inwolde nicht nemen danne gereite gelt. mystiker 1, 245, 1 Pf.; gelobit ein man deme andirn in gehegetem dinge scholt, dy her im schuldig ist, zu bereitene (bezahlen) mit gereitem gelde uf einen benumeten tag. kulm. recht 3, 118; so musten si geben zu schatzunge an gereidem gelde bi driszig dusent gulden von Florenzen. Limburger chron. 83; umb gereit gelt. chron. d. d. städte 14, 646, 16; wird mit gereitem parem gelt bezalt. Fischart bienenk. 100ᵃ; angesehen in sonderheit, das sie alda Christum auch mit gereiten pfenningen verkauffen wöllen. 149ᵃ. auch in dieser bedeutung noch mundartlich, gerêt Frischbier 1, 228ᵃ, vom gereiten (vom capital) leben Knothe 250.
3)
im adv., mhd. gereite wb. 2¹, 671ᵇ. Lexer 1, 877.
a)
leicht und schnell, sofort, alsbald, noch hessisch adv. krête, geschwind, rasch Vilmar 320:
wer sîne wort gehôrte,
der geloubete in gereide
alse eime geswornen eide.
heil. Elisab. 3253 Rieger;
das will ich, liebe muter, thun so drote,
und habe mich darauf gereide berothen.
fastn. sp. 902, 32;
was bist vor ein wetterhan?
du stehst noch hauszen vor der pfort,
und gibst gereit solch hönisch wort?
B. Waldis Esopus 4, 69, 40 K.;
die müntz hat gereit ein ander geprege.
Soltau volksl. 241 (16. jahrh.);
das jn der bapst nicht strafft gereit,
das er hielt pfingstag vor der zeit.
Fischart Dominici leben 2111 Kurz;
und förchten, dasz jhn von der beut
etwas entzogen werd gereid.
nachtrab 930 K.
b)
bereits, schon: gereyth, itzundt, ingnot, jam. voc. 1482 l 8ᵃ; do hatte der torworte der thor gereite dry uff geton, bisz uff ein tor das uszerste, das was noch zu, und her slosz gereite dor an. Stolle thür. chron. 2; von disen unsern geistlichen, die gereit zuͦ derselbigen zeit anhuͦben zuͦ geilen (sich übermüthig zu betragen). Schade sat. u. pasqu. 2, 11, 10; daselbst sieh ich etliche gereit ohn alle sorgen schlemmen und prassen. Hutten 5, 333 Münch; dann sie sich gereit vieler scharfsinniger ding unterstehen. 334; gemelte bawern also geil, stoltz und muͦtwillig wurden, das sie zuͦm letzsten niemant betzwingen möcht, und gereid etliche under inen, nemlich die hanen und gentz, so frech und ruͦmörisch sein, das nit darvon zuͦ sagen ist. Lorichius wie iunge fürsten 55 neudr.; alles dasjenige, was dem lantgraffen gereit begegnet, oder noch ferner begegnen mochte. Chmel staatsp. Karls V. 428;
hie hab ich den trank gereide
zu ihrem groszen herzleide.
fastn. sp. 939, 9, vgl. 943, 28;
hol mir doch wasser in die eimer, ..
weil du gereit bist durchhin nasz.
B. Waldis Esopus 4, 29, 12 K.;
dann ich an orten war gerait.
da sah ich ander schnabelwaid.
Fischart flöhh. 981 K.;
aber Joseph het gereit
das kindlein genommen
und war diesem hertzenleid
in Egipt entrunnen.
Michael Weisse bei Wackern. kirchenl. 263;
gereit, quod hodie contracte greit et kreit a plebe pronunciatur: es ist kreit spat, jam advesperascit Stieler 1502; hessisch kreit, krêt, bereits Vilmar 320. sieh gereits.
c)
deutlich: herr Wilhelm Wernher freiherr zu Zimbern war dozumal solliches gronen donderstag zu Alberspach im closter, der hat die brunst gerait sehen megen. Zimmer. chron. 3, 82, 8; och sült ir wissen, als er nun begraben was, das er (Tämerlin) donach ein gantz jar in dem grab py der nacht honot (heulte), das es die priester, die by dem tempel saszen, gereit hörten. Schiltberger reisen cap. 20 Neumann, in Langmantels ausgabe berait; elsäsz. man hats gerai gehört, deutlich, laut, vernehmlich Klein prov. wb. 141.
4)
anderes stammes, zu reiten 3 (th. 8, 774) gehörig, ist ein mhd. gereite, auf der fahrt begriffen, umherschwebend: sô man die mettî an vâhet und der mensche sîn herze ûf hebit ze gote, ê eʒ iemir einen vers gespreche, sô ist eʒ inwec und sweibit denne alumbe die welt und ist denne gereite unz an die lausmettî, ê eʒ iemir wider an got gedenke. Wackernagel pred. 54, 152.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3623, Z. 32.

gereit, adj.

gereit, adj.
verstärktes reit (Lexer 2, 397), geringelt, gelockt:
gereit ist sines haures lock.
Merzdorf historienbib. 426, cap. 5, 8 var.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3624, Z. 81.

gereite, gereit, n.

gereite, gereit, n.
1)
häufiges und anhaltendes reiten.
2)
fuhrwerk, wagen, ahd. gireite, gereite, bigae, quadrigae Graff 2, 479. Williram 108, 2 Seemüller, mhd. gereite Lexer 1, 876, nhd. erloschen, s. reiten 3, a.
3)
das männliche zuchtvieh: vort erkent der scheffen, dasz meines hern hoffman schuldigh ist das gereith zu stellen under die beide herden, khue und schwein, und der pastor under die schaf, des erkent man zu den zweien hern den zehenden von lemmern und fercken und von jederm kalf ein rader pfenningh. weisth. 2, 272. s. reiten 4, vom bespringen der thiere, und vgl. nordostböhm. das gereit, die begattungszeit der hunde Knothe 250, schles. die katzen haben das gerieth, reiten auf einander, haben ihre balzzeit Berndt 43.
4)
ausrüstung des pferdes.
a)
das reitzeug, ganz oder ein einzelnes stück desselben, s. die zahlreichen belege im mhd. wb. 2¹, 743ᵇ und vgl. Schm.² 2, 174: mhd.
ir ros diu wâren schœne,   ir gereite goldes rôt.
Nib. 69, 1. 72, 3;
dô truoc man daʒ gereite   ze Wormeʒ über den hof.
1448, 1, vgl. 1510, 2;
vorder gerayt, antela, hinder gerayt, postela, gerayt unden an dem sattel, subtela Brack 36ᵃ; noch ostfries. gereide, reitzeug, pferdegeschirr ten Doornkaat-Koolman 1, 612ᵃ. Stürenburg 69ᵃ. s. hintergereite.
b)
das gerait, die im 16. jahrhundert bei festlichen aufzügen, turnieren u. s. w. übliche ausstattung der pferde mit kostbaren, meist bis zum boden reichenden überhangsdecken Otte archäol. wb. 80: ich gab im darumb einen zoum und ein gereit, kost mich einen francken und 2 sl. dn. chron. d. d. städte 9, 1043, 28 (Straszburg, 14. jh.); nach ime giengen XIIII hübscher hengst allerlai farben, der zawm und geret (vgl. geräte 14) mit geschlagen silberein plechen belegt und darein viel silbener glöcklein gemacht waren. Weller zeit. 23; und hiengen an den furpügen und gereit viel guldener glöcklein. ebenda; und wirt iren (der Deutschen) sitten nach nichts vor ungeschaffner und heilloser gehalten, dann pferddecken und gereid zu brauchen. (ephippiis uti). Ringmann Cäsar (1530) 31ᵃ; rossdeck oder gereidt das einer rossdeck gleich sei. Nürnb. polizeiordn. 108 Baader; stragulum, ein gereit zu einem pferd. Dief. 554ᶜ; ein perlin gereide. ebenda; der hengst mit dem sattel und gülden gerait. Aventin. chron. 390.
c)
wahrscheinlich ist, dasz dieses gereite ursprünglich dem bei gerade sp. 3556 besprochenen stamme angehörte und 'ausrüstung, schmuck des rosses' bedeutete (ahd. gereita, falera Graff a. a. o., ags. gerædu, falere, nhd. rosskräid, frontalia, s. sp. 3556), dann aber, wie dies in der sache lag, auf reiten umgedeutet wurde, während andererseits allmälig eine anlehnung an gerät stattfand, s. geräte 14 und vgl. Ruland dict. 74ᵇ: hinder grät, der riem, so man den rossen undern schwantz thuͦt, postilena. zu jenem stamme gehören auch goth. garaidjan, anordnen, garaideins, anordnung, garaids, angeordnet, bestimmt, mhd. gereiten, zurecht machen, rüsten, das adj. gereit, ferner redo im ital. corredo, arredo, span. arreo, altfranz. arroi, zurüstung, geräte, putz, sowie die zwei folgenden bedeutungen.
5)
schmuck, putz: do hat uf ain zeit die grefin ir klaider und kleinater uf dem schlosz ... an die sonnen gelegt, und als sie dessen nit achtung geben, do kam derselbigen rappen (raben) ainer und name uszer allem gerait und kleinatern nichs anders, dann den ring. Zimmer. chron. 1, 337, 10; mnd. gerede, gereide, schmuck Schiller-Lübben 2, 67; noch ostfries. sülfern un golden gereide, schmuck ten Doornkaat-Koolman a. a. o.
6)
ausrüstung, zubereitung, das zubereitete, gerät: vische, vleissche, broet ind alle ander gereede. Laurent Aach. stadtrechn. 250, 11 (von 1376);
si nâmen ziegel und ander gereite.
genes. 32, 16 Diemer;
der kirchherr und der küster beide
kamen auch hin mit ihrem gereide.
Simrock 1, 153;
kriegsgerät, waffen: si lieszen ir gereide da hinden. chron. d. d. städte 13, 174, 13 (Köln, 15. jh.); als theil der rüstung: focale, halszgereyd, cornette Frischlin nom. cap. 170. Emmelius 375; turneis-, stech-, arm-, bain-grait. Schm.² 2, 174 (von 1392); plur. gereide, haus- und handwerksgeräte. chron. d. d. städte 14, 774, 36; ostfries. gereide, gerät Stürenburg 69ᵃ; rheinfränk. all die gerêden, hausrat Frommann 5, 519, 14; nassauisch gerei, das gesamte schiffergeräte Keh ein 159.
7)
bei den meistersingern das gereite, das zählen der silben, zu reiten, zählen:
swer den gesanc gar ebene merken wil,
die kriuze und daʒ gereite wol, ..
nu hœrent wie er singen sol:
die silben durch die rîme sint gezalt.
Kolmar. meisterl. 82, 16,
vgl. Harsdörffer frauenz.-gespr. 4, 13: sie (die meistersinger) beobachten allein die anzahl der sylben und den reimen; dasz aber eine sylben lang- die andere kurtzlautend sei, das gilt ihnen gleich viel; die kreuze sind die trennungszeichen der stollen und des abgesangs Wagenseil de civ. Norib. 521 fg.: ein stoll bestehet aus etlichen versen, und pflegt dessen ende, wann ein meisterlied geschrieben wird, mit einem kreutzlein bemerckt werden (wie es in der that s. 504 fg. geschieht).
8)
das eingeweide, sonst ingerait Schm.² 2, 174. chron. d. d. städte 2, 311, 1 var., mit der nebenform ingerät th. 4², 2115, rhein. das geraid, das eingeweide Wegeler Coblenz 29.
9)
fröschgerede, froschleich, ova ranina Henisch 1261.
10)
entstellt aus gereute, s. dieses.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3625, Z. 1.

gereite, gereit, f., n.

gereite, gereit, f. n.,

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und in zusammensetzung heimgereite, heimgeraide, heingereide, heingerede, heingereth, umgedeutet in haingeraide und gereut. heim- hat hier dieselbe bedeutung wie in heimgarten, heimgericht, heimgeding (s. garten II, 2, e, γ sp. 1395 fg.), das dorf, goth. haims; die abschwächung in hein ist die gleiche wie in mhd. Heimrîch, Heinrich. gereite gehört zu dem sp. 3625 nr. 4, c erwähnten stamme (goth. garaidjan, anordnen, garaids, angeordnet, bestimmt) und bedeutet wol ursprünglich 'der festgesetzte, abgegrenzte raum, bezirk' wie in hofgereit, f., area ad usum praedii ac domus parata Haltaus 940 (s. hofreite und vgl. ahd. hreiti-huoba, colonia Schm.² 2, 172), heimgereite also 'der dem gemeinwesen zugehörige bezirk' im gegensatz zum eigen, zum privatbesitz der bauern und des adels. das wort ist bezeugt aus dem Elsasz, der Rheinpfalz, dem Rheingau, Rheinhessen und Unterfranken und weist auf die zeiten der ersten germanischen besiedelung und auftheilung des landes; so waren die wälder des Waskenwaldes und der Hardt von Straszburg bis Dürkheim in 16 geraiden oder bezirke getheilt (darunter eine ober-, eine mittelheimgeraide und mehrere Hardtgeraiden), an deren jeder mehrere gemeinden, eine genossenschaft bildend, gemeinsamen antheil hatten, s. Schöpflin Alsatia illustr. 1, 653 fg., Bodmann rheingauische alterthümer 439 fg. und Riehl land und leute⁶ 185: „positiv sprach sich das social-politische sonderthum aus in dem höchst merkwürdigen uralten markverein der rheingauischen heimgeraide. im ursprünglichen geiste dieses markvereins sind alle landesinsassen als eine grosze familie gedacht. die heimgeraide bildete das gemeinsame eigenthum dieser familie, die almende des landes. 'wald, weide, wasser, weg und steg' sind die nutzungen, auf welche jeder Rheingauer ein angeborenes recht hatte, aber nur im sinne der gütergemeinschaft, denn keiner durfte sich von diesen stücken etwas zum privatbesitz aneignen.
1)
die mehreren gemeinden gemeinsame waldung und weide, holzmark: plenum jus utendi lignis in silva hemgereite. weisth. 1, 767 (Landau, von 1291, Schöpflin Als. dipl. nr. 774 gibt in derselben urk. heingereite); missehelle umbe den walt, der do heiszet heingereite. Mone ztschr. 8, 142 (Landau von 1295, nach abschrift des 14. jh., die heimgeraidte weisth. 1, 767 nach jüngerer abschrift); die von Godramstein, von Sibeltingen (und andern zwölf benannten orten), die do recht hant in die heingereit (heimgeraydt weisth.). ebenda; die pfluger und die wagener in der heingereiden (heimgeraidte weisth.), e sie hauwen, so sollen sie sweren zu den heilgen, daʒ sie des holtzes nieman geben zu kaufe uszer der marke. ebenda, gemeint ist das von Adelung erwähnte 'Landauer gereut, welches sechzehen meilen im umfange begreift'; welcher holz ausz der gereiden entfrembt, der soll derselbigen, alsbalt man es innen wirt, gänzlichen entraupt sein. weisth. 6, 116, 5 (Maikammer bei Edenkoben, von 1577); als weit die gereid gehet. ebenda 10; welcher in den pfindigen wälten mit einem karch oder wagen in oder auszerhalb der gereiden weilet und bürkenreif oder reifstangen firen thete. 417, 16, vgl. 25; das vieh zu Gleiszweiler wurd den nehsten vom dorf uf die gereiden getrieben, so weit man dieselben erreichen kan, gleich andern gereidengenossen. 5, 572 (von 1 68); gemein gereth. 1, 640 (Kirburg im Westerwald, von 1461); geraide, nach der aussprache des volkes 'geräth' intelligenzblatt des k. b. Rheinkreises 1827 s. 243; mainfränk. die heinried (der form nach wie mainfränk. hofrit weisth. 6, 9): wann es were, das man buwet uf der heinried oder uf der gemeinde. weisth. 6, 7, 13 (Amorbach, von 1395); alle lantsidelhuser die uf den heinrieden stende. 6, 9; wer es, dasz imancz sesz uf der heinride zu Merschenhart. ebenda.
2)
die markgenossenschaft, welche die nutzung der gemeinen waldung und weide hat: rusticos de Gotramestein et Nuʒdorf et eorum complices, qui vulgari nomine heingereide appellantur. Würdtwein nov. subs. dipl. 12, 173 (v. 1256); item sie wisen auch, das ein bischof zu Spiere soll sin ein schirmer uber den walt, und hat recht mit eim wagen usz dem slosz zu Kirwiler brennholtz in demselben walde zu holen; und was der gereiden verbotten ist, das ist ime auch verbotten. weisth. 1, 772 (Edenkoben, 14. jahrh.); zwüschen den gemeinern des schlosz zu Madenburg off eine site, und der heingereide der dörffer Ulwesheim off die ander site als von des walds der heingereide wegen von holtzhauwens wegen. Scherz 642 (von 1426); es sollen auch die förster bei ihren aiden verpunden sein, wen sie ein feuer uf der gereiden wäldern sehen ufgehn, dasz sie vleisz ankehren, damit kein schad davon entstehe. 6, 416, 4 (Maikammer, von 1577); wan die förster einen frembden auf der gereiden finden, da ist die halbe ainung ihn und die ander halb der gereiden; und wovon die gereit stehet (absteht), sollen die knecht auch davon stehn. ebenda 7; wir wysen, die marck vur ein recht haimgerede; wess sie zu rade worden und gebot mechten, fugete iʒ en nit, sie mochtens minnern oder merern. weisth. 1, 512 (Bibrau bei Offenbach, von 1385); unser (des pfalzgrafen Ruprecht) dorf Virdenheim (Fürdenheim), daʒ unser friheymgerede ist. Mone zeitschrift 6, 432 (von 1367).
3)
das aus markgenossen gebildete gericht, sowie die gerichtsbarkeit und das recht der heimgereite, auch der gerichtsbezirk derselben: fürther weist man gemeine leuth (zweier dörfer) als solche gemeinschaft zu halten ein gemeine (gemeinsame) pfarr, ein gemeine tauff, ein gemein pfarner, ein gemein klöckner, ein gemein schützen, ein gemein hirt jenseit und dieser seit, ein heingeregt (sic). item fürter spricht der fauth (vogt) wieder die scheffen, das sie ausgehen mit den zwei gemeinden und das sie mit recht erkennen alle, die sich des heingereths gebrauchen und in dem heingereth sitzen oder wonnen, und nit hie seint an diesen ungebotten dingtag. weisth. 4, 570, 6 (Walluff und Neuendorf im Rheingau, von 1304, abschrift des 16. jahrh.); auch weisen wir, wer do in plicht ist, der soll hude hie syne, und soll sin heingereide suchen (als scheffe besuchen). 1, 493 (Geinsheim, gegenüber Oppenheim, von 1455); jus vero, quod dicitur heinreita, cum convicinis suis observare tenentur (mönche, welche güter in der gemarkung Nuszbaum, amt Bretten, gekauft haben). Mone zeitschr. 1, 486 (vom j. 1273); das heingerede soll der gemein zustehen und so ferne sie das ufrichtig halten und solchs zu rechter zit inbringen. weisth. 5, 267, 17 (Melbach in der Wetterau, von 1475); di bues des heinegereds umb beschedigung greben (vorher gemein fridengreben), zeunen und andern, das zu der gemeine vestigung gehört, ist 8 β. 5, 267, 19; die inwohner der gereiden. 6, 418, 23; die merckere wyseten auch, daʒ .. nymand keinen besundern eigen hirten han solte, sunder menglich vor einen gemeinen hirten driben in yglichem heyngerede, da er dann ingesessen ist. 4, 534, 2 (Dieburg bei Darmstadt, von 1452).
4)
in zusammensetzungen:
gereidengenosz
oder geraider ( Adelung), m. theilhaber an der heimgereide weisth. 6, 418, 25. 419, 28 u. öfter.
gereidenschultheisz m.
dorfschulze innerhalb der heimgereide 419, 26. —
gereidenspruch m.
rechtspruch des gerichts der heimgereide 415. —
gereidenstuhl m.
sitz oder ort dieses gerichts: diesz ist der gereidenspruch der vier dörfer Meinkammer, Kirrweiler, St. Martin und Diedesfeld, den sie alle jahr sprechen an dem eschermitwoch uf dem gereidenstuel von alter hero darzue verordnet, es were dan dasz man ungewitters oder kälte halben nicht verpleiben möchte, so soll derselbe zu Meinkammer gehalten werden. ebenda.mit umdeutung auf gereut führt Adelung noch an: gereutordnung, f., forstordnung; gereuteinnehmer, m., einnehmer der gefälle; gereutschlusz, m., beschlusz des forstgerichts.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3626, Z. 19.

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„gereit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gereit>, abgerufen am 28.11.2021.

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