Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gerichtsstab, m.

gerichtsstab, m.
stab als zeichen und sinnbild der richterlichen gewalt und würde, auch bezeichnet als richterstab und richtstab weisth. 4, 754. 5, 180, 5, s. rechtsalterth.² 134fg. 761fg.
1)
gerichthaltende fürsten hielten den gerichtsstab in der rechten hand, vgl. legenda Bonifacii bei Mencken script. rer. sax. 1, 846 'landgravius Thuringiae baculum jurisdictionis album in manu sua dextera gestans et ut judex sedens ad sententionandum': sin majest. (kaiser Friedrich III.) hat also bald den gerichtsstabe von marggraven Albrechten genomen, sich nidergesetzt und furgenomen, selbs zu sprechen. Müller reichstags theatrum 1, 632 (von 1474); wir solten einem andern fursten das gericht und den stab an unser statt empfehlen .. so satzten wir an unser statt den hochgeb. Wladislawen herzogen zu Theschin. urk. Karls IV. von 1353 bei Haltaus 1713.
2)
ebenso der gerichtsherr oder an seiner statt der richter während der gerichtsverhandlung,er gebot mit dem stabe stille (durch klopfen) und hegte das gericht, so lange er ihn hielt, war es feierlich gehegt, sobald er ihn niederlegte, geschlossenrechtsalterth.² 671: ich frag euch auf euren aid, ob es an rechter weil und zeit, tag und stund, das ich als richter in namen und anstat des hochwirdigisten fürsten und .. erzbischoven zu Salzburg .. soll den gerichtstab in die hand nemen und wie ehehafts rechtens recht ist ergên lassen? weisth. 6, 171, 1 (von 1588), s. unter gerichtsamtmann; der inhaber der vogti sol den gerichtsstab in der hand haben und uber aigen und lehen richten. 336, 3 (15. jh.); es sol und mag ain herr von Petershusen zu den obgemeldten dry eegerichten zuͦ Wisendangen eine gotzhus offnung und gerechtigkait des ersten hören laussen (lassen) und den gerichtzstab in seiner hand haben, wann das geschicht (geschehen ist), so sol er den stab von im geben und füro nit richten. 1, 140 (von 1473); so der heimburg mit dem eid bestetigt ist, so gibt im der büttel den gerichtsstab desselbigen tags, als ein richter das gericht zu besitzen. 5, 517, 6 (Wörth im Elsasz); (bei allen störungen des unter freiem himmel gehaltenen gerichts) ob man mit dem heiligen hochwirdigen sakrament fürrit oder gieng, ain landsfürst oder sonst ein erwirdige herschaft, frawen oder man durchzugen und herkemen, ob ein prunst, ein ungewitter, ein ramor (auflauf) beschäch, ob die pank unter euch niderging, ob ir blöd wurdt und der stab entpfiel, so mugt ir aufsten, nidersitzen, den gerichtsstab wiederumb in die hand nemben und ergeen laszen was landthädings recht ist. salzburg. landtäding von 1534 bei Walch beitr. 2, 152.
3)
auch zwei stäbe zugleich werden erwähnt, einer für den anwesenden gerichtsherrn, der andere für den gerichthaltenden richter: demnach seie ihro ehrwürden (abt) auf einen stuhl niedergesessen (beim jahrgeding) und ein weisz rüthlein oder stäblein dem schultheiszen gereicht und auch heiszen sitzen, jedoch aber zwischen beiden noch ein küssen mit einem weiszen rüthlein oder stäblein ledig gelegen. weisth. 2, 335 (von 1588); so der dinckherr zu gericht gesitzt, so soll der forster zwen stab han berait, und soll dem dinckherrn ein geben und soll er einen haben. 4, 98 (Elsasz, von 1581); denn soll der meiger eime, der denn ze gerichte siczet von der herren wegen, ein steblin geben und soll der meiger auch eins in seiner handt tragen. 101 (von 1497).
4)
beim antritt seines amtes empfängt der richter den gerichtsstab: so sol dann die abtiʒʒin irm marscalk oder einem andern, den si dann ausz iren amptleuten gehaben mag, irn gerihtzstab geben und vollen gewalt ze richten die stift mit vrag und mit beʒrung. weisth. 6, 185; uff solich erkantnusz hait der meier Thelen von Medeloissen den gerichtsstab geben und das jairgedinge nach altem gebrauch ze bannen befolen, welcher den stab angenommen und das jairgedinge gebandet hait. 2, 95 (Hochwald, von 1545); und ihm den gerichtsstab, oder wie man den stab der gerechtigkeit nennet, ubergeben. Reutter v. Speir kriegsordn. 35; der (vom märkerding erwählte) centgräff soll gehen vor den herrn (gerichtsherrn) .. und soll ihn pitten, das er ihme das ampt leihen und ihn bestätigen wolle, als von alters wegen gewohnheit und recht ist, und soll dem herrn geben zween weisze von schöpsenleder gemachte handschuhe an einem weiszen sommerladen hesseln stabe (stab von jungem haselnuszholz); so soll dann der herr ihme das ampt bestätigen und leihen ohne gold und ohne silber, sondern allein mit dem stab, den soll er ihme wieder geben. weisth. 3, 411 (Wetterau, von 1354, in neuerer abschrift), zu dieser beschreibung des stabes vgl. noch folgende stellen: der schultheisz, einen 11⁄4 elle langen haselstock, der von einem jährigen schusz und so weit die hand gehet geschält sein musz, vor sich in die höhe tragend. weisth. 2, 461; mit eime wiszen gescheilden stave 2, 773. 581. 601. 3, 415; es gab auch künstlich geschnitzte stäbe, aus ebenholz oder elfenbein, endigend in einer hand (s. gerichtshand); 'zum Blankensteine hat der gerichtsstab oben eine krümme, woran man ihn hänget. dann weilen das gericht den vormittag nicht zu ende gehet und indessen das gericht zur mahlzeit schreitet, musz der stock hangen bleiben, zum zeichen dasz das gericht noch nicht geschlossen sei.' Estor anweis. f. beamten 723 fg.
5)
mit ablauf seiner amtlichen thätigkeit giebt der richter den stab zurück: hierauf (hat) graf Wilhelm Wernher den 7 ten februarii im jar 1554 im rath das (cammerrichter-)ampt ufgeben, .. damit den gerichtsstab mit bewilligung deren beisitzer dem von Kunigsegg ubergeben. Zimm. chron. 4, 192, 31; ein jeder richter .. soll den gerichtsstab einer löbl. burgerschaft neben aufkündung des gerichts mit gezimender reverenz auf den rathtisch legen. östr. weisth. 6, 200, 10 (17. jh.); der sammthofrichter von Scholley überlieferte am 16. december 1810 den beiderseitigen (darmstädt. und westfäl.) commissarien gerichtsstab und gerichtssiegel (des hess. hofgerichts). Stölzel gelehrtes richterth. 1, 428.
6)
noch anderer gebrauch des gerichtsstabes: so sollent die büttel uf den sontag der herrn stäbe tragen, dasz man sieht, dasz gericht sein will. weisth. 5, 504, 18 (Unterelsasz, von 1490); so soll der meier am abent jeglichem huober mit dem stab zu dem geding gebieten. 4, 173 (Elsasz, von 1559). 176; wär es sach, dasz durch frembde oder durch heimbsche leut mit disem gerichtsstabe uf güter, sie seiend frembd oder heimbisch güter, gebot geleit würd in disem ampt für schulde, .. so wird uf des clegers begeren mit urtheil erkant, dasz man ihm ein boten von gericht leihen soll, dem schuldner .. zu verkünden, solche clager zu verantworten. 5, 507 (Unterelsasz, von 1490).
7)
der schwörende, gelobende, verzichtleistende, der schuldner u. s. w. greift, rührt, gelobt an den gerichtsstab, zur bekräftigung: item durch das angeloben an gerichtsstab, an statt eines geschwornen eidts, erwisen werden. Ulmer statuten von 1579 IV, 19 bei Haltaus 1713; ain vorster und zwen dorfmaier, die söllen by iren guͦten trüwen loben an des gerichtes stab, ainem herren, ouch dem dorf iren nutz zuͦ fürdern und schaden zuͦ wenden. weisth. 4, 405 (von 1492). 5, 195, 21; die gesambte burgerschaft (soll) am gewendlichen rathaus dem neu erwölten und confirmirten marktrichter allen schuldigen gehorsamb laisten und mit anrierung des gerichtsstabs, wie von alters herkomen ist, aidbindig das gelib thuen. östr. weisth. 6, 188, 17 (17. jahrh.); welcher nit ain angeseszner gerichtsman ist, .. (soll) an den gerichtsstab angloben, beim selbigen gericht .. sein sachen auszefürn und zu erledigen. 1, 35, 31 (von 1625); darauf der kämpfer an dem gerichtstab anrüren und geloben sol dem kampf in obgeschribener masz nachzukommen. Nürnb. kampfgerichtsordn. bei Haltaus 1061. Schottel 1234, 5; welchem für gricht gepoten wirt und kumpt und begert ains zugs uf sinen heren, mag der angrifen, das er sölich sach nit verantwurten künn ône sinen heren, so sol im zug geben werden, und mag ald (oder) wil er nit darumb an den grichtstab grifen, so sol im dehain zug geben werden. weisth. 5, 216, 36 (15. jh.); doruf hat Hans Moier, sein weib und son vor sich und ör erbin gantze und genugsame vorczicht und absagunge an gerichts stab gethan, bei trewin erin .. geredt und gelobet. sächs. receszbuch von 1496 bei Haltaus 1713; welcher an aines gerichts stab grift mit urtel, und das nit hielt und kundlich wurde, der ist verfallen die groszen busz mit gnad. weisth. 1, 281 (von 1432); welcher dem andern, er sei insäsz oder ein gast, an offnem gricht an des grichts stab lobt eine schuld zu bezahlen .. und das nit thut, der ist dem grichtsherren 10 lib. den. verfallen. 4, 411 (Thurgau, von 1474); (die säumigen gerichtsgenossen) welche nach der hegung und nach der heischung kommen, die sollen dem richter an den stab greifen. 3, 581 (Franken, 18. jh.); den (gerichts) botten einzusetzen soll ein stab gestelt werden (während zur einsetzung des schultheiszen oder schöffen ein aus der scheide gezogenes schwert dient), und mein herr von Prüm dem botten den eidt stellen und oben an den stab greifen, und der vogt unden zu. 2, 525, ebenso 544; anderes ursprungs ist 'den eid staben', s. staben.
8)
der gerichtsstab wird über dem haupt des zum tode verurtheilten gebrochen und ihm vor die füsze geworfen: an mer enden ist ain gebrauch, das der richter seinen gerichtsstab zerbricht, etwo so er von dem gericht aufsteen wil, etwo so er dem nachrichter die vorgeschriben antwurt gibt, zuͦ ainem zaichen, das nichts mer sol da wider gehandelt werden. Tengler laienspiegel 220 (121ᵃ); wann der beklagt entlich zu peinlicher straff geurtheilt wirdet, soll der richter an den orten da es gewonheit, seinen stabe zerbrechen, und den armen dem nachrichter bevelhen. Carolina art. 96; zerbricht damit den stab, wirfft denselben in den wurff (d. i. warf, werf, erhöhter gerichtsplatz), sprechende (zum armen sünder): nun helff dir gott, ich kan dir nicht ferner helffen! Wehner obs. pract. 222 Schiller; auch bei den landsknechten: so dann ein urtheil uber und wider einen ubelthäter, der peinlich beklagt, geht, alsdann sol der schultheisz offentlichen im ring den gerichtsstab, so er in seiner hand haben sol, zerbrechen und von jme werffen. Fronsperger kriegsb. (1566) 1, 4ᵃ; bricht der schultheisz darmit den stab entzwei und spricht: gott beleite die seel. hernach stehen die richter auff. 16ᵇ. diesem rechtsbrauche, der bis in unser jahrh. bestand, entstammt die bildliche redensart den stab über einem brechen, ihn scharf verurtheilen.
9)
bildlich steht der gerichtsstab ferner
a)
für gerichtsbarkeit und gericht: es hat der von Staingaden alle die recht ze Peytigo, die ain herr hat der Peytigo innhat, ausgenommen den gerichtsstab, der gehört einer herrschaft zu. weisth. 3, 653, 50 (Baiern, um 1435); uber leib und leben, uber alles, so für meinen gerichtsstab kommen wirdt, urtheil sprechen. Kirchhof milit. discipl. 236; auch hat ein jeder marktrichter was dem gerichtsstab unterworfen ist zu stiften und zu steuern. östr. weisth. 6, 191, 23 (17. jh.); zu regiren das volk, so seinem gerichtsstabe unterworfen ist. Butschky kanzl. 495; es soll nieman über disses dinckhoffs oberkeit und güter richten, wan des bemelten dinckhoffs herrschafftstab und gerichtzwang .. wil ouch jeman den andern umb des dinckhoffs guͦt oder andere sachen, die dem selben gerichtstabe zustendig sint, ansprechen, der solle in dissem dinckhoff thun und süst an keinem andern ende. weisth. 4, 200 (15. jahrh.); wer da in dem zirkel und dörfern gesessen ist, er seie welches herren er wölle, der soll dem gerichtsstab gehorsam sein. 5, 522, 2; ein jeder burgersman, er sei angesessen oder angefreid, soll mit einem pfening sein gerechtigkeit, die er alhier in purkfridt unter dem gerichtstab hat, melden. östr. weisth. 6, 203, 23 (16. jahrh.).
b)
für gerichtsbezirk: man spricht ouch zu dem rechte, daʒ des obgenanten gerichts stap söl gon in den obgenanten straszen unz gen Grymers eich. weisth. 1, 415 (15. jahrh.); der herren gebot und gerichts stabe gehet und soll macht haben bis gen Mitzingesdorf. 5, 522, 2.
c)
für gerichtsherr: wer es, das die hern von Rotenfelsch ufgeboten den (gerichtsleuten) von Birkenfelt, so sollen sie alle usz ziehen und dem stabe nochfolgen. weisth. 6, 46, 5 (von 1448).
d)
für gerichtseinkünfte: es soll ein herr von Rotenfels uf die drei geschworen montag in den hof reiten und soll vom stab zehren, d. h. von den gerichtlichen strafgeldern seinen unterhalt bestreiten. weisth. 6, 49, 3 (von 1494).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3676, Z. 1.

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Zitationshilfe
„gerichtsstab“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gerichtsstab>, abgerufen am 05.12.2021.

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