Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gerichtsstuhl, m.

gerichtsstuhl, m.
1)
stuhl, öfter aus stein gemauert, mehr oder minder geschmückt, auf welchem der richter als vorsitzender des gerichts sitzt, s. rechtsalterth.² 763: gerichtstuͦl, tribunal Heyden nomenclatura rer. (1548) A 5ᵇ; dies gerichte möge der graf bekleiden und spannen, und sein pferd binden an den schwerdtpfahl vor dem gerichtsstuhle. Möser phant. 2, 347 (aus einer urk. von 1452); da er (Pilatus) auff dem gerichtstuel sasz, schickte zu ihm sein weib. Matth. 27, 19 var.; darnach hat Florus die fürnembsten jüden für diesen gerichtsstul lassen führen. Reiszner Jerusalem 1, 31ᵇ.
2)
gottes gerichtsstuhl, insbesondere am jüngsten gericht: wer sich nicht einstellen will für dem gestrengen gerichtstuel gottes, der komme in der angenemen zeit für diesen gnadenthron ... alles fleisch wird sich einstellen vor dem gerichtstuel gottes. Mathesius leichpred. 244ᵃ; wir werden alle fur dem gerichtstuel Christi dargestellet werden. Römer 14, 10 var.; bis er uns am erlösetage ausz unserm schlafkemmerlein erwecket und unser heimlich leben ans tagliecht vor seinem gerichtstul bringet. Mathesius de profundis Z 4ᵃ;
da sprach Eloa: ich sehe
seinen gerichtsstuhl.
Klopstock Mess. 1, 381;
zum viertenmal bebt des gerichtstuhls
letzte höh.
5, 61.
3)
ort und versammlung, wo der gerichtsstuhl steht, das gericht selbst: darauf der prior die beide sambt hofscheffen und landtscheffen in gemein und jeden insonderheit seiner pflicht, damit er dem gerichtsstul und dem gerichtsherrn verwandt (zugewandt) sei, ermant. weisth. 2, 189 (von 1506); die redkunst wird am schändlichsten miszbrauchet durch die sachwalter bei gericht- und schöpfenstühlen. Harsdörffer frauenz.-gespr. 5, 442.
4)
der gerichtsstuhl und das ihm untergebene gebiet, der gerichtssprengel: als haben die anwesende scholtheisz und schöffen den gerichtsstul, den sie uff Widischem gebiet besessen, dem hochwurdigsten fursten und herrn, herrn Lothario ertzbischoffen zu Trier zuerkandt. weisth. 1, 840fg. (von 1606); gerichtsbezirke, die durch vereinigung mehrerer dorfschaften zu einem gerichtsstuhle entstanden waren. Stölzel gelehrtes richterth. 1, 26. vgl. stuhlrichter.
5)
bildlich das richteramt: die Kolbischen angriffe waren eben meine wendeltreppe zu diesem gerichtsstuhle. J. Paul 2, 14.
6)
stuhl, worauf jemand bei der gerichtsverhandlung sitzt: die gelbsüchtige Bertilia, die sich nicht weit von mir auf ihren frühern gerichtsstuhl gestreckt hat, um ihren rausch zu verschnarchen. Thümmel reise 4, 281.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1891), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3680, Z. 42.

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Zitationshilfe
„gerichtsstuhl“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gerichtsstuhl>, abgerufen am 07.12.2021.

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