Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gart, m.und auch f.

gart, m.und auch f.
1,
a)
nhd. im erlöschen; im voc. 1482 gart, stiga (aus instigare genommen), stimulus, aculeus k ijᵇ, garth ff 5ᵇ (durch druckfehler garch z 7ᵇ), auch in älteren voc. des 15. jh. gart stimulus Dief. 553ᵃ, nov. gl. 348ᵇ; später nur noch bei Maaler 157ᵇ der gart, stupfruͦt, stimulus, daher bei Henisch 1359 u. a. (Dief. 553ᵃ). Doch landsch. noch heute, schweiz. gart m. lange gerte (vgl. 2) womit man die ochsen z. b. beim pflügen zur arbeit peitscht Stalder 1, 425; aber der gart dient urspr. nicht zum peitschen, sondern zum stupfen, stoszen, stacheln (vgl. stachel unter 2, a). so noch in den sog. cimbrischen sprachinseln im nördl. Italien gart m., stachel zum treiben des lastthieres Schmeller 124ᵃ.
b)
mhd. war es vielgebraucht (s. die wbb.), als treibstecken des pflügers, viehtreibers, auch bildlich, z. b.:
die vürsten hânt der esele art,
si tuont durch nieman âne gart.
Freid. 73, 1;
ahd. gart, cart stimulus, aculeus Graff 4, 255, pl. gartâ, mhd. garte.
c)
aber wirklich auch für gerte (wie schweiz. unter a): drîʒic slege mit einem grüenen eichînen garte, der zweier oder drîer dûmellen lanc sî. Schwabensp. 149, Deutschensp. 115, im Ssp. als fem. mit êner grônen êkenen gart II, 16, 4 (vergl. 2, b). in Kärnten gàrte (gerte) masc., dünner ast zum treiben des viehes Lexer 113.
d)
damit erklärt sich auch das merkwürdige wîngart, sonst neben wîngarte gleich weinberg (s. garten I, 2, b) in der bed. wein stock: vitis, wingart Dief. 624ᵃ, auch schwachformig (wie garten rute unter 2, b) wîngarten pflanzen, ziehen, s. Diemer gen. 2, 276ᵇ, vgl. 'viticula eyn wijngarden off wijngartplante off stock' gemma Cöln 1511 AA 2ᵇ (das -en demin., s. küchlein II, 2, a); auch ags. wîngeard vitis (var. wîngeord) Bouterwek altnorth. evang. s. 388ᵇ; es musz eigentlich der setzling, fächser sein, das geschlecht wird schwankend gewesen sein wie bei gart. es muszte sich übrigens mit wîngart weinberg mischen, zumal garten auch eine fem. form hatte.
e)
bemerkenswert ist die bed. aculeus, eigentlich wol der stachel des treibsteckens für sich, das garteisen (s. d.), vgl. stachel unter 2, a; aber auch vom stachel des scorpions: der lewe fürht den spitzigen gart des schorpen. Megenberg 143, 13. auch mnl. 'aculeus, gart vel hekele' hor. belg. 7, 8ᵃ, gaert m. Oudemans 2, 340 mit belegen, als stachel (des todes, des scorpions) und stachelstock.
2)
daneben
a)
gleichbedeutend gerte f. im 16. jh. und schon früher: stimulus, ein stachel, stupfruͦt, stupfgerte. Dasyp. 232ᶜ, gärt Frischlin nom. 266, gert aculeus Dief. 11ᵃ; im 15. jh. gert (auch gerteisen) Dief. nov. gl. 348ᵇ, bei Melber y 6ᵃ stimulus est id, quo carnifex stimulat vaccam in latus, ut velocius vadat, ein gert (in andern ausg. gart Dief. 553ᵃ). noch jetzt z. b. in Luxemburg gêrt f., treibstachel zum treiben der ochsen (auch stange) Gangler 168.
b)
mhd. aber erscheint ein starkes fem. gart, sowol für die gerte (wie mnd. unter 1, c) als den treibstecken:
ich bin ze schalkeit ungelârt,
ich kan niur menen (vieh treiben) mit der gart.
MSH. 3, 239ᵇ;
er hûb ûf die rûte.
dô wîste got der gûte
ein zeichen an der selben gart,
wand si von blaten grûne wart.
pass. H. 12, 77;
vgl. tirol. gart f., gerte Schöpf 176, schwachformig 'girten vel garten, virga' voc. inc. teut. i 7ᵇ, und bei Graff 4, 256 garte stimulus. s. auch das fem. garte unten.
c)
das mhd. gart f. wird gestützt durch ags. geard f. virga, arundo Ettm. 416, noch engl. yard rute, elle.
d)
beachtenswert auch gurt in mhd. gurtîsen gleich garteisen: sint ir unz her mit einem ruͤtlin getriben, ir muͤszent nu ein scharpfes gurtysen han. Scherz 579, vgl. oberbair. ochsengôrt Schm.² 1, 938, dessen ô freilich aus â, a stammen kann (und schweiz. gürten durchprügeln); aber auch altenglisch yurd gleich yard. dabei könnte das i in girten unter 2, b mehr sein als blosz erhöhtes e aus a, ein voc. des 15. jh. bei Dief. 621ᶜ gibt neben gart und gert auch girt virga, wie Alberus BB 1ᵃ girt flagellum, vgl. engl. gird peitschen, stechen, sticheln, altn. girđi n. rute als faszband.
3)
weitere verwandtschaft.
a)
die goth. form ist, mit der bed. 1, e, gazds m. κέντρον 1 Cor. 15, 55. 56, gazds dauþaus, des todes stachel; das ist wie goth. huzd n. gleich hd. hort, das z als weiches s, das dann in r übergieng. altn. aber gaddr m., gadd n., stachel, sporn, dorn (gadda stacheln, spornen) Fritzner 186ᵃ, auch groszer nagel, besonders schiffsnagel Egilsson 217ᵇ, älter dän. gadd n. stachel Molbech dansk gl. 1, 270; noch norw., schwed. gadd m. stachel, z. b. der insecten; es ist wie altn. hodd f. schatz gleich goth. huzd, hd. hort.
b)
wesentlich aber abweichend engl., und zwar in doppelform: goad treibstecken, stachelstock (to goad stachelnd antreiben), altenglisch goode Stratm. 243, gode stimulus Wright 89ᵇ, ags. gâde stimulum 11, gâd 15ᵇ; schott. gade, gaud, stecken des ochsentreibers (gadman). Daneben engl. gad jagdpeitsche, spitzes eisen, stock mit eiserner spitze (Halliwell 388ᵃ), älter aber gadde, peitsche, rute prompt. parv. 184ᵃ, eisenspitze, eisenstab Halliw. 388ᵃ, gerusia Wright 202ᵃ, also zur nord. form stimmend. Nimmt man dazu das ags. geard rute (2, c), so liegt da in yard, gad, goad eine manigfaltigkeit bei innerer einheit vor, die anderwärts nur in bruchstücken vertheilt erscheint. denn die einheit ist unverkennbar: das prompt. parv. gibt als éins 'gad or gode, gerusia, scutica' 184ᵃ; zu unserm garteisen ferner stimmt ags. gâdîsen stimulus (zum ochsentreiben) Wright vocc. 2, 'aculeus sticel vel gâdîsen' 15ᵇ (Grein 1, 366 gadîsen); mit geard, yard aber kommt überein nordengl. schott. gad rute, z. b. angelrute, auch meszrute, mhd. meʒgerte gleich meʒruote; anderseits gad mit dem nord. z. b. in engl. gad-nail langer starker nagel gleich altn. gaddr.
c)
aber alles geht auf gazds zurück, dessen schwindendes s (z) einmal in r übertrat, daher hd. gart, einmal aber sich theils dem -d anglich, daher nord. gaddr, ags. wol gadd (gad), theils dem vocale, der damit lang wurde, daher ags. gâd, schott. gaud, engl. goad; ebenso schwand solches goth. -z in verlängertem vocale bei mizdô lohn (griech. μισθός) in ahd. mieta, alts. mieda, mêda, ags. aber gleichfalls in doppelform meord und mêd (engl. meed). weiteres, auch auswärtige anklänge s. bei Diefenbach goth. wb. 2, 377 fg., Zeusz gr. celt. 1094.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1874), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 1381, Z. 35.

gerte, f.

gerte, f.
virga, baculus, pertica.
I.
Formen.
1)
ahd. garti, gardea, garda, kertia, kerta, gerta, mhd. gerte, alts. gerda, mnd. garde, gerde (Dief. 621ᶜ), mnl. gaerde, gheerde, bei Binnaert geirde, gerde, nnl. garde, ags. gerd, girde, gyrde, geard, altengl. yerde, engl. yard und mundartlich yerd Halliwell 946ᵃ, altfries. ierde, ieerde, nordfries. jaard, jord, jörd, auch altn. girdi, n. vimen. gerte ist eine weiterbildung zum masc. gart sp. 1381, goth. gazds κέντρον, lat. hasta.
2)
die nebenform girte, girt mit i statt des umlautes e, noch jetzt in der Wetterau üblich, erscheint bereits in einem handschriftl. vocab. ex quo von 1440 bei Dief. 621ᶜ: girt; im voc. inc. teut. i 7ᵇ: girten vel garten, virga, dimin. girtel, virgula; in einer psalmenübersetzung von 1494 bei Frisch 1, 321ᶜ: eiszem girtten, virgâ ferreâ, und mehrfach bei Alberus, z. b. girt, flagellum dict. BB 1ᵇ, s. unten II, 2, m und n.
3)
die schreibung mit ä war vorübergehend im 17. und 18. jh. üblich, gärte (s. d.) Henisch und Frisch, gärt, dimin. gärtlein Stieler, gärten Schönsleder: die im gemeinen wald aus anderer leuthe hecken reiffestangen, trudern, stangen, gärten und dergleichen abgeholet. weisth. 1, 605 (Westerwald, von 1658).
4)
mit norddeutschem anlaut jerte: ich schwippe mit der jerte. H. Heine reisebilder 2, 206.
5)
eine weiterbildung zu gerte ist gertane, wie hess. garthine, gerthine zu gart, s. gärtine sp. 1418: meister Peter (schirrmeister und hauptmann der fuszknechte) begert, etliche usz den hantwercken mit der gertanen (fechtstock) fechten zu leren. Frankf. bürgermeisterbuch von 1492 bei Lexer 1, 887, s. unten II, 2, r.
II.
Bedeutung.
1)
dünner und biegsamer schwanker ast, zweig, schosz: ahd. rebakerta, propago Graff 4, 257, nhd. gerten, zwick, strang, brachia in vitibus Cholinus-Frisius 124ᵇ; gert oder knecht an reben, custos Denzler 187ᵃ, rebschosz, gert, flagellum 274ᵇ; gerten, die neüwen schosz an weinräben, so alle jar an den geschnittnen gerten wachsend, die dan trauben gäbend. Maaler; gert, die von einem stock eingesenckt wirdt, einen anderen stock darin zu zieglen, wie die weinreben eingelegt werden. übrige gerten, an der beschnittenen weinreben, so man abwirfft. Henisch 1523; ahd.
sie druagun in then hanton   palmono gertun
ingegin imo rûmo,   zwîg ouh oliboumo.
Otfrid 4, 3, 21;
gert zuͦ öberst an baumen, flagrum Dasypod. E 5ᵈ; stabwurz oder gertwurz bringt lange dunne ruten oder gerten. Tabernaemontanus 50, daher diese pflanze selbst gerten genannt Schm.² 1, 941 (15. jh.); ein ort da vil gerten oder ruthen stehn, virgetum Henisch 1522;
mit breiten ästen
deckt ihn der baum bei seiner wiederkehr,
der sich zur gerte bog, als er gegangen.
Schiller XII, 89 (Picc. 1, 4);
dimin. gertlein: die roten (rosen-)struche haben swache gertelyn und dorner. Petr. de Crescentiis (1493) o 6ᵈ.
2)
abgeschnittene rute, stecken, stab: gerte oder rut voc. 1482 m 1ᵃ; die gert, virga, dimin. das gertle, virgula Maaler 170ᵈ; ahd. flugegerta, virga mercurialis, volatilis Graff 4, 257; mhd.
die (schwere stange) warf er von hant zu hant
als ein swankele gerten.
Wolfram Willeh. 202, 7;
nhd. ein astrologus wird langsam eine schlang in ein rut oder gerten verwandlen können. Fischart Bodinus (1586) 188. in mannigfacher verwendung:
a)
rute zum flechten eines zaunes, ahd. etorcartea leg. Bajuvar. 10, 17, noch bair. schweiz. die ettergärten Schm.² 1, 940. schweiz. id. 2, 441: das er einen wagen voller gerten zu einem geetterten zaun .. hawen möge. weisth. 1, 584 (von 1408); alsdann sollen die von Becheln das holz und die gerten hauen und gen Becheln vor den fronhof des junkers führen, und den zaun machen. 1, 597 (von 1482); eʒ sol auch niemand hawen ... dheinerlei gerten denn aichen zu hewsern (haus, hohler theil einer axt) und zu tüllen, weiden und espien zu zewnen. Nürnb. pol.-ordn. 306 Baader (von 1354, bez. 1425); zu anderem flechtwerk: gerten, wieden, lange dünne reiser von zehn bis zwölf schuhe lang, bei den faschinenwerken gebraucht, um die flechten damit zu verfertigen Vochs baulex. 121ᵇ; (als uferschutz) sol man vorsencken kasten mit holtzem geschrencke als ein rost mit gerten vorwircket und mit steinen usz gevollet. Petr. de Crescentiis (1493) e 8ᵈ.
b)
wiede zum anbinden der bäume u. s. w. Weise Altenb. mundart 77: ein weidin gert ist gelenck und schwach, und man kan doch starck bäum damit seilen. Lehmann flor. (1630) 263, 45.
c)
impfreis: spalde in (den stamm) noch schickunge dyner gerten, die du wilt imphen. stecke inn (hinein) die gerte. Petr. de Crescentiis (1493) e 1ᶜ; dimin. gertlein: uff der andern syten (wird) die uszer rinde abgenommen, daʒ sich also das gertlyn gar eben fuge zu dem stamme. e 1ᵇ; auch als masc. der gerten oder zweischosz, insitum Maaler 170ᵈ.
d)
stab als abzeichen der königlichen und richterlichen gewalt, in der ältern sprache: ags. cyne-gerd, baculus regius, ahd. chunengisc kerta, sceptrum Graff 4, 256; mhd.
diu gerte küng Asweres.
minnesinger 1, 28ᵇ Bodmer;
der keiser dô gekrœnet gie
unde truoc die künicgerte.
Servatius 2743;
richter-, gerichtsstab: ahd. gerta kerihtentis ist dînes rîches kerta, virga directionis virga regni tui. Notker ps. 44, 7 Wiener hds.; dâ skînet daʒ dîn garti ist garti des gerihtes. 8; die rihtest tu mit îsenînero gerta, daʒ chuit mit unwendigemo rehte. 2, 9.
e)
hirtenstab: karte, carde, girten, gerten, virga pastoris Dief. 621ᶜ, nov. gloss. 383ᵃ;
unser herre dô gab
deme hirte einen stap,
daʒ was ein gerte u. s. w.
Diemer ged. d. 11. u. 12. jh. 35, 9.
f)
daher der bischofsstab, der stab des geistlichen hirten: diu biscoflîche gerte. litanei 796 Maszmann.
g)
bei der beschwörung des besessenen hat der geistliche eine gerte in der hand: der pfaff hat den stol am halsz, ein buch und gerten in der handt. H. Sachs 14, 300, 2 Keller.
h)
die jungfrau Maria wird gern mit der wunderbaren gerte Aarons (des morgens fand er den stecken Aaron grunen und die blüet auffgangen und mandeln tragen 4 Mos. 17, 8) verglichen:
dich bezeichenot diu Aarônes gerte.
Diemer ged. d. 11. u. 12. jh. 384, 9;
dû blüende gert Arônes.
Walther 4, 4;
du bist die gert Aronis.
Hätzlerin 1, 125, 75;
auch blühende gerte von Jesse nach Jesaias 11, 10 und Röm. 15, 12, vgl. W. Grimm Konr. v. Würzb. gold. schmiede xxxiii.
i)
treibstecken, lange (hasel)rute, vorn mit eisenstift oder sonst zugespitzt, zum antreiben des viehs, s. unter gart 2, a sp. 1381.
k)
reitpeitsche, vgl. reitgerte: zu pferde reiten mit einer gerte in der hand. Ludwig 748; spieszgerte, virga, qua equi incitantur ab equitantibus Frisch 1, 321ᵇ;
er peitscht sein thier, ..
die gerte pfeift.
A. v. Droste-Hülshoff ged. 183 'Engelbert von Köln';
reit- und zaubergerte zugleich, s. 2, p:
mit schwanker gert' ein schlag davor
zersprengte schlosz und riegel.
Bürger 15ᵃ.
l)
stiel der peitsche, des dreschflegels. schweiz. idiot. 2, 440; pfannengirtli, d. h. pfannenstiel, name der schwanzmeise wegen ihres schwarzen, langen schwanzes. 444.
m)
einzelne rute des besens:
versucht, sagt er, auff diese weisz,
ob jhr dem besem seit zu schwach:
ein jeder seine girt zubrach.
Alberus fab. (1550) 228.
n)
strafrute: ahd.
thaʒ sie .. mit stabon giangin,
mit gertun (flagellis) in henti.
Otfrid 3, 14, 94;
sô andôn ih iro unreht mit kerto. Notker ps. 88, 33; Rutilius lies sein aidem entplosen und mit gerten schlagen, darumb das er geflohen war vor dem feinde. Muglein 32ᵃ; dasz man ihn an ein pfal bandt und mit girten zu tod streich. Alberus wider Jörg Witzeln L 2ᵃ; ich furcht, er werd mich in bann thun und ubel mit girten streichen. M 2ᵇ; die kinder, so er dem Camillo uberantwurt hatte, musten ihrn schulmeister als ihrn verrheter und plagiarium mit scharffen girten wol zusteupen. L 5ᵃ;
mit einer girten oder vier
von bircken ich die leut christier.
fab. 131;
und da man jn mit gerten in Pilati hausz striche. Mathesius Sar. 74ᵃ;
habens dich für Pilatum geführt,
mit geiszlen und gerten gschlagen.
Dilinger kathol. gesangbüchl. von 1589 s. 63;
got ist der pösen gerte.
Soltau 174;
gerte sagt man vornehmlich von der rute, womit man die kinder züchtigt Frisch 1, 321ᵇ; oberd. gerte, ein bündel zartes birkenreisigs Adelung; mhd.
ein swankel gerte,
diu argen kinden brichet vel.
Parz. 174, 9;
nieman kan mit gerten
kindes zuht beherten.
Walther 87, 1.
spieszgerte, spiesz-, spitzrute, als strafe der soldaten, flagella, quibus pedites castigantur Frisch 1, 321ᵇ; durch die spiszgerten lauffen, per intentas in se lancearum cuspides ire Denzler 187ᵃ.
o)
steckenpferd:
ich was ein kint, ..
sô tump, daʒ ich die gerten reit.
Ulr. v. Lichtenstein 3, 23.
p)
zauberstab: ahd. mit dero gerto in Moysenis hende. Notker ps. 73, 2; nhd. nun weisz menniglich zuvor, dasz die zauberer ohn einig gifft vermögen die leut umbzubringen, alleine .. mit einer gerten und ruhten, wie Cardanus schreibt, dasz er eine unholde zu Pavy gesehen, welche einem jungen kind schlechts (nur) mit einer gerten uber den rucken gefahren und jhm gleich auff der stett das garausz gemacht habe. Fischart Bodinus (1586) 671; wünschelrute, ahd. wunschiligarta, mhd. wünschelgerte.
q)
räuchergerte, -kerze, ahd. rouhgerta, virgula fumi, mhd. rûches gertelîn erlös. 5731.
r)
fechtstock, rappier: gert, mit welcher die fechter (gladiatoren) frei gelassen wurden (als ehrenzeichen), rudis Dasypod. E 5ᵈ, s. oben I, 5.
s)
am webebaum: ahd. weppigarta, -garti, -gerti, trama, pedalis, weppegerte, insubuli Graff 4, 257; virga textoris, kart Dief. 621ᶜ; appenzell. als masc. gert, zwei lange stäbchen, an welche die fäden zum durchlasse der kette befestigt sind: ein gewebe hat bald 2, 4, bald 6, 8 und mehr gerta. Tobler 218ᵇ; in älteren Augsburger weberrechnungen: von einer brait gördt 3 hell., von einer spinnetgördt 1 hell., von ainer schmala gördt u. s. w. Birlinger augsb.-schwäb. wb. 189ᵇ, 'bei den blättersetzern' (blatt ist ein schwebend hangender holzrahmen am webstuhl, mit feinen stiften, zwischen welchen die fäden der kette laufen, mit denen der durchgeschossene einschlag fest angeschlagen wird).
t)
als längenmasz, meszgerte, wie rute, meszrute: pertica, ein messe-girte Dief. 430ᵇ, calamus, ein masse gerte 88ᶜ; 12 gerten für ruten Straszb. cod. des Sachsensp. 3, 45, 8 bei Scherz 1, 532; wir haben der vorgenanten cappellen gemachet, gegeben und bewiset holzes vier gerten breit und vierzik gerten lank (vier klafter holz), eime cappellan alle jar ze geben uʒ unsern holtzlauben. mon. boica 40, 192 (bisthum Würzburg, von 1338); die muren (von Eisenach) machten die dorffschaft in dem lande zu Doringen itzlichs also vil gerten langk also om gesatzt was. Rothe dür. chron. c. 345; an sente Elsebethin nacht do erhubin sich drei fuer umbe Isenache in der luft .. und gyngen einer messegerthin hoch von dem ertreiche bis in den Horselbergk, do qwomen sie alle drei yn. 748; das wasser brach des gerinnes ... wol czwo meszgerten langk nedder. Stolle thür. chr. 189; der loufft deʒ wassers der kerslachen sal habe an der wite ein gerte. Michelsen thür. rechtsdenkm. 121 (Erfurt, um 1400); die grenze des holzes geht dem graben nach biss in den Zeller wegk oben den hangenden baum wol eine gerten. 285 (Königsee, von 1559); der sol an der stadt mauer einer gerten langk und breith .. uff seine unkosten zur strafe bauen lassen. 284; noch bei Adelung als längenmasz der landwirtschaft in Thüringen und Meiszen s. v. a. rute; die gerte in Suhl als masz für grund und boden gleich 12—14 schuh, ein acker hat 160 gerten. journal von und für Deutschland 1786 s. 531; ferner in Franken: ein, zwei gert holz, acker, weingarten, wiesen, nach der wirzburg. forstordn. von 1668 hält die gert 14 wirzb. schuhe, nach der von 1721 12 Nürnberger werkschuhe, 180 gert machen einen morgen oder acker. Schm.² 1, 941; altfries. ierde, ieerde Richthofen 845ᵇ, in Nordfriesland ist die jord oder jaard gleich 10, in Angeln nur gleich 21⁄2 fusz Outzen 149, vgl. Falck schlesw.-holst. privatr. 2, 338; mnl. gaerde, decempeda Kil. 152ᵃ, gaerde, gaarde, lengtemaat, landmaat Oudemans 2, 339; engl. yard, elle. als flächenmasz berührt sich gerte mit gart, garten sp. 1392, gartine sp. 1418, mecklenb. die jahrte, ein acker von unbestimmter länge, 4 starke schwad breit Adelung.
3)
stange: pertica, gert, stang Dief. 430ᵇ, stückgärte, fustis Stieler 611: solt man sie (fruchtbäume) mit gerten schlahen und mit bengeln daryn werffen. Keisersberg evang. 5ᵇ; noch luxemb. geert, f. die stange Gangler 168. vgl. ahd. segalgerda, segelstange, antenna, mhd. segelgerte Diemer ged. d. 11. u. 12. jh. 329, 12.
4)
penis: saumgerte, membrum asini. schweiz. id. 2, 442 (v. 1563);
noch dorst er sich des nie verwegen,
das er mich dörst pfeffern mit Adams gerten.
fastn. sp. 1, 324;
ich lasz dich nit mit ruo schlafen,
du tuest mich dan mit Adams gerten strafen.
325.
5)
dimin. nabelgertlin, nabelschnur schweiz. id. 2, 442 (16. und 17. jahrh.).
6)
gerte, haggerte, hippe mit einer etwas länglichen handhabe zum beschneiden der bäume und hecken Stalder 1, 441. Tobler 219ᵃ, s. gertel, gerter.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3741, Z. 72.

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gernhaber geschlagen
Zitationshilfe
„gerte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gerte>, abgerufen am 01.12.2021.

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