Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gerufte, geruft, gerüfte, gerüft, n.

gerufte, geruft, gerüfte, gerüft, n.
clamor, ahd. gehruafti (8. jahrh.), mhd. geruofte, gerüefte, md. gerûfede, gerûfte, gerûfze Germania 10, 397, s.ge II, 5, c, γ sp. 1616, mnd. gerôpete Schiller-Lübben 2, 73ᵇ.
1)
lautes rufen oder schreien, lärm, schall, wie gerücht 1, gerufe 1: dô machete er ein gereiʒe und ein geruͦfte ober sente Iohannem. pred. 79, 22 Leyser;
sie machten ein geruofte dô.
livl. reimchron. 11487;
Jêsum brâchten si dâ hin
mit gerûfede uber in.
pass. 63, 60 Hahn;
sô mane wir die brûdere, daʒ si in collacien ir sweigen halden, adir von êrsamen dingen âne gerûfte sprechen. statuten des deutschen ordens cap. 18 Hennig (Königsberg 1806);
ir horen hieʒens blâsen:
grôʒ gerûfte dâ wart.
Eneit 175, 19, geruͦfe var.;
dâ was gerûffede (gerûfte) sô grôʒ (bei der hochzeit).
345, 29 var.;
noch appenz. grüefft, der lärm durch rufen Tobler 239ᵇ.
2)
hülfsgeschrei, um die nachbarn zusammenzurufen, zur verfolgung des übelthäters u. s. w., wie gerücht 2, a:
(als der markgraf mit den bürgern in kampf gerät,)
die sturmgloke man dô zôch,
es solt diu stat laster (schande) hân,
daʒ si gein dem einen man
des gerüeftes sich enbarten (das geschrei erhoben).
Wolfram Willeh, 114, 11, var. gerueffeʒ, geruchtes, daʒ geruofte;
si samten sich hin an ir roten
mit gerûfede.
passional 217, 7 Hahn;
swere daʒ gerufte rufit nach eime luͦderere, deme sulin volgin alle die daʒ gerufte horin. Görlitzer rechtsbuch 22, 17 Köhler (script. rer. lusat. I); ist is also das ein man gewundet wirt, geschryet her das gerufte, unde begryfet her den man und brengit her in vor gerichte. kulm. recht 3, 1; do sach ich in selbir und selbir beschrygete ich in mit deme gerufte. 2, 67; welch man wunt wirt binnen wichbilde unde schriet her das geryfte an. sächs. weichbildrecht von 1381 53 Walther; queme ein dyp odir ein morder, dem man volgete auʒ einr stat gerichte in ein dorf gerichte mit gerufte. blume v. Magdeburg 107; ein man, den sy mit gerufte yagetin. ebenda; ich (kläger) dancke gote, herre her richter! und euch und den biderbin leutin, dy mir czu hulfe komen sein und meinem gerufte gevolgit habin. 156; er rif mit luter stimme 'ir liben börgere. kummet uwer stat czu hülfe, das di nicht czustoͤrt werde üm eins boszen menschen wille.' czu deme geruͤfte unde geschreie quam alles volg in der stat, alzo das in keime husze bleib weder wieb noch man. md. hs. des Apollonius Tyrus in den mittheil. d. d. gesellschaft in Leipzig V, 2, s. 73, 20; alle dy in deme gerichte gesessen sint, dy sullen by des lantrichters gewette dorczu behulffen sin (an der zerstörung der burg), by ores selbes kuste (beköstigung), ab sy mit geruffte dorczu geladen werden. weme daʒ geruffte nicht wer czu wissen worden u. s. w. Ortloff dist. 1, 329.
3)
klagegeschrei, mit welchem die hülfe des richters zur bestrafung des übelthäters angerufen wurde, wie gerücht 2, b: beschuldeget man in (den wegelagerer und notzüchtiger) mit getzugen ane gerufte adir tzetir geschrei, so entget her is selb dritte .. beschuldeget man in mit gerufte, so entgeit er is selb sebende. kulm. recht 3, 32; doruf sal im der richter dirlouben syn gerufte (geschrei über den räuber), so mag er clagen eine hanthaftige tat. 3, 62; dy ouch einen toten vor gerichte brengen unde vorwinden wollen mit kamphe adir ane kamph, dy sollen clagen mit geruffte dorch dy hanthafte tat. sächs. weichbildrecht von 1381 60 Walther; geschit ungerichte ymande an roube adir an wunden adir des glichen, schryet denne der syn gerufte, so ist das gerufte ein begin der clage. Magdeb. fragen 3, 1, 1; so frage, ab das gerufte vor der klage sulle syn, adir dy klage vor dem gerufte geschehen sulle. so vint man, das gerufte sulle vor geschen, wenne is ist der klagen ein begin. so bitte her, das her schrien musze. so spreche der richter, her gunne is im wol, ab is im not si. so schrie der sachwalde zcether obir N. und obir syne unrechte volleist, also tu zcu dem andern male und zcu dem dritten male. so frage, ab her syn gerufte also czu rechte gerufen habe, also her syne klage mit rechte stellen und tun moge. richtsteig 215 Homeyer, Oschatzer hds.; bei gewisser offenbahrer handhaffter that ist das alte teutsche bannrecht üblich geblieben. solches bannrecht bestehet bei hegung des ordentlichen hochnothpeinlichen halsgerichts darin, dasz der ankläger hervor tritt und bittet ihn den frohnboten zu leihen, dasz der frohnbote seine, des frohnboten, geschliffene waffe ausziehe und ihme, dem kläger, mit gewapneter hand vortrage, und wann solches der richter vergönnet, alsdann gehet das geruffte, das ist das zettergeschrei dreimahl also: zetter über N. als thäter, dasz er N. wider gott und recht vom leben zum tode gebracht, oder sonst diese oder jene unthat begangen. dieses bannrecht nennet man sonst auch achtgericht, beschreien des übelthäters, gerufft, zettergeschrei. der frohnbote, so das zetterruffen verrichtet, wird genannt der blutschreier. Schottel von unterschiedl. rechten (1671) 66; eine klage mit gerüffte anstellen. Steinbach 2, 306. Hayme 240; das gerüft ist der klage anfang. Eiselein sprichw. 227.
4)
rühmendes gerede im volke, groszer ruf, wie gerücht 4, b: und gieng ûʒ sîn gerûfte zcuhant in al gebûrde (landschaft) Galylee. md. evang.-übers. bei Haupt 9, 288 (14. jahrh.).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3759, Z. 72.

gruft, f.

gruft, f.
I.
ursprung und form.
1)
offenbar sind in gruft zwei worte zusammengeronnen, eine abstractbildung zum verbalstamm grab- 'graben' u. griech. lat. crypta. daran ist festzuhalten, obgleich die anderen germ. sprachen ein abstractum mit diesem vocal nicht kennen. das germ. wort, noch völlig unbeeinfluszt von crypta, scheint vorzuliegen in: a summitate vallis, ubi se Saxones et Thuringii disiungunt, quę Teutonice dicitur Girophti mon. Germ. dipl. 2, nr. 191 (urk. v. 979); gleich nachher: usque ad fossam suprascriptam Girophti; eine abschrift der urkunde in einem Hersfelder copialbuch (mitte 12. jh.) schreibt Girufde, groͮfde G. Schmidt urk. buch d. hochst. Halberstadt 1, 29; vgl. uf die gruft als flurname Schmidt elsäss. 208ᵇ (Lipsheim 1268). im übrigen lassen die ahd. belege, die sich erst seit dem 10. jh. häufen, im schwanken des anlauts bereits die formale vermischung erkennen; gewöhnlich als glosse zu crypta (zumal in der Prudentiusstelle pass. Hippol. 154, auf katakomben bezüglich) gruft, giruft, chruft, am häufigsten cruft und zwar auch fränk. und in nd. glossen, s. Graff IV 309; vgl. auch unten II A 2 b.
2)
die mhd. überlieferung zeigt die k-form schon seltener als die mit g- (s. Lexer 1, 1100), aber sie ist nicht etwa an obd. mundart gebunden (in den himel ûzer cruft erlös. 1020 Bartsch; lijgen ... under dem eyme altair in der krufft Arnold v. Harff pilgerf. 25); sie läszt sich bis zur wende des 17. und 18. jhs. nachweisen und beschränkt sich keineswegs auf die bedeutung crypta: der erden crufft schausp. engl. com., s. u. II A 2 d; heit früh wol voller freuden ... und morgen in der kruft Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch 143; ein echo in den krüfften Schottel, s. u. II A 2 a; crufft dicitur a crypta Besold thes. pract. 1, 183ᵇ; auch nd. kroft, croffte vel korfft, krocht Diefenbach 158ᵃ s. v. crypta; vgl. mnl. croft(e), crocht(e); nl. croft, crocht höhle; weitere belege unter kruft th. 5, 2430.
3)
im älteren obd., zumal in Augsburger quellen, erscheint eine nasalierte form: ain grunft, in der lag ain ris M. Füetrer bayer. chron. 153; warde im ausz der grunfft (in Delphi) dise antwort gegeben Marc. Tatius troj. krieg 69ᵃ; in die klufft, höle oder grunffte hinab steigen Steph. Vigilius de rebus memor. (1541) 68ᵃ; vgl. städtechron. 4, 295, 19; 296, 6; 22, 82, 12; 23, 345, 11 u. öfter in den Augsburger chroniken; 3, 155, 7 (Nürnberg).
4)
schwache flexion vereinzelt schon ahd.: thuruch cruftun Graff 4, 309; aber erst im nhd. häufiger: in die unflätigen böhemischen krufften J. Dietenberger christl. vermanung d 2ᵃ; an der stat der greber oder grünfften offenb. d. hl. Birgitte (1502) 4, cap. 107; namentlich im 17. jh. nicht selten: (sie sollen den grenzstein) wider sezen an den orth ... da er zuvorn gestanten in die alte grüften österr. weisth. 7, 49; adeliche und andere begräbnussen und grufften eröffnete Chemnitz schwed. krieg 1, 454; in den sandicht oder surricht gruften Prätorius wünschelruthen (1667) 224; in hölen und gruften auf dem felde W. Schultz ostind. reise (1676) 6ᵇ; gruften dat. pl. Comenius sprachenth. (1657) nr. 189; in unser grufften dat. sg. Abr. a St. Clara merks Wien 46; Kramer teutsch-ital. 1, 571ᵇ schreibt noch die grüften; aber Steinbach 1, 630 empfiehlt den plur. grüfte; indessen noch bei Nicolai: die gruften im münster zu Basel, s. u. II B 1; weitere belege unter kruft.
II.
bedeutung.
A.
bedeutungen, die von dem deutschen verbalabstractum aus zu verstehen sind:
1)
eine künstlich hergestellte vertiefung, ganz wie grube II A 1, wenngleich sehr viel seltener: der ain marchstain mit willen verrucket, dasz man demselbigen soll nemben und solle ihne mit dem haubt in die geruft setzen österr. weisth. 8, 107 (15. jh.); vgl. 8, 43; 7, 49; des brunnen grufft, daraus ir gegraben seid Jes. 51, 1; miniren ist unter der erde graben und in die gruft pulver legen Stieler zeitungs lust u. nutz 467; da man eine gruft machete zur grundlage einer auffahrt zu dem palaste imperiale Winckelmann 6, 256; doch in jüngerer sprache mehr poetisch:
sie hat aus eines gerbers grüften ..
das schurzfell an den tag gebracht
J. J. Schwabe belust. 1, 44;
irrgänglich-klug minirt er (der feuerwerker) seine grüfte
Göthe 2, 17 W.;
die jünglinge hatten das thal gewählt,
gegraben die gruft (jagdgrube)
Klopstock w. 9 (1806), 204;
und da er die gruft erwühlet,
hat die erde ihn umfangen
Brentano 3, 6;
aber mundartlich noch vielfach: gruft gegrabenes, furche Hertel Thür. 110;
hoch in de luft!
den pal in de gruft!
lied der Bremer zimmerleute bei Bücher arb. u. rhythm. ⁴201;
'man ... sagt von ausgefahrnen wegen, dasz sie voller gruften (grüfte, lieber gruftig) sind' Hupel 83; gruft in den werderdämmen eine auf der landseite ausgestochene stelle Frischbier 1, 257ᵃ; vgl.grüftel, n., grübchen im boden für ein kugel-kinderspiel Unger-Khull 310ᵃ.
2)
häufiger von natürlichen vertiefungen in der erdfläche, wie grube II A 3, und zwar mit ganz ähnlicher specificierung des sinnes:
a)
tiefes loch, schlund, abgrund (vgl. grube II A 3 a): bodenlose, sehr tiefe gruft barathrum, abyssus, vorago Stieler 689; mhd. ganz gewöhnlich:
(daz er wære) von dem aller hôsten luft
unz in die nideristen gruft
gewaltic swes er wolte
klage 500;
auch bildlich: (der glockenklang bricht) durch der wolken grüfte Loh. 372; der sorgen gruft 3713; dies denkmal liebt bildlichen gebrauch von gruft, s. u.d; gott heiszt volle gruft der gnaden unde aller güete minnes. 3, 67ᵃ v. d. H.; oder aller tiufe ein tiefe gruft 3, 102ᵃ; auch dem nhd. noch geläufig: wie Q. Curtius (sich stürzte) in die stinckende grufft zu Rom Harsdörfer teutscher secret. 2, 70; ein hirsch ... kam zu einen brunnen .., es war aber das wasser in einer tiefen grufft Ad. Olearius Lokmans ged. u. fab. (1654) 183;
wie es dampft und braust und sprühet
aus der unbekannten gruft! (in Karlsbad)
Göthe 4, 232 W.;
halb eingebrochene schneebrücken überspannen die grüfte H. v. Barth Kalkalpen 437; erst in jüngerer sprache zuweilen stärker oder schwächer durch die bedeutung B gefärbt:
wie unter dir der trügerische firn
einbricht und du hinabsinkst, ein lebendig
begrabner, in die schauerliche gruft
Schiller 14, 339 G.;
ähnlich: der hauch der grüfte 14, 117; etwas anders: schlucht, kluft: dat erste leger is gewesen thor aversten moelen, up dem berge unde in den grüfften script. rer. Livonic. 2, 114;
darein gieng undter sich ein klufft
ab, durch diese stickfinstre grufft
fürt er mich in ein dunckles thal
H. Sachs 3, 594 K.;
in dieser bedeutung festes requisit lyrischer sprache seit dem 17. jh.:
dass grüft' und klüft' und büsch' erfreuet wiederklingen
Zesen rosenthal 71;
ein echo in den krüfften
Schottel bei Fischer-Tümpel 5, 50ᵇ;
so dringt ein sonnenstrahl durch wald und thal und grüfte
Lenz ged. 244 Weinh.;
(ihr monaden) schreibt dem stein in allen seinen grüften
die festen formen vor
Göthe 3, 77 W.;
vgl.grüft schluchtartige uferstelle Schumann Lübeck 23.
b)
höhle (vgl. grube II A 2 b): ir tatut iz (mein haus) thiobo cruft Tat. 117, 3 (speluncam latronum); uuas thar cruft, inti stein uuas gisezzit ubar sia 135, 23 (erat autem spelunca);
der wirt in fuorte in eine gruft,
dar selten kom des windes luft
Parz. 459, 5;
do er ein gruft oder höle ersahe Arigo decam. 638 lit. ver.; vgl. 248; und kamen .. in eine grufft oder loch, darinnen der heilige Johannes ... seine wohnung gehabt M. v. Seydlitz wallfahrt (1580) g 3ᵇ;
biszweilen laszt er ihnen (den winden) lufft,
herfür zutringen aus der grufft
Spreng Än. 3ᵇ;
gienge ich ... in eine grufft, von welcher ausgegeben worden, dasz sie 4 meil weges in die erde gehen ... sollte Zend. a Zendoriis winternächte 379; angenehme gruft! (Velledas za berhöhle) maler Müller 2, 169; 'bisweilen soviel wie grotte' Chomels öcon. lex. 4, 1375; 'oberdeutsch gartengruft = grotte' Krünitz 20, 161; Stieler 689 setzt grube und gruft gleich im sinne scrobs, caverna, fodina, antrum, specus, spelunca, betont aber: sed gruft in specie hypogaeum dicitur; das dürfte auf der einwirkung der bedeutung B beruhen; do furt man uns ein steg ab in finstere krufft under die velsen F. Fabri eig. beschreib. (1557) 40ᵃ; einige anachoreten haben in Palästina in kleinen grüften unter der erde gewohnt Zimmermann einsamk. 1, 237; dünste .., die aus ... unterirdischen grüften aufgestiegen seien Herm. Schmid alte u. neue gesch. 188; bildlich:
es (das trojan. pferd) schüttert durch und durch, und weit umher
antworten dumpf die vollgestopften grüfte
Schiller 6, 349 G.;
den ausgang weis' ich aus des elends grüften
Arent-Conradi-Henckell 213.
c)
einige speciellere verwendungen: gruft als wildlager (vgl. grube II B 1):
(der adler) sach vor dieser holen grüeft
die fuechslein liegen vor der sünnen
H. Sachs fab. u. schw. 2, 100 ndr.;
begeben sie (die thiere) sich wieder zu ihren wildlägern (gruften) und verborgenen schluffwinckeln Comenius sprachenth. (1657) nr. 189; die wallfische sprangen ... aus ihren grüften hervor Breitinger crit. dichtk. 1, 435; in des drachen gruft Brentano 2, 116; wo der freie untersuchungsgeist erst anfängt, seine fackel in die gruft des ungeheuers, autorität, zu tragen G. Forster 5, 211; auf dieser linie mag sich die glosse gruft cuna Diefenbach 162ᵇ erklären; zwinger:
nider wurden sie en lan
unden in der lewen gruft
Daniel 8085 Hübner;
gruft als minerallager (vgl. grube II B 5): dasz man .. in den unterirdischen grüften an denen metallen die sieben irr-sternen .. findet Lohenstein rosen 117; dasz durch die aus den grüften (goldgruben) aufsteigende .. spiritus ... die menschen umbkommen Olearius in v. Mandelslo morgenländ. reisebeschr. 97 anm.; grufft als schwefelgrube persian. reisebeschr. 257; dies aber je später je mehr poetischem gebrauch vorbehalten:
die ihr aus dunkeln grüften
den eiteln mammon grabt
Brockes ird. vergn. 2, 142;
den ton, der in die nacht
der silberreichen gruft gefallen
Gottsched ged. (1751) 1, 64;
dir im innern
lieget edelgestein und gold; da grabe
in den grüften
Herder 27, 29 S.
d)
feste fügungen: gruft der hölle (vgl. grube II A 2 c): der himele kôr, der helle gruft Konr. v. Würzburg gold. schm. 696; in der helle gruften j. Tit. 6008, 4; dasz eine hölle sey, das ist eine grufft der verzweiflung des guten Jac. Böhme 2, 25; die höllsche grufft Gryphius trauersp. 181 lit. ver.;
schnell wanken jene schwarze grüfte,
als Christus sich der hölle zeigt
Göthe 37, 7 W.;
vgl. 15, 247; von hier aus erklärt sich:
du mörderischer schelm, in Plutos gruft erzogen
Fleming 1, 20 lit. ver.;
(Neptun) wirfet in die lufft
das schwache fichten haus, bald wieder in die grufft,
wo Radamanthus wohnt
Rachel sat. ged. 22 ndr.;
gruft des meeres: in des meeres grufft Osw. von Wolkenstein 113, 60 Schatz;
kein fisch so tief in meres grufft
H. Sachs 7, 53 K.;
ich hab offt auch dem unglücksmeer
in seiner gruft gesessen
Joh. Heermann bei Fischer-Tümpel 1, 337ᵇ;
der heut hat in des meeres gruft
gelegt den weltbezwinger
Rückert 1, 169.
gruft der erde als poetische formel fast im sinne 'das innere der erde': durch erdes gruff Hugo v. Montfort 12, 14;
(ich schuf) das gewürm in der erden grufft
H. Sachs 1, 20 K.;
sammt dem g'würm in der erden gruft
volksschausp. in Bayern 40 Hartmann;
doch kann, zumal in gewissen antithesen, auch die bedeutung B hereinklingen: das dein sele .. dort in himelischer wonunge, dein leib .. alhie in der erden gruft wesen solten ackerm. a. Böhmen 30; vom himmel auf der erden grufft Lohenstein geistl. ged. 6;
doch wil ich trachten nach, damit dich mög empfangen
der erden crufft
schausp. engl. com. 90, 23 Creiz.;
vgl.
aus diesem tiefen schlund, aus dieser schwarzen gruft
hab ich so oft und oft, o herr, zu dir geruft
Fleming 1, 10 lit. ver.;
von bildlichen wendungen ist fürs mhd. formelhaft die gruft des herzen:
daz ez muoz dem keiser .. dringen
durch ôren in des herzen gruft
Loh. 3958;
vgl. 1523. 1797. 3030; mhd. wb. 1, 563ᵇ;
wär ich die luft,
berauscht wär ich in rosenduft
und strömt in ihres herzens gruft
Brentano 2, 505.
3)
nur in poetischer sprache erscheint ein gebrauch, der sich bei grube voll entwickelt zeigt (s. d. II C 1): vertiefung am menschlichen körper:
durch sîner sûren wunden gruft
Parz. 491, 8;
wie ich mich zu dir soll wenden
und mit meinen glaubens-händen
mich erhalten an der gruft (deiner seitenwunde)
Chph. Arnold bei Fischer-Tümpel 5, 105ᵇ;
sieh, dieser augen dunkle gruft,
dein Gretchen kalt und todt
Herder 25, 562 S.
4)
mundartlich taucht das reine abstractum auf: gruft, graft begräbnis Kleemann nordthür. id. 7ᶜ; doch dürfte dieser gebrauch jung entwickelt sein; literarisch jedenfalls nicht sicher nachweisbar; vielleicht gehört hierher:
die schöne, der der Kolcher thron
nach ihres vaters gruft als eigen zugehöret
Gottsched neueste ged. 94.
vgl. ged. (1751) 1, 15.
B.
die andere hälfte der verwendungen liegt auf der bedeutungslinie, die von crypta ausgeht.
1)
im eigentlichen sinne die kellerartige anlage in kirchen, auch anderen geistlichen gebäuden, gewöhnlich unter dem altar, die zur beisetzung von toten dient. in den ahd. glossen vielfach für crypta Graff 4, 309; crypta grufft unter der kirchen Golius 16;
(der papst ging) von oben eine grêden abe
in die gruft zuo dem grabe
Lampr. v. Regensburg Franz. 4992;
sent Primus ind sijnt Maximinanus .. lijgen .. under dem eyme altair in der krufft A. v. Harff pilgerf. 25; Ulrich ... liess im da ain grab und grunfft machen städtechron. 4, 296; dasz ich nicht kan mit meinem liebsten ordensgenossen ruhen .. in unser grufften Abr. a St. Clara mercks Wien 46; die gruften im münster zu Basel Nicolai reise 12, 67;
er ist heraufgestiegen
zu Aachen aus der gruft
Geibel 1, 2;
in ländlichen katholischen kirchen eine künstliche höhle, in der Christus im grab ausgestellt ist: unser herrgott in der gruft Aurbacher nach Fischer schwäb. 3, 866; mit ähnlicher bedeutung schon früh: (man baute) in sant Peters ere ein pfarrkirchen und darumb etlich grüft (var. grunfft, gerunfft) in eren etlicher hailigen städtechron. 3, 72.
2)
allmählich löst sich die vorstellung auf, die die gruft zunächst als einen theil der kirche dachte, und der begriff der unterirdischen begräbnisstätte, doch immer noch einer gemauerten, raumartigen, schiebt sich in den vordergrund; vgl. schon:
dô man die gruft engrûb
Eneit 227, 3;
fühlbarer erst im nhd.: wie noch fürsten und herrn ir eygen grüffte und gewelb haben Mathesius 1, 30 Lösche;
ihr helden Brandenburgs, wofern ihr aus der grufft,
da ihr verschlossen seyd, auf uns zurücke schauet
Besser schr. 1, 86 König;
so habe ich denn ... neben der fürstlichen gruft ein anständiges gehäus projectirt Göthe IV 42, 20 W.; zu dem steinernen hause in der stadt gehörte die gruft draussen auf dem kirchhof Storm 1, 198; wie er selbst in einer grufft (ägyptischer mumien) gewesen Chr. Weise polit. redner 570; die grüfte der Scipionen grafen Stolberg 7, 175; eine todtähnliche erstarrung .., von der sich Jesus nach der abnahme vom kreuz in der kühlen gruft ... wieder erholt habe D. Fr. Strausz 3, 377; mausoleum:
stehn alle pfeiler noch? wo ist die schöne grufft,
so Artemisia erhöhet in die lufft?
Opitz op. geist- u. weltl. ged. (1690) 3, 283;
Metellas gruft in der Campagna Tiedge 2, 198; gern in verbindungen wie: (sultane), die ihre thaten mit ihrem namen .. zugleich in der gruft ihrer väter begruben Fr. M. Klinger 10, 3; in meiner väter gruft Mörike 3, 104; wenn er stieg' aus deiner ahnen gruft Müllner dram. w. 2, 67; öfter auch in der stabreimenden koppelung: ausz iren grebern und grüfften Mathesius 4, 17 Lösche;
Deutschland (ist) hoch verbunden
der hand, so seinen ruhm aus grufft und gräbern hebt
Lohenstein Arm. 1, ehrengetichte e 3ᵃ.
3)
schlieszlich schlechthin = grab, doch wesentlich beschränkt auf poetische oder doch gehobene sprache; schon im 17. jh.:
es müssen rosenbäum' ausz eurer grufft fürschiessen
Opitz teutsche poem. 67 ndr.;
nimmt er gleich mich und mein gebein
und scharrt uns in die grufft hinein
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 447ᵃ;
auch öffnet sich der gräber grufft
3, 305;
die grufft der tiefen gräber Sim. Dach 212 lit. ver.; doch erst im 18. jh. in breitem gebrauch:
(könnt ich lesen)
was der, auf dessen gruft ich geh,
in seinem sinn gewesen
Canitz ged. 44;
freundin! wankt im abendwinde
bald auch gras auf meiner gruft
v. Salis ged. 33;
willst du mit thränen aus der gruft ihn waschen?
Göthe 9, 240 W.;
vielleicht hat die lautliche nähe von grube diese entwicklung begünstigt; jedenfalls tritt gruft nicht selten in stehenden verbindungen in concurrenz zu grube (vgl. dort II A 4 a—d): dem ämsigen konnte man es nicht vergessen, dass er .. seine frau .. in die gruft gebracht hatte Hippel kreuz- u. querzüge 1, 105;
die du mit ungemeinem schmerz
zu früh in ihre gruft siehst senken
Gottsched ged. (1751) 1, 166;
wenn sie einst in die gruft hinabfahren J. J. Engel schr. 3, 26; wenn ich auch als greis in die gruft führe H. v. Kleist 5, 35 E. Schm.; entzückt von vergnügen steige ich freudig in meine gruft samml. von schausp. (1764 ff.) 1, 86; du wirst .. deinen heiligen nicht in die gruft sinken lassen allg. dtsche bibl., anh. zu 53—86, 60;
er steiget im triumph aus seiner gruft hervor
Dusch verm. w. 110;
nehm ich mein greises haar mit schande in die gruft
Gottsched dtsche schaub. 4, 253;
hätte der vater ... sein geständnisz mit in die gruft genommen! Immermann 5, 104; körperlich bis in die gruft gebeugt Caroline 2, 112 Waitz;
und vernehme noch am rande
später gruft der enkel chor
Böhme volkst. lieder d. Deutschen im 18. u. 19. jh. 16;
selbige (liebe) soll bisz in die grufft unverletzt dauren Hunold d. europ. höfe liebes- u. heldengesch. 198; ergebe ich mich euch, unvergleichliche Ismene, bis in die grufft zu eigen Menantes allern. art höf. u. galant zu schreiben 420;
ich werde meinen fehl bis in die gruft bereuen
Ayrenhoff 77;
dass ich meine ältern noch in ihrer gruft beschimpfe Rabener 5, 7.
4)
in anwendung auf profane anlagen. von katakomben und baulichen schöpfungen ähnlicher art: grufft cathabumba Diefenbach nov. gloss. 79ᵃ; die grüften, da die märtyrer-cörper ligen le catacombe Kramer teutsch-ital. 1, 571ᵇ; die unterirdischen grüfte zu Rom catacombe Jagemann 548; etliche staffeln uber gemeltem Ciceronis bad findt man eine krufft oder gemach under der erden G. Braun beschr. u. contraf. (1581) 3, 56ᵃ;
das Rom, das annoch prangt mit kunstgewölbten grufften
Treuer dtscher Dädalus 1, 80;
das befahren der unterirdischen orte und grüfte (bei den ausgrabungen in Pompeji) Winckelmann bei Justi 2, 1, 376; er war in gefahr, .. aus dieser gruft sein grab zu machen .. dieses gewölbe war mit dem bewohnten theil des hauses auszer aller verbindung Fr. M. Klinger 3, 199; allerlei merkwürdigkeiten der natur ... hatten sie in den grotten und grüften desselben (schlosses) aus aller welt vereinigt Ranke w. 8, 54; und ähnlich, von kellerartigen anlagen, schon früh:
sî hûbin ûf daz houbit
und trûgin iz hin ûz der gruft
(einem burgkeller)
Nic. v. Jeroschin 6450;
ein gewaltigs gpew und tiefe gruft
ebenfalls von einem keller
Schmelzl lobspruch auf Wien;
häufig in anwendung auf kerkerräume, doch auch das gewöhnlich als ausdruck gehobener sprache:
ich lig samb gfencklich in einr grufft
H. Sachs 17, 30 K.-G.;
(am thor) der zwietracht, die in dunkler gruft
knirrscht und gefesselt liegt
Löwen schr. 2, 128;
gefangen! er! sein athem ist die freiheit,
er kann nicht leben in dem hauch der grüfte
Schiller 14, 380 G.;
vgl. 12, 487; 15, 1, 56; in der öden gruft dieses kerkers Schubart leb. u. gesinn. 2, 100.
5)
mannigfach in bildlichem gebrauch, doch erst in jüngerer zeit; gewöhnlich an die gebrauchsweisen 2—3 anknüpfend: an der gruft der freuden, die uns starben Stägemann kriegsges. 60; sie (die brust) war kalt, ... wie sichs für eine gruft begrabener schmerzen gebührt Holtei erz. schr. 2, 249;
hervor aus euren grüften,
ihr alten larven verborgner schwarzer thaten,
wo ihr gefangen lebt!
Göthe 11, 45 W.;
(gesang) der dir erinnerungen, süsze, bange,
herauf aus ihrer stillen gruft beschwört
Lenau 1, 27 Castle;
dasz der klare .. geist dieses deutschen stammes, die dünste aus den grüften abschüttelnd, wieder zu sich selbst .. zurückkehren werde W. Alexis hosen xviii;
die bilder winkten, wie verbleichte schatten,
nur selten aus der vorzeit gruft
Fr. Kind ged. 2, 157;
dann legte er sich zitternd mit dieser fremden gestalt in die gruft des schlafes hinein Jean Paul 7/10, 206; in die gruft der nacht eingesunken lag er (der schlafende) einsam und starr ausgew. w. (1847) 7, 53 Reimer; an A 1 grenzend:
(ich wünsche) die blumen annoch vor der zeit
aus ihrer kalten grufft zu ziehen
Henrici ernst-scherzh. u. sat. ged. 1, 6;
der weinstock, welcher bisanher
in einer stinkenden und schnöden gruft gelegen
Triller poet. betracht. 1, 215;
still in die gruft
musz es (das korn) sich senken
Rückert 1, 195;
vor ihrem blick, wie vor der sonne walten ..
zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,
der selbstsinn tief in winterlichen grüften
Göthe 3, 24 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1925), Bd. IV,I,VI (1935), Sp. 628, Z. 1.

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Zitationshilfe
„geruft“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geruft>, abgerufen am 07.12.2021.

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