Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gerufte, geruft, gerüfte, gerüft, n.

gerufte, geruft, gerüfte, gerüft, n.
clamor, ahd. gehruafti (8. jahrh.), mhd. geruofte, gerüefte, md. gerûfede, gerûfte, gerûfze Germania 10, 397, s.ge II, 5, c, γ sp. 1616, mnd. gerôpete Schiller-Lübben 2, 73ᵇ.
1)
lautes rufen oder schreien, lärm, schall, wie gerücht 1, gerufe 1: dô machete er ein gereiʒe und ein geruͦfte ober sente Iohannem. pred. 79, 22 Leyser;
sie machten ein geruofte dô.
livl. reimchron. 11487;
Jêsum brâchten si dâ hin
mit gerûfede uber in.
pass. 63, 60 Hahn;
sô mane wir die brûdere, daʒ si in collacien ir sweigen halden, adir von êrsamen dingen âne gerûfte sprechen. statuten des deutschen ordens cap. 18 Hennig (Königsberg 1806);
ir horen hieʒens blâsen:
grôʒ gerûfte dâ wart.
Eneit 175, 19, geruͦfe var.;
dâ was gerûffede (gerûfte) sô grôʒ (bei der hochzeit).
345, 29 var.;
noch appenz. grüefft, der lärm durch rufen Tobler 239ᵇ.
2)
hülfsgeschrei, um die nachbarn zusammenzurufen, zur verfolgung des übelthäters u. s. w., wie gerücht 2, a:
(als der markgraf mit den bürgern in kampf gerät,)
die sturmgloke man dô zôch,
es solt diu stat laster (schande) hân,
daʒ si gein dem einen man
des gerüeftes sich enbarten (das geschrei erhoben).
Wolfram Willeh, 114, 11, var. gerueffeʒ, geruchtes, daʒ geruofte;
si samten sich hin an ir roten
mit gerûfede.
passional 217, 7 Hahn;
swere daʒ gerufte rufit nach eime luͦderere, deme sulin volgin alle die daʒ gerufte horin. Görlitzer rechtsbuch 22, 17 Köhler (script. rer. lusat. I); ist is also das ein man gewundet wirt, geschryet her das gerufte, unde begryfet her den man und brengit her in vor gerichte. kulm. recht 3, 1; do sach ich in selbir und selbir beschrygete ich in mit deme gerufte. 2, 67; welch man wunt wirt binnen wichbilde unde schriet her das geryfte an. sächs. weichbildrecht von 1381 53 Walther; queme ein dyp odir ein morder, dem man volgete auʒ einr stat gerichte in ein dorf gerichte mit gerufte. blume v. Magdeburg 107; ein man, den sy mit gerufte yagetin. ebenda; ich (kläger) dancke gote, herre her richter! und euch und den biderbin leutin, dy mir czu hulfe komen sein und meinem gerufte gevolgit habin. 156; er rif mit luter stimme 'ir liben börgere. kummet uwer stat czu hülfe, das di nicht czustoͤrt werde üm eins boszen menschen wille.' czu deme geruͤfte unde geschreie quam alles volg in der stat, alzo das in keime husze bleib weder wieb noch man. md. hs. des Apollonius Tyrus in den mittheil. d. d. gesellschaft in Leipzig V, 2, s. 73, 20; alle dy in deme gerichte gesessen sint, dy sullen by des lantrichters gewette dorczu behulffen sin (an der zerstörung der burg), by ores selbes kuste (beköstigung), ab sy mit geruffte dorczu geladen werden. weme daʒ geruffte nicht wer czu wissen worden u. s. w. Ortloff dist. 1, 329.
3)
klagegeschrei, mit welchem die hülfe des richters zur bestrafung des übelthäters angerufen wurde, wie gerücht 2, b: beschuldeget man in (den wegelagerer und notzüchtiger) mit getzugen ane gerufte adir tzetir geschrei, so entget her is selb dritte .. beschuldeget man in mit gerufte, so entgeit er is selb sebende. kulm. recht 3, 32; doruf sal im der richter dirlouben syn gerufte (geschrei über den räuber), so mag er clagen eine hanthaftige tat. 3, 62; dy ouch einen toten vor gerichte brengen unde vorwinden wollen mit kamphe adir ane kamph, dy sollen clagen mit geruffte dorch dy hanthafte tat. sächs. weichbildrecht von 1381 60 Walther; geschit ungerichte ymande an roube adir an wunden adir des glichen, schryet denne der syn gerufte, so ist das gerufte ein begin der clage. Magdeb. fragen 3, 1, 1; so frage, ab das gerufte vor der klage sulle syn, adir dy klage vor dem gerufte geschehen sulle. so vint man, das gerufte sulle vor geschen, wenne is ist der klagen ein begin. so bitte her, das her schrien musze. so spreche der richter, her gunne is im wol, ab is im not si. so schrie der sachwalde zcether obir N. und obir syne unrechte volleist, also tu zcu dem andern male und zcu dem dritten male. so frage, ab her syn gerufte also czu rechte gerufen habe, also her syne klage mit rechte stellen und tun moge. richtsteig 215 Homeyer, Oschatzer hds.; bei gewisser offenbahrer handhaffter that ist das alte teutsche bannrecht üblich geblieben. solches bannrecht bestehet bei hegung des ordentlichen hochnothpeinlichen halsgerichts darin, dasz der ankläger hervor tritt und bittet ihn den frohnboten zu leihen, dasz der frohnbote seine, des frohnboten, geschliffene waffe ausziehe und ihme, dem kläger, mit gewapneter hand vortrage, und wann solches der richter vergönnet, alsdann gehet das geruffte, das ist das zettergeschrei dreimahl also: zetter über N. als thäter, dasz er N. wider gott und recht vom leben zum tode gebracht, oder sonst diese oder jene unthat begangen. dieses bannrecht nennet man sonst auch achtgericht, beschreien des übelthäters, gerufft, zettergeschrei. der frohnbote, so das zetterruffen verrichtet, wird genannt der blutschreier. Schottel von unterschiedl. rechten (1671) 66; eine klage mit gerüffte anstellen. Steinbach 2, 306. Hayme 240; das gerüft ist der klage anfang. Eiselein sprichw. 227.
4)
rühmendes gerede im volke, groszer ruf, wie gerücht 4, b: und gieng ûʒ sîn gerûfte zcuhant in al gebûrde (landschaft) Galylee. md. evang.-übers. bei Haupt 9, 288 (14. jahrh.).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3759, Z. 72.

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Zitationshilfe
„gerufte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gerufte>, abgerufen am 06.12.2021.

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