Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geruhig, adj. und adv.

geruhig, adj. und adv.,
wie das einfache ruhig (s. d.), vgl. geruh, geruhlich, geruhsam.
1)
formen.
a)
mhd. geruowec, mit den nebenformen geruwig, gerubig, geruig, s. Zimm. chron. 4, 614ᵃ.
b)
auch mit umlaut geruͤwig, geruͤbig, gerühig: iedoch slahent die runstâdern (venen) niht sam die gaistâdern (arterien), dar umb haiʒent si auch die gerüewigen âdern. Megenberg 36, 10; und muoʒ daʒ selb riseln der selben spiegel (d. h. der die sonne spiegelnden wolken) geruͤik sein. 99, 4; da zwischen ein weiter geruͤwiger platz. Fronsperger kriegsb. 1, 166ᵃ; dieweil sie iren herrn und gemahel verloren, begeret sie, hinfurter ain geriewigs, abgesonderts wesen zu haben. Zimm. chron. 1, 127, 10;
wer auff erd wöll gerhüwig leben.
H. Sachs 17, 471, 1 Keller;
es wolt mancher auff erden gerne eine geruͤhige kammer haben. Mathesius trostpred. Y 7ᵃ; geruͤhig, quietus, tranquillus Frisius (1734) 2, 103ᵇ.
c)
bei Luther geruͤgig, wie ruͤgig tischr. 220ᵇ, und wie rugen für ruhen, geruͤgt für geruht. dasz er ein friedlich, geruͤgig und eingezogen regiment und hoff führete. tischr. 52ᵃ; also ist er gestorben in einem geruͤgigen alter. werke 4, 137ᵃ.
2)
bedeutung.
a)
voll innerer ruhe, mit seelenruhe, gelassen, ohne aufregung, leidenschaftslos:
und darinne wol behielt
mit gote gerûwegen mût.
pass. 199, 61 Köpke;
was hilfft ihr aller prast von kleidern, perl und spangen,
wenn kein geruhig hertz davon genieszen kan?
Günther 694;
so ist es (wenn ainer auff und ab gieng) guͦt darzuͦ, das ainer geruͤwig im haupt wirt. Keisersberg spinn. d 6ᵃ; deme gaben die lewte einen zunamen, umbe das her stille unde geruwig was, unde hieszen on Heinrich Raspe. Rothe dür. chr. 337; sihe, also pflegt es den mutwilligen balgern allen zu gehen, darum bisz auf ein andermal geruhiger (gesetzter). Kirchhof wendunm. 1, 379; ein kluger und geruhiger mann könne dabei wol ein wenig starker liebhaber von küche und keller sein. Bode Montaigne 3, 237; sintemahl es mit der weisen lehre nicht überein kompt, dasz ich geruhig und ein ander in banden sein soll. pers. baumgarten 2, 8; Damon und Theodor blieben (bei dem gewitter) geruhig. Lessing 1, 167; er war bei allen schmerzen, die ihm der verband verursachte, sehr geruhig. vorbericht in Ew. v. Kleists sämtl. werken (1771) 1, 18; die mänade sieht den Aetna rauchen, besinnet sich aber geruhig, dasz vormals ein himmelssturm gewesen. Herder lit. (1827) 2, 97; der heil. Rochus ... schaute seinem eignen feste geruhig zu. Göthe 43, 286;
Omar ist in der stadt. geruhig sieht
das volk ihn an.
11, 168;
mich schmerzt es! aber geruhig
freuen sich Kypris zugleich und der gott des silbernen bogens.
Voss Ilias 5, 759;
es werden auch manchmal leute übergefahren, und da machen sie (die vornehmen) sich nicht viel daraus, sie fahren über die menschen ganz geruhig weg. Tieck 6, 56; der verfasser fährt vielmehr auf seinem ... wege ganz geruhig fort (ohne sich beirren zu lassen). Göthe 59, 71; er war seitwärts gezogen und sasz geruhig (ohne die gefahr zu ahnen) beim grafen auf dem Schwarzenberg. 8, 22;
der, noch durch Hymens bande nicht gebunden,
liesz öde wände nur zurück und weilet
geruhig hier an Aulis strand.
Schiller VI, 192 (Iphig. in Aulis 4, 1);
vornehmlich hat er (der komische dichter) dahin zu sehen, dasz er nicht auf eine oder die andere lustige scene sogleich eine ernsthafte folgen lasse, wodurch das gemüth, welches sich durch das lachen geruhig erhohlt hatte und nun auf einmal durch die volle empfindung der menschlichkeit dahin gerissen wird, eben den verdrüszlichen schmerz empfindet, welchen das auge fühlt, wenn es aus einem finstern orte plötzlich gegen ein helles licht gebracht wird. Lessing 4, 141; wenn wir Deutschen uns ganz geruhig des adjectivum romantisch bei gelegenheit bedienen, so werden dort (Mailand) durch die ausdrücke romanticismus und kriticismus zwei unversöhnliche secten bezeichnet. Göthe 38, 243.
b)
friedfertig:
die teufel sind fride und ruwe gram,
so tunt ir diener reht alsam,
die selten iemant geruwik siht.
Renner 7063;
sie gegen uns fridsam und geruwig machen. Baumann quellen 2, 338.
c)
willig, geduldig, zufrieden:
daʒ folg was alles in der schar
gerûweg unde ôtmûde gar.
heil. Elisab. 3318;
diese schmerzen sind itzo zu einer höhe gestiegen, dasz es mir vorkömmt, als wenn ich sie geruhiger ertrage, weil sie durch ihre grösze meiner würdig geworden sind. Klopstock bei Lappenberg 10; und kan es noch immer nicht geruhig ertragen, dasz Erasmus um Huttens oder eines menschen willen so übel tractiert werden soll. Wieland bei Merck 2, 78;
dasz keiner mir dann, durch schreckliche bosheit verblendet,
weder ein rind noch ein schaf abschlachte, sondern geruhig
esse der speise, die uns die unsterbliche Kirke gereicht hat!
Voss Odyss. 12, 301.
d)
zahm, nicht wild: ein kapriziöser, doch geruhiger hengst. Lavater phys. fragm. 3, 2, 2.
e)
mit ruhigem gang, nicht eilig, langsam: so folgte der hauptmann mit Charlotten in bedeutender unterhaltung ... geruhig der spur jener rascheren vorgänger. Göthe 17, 81.
f)
voll äuszerer und innerer ruhe, oft mit dem nebenbegriff des sorgenlosen, glücklichen, behaglichen: swen des tages verdriuʒet und im diu zît lang ist, der kêre sich in got, dâ kein langheit ist, dâ alliu dinc inne geruowic sint (sowol beruhen, als ihre ruhe finden). mystiker 2, 233, 22 Pf.; da wolte kunig Rudolf ein geruͦwig leben hon. Closener in städtechr. 8, 43, 9; die leute machen ihnen manchsmal viel gedanken, wie sie ein feines geruiges und glückseliges leben ihnen schaffen und erlangen mögen. Mathesius Syrach 3, 21ᵃ;
(gott hat) dir leer und broth dabei gegeben,
das du fürst ein geruigs leben.
froschmeus. II, 2, 7 Bb 1ᵃ;
er wird sich unterstehen, einem jeden theologo sein interesse, sein geruhig leben .. vorzumahlen. Simpl. 1, 266 (1, 3, 5); und nicht eher zu einem stillen und geruhigen leben kommen kann. Wieland bei Merck 1, 276; meine lebensart geruhiger einzurichten. Plesse 1, 167; du wilst dir einen geruhigen herrnhandel mitten unter den bauren schaffen. Simpl. 1, 476 (1, 5, 7); in geruhig-fridlichem wohlstande. Butschky hochd. kanzl. 528; die, so man euserlichem ansehen nach geruh- und glückselig schätzet. Pathm. 975; in den allerglückseligsten und geruhigsten zustand. ehe eines mannes 476; sein hohes und zugleich geruhiges alter. Zesen Assenat (1679) 475; daʒ si (Kleopatra) slâfend ir leben endet mit ainem gerüewigen tôd. Megenberg 272, 14;
so hab ich wenigstens geruh'gen tod.
Göthe 9, 34 (Iphig. 2, 1);
ein jeder hätte sie
dir bei geruhigen und bei gesunden tagen
noch länger angewünscht.
Chr. Gryphius poet. wälder 2, 180;
der princessin einen kusz auf eine geruhige nacht zu geben. Felsenb. 4, 463, vgl. geruhsam; eine gute geruhige nacht, herr von Langnasz. Holberg lustsp. (1748) 1, 504;
wie kan doch ohne sorg' ein mann geruhig schlaffen?
pers. rosenth. 7, 20;
schlieff geruhig und wohl. Plesse 1, 102; die frau eines heuermanns, welche ihr vierteljähriges kind neben sich in der furche liegen hatte, wo es so geruhig als in der besten wiege schlief. Möser werke 1, 159; wir legten uns auf die schönsten weizengarben und schliefen geruhig bis an den tag. Göthe 30, 117;
nein, frevler, so geruhig
sollt ihr nicht wieder schlafen.
Haug epigr. 2, 51;
hier im gesträuch, an Florens weichem busen,
die balsam haucht, geruhig hingestreckt.
(Uz) lyr. ged. (Anspach 1755) 67;
mein vermögen ... geruhig und vergnügt genieszen. ehe eines mannes 392; uns auf vernunfftige und geruhigere art mit einander ergötzen. 444; geruhig und gemüthig seine geschäfte beschaffen. Heyne br. an Joh. v. Müller 224.
g)
in stille und zurückgezogenheit: er sol sich doch geruhig verhalten. Friedr. d. Gr. bei Preusz urk. 2, 228; in ruhe und musze: herr Fritze erhielt den auftrag, geruhig in Halberstadt die von ihm verlangten ausarbeitungen zu machen. Zimmermann fragm. 3, 164.
h)
geräuschlos, ohne lärm, friedlich: das es umb dieselben zeit (nacht) aller geruͤwigest und stillest ist. Keisersberg geistl. spinn. d 5ᵈ; also dasz es nit zum geruͤwigsten zugehen mag. Amadis 6, 189; geruhiges land, tacita et quieta provincia, geruhige städte, pacatae et tranquillae civitates Hederich 1088; man stehet biszweilen an dem geruhigen ufer. Chr. Weise kl. leute 268.
i)
in ruhe, ohne störung: der koffer stand geruhig aufgepackt an seiner alten stelle. Göthe 30, 126; seit der zeit können sonne, mond und sterne geruhig ihre wirthschaft treiben. 16, 37;
ich (Mephistopheles) wuszte nicht ihr (der welt) beizukommen,
mit wellen, stürmen, schütteln, brand,
geruhig bleibt am ende meer und land!
12, 71 (Faust 1368 Weim.);
ohne stürme und gefahren: nachdem wir bisz dahin eine sehr geruhige fahrt gehabt. Felsenburg 3, 7.
k)
ohne hindernis, bequem: es können jhren zwen geruhig neben einander drauff sitzen. Garg. 250ᵇ (472 Sch.).
l)
unangefochten, unbehelligt, wie geruht, s. geruhen 4, b, δ: ware ewige geruyge besitzere. Lennep lands. 2, 51 (von 1539); nachdem er geruhiger besitzer von dem Rhein an bis über die Elbe verblieben. ostfries. landrecht (1746) vorbericht 5; in eine êwige gerûwige gewere (besitz) gesatzt. Michelsen cod. dipl. 71, vgl. Germania 9, 175; so seint wir so vil jar des in geruwigen besesz und brauch gewest. Schade sat. 3, 45, 21; welches alles die Oehnaische herrschaft, von 40 jahren her, geruhig besessen. Klingner dorf- u. baurenr. 4, 587; von derselben (herrschaft sei) die fischerei in dem Spreeflusse ... geruhig ausgeübet worden. 586.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3764, Z. 67.

geruhiglich, adv.

geruhiglich, adv.
zum vorigen, wie das einfache ruhiglich (Kramer 2, 172ᵇ), im älteren md. gerûweclîche, gerubicleich (mon. boica 10, 282 von 1379), gerûgeclich, geruhiglichen, gerucklichen (städtechr. 17, 34, 7, Mainz, 14. jahrh.), auch umgelautet gerüewiklich, gerühiglich.
1)
in ruhe, innerlich und äuszerlich: her vûr in den walt, daʒ her gote gerûweclîche gedînen mochte. myst. 1, 236, 23 Pf.; als im alle sîn ding nach wellin ergangin waren, dô zôch er gerûgeclich widder heim zû lande. Ködiz leben des heiligen Ludwig 32, 14; man achtet furwar, waver er gott walten und diser sorgclichen cura gemuesiget, er het noch etliche jar ganz geruwigclichen leben megen. Zimm. chron. 3, 97, 22; geruhigklich, sonder sorg leben. Henisch 1525; geruhiglich sterben. Simpl. 1, 195 (1, 2, 23); er entschlief geruhiglich und seliglich. M. Neander menschensp. 48.
2)
still und zurückgezogen: anhaims bleiben und sich geruwigklich halten. Baumann quellen 2, 83.
3)
ohne widerstand: also das er (könig Sigmund) das reich mit gots hulffe gar gerugigklich in seinen gewalt mechtigklich mag brengen. Janssen Frankf. reichscorresp. 1, 189 (von 1411).
4)
ungehindert: das etliche tor geöffnet und iedermann geruwigklichen mit dem seinen aus und ein webern sollen und mögen. Baumann quellen 2, 86.
5)
ohne hindernis, bequem: sein tasche wer gros, dann er möcht wol sechs grosz öpffel geruwiglich darein schieben. städtechron. 11, 766, 16 (von 1468).
6)
unangefochten, unangesprochen: sin eigen guͦt, daʒ er fridlichen und geruͤweclichen inne gehapt hat. mon. boica 40, 369 (von 1341); also haben sie (Cimbri) den Bosphorum, den sie vil jar geruwigclich besessen und ingehabt, verlassen. Zimm. chr. 1, 2, 11; ein statt hat etliche först und gehöltz erkaufft, erblich vor viel jaren, und desz seit der zeit nach jrer notturfft stäts gerühiglich gebraucht. Meurer jag- u. forstrecht (1582) 119ᵃ; wir fürsten (Schlesiens) bleiben bei deme do unser eldern vor allen königen von Böhemen geruhiglichen bei blieben sein. lehnsurk. Schlesiens 1, 438, 41 Grünh. - Markgraf (von 1453); seither sein wir bei unserm bracht, reichtuͦmb und hoffart .. gerüewiklich beliben. Schade sat. 2, 95, 5; nach welcher zeit er seinem bruder die ehre, lieb und dienst erzeiget, dasz er ihn geruhiglich auf Henneberg hat bleiben lassen. Spangenberg henneb. chron. (1599) 85; der graf Poppo soll das schlosz Steinau geruhiglich innen behalten. 108.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3767, Z. 14.

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Zitationshilfe
„geruhig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geruhig>, abgerufen am 06.12.2021.

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