Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

geruhlich, adj. und adv.

geruhlich, adj. und adv.,
in der älteren sprache geruwelichen, geruhlichen, gerueblich (mon. boica 9, 320 von 1510), mit umlaut gerüwlich, gerühlich, md. auch geruglichen (Höfer ztschr. 482, von 1408), geruͦglich, gerugelich, geruglich, gerüglich, mnd. geruweligh, gerugelich, geruͤgeliken Schiller - Lübben 2, 74. vgl. geruh, geruhig, geruhsam.
1)
ruhig, voll innerer ruhe: ein geruhliges und unverletzt gewissen. Wiedemann dec. 84; und hat also dein hertz friede, und mag mit Christo und in Christo gerüglich sterben. Luther 1, 179ᵃ; die feinde des geruhligen lebens, nemlich die verwirrungen des gemüthes. Opitz 1, 204.
2)
voll äuszerer und innerer ruhe, still und zurückgezogen, auch mit dem nebenbegriff des sorgenfreien, glücklichen, behaglichen: auff das wir ein geruͤglich und stilles leben füren mögen. 1 Tim. 2, 2, werke 4, 338ᵃ, in der ersten ausg. des neuen testaments geruglich; er (Juda) macht hochzeit und thet geruhlichen, quiete egit. bibel 1483 468ᵃ, 2 Macc. 14, 25, hatte guten friede und wartet seiner nahrung Luther;
(wir) mügen gar gerüglich wol leben.
H. Sachs 13, 87, 2 K.;
einer von den königlichen räthen .. begab sich in ein kloster, geruhlich zu leben. pers. rosenthal 1, 19. 8, 151; weil alle einwohner geruhlich, content leben. Leibnitz 242; in gedult besitzen wir unsere seelen, und also lebt man am gerühlichsten. Henisch 1525; ich solte .. mich im frieden hauszhäblich und geruhlich ernähren. Simpl. 2, 15, 168; geruhlichen zu haus ungewirret verbleiben. Schweinichen 2, 137; wenn andere ihr früh-gebeth geruhlich thun, musz der arme bekümmert sein, wo er seine früh-kost hernehmen will. pers. rosenth. 7, 20; der arme pauersmann streckt sich bei etwan einem rauschenden bächlein .. weit freier, sorgloser, süszer und geruhlicher (als die reichen weichlinge im zarten federbett). Butschky Pathm. 976; alsdenn mag er geruͦglich schlafen. A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) 26ᵇ; dan soll der lehenmann ein flesch weins von dem besten fasz holen, meinem herrn zu einem schlafftrunck geben, darmit, dasz er desto geruhlicher schlaffen möge. weisth. 2, 386 (untere Mosel, von 1506); jetzunt mag ich sicher und gerhuͦlich schlaffen, dann das mir den schlaff hat gehindert (geld), das tragt jhr mit euch hinausz. S. Frank chron. (1551) 208ᵇ;
so wirstu fein geruͤhlich schlaffn.
Ringwaldt laut. w. 138;
geruhliche stellen,
vertrauliche schwäncke
seind stücke, die gäste
befinden fürs beste.
S. Dach zeitvertreiber (1700) 465.
3)
geräuschlos, still, ohne lärm: die kammer auff dem gottesacker ist geruͤglich und unser eigen. Mathesius trostpred. Y 7ᵇ.
4)
ohne mühe und last: die mühlennutzung ist einer herrschaft gar ein feiner geruhlicher nutz. Colerus hausb. 15, gerühlich ausgabe von 1655.
5)
ungestört, ungehindert: wir gebieten allen fursten, graven u. s. w., das sy die egenanten muncze nemen und die burgere von Nuremberg an den egenanten guldin und silbern munczen nicht hindern noch irren, sunder sie dobei geruhlich bleiben lassen. münzprivileg könig Sigmunds von 1422 in städtechron. 1, 246, 46; auf das sullen auch all und iegklich winckel hie zuͦ Ulme besetzet und so gehalten werden, daʒ das wasser, daʒ darein fället und gehoͤret, geruͤlich und ungehindert darausz lauffen und kommen müge. Ulmer bauordnung von 1427 bei Mone anz. 4, 372; da wirt nichts gesucht, denn das der heilige stuel fressen, sauffen ... und alle buberei muge sicher und gerugelich hantieren. Luther 8, 709, 14 Weim.;
alda ich (lügner) ietzund gerüglich sitz,
da mich die warheit nicht mehr trit.
H. Sachs 1, 542ᶜ;
sie huchtzet im so lang dar yn (in das gesunde auge), uncz daʒ iere buol grüwlich on alle irrung usz der kamer hinweg kame. Steinhöwel Äsop 330 Österley.
6)
ohne hindernis, bequem: ein pallast, darinn zwen fürsten geruͤwlich möchten hof halten. S. Frank weltb. 232ᵃ; noch henneberg. gerüglich, bequem Reinwald 45.
7)
unangefochten, in ruhigem ungestörtem besitz: (das spital soll sich der halben marg geldes) geruwelichen gebruchen unbesperret mit keinen sachen. urk. von 1371 in Limb. chron. 120, 37 Wyss; diewil sie in dem selben rechten gesessen sint gerulich von alder biszher. städtechr. 17, 34, 11 (Mainz, 14. jh.); wan ein erbgut xxxii jahr durch jemandt mit gutem glauben ohne troug geruhlig besessen. weisth. 2, 73 (Saargegend, von 1560); das ein jeder das seine verthedigen und gerühlich besitzen müchte. Pape bettel u. garteteufel T 5ᵃ; was dann der graf mit einem eide nicht erhält, behält der bischof billig in geruhlichem possess. Spangenberg henneb. chr. (1599) 108.
8)
gerühlich gleich gerührig, rührig: in groszen höfen hat man viehmumen oder viehmütter, zimlich betagte, jedoch noch gerühliche weiber, die gute wirthin sein und mit dem vieh wol umgehen können. Colerus hausb. 361. ebenso bair. gruewi', grüewi' gleich gerührig: auf sein älter ist er noch recht griewi', der genesende wird schon wieder gruewi'. Schm.² 2, 137; tirol. griebig, bei kräften, rüstig Schöpf 553.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3767, Z. 56.

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Zitationshilfe
„geruhlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geruhlich>, abgerufen am 28.11.2021.

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