Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gesammt, adj. und adverb.

gesammt, adj. und adverb.,
ahd. gisamanôt, mhd. gesamnet, gesament, md. gesamt, mnd. gesammet (städtechr. 16, 519, 13), part. zu ahd. samanôn, vereinigen, sammeln, versammeln, mhd. samenen, samnen, samen, vgl. gesammen. auch mit eingeschobenem lippenlaut: gesampnete stim oder gesampnete concordantz der stimme, symplasma voc. inc. teut. m 2ᵇ;
die (puochstaben) sprachen mit gesambneten worten (conjunctim).
Cl. Hätzlerin 2, 57, 172;
gesampt Schuppius, Simpl., gesambt Mainzer landr. (s. u.), nach abstoszung des t noch im köln. gesamp, gesamt, zusammen Hönig 73ᵇ.
1)
alle theile eines ganzen oder alle dinge einer art zusammengenommen, sämtlich, vollzählig, vollständig, ganz: mhd. gesamtiu diet. Lohengrin 4234;
er bat die gesamente rote.
pass. 9, 66 Köpke;
deme quam ein herte widerstôʒ
von gesamter heidenschaft.
270, 5;
die gesammte bürgerschaft. Rädlein 362ᵃ; das gesammte parlament. Ludwig 749; als die schweine recht hitzig wurden, liefen sie gesamten haufens auf den hund los. unw. doct. 749; der spielende (Harsdörffer) hält für nothwendig, dieses werck (die herausgabe eines deutschen wortbuches) zuvor wol zu überlegen, und es alsdann mit gesamtem raht und vielmögender hilffleistung der fruchtbringenden gesellschafter anzugehen. Krause erzschrein 388 (von 1648); mit gesammter macht. Steinbach 2, 342;
von der gefahr, der ungeheuren,
errettet nur gesammte kraft.
Göthe 13, 313 (Epimenides 2, 10);
bestehet nun di freundschaft in einer gesamten gleichheit, so erwündsche ich nicht (nichts) mehr, als di empfangene wohltahten mit gleichgiltiger gegen-dinstleistung ebenständig zu machen. Butschky kanzl. 80; seine pflichten nach ihrem gesamten umfange erfüllen. Adelung; jedes individuum auf dem gesammten erdrund. Klinger 12, 273; das gesammte gestirne, cuncta astra Steinbach 2, 342; der gesammte gott, das göttliche wesen mit allen seinen vollkommenheiten Adelung; die gesammten einwohner. ebenda;
mier ist als seh ich noch die angereihte noht,
die augenbliklich euch gesamten schwur den todt.
P. Fleming 79;
alle gesammt, omnes simul Steinbach 2, 342;
sie schrein gesamt mit uns: wol dir, du tapffres bluht.
P. Fleming 577;
vier grafen enthalste köpff hiemit gesamt bezeugen,
dasz sie sich vor gerechtigkeit haben müssen neigen.
Abele künstl. unordn. 4, 177;
wie der mensch eine rechte und lincke hand hat, welcher er sich absonderlich und gesamt (einzeln oder zusammen) gebrauchen kan. Butschky Pathm. 841;
gesamt zu hüpfen,
vereint zu toben.
Göthe 41, 30 (Faust 5232 Weim.);
zu den göttern
huben gesamt sie die hände.
Voss Orpheus v. 1021;
ach, nicht schüzet uns dann zärtliche brudertreu,
nicht die stunden gesamt unserer seligkeit.
ged. 3, 16;
welcher des meeres
tiefen gesamt durchschaut.
Odyssee (1806) 4, 386.
2)
der zusammenfassende begriff, dasz die menge als éins vorgestellt wird, tritt besonders deutlich in folgenden fällen hervor, gesammter ort für 'sämtliche ortschaften', vgl. ganz II, A, 3, c sp. 1290:
alles inselt von dem vieh, das ihr (Schweden) raubtet durch das land,
asche von gesammtem ort, den ihr setztet in den brand,
gebe seiffe nicht genug, ...
abzuwaschen innren fleck, drüber das gewissen richt.
Logau 2, 4, 38;
gesammte hand, die vereinigten hände mehrerer, und zwar
a)
als symbol gemeinsamer zustimmung und haftung.
α)
die übergabe von grundbesitz seitens mehrerer mitbesitzer oder erbberechtigter erfolgte 'manibus coadunatis', 'junctis palmis', 'unanimi consensu et manu composita quod mit gesamter hand vulgariter appellatur', 'firmitudinis modo qui vulgo sammet hant dicitur' Haltaus 678 aus urkunden des 12. und 13. jahrh., vgl. dazu rechtsalterthümer 138, 2.
β)
bei schuldverträgen verpflichteten sich die bürgen mit gesamthir, gesamender, samder hant, 'conjuncta manu', 'manu complici et quilibet nostrum in solidum' Haltaus aus urkunden des 14. jahrh.: von gelobetem gelde mit gesamptir hant. ein schuldiger, der ein gelt mit synen burgen mit gesamptir hant uf einen benumpten tag gelobit hatte zu bezalen. kulm. recht 3, 119; des selben burgers eeliche husvrowe bekente, das sy mit irem wirte do her lebete mit samptir hant eime andirn manne ein gelt uf einen benumeten tag gelobit hette. 121; globin leute mit gesamptir hant und ungesundert, zu bezalin ein gelt, sy sint alle gelich schuldig. blume von Magdeburg 2, 2, 94 fg.; in solidum, mit gesampter hand Dief. 301ᵇ; etwas aus gesampter hand bezahlen, in compagnie. Dief.-Wülcker 614 (Darmstadt, von 1618); offenbar weil im preuszischen rechte mehrere miterben vor getheilter erbschaft den nachlaszgläubigern weder als correi, noch einer für alle, noch einer auf seinen antheil, sondern alle gemeinschaftlich zu gesammter hand haften. entscheidungen des reichsoberhandelsger. 19, 313; es wurde weiter dazu erfordert, dasz man sich einander diese wehrung versicherte und sich dafür mit gesammter hand verbürgte. Möser werke 6, 22; im gleichen sinne: sich gesammt verbürgen, gemeinschaftlich, wo einer für alle und alle für einen bürgen Campe.
b)
im lehenswesen, s. th. 4², 360. die belehnung geschah in einer gesammten hand, zu gesammter hand, zu gesammten handen
α)
wenn mehrere lehnsherren gemeinsam einem vasallen das lehen gaben, wie z. b. Lothar der Sachse und papst Innocenz II bei der feierlichen investitur des herzogs von Apulien, indem sie als symbol die fahne überreichten, 'utrique manum adhibuerunt' Otto v. Freisingen 7, 20; ferner in einer urkunde der gebrüder v. Alvensleben von 1409 bei Haltaus: dasz wir eintrechtiglich (der neuen stadt Brandenburg) haben geliehen und leihen mit diesem briefe in einer gesammten hand die dorfstedt zu Schmölne zu einem rechten erblehne.
β)
wenn mehrere vasallen zusammen dasselbe lehn empfingen und dabei die hände an die fahne oder ein andres lehnssymbol legten, zum zeichen des mitbesitzes oder der anwartschaft, nach sächsischem recht: wir verleihen ihn (den gebrüdern und vettern v. Buch) alle disse obgeschriebene güter, jahrlich zinsen und renthen, zu einem rechten mann-lehn und zu gesammten handen .. also dasz die obgen. herrn und alle ihre erben die von uns zu rechten mann-lehen insgesammt haben, nehmen, empfahen, die besitzen, sich der gebrauchen sollen, als mannlehen und gesammter hande güter recht und gewohnheit ist. markgr. brandenb. urk. von 1443 bei Haltaus 679. ein gleichbedeutender ausdruck ist es, wenn es heiszt, der lehnsherr verleiht diese ländereien in gesampten lehen, zu gemeinschaftlichem ungetheiltem lehnsbesitz (urkunden könig Sigismunds von 1420 und 1426 ebenda) oder zur anwartschaft darauf: wir haben auf der Reuszen bewilligung die offtgedachten burggraven, gebrüder und ire rechte mandliche leibs-lehens-erben, zu den herrschafften Gräitz und Gera zu rechten gesambten lehen kommen laszen, allermaszen wie sy, die burggraven, auf den faal (sterbefall) die Reuszen zu gesambter hand bewilligt haben. urkunde Ferdinands I von 1562 bei Haltaus 680. anders gemeint von der lehnsabgabe, die von der gesamtheit der gerichtsunterthanen gezahlt wird: die gesammte lehen (fem., s. lehen 3), welche die unterthanen an einigen orten der gerichtsobrigkeit in sterbefällen entrichten, daher sie auch die sterbelehen heiszt, im gegensatze der sonderbaren oder erblehen und der kauflehen oder annehmelehen. Adelung.
γ)
die gesammte hand ist später der gewöhnliche ausdruck der mitbelehnschaft, investitura simultanea Hayme 38, vgl. gesammthänder: die gesammte hand haben. Frisch 2, 147ᵇ, s. unter gesammtnis; die gesammte hand nehmen, sich und mehrern mitbelehnten zugleich ein lehn reichen lassen Weber öcon. lex. 192ᵃ; wann ein schein ausgeantwortet würde, dasz was wegen des pfalzgraffen acht und translation der chur vorgangen, dem churfürstlichen collegio und andern chur- und fürstlichen häusern an ihren habenden rechten, erlangten belehnungen und gesamter hand unnachtheilig werden solle. kursächs. schreiben an Kurmainz vom 1. märz 1624 in Hipp. a Lapide de ratione status 471; der gesampten hand aber soll ein jeder, dem sie verschrieben, wann dieselbige durch absterben des lehen-herrn oder des lehen-mannes und besitzers gebrochen, ungeachtet ob er gleich das gut in würklichen besitz nicht hat, innerhalb jahr und tag von zeit der wissenschaft an folge zu thun pflichtig sein. constitutiones des kurfürsten August von Sachsen von 1572 2, 45.
c)
bildlich, vereint, zusammen, mit vereinigten kräften, s. theil 4², 360.
α)
gesammter hand, vgl. mnl. ghesaemelder hand, simul Kilian 171ᵇ: diese (protestant. fürsten) vermahnte könig Gustav, sich mit ihm zu vereinigen und gesammter hand dem käiser das haupt zu bieten. Ziegler tägl. schauplatz (1695) 1320ᵃ; drum komme er nur her, wir wollen gesamter hand auf mittel bedacht sein. kunst über alle k. 16, 14 Köhler; ich bedanckte mich gegen allen darumb, dasz sie mich gesampter hand so christlich aus meiner gefangenschafft entledigt hatten. Simpl. 2, 219, 11 Kurz; hätten aber beide ehe-genossen die schulden gesambter hand gemacht. Mainzer landrecht 1755 IV § 2.
β)
mit gesammter hand: wenn sich dazumal so ein gesell vor dem volke als einen künstler zeigen wollte und das kunststück dem volke nicht gefiel, so warfen sie ihn mit gesammter hand ins wasser. Klopstock 12, 300; mit gesammter hand bekriegen, conjunctis viribus bellum inferre Steinbach 2, 342; wann uns ein solcher tyrannischer hahn begegnete, wollten wir mit einander leib und leben wagen, und ihm mit gesampter hand und kräfften widerstehen. Schuppius 291; du und ich alle ehrlichen weiber im lande wollen mit gesammter hand dagegen sein. Wieland 8, 285;
so zu beseeligen, wie mit gesammter hand
die beiden götterchen (Cypripor und Hymen) uns glücklich machen können.
9, 182;
so will der herr Jesus auch das damit erinnert haben, dasz wir uns offt sollen zusammenthun und mit gesamter hand und einmüthigem glauben seinen himmlischen vater anrufen. Scriver goldpredigten 202.
3)
gemeinschaftlich: gesamtes geleit, communis conductus Stieler 1144, geleitsrecht nebst den daraus erwachsenden einnahmen, das für einen landstrich mehreren gemeinsam gehört, s. geleite 6, b und 7 und gesammtgeleit.
4)
substantivisch das gesammte, das ganze, alles umfassend: das gesammte beträgt tausend thaler. Campe; adverbial in das gesammt, ins gesammt, in gesammt: alle in das gesampt. Schuppius 418; ein text für die hauszväter und hauszmütter, und in gesampt für alle maul-christen. 641; sie erschienen alle in gesammt oder ins gesammt. in gesammt davon zu reden. Ludwig 749; zusammengeschoben ingesammt, insgesammt (s. d., ein beispiel aus dem 15. jahrh. oben 2, b, β):
sie wolten ingesamt heut auff die hochzeit kommen.
P. Fleming 168. 588.
5)
selten als präp. statt samt (goth. samaþ, ahd. samant), zusamt:
(er hat) die braut gesampt dem kind
vor eine magd genommen.
Venusgärtlein 133 (101 neudr.).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3785, Z. 35.

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Zitationshilfe
„gesammt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gesammt>, abgerufen am 06.12.2021.

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