geschöpf n
Fundstelle: Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3954, Z. 26
creatura, bei Luther noch geschepfe, geschepf, subst. verb. zu mhd. schepfen, schaffen (schophen Dief. 155ᶜ, schöpfen Hätzlerin 2, 75, 33), daher bei Rompler 147 geschäpf, wie sonst schäpfer, ebenso bei Eschenburg Brown über musik 4. andere nebenformen: geschopf voc. 1482 m 2ᵃ; ferner gescheffe, zu mhd. scheffen, wie geschaf zu schaffen, s. unter geschäft sp. 3815, plur. geschäff Dief.-Wülcker 615; geschoff Muskatblut 8, 159, rhein. geschuf, geschouf Pfister 268 (St. Goar). vgl. auch die fem. geschöpf und geschöpft.
1)
die schaffung, bestimmung: wenn man und weib nicht nach gottes geschepff und ordnung zusamen kemen. Luther 8, 384ᵇ; die natürlich angeborne neigung des weibes gegen dem man, des mans gegen dem weib ist gottes geschöpff und ordnung. Melanchthon apol. augsb. conf. 192, im corp. doctr. christ. 1560; besamen und dich mehren, ist gottes geschepffe, und nicht deiner macht. Luther 2, 163ᵇ; anordnung, einrichtung: wir bitten deine grundlose güte, du wollest solch dein geschepff, ordnung und segen (die ehe) nicht lassen verrücken noch verderben. 6, 358ᵃ; also gehet es dem göttlichen werck und geschepffe, das wir den ehestand nennen. 5, 324ᵇ u. ö.; wider den satan, der der ehe als gottes geschepff feind ist. Er. Alberus ehbüchl. G 1ᵇ u. ö.; sehen wir doch in den wilden thieren, das (dasz) ein natürlich geschepff ist und von natur eingepflantzt, das sie jre jungen lieb haben. Luther 5, 320ᵃ; gebot: durch das weib überredet er auch den mann, dasz er auch das göttlich gesetz und geschöpff übertrat. Aventin. chr. 1, 14ᵇ, var. geschaft, geschäft (s. d.), gescheft; da das erdreich gar ausgetrucknet, ging Noah ausz göttlichem geschöpff wider ausz dem schiff. 15ᵇ. 26ᵇ.
2)
die schöpfung, erschaffung der welt: ein kurtze beschreibung von dem geschöpff der welt. S. Frank weltbuch (1551) 4ᵃ; Adam und Eva haben jre leib durch das geschöpff empfangen. Paracelsus op. (1616) 1, 5 B.
3)
das geschaffene werk: geschopff, plasma voc. inc. teut. i 3ᵇ, geschöpff Dasyp. Y 8ᶜ; wir sind nur ein geschöpf deiner hände. 4 Esra 8, 7; weltgeschöpf, machina mundi Stieler 1710;
sein (gottes) geschöpf, die welt.
Lichtwer (1828) 262.
4)
das von gott (oder der natur) geschaffene wesen:
a)
im allgemeinen: geschopff oder creatur voc. 1482 m 2ᵃ; geschöpff von gott gemacht Hüpfuff voc. 1515 J 2ᵃ; und haben geehret und gedienet dem geschepffe mehr denn dem schepffer. Röm. 1, 25; ein könig der himmel und ein herr aller geschöpfe. 3 Macc. 2, 2;
gott seim geschöpf nicht böses thut.
froschmeus. 2, 2, 7 A a 8ᵇ;
näher war der schöpfer dem vergnügen,
das im busen des geschöpfes flosz.
Schiller VI, 23 (götter Griech. 84).
b)
collectiv:
schaw das geschöpff der engel zu uns eilen.
A. Gryphius (1663) 64, Leo Armen. 4, 3;
(der teufel) sprach: herr, das geschöpfe dein (die wölfe)
das hat zurissen mir das mein (die geiszen).
H. Sachs 1, 500ᵃ;
das sternengschöpff nichts schaden kan,
wann wir des schöpffers huld nur han.
Fischart groszm. pract. 141.
c)
von leblosem:
es sint die warmen bad, ich sprich,
geschöpf gottes gantz wunderlich.
Folz in Kellers fastn. sp. 1253;
von allerhand geschöpffen gottes, ... den himmel, gestirn, planeten, von M. Elucidarius, Frankf. 1598; naturkündiger haben zweiffelsohne sich über die schönheit und vielfältige krafft des bernsteins verwundert und emsig nachgeforschet, an welchem orte solch ein geschöpffe gefunden würde. Micrälius altes Pomm. 1, 4.
d)
von lebenden wesen, im allgemeinen: man sollte sagen, dasz der reihe der geschöpfe nach die natur allen ihren organismus anwende, immer mehr und ein feineres gehirn zu bereiten, mithin dem geschöpf einen freiern mittelpunkt von empfindungen und gedanken zu sammeln. Herder z. philos. 4, 183;
unter dem druidenbaume,
den alle glückliche geschöpfe fliehn.
Schiller XIII, 175 (jungfr. v. Ort., prol. 2. auftr.);
ein nicken alle freudigen geschöpfe
des tags, indesz die schwarzen hausgenossen
der traur'gen nacht auf ihren raub ausgehen.
78 (Macbeth 3, 5);
unnatürlich geschöpff, unthier, monstrum Rädlein 366ᵃ; (gräfin von Sulz) die ain geschöpf geporen, nit ungleich ainem langen trauben, von mancherlei farben. Zimm. chron. 3, 46, 8.
e)
von pflanzen und thieren: andere geschöpffe, wie die blumen und kreuter, die thiere. Butschky Pathm. 230; wie die pflanze darauf arbeitet, das kunstwerk der blume, als des geschöpfs krone, hervorzutreiben. Herder z. phil. 4, 183 (ideen 4, 2); in der mitte des sommers 1823 wurden abermals die reste eines solchen geschöpfes entdeckt (eines fossilen stieres im torfmoore bei Haszleben). Göthe 55, 301; beim biber, der durchaus ein eigen geschöpf ausmacht. 311; ihn verdrosz, das gute verständige geschöpf (das pferd) in den händen eines wildfangs zu wissen. 21, 152.
f)
von menschen: disen fal (des teufels) zu erstatten, hat gott der herr ein neues geschöph, den menschen, .. wöllen machen. Aventin. 4, 46, 27 Lexer; stehe mir bei und stärcke dein armes schwaches geschöpffe. Schuppius 460;
der herr wird mit ihr sein,
sein zitterndes geschöpf wird er erwählen.
Schiller XIII, 184 (jungfr. v. Orl., prol. 3. auftr.);
in schönerer gestalt versuchte nie
die sünde ein geschöpf von fleisch und blut.
Wieland 18, 36;
finden dereinst wir uns wieder
über den trümmern der welt, so sind wir erneute geschöpfe.
Göthe 40, 336;
Mercur, der sich zu den fantastenköpffen und kurtzweiligen künstlergeschöpffen ins daubhausz (hirn) gesellet. Fischart groszm. 87; (Shakespeares menschen) diese geheimniszvollsten und zusammengesetztesten geschöpfe der natur. Göthe 18, 310; geschöpfe aus der feinen welt. Möser sämtliche werke 2, 353; in Peru ist der negersklave ein herrliches geschöpf gegen den unterdrückten armen, dem das land zugehört. Herder z. phil. 4, 59; die gutartigen geschöpfe (die Indianer). ebenda; mit bezug auf die äuszere gestalt, im gegensatz zur geistigen veredelung: kunst ist die rechte hand der natur. diese hat nur geschöpfe, jene hat menschen gemacht. Schiller III, 74 (Fiesko 2, 17); verächtlich: was sind wir (menschen) für zweideutige geschöpfe! Schiller II, 392; die alltäglichen, platten geschöpfe. Forster ans. 1, 420; diese sorte von geschöpfen ist zum sacktragen auf der welt. Schiller III, 469 (kabale 4, 9).
g)
insbesondere von kindern und von frauenzimmern, vertraulich: die neugierigen fragen der kleinen geschöpfe (kinder). Göthe 50, 111; während die jungen geschöpfe mit einer solchen übung (sich verständig zu betragen) beschäftigt sind. 24, 105; als ein junges geschöpf (Mignon) ihm entgegen sprang. 18, 142;
hier kam ein weibliches geschöpfe
der muntern jugend in die quer.
Günther 162;
die liebe zu einem geschöpfe, welche (so) gleich dir selbsten aus koth und wasser bestehet, nimpt alle beständigkeit aus deinem gemüthe, du denckest stets wachend an sie. pers. baumg. 3, 2; ein herrliches geschöpf (mädchen). Gotter 3, 63; ein schönes, vortreffliches geschöpfe. Wieland dial. d. Diogenes 99. 107; die edlen weiblichen geschöpfe, die er kannte. Göthe 20, 86; dieses holde geschöpf (die nichte). 14, 164; ich liebe dieses zärtliche, gute, liebliche geschöpf. 18, 31. 46; das kluge geschöpf (Philine). 19, 82; verächtlich: sagen sie mir nichts von dem abscheulichen geschöpf (Mariane). 18, 177. 312; diese lasterhaften geschöpfe lachen ihm ins gesicht. H. Heine (1862) 9, 193; von niedriger stehenden, z. b. der dienstmagd: immer wieder kommt das geschöpf herein!; bair. als schimpfwort du gschöpf! Delling 1, 214; bedauernd: ein verlasznes geschöpf mehr in der welt! Göthe 19, 86; mit abweichendem plur. schweiz. armi gschöpfer! Seiler 151ᵃ.
5)
werk von menschenhand u. s. w.: hie (im vaterunser) bekennen wir mit dem wort gib, das es gottes gabe sei, und nicht unser geschepffe (vorher unser erbeit). Luther 5, 466ᵇ.
a)
dichterisch:
sein (des geliebten) geschenk allein
ist dieses neue leben, das ich lebe.
er hat ein recht an sein geschöpf.
Schiller XII, 152 (Picc. 3, 8);
(Satan spricht) da schau die todesgestalten,
meine geschöpf', auf diesem gesicht!
Klopstock Mess. 2, 185.
b)
collectiv: du mein kurzweiligs geschöpf (nachher jhr meine jünger). Garg. 20ᵃ.
c)
wie creatur 2, jemand, der einem mächtigeren seine stellung verdankt: die meisten offiziere waren seine (Wallensteins) geschöpfe. Schiller VIII, 142;
der herzog ist dann .. ein übernächtiges
geschöpf der hofgunst, die mit gleichem aufwand
freiherrn und fürsten macht.
XII, 230 (Wallenst. tod 1, 7);
trotz bot euch der abscheuliche — der euer
geschöpf war.
413 (M. Stuart 1, 4);
und dafür dessen willenloses werkzeug ist:
ich soll an diesen aufgehaschten York,
das geschöpf und machwerk eurer muhme, glauben?
Schiller XV, 1, 253;
Azor theilte die geschäfte der regierung unter einige geschöpfe der schönen Alabanda. Wieland 6, 196; bildlich: derjenige hat wahrlich den wenigsten beruf der mahler seiner zeit zu werden, der das geschöpf und die karrikatur derselben ist. Schiller X, 498.
d)
übertragen, erzeugnis, hervorbringung: ich wollte drauf wetten, sie hielt diese gräfin (von welcher geredet wurde) für ein geschöpf ihrer einbildungskraft. C. F. Weisze lustsp. 2, 302; dasz der ring des Saturn ein geschöpf des planeten selber sei. Kant 8, 310; diese ganze abhandlung ist als ein geschöpf von dieser methode zu denken. 106;
das wunder ist des augenblicks geschöpf.
Göthe 9, 347 (nat. tochter 4, 2).
6)
beschaffenheit, gestalt, s. d. folgende wort nr. 3 und geschöpft 3: ihre weiblichen figuren haben, so schmal auch dieselben über den hüften sind, übermäszig grosze brüste. da nun die ägyptischen künstler die natur nachgeahmet haben, wie sie dieselbe fanden, so könnte man auch aus ihren figuren auf das geschöpf des weiblichen geschlechts daselbst schlieszen. Winkelmann 3, 69.
geschöpf f
Fundstelle: Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3956, Z. 52
wie das voraufgehende wort zu mhd. schepfen, schaffen, vgl. auch das fem. geschöpft.
1)
die erschaffung der welt: als dy vier complexion geordiniret sein von got in der geschopf. küchenm. a 6; im buͦch der geschöpff, im ersten buch Mosis, der genesis. Melanchthon annotat. Röm. verdeutscht q 8, ebenso schon in den deutschen bibeln des 15. jahrh.
2)
die schöpfung, das erschaffene werk: unser schöpfer (hat) in rat siner ewigen wisheit verfasset, in zit etliche geschöpf zuͦ setzen, under wölchen er zwo in sonderheit lieb gemeint, die ein .. das liecht, die ander vernünftig erschöpfung .. ein lebendiger mensch. Schade sat. 3, 1, 3.
3)
gestalt: wie herzog Dietherich von Brabant und Engelhard, sein gesell, von geschöpff einander so gleich sehen, dasz sie für einander nicht erkennet. Engelhard 445 var.; er hett einen groszen weiten mund und lang hangend ohren, aber von leib und beinen, von arm und füszen und aller geschöpff was er gar gerad und wolgeschickt und adelich gestalt. buch d. liebe 266, 4.
4)
glied am menschenleib: da er diese greuszliche geschöpff an seinem gemahel sahe (den ungeheuren wurmschwanz, in welchen vom nabel abwärts ihr leib auslief). buch d. liebe 273, 2; ein kind, das alle geschöpffe hat, expressus membris infans Denzler 131ᵃ. Aler 916ᵃ.
Zitationshilfe
„geschöpf“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gesch%C3%B6pf>, abgerufen am 15.11.2019.

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