Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gescheidigkeit, f.

gescheidigkeit, f.,
mhd. geschîdekeit, geschîdikeit (sieh F. Bech in der Germania 20, 38), nhd. noch vereinzelt gescheidigheit Helber syllab. büchl. 27, 15 neudr., vgl. gescheidheit.
1)
listigkeit, schlauheit: gescheidigkeit, astutia, calliditas Dasyp. E 6ᵃ, gscheidigkeit, vaframentum Maaler 195ᵇ, verschlagenheit Rädlein 363ᵇ;
das (die niederlage der feinde) schuͦf des meisters geschîtekeit
mit sînem wunderlîchen kleit.
Hans v. Bühel Diocl. 5085;
das es mit geschydigkeit und listen geschehen muͦsz, als der fuchs dem löwen thet. buch d. beispiele d. alten weisen 36, 38 Keller; wie in die mit groszer geschidigkeit umbgefürt. 99, 13; darumb betriegen sy die menschen mit mancherlai betrug, gescheidikait und listikait. Keisersberg schiff d. pen. 69ᵈ; da ist kainer in list und gescheidigkait über deinen vater (Ulysses) gewest. Schaidenreiszer 10ᵃ.
2)
gescheidigkeit, arglistigkeit voc. 1482 m 4ᵃ. Calepinus (1570) 1617: wenn es an das treffen geet, so nemen sy die flucht, und das ist jr gescheidikait, wann so jr feind wänen, sy seien mit der flucht hinweg, so wischen sy denn herfür und erschlahen sy rücklingen. Keisersberg has im pfeffer Aa 8ᵃ.
3)
klugheit, scharfsinn, wie bescheidigkeit (was menschlicher bescheidigkait zuͦ erdencken müglich Schaidenreiszer 10ᵃ): gescheidigkeit, scharpffer verstand, sagacitas, solertia Maaler 172ᵃ. Dasyp. E 6ᵃ;
er (Römer) het gar vil gescheidigkait.
Keller erzähl. aus altd. hdschr. 232, 22;
mit geschydigkeit und ordnung thuͦt ein man, das ein ander mit stercky nit gethon möcht. buch der beispiele 109, 21. 36, 26 Keller; weisheit und gescheidigkeit des sons ist bald in der jugend zu erkennen. Albr. v. Eyb spiegel d. sitten 11ᵃ; ausz angeporner geschaidigkait. städtechron. 11, 785, 21 (von 1516); und wöllen solchs nicht schalckheit, sondern gescheidigkeit und fursichtigkeit genennet haben. Luther 4, 406ᵇ; die vernunfft und gescheidickait des menschlichen verstandts. Melanchthon hauptartikel d. ganzen h. schrift 2; es ist nicht genug, dasz ein präceptor gelert und fromm sei, er musz auch gescheidigkeit haben und gelimpffligkeit. Hayneccius schulteufel vorr.; kaufleut geschwinde leut, bistu um diese weltkinder gewesen so hastu welt gescheidigkeit genug gelernt. hundert fabeln (1611) 73; dorumb vermag etwan einfeltigkeit mehr denn kunst und gescheidigkeit. Pauli schimpf 120ᵇ; sich zu erfrewen können, ist mehr gescheidigkeit, alsz einfalt. Elis. Charl. 2, 207; sintemal aber die bürger dises mercketen, kamen sie der finanz mit gescheidigkeit zuvor. Kirchhof wendunm. 425ᵇ; wirdt hernach jre gescheidigkeit und fleisz jedermann spüren und preisen. discipl. milit. vorr.; von thieren: einer wunderbaren gescheidigkeit sind sie (die affen). Plinius von Dhaun 239; ein merkliche grosze gescheidigkeit an zweien geisen, die einander auf einem schmalen hohen steg begegneten. 221; sich nach natürlicher gescheidigkeit der hüner hilten. Fischart ehz. 477.
4)
besonnenheit, vernunft: gescheidigkeit, sapientia Dasyp. E 6ᵃ, verstand Rädlein 363ᵇ; nur klugthätige menschen, die ihre kräfte kennen und sie mit masz und gescheidigkeit benutzen, werden es im weltwesen weit bringen. Göthe 22, 224. 49, 24.
5)
erfahrenheit in arbeiten, besonders in kunstreichen: ich merket, das die gescheidigkeit (industria) offenlich underligt dem hasz des nechsten. bibel 1483 308ᵇ, pred. Sal. 4, 4, erbeit und geschickligkeit Luther; wiewol sie von der göttin Pallade mit groszen genaden und kunst des webens oder würckens begabt ist, also das kaine ausz den verstorbnen weitberümten weibern jhr in fürsichtigkait und gescheidigkait müge vergleicht werden. Schaidenreiszer 6ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3851, Z. 33.

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Zitationshilfe
„gescheidigkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gescheidigkeit>, abgerufen am 09.12.2021.

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