Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geschert

geschert,
mit scheren versehen: die füsze sind alle geschäret (bei dem haberkrebszle). Forer fischb. 124ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3856, Z. 17.

scheren, verb.

scheren, verb.
eine oberfläche kahl schneiden, tondere. ein gemeingermanisches wort, nur im goth. nicht bezeugt; vgl. altn. skera 'schneiden, scheren, schlachten', schwed. skära, dän. skære 'schneiden, scheren', ags. sceran, sciran, sceoran, engl. to shear, altfries. skera, schera Richthofen 1027ᵇ, neufries. scherren, skerren, skere, sgä̂re, schiri, skiar ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵃ, alts. nicht belegt, mnd. mnl. holl. scheren, ahd. sceran, mhd. schern. scheren entspricht einem indogermanischen *skerô, das in lit. skìrti 'schneiden', dazu skarà 'fetzen', sowie mit abgeworfenem s in griech. κείρειν 'scheren' zu tage tritt; letzteres zeigt, dasz auch die specielle bedeutung des deutschen wortes in die indogerm. zeit zurückreicht. zusammenhang mit sanskr. kṣurá 'schermesser' ist nicht wahrscheinlich, da dies griech. ξυρόν entspricht und doch wol zu der wurzel kṣu- 'schärfen, wetzen' gehört, vgl. Fick⁴ 1, 32. dagegen gehören hierher zahlreiche ableitungen innerhalb des german., vgl. schar, scharben, scharte, scherbe, schere; ja, auch kurz, lat. curtus, woneben ahd. scurz, engl. short ist vielleicht nur eine participialbildung dazu, vgl. theil 5, sp. 2823, und zum ganzen Kluge⁵ 321ᵃ. Weigand 2, 565. ein schwaches scheren 'theilen, abtheilen, zutheilen', alts. scerian, mnd. mnl. scheren, ahd. scerian, sceren, mhd. schern, ist nhd. noch in der zusammensetzung bescheren erhalten, s. theil 1, 1563. die form bietet wenig abweichungen: radere scheren, schern Dief. gloss. 482ᶜ, tondere scheren 587ᵇ; vereinzelt hat sich der kurze vocal bis in die nhd. zeit erhalten, z. b.:
man sal em abscherren sin hare.
Alsf. passionssp. 4091;
im heutigen kärntn. si scherren 'sich um etwas kümmern', 'sich davon machen', gegen sonstiges sche̜r'n. in ersterer bedeutung hat das siebenb.-sächsische sich schieren (1. sing. ech schiere mich) Frommann mundart. 4, 404, 23, vgl. s. 414. im ältern nhd. findet sich vielfach die schreibung schaͤren (Maaler, Stieler), ferner scheeren bis in die neuere zeit. schwankender ist die flexion. die mhd. formen sind: ich schir — ich schar — wir schâren — geschorn; dem entsprechen im nhd. ich schere — ich schor — wir schoren — geschoren. im ältern nhd. begegnen noch nachzügler der ältern flexionsweise, so im sing. prät. ich schar: der ... die schaf schar. Keisersberg narrensch. 195ᵇ; der grave scharr im die blaten selbs. Zimm. chron.² 2, 67, 40 Barack; da schar man den schuncken. Garg. 83ᵃ;
gar pald ein platten sie mir schar,
ein ringlein als ein munch furwar.
fastn. sp. 122, 15.
neben schar — schoren findet sich ein prät. schur — schuren, in analogie zu schwur? vgl. Weinhold mhd. gramm. s. 359:
zu Jerusalem er do vur,
do er sinen weize schur.
pass. 142, 42 Köpke;
und ir weiplichen schame
sy ir peschurn alsame.
Mich. Beheim Wiener 273, 31;
vor diesem war es brauch, dasz man die bauren schur.
Günther 1023;
der schuer dan sein waitz gar wol. Aventin. chron. 1, 556, 20; da schur es kappen. Rist friedej. Teutschland 59; noch Frisch 2, 167ᶜ gibt als formen des prät. an: ich schur oder schor, conj. ich schür; ebenso Stieler 2046: ich schor, et schur, ich schöre, et schüre. dagegen hat Schottel 593 die heutigen formen. im part. findet sich vereinzelt gescharen in analogie zum prät.: was ab ainem schaf woll (wolle) gescharn wirt. österr. weisth. 1, 294, 22, gescharne ruben Mathesius Sar. 9ᵇ. häufig begegnet schwache flexion, wobei vielleicht das schwache schern nachwirkt. weniger auffällig sind schwache formen in der 2. 3. sing. ind. präs. und im imper., da sie sich hier auch bei andern starken verben finden: Walter (scheert und singt). Fr. Müller 1, 227 (schafschur, anf.);
ist's doch die einzige ehre den unglückseligen menschen,
dasz man die locken sich scheert und netzt mit thränen das antlitz!
Voss Od. 4, 198;
so gibt auch Schottel 593 an: ich schere, du scherest, dagegen Stieler 2046: ich schäre, du schierst, er schiert, ebenso Frisch 2, 165ᶜ: ich scheere, du schierst, er schiert. im nd. sind natürlich die formen du scher(e)st, he scher(e)t durchgehend, während die flexion sonst durchweg stark ist (prät. schôr, schoren, part. [e-, ge-]schoren, -scharen) Schambach 182ᵇ. brem. wb. 4, 639. Schütze 4, 38. ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵃ. Woeste 227ᵇ; vgl. z. b.: tonsterna ... eyn hus dar me de schaͤp inne schert Dief. nov. gloss. 367ᵃ. seltener begegnet in der schriftsprache ein schwaches prät., und dann nur in den bedeutungen I, 5, a und b, vgl. das.: aber der knollfink scheerte sich gar nichts darum. Eichendorff (1864) 3, 29;
Pervonte, den das alles wenig scherte,
trabt ruhig seines weges fort.
Wieland 18, 137;
in diesen fällen meidet die heutige umgangssprache überhaupt die starken formen. von neuern mundarten haben die bair.-österr. überwiegend schwache flexion: ich scher — scheret — g(e)scher(e)t Höfer 3, 79. Lexer 216 (im part. auch gschourn); neben seltnerem ich schir — schur — geschoren Schm. 2, 451; dagegen tirol. part. g'schôr'n Schöpf 601. Bedeutung.
I.
eine oberfläche glatt und kahl schneiden, indem man haare, wolle, gras u. ähnl. von ihr entfernt. als object wird gewöhnlich die dadurch geglättete fläche gesetzt, seltener die abgeschnittenen theile.
1)
im eigentlichen sinne: scheeren das haar, oder woll, tondere, et tonsare Dasyp., schären tondere, attondere, detondere Maaler 345ᵃ.
a)
von thieren, schafe scheren u. ähnl.: tondens einer der da schirt als schauff Dief. gloss. 587ᵃ; er schiert die schafe, oves tondit Steinbach 2, 493; he schor syne schaep. quelle bei Schiller-Lübben 4, 77ᵃ; Laban aber war gangen seine herde zu scheren. 1 Mos. 31, 19; und nach dem Juda ausgetrauret hatte, gieng er hinauff seine schafe zu scheren. 38, 12; deine har sind wie ein herd ziegen, die auff dem berge Gilead geschoren sind. hohel. Sal. 6, 4; dann kauff ich umb vier schaff oder hemmel und ire wollen, die desz jars zweymal geschoren wirt, ein kuͤh. Kirchhof wendunm. 1, 206 Österley (1, 171); dasz mein herr vatter .. auf seinen gütern jährlich bey 4. bisz 5000 schaafe zu schären hat. Simpl. 2, 156, 29 Kurz;
so wesche din schoff und schir din lember.
heil. namenb. (els. litt. denkm. 1) 256;
scheren im gegensatz zum schinden; bildlich: der hart Jerobeam lebt noch, der nit allein die schaff schar, sunder sie gantz schindet. Keisersberg narrensch. 195ᵇ. auch passiv, das schaf schert 5 pfund, liefert bei der schur 5 pfund wolle. Frischbier 2, 268ᵃ.
b)
eine wiese scheren, das gras kurz abmähen:
aber sie eilten
durch die geschorene wies' und wellige schwade des heues.
Voss 1, 71 (Luise 1, 596).
land scheren, in hessischen urkunden des 14.—15. jahrh., die äcker, die man besät hat, auch abernten. Vilmar 347, rogge scheren ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵃ. in ältern quellen wird dagegen mähen und scheren (mit der sichel schneiden?, vgl. indes schere 5) unterschieden, vgl.: sprach die fraw: sich, wie ist die matt geschoren. sprach der man: sie ist nit geschoren aber gemegt. Keisersberg irrig schaf B 4ᵇ;
de twei dor ene wische gingen,
daruppe nochten lach dat gras,
dat ninges (neulich) gemeiget was,
he (der gute mann) sprak: 'got ere dussen man,
wo rechte wol he meigen kan,
de dut gras gemeiget hevet ...'
se (sein böses weib) sprak: 'gi leget (ihr lügt) mit uneren,
it is beschoren mit ener scheren'.
Gerh. v. Minden 28, 20.
so auch ursprünglich seinen weizen scheren, gewöhnlich bildlich, s. 3, b. gärten scheren: (im juni soll man) die saffran-gärten scheeren. Hohberg 1, 122ᵇ. nd. (ditmars.) auch vom vieh gesagt, scheren abfressen, eine weide kahl fressen. en peerd scheert scherper as en ko. bescheren, upscheren, vieh auf die weide treiben. muulscher, was das vieh abfriszt, das recht, vieh auf abgeerntete felder zu treiben. brem. wb. 4, 640. Schütze 4, 38. vgl. J. Grimm kl. schr. 6, 401.
c)
hecken scheren, mit der groszen gartenschere beschneiden. bäume scheren, beschneiden, der krone berauben, kappen. Campe.
d)
häute scheren, von den haaren befreien. tuch scheren, von dem aufgerauheten tuche die langen, ungleichen wollfasern abschneiden und ihm dadurch einen graden strich geben. Jacobsson 3, 561 f. 7, 193ᵇ f: die tuchscherer beklagten sich bei dem rate, dasz etliche aus den tuchmachern und knappen von den leuten gewand nemen und scheren .. was aber die tuchmacher sich selbst, oder ihrem gesinde zu scheren pflegen, mögen sie ungehindert tun. würde aber bei den tuchmachern und knappen gewand heimlich gefunden und geschoren, das ihnen nicht gebürte ... script. rer. Siles. 3, 116;
bring mir dasz duoch, las es nit scheren!
fastn. sp. 827, 29.
sprichwörtlich: nu kan man seen, wo dat laken scharen is, nun kann man den eigentlichen grund, die wahre beschaffenheit der sache sehen. brem. wb. 6, 278.
2)
besonders vom menschlichen haar oder bart.
a)
mit angabe des abgeschnittenen, das haar oder den bart scheren: den bart schären oder abhauwen lassen, barbam ponere, barbam abradere Maaler 345ᶜ; skir min fahs, tundi meo capillo Graff 6, 525; und du sun des menschen, nim dir ein scharfes waffen das do schiret die har. bibel 1483 392ᵇ (Hes. 5, 1);
mit wol geschornem barte.
Hartmann v. Aue Greg. 3396 Paul;
und hätt ich einen scherer also gute,
der mir die bauern bescheret, die bauern hochgemuthe,
ich wollt ihnen scheren die alten bauernhaare.
wunderh. 1, 144 Boxberger;
als zeichen der trauer:
häufige thränen
weineten rings die Achaier um dich und schoren ihr haupthaar.
Voss Od. 24, 45;
bei ordensleuten und geistlichen (vgl. auch nachher c und e, α): die brûder pfaffen .. sulen ouch die berte scheren durch daʒ ambeht der messe. satut. des deutschen ordens 40, 12 Perlbach; die berte suln sî scheren unde ouch daʒ hâr alumme neben den ôren. 138, 22; sprichwörtlich: dann ich seh wol, es heiszt da, wer den kopf bekompt, der schär den bart. Fischart bienenk. 137ᵇ.
b)
mit vertauschung der beziehung, den kopf u. a. scheren: skir minan hals. Graff 6, 525; das haupt scheren, caput radere; sich den kopf scheren lassen, caput denudandum tonsori praebere. Steinbach 493;
op hoofden die men node doet scheren,
met langhen haer, onghedwoghen.
Reinaert 5148.
c)
jemandem eine glatze, eine platte scheren, besonders als abzeichen des geistlichen standes: sente Peter tet do als ime got gebotin hatte, und schar sich al uͦmme und schar eine platte. Leyser deutsche pred. 86, 1; bei narren: bald will ich mir eine glaze scheeren, dasz sie den hanswurst von mir spielen. Schiller Fiesko 2, 4;
lasz dir ein narrenplatten scheren.
fastn. sp. 122, 13 (vgl. oben und Weinhold die d. frauen² 1, 271);
bildlich für 'jemanden verletzen, an seinem leibe schaden thun':
pfaff spricht:
Gredt, du sagst wol: beschwert (beschwört) mein man!
wiewol ich wol beschweren kan,
so thu ichs doch warlich nit gern,
fürcht, er würt mir ein blatten schern.
H. Sachs 14, 178, 19 Keller-Götze;
eyner heist der Thumer Paul,
der Türck hat jm geschoren
ein plat ist nit zuͦ schmal.
bergreihen 114, 35 neudruck (56, 8).
d)
scheren, absolut, das handwerk eines barbiers ausüben:
ich wil wern ein frauenwirt
und ain padknecht, der lest (zur ader) und schirt.
fastn. sp. 689, 12;
im einzelnen falle: wenn man ain schermeʒʒer mit öl sänftigt, dâ mit schirt man dester sänfter. Megenberg 336, 23.
e)
mit angabe der person, in der ältern sprache im dativ, wobei das object (den bart) zu ergänzen ist; einem scheren, ihm den bart abnehmen:
mir muoʒ ein ander meister scheren,
denn' ir, daʒ wiʒʒet âne spot:
mîn bart muoʒ iemer, sammir got,
iuwer scharsahs mîden.
Konr. v. Würzburg Otte mit d. barte 368;
auch schon mhd. mit dem jetzt üblichen accusativ der person:
daʒ man in padote und scare.
fundgr. 2, 59, 33;
wozu soll der haarschopf
da oben auf dem scheitel? .. wär' ich ihr könig,
in einer nacht liesz ich sie alle scheren!
Grillparzer⁴ 5, 24.
dann gewöhnlich von dem abschneiden des haupthaares; insbesondere
α)
von der tonsur der geistlichen: do erschein der heilige engel sente Petro in einis phaffen bilde mit umme geschorneme hare mit einer platten und sprach zu ime: alse du mich nu sihest geschorn also soltuͦ dich scheren, und nach dir so suln sich alle die schern, die zu gotis dineste gewihet suͦln werden. Leyser deutsche pred. 85, 38—42 (vgl. c); wie men die broeder sceren sole papen ende lejen. statuten des deutschen ordens 14, 28 Perlbach.
β)
als strafe, vgl. Grimm rechtsalterth. 702. Schultz höf. leben² 2, 256 ff. Weinhold d. d. frauen² 2, 314:
zwâre ê ich ir læge lasterlîchen bî,
ê lieʒ ich mich scheren unde villen.
minnes. frühl. 309, 25;
zwor er kam nye van guͦder art,
man sult in scheren willen (lies: und villen).
Muskatblut 80, 70 Groote;
geistlîche rihter sullen sie villen und schern vor der kirchen gewalt. Berth. v. Regensburg 1, 267, 15.
γ)
jetzt meist vom kurzschneiden des haupthaars, wie vereinzelt schon mhd. männer scheren sich zum unterschiede von frauen, vergl.:
doch hatten sie (die heiden) von den zinnen
daʒ volc so garuwe verlorn,
daʒ sie die wip hatten geschorn
und hieʒen die ane tun mannes wat.
graf Rudolf² 13, 22 Grimm.
3)
bildliche und sprichwörtliche wendungen.
a)
sein schäfchen scheren, seinen vortheil wahrnehmen, nd. sîn schöæpken scheren Schambach 183ᵃ, vgl. schäfchen 2, a (sp. 1999):
heut noch, (kommt) er, der gerichtsrath, her aus Utrecht!
zur revision, der wackre mann, der selbst
sein schäfchen schert!
Kleist 3, 99 Hempel;
und sein schäfchen versteht er zu scheeren.
Geibel 5, 164.
b)
mit einem andern bilde, seinen weizen scheren (vgl. 1, b): wiewol die groszen Hansen und hauptleut, die bei im irn waiz nach irem sin nit schern mochten, oft aufrüerisch warn wider in. Aventin. chron. 1, 367, 23;
zu Jerusalem er do vur,
do er sinen weize schur
und koufte swaʒ er wolde
alda mit deme golde,
daʒ im wol zu nutze quam.
pass. 142, 42 Köpke;
Aaron sagt: weil eben jetzo ist die mesz,
seh ich, was ich mein nicht vergesz,
beim Goim meinen waitz könt schern.
Ayrer 2423, 1 Keller.
c)
über den kamm scheren, attondere per pectinem Steinbach 2, 493, vgl. Schm. 2, 451: wird in den alten teutschen sprichwörtern .. sehr wohl erklärt: einem schmeicheln und dabey schaden, alle über einem kamm scheeren heiszt daher, einen wie den andern auf einerley weise im schmeicheln scheren, omnes adulando ludificari, eodem modo decipere. Frisch 2, 168ᵃ. die redensart alle über einen kamm scheren (mit demselben masze messen, auf gleiche weise behandeln) ist heute sehr gewöhnlich, indes ohne den von Frisch angegebenen nebensinn. Campe. brem. wb. 2, 730. Schütze 2, 38, vgl. theil 5, sp. 102. in der ältern sprache auch mit dem dativ: uberschlagt (man) dann ferners was für eyn grausame summa alle andere länder inn der christenheit zusammen machen, welchen allen zugleich uber eynen kamm geschoren wird. Fischart bienenk. 224ᵇ; es ist unter ihrer (der regierung) würde, sich mit dem volk gemein zu machen, welches keinen scherz versteht und alle, die sich mit wissenschaften bemengen, über einen kamm schiert. Kant 1, 214.
d)
sprichwörtlich:
es ist keyn kling die herter schirt,
dann so ein betler gewaltig würt.
S. Franck sprichw. 1, 16ᵇ;
es ist kein schwerdt, das schärffer schiert,
als wann ein baur zum herren wird.
Simpl. 1, 59, 26 Kurz;
weitere fassungen s. schermesser.
e)
hoch geschoren ursprünglich von einer den vornehmen stand kennzeichnenden haartracht, vgl.:
unt möcht iemen mit hêrlîcher spîse
daʒ himelrîch beherten
unt mit wol gestrælten bärten
unt mit hôh geschornem hâre.
Heinrich v. Melk erinner. 293 Heinzel (vgl. die anm.);
waʒ wildû Pôlân hôchbeschorn?
Seifr. Helbling 3, 225;
die gröszest, genetzt und geschorne thorheit ist besondere sternen für könig, bäpst und hochgeschorne hauben. Fischart groszm. 45, s. kloster 8, 579 (Rabelais: les rois, papes et gros seigneurs). dann bildlich für 'vornehm', vergl.hochgeschorn, superbia elatus voc. von 1618 bei Schm. 2, 451: dat sint solke, dei en betchen höcher eschôren sint, as de baddelær, spöttisch von solchen, die für vornehm gelten wollen, ohne die dazu erforderlichen mittel zu besitzen. Schambach 183ᵃ:
swie hôhe er wære beschorn,
er wart dô lützel ûʒ erkorn,
eʒ wære abt od bischof.
Erec 6632;
Ismael (zu Isaac):
darumb so beit noch bisz morn,
dann du bist jm nit hoch gnug geschoren,
das du mich werdest meisteren.
Haberer Abraham F 1ᵃ;
hab ich mich je hochmütig und trotzig gestellet gegen dem der höher geschoren war als ich? Philander 1, 219.
f)
einem die kolbe scheren: denn es ist ihm aus dieser schule verdriesz genug geschehen, und die kolbe (der kopf) mit einer schartigen sichel geschorn. Luther briefe 5, 540, vgl. kolbe 9, a, besonders δ, th. 5, sp. 1607. ähnlich auch: Mars. wie haben euch doch meine kriegs - actiones in Polen gefallen? gieng es da nicht rechtschaffen braff daher? junker Reinhart. fürwar, da schur es kappen, da theilete man extraordinari stattliche püffe ausz. Rist friedej. Teutschl. 59 (vgl. kappen 7, 'schläge', theil 5, sp. 193 f.).
g)
einem den gecken scheren, zum narren machen, weil ein geschorener kopf kennzeichen des narren war, vergl. oben 2, b, ferner geck 5, e, theil 4, 1, sp. 1920 und kolbe 9, b, α, theil 5, sp. 1608, besonders nd. Schiller-Lübben 4, 77ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 115ᵃ. enem oder mit enem den gekk scheren. brem. wb. 4, 641, ebenso mnl. scheeren den sot met iemanden, habere aliquem loco morionis Kilian, dagegen scheeren den sot allein in dem sinne 'agere morionem, fingere stultitiam, simulare stultitiam'. ebenda.
h)
einen übers maul scheren, ihn zur ruhe verweisen, meistern, wie sonst übers maul fahren (s. th. 6, 1791), über die schnurre hauen u. ähnl.: sisz schande und sünde vor dan ihrlichen leuten, dosz sittene (solche) junge schlingel den alden alle ogenblick wälln übers maul schären. Gryphius gel. Dornrose 58, 20 Palm.
4)
einen scheren in mannigfachen übertragenen bedeutungen.
a)
von einem schneidenden schmerze: es schiert mich im leibe, doloribus alvi excrucior Steinbach 2, 493;
allweg muͦsz ein wib empfinden
ein tödtlichen schmerzen, so sie gebirt,
der ir dem leben so gnaw schirt,
dasz sie wänt, sie müesse verderben.
N. Manuel 144, 276 Bächtold.
b)
schlagen:
die köchin hat mir sauber gschorn
mit dem kochlöffel an dem ort.
H. Sachs 4, 3, 45ᵇ;
so wisz, das aine jungfraw eben
mir also gschoren hat zum leben.
Fischart dicht. 2, 23 Kurz (flöhh. 758);
so auch den feind scheren, schlagen: unsere aber ... ziehen jhm entgegen, vermeynen, wann sie jhn ungewarneter sach angreiffen, wöllen sie jhn scheren. buch der liebe 206ᵇ.
c)
scheeren, ist bey den unzüchtigen gemein, für stuprare Frisch 2, 168ᶜ: der koch habe sie (des pflegers tochter) gschorn als eine bestia. urkunde von 1645 bei Lexer 216.
d)
einen ausbeuten, bedrücken, vortheil aus ihm ziehen Kehrein 1, 344; ausgehend vom scheren der schafe, vgl.:
und (seh ich) dasz, so hoch ein propst sein hirtenämtchen achtet,
und seine schafe schiert, und ihre milch verpachtet.
Thümmel reise (1794) 3, 156;
reitersmänner von ansehn; dergleichen volk schnorrt das ganze jahr im land herum, und schiert die leut was tüchtigs. Göthe 42, 7 (Gottfr. v. Berl. 1);
du (Friedland) trinckst kein saltzes wasser gern,
thust lieber die städt im reiche schern.
Soltau hist. volksl. s. 474 (belagerung der stadt Stralsund 1628);
und wer nicht schiert, der wird geschoren.
Günther 940;
als Moschus lügen färbt, Coryllus bauren schiert.
1039;
sollen die menschen nicht denken und dichten,
müszt ihr ihnen ein lustig leben errichten;
wollt ihr ihnen aber wahrhaft nützen,
so müszt ihr sie scheeren und sie beschützen.
Göthe 3, 307.
zuweilen im gegensatz zu dem noch stärkeren schinden; wortspielend:
grosze herren, die da herschen, mögen schehren nur nicht schinden:
hirten nemen so die wolle, dasz sie wolle wieder finden.
Logau 2, 166, 39 ('herschen, versetzt, schehren').
e)
besonders von einem wirt, der seine gäste übervortheilt: scheeren, gebraucht man vulg. auch von den wirten, welche den gästen zu viel anschreiben, und die reisenden mit groszen zechen machen beschweren, nimium exigere ab hospitibus pro potu aut diversorio. Frisch 2, 168ᵃ, vgl. Dähnert 404ᵇ. brem. wb. 4, 641 f. Schütze 4, 39. Frischbier 2, 268ᵃ. Höfer 3, 80. in der ältern sprache auch mit dativ:
auch verderben sy manigen wirt,
der gar genaw den gesten schirt.
Cl. Hätzlerin 2, 74, 86;
den wirth den wolt ich nennen gern,
ich mein er kan den gästen schern,
von jn nimpt er das gelt gar schon, ..
schier mir nit mehr.
Ambr. liederb. 130, 46—50.
vgl. auch: zu Dietfurt an der Altmül het es ein wirdt .. und hat ein freündtliches weib wie ein hüenle, hiesz mit irem nammen die Scherelse, het den nammen mit der that. Katzip. 97; auch sonst, jemandem sein geld ablocken, ihn rupfen, betrügen u. s. w.:
dat konde ik (der weber) alto rynghe weghen,
leyen scheren, papen andreghen.
Redent. ostersp. 1521 Schröder;
der Hasz hat all sein gelt verloren,
und darf es gleichwol niemand klagen.
dan die, die er, die jhm, geschoren,
wirt, jhm zu spot, es schon gnug sagen.
Weckherlin 803;
so mundartlich: se hebben hum gôd scharen, ihn tüchtig gerupft, z. b. beim spiele. ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵃ. dafür auch den beutel scheren:
sie nam vert erst ein jungen man,
der hat jrem beutel geschorn.
H. Sachs 3, 3, 12ᶜ;
sie wirt dir deinen beutel schern.
21ᶜ;
(Sophia spricht:) hat er so viel wahr wiederumb
herbracht, ich lasz mir also sein,
sam sey die wahr schon halber mein.
geh such jn baldt, und bring jn her,
auff das ich jm noch besser scher.
23ᶜ.
verstärkt, im bilde:
der koufman aim daz har im ars schirt.
teufels netz 9250.
f)
einen plagen, belästigen, quälen, placken, ihm verdrusz machen, vgl. brem. wb. 4, 641. Schöpf 602. Höfer 3, 80. Kehrein 1, 344. Frommann mundarten 6, 418, 31: lasz mich ungeschoren, noli mihi molestus esse Frisch 2, 168ᵃ. sprichwörtlich: schirstu mir, so wil ich dich zwagen. Petri Sss 1ᵇ; auch reflexiv sich scheren, sich abmühen, placken Schm. 2, 452. Frischbier 2, 268ᵃ. Schmidt 181: den untervogt und den visitator besolden wir kärglich, damit diese leute nicht zu viel zeit zum spintisiren haben, sondern .. vergessen, wie sehr sie die bürger scheren können, wenn sie alles aufs schärfste suchen und knötgen zu knoten machen wollen. Möser patriot. phantasien 1, 175; ich (bauer) bin ihnen allen (den groszen herren) von herzen gram und wo ich sie scheren kan so thu ich's. Göthe 42, 5; und solch ein bengel, solch eine zusammengestohlne kleiderpuppe soll einen mann scheeren. Fr. Müller 2, 99; dabei ist das volk (in der Schweiz) durch den milizdienst geschoren. Niebuhr leben 3, 412;
doch wollen wir durch musterung
nicht uns noch andre scheeren.
Göthe 3, 164;
das heiszt die leute scheeren.
Schiller Piccol. 2, 1;
zu Hamburg das junge blut
thut die meister scheren!
Schade handwerksl. 227 ('gesellen aufstand').
etwas schiert mich, quält mich, thut mir weh Schmidt 181: hat mich das ding nicht schon geschoren! Lenz 1, 161; aber im grunde schiert mich's doch. Göthe briefe 1, 223 Weim. ausg. (an Käthchen Schönkopf 1770);
der anfang wäre gut, nur dieses ist der teufel,
dasz uns das ende schiert.
Günther 1034;
mit einem geschoren seyn, molestiam habere ab aliquo, exagitari, turbari Frisch 2, 168ᵃ; er muste zum polizeiinspektor Harprecht, der, wie sein protokollist sagte, mit einer heerde töchter geschoren sei. J. Paul flegelj. 2, 30.
g)
in schwächerer bedeutung, einen necken, aufziehen, zum besten haben u. ähnl.: idem ac durch ziehen, zum gelächter machen, ich schere, exagito, cavillor ... er schiert die leute, illudit homines Steinbach 2, 493, vgl. auch brem. wb. 4, 640 f. Schütze 4, 39. Dähnert 404ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 115ᵃ. Frischbier 2, 268ᵃ, schon mnd. scheren spotten, höhnen Schiller-Lübben 4, 77ᵇ; doch zieht man den beleg daselbst vielleicht besser zu schern (s. daselbst), hierher dagegen scheeren, vetus, vel schertzen, ludere, illudere, nugari Kilian?: beym Amor! ich will mich in ein alt weib verlieben .. blosz um meine phantasie zu scheeren. Klinger theater 2, 266;
doch meine wachtel, gutes thier! spazieret
nach herzenslust auf dir herum,
und picket dich am ohr, und närr't und schieret
dich basz.
Göckingk 3, 118 ('an meinen hund');
meine herrn, wir werden von 'nem kerl geschoren,
der uns beweist, wir wären hier unnütze.
Tieck 13, 252
h)
besondere beachtung verdient die redensart einen trocken scheren, eigentlich einen barbieren, ohne ihn vorher einzuseifen, die in verschiedenem sinne gebraucht wird.
α)
enthaupten, s. Frommann mundarten 1, 260. 2, 251. 4, 225. Schm. 2, 451. Schöpf 601:
so solt man dich ein stund nit leiden,
sondern ein weisen zuͦ dem wirt,
do man sonst allweg trucken schirt.
H. Folz bei Frommann 2, 251;
zu Nëfels an der Lez
hannd wir inen geschoren ungenez.
Ruff Etter Heini, vorsp. 238, s. ebenda;
dafür auch scheren allein:
man hat den besten geschorn.
Liliencron hist. volksl. 246, 19, 8;
und wer er nit entrunnen,
man hett im ouch geschorn!
246 B, 22, 8, dagegen in A:
man het im auch drucken gschorn.
β)
sonst auch in der bedeutung 'prellen, übervortheilen, rupfen, ausziehen', namentlich vom schlechten wirt (vgl. oben e):
sich klagt der vollen brüder orden,
der wirth der hat uns trucken geschoren,
er hat uns geben dreyerley kost,
hunger, durst, und groszen frost,
schir mir nicht mehr.
Ambr. liederb. 130, 2, vgl. v. 68.
ähnlich:
do war ainr mit aim knüttel als pall
und schluog mich, das ich kam (kaum) entran ..
und muost meins gelts und klaider enperen.
wie mainst, kund die nit durcken scheren?
fastn. sp. 332, 30;
bey zween brüder, die wuchrer sein
und die den leuten drucken schern.
Ayrer 2981, 26 Keller;
so auch:
geet hin, nach jr (Venus) ist mir nit wee,
sie hat mir vor trucken geschorn,
mein teil ist mir vorhin schon worn.
Heros ird. pilger (1562) 40ᵃ.
i)
ganz verblaszt ist der begriff des scherens in wendungen wie: ich weisz nicht, wie ich da geschoren bin, wie ich in diesem falle daran bin. Campe; der gut Nausicles sahe jn zu, wuszt nicht was das für ein sach war, erstummet, wuszt nit wer jhn geschoren. buch der liebe 200ᵇ.
5)
hieran schlieszt sich scheren im sinne von 'kümmern' oder 'bekümmern', in doppelter fügung.
a)
sich um etwas scheren. diese bedeutung ist der ältern sprache (mhd. mnd.) noch fremd, dagegen in der heutigen rede und in mundarten ungemein häufig, vgl. Schm. 2, 452. Lexer 216. Höfer 3, 80. Hügel 136ᵃ. Castelli 240. Schöpf 602. Hunziker 219. Schmidt 182. brem. wb. 4, 641. Schütze 4, 39. Dähnert 404ᵇ. Schambach 183ᵃ. Woeste 227ᵇ. in dieser bedeutung ist besonders die schwache flexion beliebt (vgl. oben), einige mundarten scheiden dies scheren von den andern verwendungen in flexion oder form, vergl. Lexer a. a. o. Hunziker a. a. o. es steht dafür kärntn. si scherrn Lexer 216, siebenb. sich schieren Frommann 4, 414, 23. Campe bezeichnet sich um etwas scheren als vulgär für sich an etwas kehren, s. das. 2, 1 (2): wenn wir nur wacker zu fressen und sauffen haben, wer schirt sich ums geld? Schoch studentenleb. G 5ᵇ; dasz .. die beständigkeit aber seine ärgste feindin sey, um welche er sich gleichwol keine schnalle schere, weil er mehrentheils sie flüchtig mache. Simpl. 2, 168, 8 Kurz; so war das meisterlein so pfiffig, dasz es sich unter das wetter hinsetzte und sich nichts darum schor. J. Paul uns. loge 3, 135; schier dich gar nichts um den feinen cercle und rede heraus! Hesp. 1, 73;
... wer schiert sich was drum?
Günther 258;
werden uns viel um den kaiser scheeren.
Schiller Wallenst. lager 11;
heut wieder
hab' ich geschrieen, geklopft, — zehn straszenbuben
sie können mehr nicht lärmen — doch umsonst!
er übersetzt und schiert sich nichts darum.
Werner Martin Luther 2, 1.
mundartlich (schles.) auch unpersönlich es schiert sich im — es handelt sich um Frommann mundarten 6, 276, 12.
b)
etwas schiert mich, kümmert mich, geht mich an; gewöhnlich negativ oder in frageform was schiert mich ..? u. ähnl.: was schierts mich? genug sie sind fuchswild. Göthe 33, 268;
mein freund, was schierts denn euch, es geht euch gar nichts an,
dasz ich es Urseln hab ein jahr zuvor gethan.
Reuter Harlequins kindbetterinschmaus 72, 57 neudr.;
was schiert es mich, ob jemand weisz,
dasz ich das volk verfluchte.
Göthe 4, 364;
was schiert mich der Berliner bann,
geschmäcklerpfaffenwesen!
26, 233;
was schiert mich der bischof in dem dom?
Simrock volksb. 1, 230.
II.
Die ursprüngliche bedeutung des schneidens, welche vielleicht in der stelle: da schar man den schuncken, da zog man den käsz producten. Garg. 83ᵃ, anzunehmen ist, hat sich andrerseits zu der des abtheilens, absonderns u. s. w. entwickelt. in diesem sinne hat die ältere sprache die schwache weiterbildung scerian, schern; nhd. findet sich auch häufig schwache flexion, doch ist der unterschied von scheren 'tondere' nicht festgehalten und eine scharfe scheidung nicht durchführbar.
1)
theilen, abtheilen, scheiden, alts. scerian, mnd. scheren (schwach und stark) Schiller-Lübben 4, 76ᵇ f., mhd. schern Lexer handwb. 2, 740, im nhd. erloschen, vgl. Frisch 2, 168ᵃ f.; einzelne überreste und spuren in mundarten, s. Schm. 2, 451. Höfer 3, 79. Schöpf 601 f. brem. wb. 4, 639 f. ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵇ (hê scherd dat in drîen oder drê delen u. a.):
thi gôdo godes sunu .. hêt that gumono folk
skerian endi skêdan.
Heliand 2849;
in den von Frisch angeführten stellen der braunschweigischen reimchronik (1685. 3047. 3094. 3957. 4875. 4906) liest die kritische ausgabe von Weiland (Hannover 1877) scherren. sich schern, sich zertheilen, zergehen:
swenn sich der snê ze waʒʒer schirt.
Frauenlob 269, 10.
2)
hieraus ergeben sich mannigfache weitere bedeutungen, die ebenfalls nur den ältern dialekten angehören, und später zum theil durch die zusammensetzung bescheren vertreten sind; so 'bestimmen, zutheilen':
skerida im thô te wîtea,   that he ni mahta ênig word sprekan.
Heliand 164;
so vielleicht noch in folgender stelle, wo es dem zusammenhange nach nur vom zutheilen des trankes gesagt sein kann: zum nachtessen mocht er nit wol ufsten, so schar man im dann aber. Zimm. chron.² 3, 67, 20 Barack; austheilen, verleihen, vgl. Hel. 2644; vertheilen, jemanden wohin weisen, stellen, s. Graff 6, 532. Lexer handwb. 2, 740:
er (Petrus) hapêt ouh mit uuortun   himilrîches portûn:
dar in mach er skerian   den er uuili nerian.
denkm.³ 1, 22;
in der übertragenen bedeutung des zuweisens bei berechnung, rechnens, zählens:
der unfal ist das jar an mir,
ich hoff und schier,
ob mir möcht werden mein glück.
Ambras. liederb. nr. 145, 19.
3)
ferner absondern, ausschlieszen, vgl. Lexer handwb. a. a. o. Schm. 2, 452 (ältere sprache). Höfer 3, 80 (einen fort scheren, verjagen u. ähnl.).
4)
mit dieser bedeutung hängt die noch jetzt sehr gebräuchliche verbindung sich scheren, sich entfernen, sich 'packen' zusammen, vgl. Schm. 2, 452. Höfer 3, 80. Hügel 136ᵃ. Kehrein 1, 344. Schmidt 181, oberd. daneben si(ch) scherren Lexer 216. Schröer 201ᵃ. Schöpf 602 (Vorarlberg). Frommann 4, 251, auf nd. gebiete Schambach 183ᵃ. Woeste 227ᵇ. ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵃ, schert ju weg, auch scher deg to, komm her Schütze 4, 39, vgl. indes 5. so schon spätmhd.:
sich hât geschart
der sterne glast von himels gart.
Oswald v. Wolkenstein 29, 1, 22;
könnt euch ja zusammen scheren! hab' nichts dagegen. Fr. Müller 1, 269; sich zum teufel scheren u. ähnl.: des morgens früh, und des abends spät, wenn sie ihm (einem alten eigenhörigen seine stieftochter) auch nur ein stück brod gebe, sagte ihm jede ihrer mienen, dasz er sich zum henker scheren mögte. Möser patr. phant. 3, 147; auf diese art reichte sie ihre unterthänige supplik ein, er möchte allergnädigst sich .. zum henker scheren. J. Paul uns. loge 3, 29; als er den mann gutmüthig aufmerksam machte, er habe nichts bestellt, fuhr der grobian ihn an, das wisse er wohl und eben darum solle er sich zum teufel scheren. Hebbel (1891) 9, 99. besonders häufig im imperativ: scher oder schier dich fort oder zum teufel!; hast du schwätzer anders nicht vorzubringen, so schiere dich hinweg ins teüffels namen. Rist friedew. Teutschland 39; 'herr doctor', sagt der feltwebel, 'stehe uff und scheer dich uff die wacht'. Simpl. schriften 4, 241, 20 Kurz; schier dich fort, da hast du noch etwas auf den weg. Weisze kom. opern 2, 56; schert euch 'naus, wenn ihr was auszumachen habt. Göthe 8, 7 (Götz 1); schier dich zum satan, infame kupplerin! Schiller kab. u. liebe 1, 1;
schert
zum teufel euch, sag' ich!
Kleist 3, 141 Hempel;
scher dich schlafen!
Werner der 24. febr. 3.
5)
in derselben bedeutung findet sich auch intransitives scheren, vgl. Lexer handwb. 2, 740. Schmid 459 (gehen, reisen), und besonders nd., s. Schiller-Lübben 4, 77ᵇ, schere hen, weg, foort, pack dich! brem. wb. 4, 642, de schuldige scheret, macht sich aus dem staube. ebenda; he mag henscheren; ji schullen herscharen sien, warum kommt ihr nicht? Schütze 4, 39, schere her, schere dine wege Dähnert 404ᵇ. von da vereinzelt in die schriftsprache eingedrungen, doch nur bei schriftstellern norddeutscher herkunft: schier dich her. Hermes Soph. reise 6, 220;
wer nicht des weidwerks pflegen kann,
der scher' an's paternoster hin!
Bürger 70ᵃ;
als der Eunika zum kusz ich nahete, lachte sie meiner,
ja mit höhnischem spott auch sagte sie: schere hinweg mir!
Voss Theokr. 20, 2 (s. 177).
insbesondere steht scheren von einer ruhig gleitenden bewegung, wie dat schip scherd dör 't water. ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵇ; vom laufe eines flusses:
dein scheren ungenetzt.
Oswald v. Wolkenstein 11, 3, 9;
ähnlich:
des waʒʒers sprieʒ ...
... von erze her abe schert
in lant durch luft.
Frauenlob 406, 13 (vgl. indes die anm.).
von menschen:
wer us den werken selig wirt,
der selb nebend der gnad hin schirt.
Manuel 191, 1612 Bächtold.
de wulken scheret, wenn die untern schneller ziehen als die obern. brem. wb. 4, 642. Adelung. von vögeln, die bei schönem wetter durch einander hin und her schweben, sagt man: se scheret, oder se holdet enen scheer-danz. von dieser art des fluges hat eine art möven den namen scheerke. ebenda. de wulken (oder de swâlkes, de störken) scheren dör de lücht. ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵇ. scheren beim schlittschuhlaufen, nach beiden seiten in halbkreisen ausschweifen. brem. wb. 4, 643, vgl. auch engl. to sheer to and again, hin und her streichen.
6)
so auch holsteinisch, kot absondern, misten: dat peerd kann nig scheren. Schütze 4, 38.
III.
Ein drittes, ebenfalls schwaches und dem nd. sprachgebiete angehöriges scheren bedeutet 'seile von einem ort zum andern spannen'. linen scheren, dünne seile aufspannen. brem. wb. 4, 643. Schütze 4, 39. ten Doornkaat Koolman 3, 114ᵇ. Frischbier 2, 268ᵃ. Adelung. so schon mnd.: so war aldar eine line midden dwers ober das market geschoren von der einer sidt zu der andern boven aus den fenstern, daran hengen goese. Münst. chron. 3, 38 bei Schiller-Lübben 4, 77ᵃ. so besonders in der weberei das garn scheren, auf den rahmen spannen, den aufzug (schering) machen, vgl. die angeführten stellen und scherrahmen, scherung.
IV.
Technisches und besonderheiten.
1)
ein schiff scheren, die spanten (rippen) des schiffs aufrichten und die senten (dünne, biegsame latten) daran befestigen, wodurch die biegung der seitenplanken bestimmt wird. auch die planken scheren. Bobrik 585ᵃ. Jacobsson 7, 193ᵇ.
2)
fischen mit der zaunschere: es sol auch fürbas dem gemainen man in der Thunau ze scheren nit mer gestatt werden, wann sie die prüt und sängl der pärbl nit erkennen. landpot in Ober u. Nieder Baiern (1516) 55ᵇ. vgl. scherren 3, a.
3)
österr. schêren für 'schaben, scharren' Hintner 218. Campe, stark kratzen Castelli 240. vgl. scherren.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2569, Z. 60.

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Zitationshilfe
„geschert“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschert>, abgerufen am 29.11.2021.

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