Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geschichte, n.

geschichte, n.
1)
das schichten als thätigkeit. 2) das geschichtete, die schicht: sie trugen von erde einen hohen bergk unde straweten dor yn manch geschichte goldis. Rothe dür. chron. 44; collectiv, die gesamtheit der schichten:
kurz entschlossen
arbeitet er zu tag sich durchs geschichte (aus dem felsenschacht).
Rückert ges. ged. 1, 174.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3857, Z. 35.

geschichte, f.

geschichte, f.,
ahd. und mhd. gesciht, f. schickung, zufall, ereignis, verstärktes schiht, das eine ableitung von ahd. scehan 'durch höhere schickung sich ereignen', dem stammverb von geschehen (s. d.), und noch im mhd. und md. erhalten ist, ahd. nur in den zusammensetzungen anaskiht eventus, misseskiht fortunae asperitas, niuskiht prodigium; daneben mit anderer endung das ahd. fem. giscihida, casus. der gen. und dat. sing. sowie der plur. lauteten ahd. und mhd. geschihte, danach vereinzelt schon mhd. der nom. sing. geschichte jüng. Titurel 4220, 1, Prager hds. der erlösung 3427, wol zugleich in anlehnung an das seit 1300 in md. quellen erscheinende neutrum daʒ geschichte, die begebenheit, gekürzt geschicht, plur. geschichte, geschicht und seit dem 15. jahrh. geschichten (Wilw. v. Schaumb. 5. 113). auch mnd. geschicht, n. und f. Schiller - Lübben 2, 76ᵇ, nd. ganz vereinzelt sogar masc.:
dat gedichte,
ut welken men den ganzen geschichte
wol klärlichen mogen verstan.
Liliencron volksl. 2, 225ᵃ.
das neutrum gewann weite verbreitung, noch Luther gebraucht gewöhnlich das geschichte oder geschicht, selten das fem. die geschicht (Esra 6, 2. Marc. 1, 45, s. Frommann vorschläge zu Luthers bibelübersetzung 2, 30), aber seit dem 17. jahrh. erlangt allmälig das fem. und zugleich der sing. geschichte wie der plur. geschichten die alleinherrschaft, z. b. unter andern stund die geschichte, wie der Jupiter .. sei erhalten. Opitz 2, 262; die geschichten sind schier einerlei in der ganzen welt. abentheur (1656) vorrede; ausz unwissenheit vorgangener geschichten. Schuppius 44; wiewol noch öfter der plur. geschichte, z. b. bei Krämer, Stieler, Adelung und Canitz:
von seinem stamm, den die geschichte preisen.
275,
und der sing. geschicht vorkommen, z. b. bei Krämer, Rädlein und an folgenden stellen: von dieser wunderbaren geschicht. Opitz (1746) 2, 404 anm.; ist es eine fabel, oder ist es eine wahrhaffte geschicht? Gottsched vern. tadl. 2, 268;
(staateskunst) die sich auf die geschicht der klügsten völker gründet.
Bodmer lobged. 8. 60;
mit was für kunst die tragische geschicht
erzählet wird.
50;
lieder, die Kranz zu seiner geschicht gebraucht hat. Denis 4, xv; die österr. geschicht und diplomatik. lxxxi.
1)
schickung, zufall, s. geschehen 1.
a)
ahd. geskiht, casus, eventus Graff 6, 415; mhd. gelückes schiht Müglin 8, 3, ungeschiht, misgeschick; geschichte, eventus Dief. 212ᵇ (aus voc. rerum von 1420), geschicht, geschiecht, casus 105ᶜ (anfang des 15. jahrh.); eventus, zufellig ding, ein geschicht, ein ding von geschicht Melber h 5ᵃ:
si (seefahrer im sturm) lieʒen eʒ an die geschiht,
weder sie genæsen oder niht.
Tristan 2421;
dô truoc in diu geschiht
(wand ern versach sichs niht)
vil rehte an sîner vrouwen lant.
Iwein 3923;
geschehe ouch ungeverlichen, daʒ der stucke deheins überfaren wurde, in welen weg daʒ geschehe, daʒ sullent wir unverzögenliche usrichten und die, den die geschiht (casus fortuitus) geschehen were, unklagehaft machen und in benemen die selbe geschiht. bündnisvertrag der Zweibrückner grafen mit Straszburg von 1367 bei Haltaus 683; mnd. so entschuldiget van der sunde ein geschicht unde ein anvalle ... als ifft ein mensche van sick worpe einen steen unde drope einen menschen. summa Joh. 141ᶜ bei Schiller-Lübben 2, 77ᵃ.
b)
namentlich in der wendung von geschicht, durch höhere schickung, zufällig.
α)
deutlicher, von gottes geschicht, durch gottes schickung: uf ein zit von gottes geschicht gieng ein priester uf der strasz. Stretl. chron. 15, 11 Bächt.; so hette sie ihn (ritter) auch eben funden von gottes geschicht. buch d. liebe 270, 1.
β)
zufälliger weise, von ungefähr: ahd. vone geschihte, forte Graff 6, 415; mhd. geschicht ichtz von geschicht? 'nichtz nicht, sunder alle ding geschechent von der ordnung gottes.' cod. germ. mon. 607, f. 174 bei Schmeller;
mit muote (vorbedacht, absicht) od von geschihte.
Erec 5811;
dâ vant er von geschihte
einen waltstîc.
Tristan 2569;
ein vechten von geschicht ergie.
Suchenwirt 16, 61;
iedoch nement si (bienen) kainen küng von geschicht oder ân fürsichtichait, si prüevent in vor. Megenberg 290, 24; wenne er von geschiht kümt zuo ainem waʒʒer. 168, 3; ich han mein gewant verloren von geschicht. gesta Rom. 55 Keller; ich hab von geschicht einen menschen erschlagen. 93; nun füegt es sich von geschicht, dasz ... städtechron. 5, 133, 2. 185, 15; es füget sich von geschicht, daʒ ain reb dem man in ain oug schluoge. Steinhöwel Esop. 330; von geschicht kam ein kaufman auf den hof. 3ᵃ; ein man spannet den bogen und schicket einen ungewissen schusz und schlug von geschicht den künig Israhel. bibel 1483 169ᵇ, 1 kön. 22, 34; on geverd von geschicht, (forte fortuna) was dieser myn fründ darby. Terentius (1499) 40ᵃ; er sündt nit von geschicht, das ist, on gefärd. Keisersberg ausg. d. juden K 4; wen das los von geschicht, so si gemacht hattend, ankäm. Stretl. chron. 181, 9 Bächt.; wie sie nun hin und her spatzieren giengen, kommen sie von geschicht für die höle, darinnen die löwin mit dem kind lag und schlieff. buch d. liebe 6, 1; ein keller, der stunde von geschicht offen. Frey garteng. 83ᵇ; von geschicht werden dieses andere gewar. Kirchhof wendunm. 240; von geschicht waren fischer hart darbei. 176ᵇ, noch österreichisch Ziska.
γ)
in gleicher bedeutung: durch geschiht minnes. 1, 241ᵃ Bodmer; von geschichten Herbort 17165; geschichtenklîchen Walther v. Rheinau Marienleben 75, 31; von schihte, durch göttliche fügung: sô betrachte der abbit daʒ wîslîche, daʒ in (den fremden mönch) von schihte unsir herre (gott) gesant habe. Hohenfurter benedictinerregel 61, 7 (13. jahrh.) in zeitschr. f. d. alterth. 16, 269, vgl. 52, 6. 59, 1; von beschicht: es kom einer von beschicht uf die selben stunde zu im. Schöpf 605 (von 1447); sei das du schlafest von beschicht bis ze schönem tag. ebenda; mhd. von ungeschicht, durch einen unglücklichen zufall, zufällig Lexer 2, 1865: ist ein man verteilit gewest unde blîbet lebendic, iʒ sî von geschichte oder von ungeschichte. Freib. stadtr. cap. 49, 29 u. ö.; ausz ungeschicht Lauremberg acerra phil. centur. 3, 72; fan unschigt Firmenich 1, 180, 16; von ungeschichten Schaidenreiszer 12ᵃ, ungeschichter dingen 9ᵇ.
c)
ungünstiges, was dem menschen zustöszt, unglücklicher zufall, wie krankheit: dar umb bewært er (der corallen) auch vil geschiht (avertit casus diversos), wenn in der mensch mit esten hât. er ist auch guot wider die nagenden fäuht, diu ze latein flegma haiʒt. Megenberg 439, 24; der stain erlœst von widerwärtigen geschihten. 467, 20.
d)
plötzliche naturerscheinung, ursprünglich als eine himmelsschickung aufgefaszt, an die sich eine vorbedeutung knüpfte, luftgeschicht, meteor:
eine luftgeschicht, die schreckend uns ergetzet.
Creuz oden 1, 139;
westfäl. die geschichte, das nordlicht Woeste 77ᵇ; vorgeschichte, erscheinung, die künftig geschehendes vordeutet: von ahnungen weisz ich nichts sonderliches, aber vorgeschichten giebt es .. so habe ich damals anno zwölf die ganze russische armee über den hellweg ziehen sehen. Immermann Münchh. (1841) 4, 22.
2)
was einem zu theil wird, zukommt (s. geschehen 5, b und e), eigenschaft, art und weise:
daʒ vingerlîn was der geschiht,
man verzêh im betlîches niht,
swer eʒ an der hant truoc.
Lanzelet 4953;
in aller der geschicht und weise. urk. von 1349 bei Schm.² 2, 388;
sie lac doch in der geschiht,
als ob sie slâfen solde.
Heinrich v. Freiberg Tristan 2712;
die sterk, die ist in dreierlai geschicht:
die erst sterk ist, als man bedeut,
wann ein mensch stark ist für ander leut ...
Vintler 4132. 1118.
allgemeiner, wesen:
diu wâre minne unt dîn geschiht (d. h. du)
sint ungelîch.
Frauenlob 429, 7.
3)
das was geschieht oder geschehen ist, ereignis, begebenheit, vorfall, vorkommnis, s. geschehen 4.
a)
wunderbares, ungeheures ereignis, durch das walten höherer mächte veranlaszt:
zeichin unde wundirtât,
der hôe got begangin hât
in schichtin manchirhande.
Jeroschin 1, 124 Pf.;
daʒ si durch got ir weinen lieʒen ...
iedoch entâten siʒ niht:
alsô grôʒ was diu geschiht
di si hæten gesehen
und diu dâ was vor in geschehen.
klage 383;
ob dem wunderbaren geschicht (verwandlung des schiffes in einen felsen) schawet ainer den andern an. Schaidenreiszer Odyssea 56ᵃ;
als er nun sprang ins meer hinunder,
hub sich ein gütig seltzam gschicht.
B. Waldis 2, 30, 91 Kurz;
dis ist zwar ein schreckliches und wunderliches geschichte. Bünting chron. (1584) 2, 52ᵃ; solchs gräszlichen geschichts hat mennigklich grosz schrecken entpfangen. Kirchhof wendunm. 1, 270 Österley;
den weiteren weitläufigen erfolg
von dieser wunderbaren doch wahrhaftigen geschichte.
Göthe 14, 117.
b)
begebenheit, vorgang, ereignis im allgemeinen, geschicht oder geschehen ding, historia, res gesta voc. 1482 m 4ᵃ. Dief. 279ᵃ: ahd. alle geskihte, quae fiunt Graff 6, 415; mhd.
den wolf muote diu geschiht
und daʒ kint erbarmte in.
Reinh. fuchs 352, 1656;
missehabt iuch niht umbe dise geschiht,
daʒ iu die risen habent getân.
Erec 5668;
(Tobias) der verlôs guot unde gesiht.
al diu geschiht want in des niht,
er wære gedultic doch in gote.
Barlaam 380, 34;
ir gîng vil nâher die geschiht,
daʒ ir jungfrauwen sâʒin,
endrunken joch enâʒen.
h. Elisabeth 1772;
daʒ wunderlich geschichte.
422;
sô wirt hi beschrebin ein geschichte, daʒ wol zu merkene unde zu sagene stêt. Ködiz h. Ludw. 49, 31. 92, 30;
dô der riter hêt ersehen,
daʒ diu geschiht dâ was geschehen.
Wigalois 6898;
bi dem selben bischofe geschach daʒ geschichte uf den heiligen cristag. Limb. chron. 65, 12 Wyss; do geschach ein geschicht, dasz die von Fridberg erschlugen den edlen knecht. 58 Rossel; also hat herczog Ludwig vor dem geschicht (schlacht) auch riter geschlagen. städtechron. 10, 269, 1 (von 1462); und sagt man, dasz ir vil in der geschicht erstochen seien worden. Burkhard Zink in städtechron. 5, 288, 29; were aber, das ein ammeister in solicher ilender geschiht (verfolgung eines übelthäters) nit balde zuͦ finden were. Straszb. verordn. 25 Brucker (15. jahrh.); do sü sich also (mit bauwerken) wol hettent besorget, do noment sü die gedoht (die gesamten thaten) des geschihtes für sich und erfuͦrent, was iederman hette geton. Königshofen in städtechron. 9, 779, 8;
wer uns nu disen spruch macht
und dise geschicht zu rime bracht.
Liliencron volksl. 1, 318ᵇ;
vgl. die ganze geschichte in ein gassenlied bringen. Wieland 20, 140 Gruber;
dasz ich nit mag gedichten vort
von diser geschicht ein eniges wort.
Liliencron a. a. o.;
wie auch die schrifft an andern örten pflegt etlichen dingen den namen zu geben umb zukünfftiges geschichts willen, per anticipationem. Luther 4, 17ᵇ; weil wir klerlich sehen, beide, in der einsetzung der tauffe, alle drei personen genennet und in diesem geschicht mit der that gegenwertig erzeigt und fürgestellt. 6, 286ᵇ; es hat mich, gnedige herrn, dis geschicht in e. g. landen von gott beweiset, vermocht, an e. g. diesen brieff zu schreiben. 2, 381ᵃ ('ein geschicht, wie gott einer erbarn klosterjungfrauen ausgeholffen hat'); (dein wille geschehe) solches gebet oder auch geschicht thut der natur gar wehe, denn der eigen wille das aller tiefest und gröszest ubel in uns ist. 1, 78ᵃ; von dem geschicht, das sich hernach begabe. 4, 18ᵃ; als der landvogt das geschichte sahe, gleubet er. apostelgesch. 13, 12; (der geheilte aussätzige) machet die geschicht ruchtbar. Marc. 1, 45; dis geschicht ward alles rüchtbar. Luc. 1, 65; laszt uns nu gehen gen Bethlehem und die geschicht sehen, die da geschehen ist. 2, 15; da die räuber solches (die theils verwundet, theils todt am ufer liegenden) sahen und sich ausz diesem geschicht nicht verrichten kundten. buch d. liebe 179, 4; wie nun die räuber das hin und her zerstrewete todte volck sahen, erschracken sie der geschicht. 180, 2;
die knaben stritten selbst mit blutigem gesichte
schon für die wahrheit der geschichte.
Gellert 1, 155;
ein groszer maler lockt durch grosze und kleine empfundene naturzüge den zuschauer, dasz er glauben soll, er sei in die zeiten der vorgestellten geschichte entrückt. Göthe 44, 7; jedermann sah diese geschichte spielen. Keller leute v. Seldw. 1, 288; diese bluttraurige geschichte. Hoffmannswaldau heldenbr. 131;
vielleicht
erwarten sie, wie diese unnatürliche geschichte
sich enden wird?
Schiller V, 2, 419 (don Carlos 5, 4).
plural: ahd. in allen werltgeskihten. Notker ps. 9, 2; wânest tu dise werltlîchen geskihte verlâʒene varen unde stuzzelingun? hunccine mundum temerariis agi fortuitisque casibus putas? Boethius 32 Graff; älter md.: ouch sîn andere zeichin unde geschichte vel gescheen. Ködiz h. Ludw. 73, 26; di geschichte, di an mînem lieben sone von gotlîchir schikunge ergangen sîn. 61, 32;
alle heimlich geschiht
uffenliche er sehen kan.
h. Elisabeth 5450;
nhd. es seind gewonlich dreierlei person, den man in alweg die warheit entdecken soll. nämlich den beichtvätern, ärtzten und rathgebern (anwälten), wann der geschicht unwissenheit verfürt offt die aller gelertisten. Tengler laiensp. 6ᵇ; aber wer kan solche felle erzelen, weil es ungewönliche geschichte sind? Luther 5, 241ᵃ; ich wil alte geschichte aussprechen. ps. 78, 2;
die geschicht,
das, wie man sie beschrieben find,
sie zu der zeit geschehen sind.
Thym Thedel v. Walm. Bᵇ (v. 4 neudr.);
seintemal solliche gewaltige geschichten in unsere sprach gebracht und beschrieben, welliche sich bei den aller weisesten uralten Griechen verloffen und zugetragen. H. Sachs 1, vorr. 2ᵇ; wann wir betrachten werden derer zeit geschichten. Schuppius 522;
denn wer gestern und heut in diesen tagen gelebt hat,
hat schon jahre gelebt: so drängen sich alle geschichten (zeitereignisse).
Göthe 40, 287;
besonders sollen leute fromm sein, die in ihrem leben noch grosze geschichten erwarten. S. Geszner (1789) 2, 142; sie gingen von der person auf alte geschichten und abenteuer zurück. Göthe 17, 125;
prinz, ich rufe
geschichten in ihr herz zurück, geschichten,
die selbst in ihren träumen ausgestorben?
Schiller V, 1, 115 (dom Karlos 2, 9).
4)
was einem widerfährt oder begegnet ist, s. geschehen 5:
sone wære ir name und ir geschiht
sô manegem edeln herzen niht
ze sælden noch ze liebe komen.
Tristan 215;
durch Adâmes geschiht
nam got an sich, des er was niht.
Barlaam 63, 27;
wie eʒ der Walhe halp ergie,
ouh der Beier, der Swâbe geschiht.
Ludw. kreuzf. 3000;
ihre heutige geschichte (was ihnen heute geschehen ist)
hat mich im innersten gerührt.
Schiller V, 2, 426 (don Carlos 5, 7);
davon rat ich (der narr) ausz meinem geschicht (aus meiner erfahrung),
kauft in (den adlichen) nicht ab und leiht in nicht.
fastn. sp. 647, 1.
5)
das was von einem geschieht oder gethan worden ist, sieh geschehen 6.
a)
that, werk: die geschicht, eines thuͦn und lassen, actus, geschichten, die gott angenäm sind und wol gefallend, actus placiti deo Maaler 172ᵇ; geschicht, that, atto Rädlein 363ᵇ;
ich wais wol, die geschicht
von sein zorn ist geschehen.
Ottokar cap. 799;
gewunnen do di werden stat ...
do was er öbrist haubtman
der geschicht (unternehmung).
Suchenwirt 10, 186;
hieraus folget, das alle das jenige, so der bapst aus solcher falscher, freveler, lesterlicher, angemaster gewalt gethan und fürgenomen hat, eitel teufelisch geschicht und geschefft gewest. Luther 6, 514ᵃ; wenn man nun das geschicht (tod am kreuze) ansihet, damit er die vergebunge der sünden erworben hat. 3, 87ᵃ;
(guͦten rat) den soll man nemmen vor der gschicht,
das es ein darnach rewe nicht.
Fischart flöhhaz 481 Braune;
wie Petrus sagt in geschichten der apostel. Luther 6, 436ᵇ, πράξεις ἀποστόλων; in gschichten (acta apostolorum) am 20. cap. findend wir häll, das Paulus von Mileto in Ephesum schickt nach den priesteren. Zwingli predigampt D 3ᵇ; geschichte der apostel, geschichte der heiligen. Krämer 542ᵃ, damals noch plural zum singular geschicht, jetzt aber als singular empfunden; dis sind die geschichte Jeremia. Jer. 1, 1; die geschicht (plur.) des königs David. 1 chron. 30, 29.
b)
grosze, bedeutende, heldenthat:
daʒ ein keiserlich geschiht
von im geschehen wære.
gut. Gerhard 248;
herrliche und ritterlichen gschichten und thaaten, facta. Maaler 195ᵇ; grosze herren, die grosze geschichten gethon hond. Keisersberg post. 2, 115; ich red von den redlichen lüten, die den adel durch tugenden und erberkeit und herlichen geschichten erfochten und erlangt haben. 1, 17; die eer und geschicht (plur.) der namhafftigsten helden mit einprünstigkait singen und preisen. Schaidenreiszer 30ᵃ;
die handeln und die dichten,
das ist der lebenslauf,
der eine macht geschichten,
der andre schreibt sie auf.
Eichendorff ged. 390.
c)
in, mit der geschicht, in der that, thatsächlich: anmütiger im duncken, weder in der geschicht. Keisersberg post. 3, 26; sachen, die in der tat und geschicht ganz unwar und in den rechten im nit zugehorig sind. Reuchlin augensp. 5ᵇ; die herrschafft möcht sich auch des gejägts brauchen ausz herkommen, gewonheit, oder von geschicht wegen, doch also, dasz sie mit der that und geschicht der statt kein abbruch oder schaden an jhrem herkommen zufügen. Meurer jag- u. forstrecht (1582) 126ᵇ.
d)
die thatsache, der wirliche, thatsächliche vorgang: denn das sacrament oder geschicht, und die wort, so man vom sacrament redet, sind zweierlei. Luther 3, 478ᵃ; dann nicht das euszerlich historisch geschicht des leidens Christi, an jm selbs, macht iemandt selig. S. Frank paradoxa 71ᵃ; so viel die hauptsach anbetrifft, hast du abermal vierzig wahrhafte geschicht, weilen auch unter denen zweien gedichten geschichte verborgen liegen. Abele künstl. unordn. 2, 9ᵇ.
e)
in der ältern rechtssprache.
α)
das factum, der thatbestand: wenn ein legat auf ein geding oder geschicht, die in einer benannten zeit vollbracht oder erfüllt werden soll, gerichtet ist. Würzburger landger.-ordn. von 1618 bei Schm.² 2, 388; die geschicht und bekantnüsz der übelthat. Tengler laiensp. 116ᵇ; pfaffin, dy in tafernen gên odir schanthousirin oder zu topil (würfel) spile odir zu tenzin, odir zu tornei reitin odir zu hoven: widervert im da icht und wil dorum einen ladin, do sol der antworter (der beklagte) ein bekentniss nemen von der stat .. und spreche so: geschichte ist geschên, daʒ ich hab gesessin in einem offinbarin birhouʒe, do auch der (priester) gesessin hot und ein gezog irhub mit mir und auch mit andern leutin. blume von Magdeburg 1, 104; klage, eid fremder geschicht, juramentum super facto alieno Hayme jur. lex. 241.
β)
die übelthat, das vergehen, verbrechen: ruͦfen gerichtjo und helfjo über die getäter der bösen geschicht. Straszb. verordn. 24 Brucker (15. jahrh.); der stat burger, die der geschicht oder des geschreies oder wesens der geschiht, in sehen oder in hören oder in höresagen, etwas gewar werdent. ebenda; ob iemans solicher freveln bösen geschicht halb von dem leben zuͦ dem tode keme. 26; wer dawider tete, den süllent die pflegere darumb strofen, ie der geschihte noch. 55; der soll man die ougen uszstechen, wo solich geschicht geclaget und in der worheit erfunden würt. 467; besonder werden in peinlicher klag angefochten, da einer zweinzig oder etwo minder jar nach der beklagten geschicht, die jn angeht, wissenlich hat lassen vergehn. Tengler laiensp. 8ᵃ.
γ)
rechtshandlung vor gericht, z. b. auch verkauf, übergabe, schenkung: daʒ diu geschichte (kauf eines meierhofs) immer mere stæte und veste, unzerbrochen und unverbœsert belibe, so hieʒ wir schriben disen brief. mon. boica 6, 551 (von 1291); nachdem die geschicht gehandelt were. Nürnb. pol.-ordn. 44 Baader; geschehent an den gerichten odir an der gerichte einem sache, geschichte, stucke oder artikel. weisth. 1, 548 (Eltville, von 1383); auch wer der ist, der nit käm, wann man dreu geschicht gemacht hat, so mag ihm ain dorfmaister urlaub (abschied) geben. tirol. weisth. 4, 155, 17.
δ)
wie schicht, streitigkeit, fehde: mnd. umme alle schulde, geschicht, schelinge unde ansprake. Gött. urk. von 1397 bei Schiller-Lübben 2, 77ᵃ.
f)
in den schauspielen des 15. jahrh. wurde der aufzug, nach dem muster des latein. actus, häufig die geschicht genannt. Adelung.
6)
mündliche oder schriftliche erzählung von etwas wirklich geschehenem, dann auch von etwas ersonnenem, das aber im grunde als wirklich geschehen gedacht ist: die geschicht, ein ordenliche erzellung und erklärung waarhaffter, grundtlicher und geschächner dingen, historia. Maaler 195ᵇ; da sie vernamen die geschicht, dasz ir guet freund also nidergelegen waren. Burkhard Zink in städtechron. 5, 175, 30; es gehen itzt rede und geschicht unter dem pöfel wider das sacrament. Luther 3, 354ᵇ;
als mir die geschicht tut jechen,
so mochten sy die viend wol sechen.
Lenz Schwabenkrieg 68ᵇ;
fürs wackre fünfte paar,
das voll geschicht' und neuigkeit
und frischer schwänke war.
Göthe 1, 122;
dise warhaftige geschichtn, die umb reimes oder hohes rumbs willen mit kainer lügen vermischt. Wilw. v. Schaumb. 5;
weil es denn ist ein war geschicht
und nicht ein erlogen geticht.
Thym Thedel v. Walm. Bᵇ (v. 13 neudr.);
dis geschichte is beschreben zu einer lere. Griseldis 21, 28 Schröder;
desse istorie unde dit geschicht.
Reinke de vos 179, 5387 Lübben;
hir nach volget das geschichte von Appolonio Tyro, eine libliche historie. Appolonius 25, 1 Schröder; das geschicht des frommen Josephs in Egypten. Agricola spr. 79ᵃ; darumb auch Christus selbs viel von diesem geschicht (Jonas im walfisch) helt. Luther 3, 195ᵇ; es ist aber ditz ganz evangelium ein schlecht leicht historien odder geschicht, die nit viel auszlegens darf. evang. v. d. zehen aussetzigen (1521) D 1ᵃ;
hiemit endet sich das geschicht.
Ambras. liederb. 128, 93;
dasz manchen lesern (des Wilh. Meister) vorkommen wird, als wenn die geschichte (der gang der erzählung) stille stände. Schiller an Göthe 1, 83;
viel wunderlich geschicht
wirdt man daselb (im Welschland) gelert und bricht,
von alln geschöpff der creatur u. s. w.
B. Waldis Esop. 4, 66, 105 Kurz;
ein Tartarfürst, von dem man in geschichten preist,
dasz er als prinz Europa durchgereist.
Gellert 1, 185;
der hocherlaucht poet Hans Sachs ...
hat vil gemacht
und auch geschriben
römisch, heidnisch und auch biblisch geschicht.
Dresdner hds. M 16, bl. 177 (ende d. 16 jh.);
nach gewonhait solher geschicht (lustspiele), die iren ausgang und end söllen nemen mit freüden. Albr. v. Eyb 173ᵇ (dram. 5, 30 Herrmann); ir aber sollen richter sein, ob disz geschicht (die comedia 'adelphi' des Terenz) gelobt oder gescholten soll werden. Bolz Terenz 118ᵃ;
bei diesem gschicht (fabel) ist wol zu hören ...
B. Waldis Esop. 4, 17, bl. 230ᵇ;
die geschichte von dem hute. Gellert 1, 9; poetische geschicht, sive gedichtgeschicht, epos, historia equestris, vulgo roman. Stieler 1746; so wird man ja auch einen und den andern missethäter in diesem kurtzen begriffe verliebter geschichte (plur.) und briefe leicht vertragen. Hoffmannswaldau heldenbriefe 131; warum schreibest du nicht gespräche im reiche der todten, oder helden- und liebesgeschichte (plur.). mahler der sitten 2, 56; in zahlreichen zusammensetzungen: räuber-, soldaten-, reise-, volks-, gespenster-, zaubergeschichten u. s. w.;
des königs lust'gen beichtiger, der so
bewandert ist in witzigen geschichten.
Schiller V, 2, 146 (don Carlos 1, 1);
der wirth erzählte kleine schnurrige geschichten. Freytag werke 13, 61; klatschgeschichte, klätscherei:
wahrscheinlich
ist die geschichte schon herum.
Schiller V, 1, 113 (dom Karlos 2, 9);
wollen wir uns drein verstecken u. s. w.
müllerin. das gäbe geschichten.
Göthe 1, 206;
es sind gelbe geschichten, d. h. lügen. Wander spr. 1, 1594; übertragen, vom inhalt der gemälde: Rembrandt, Raphael, Rubens kommen mir in ihren geistlichen geschichten wie wahre heilige vor. Göthe 44, 7; bildlich: ich seze die geschichte deines grams auf die laute (als componist). Schiller III, 480 (kabale 5, 1).
7)
der unter 3, b beigebrachte plural hat dann seine eigene weitere entwickelung, die zum singular führt.
a)
(denkwürdige) ereignisse, die sich auf éinen gegenstand, ort, land, volk, oder éine person beziehen und dadurch zu einer einheit werden, zunächst nur rein äuszerlich aneinander gereiht und zusammengezogen (vgl. geschichtbuch, annales, chronica), dann aber durch die kunst der geschichtschreibung in ihrer entwickelung dargestellt, welch letztere schlieszlich die hauptsache geworden ist. der allumfassende gipfelpunkt dieser begriffsentwickelung ist die weltgeschichte oder geschichte schlechthin, der inbegriff alles in der welt geschehenen, der lauf der weltbegebenheiten.
α)
ursprünglich nur im plural, aus dem der collective singular erst spät hervorgegangen ist. dieser übergang wurde durch die äuszere form unterstützt, denn der gen. und der acc. geschichte konnten sowol einzahl als mehrzahl sein, geschichte der apostel war ursprünglich plural, jetzt ist es singular, s. nr. 5, a: bin ich gebetn, geschichten und tatn so iezund in unsern tagen von ainem teutschen tewrin und manlichen ritter ... meist tails selbs mitgetan. Wilw. v. Schaumb. 5; keinem historischreiber ist müglich, die geschichten der streit (plur.) ordenlich wie sie geschehen zu beschreiben, denn es begeben sich augenscheinlich vil tat zugleich, die aus der federn nach einander bracht werden müssen. 113; es hat mir herr Rudolff von Watzdorff befohlen, zu schreiben die geschicht (so ichs also nennen sol), die mit mir zu Worms geschehen. Luther 1, 455ᵃ; ungeacht dasz er (Thucydides) die geschichten seiner zeit mit groszer mühe, arbeit und sorgfeltigkeit beschrieben hat. Josephus (Frankf. 1569) 2, 155ᵇ; die geschichte bezeugens, historiae loquuntur, die geschichte sagen ein anders, die geschichte helfen einem gar viel, unkundigkeit der geschichte Stieler 1746; wem die geschichten der welt ein wenig bekannt sind. E. v. Kleist 2, 166;
solch eine flucht und felonie, herr fürst,
ist ohne beispiel in der welt geschichten.
Schiller XII, 221 (Wallenst. tod 1, 5);
als titel eines geschichtswerks: sam die historien sagent, daʒ sint die geschrift von den geschihten in den landen und in den zeiten. Megenberg 358, 27; eine handschriftliche deutsche chronik des 15. jahrh. im cod. lat. mon. 472 wird am schlusz als historie von geschichten, besonders in deutschen landen bezeichnet. städtechron. 3, 258, 20; schriften, so Hatto erzbischof zu Mainz zu bapst Johanne geschrieben, welche in unsern bibliothecken in den geschichten der beyerischen bischoffe noch vorhanden. Aventin. 5, 8 L. var.; Flavii Josephi historien und bücher: von alten jüdischen geschichten, verteutscht. Frankf. 1569; Joh. Georg Schochs neu-erfundene philyrenische kriegs- und friedens schäferei, das ist kurtze chronologische verfassung aller vornehmsten geschichte .. der stadt Leipzig. 1663; der grosze schauplatz lust- und lehrreicher geschichte, von Phil. Harsdörffer 1650; von den schlesischen geschichten. schles. kernchronicke (1714) 2, 1; der geschichten schweizerischer eidgenossenschaft erster band, von Johannes Müller, 1780, und seine vierundzwanzig bücher allgemeiner geschichten, 1811.
β)
endlich als singular: das solt bei keinem Teutschen sein, sondern vor allen dingen soll er die teutsche geschichte und sprache lernen wissen. Philander (Frankf. 1644) 804; die ältern geschichten wurden nicht vergessen, die neuern aber, und besonders die geschichte seines vaterlandes, blieben allemal der hauptzweck. Rabener sat. 1, 170;
er war nicht minder gelehrt in alter und neuer geschichte,
zumal in der, die nie geschah.
Wieland Amadis 1, 79;
in der neuern geschichte haben nicht gesandte, minister und generalissimi die allerneueste vorausgesehen oder gesagt ... sondern die eingesperrten autoren haben mit ihren gänsekielen die vorgeschichte zur nachgeschichte geschrieben. J. Paul dämmerungen 135; nachdem aber unmüglich, die ganze weitleuftige weltgeschicht so kurz zu fassen .. hab ich mich dieses compendii gebrauchen und biszweilen eine person an stat vieler ... einführen müssen. M. Rinckhart der Eislebische christl. ritter (1613) J 5ᵇ; man gehe die ganze geschichte durch. Lessing 7, 136; die parteilichkeit, aller geschichte zum trotz, diesem manne seine glänzende eigenschaften abzusprechen. Abbt 1, 77; das grosze weite feld der allgemeinen geschichte. Schiller IX, 79; ideen zur geschichte der menschheit von Herder, 1784;
auf Cesar und seine zeit-bücher.
dasz Cesar was er selbst gethan, auch selbst beschrieben,
macht, dasz man ihn zugleich hochschätzen musz und lieben:
so grosz! dasz er allein ein unvergleichlich paar
als schreiber der geschicht' und als geschichte war.
Wernike poet. versuch (1704) 278;
über geschichte kann niemand urtheilen, als wer an sich selbst geschichte erlebt hat. Göthe 49, 35; er (Georg Forster) hat innerhalb der werdenden geschichte ein historisches urtheil gefällt, das der späte geschichtschreiber nur erweitern, nicht bessern kann. Gervinus gesch. d. nat.-literatur 5, 391; die abgeschlossene, entschwundene vergangenheit betonend: die heranwachsende generation kennt ihn (den noch lebenden ehemaligen minister Herbst) nicht mehr aus seinen thaten, sondern nur aus der geschichte. Leipz. tagebl. 27. juni 1892; sein leben und seine thaten gehören der geschichte an. ausgedehnt auf alle möglichen gebiete: beitrag zur geschichte des geschmacks von Klotz 1767, bei Herder z. lit. 5, 155, numismatische geschichte 163, geschichte des heidelbergischen fasses 222; der weg von Stuttgardt nach Hohenheim ist gewissermaszen eine versinnlichte geschichte der gartenkunst. Schiller X, 263. in vielen zusammensetzungen, z. b. literatur-, sitten-, kirchen-, handels-, tages-, zeitgeschichte.
b)
der zusammenhängende bericht über diese begebenheiten, das geschichtswerk.
α)
ursprünglich im plural, s. oben a, α: demnach hab ich geistlich weltlich recht, ... französische dennische englische geschicht überlesen und durchfragt, .. allerlai alter geschicht zeugnus und anzaigen durchstrütt. Aventin. 4, 7, 6 Lexer; man schickt gemeinklich auff die reichstäg die weder mit thaten oder durch lesen der alten geschicht bericht und erfahren. Fronsperger kriegsb. (1596) 3, 225ᵃ.
β)
im singular: Herodianus in dem geschicht seiner zeit. Aventin. 4, 582, 37 Lexer; so straff den zügel in der hand, kann man wohl eine chronik zusammenklauben, aber wahrlich keine geschichte schreiben. Lessing 10, 52; ich widme ewer churf. gnaden die geschichte von dem aufblühen der schweizerischen eidgenossenschaft. Joh. Müller geschichten schweiz. eidgen. 2, vorr.; Schillers geschichte des abfalls der vereinigten Niederlande, geschichte des dreiszigjährigen kriegs. übertragen auf andere wissensgebiete: in wie vielen geschichten der musik und poesie es auch stehe. Herder urspr. der sprache 88.
c)
die geschichte als gegenstand des wissens, als wissenschaft, die kunst der geschichtschreibung einschlieszend: unter wenigen völkern rühmt die geschichte, was sie von ihnen rühmet. Herder z. philos. 4, 173; die geschichte, so oft nur auf das freudenlose geschäft eingeschränkt, das einförmige spiel der menschlichen leidenschaft aus einander zu legen. Schiller VIII, 298; die geschichte, anstatt eine schule der bildung zu sein, musz sich mit einem armseligen verdienste um unsre neugier begnügen. III, 63; fruchtbar und weit umfassend ist das gebiet der geschichte, in ihrem kreise liegt die ganze moralische welt. IX, 80; Friedrich Schiller, professor der geschichte in Jena. 79 anm.; der vater der geschichte, Herodotus. Joh. Müller gesch. schweiz. eidgen. 1, vorr.;
wahrlich, unsere zeit vergleicht sich den seltensten zeiten,
die die geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine.
Göthe 40, 287;
wenn du nur die natur, wenn du nur die geschichte
befragtest, was dir die und die von gott berichte.
Rückert weish. d. br. 1, 11.
auch für diese bedeutung ist in älterer zeit nur der plural gebräuchlich: in schulen, da gelerte meister weren, die da sprachen und andere künst und historien lereten, da würden sie hören die geschichte (plur.) und sprüche aller welt, wie es diesem stad, diesem reich .. gangen were. Luther 2, 466ᵇ; die hohe schule zu Basel, allwo er sich in den abendländischen sprachen, in den geschichten, in der naturkunde, in der sittenlehre .. bis in das sibende jahr auf das fleiszigste umgesehen. Spreng bei Drollinger xiv; in geschichten wol erfaren, historiarum peritissimus Stieler 1746; er wäre weder in den geschichten, noch in den sprachen erfahren. Lessing 11, 28.
d)
als geistige macht gedacht: diesem so gestimmten volke (den Römern, bezw. den Italienern) hat nun die geschichte zu stetem antagonism die germanischen völker beigesellt. Görres Europa 197;
da sitzt auf ihrem throne die geschichte,
umringt mit einem schattenheer, und hält
dort ihre finstern blutgerichte.
Tiedge 2, 173.
8)
die naturgeschichte, das verzeichnis und die beschreibung der zu dem naturreiche gehörenden körper Adelung, ohne dasz dabei an eine entwickelung gedacht ist, dies ist genese Herder bl. f. d. a. u. k. 76, genesis 21, nach dem franz. genèse aus dem griech. γένεσις. naturgeschichte ist eine übersetzung von historia naturalis, dem titel des bekannten werkes des Plinius, der damit seinerseits an Theophrasts buch ἡ περὶ τῆς φύσεως ἱστορία anknüpfte; dafür bei Lessing 8, 83 natürliche geschichte (s. th. 7, 450 und 455), bei Göthe 33, 7 naturhistorie, s. auch naturkunde th. 7, 452.
9)
verallgemeinert.
a)
sache, ding, angelegenheit, s. mhd. wb. 2², 116ᵇ:
mir was der lîp vil nâch tôt
vor vroste und ouch vor mêr geschiht,
der ich iu tar gesagen niht.
Ulr. v. Lichtenstein frauend. 341, 15;
auch lies er chain eisen pei ir nicht,
noch chainer hant waffen geschicht (waffenzeug).
Vintler 4437;
dochn trûwet si der geschiht niht.
Wigalois 1087;
und wollen diese geschichte
genzlich und wol ausrichten
heut und zu aller zeit.
fastn. sp. 915, 29;
da erzelet er ihm alle dis geschicht. 1 Mos. 29, 13 ausg. von 1523, später alle diese sache; vielleicht komm ich nun hinter die ganze geschichte. Weisze kom. op. 2, 51; dasz Hansjörg ihn so gut als möglich aus der geschichte zu wickeln bemüht sei. Felder reich u. arm 443; menge dich nur nicht in geschichten, die dich nichts angehen, warnte der wirth. Freytag handschr. 1, 63;
diz dunket in ein grôʒ geschiht.
Barlaam 18, 25;
er mocht sich nit besinnen der mer,
was groszen geschichtes das wer.
Liliencron volksl. 2, 120ᵃ;
denn da folgt eine solche menge dinge, immer eins aus dem andern, dasz zuletzt eine grosze geschichte daraus wird. Eichendorf Lucanor 107;
eʒ wære ein klegelich geschiht,
verdürbe alsô der guote.
Engelhard 3660;
ein umgestürzter nache schwamm daher, der mond beschien die klägliche geschichte. S. Geszner 2, 31;
wenn sie beute vertheilt, gewand und gut,
schlimmer als je ihr zigeuner thut,
das sind gewohnte geschichten.
Göthe 1, 215;
es ist zwar diesz die alte geschichte, die sich bei erneuerung und belebung starrer stockender zustände gar oft ereignet hat. 31, 39;
es ist eine alte geschichte,
doch bleibt sie immer neu.
H. Heine buch d. lieder 75 Elster;
das ist eine lustige geschichte. Freytag werke 3, 55; das wird eine schöne geschichte geben, sagte das liebe mädchen. Göthe 25, 358;
und nun halten die gerichte
den behenden ritter auf,
o verteufelte geschichte!
1, 194;
jeder weisz von meiner geschichte, meinem vergehen. Albrecht 122ᵃ; plump stiesz er an den tisch und warf die ganze geschichte zu boden. Bernd Posen 75; er suchte allerlei waaren aus und fragte, was die ganze geschichte zusammen kosten solle. ebenda; mehrere male war sie schon so gut wie verlobt ... sie brach unverweilt die geschichte (das verhältnis) entzwei und zog sich voll schmerzen, aber unerbittlich zurück. Keller leute v. Seldwyla 1, 285; ich gehöre auch nicht zu eurer geschichte (partei), mich aber wollt ihr haben. Freytag werke 3, 64; mach keine geschichten, umstände Albrecht 122ᵃ. Seiler 150ᵃ; machts keine gschichtn, fangt keine händel an! Schöpf 605; mach mir keine geschichten, unangenehme dinge; verhüllend, pudenda: sie that einen so unangenehmen fall, dasz sie die ganze geschichte zeigte. Bernd Posen 75; sie hat ihre geschichte, menstruation Albrecht 122ᵃ. Spiesz 76, östr. sie haͦd ihr gschicht Castelli 155. Hügel 72ᵃ.
b)
adverbial: mhd. kein geschiht, nichts. minnes. 1, 46ᵃ Bodmer; durch keine geschiht, durch nichts. h. Elisabeth 5115; deheiner geschicht, unter keinen umständen. Ludw. kreuzf. 6016; zweier hande geschiht, zweierlei dinge. armer Heinrich 3634;
und wanden, daʒ in yemant icht
geschaden mocht dehainer gschicht (in keiner weise).
Wittenweiler ring 43ᵈ, 45;
der chuͦnich im da ze helfe pot
drew hundert helm an der geschicht (bei dieser gelegenheit, dabei).
Suchenwirt 17, 55;
'mein got, wie hast du mich verlan!'
sein (Jesu) sel usz gan
sach man an der geschicht.
Hätzlerin 2, 83, 129;
der dumme flôch in der geschiht (während des, mittlerweile)
von sîme herren.
h. Elisabeth 3188. 7140. 8234;
in den geschichten (inzwischen) quam Walterius. Griseldis 7, 18 Schr.; der stecken samt ein paar hand voll bluts (ist) mitten im see durchs wasser herauf kommen und etliche schuh hoch in die lufft gesprungen .., auf welche geschicht (worauf) dann der bauer den see wieder quitiert. Simpl. 2, 48, 21 Kurz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3857, Z. 42.

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Zitationshilfe
„geschichte“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschichte>, abgerufen am 06.12.2021.

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