Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

geschicklichkeit, f.

geschicklichkeit, f.,
subst. zum vorigen; nebenform geschicktlichait Keisersberg schiff d. pen. 119ᵇ, wie geschicktlich neben geschicklich sp. 3876. in der bedeutung gleich dem einfachen schicklichkeit (s. d.).
1)
beschaffenheit, namentlich die richtige, gute: geschickligkeit, qualitas Henisch 1536; geschicklichait des closters. Keisersberg has im pfeffer e 2ᵇ; hett der baw (brücke) solche stercke und geschicklicheit, dasz die bünd je genewer und herter huͦben, je gröszer des wassers strenge ware. Ringmann Cäsar (1530) 34ᵇ; dasz ein statt fest sein mag von natur, das ist ausz guter art und geschicklichkeit des orts und platz da sie liegt. Fronsperger kriegsb. 2, 25ᵇ; was die form und geschicklichkeit derselben (selbstgebrannten töpfe) anbelangt, darf ich mich eben nicht rühmen. Robinson (1720) 171; geschicklichait oder wesenlichait des leibs, habitudo, habitus corporum Pinicianus prompt. (1516) N 6ᵈ; noch ist ein mangel als so in den augenbrawen filzleis wachsen, dies nennen die Griechen pthyriasin, welches dieweils aus böser geschicklichkeite des leibes herkombt. Celsus von Khüffner (1531) 95ᵃ; die obgerurten vermanungen mag ein vernunftiger mensch witer uszzihen und andechtiglicher furwenden noch geschicklicheit des krancken ... dasz man den sichen nit unbescheidenlichen uberfal mit ze vil getöns und uffhufens vil wort on andacht, sunder seiner geschicklicheit war nemen. Keisersberg wie man sich halten sol bei einem sterbenden menschen a 5ᵇ; nachdem ich geschrieben hab von allen geschicklichkeiten der wunden, .. ist not ze wissen die geschickligkeit der meissel und bülsterlen (polster) und bindung. Braunschweig chir. (1498) 37ᵇ; von der geschicklikait (var. schicklikait) kaisers Theodosii. Aventin. 4, 1099, 9 Lexer, als überschrift einer schilderung seines charakters; die art und weise, wie etwas liegt, wie jemand sich befindet, die lage: do wand er die zang um, das die geschickligkeit des widerhaken gekert ward als er ein was gangen, von stund an gieng das pfeileisen heraus. Braunschweig 30ᵃ; do ist der künig hinin gangen, das er sehe die geschicklicheit der sitzenden. Keisersberg post. 3, 95.
2)
geschicklicheit, paszlichkeit wozu Alb. dict. t 2ᵇ, geschickligkeit, accommodatio, commoditas, concinnitas, opportunitas Maaler 172ᵇ, vgl. schicklicheit, bequemlicheit, empfencklicheit, gelirnigkeit, habilitas voc. 1482 cc 4ᵇ: noch viel mehr einem arzt hie zu erkennen ist, dasz seine krancken der geschickligkeit sollen sein (die geeignetheit zum empfangen haben sollen). Paracelsus op. 1, 230 B; das ein sölch mensch noch sinem wolgefallen und geschicklicheit (wie es ihm paszt) teglich ettwan in ein kirch gang und do mesz höre. Keisersberg bilg. 217ᵇ.
3)
wie geschick III, 5.
a)
naturanlage, natürliche begabung, im allgemeinen: angeboren geschicklicheit, ingenium Dasyp. V 4ᵈ; als ich 14 jar alt und mein gemüt und geschickligkeit begund zu fülen und erkennen, befand ich, das geistlicher stand aller meiner geschickligkeit und natur entgegen (wäre). Florentina von Obernweimar bei Luther 2, 383ᵃ; er hat dises alles von seinem meister gelernet, er hatt aber die art und geschickligkeit nit, dasz ers könde brauchen. Maaler 172ᵇ; was einer nit hat von geschicklicheit, soll er durch ein eüszerlichen schein nit suͦchen. Eppendorff Plutarch 166; (die verkauften sklaven müssen arbeiten verrichten) ein ieder nach dem er von schöne und geschickligkeit geadelt das glück hat. S. Frank weltb. 16ᵃ; aber es geht hier zu lande nicht nach der geschicklichkeit, sonst wolten ich und mein mann wohl über die tafel kommen. Weise erzn. 396; natürliche gschickligkeit zuͦ allen dingen, ad omnia naturalis ingenii dexteritas Maaler 195ᵇ; von der geschicklichait und naigung des gelaubens, die in dem menschen ist, dardurch er gelaubt. Keisersberg schiff d. pen. 27ᵈ; in dem menschen, der da in jm hat ain rechte eingewurtzelte geschicklichait des gelaubens. 25ᶜ; geschicklichait zu tugenden, indoles, incrementum Pinicianus (1516) N 7ᵃ; die natürliche geschicklichkeit des verstandes. Adelung.
b)
geschicktheit, fähigkeit, befähigung: nicht das wir geschickt gnug sind, etwas zu gedencken von uns selber, sondern unser geschickligkeit ist von gott. Luther 1, 379ᵇ; weil ein kriegsman von gott die geschickligkeit hat zu kriegen. 3, 328ᵇ, beidemal im einzeldruck geschicklicheit; dasz man die kriege mit listiger behendigkeit, mit artigen kriegsbossen und geschicklichkeit führen solle. anm. weiszh. lustg. 654; geschickligkeit etwas zuͦ erfinden oder machen, industria Dasyp. E 6ᵃ; wie mancher ist sich selbst im licht gestanden, dasz er demjenigen, der ihm in seinem glück beförderlich sein können, gar zu viel geschicklichkeit gleich anfangs entdecket hat. Wernikens poet. vers. 24 Bodmer; ein mensch, der seine erbeit mit weisheit, vernunfft, geschickligkeit gethan hat. pred. Sal. 2, 21. 4, 4; des meisters hand, schwanck, odem .. sampt seiner geschickligkeit gibt (beim glasmachen) der massae und klumpen eine form. Mathesius Sarepta 34ᵃ; die geschicklichkeit kann in der menschengattung nicht wohl entwickelt werden, als vermittelst der ungleichheit unter menschen. Kant 7, 313; im plural: seine treue und sorgsamkeit glich seinen (geistigen) geschicklichkeiten. Gellert moral. vorl. 291; sein geist entwickelte bei jeder gelegenheit die geschicklichkeiten, die das geschäft voraus setzte. Wieland 7, 172; ein frauenzimmer, die tugend und verstand besitzt, besitzt gewisz auch häusliche geschicklichkeiten. Gellert (1784) 7, 211; ein frauenzimmer von stande, ausgestattet mit allen liebenswürdigen geschicklichkeiten. Göthe 21, 78; gute eigenschaft: es läszt sich noch streiten, ob sie (die deutsche sprache) durch die veränderung, die sie seit dem sechszehnten jahrhundert erlitten hat, an reichthum, klange und andern geschicklichkeiten mehr gewonnen oder mehr verloren habe. Bodmer minnes. 1, iv.
c)
klugheit, weisheit: der weise Lockmann, als er gefraget worden, woher er seine geschickligkeit (vorher weiszheit) gelernet, hat geantwortet. pers. rosenth. 2, 16; Amphinomus, der auch der keuschen Penelope von wegen seiner tugendt, rede und geschicklichait für allen andern angenem ware. Schaidenreiszer 69ᵇ; unser gott hat seine weiszheit und geschickligkeit ins menschen hertzen gebildet. Mathesius Sar. 143ᵇ; dasz der höchste grad der geschicklichkeit eins studenten sei, wann er anfängt zu wissen, dasz er nichts weisz. Opel und Cohn dreiszigj. krieg 377 (von 1621); dasz die gröszte weisheit und geschicklichkeit sei glauben, dasz allein ehrbarkeit und tugend zur hochheit und reputation befürdere. ebenda; nun kann man die geschicklichkeit in der wahl der mittel zu seinem eigenen gröszten wohlsein klugheit im engsten verstande nennen. Kant 4, 37; von thieren: gleiche geschicklichkeit sagt man auch von den böcken, widern und gaiszen, unter welchen wann zwei einander auf eim schmalen steg bekommen und keins meh hindersich kan, so leget sich das ein nider, das das ander uber es hinaus springe. Fischart ehz. 490 Sch.
d)
kunst, tüchtigkeit: geschickligkeit, kunst Henisch 1536; Paulus macht ein geschickligkeit und verdienst draus (aus der keuschheit) zum gottes wort und glauben. Luther 2, 303ᵃ; schriftstellerische fertigkeit, darstellungskunst: mit kunst und geschickligkeit diese (geschichtschreiber) ubertreffen. Josephus jüd. krieg (Frankf. 1569) 3; neider, die meine geschickligkeit einen frevel heiszen werden, dieweil ich allein von erfindung der dinge hab schreiben dörfen. Tatius Vergilius (1603) vorr.; technische kunstfertigkeit: Friderich Gianibelli hiesz dieser mann, den das schicksal bestimmt hatte, der Archimed dieser stadt zu werden und eine gleiche geschicklichkeit mit gleich verlorenem erfolg zu deren vertheidigung zu verschwenden. Schiller IX, 55; wissenschaftliche bildung: also auch mit ihnen der geschickligkeit und freien künsten ihr gewisses ziel und masz gesteckt sei. Opitz 1, vorr. 2ᵃ; wir wissen, das unzählbar viel leut mit treflichen gemüth und tugend gewesen sein, und ohne die geschickligkeit, durch angeborne schier göttliche natur, für sich selbsten, tugendsam und ansehnlich gewesen. ich glaub, dasz der gütige höchste gott mit sonderbarem rath biszweilen disz erzeige, damit er uns lehre, wie eitel diese arbeit und unziemliche begierden zu wissen, wären, und darthate, dasz öffter zu lob und tugend die natur ohne geschickligkeit, als diese ohne die natur geholffen habe. Schuppius 708;
der in geschicklichkeit viel weisz und wol erfahren,
in sitten aber sonst ziehet der grobheit kahren (qui proficit in literis et deficit in moribus).
Weidner apophth. 3, 107;
die angelernte, durch ausbildung erlangte fertigkeit: diese vollkommenheit als beschaffenheit des menschen, folglich innerliche, ist nichts anderes als talent und, was dieses stärkt oder ergänzt, geschicklichkeit. Kant 4, 144; mechanische oder handfertigkeit: die geschicklichkeit, den handgriff verlieren. Aler 542ᵇ;
im fleisz kann dich die biene meistern,
in der geschicklichkeit ein wurm dein lehrer sein.
Schiller VI, 265 (künstler v. 31).
e)
gewandtheit, körperlich wie geistig: doch weil er seine augenscheinliche gefahr vermercket, bemühet er sich durch seine geschwindigkeit und geschickligkeit herfür. Amadis 1, 126 Keller;
als Karlos ... mit bewundernswerther
geschicklichkeit mir diesen handschuh stahl.
Schiller V, 2, 234 (don Carlos 2, 8);
den (riesen) hab er durch sein vernunft und geschickligkeit zuo unserem kristenlichem glouben bekert. Morgant der riese 51, 21 Bachmann; geschicklichkeit, sie (wahrheiten) anzubringen. Göthe 8, 38.
4)
in sittlicher beziehung, wie noch jetzt schicklichkeit: geschickligkeit, wolstand, habilitas, condecentia Maaler 195ᵇ; geschicklichkeit in sitten. Stieler 1774; geschicklicheit, anstand Lauremberg 1, 284.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1892), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3877, Z. 66.

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Zitationshilfe
„geschicklichkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschicklichkeit>, abgerufen am 05.12.2021.

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