Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geschiede

geschiede,
s. gescheid sp. 3846.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3885, Z. 20.

scheiden, verb.

scheiden, verb.
separare, distinguere, discernere, sejungi, discedere.
I.
Formales. starkes verbum, ehemals der classe der reduplicierenden verben angehörig, scheiden, schied, schieden, geschieden, mhd. scheiden, schiet, schieden, gescheiden, ahd. sceidan, skiad, skiadum, giskeidan Graff 6, 430, goth. skaidan, *skaiskaid, *skaiskaidum, skaidans, alts. scêthan, scêdhan, scêden, altfries. skêtha, skêda, schêda, ags. scâdan, sceádan, urverwandt mit sanskr. cid chinádmi, griech. σχίζω, lat. scindo, lit. ské̈dżu, scheide, skëdrà f., lett. skaida f., spahn. Frisch 2, 171ᵃ. Fick⁴ 1, 143. Kluge etym. wb.⁴ 297ᵇ. die im mhd. regelmäszige participialform gescheiden erhält sich noch im älteren nhd., Luther gebraucht sie vorzugsweise: da nu Lot sich von Abram gescheiden hatte. 1 Mos. 13, 14; sint der zeit Ephraim und Juda gescheiden ist. Jes. 7, 17 (daneben geschieden 2 Macc. 11, 23, die stelle s. unter C); nachdem nu keyser Octavianus vom könig aus Franckreich gescheiden, und seinen son Florens bey jm gelassen hatte. buch der liebe 31ᵃ; und zum dritten dasz spiritus coagulationis und massa tartari gescheyden würden von einander, dasz sie an einander nicht begriffen. Paracelsus (1616) 1, 307 B;
von dir musz ich nu gescheiden sin.
Alsfeld. pass. 6492 Grein;
es muͦst gescheiden sein.
Uhland volksl.² 102.
andererseits ist das heute gebräuchliche part. oder seine vorstufe mit ĭ schon aus dem 14. jh. zu belegen: also liesz ich sie ledig an sant Bartholmes tag, do kamen wir zu den Augustinern, und wart geschiden (entschieden) als hernach geschriben steht. d. städtechron. 1, 79, 26. diese form und das einzeln in älterer sprache auftretende prät. scheid:
mit dirre rede sie danne scheit (: reit).
H. v. d. Türlin krone 24827;
nächten, da ich von ihr scheid,
freundlich wir uns herzten beid.
des knaben wunderhorn 1, 330 Boxberger;
gehören entweder ursprünglich zu einem inf. schîden, der jedoch nicht belegt ist (vgl. Lexer mhd. handwb. 2, 722, ahd. ist nur ein schwaches scidôn bezeugt Graff 6, 435), oder sind analogiebildungen nach art der starken verba der î-classe (mîdan, meit, gemiten, nhd. gemieden). einflusz auf die entstehung dieser flexion könnte das gramm. 1, 953, im mhd. wb. 2, 2, 165ᵃ und bei Lexer mhd. handwb. 2, 759 als stark angesetzte verb schîten, spalten, gehabt haben, das verglichen mit scheiden grammatischen wechsel des stammauslauts aufweist und, wenn die obige ansetzung richtig ist, diesem verbum wol etymologisch sehr nahe verwandt sein würde. da hier jedoch neben starken häufiger schwach flectierte formen belegt sind (in zer-, zuschîte mhd. wb. 2, 165ᵃ. Lexer mhd. handwb. 3, 1080), so liegt es näher, schîten als denominativum von schît, scheit, aufzufassen. neben sceidan weist das ahd. ein schwaches sceidôn auf Graff 6, 435, das sich im mhd. als scheiden fortsetzt. spuren dieses verbums, das weder im ahd. noch im mhd. bemerkenswerte bedeutungsverschiedenheiten vom starken mhd. und nhd. gleichlautenden scheiden aufweist, das also naturgemäsz in diesem aufgeht, finden sich noch im älteren nhd., wo schwach flectierte formen nicht selten sind: und der priester Esra und die fürnemesten veter unter jrer veter hause, und jtzt benante, scheideten sie. Esra 10, 16; da sie um dis gesetz höreten, scheideten sie alle fremdlingen von Israel. Neh. 13, 3;
die Alessandra gab antwort mit keinem worte,
nur gar tieff seufftze sie, und scheidte von dem orte.
Dietr. v. d. Werder Ariost 20, 46, 2;
der Rhein scheidete hiebevor die Teutsche und Frantzosen. Schuppius 390; und damit scheidete er von uns. Riemer pol. maulaffe 324; alleine, wie gesagt, der tag scheidete sie. pol. stockf. 259. noch Stieler 1747 gibt neben schiede (mit unorganischem, im älteren nhd. nicht seltenem e), geschieden auch scheidete, gescheidet als gleichberechtigte flexionsart an. in archäisierender sprache: da kam ein feuriger wagen mit feurigen rossen, und scheidete die beide von einander. Herder zur schönen lit. u. kunst 9, 54.
II.
Bedeutung und gebrauch.
A.
transitiv. die der oben angeführten etymologie nach wahrscheinlich älteste bedeutung 'spalten' ist schon früh erweitert zu der allgemeineren 'verbundenes sondern, trennen, von einander entfernen, seine gemeinschaft aufheben'.
1)
sinnlich.
a)
mit sächlichem object, ein ding in mehrere scheiden, zwei dinge, eins vom andern scheiden: wann sô daʒ eʒʒen nu gekocht ist in dem magen, so wirt daʒ weiʒ und klâr gestalt sam ain weiʒ gerstenwaʒʒer und daʒ schait diu nâtûr von den gerben (auswurf) und füert eʒ in wunderleich âdern in daʒ flach tail der leberen. Megenberg 28, 12; da scheidet got das liecht vom finsternis, und nennet das liecht, tag, und die finsternis, nacht. 1 Mos. 1, 4; da machet gott die feste, und scheidet das wasser unter der festen, von dem wasser uber der festen. 1, 6; und (du) solt ... die grentze deins lands, das dir der herr dein gott austeilen wird, in drey kreis scheiden. 5 Mos. 19, 3;
do begunder die hût (des hirsches) scheiden
von den sîten beiden
dâ von heften überal.
Trist. 74, 1 Maszmann;
eʒ wâren von in beiden
diu kleider gescheiden.
Greg. 198;
auf der lava, die der berg geschieden (von sich, ausgeschieden),
möcht' ich nimmer meine hütte baun.
Schiller braut von Mess. 945.
besonders deutlich rührt an die älteste bedeutung die wendung erz scheiden, materiam metallicam a terris decernere. Stieler 1748, das erz durch pochen von den unreinigkeiten befreien. Jacobsson 3, 570ᵃ: da nun die erzkammern wol versehen oder gespeiset, fehet man an erz zu pochen, das gute und güldig erz von dem geringen und speisigen zu scheiden. Mathesius Sar. (1587) 59ᵃ; wenn man das erz von den tauben gängen und gebirgen abschlägt und davon sondert, heist es erz scheiden. Hertwig bergb. 334. weiter das erz durch schlemmen sondern. Jacobsson 3, 570ᵇ. auf chemischem wege metalle scheiden. 570ᵇ f.: wenn man zin tuot zuo anderm gemischtem gesmeid, die tailt eʒ von ainander und schaidet golt und silber von kupfer und von plei. Megenberg 480, 17; solchs goltärzt sein kügel wie die pon gewesen, ain tail lauter tigen golt, ein tail hat den achten tail zuesatz gehabt, das hat man durch das feuer davon schaiden müessen. Aventin chron. 1, 480, 30; schickten obgenantem könig Synpol etlich künstlich Walhen heraus, die sich auf dem golt verstuenden und dasselbig schaiden kunten. 481, 12; das ist fein zusehen das man ein groschen uber dem liecht scheiden kan, wenn er mit schwebel bestrewet ist. Mathesius Sar. 123ᵃ. bildlich: sie sind allzumal abtrünnige, und wandeln verrheterisch, sie sind eitel verdorben ertz und eisen. der blasbalck ist verbrand, das bley verschwindet, das schmeltzen ist umb sonst, denn das böse ist nicht davon gescheiden. Jer. 6, 29; solch opffern und empfahen des sacraments, hat der teufel in der messe, so nahe in einander gemenget, wie die falschen wirte wasser und wein untereinander, und wie die falschen müntzer silber und messing mengen, das hie not ist eins scharffen probirers, und heiszen fewrs (welchs ist gottes wort, psalm 17), das es wider von einander gescheiden werde. Luther 6, 119ᵇ; scheiden dann überhaupt chemisch analysieren. daʒ swert von, ûʒ der scheide scheiden, herausziehen:
nu schieden sie beide
diu swert von der scheide.
Erec 9135;
biʒ .. er ûʒ sîner scheiden
daʒ swert mit naʒʒen ougen schiet.
Engelh. 6287.
leib und seele scheidet der tod: mnd.
got .. helpe uns allen ût aller nôt,
so wan de dôt de sele schedet van dem live,
dat se denne jo ewich mit gode blive.
des dodes danz 1685 Bäthcke.
ähnlich:
âne missewende
lac diu frowe Japhîte tôt ...
sêle, lîp und sinne
schiet diu herzeleide.
Wigalois 202, 19 Pfeiffer.
im sinne von dauernd abgetrennt, gesondert, abgegrenzt halten, bietet das wort dann wendungen wie die folgenden: von dem gebirge an, das das land hin auff gen Seir scheidet. Jos. 11, 17; die Pyrenaeische berge scheiden die Spanier und Welsche, das meer scheidet die Engeländer von den Frantzosen. Schuppius 390; der markstein scheidet das land, limes definit agri extremam partem. Stieler 1747. im bilde:
das verbrechen kam
nicht über diese schwelle noch — so schmal ist
die grenze, die zwei lebenspfade scheidet!
Schiller Wallensteins tod 1, 4.
b)
das object ist ein lebewesen. so von thieren, die an einem ort, in einer herde vereinigt sind: daʒ siech schâf macht diu andern leiht siech, dar umb muoʒ man eʒ von in schaiden. Megenberg 154, 24; da scheidet Jacob die lemmer, und thet die abgesonderte herde zu den flecketen und schwartzen in der herde Labans, und macht jm ein eigen herde, die thet er nicht zu der herde Labans. 1 Mos. 20, 40; gleich als ein hirte die schafe von den böcken scheidet. Matth. 25, 32; die kuh und ochsen scheiden. Steinbach 2, 406. zunächst ebenso sinnlich mit persönlichem object: und werden fur jm (des menschen sohn) alle völcker versamlet werden, und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein hirte die schafe von den böcken scheidet. Matth. 25, 32;
tho sprak imu eft mahtig Krist,
the gôdo godes sunn   endi hêt dat gumono folk
skerian endi skêdan.
Heliand 2849.
in älterer sprache gescheiden werden, sich trennen:
dô wurden ouch gescheiden   die rîchen künigin.
Nibel. 558, 1.
einen von einem orte oder einem gegenstande, mit dem er in örtlicher berührung steht, scheiden:
hey waʒ er (der bär) kuchenknehte,   von dem fiuwer schiet.
Nibel. 900, 2.
einen von dem rosse scheiden, aus dem sattel heben:
doch er guot ellen trüege,
Êrec in von dem rosse schiet,
ze spotte aller der diet.
Erec 823.
streitende scheiden, sie örtlich aus einander bringen, dann auch freier ihren streit beendigen, schlichten (vgl. 2, b); ein paar eheleute von tisch und bette scheiden. Steinbach 2, 406 (vgl. 2, a); der tag des abschieds scheidet freunde, trennt ihr örtliches zusammenleben:
Miller, denk ich des tags, welcher uns scheiden wird,
faszt der donnergedanke mich;
dann bewölkt sich mein blick.
Hölty 91 Halm.
mit verinnerlichung der beziehung, überleitend nach 2, heiszt es der tod scheidet die menschen: der tod musz mich und dich scheiden. Ruth 1, 17;
wir fürchten das der tod uns schayd,
und bald ausz lieb werd machen layd.
Schwartzenberg 145ᵇ;
und der uns scheidet, das ist der tod.
Schade handwerksl. 224;
er (der tod) scheidet so manchen mann und weib.
ebenda.
so auch von Iwein und seinem löwen:
(der löwe) volgt im swar er kêrte
und gestuont im ze aller sîner nôt
unz sî beide schiet der tôt.
Iwein 3882.
scheiden hier dann weiter ebenfalls wie getrennt, gesondert halten (vgl. a): Pyramus und Thisbe schied eine wand;
uf den plan,
der den ruche rurte, der sie schiet,
die christen und die heiden diet.
Ludw. kreuzf. 6590.
2)
unsinnlich.
a)
mit persönlichem object: eheleute scheiden, zunächst ihr örtliches zusammenleben rechtlich aufheben (vergl. scheiden von tisch und bett oben unter 1, b), dann aber überhaupt das rechtliche band lösen, das sie verbindet, eine von ihrem manne scheiden. Steinbach 2, 406: es kömpt auch kein gescheidener oder gescheidene wider hierein ins land, denn mein gnedigster herr der helt hart und feste darüber, und das musz auch seyn. Luther tischr. (1568) 320ᵇ; davon Paulus saget 1 Cor. 7. da eheleute ausz zorn von einander ziehen unnd machen, das man sie aber scheiden solte, das ein jeglichs möchte wider freien, das ist sich nicht zu unterstehen noch zu rathen. 321ᵇ; wil der rath diesen fall auff sich nemen, und drüber richten und urtheilen, so wöllen wir gern frey seyn, unnd es auff sich schieben unnd verantworten lassen, allein dasz wir das gewissen richten und berichten wöllen, da erkandt wirt, dasz sie sollen zeitlich gescheiden werden. ebenda. nach christlicher anschauung ist es im allgemeinen verboten, eheleute zu scheiden, denn: was nu gott zusamen gefüget hat, das sol der mensch nicht scheiden. Matth. 19, 6. weiter allgemein von menschen, die durch ein geistiges band, verwandtschaft, liebe, freundschaft u. dgl. verbunden waren: ni quam lagjan gavairþi, ak hairu. quam auk skaidan (Luther: erregen) mannan viþra attan is, jah dauhtar viþra aiþein izos, jah bruþ viþra svaihron izos. Matth. 10, 35; ih quam man zi skeidanne uuidar sinan fater. Tatian 44, 22; wir sind leicht zuscheiden, ex gratia in inimicitiam revenire difficile haut est. Stieler 1748; einen von seinem freunde scheiden, distrahere. Steinbach 2, 406;
ieglicher hete im genumen
zu lesen, als man sagete,
swaʒ im wol behagete
und wâren gescheiden wîte (sehr uneins).
pass. 513, 42 Köpke.
geschiedene leute, die nichts mehr mit einander zu thun haben. Adelung:
weiszt du nicht heute abend klein und grosz
mir zu erzählen, was sich hier begab,
und trinkst nicht einen groszen becher wein
lautjubelnd drauf, sind wir geschiedne leute.
Grillparzer 6, 24.
einen von gott scheiden: keczere bin ich unschuldic, wan das ist ein scheidunge von gote, von dem wil ich nich gescheiden werden. veter buch 71, 9; ähnlich: ewer untugent scheiden euch und ewern gott von einander. Jes. 59, 2;
die sünden scheiden gott von uns und uns von gott;
ach! da wo gott nicht ist, ist lauter höll und tod.
Logau 1, 80, 28;
freier: wer wil uns scheiden von der liebe gottes? Röm. 8, 35;
dû muost von gotes hulden
iemer sîn gescheiden.
arm. Heinrich 661.
einen scheiden von freude, klage, leid, sorgen, ûʒ nôt:
iuch wil gelücke scheiden   ûʒ aller iuwerre nôt.
Nibel. 1156, 4;
mich enscheide ein wîp von dirre klage,
und spreche ein wort, daʒ ich ir sage,
mir ist anders iemer wê.
minnes. 1, 177ᵃ Hagen;
(Christus) schiet si dô beide
von allem ir leide.
arm. Heinrich 1367;
kirchen, münster suocht diu diet,
die Clamidê von freuden schiet.
Parz. 196, 14;
ir liute, ir lant, dar zuo ir lîp
schiet sîn hant von grôʒer nôt.
223, 13;
scheidet, frowe, mich von sorgen.
Walther 52, 15;
und wer aim laidt sein liebes leben,
von freuden er in schaidet weit.
Oswald v. Wolkenstein 22, 4, 1.
entweder hierher gehörig, passivisch, oder nach C intransitiv:
die königin mutter fand ich krank, geschieden
von jeder andern freude dieser welt.
Schiller don Carlos 1, 4.
einen von den êren, von triuwen scheiden:
von allen mînen êren   mich diu swester dîn
gerne wolte scheiden.
Nib. 796, 1;
frouwe, iurs mundes dôn
wil mich von triwen scheiden.
Parz. 370, 8.
verwandte fügungen: dissolvisti eum ab emundatione. skiede in fone dero reinedo. Notker ps. 88, 45;
vil der edeln spîse   si von ir müede schiet.
Nib. 38, 2.
anders einen von einem andern, von etwas, zwei von einander scheiden, in der auffassung abgrenzen, begrifflich trennen, unterscheiden: sceid mih truhten fone ubelen. Notker ps. 25, 1; aber bey allen kindern Israel sol nicht ein hund mucken, beide unter menschen und vieh, auff das jr erfaret, wie der herr Egypten von Israel scheide. 2 Mos. 11, 7; die guten von den bösen scheiden, distinguere. Steinbach 2, 406;
wer kan den hêrren von dem knehte scheiden,
swa er ir gebeine blôʒeʒ fünde.
Walther 22, 13;
schieden uns diu wîp als ê,
daʒ si sich ouch lieʒen scheiden,
daʒ gefrumt uns iemer mê,
mannen unde wîben, beiden.
48, 29.
freier, so dasz als subject steht, was diese scheidung bewirkt oder ermöglicht:
den menschen schaidet von dem thier
das er bezwing sein pösz begier.
Schwartzenberg 144ᶜ.
b)
in sonstigem gebrauch: die ehe scheiden, repudium mittere, conjuges separare. Stieler 1748. freier: mutwillig weglauffen scheidet die ehe. glosse in Luthers tischr. (1568) 320ᵇ. ähnlich: denn meine lieb also gefundiert ist, dasz sie weder der todt noch ander ubel scheiden wirt. buch der liebe 235ᵈ. mhd. leit von einem scheiden:
wand er ir leit von in schiet.
pass. 18, 13 Köpke.
so dann trennen, unsinnlich, allgemein: also wollen wir auch die sieben weihe, welche die papisten selbs haben vom pfarramt gescheiden und zu nicht gemacht, mit jren winckelweihen weg gethan .. haben. Luther 6, 104ᵇ; das sind die stücke, so zum volkomlichen wesen und zu rechten definitio der tauffe gehören, und sollen bey und mit einander angesehen, und nicht von einander getrennt noch gescheiden werden. 278ᵃ. wie unterscheiden: unde er be diu gotes uuunder daʒ sie dô eiscoton, in sinen uuorten skied fone dien ereren uuunderen. Notker ps. 105, 33; das böse vom guten scheiden. einem anderen compositum, entscheiden, kommt das simplex häufig gleich in der älteren wendung einen streit scheiden, die wahrscheinlich zunächst die beendigung des streites durch örtliche entfernung der streitenden meint und in dem oben angeführten örtlich aufzufassenden streitende scheiden wurzelt. sinnlicher heiszt es noch: do wurdent die Kriechen flühtig und schiet die naht den strit. d. städtechron. 8, 291, 20. dann aber ganz in obiger bedeutung:
eʒ muoste dâ für wâr
den strît under in beiden
kunst oder gelücke scheiden.
Greg. 1966.
ähnlich eʒ scheiden:
eʒ muoste sterke unde heil
under in beiden
an dem sige scheiden.
Erec 4387.
auch die sache scheiden, zu rechte scheiden: hie hab ich abermals mich lassen weisen, und deinem namen zu ehren schweigen, die sach dem erzbischof zu Trier oder bischof zu Numburg vorhören und scheiden zu lassen vorwilligt. Luther briefe 1, 512;
alle die andern
sprachen gar manches und konnten die sache zu rechte nicht scheiden.
Göthe 40, 159.
bildlich:
wol dir, meie, wie dû scheidest
alleʒ âne haʒ!
Walther 51, 29.
mit auslassung des objects streit oder dgl.: welher aber schaiden welt und nieman dhainen schaden begerti zu tuond, der ist kainem frävel verfallen, welherlai waufen er ouh zuckt. Grimm weisth. 5, 170 (15. jahrh.). sprichwörtlich: wer wil scheiden, der kriegt beulen. Petri 2 (1604) L ll 1ᵇ. so auch scheiden zwischen: das loos stillet den hadder, und scheidet zwisschen den mechtigen. spr. Sal. 18, 18. gleichfalls mit auslassung eines derartigen objects, doch freier im allgemeinen sinne von 'entscheiden, bestimmen, verordnen', mit angabe dessen, was bestimmt wird, im objectsatz: und dar umb haben wir geschaiden deʒ ersten, daʒ sie pederseit und all ir frewnt und alle, di dar unter verdacht sein, gut frewnt schullen sein und daʒ nymmer mer geeffern schullen weder mit worten noch mit werken on geferd. d. städtechron. 1, 75, 10. die allgemeine bedeutung 'fragliches entscheiden' liegt auch der wendung einen troum scheiden, auslegen, zu grunde:
dô sprâchen di fursten alle:
'den troum sceiden wir dir danne:
die Ungar sehent in hiute laide'.
kaiserchron. 16319 Schröder.
B.
reflexiv, sich trennen.
1)
sinnlich.
a)
mit persönlichem subject: sich scheiden von einem andern, zwei menschen scheiden sich: scheidet euch von dieser gemeine, das ich sie plötzlich vertilge. 4 Mos. 16, 20; gott wolt, jhr (bürger von Paris) mit einem andern könig versehen weret, ich solt mich in ewigkeit nimmer von euch gescheiden haben. buch d. liebe 231ᵃ; Laureta die beyde ritter durch verborgene wege von dannen führet, die sich mit groszem unwillen von jren allerliebsten jungfrauwen scheiden muszten. 242ᵇ; dann da wir den Rhein hinunter fuhren und das schiff zu Rheinhausen visitirt ward, erkanten mich die Philippsburger, welche mich wieder anpackten und nach Philipsburg führeten, ... welches meinen guten cornet ja so sehr verdrosz als mich selbsten, weil wir uns wiederum scheiden musten. Simpl. 1, 397, 19 Kurz;
(vom jüngsten tage:)
sih sceidit, so ih thir zellu,   sus thiu worolt ellu,
friunt fone friunte   mit mihilemo nôte!
Otfrid 5, 20, 53;
friundinne mîn
dû solt dîn trûren lân.
ich wil mich von dir scheiden:
daʒ ist uns beiden guot.
Walther 88, 23;
eʒ nâhet dem tage
swâ sich zwei liebe scheiden, die haben herzeleide klage.
minnes. 2, 165ᵇ Hagen;
aude! ich sol mich scheiden
von der aller liebsten mein.
bergreihen 34, 19 neudr.;
die zwey muͦsten sich scheiden
gegen dem liechten tag.
109, 37;
den liebsten buͦlen den ich hab,
der wil sich von mir scheiden.
Uhland volksl.² 98;
ein traurig wort sie zu mir sprach:
'wir zwei müszen uns scheiden'.
105;
wo nun zwei lieb bei einander sein,
die scheiden sich bald!
der tag scheint durch den grünen wald.
134;
er sol, er musz sich scheiden,
ich musz, ich soll ihn meiden.
P. Fleming 448;
wo sich zwei verliebte scheiden,
da verwelket laub und gras.
wunderh. 1, 475 Boxberger;
rotes mündlein reichen und das thut weh.
adje!
wir beide scheiden uns nimmermeh.
adje!
Schade handwerkslieder 224.
dem trinker ist sein fläschlein das liebchen, von dem er sich nicht scheiden mag:
ich und mein fläschlein, wir scheiden uns nimmer.
Langbein bei Wustmann als der groszvater die groszmutter nahm 292.
in älterer sprache sich scheiden ohne weiteren zusatz, wie 'sich verabschieden':
do sciet sich ouch mit gruoʒe   vil manic schœne magedîn.
Nib. 1267, 4.
sich von einem orte scheiden. gleich auf die erste zeitung dieses glücklichen erfolgs, fanden sich die geflüchteten protestanten in ihrer heimath wieder ein, von der sie sich nur ungern geschieden hatten. Schiller 7, 209;
hin tet er diu rîchen kleit
und schiet sich von dem lande
mit dürftigen gewande.
Greg. 2577;
und also scheidt' ich mich von meiner stadt und erden,
mit welcher frewd', dasz ich vermeynte zu vergehn,
in hoffnung, dasz ich bald Zerbino würde sehn.
Dietr. v. d. Werder Ariost 13, 14, 6.
sinnlich gedacht ist zunächst auch sich von einem beim tode scheiden: wenn sich tag und nacht scheidet, so werde ich mich von euch auch scheiden und zu meinem himmlischen vater eingehen. Schweinichen 3, 253. überleitend zum folgenden gebrauch: wenn sich leib und seele scheidet, in articulo mortis, cum anima vinculis corporis exuitur. Stieler 1748. ähnlich, doch mehr als bewuszte handlung gedacht: und felet wenig sich schied von schwachheit .. die sele von meinem leib. Aimon H; mnd.
wan sik de sele van dem live schal scheiden.
des dodes danz 6.
b)
mit sächlichem subject: die dicken wolcken scheiden sich, das helle werde, und durch den nebel bricht sein (gottes) liecht. Hiob 37, 11; im bilde: die trübe nebelhülle, welche tausend jahre den horizont von Europa umzogen, scheidet sich .. und heller himmel strahlt hervor. Schiller 9, 224; die milch scheidet sich, gerinnt Campe; der strom scheidet sich in zwei arme; wege, straszen scheiden sich:
gib besonders
wohl acht, wo sich die straszen scheiden.
Schiller 6, 158 (Iphig. in Aulis 159);
hier scheidet sich das land, hier ist die grenze. Campe; wenn sich tag und nacht scheiden. Schweinichen 3, 253.
2)
unsinnlich.
a)
mit persönlichem subject. von eheleuten, das band der ehe trennen (nach A, 2, a): iþ jabai sa ungelaubjands skaidiþ sik, skaidai. 1 Cor. 7, 15; hat kain kind hinder ime gelassen, dan sein hausfrau Mathilda, marckgräfin in Tuskan und zu Mantua, het sich von im geschaiden. Aventin 2, 315, 32 Lexer; scheide dich nicht von einer vernünfftigen und fromen frawen, denn sie ist edler weder kein gold. Sir. 7, 21; wer sich von seinem weibe scheidet (es sey denn um ehebruch) der macht, das sie die ehe bricht. Matth. 5, 32; er hat sich von seinem weibe geschieden. Stieler 1748. gebräuchlicher ist heute in diesem sinne sich scheiden lassen (nämlich durch die behörde): wenn sich ein man von seinem weibe scheiden lesset, und sie zeucht von jm, und nimpt einen andern man, thar er sie auch wider annemen? Jer. 3, 1. weiter mit bezug auf die lösung eines andern innern bandes, der liebe, freundschaft, verwandtschaft u. dergl.: zwei kaufleute scheiden sich, geben ihre handelsverbindung auf. Adelung;
tûsent herze wurden frô
von ir (der geliebten) genâden; dius engeltent, scheide ich mich von ir alsô.
Walther 73, 10;
gesetzt, er übersieht den ausgang aller thaten.
sich scheiden kann er nicht, er kann nur widerrathen.
J. E. Schlegel 1, 344.
mit ablativischem genitiv als näherer bestimmung:
vriuntlîcher dienste   schieden si sich sint.
Kudrun 585, 2.
sich von laster scheiden:
nu lît diu hœhste stiure
an in, des al getouftiu diet
mit prîse sich von laster schiet.
Parz. 329, 6.
wie 'sich unterscheiden': got lêret, daʒ sih kuote sceiden fone ubelen in iro uuerchen, unde sie doh keminne sîn. Notker ps. 138, 20.
b)
in sonstigem gebrauch:
o frewlein, zwei getrewe hertz
scheiden sich von einander nit,
je eines nimbt das ander mit,
wo es zu wegen bringen kan.
H. Sachs fastn. sp. 1, 9, 274 neudruck.
mit dauernder trennung:
wie möhte diu geselleschaft
haben deheiner liebe kraft
under manne und wîbe,
diu niuwan mit dem lîbe
schînent gesellen guot
und dâ sich scheidet sô ir muot
daʒ daʒ eine lutzel oder vil
gert des daʒ ander niht enwil?
Erec 9515.
wie 'sich unterscheiden': die historische wahrheit scheidet sich sehr leicht von demjenigen, was blosz eine dankbare vorliebe für seinen wohlthäter den geschichtschreiber sagen läszt. Schiller 9, 407;
sîniu wort diu sint guot,
von den scheidet sich der muot.
Iwein 3126.
der strît schiet sich, endete (vgl. A, 1, b):
dô schiet sich der spot und ir strît.
Reinhart 170.
C.
intransitiv, sich trennen. heute meistens so, mehr der gehobenen sprache angehörig. gewöhnlich mit persönlichem subject und in örtlichem sinne, doch oft mit einer gewissen beziehung auf das innere. so scheiden von einem, vom freunde, von der geliebten: und der engel schied von jr. Luc. 1, 38;
anders minneclîchen   er von den vrouwen schiet.
Nibel. 526, 3;
wil du von mir scheiden   daʒ tuot mir innerclîchen wê.
867, 4;
mir ist ze scheiden von iu gâch.
Parz. 330, 16;
darumb lebt wol und seit in freiden!
mit freuntschaft woll wir von euch scheiden.
fastn. sp. 233, 24;
von meinem buͦlen muͦsz ich scheiden.
Uhland volksl.² 101;
herzlieb nit von mir scheid.
103;
wie bitter wird denn da jr leiden,
so hertzlieb von hertzlieb musz scheiden.
H. Sachs fastn. sp. 1, 8, 260 neudruck;
des kam Lucrecia in noht,
da Euriolus von jr schiedt.
267.
von einander scheiden, von heeren aus einander: beyde kriegsheere scheiden mit stillschweigender übereinkunft aus einander. Schiller 8, 293. von einem orte scheiden: darnach schied Paulus von Athene. apostelgesch. 18, 1;
von meinen bergen musz ich scheiden.
volkslied;
noch sinnlicher: und der herr sprach zu ihr (Rebecca), zwey volck sind in deinem leibe, und zweierley leute werden sich scheiden aus deinem leibe. 1 Mos. 25, 23. in älterer sprache auch mit angabe der richtung, wohin:
do er von Wormʒ gein Hiunen schiet.
Parz. 420, 28;
wie könig Personna ..
ausz dem läger zu hause schid.
Ayrer 357, 8 Keller.
ebenso, doch ohne bezeichnung des ausgangspunktes: derowegen liesz er Floraminen widerumb in ihr einsames zimmer scheiden. polit. stockf. 339;
hiemite ieglich zu hause schiet.
pass. 9, 38 Köpke;
do schieden si zu lande.
18, 16.
von dannen, von hinnen scheiden:
si neic dem künege und schiet von dan.
Iwein 3200;
da mit scheid ich davon.
bergreihen 67, 20 neudr.;
von dannen muͦsz jch scheiden.
110, 4;
damit scheid ich von dannen.
Uhland volksl.² 101;
ich scheide von hinnen mit leichtem gepäck.
Göthe 1, 160.
scheiden ohne weiteren zusatz in örtlichem sinne: eh wir scheiden laszt uns den heldenmüthigen bund durch eine umarmung beschwören. Schiller Fiesko 2, 18;
leb nun wol und denk an mich,
denn ich musz nun scheiden!
Schade handwerksl. 163;
heute scheid' ich, heute wandr' ich.
Fr. Müller 2, 339;
trautes kind, dasz ich musz scheiden,
musz nun unsre heimat meiden,
tief im herzen thut mir's weh.
ebenda;
ihr matten lebt wohl,
ihr sonnigen weiden!
der senne musz scheiden,
der sommer ist hin.
Schiller Tell 1, 1;
lebe wohl, lebe wohl, mein lieb!
musz noch heute scheiden.
Uhland 56.
selten und nur durch übertragung erklärlich ist hier ein sächliches subject:
da ietweders stich geriet,
dâ schilt unde helm sciet.
Iwein 7088.
besonders üblich ist die formel es musz geschieden sein:
aude zu dieser stunden!
ach nu wol auff! es mus geschieden sein.
bergreihen 67, 16 neudruck;
nein. ich musz nunmehr von hinnen;
es, es musz geschieden sein.
P. Fleming 446.
ähnlich:
und wenn es denn sol geschieden sein,
so reich mir dein goldenes ringelein!
des knaben wunderhorn 1, 280 Boxberger.
gern wird das part. präs. so absolut gebraucht: das klingeln der saumrosse in der höchsten öde, wo man weder die herankommenden noch die scheidenden erblickte. Göthe 48, 125. freier: der letzte strahl der scheidenden sonne; das scheidende jahrhundert. Campe. in sinnlichem gebrauche wurzelnd, doch mit tieferer auffassung heiszt es die seele scheidet von dem leibe, anima e corpore excedit. Steinbach 2, 405. die folgende stelle zeigt die ältere concrete anschauung: dô sâhen gûte kristenlûte, daʒ ire sêlen von iren lîchamen schiden sibenvalt wîʒer dann ie kein snê wurde. myst. 1, 136, 21. dann auch die seele scheidet von einem:
hilf mir, frouwe, sô diu sêle von mir scheide.
Wackernagel leseb.² 1, 276, 14.
aus der welt scheiden, rebus humanis excedere, de hac vita emigrare. Stieler 1747; auch ebenso von der welt scheiden. quelle bei Lexer mhd. handwb. 2, 686;
(lasz mich) dann einmal, wenns dir gefällt,
mit freuden scheiden aus der welt.
Wegelin im hannov. gesangb. (1889) 75ᵃ.
dichterisch, mit personificierung der welt:
Welt, ich hân dînen lôn ersehen:
swaʒ dû mir gîst, daʒ nimest du mir.
wir scheiden alle blôʒ von dir.
Walther 67, 10.
in gleichem sinne mnd. ût dessem ellende schêden:
wente denne kricht he sines arbeides einen ende,
wan he schedet ût dessem jâmerlîken elende.
des dodes danz 1670.
von, aus dem, diesem leben, dieser zeit scheiden: weil wir nu den herrn Christum begraben haben, und gehöret, wie er aus diesem leben gescheiden ist. Luther 6, 76ᵇ; dieweil ich weisz, mein liebste jungfraw von dieser zeit geschieden seyn. buch d. liebe 251, 1. von hinnen, von hier scheiden: weil der todte nu in der ruge ligt, so höre auch auff sein zu gedencken, und tröste dich wider uber jn, weil sein geist von hinnen gescheiden ist. Sir. 38, 24; mnd.
(de dôd:) von hîr to scheden dat môstu nu hastigen wagen.
des dodes danz 1188.
auch scheiden ohne weiteren zusatz: was wird ein geschiedener freund aus seiner höhe gröszer finden, entweder wenn ich mir trostpredigten über sein ableben mit wahrer fassung halte, oder wenn ich dem geliebten im freiwilligen, übermannenden kummer nachsinke? J. Paul Hesp. 3, 69;
wenn mir geschwächt sind alle sinn
und die umstehnden sagen:
jetzt scheidet er, jetzt ist er hin,
der puls hört auf zu schlagen.
Balde in des knaben wunderhorn 1, 210 Boxberger;
wann ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir.
P. Gerhardt 51, 65;
so möcht' ich leben, dasz ich hätte, wenn ich scheide,
gelebet mir zur lust, und andern nicht zu leide.
Rückert (1882) 8, 267.
in frieden scheiden:
eine arbeit noch,
die letzte — dann magst du in frieden scheiden.
Schiller don Carlos 5, 10.
aus dem amte scheiden, aus einer handelsverbindung scheiden. scheiden mit bezug auf die lösung der ehe, absolut, im goth.: iþ jabai sa ungalaubjands skaidiþ sik, skaidai. 1 Cor. 7, 15; gott scheidet, sagt sich los, vom menschen, wenn er sündhaft ist:
wann ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir.
P. Gerhardt 51, 66.
und so allgemein wie 'sich trennen, lossagen', innerlich: Pylades kann noch nicht von bessern aussichten scheiden. Schiller 6, 257; der bettler scheidet eben so schwer von seiner armuth, als der könig von seiner herrlichkeit. 301; da es nun doch einmal von der höchsten gewalt geschieden sein muszte. Schiller 7, 327;
diesz alles mahnt mich, fräulein, dasz ich heut
von meinem glücke scheiden musz.
Piccol. 3, 3.
D.
substantivierter infinitiv. das scheiden, separatio, divisio, sejunctio. Frisch 2, 169ᶜ. in der chymie, solutio et separatio metallorum. ebenda, vgl. metalle scheiden unter A, 1, a. meistens im sinne von abschied nehmen, discessus. Frisch a. a. o. vgl. C anfang:
schwer lag auf mir des scheidens bangigkeit.
Schiller Piccol. 3, 3;
es ist zum scheiden zeit.
Shakesp. Cäsar 2, 1;
du küssest mich zum scheiden.
Uhland 57;
es geht zum scheiden jetzo.
Immermann 12, 27 Boxberger;
ach wir lernten erst im scheiden
unsre liebe ganz verstehn.
Geibel (1888) 3, 23.
häufig sind die klagen über die schwere, den schmerz des scheidens, des abschieds, besonders im volksliede, von wo aus dann die einzelnen wendungen vielfach sprichwörtlich geworden sind: scheiden bringen thut, gar grosz unmuth. Petri 2 (1604) Ss 3ᵃ; scheiden bringt schmertzen. ebenda; scheiden jmmer scheiden, wer hat dich erdacht? ebenda; scheiden ist ein schwere pein, oder ist uber alle pein. ebenda; scheiden macht trawren viel. ebenda; scheiden thut wehe. ebenda; wenns an ein scheiden gehet, so gibts nasse augen und warm wasser. D dd 3ᵃ; scheiden bringt leiden, wiederkehr freuden. Simrock 420, 8910;
ach schaiden, du vil senende clag.
Cl. Hätzlerin 1, 3, 55;
o wie wee mir scheiden thut
von meinem röslein rodt!
bergreihen 9, 9 neudruck;
scheiden, wer hat dich erdacht?
19, 18;
scheiden, du bist ein schweres seil.
20, 17;
ach von hertzen liebe scheiden und das thut wehe.
67, 11;
ach scheiden ymmer scheyden:
wer hat sich dein erdacht?
110, 13;
ach gott, wie we tut scheiden!
Uhland volksl.² 99;
scheiden bringt schmerz.
105;
ach scheiden, immer scheiden,
wer hat dich doch erdacht?
141;
ach, scheiden, ach, ach!
wer hat doch das scheiden erdacht?
des knaben wunderhorn 142 Boxberger;
scheiden macht mich grämen,
scheiden macht mich so betrübt,
weil ich dich so sehr geliebt,
über alle maszen,
und musz dich nun laszen.
Schade handwerksl. 161;
scheiden ist der tod.
Göthe 3, 22;
das wiedersehn ist froh, das scheiden schwer.
ebenda;
wie klingt es rührend, wenn der dichter singt,
den tod zu meiden, den das scheiden bringt.
23.
scheiden und meiden werden häufig zusammengestellt, besonders in dieser syntactischen fügung: scheiden und meiden thut weh. Simrock 420, 8909; scheiden und meiden, was sonst so schwer auf's herz fällt, ward hier zum kleinen scherzhaften frevel. Göthe 22, 100; sollte lieben und bleiben nicht eben die rechte haben wie scheiden und meiden? 106;
ach senlîches leiden
meiden
neyden
schaiden
das tuͦt wee.
Wolkenstein 42, 1, 1;
ach liebchen, heiszt das meiden,
wenn man sich herzt und küszt?
ach liebchen, heiszt das scheiden,
wenn man sich fest umschlieszt?
Uhland 57;
ade, ade, ade!
ja scheiden und meiden thut weh.
Wackernagel trösteinsamkeit³ 29.
das scheiden, sterben: und er gedachte meiner in der lezten schweren stunde des scheidens. Schiller räuber schausp. 2, 2;
ein gräszlich scheiden machte dich (Werther) berühmt.
Göthe 3, 22.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2402, Z. 26.

scheiden, m.

scheiden, m.,
schaiden, schaden, der wels, silurus Nemnich 2, 1297, scheiden Steinbach 2, 395. Schottel 1395, schaiden Höfer 3, 65. Frischlin nomencl. 62ᵃ, scheiden, scheid Schm. 2, 372. Siebold süszwasserfische 79. 80, schaid, schied, schedel Gesner de pisc. 189, scheid 190, schaid, gramarus Dief. 268ᵃ (15. jh.), schaide, m. Gesner de pisc. 190, scheide, f. Adelung. mhd. ist belegt scheiden dat. plur. minnes. 3, 453ᵇ (die stelle s. unten), ahd. sceida, asella (sc. asellus). Schm. 2, 373. Graff 6, 439. Dief. 53ᶜ. es scheint demnach übertritt aus dem fem. ins masc. stattgefunden zu haben. der ursprung des worts ist nicht mit sicherheit zu ermitteln. erwähnt werden mag die von Gesner de pisc. 189 ausgesprochene vermutung, der fisch heisze so, weil er an gestalt der scheide eines reiterschwerts gleiche, quae latior initio, paulatim in angustum desinit. vgl. auch schade, m. oben sp. 1969. ob scheiden wie dieses daneben als name für andere fische gilt, ist zweifelhaft. das deminut. scheidle bezeichnet nach der beschreibung bei Gesner de pisc. 194 und der glossierung durch glanis Frischlin nomencl. 62ᵃ wol den jüngeren und deshalb kleineren wels: ein schaide wigt uffs vilst by lxxx pfund. Gesner de pisc. 190; deszgleichen vergasz er sich auch nicht mit frischen fischen, als ... stören, scheiden, rot fohren. Garg. 56ᵃ; vom scheiden oder welsz. Hohberg 2, 512; wann die mittelmässigen scheiden gantz durchgeschnitten, und in dünne etwan finger- oder daumdicke blätter oder spalten getheilt, und also frisch abgesotten, und mit limonien - safft gegessen werden, sind sie eine herrliche speise. 513ᵇ; bey Santa Lucia sind die fische nach ihren gattungen meist in reinlichen und artigen körben, krebse, austern, scheiden, kleine muscheln, jedes besonders aufgetischt und mit grünen blättern unterlegt. Göthe 28, 271;
het' ich sâmen von dem varn,
den würfe ich dar den scheiden,
daʒ si in verslünden, ê mîn dienest von ir solde scheiden.
minnes. 3, 453ᵇ Hagen;
der scheiden auch kein schuppen hat.
H. Sachs 2 (1570), 2, 111ᵇ.
doppelsinnig, mit anspielung auf scheiden, verb.: schaiden ist kain gueter, oder ist ein grätiger fisch. Schm. 2, 373; auf scheide, vagina: weil die fasten uns .. schaiden ohne messer vorweiset. Abele ebenda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2411, Z. 5.

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Zitationshilfe
„geschiede“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschiede>, abgerufen am 28.11.2021.

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