Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geschlecht, n.

geschlecht, n.
genus.
I.
Formen und verwandtschaft.
1)
geschlecht, ahd. gislahti, mhd. geslahte, geslähte, geslehte, geslaht, gesleht, geslicht, gesliecht, nd. geslecht Dief. 413ᵃ. 143ᶜ, auch älter nhd. noch geschlächte, geschlechte (selbst in der neuzeit: du ackermannsgeschlechte Rückert 1, 41, der krieger wild geschlechte Uhland ged. 247), ist das collectivum zu ahd. slaht, n. und slahta, f., mhd. slahte, slaht, f. genus, die in beziehung stehen zum verb. schlagen, arten (ahd. nâh tien forderon ze slahenne an iro tugede Graff 6, 763, nhd. aus dem geschlecht oder art schlagen Dasypod. E 6ᶜ) und zu schlag, art:
eʒ ist och der natern slag,
wann si ain menschen hat erheckt (zu tode gestochen),
das si die erd nit me bedeckt.
liedersaal 1, 479, 177;
frauen, die sein ser kostlich gekleidet auf den heidnischen oder türkischen schlag. Leo v. Rozmital 170. geschlecht ist ein jüngeres wort, das an die stelle der älteren bezeichnungen chunni (s. künne), sippja (s. sippe), ahta, slahta getreten ist.
2)
in den nächst verwandten sprachen entspricht mnl. gheslachte Reinaert 4268, nnl. geslacht, altfries. slachte n., altn. slekt f., dän. slægt, schwed. slägt f. und slägte n.; in den romanischen sprachen entstammt dem hd. slahta altfr. esclate, prov. esclata, ital. schiatta, geschlecht Diez 2, 370, in den slav. sprachen niederlaus.-wendisch schlachta, das geschlecht, die art, poln. szlachta, der adel, die edelleute, szlachcic, edelmann, czech. šlechta, geschlecht, adel, šlechtic, edelmann, sloven. žlahten, adelich, žlahtnik, der adeliche, auch lit. szlẽktas, m. ein adelicher.
3)
der plural lautete in der älteren sprache geslahte, geslehte, geschlechte, letzteres noch bei dichtern der neueren zeit:
alle geschlechte der menschen.
Klopstock Mess. 1, 110. 10, 717;
zu ganzen geschlechten.
2, 846 (ausg. 1751 geschlechtern). 4, 1112 u. ö.;
du Schinznach für die zwei geschlechte.
Pfeffel poet. vers. 2, 57;
schon zwei volle geschlechte vernünftiger menschen.
Bürger 188, 6;
(dort) will ich menschlichen geschlechten
in des ursprungs tiefe dringen.
Göthe 5, 3;
der heutige plural geschlechter findet sich bereits im 16. jahrh.: kommen nit der mehrtheil churwallischer Spatzacaminer von römischen geschlechtern. Garg. 26ᵇ (geschlechten 35 Scheible). Zimm. chron. 3, 287, 15. Mathesius Sar. 87ᵇ. bei Luther findet sich vereinzelt der gen. plur. geschlechten, z. b. ihrer geschlechten 1 chron. 9, 28, aller geschlechten Jerem. 31, 1.
II.
Bedeutung und gebrauch.
1)
die gesamtheit der von einem stammvater herkommenden: geslecht oder sampnung einer slacht oder art, genus. voc. 1482 m 1ᵃ.
a)
die blutsverwandte familie, die sippe: geschlechte heiszen wir die sipschafften und samlung geblüter freundschafften. Luther 1, 489ᵇ; geslechte, sanguis Dief. 511ᵃ.
α)
ahd. gislahti, geslahte, genus, familia, stemma Graff 6, 781. Steinmeyer-Sievers ahd. gl. 2, 416, 43; mhd.
er gehôrte
daʒ er sîn nâher mâg was,
an sînem vinger er dô las
und zalte vil rechte
ir beider geslechte.
Herbort 5940;
wer nit brüder hat, der hat ouch nit geschlechtes, und wer nit geschlechtes hat, der hat ouch nit fründ. buch der beispiele 93, 15 Holland; linea paterna, geschlecht vom vatter her, linea materna, geschlecht von der mutter her. Emmelius nomencl. 161; der der erst eins geschlechts ist, protogenes, genearcha Dasyp. E 6ᵇ; leüt die eins geschlächts sind, gentiles Maaler 172ᵈ;
(sie) sind unsers geblüts und geschlechts.
Wolfh. Spangenberg ganskönig 1, 438 Martin;
der ich ewers geschlechts bin. Aimon o 1; der bapst liesz fragen, was geschlechts er (der bischof) wer. Pauli schimpf 4ᵇ;
wiszt
ihr denn nicht wenigstens, was für geschlechts
die mutter war?
Lessing 2, 326 (Nathan 4, 7);
noch heute in Oberdeutschland wie heiszt das geschlecht der frau? dafür in Mitteldeutschland was ist sie für eine geborne?; ich bin fürstlichen geblüts, aus des unglücklichen Thomas Norfolks geschlechte. Schiller III, 401 (kabale 2, 3);
ich bin aus Tantalus geschlecht.
Göthe 9, 16 (Iphigenie 1, 3);
do zmal was ein gar finer künstler uff der trukery, Peter Schäffer, usz welches gschlächt die trukery zu Mentz erfunden ist. Th. Platter 93 Fechter; dieweil die geschlechte in aller welt nur nach den männern genennet werden. Scheräus sprachenschule (1619) 264; aber ihr geschlechte ist ferne bekandt. polit. stockf. 63;
vergisz dein geschlecht, und des vaters
wohnungen.
Voss Luise 3, 1, 361;
in ain geschlächt sehen, ein gewisses familiengepräge in seinen zügen tragen Schm.² 2, 500; zu nahe in das geschlecht heirathen, in die verwandtschaft. Adelung; von einem eerlichen geschlächt har erboren, fundatissima familia natus Maaler 172ᵈ; leute von gutem herkommen und erbarem geschlecht. Harnisch aus Fleck. 346; ein altes bürgerliches geschlecht, ein bauerngeschlecht, ein gelehrten-, ein künstlergeschlecht.
β)
nachkommenschaft: Davidis geslahte. Diutiska 3, 25 (12. jh.);
daʒ er (gott) im (Abraham) als des meres grieʒ
wolde mêren sunder zal
sîn geslähte überal.
Barlaam 55, 24;
Rhea Sylvia, die macht Amulius ein klosterfraw .., auff das kein frucht von seins bruͦders geschlecht geborn würde. Livius (Mainz 1551) 1, 3ᵃ;
jhr leibsfrucht und geschlecht.
Weckherlin 254 (ps. 107, 43);
(die erinyen) das furchtbare geschlecht der nacht.
Schiller XI, 244 (kraniche 130);
bildlich:
(der streit) einmal
erwacht bezähmt er spät sich wieder! enkel
erzeugt er sich, ein eisernes geschlecht.
XIII, 263 (jungfr. v. Orl. 3, 4).
γ)
das geschlecht in ältester zeit als grundlage des staates, vgl. geschlechterstaat: die stämme der alten staaten waren auf zweierlei art begründet, entweder nach geschlechtern oder nach orten. Niebuhr 1, 339; eine allgemeinere anordnung als die geschlechter gab es in der alten welt nicht, jede bürgerschaft war so eingetheilt. 356; reste des alten geschlechterstaates auf deutschem boden sind das geschlechtsbegehren (s. d.) und die von Lirer schwäb. chron. 41ᵇ berichtete thatsache, dasz 'die landvögte in Schwaben von 12 männern gewehlt worden, das waren 4 grafen, 4 herren, 4 rittermäszige, die wurden die geschlecht genennet' Frisch 2, 194ᵃ.
b)
adeliche familie, adelsgeschlecht.
α)
mit bezeichnendem adjectiv: ahd. edelis keslahtis, prisci generis, adallîhemo gislahte Graff 6, 781; Athalia lies erwürgen alles, so von küniglichem und fürstlichem geslecht da was. Aventin. 4, 240, 6 Lexer; die durchleuchtigsten geschlechter. Harnisch aus Fleckenland 171; unser hauszgeschlechte (die mitglieder des fürstlichen hauses) bedanckt sich des guten andenckens. Krause erzschr. 84 (worte Christians II. von Anhalt 1641); das alte adelsgeschlechte. Schweinichen 2, 81; ich bin hie (in Rom) erzogen und geborn, und von den öbersten geschlechten. Eulensp. c. 34; die eltesten und edelsten geschlecht. Flac. Illyr. von ankunft d. röm. keiserth. 295; wie manches edels und groszes geschlechte ist gesechen worden ân erben. Bocc. 8, 18 Keller;
gott willkum, mein herr schneiderknecht,
wie kompst in ein so grosz geschlecht?
es musz gewisz grosz mangel sein,
dasz du in d'gsellschafft kompst hinein.
Fischart 1, 28, 988 Kurz;
tugent und recht ziert hoch geschlecht. Henisch 1541; imgleichen haben sie etliche fürnehme geschlechter mit etlichen erbämptern begnadet. Micrälius alt. Pomm. 3, 343.
β)
schlechtweg, wie auch art (th. 1, 569), geboren (sp. 1645. 1800) und geschlacht (sp. 3897) schlechthin vom adel und von edler geburt stehen: der adel, des sich die armen tötlichen menschen von alten herkomen ires geschlächtes berümen. Keisersberg seelenparad. 3ᵇ; das gemainlich die geschlechter, die sich erhöcht und ihren stand, darin sie got geordnet, verlassen, nit lang hetten geweret, als namlich Falkenstain u. a. Zimm. chr. 3, 287, 15; wenn die herrn gottes wort faren lassen und wenn die geschlechter (in einem staate) uneins werden. Mathesius Sarepta 87ᵃ;
hier faulen des geschlechts (von Staufen) schon mehrere.
Lessing 2, 253 (Nathan 2, 7);
den adel parodierend:
so bin ich von zwelf geslechten der pauren,
die mit iren namen haiszen die Knauren.
fastn. sp. 525, 12.
γ)
collectiv das geschlecht, wie der adel, die gesamten adelsfamilien:
ritter unde edelknecht
im land ze Franken vom geslecht.
Liliencron volksl. 1, 167, v. 190, 212 (um 1400);
frage nicht nach anderm titel,
reinem willen bleibt sein recht!
und die schurken lasz dem büttel,
und die narren dem geschlecht.
Göthe 3, 172.
c)
in den reichsstädten ratsfähige, patricische familie.
α)
die von den alten geslahten an dem raͮt siczent. Mone zeitschrift 15, 43 (Konstanz, vom j. 1386), vergl. städtechroniken 1, 214—221; es ist in etlichen stedten, das man niemand in die räthe nimpt, er sei dann von den geschlechten. Agricola spr. 176ᵇ; i. f. gnaden spielten täglich mit den geschlechtern der bürger (zu Augsburg). Schweinichen 1, 154;
auch stackn voll all fenster und läden ..
von adel, gschlechtern, mann und frauen,
diser kurtzweil auch zuzuschawen.
H. Sachs 4, 3, 81ᵇ.
β)
darnach übertragen auf die patricierfamilien im alten Rom: also solt hinfüro einer (consul) ausz den geschlechten, und der ander ausz der gemein gekoren werden. Livius (Mainz 1551) 1, 49ᵃ; die zwen burgermeister waren der sach uneins, der ein war bäuwrisch, und der ander auff der geschlechter seiten. Aventin. chron. (1566) 102ᵇ; auf der geschlächt seiten 4, 527, 16 Lexer; pisher het man die zwen burgermaister nur von den geschlächten genummen und het kainer von den geschlächten und adel in die gmain dürfen heiraten. 4, 310, 6 L.
γ)
collectiv, die gesamtheit der patricierfamilien, das patriciat: patricii, dy eddelen oder dy von dem geschlechte. Trochus E 3ᵈ; ganz wenig (bürger) haben ain auskommen von iren gülden und zinsen .. und werden 'die von dem geschlecht' genant. Aventin. 4, 43, 7 Lexer; ein jungfraw vom geschlecht zu Nürnberg. J. Amman frauwenzimmer (1586) G 1ᵇ; die geschlechter- und doctorweiber geben den adelichen frawen in allerhand hoffart nichts nach .. die gräfinnen und fürstinnen wissen schier nit, was sie anlegen sollen, seitemal ihnens der adel, und sogar das geschlecht, alles nachthuet. Albertinus narrenhatz 104; die zugehörigkeit auch durch den genitiv bezeichnet: es ist zu Nürnberg ein Tucher gewesen des geschlechts, der hat das podagra gehabt. Agricola spr. 216ᵇ.
d)
im gegensatz zum adel die niederen, minderen geschlechter:
(geld) macht zu herrn die nidern gschlecht.
Ayrer 2041, 28;
von niderm geschlecht geborn. Nicl. v. Wyle translat. 80, 31; bei diesem entschiedenen vorzug der beiden ersten stämme heiszt der dritte mit recht die mindern geschlechter. Niebuhr 1, 338; geringes geschlecht, genus obscurum, humile. Frisch 2, 194ᵃ, schlechtes geschlecht Schönsleder Y 1ᵈ; mhd. ungeslehte, unedles geschlecht, niedrige herkunft.
e)
abstammung, herkunft: geslechte, genealogia voc. 1482 m 1ᵇ; mhd.
und bin von geslehte
eines küneges sun.
Flore 7068;
edel vom gschlächt, nobilis ortu. Maaler 195ᶜ; so spricht der herr herr zu Jerusalem, dein geschlecht und deine geburt ist aus der Cananiter lande. Hesekiel 16, 3; wann das ross schön und gut ist, was fragt man darnach was geschlechts es ist. Lehmann flor. 156;
wer schätzte dazumahl dein ansehn und geschlechte,
das vor der halben stadt bereits sein lob verlohr?
Günther 634;
hohe, vornehme abkunft: weib, glaub, freund, reiche morgengab, geschlecht, gestalt, bringt gelt bisz in das grab. Lehmann flor. (1641) 2, 484;
denen oft nichts recht
und vorzug giebt als ihr geschlecht.
Wernikens poet. vers. 34 Bodmer.
f)
im verengerten sinne, die folge der einzelnen glieder eines geschlechts, generation einer familie, vgl. 3, e: (wer seinen reichthum mit sünde erworben hat, schädigt seine erben) unz in daʒ vierzigeste geslehte. Berth. v. Regensburg 1, 136, 19 Pf.; und seine barmherzigkeit weret von einem geschlecht ins ander ... wir müssen der schrifft gewonen, die da nennet geschlechte die folge der natürlichen zichtung oder geburt, als ein mensch vom andern für und für geborn wird. darumb das deudsch wort geschlecht nicht gnugsam ist, weis aber doch kein bessers. denn geschlechte heiszen wir die sipschafften und samlung geblüter freundschafften. aber es sol hie heiszen die natürliche folge vom vater in kindskind, das ein jglich glied derselben folge heisze ein geschlecht. Luther 1, 489ᵇ. 487ᵃ; gott, der da strafft die sünde der veter in den kindern ins dritte und vierte geschlechte, denen die mich hassen, und bin barmherzig in viel tausent geschlechte denen, die mich lieben. 489ᵇ; musz nicht der adel von alter her, von geschlecht zu geschlecht, von grad zu grad erwiesen werden? Phil. Lugd. 4, 77.
g)
bildlich.
α)
nachkommenschaft, nachfolge, d. h. leute, die dieselbe eigenschaft haben:
die milte Behte,
die noch hat gar ein grosz geslehte.
Konr. v. Dangkrotzheim namenb. 400.
β)
von schöszlingen: sô man di nidersten est (des feigenbaums) peugt und si mit erden beschütt, sô pringent si ain neu gesläht umb die muoter. Megenberg 322, 6; propago, ein gschlecht oder stock in eim wingart, et est origo: extensio vel flagellum vitis extensum sub terra. gemma gemm. v 2ᵇ (Hagenau 1510, die Kölner ausg. von 1495 ein geslacht); propagare, ein geschlecht machen oder meren, die wynstöck verleiten. ebenda; geslechte oder weinreb oder wilder weinstock, propago. voc. 1482 m 2ᵃ; (wein-)stöcke von vier oder funff geslechten. Petr. de Crescentiis (1493) h 1ᵇ.
γ)
von etymologischer verwandtschaft: mhd. alsô genuogiu wort endriu des anegenges unde geslahtes nihne habent. Windberger psalmen 508.
h)
weidmännisch ein geschlecht, ein rudel, eine herde hirsche Eggers (1757) 2, 677; schweiz. geschlecht, sennthum, viehherde Stalder 2, 325.
2)
ein einzelner
a)
als vertreter der ganzen sippe, der geschlechtsgenosse, wie künne 2, c und slaht (er was rehte kuninc slahte Lamprechts Alexander 88, er was fursten slacht Rothe dür. chron. c. 155):
von Marroch Akarîn,
des bâruckes geslehte.
Wolfr. Willeh. 73, 21;
eʒ (das kind der bäurin und des edelknechts) ist Pentzen geslehte.
Renner 1707 (bauerngeschlecht,
s. Benz theil 1, 1477 und Schm.);
vergl. dänisch slægte, verwandter, schwed. slägt, verwandt. der gegensatz ungeslehte, ein der edlen geschlechtsgenossenschaft unwürdiger:
nu dar, ir edeln ritter, werden knehte ..
swer nu an manheit zegelîch tuot, der ist ein ungeslehte.
Kolmar. meisterl. 73, 13.
b)
als ebenbild gottes, nach 1 Mos. 1, 27:
dô von sîner hende sîn geslaht
der êrste mensche wart gemaht.
Silvester 2931;
vgl.daʒ wir durch die gelîchnüsse heiʒen dîn (gottes) geslähte, als der rubîn des edeln karfunkels geslähte heiʒet, der doch von im geborn niht ist. mystiker 1, 369, 5 Pfeiffer.
c)
abkömmling, kind:
Joseph, Davids geschlechte,
vornim mich nu rechte.
Vilmar-Piderit weihnachtsspiel d. 15. jh. 75;
gieb mir, erzeuger (Phöbus), ein pfand, dasz man für dein wahres geschlecht mich
anerkenn' ... Phaeton sprachs.
Voss Ovid. metam. 7, 70;
einst in der vorzeit
hatte der erde geschlecht, den Erichthonius, Pallas
in der geflochtenen kist' aus attischem reisig verschlossen.
9, 18. 10, 1.
d)
als schimpfwort: bair. du gschlecht du, du nichtsnutzigs! Delling 1, 212.
e)
mannsbild, mannsperson: die mans geschlechte trugen kleine kogilchin. Haupts ztschr. 8, 469 (thüring. tracht um 1430).
f)
von einem einzelnen weibe:
dô sprah deu gotes wîsheit:
du (teufel) must noch einen strît hân
von wîplîcheme geslahte (von einem weibe).
Diemer ged. d. 11. u. 12. jh. 10, 6;
nachspüren, wo das liebe geschlecht hinkommen sei. rockenphilos. 1, 235 (2, 33).
g)
von thieren, geschlechtsgenosse, s. unten 6, a:
sîn (des rosses) hals was ime lockechte,
ih wêne iʒ wêre lewin geslehte.
Lamprechts Alexander 289;
die gerfalcken sein dermaszen eines groszen leibs, das auch etliche gemeint haben, diser vogel solt geschlecht der adler sein. Sebiz feldb. 609 u. öfter;
ein veltmûs .. sach
ein statmûs, ir geschlechte, komen.
Boner edelstein 15, 3.
3)
in erweiterter bedeutung.
a)
stamm: geslehte, tribus. sumerlaten 18, 34. 47, 3; diu zwelf geslehte (stämme Israel). Berthold von Regensburg 1, 184, 8. 463, 14; die zwelff geschlechte Israel. Matth. 19, 28, di XII geslecht der Israel cod. tepl.; ein man aus dem geschlechte Benjamin. apost. gesch. 13, 21, von dem geslecht B. cod. tepl.; ich hatte ein geschlecht der pontischen völcker, so Thybi genannt, gesehen, die in einem aug zween augäpfel haben. Simpl. 2, 192, 23 Kurz.
b)
volk: geslecht, natio. voc. 1482 m 1ᵇ; geschlecht des landts, geschlecht der sprachen, nacius, ideoma. voc. inc. teut. i 3ᵃ; jr aber seid das auserwelete geschlecht, das heilige volck. 1 Petr. 2, 9;
er ist ja got,
der under uns, seinem geschlecht,
in Syon allzeit wohnet.
Weckherlin 31 (ps. 9, 12);
dieser (der könig von Egypten) treib hinderlist mit unserm geschlechte (dem jüdischen volk).
ap. gesch. 7, 19. Gal. 1, 14;
die vorfahren, welche vormahls ein sehr weises, mechtiges und übertrefliches geschlecht gewesen sind.
Schottel haubtsprache 55;
ein neues völkergeschlecht (die Germanen).
Schiller IX, 219.
c)
in gehobener rede: in dir sollen gesegenet werden alle geschlecht auff erden. 1 Mos. 12, 3. Matth. 24, 30;
alle die andern
armen geschlechter
der kinderreichen
lebendigen erde.
Göthe 2, 62;
die unsterblichen lieben der menschen
weit verbreitete gute geschlechter.
9, 26 (Iphig. 1, 4);
England ist nicht die welt, dein parlament
nicht der verein der menschlichen geschlechter.
Schiller XII, 455 (Maria Stuart 2, 3).
d)
im singular, auf die ganze menschheit bezogen, nach ihrer abstammung von einem stammvater, das menschengeschlecht (s. d.):
das er erlösen solt
alles menschlichs geschlächte.
Muskatblut lieder 26, 53 Groote;
er hat geruͦcht in disem gelobten land das menschlich geschlächte von ewiger verdammnusz erlösen. Ludolph. v. Suchen weg zu dem h. grab (um 1475) 9; gott selbs verschonet dem gantzen menschlichen geschlecht umb eines menschen willen, der Jhesus Christus heiszt. Luther 5, 183ᵃ;
falsch ist das geschlecht der menschen.
Schiller XI, 341 (Hero u. Leander 109);
naturzweck,
der eine hälfte des geschlechts der menschen
der andern unterwürfig macht.
XII, 449 (Maria Stuart 2, 2);
ungleich vertheilt sind des lebens güter
unter der menschen flüchtgem geschlecht.
XIV, 24 (braut v. Mess. 1, 3);
ein ungeheurer spalt
reiszt vom geschlecht der sterblichen ihn (der könig wird) los.
V, 2, 191 (don Carlos 1, 9);
das sterbliche geschlecht ist viel zu schwach
in ungewohnter höhe nicht zu schwindeln.
Göthe 9, 16 (Iphig. 1, 3);
dasz man sich beinah kein unwesenhafteres, leichteres, flüchtigeres gewebe (die sprache) denken kann, als womit der schöpfer unser geschlecht verknüpfen wollte. Herder z. philos. 4, 218; die natur geht noch immer mit jedem einzelnen menschen, wie sie mit dem ganzen geschlecht ging, vom fühlen zum sehen, von der plastik zur piktur. vom erkennen und empfinden (1778) 100; Swift, der an den schandpfahl, den er dem ganzen geschlechte baute, zuerst seinen eigenen namen schrieb. Schiller IV, 47.
e)
die gesamtheit der menschen, die in einem zeitalter zusammen leben, eine generation der menschheit oder eines volkes, vgl. oben 1, f: wem sol ich aber dis geschlecht vergleichen? Matth. 11, 16, dicz geslecht cod. tepl.; (die menschen) von geschlecht zu geschlecht. Agricola spr. 212ᵇ; ein geschlecht vergehet, das ander kompt. pred. Sal. 1, 4;
es wechseln die geschlechter, die sage bleibt sich treu.
Chamisso 3, 309;
die mächtige zeit reiszet geschlechte der menschen und reiche mit sich dahin. F. L. Stolberg 3, 133;
doch es ist dahin, es ist verschwunden
dieses hochbegünstigte geschlecht (des alterthums).
Schiller XI, 363 (an die freunde);
das mittlere geschlecht (die menschheit des mittelalters). IX, 220; das gegenwärtige, das spätere geschlecht. ebenda;
jetzige generation.
war es stets so wie jetzt? ich kann das geschlecht nicht begreifen,
nur das alter ist jung, ach! und die jugend ist alt!
XI, 184;
aber der grosze moment findet ein kleines geschlecht.
101 (xenien 31);
es lebt ein anders denkendes geschlecht.
XIV, 314 (Tell 2, 1);
seine neigung war
die welt mit allen kommenden geschlechtern.
V, 2, 434 (don Carlos 5, 9);
wer das vertraun vergiftet, o der mordet
das werdende geschlecht im leib der mutter!
XII, 309 (Wallenst. tod 3, 18).
als zeitmasz: geschlecht nach der zit zu rechnen, seculum dicitur spacium quinquaginta annorum, secundum aliquos centum annorum. voc. inc. teut. i 3ᵃ, jetzt gewöhnlich zu 30 oder 33 jahren gerechnet, vgl. geschlechtsalter, -folge.
f)
menschenart, menschenklasse: ahd. dero rehton geslahte, nationem justorum. Notker ps. 72, 15; das gschlächt oder dise gattung der leüten. Maaler 195ᶜ; fürsten und herren sollen jrs geschlechtes (standes) schelcke nicht verteidingen .. wenn wir ewers geschlechts einen schalck straften, das jr darumb woltet zürnen und fürgeben, wir hetten das ganze geschlecht gemeinet und geschendet. Luther 7, 355ᵇ; das geschlecht der fromen wird gesegenet sein. psalm. 112, 2; das christlich geschlecht, die christenheit. H. Sachs 4, 1, 102ᵈ;
weil jhr seid vom pfaffen gschlecht.
Wolfh. Spangenberg glückswechsel 387 Martin;
wi si (städte) den (adel) genzlich vertreiben ..,
auch damit gaistlichs geschlecht (die klosterleute, s. geistlich 3, c, γ).
Uhland volksl. 427, 2;
so viel reimen, welche vorzeiten du pflegtest zum pracht des philologischen geschlechts. Schuppius 700; der geist und der geschmack einer nation sind nicht unter ihren gelehrten und leuten von vornehmer erziehung zu suchen. diese beide geschlechter gehören gleichsam keinem lande eigen. Abbt 1, 272; das spitzfündige geschlecht der poeten. Schuppius 747;
eilf geschlecht die nert der häller,
pfaffen, buͦlerin, camesierer
thuͦt als vom häller zeren.
Jörg Graff im weim. jahrb. 4, 424 (um 1523);
item das meerkatzengeschlecht,
gaukler, däntzer .. seilgänger.
Fischart groszm. 88;
ein galanteriehändler, der jede sorte seiner waaren mit einer diesem geschlechte eigenen zudringlichkeit vorwies. Göthe 18, 267;
dieses geschlecht (die schlittschuhfahrer) ist hinweg, zerstreut die bunte gesellschaft.
1, 408;
dies geschlecht von mäklern
pflegt alles auf die spitze gleich zu stellen.
Schiller XII, 186 (Picc. 5, 1);
Wallenstein. dies geschlecht
kann sich nicht anders freuen, als bei tisch.
378 (Wallenst. tod 5, 4);
alle stände, alle geschlächter (jung und alt, mann und weib). Scriver seelenschatz 2, 211; derselben (der armen) ist ain grosz geschlecht. J. v. Schwarzenberg 154ᵃ; ein mann von dem geschlecht der geizigen. pers. baumgarten 4, 5; egoismus und liebe scheiden die menschheit in zwei höchstunähnliche geschlechter. Schiller IV, 48;
her kumpt auf disen plan
von volk ein wild geschlecht
dorfmaid und baurnknecht.
fastn. sp. 580, 6;
ein verwegenes geschlecht
dringt ins heiligthum herein.
Göthe 2, 26;
doch, wie du selbst, aus kindlichem geschlechte, ..
reicht dir die dichtkunst ihre götterrechte.
Schiller XI, 336 (das mädchen von Orleans);
von einer politischen partei: derhalben iren etliche (under der burgerschaft zu Mösskirch) ein liga machten, die hielten sich zusamen .. man hiesz sie under dem gemainen man das geschlecht mit denen langen oren, dieweil .. was sie hörten oder erfueren, das wurde der herrschaft unverzugenlich und auch von weitem here furgebracht. Zimm. chron. 3, 580, 35; er ist des geschlechts mit den roten ärmeln (von der östreich. partei zu Luzern im 14. jh.). Kirchhofer schweiz. sprichw. (1824) 78.
g)
von menschlichen verhältnissen übertragen
α)
auf überirdische: das geschlecht der götter;
durch sie (tugend) steigst du zum göttlichen geschlechte,
und ohne sie sind könige nur knechte.
Gellert 1, 165;
sie, die gezeugt aus göttlichem geschlechte.
Schiller III, 175;
das geschlecht der teufel; mhd. etelîch geslechte der tûfele mac man mit nichte alsô wol vortrîben alsô mit vastene und betene. mystiker 1, 102, 17 Pf.
β)
auf die thier- und pflanzenwelt: das geschlecht der thiere, der pflanzen; besonders in der fabel:
mit bewilligung des thierischen geschlechts.
Lichtwer fab. 2, 17;
die völker der lüfte, das leichte geschlechte.
1, 11;
mhd. ich brüet mîn eiger, sprach diu krâ,
als mîn geslecht tuot anderswâ.
Boner edelstein 49, 50.
4)
das natürliche, männliche oder weibliche geschlecht.
a)
sowol der geschlechtsunterschied: geschlecht der naturlichen glider, sexus, habitudo generandi. voc. inc. teut. i 3ᵃ; der part an dem menschen bedäut mannes gesläht. Megenberg 12, 15; was do männlichs geschlechts was. Keisersberg post. 2, 26; der hermaphroditus oder zwidder, das ist ein mensch, der beiderlei geschlechts, manns und weibes glied zugleich hat. Aristoteles probl. (Frankf. 1585) 87ᵃ.
b)
als die dazu gehörigen personen, männer oder frauen: eʒ sîn frouwen oder knehte, junc oder alt, frouwengeslehte oder mannesgeslehte. Berthold v. Regensburg 1, 310, 6 Pf.;
das verbieten alle recht
sollich vermischung beider gschlecht (beim spiel).
(frauen) die mit den mannen sitzen zamen,
ir zucht und gschlechtes sich nit schamen.
S. Brant narrensch. 77, 32;
darnach legt er (Nero) eins wilden thiers haut an, kroch an seinem hof umb wie ein wild, damit er beiden geschlächten an heimlich ort sehe. S. Frank chron. 1, 144ᵃ;
beiderlei geschlechte zwingen dich:
die jünglinge durchs feur, die jungfern durch das wasser.
Wernikens poet. vers. 10 Bodmer;
die ersten liebesneigungen einer unverdorbenen jugend nehmen durchaus eine geistige wendung, die natur scheint zu wollen, dasz ein geschlecht in dem andern das gute und schöne sinnlich gewahr werde. Göthe 24, 272; (zur zeit der mannbarkeit wächst) dem mannsgeschlecht die samenreiche natur. Aristoteles probl. (1585) 45ᵃ; warumb solt anders das holdselig weiblich geschlecht also anmütig erschaffen sein. Fischart Garg. (1590) 121;
sidher hab ich das weibergschlecht
verfluchet wie das schlangengschlecht.
flöhh. 826 Sch.;
wir armes (weiber-)geschlecht! wie leicht sind wir zu hintergehen! Lessing 1, 359;
es ist sehr billig, dasz die frauen dir
aufs freundlichste begegnen; es verherrlicht
dein lied auf manche weise das geschlecht.
Göthe 9, 146 (Tasso 2, 1);
ein allgemeiner schrei entfuhr dem weiblichen geschlechte (den anwesenden frauen und mädchen). 19, 38.
c)
das männliche geschlecht wird als das starke bezeichnet: ein schwaches weiberherz zu zerfleischen, o es ist des starken geschlechtes so würdig! Schiller III, 87 (Fiesko 3, 3).
d)
das weibliche
α)
als das schwache geschlecht: in der selben zeit (der ersten nachtzeit) werdent die frawen swanger des kränkern (schwächeren) geslähtes, daʒ sint dirnkindel. Megenberg 183, 10; das schwächere geschlecht. Adelung;
wer mit herrn Wieland, dem gerechten,
des glaubens lebt, dasz von den zwei geschlechten
das weibliche das schwächste sei.
Kl. Schmidt poet. briefe 103;
das schwache geschlecht, so wie es gewöhnlich genannt wird,
zeigte sich tapfer und mächtig.
Göthe 40, 291;
Elisabeth. das weib ist nicht schwach. es giebt starke seelen
in dem geschlecht — ich will in meinem beisein
nichts von der schwäche des geschlechtes hören.
Schiller XII, 457 (Maria Stuart 2, 3);
ähnlich das wehrlose geschlecht. VIII, 174.
β)
das schöne, reizende, liebe, zarte, zärtliche, sanftere geschlecht: das schöne geschlecht, das frauenzimmer, le beau sexe Rädlein 365ᵃ; ein geschlecht, das man nach dem kleinsten theile das schöne nennt, ungefähr wie man unsers (das männliche) könnte das weise oder das beherzte nennen. Kästner (1841) 4, 13; das sogenannte schöne geschlecht. E. v. Kleist 2, 213; sie erbaten sich seidene tücher und bänder von dem schönen geschlecht. Göthe 17, 155; dieses geschlecht, das, wenn es auch nicht durch schönheit herrschte, schon allein deswegen das schöne geschlecht heiszen müszte, weil es durch schönheit (schönheitssinn) beherrscht wird. Schiller X, 402;
was an dem reizenden geschlecht entzückt.
XII, 447 (Maria Stuart 2, 2);
dieses liebe geschlechte mit artigen und schertzhafften discoursen unterhalten. Barth galante ethica 286;
die sittlichkeit umgibt mit einer mauer
das zarte leicht verletzliche geschlecht.
Göthe 9, 143 (Tasso 2, 1);
(die lust,) die das zärtliche geschlechte
für ihr höchstes guth erkennt.
Günther 240;
o bei der milde deines zärtlichen geschlechts
fleh ich dich an.
Schiller XIII, 241 (jungfr. v. Orl. 2, 7);
(so wirst du) wiederkehren zu dem sanfteren
geschlecht, das du verläugnet hast, das nicht
berufen ist zum blutgen werk der waffen.
267 (3, 4), vgl. 287.
e)
das andere geschlecht, im munde eines mannes vom weiblichen geschlecht gesagt: ein künstler, er sei von meinem oder dem andern geschlecht. Lessing 7, 113; das andere geschlecht hatte mir bis jezt nur verachtung bewiesen. Schiller IV, 79; und umgekehrt: Hipparchia. ich halte die bescheidenheit für eine tugend, die dem andern geschlechte nicht weniger geziemt als dem unsrigen. Wieland 28, 190 Gruber; aus vorliebe für das andere geschlecht nahm es donna Ughella eben nicht so genau mit der körperform. Musäus volksm. (1826) 4, 134.
f)
das geschlecht schlechthin zur bezeichnung des weiblichen geschlechts, wie franz. le sexe: (der lektor tadelte Karls) leichtsinn gegen das geschlecht. J. Paul Titan 2, 204.
g)
darnach bei thieren und pflanzen: das männliche und weibliche geschlecht der thiere; die eintheilung der pflanzen nach ihrem männlichen und weiblichen geschlecht .. ist alt genug, spuren davon findet man bei Theophrast u. s. w. Nemnich 2, 1292.
h)
grammatisch, das geschlecht der wörter, eine übersetzung des lat. genus seit dem 17. jahrh.: das männliche, das weibliche, das unbenahmte (neutrale) geschlecht. Schottel 262, von dem geschlechte der beistendigen (genere adjectivorum). derselbe in Krauses erzschrein 250 (von 1640); in der sprachlehre hat man sächliches geschlecht genannt, was weder männliches noch weibliches geschlecht ist (genus neutrum). Campe, das sachgeschlecht Klopstock gramm. gespr. 152, wörter ungewissen geschlechts oder geschlechtlos Adelung.
5)
die angeborene beschaffenheit, natürliche eigenschaft, art, vgl. das adj. geschlacht und die verba geschlachten, geschlechten und schlachten, arten: von dem lewen zellent diu buͦch, wie er habe driu geslahte (gewohnheiten). Diutiska 3, 22 (12. jahrh.); einhurno, von deme zellit physiologus, daʒ iʒ suslich geslahte (natur) habe. 24; unt ist dizze sîn (des wasserthiers vdris) gewonelich geslahte (im kampfe mit dem nikhus). 25;
si lebent von einem steine (dem gral):
des geslähte ist vil reine.
Parz. 469, 4;
als auch etliche poeten bei euch gesagt haben, wir sind seines (gottes) geschlechts. ap. gesch. 17, 28 (var. seiner art); so wir denn göttlichs geschlechts sind. 29 (var. göttlicher art); fortpflanzung und ende, alles hat er (der mensch) mit den thieren gemein; wie wollte er sein geschlecht verkennen? Herder z. theol. 6, zusätze 25.
6)
anknüpfend an 3, f und g, gattung, art überhaupt.
a)
von thieren: ain wildeu gaiʒ, diu ist gar ain grimmigʒ tierl under seinem gesläht, aber gegen andern tiern ist eʒ vorhtig und sänftig. Megenberg 128, 32; der vogel (graculus) ist krâen geslähtes. 199, 27; phoenix soll ein einiger vogel seines geschlechtes sein in der gantzen welt. G. Rollenhagen wahrhafte lügen (1717) 453; von dem geschlecht der habich, die man astures nennet. Tappius waidwerk (1542) H 2ᵇ; das besagte gebürge sasz und flog voller vögel von unterschiedlichen geschlechten. Simplic. 2, 223, 32 Kurz;
viele geschlechte von landdurchziehenden vögeln.
Bürger 200ᵇ;
das geschlecht der fische. Aristoteles probl. (1585) 48ᵇ; etliche geschlecht der meerthunnen. Forer fischb. 58ᵃ; der stockfisch seindt zweierlei geschlecht. Henisch 1114, 65; on disen könig können sie (bienen) jr geschlecht nit fort pringen. Fischart bienenk. (1581) 239ᵃ; in Affrica gibt es mancherlei geschlechte der thieren. Heyden Plinius 114; warumb haben die weiblin in allen geschlechten, auszgenommen die kühe, reiner und subtiler stimmen, dann die männer? Aristoteles probl. (1585) 34ᵃ; über der erde und unter dem himmel wimmeln die geschlechter der mannichfaltigen geschöpfe. Göthe 16, 74.
b)
von pflanzen: mhd. diu krûtgeslaht, pflanzenarten. Mai u. Beafl. 207, 6; das kraut oxiacantha, welchs ein wild oder rund geschlecht der beislen oder erbsalen (berberis) ist. Thurneisser von wassern 126; des krauts (mauerpfeffer) findt man vier geschlecht. Bock kräuterb. 143ᵃ; des Sophienkrauts haben wir im Wormser gaw zwei geschlecht. Tabernaem. 25; aus dem zahlreichen geschlechte der zaserblumen. Matthisson 4, 136;
das kraut pflanzt sein geschlecht wie seit der schöpfung fort.
Uz 2, 106.
c)
von allerhand gegenständen und abstractionen: die vier geschlecht der feldtgeschütz. Fronsperger kriegsb. 2, 31ᵃ; es haben etliche das grosz geschütz in geschlecht auszgetheilet. 1, 69ᵃ u. ö.; auch gold und silber und ander mancherlei geschlecht ertz ward graben. S. Frank weltb. 176ᵃ;
was dünckt euch ...
von solcher (holz-)schuhen geschlechte.
Ambraser liederb. 137, 21;
der birnen süsz geschlecht.
Haller ged. (1777) 37;
geschlechter von sachen. Kant 8, 21; eine eigenschaft, die das geschlecht der kometen von dem der planeten unterscheidet. 285; die verschiedenen geschlechter der krummen linien. 6, 49; es seind nicht zugleich alle geschlechte der zauberei aufgestanden, sondern erstlich nur das weissagen. Widmann Faust 19; der schurbauch ist eines sonderlichen geschlechts (unter den milzkrankheiten). Weyer arzneibuch (1583) 3ᵃ; von dem geschlecht der himlischen influentz in offnen schäden. Paracelsus wundarzn. 216; der mathematische körper ist ein ding von einem andern geschlechte, als der natürliche. Kant 8, 158; da man sie (die lebendige kraft) mit der bedingung der todten kraft unter einerlei geschlecht setzen kann und sie sich von ihr nur durch die grösze unterscheidet. 106.
d)
in der neueren naturwissenschaft geschlecht, übereinstimmende gruppe von thieren, pflanzen u. s. w.: da wo das ganze sich in familien, familien sich in geschlechter, geschlechter in sippen, und diese wieder in andere mannichfaltigkeiten bis zur individualität scheiden. Göthe 58, 167.
e)
in der mathematik, eine krumme linie von dem ersten, anderen, dritten u. s. w. geschlechte, curva primi, secundi, tertii generis, von Descartes eingeführt Wolff math. lex. (1716) 471.
f)
musikalisch, ebenfalls als übersetzung des lat. genus, das diatonische, chromatische, enharmonische geschlecht: die semitonia des geschlechts cromaticum genant (vorher das cromaticum genus). Seb. Virdung musica getutscht (1511) E 4ᵃ; 'was ist dann das dritt geschlecht?' das heiszet enarmonicum. 4ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3903, Z. 60.

geschlecht, adj.

geschlecht, adj.
verstärktes schlecht (s. d.).
1)
gerade:
wer mir nur der ein fusz geslecht! (wieder gerade, sagt Petrus, der als hinkend gedacht ist).
Pichler drama d. mittelalt. in Tirol 167;
bair. grêd und gschlêd, gerade und gesunde glieder besitzend, adv. schnurgschlêd, schnurgerade Schm.; seinen weg gschlecht fort gehen. Höfer 1, 334. Loritza 49ᵇ; ebenso das adv. geslehtichleichen, in gerader linie: (die grenze) get gegen dem osterwint geslehtichleichen unz an den weg, der von alten dingen haiʒʒet der Polansteich. fontes rer. austr. II, 3, 35 (14. jahrh.).
2)
eben, glatt: Jakob ist gesleht und Esau rauh. Rudolf v. Ems weltchr. 55ᵃ bei Lexer 1, 917; die geradesten und geschlechtesten reiher. Neuburger forstordn. von 1690 p. IV bei Schm.² 2, 503.
3)
schlicht, aufrichtig:
(die fürsten wählten) den von Österich,
herzogen Albrehten
(den) getrewen und geslehten.
Hirzelin in Graffs Diutiska 3, 316 (14. jh.).
4)
schlicht, nicht vornehm: geschlechte, rittermäszige leut. Schm.² 2, 503; die geschlechten leut, gemeine leute, der gemeine mann. 501.
5)
arm, niedrigen standes: a gschlechta mensch Schöpf 619.
6)
nichts wert, schlecht, vilis Schöpf a. a. o.:
und mier, mier sollten gschlechter sein
als unsre braven alten?
Tirolerlied von 1796 bei Schm.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3912, Z. 1.

geschlechter, m.

geschlechter, m.
1)
geschlechtsgenosse: geschlechter, von einem hausz und geschlecht, völcker (leute) eines geschlechts, gentilis, qui est ejusdem cognationis et nominis Henisch 1540; nur im scherz nennt er (M. Tullius Cicero) Servius Tullius seinen geschlechter. Niebuhr 1, 349.
2)
ehemals in den oberdeutschen reichsstädten ein angehöriger eines ratsfähigen geschlechts (II, 1, c), patricier, auch stadt- oder rahtsgeschlechter Stieler 1803: (die armen in Nürnberg würden) die seniores mit den burgermaistern, geschlechtern und gefreunden (s. d.) tot schlagen. Wilw. v. Schaumburg 107; alles regiment unserer stat und gemainen nutzes steet in handen der so man geschlechter nennet, das sein nun soliche leut, dero anen und uranen vor langer zeit her auch im regiment gewest und uber uns geherscht haben. städtechron. 10, 791, 22 (Nürnberg, von 1516);
die jungen geschlechter
und jungen bürger.
H. Sachs 2, 4, 119ᶜ;
in S. Laurentii kürch (zu Nürnberg) sicht man nichts als wapen der darin begrabnen geschlechter hin und her an den säulen und wänden auffgehenkt. Möhner reise 113 Brunner; ehrengedächtnisz des hochbenamten hrn. Joh. v. Sprekelsen, beider kirchen St. Catharinen wolverdienten geschwohrnen und vornehmen geschlechters. Rist Parn. C 1ᵇ; der fürnehmste geschlechter, princeps gentilitatis Stieler 1803; niemand kömmt in den himmel als ein edelmann, als ein geschlechter, sondern als ein gotteskind. Scriver Gotthold 819; nun wissen sie was verschiedene patriotische gelehrte von diesem nürnbergischen geschlechter (Martin Beheim) behaupten wollen, dasz nehmlich er der wahre entdecker der neuen welt zu nennen sei. Lessing 6, 153.
3)
darnach übertragen auf die patricier im alten Rom:
wer ein burger odr gschlechter wer.
J. Ayrer com. v. röm. hist. 72ᵃ;
um ein schönes mädchen warben ein plebejer, ihr standesgenosz, und ein geschlechter. Niebuhr 2, 507. 601.
4)
patricius als würde: das er (Clodoveus) des keisers freundt und ein römischer geschlechter sein solte. Flacius Illyr. von ankunft d. röm. keiserth. 35.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3912, Z. 40.

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Zitationshilfe
„geschlechter“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschlechter>, abgerufen am 30.11.2021.

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