Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geschmacksurtheil, n.

geschmacksurtheil, n.
urtheil in sachen des guten geschmacks: das geschmacksurtheil ist kein erkenntniszurtheil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch. Kant 7, 43; des Thomasius geschmackurtheil, dasz wer nicht einen narren am Homer und Virgil gefressen habe, finden müsse, dasz Hofmannswaldau und Lohenstein zehnmal klüger sei. Hugos civil. literärgesch. (1830) 484.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3935, Z. 41.

urtheil2, n., f.

²urtheil, n., f.,

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judicium, zu ahd. irteilan, mhd. erteilen, nhd. ertheilen, wie urkunde zu erkennen, urlaub zu erlauben, ursprung zu erspringen, urstände zu erstehen u. s. w. (ur- A 1); eigentlich 'das ertheilte', dann von anfang an auf spruch und thätigkeit des richters und der urtheiler (rechtsalterth. 2⁴, 380 ff.) eingeschränkt. das ahd. v. irteilan hat schon die bedeutung judicare (Graff 5, 411) erreicht, indem aus ältern verbindungen wie dômos âdêlian (Heliand 3317; 5257) das object fiel (Paul-Braunes beiträge 43, 366). vgl. ubartailan, -teilida, -teilari judicare, judicium, judex Graff 5, 410 f. im ahd. steht das n. urteili neben dem f. urteilî, urteila (Graff 5, 415; vgl. urteilida; Paul-Braunes beitr. 39, 74); ebenso ist im mhd. urteil, -teile st. n. und f., das f. ist noch frühnhd. häufig und hat sich lange in der rechtsspr. erhalten. Leibniz (d. schr. 1, 484f.) versuchte am ende des 17. jhs. darüber klarheit zu schaffen: sonst sind wohl einige zweifel bey uns vorhanden, darüber ganze länder von einander unterschieden und canzeleyen selbst gegen canzeleyen streiten, als zum exempel, was für geschlechts das wort urtheil sey. im reiche beym reichshofrath, beym reichscammergerichte und sonst ist u. weiblichen geschlechts und saget man die u.; hingegen in denen obersächsischen gerichten spricht man das u.; die u. hat nicht allein die höchsten gerichte, sondern auch die gröszte zahl vor sich. das u. aber beruft sich auf den sprachgrund oder analogie. dann weil theil nicht weiblichen geschlechtes und ehe gesagt wird das theil als die theil (in singulari), so sollte man meynen, es müszte auch ehe das u. als die u. heiszen. doch der gebrauch ist meister unvorgreifliche gedanken 108; 109. 'durch Wolff, der das wort stets als n. gebraucht, scheint die neutrale form endgültig durchgedrungen zu sein' Piur studien zur sprachlichen würdigung Chr. Wolffs 64, anm. 2. im 18. und 19. jh. kommt das f. noch vereinzelt vor, z. b. bei Angelika Kaufmann in den briefen von und an Klopstock 234 L.; Sanders 2, 1308ᵃ; dann bleibt das n. unbestritten. das wichtigste alte concurrenzwort ist das gleichbedeutende dôm, g. dôms, an. dômr, as., afries., ags. dôm, engl. doom 'urtheil, untergang' (vgl. mhd. tuom rechtsalterth. 2⁴, 356; 397; L. Günther recht und sprache 124 f.); während die nord. sprachen dieses bewahrt haben, dringt vom oberd. süden urtheil vor. grenze und zeit ergeben sich aus der thatsache, dasz urdêli je einmal im Heliand und in den niederfränkischen psalmen vorkommt (Paul-Braune beitr. 43, 366; Frings Germania romana 30; 221). im mnd., mnl., fries. bestehen beide wörter neben einander. das aus dem festländischen westgermanischen entlehnte ags. ordâl ist über afranz. ordalie, mlat. ordalium als ordalie ins nnord. übernommen (Falk-Torp 800; vgl. ordal th. 7, 1316). wenn einmal theil für urtheil vorkommt (rechtsalterth. 2⁴, 356), liegt mechanische kürzung, nicht theil als grundwort zu u. vor; vgl. theilen = urtheilen th. 11, 358, 6; rechtsalterth. 2⁴, 381. die dreisilbige mhd. form die urteile (nom. sing.) findet sich noch bei Arigo decam. 204, 5 K. die nd. und md. form des präfixes (or) erscheint bisweilen auch in der ältern schriftsprache. im gegensatz zu ¹urtheil verkürzt ²urtheil sein präfix (ur- A 2; Paul d. gramm. 1, 163; die schreibung uhr-, eine schrulle des 17. jhs., kann nicht dagegen sprechen; Schottel haubtspr. 255) und entwerthet und unterdrückt den vocal der stammsilbe; vgl. drittel, viertel. urtel schon mhd. (Lexer 2, 2014), mundartlich verbreitet (z. b. Fischer 6, 308; Kuen oberschwäb. wb. 51; Schmitz Eifel 1, 232ᵇ; Gangler luxemb. 461; Hasenclever Wermelskirchen 97); das irrationale e erscheint auch als a (Fischer 6, 308; Österreicher Columella 1, 176; weisth. 1, 26; Christa Trier 209ᵃ); urthel ist noch im 18. und 19. jh. häufig, z. b. Lessing 1, 283 M.; 5, 57 M.; Lichtenberg briefe (1901f.) 1, 50; erklärung der hogarthischen kupferstiche 2, 175; Hippel lebensläufe 2, 70; Bürger 36ᵃ Bohtz; Jean Paul 7/10, 552 H.; Eichhorn staats- u. rechtsgesch. 2³, 459; 460; sehr oft bei Ranke s. w. 1, 38 f.; 1, 62; 1, 129; 1, 225; 3, 138; 31/32, 69 u. s. w.; Storm 4, 158. urtl Lexer 2, 2014; Fischer 6, 308; H. Sachs 10, 36, 5 K.; Aventin 1, 175, 2 L.; Schmeller mundarten Bayerns (1821) 40, 156; Hügel Wien 177. plur.: die menschliche urtheil Grimmelshausen vogelnest 2, 412, 30 Keller; unterschiedene urthel Chr. Thomasius gedanken u. erinnerungen (1720f.) 2, 4; die fürchterlichsten urthel Lessing 1, 283 M.; Bahrdt leben 2, 116; Alexis Roland 1, 84. ein schw. plur. urteiln weisth. 1, 26; drei urteln mecklenburg. landesgrundgesetzlicher erbvergleich (1755) 384. sonst regelmäszig die urtheile.
A.
rechtssprachlich, rechtsalterth. 2⁴, 500 ff. s. das rechtswb. die glossierungen (sententia, judicium; censura, cognitio, conditio, decretum, defensio, dijudicatio, divinatio, examen Graff 5, 414 ff.; Diefenbach gl. 112ᵇ; 168ᶜ; 214ᶜ; 527ᵇ) sind wohl alle im rechtssprachlichen sinne zu verstehen. syn. erkentnis oder u. Hayneccius Hans Pfriem 1098 ndr.; rede und u. b. der liebe (1587) 131ᵈ; u. und vertrag Fischart flöhatz 27 ndr.; spruch und u. Petri 1, a 3ᵇ; die stimmen oder urteil sol man wegen, nit zehlen 2, r 3ᵇ. u., abschied, bescheid, erkenntnis, spruch Weigand syn. 3, 916. vgl.u. und recht unten I 1. im mhd. meiden Hartmann und das volksepos das wort u. (Lexer 2, 2014).
I.
eigentlich.
1)
wahrspruch, richterliche entscheidung, im strafprocesz wie in civilsachen: dô gebôt der richter mit siner urtail, daʒ man in ir höupter ab schlüege älteste jahrb. der st. Zürich 48; der do derschlecht, der wirt schuldig zuͦ dem urteil (reus erit judicio) erste d. bibel 1, 19, 48 K.; das erkennt der richter mit urteil A. v. Eyb d. schr. 1, 8, 31; recht und nicht gunst sol in allen urtheilen vorgehen Fr. Wilhelm sprichw.-reg. d d β 72; dasz in den stedten magdeburgisch recht in allen urteln zu ewigen tagen sol gehalten werden Schütz hist. rer. prussic. 1, d 4ᵇ;
stürb er ohn urtheil hin, wer würd ihn nicht beklagen!
A. Gryphius trauersp. 25 P.;
will einer die güldne praxin exerciren, so musz er canzeleyacta, urtheile, bescheide und solche sachen fleiszig durchgehen v. Fleming soldat (1726) 20; Möser 1, 400 s. unter orlog; das ist ein gezerre, ihr glaubts nicht, bis man den perrücken ein u. vom herzen reiszt Göthe 8, 77 W. u. und recht, recht und u. (s. recht III 2 c), regelrechtes richterliches verfahren und darauf beruhende entscheidung: worden sie aber uns mit ordnung des rechten abgesprochen, wo denn mit urtel und mit rechte unser manne verweist werden, dahin zollen und mogen sie sich zu erbschaft und hirschaft eintrechtiglich nach laute des urtels dahin halden (1449) lehnsurk. Schlesiens 1, 402; und on sonder langer bedenken gab er u. und recht, man solt sy beyd auf reder setzen Fortunatus (1509) 152 ndr.; uber den toten körper (Zwinglis) lieszen die funf ort u. und recht gaun, lieszen den körper fuertailen und darnach verbrennen quellen z. gesch. des bauernkriegs 1, 183 Baumann;
dasz man dich henk nach diser zeit,
wie solichs recht und urtheyl geit
H. Sachs 17, 102, 25 K.-G.;
liesz auch manchen ehrlichen mann richten ganz unschuldigklich ohn alles urthel auch recht Schumann nachtb. 332 B.; b. d. liebe (1587) 132ᵃ; wie der könig B. den richtern in die hände gibt, sie zu tödten, aber die richter auf denselben tag ir kein u. noch recht darzu geben wolten 131ᵈ; dort sollten sie sich entweder gütlich mit dem kaiserlichen fiscus abfinden oder urthel und recht erwarten acta publ. 6, 262 Palm; der kleine umstand, dasz wir nicht zünftig waren, ... brachte uns auf den festungsbau, laut u. und recht auf lebenszeit Musäus volksmärchen 1, 65 H.; ich ... sasz ein jahr lang auf der festung, ohne verhör, ohne u. und recht Kotzebue 2, 73; Schubarts gefangenschaft ist ein beispiel von cabinetsjustiz, wenn man anders von justiz sprechen kann, wo selbst die form von u. und recht fehlt D. Fr. Strausz Schubarts leben in s. briefen 1, xvi.
a)
veraltetes. in der älteren germanischen gerichtsverfassung war der richter blosz der fragesteller, der vorsitzende, 'das u. war die antwort der schöffen auf die ihnen vom richter gestellte frage' rechtsalterth. 1⁴, 500. die mit der feststellung des urtheils betrauten personen waren die urtheilsfinder, -weiser. von dem einzelnen dinggenossen oder einem ausschusz, den rachimburgen, wurde ein urtheilsvorschlag gemacht, der die zustimmung (vulbort, volge) der dingleute finden muszte.
α)
attribute: gemeines, besamnetes Lexer mhd. wb. 2, 2014, unerfolgtes rechtsalterth. 2⁴, 501, volles u. 502; Lexer a. a. o.; Fischer 6, 308; weisth. 6, 16.
β)
verbale verbindungen: ein u. tuon Graff 5, 415, nemen, machen, vrâgen, vinden, ervinden, eine sache ze oder in u. setzen (vgl. recht III gegen ende), das u. geschieht Lexer 2, 2014, ein u. tihten mhd. wb. 3, 23ᵃ, weisen rechtsalterth. 2⁴, 503, 381, schelten, strafen, dingen (appellieren) 502f.; weisth. 6, 118; die u. ziehen in 'zum zweck der appellation vor ein anderes gericht bringen' weist. 1, 31; die u. wird stöszig 'man nimmt es nicht an' 1, 31f. aber frühnhd. und noch später in historischer oder alterthümelnder sprache wirken diese und ähnliche verbindungen nach. z. b.:
setz auch recht di urtail dein
fastnachtsp. 1, 785, 31 Keller;
die urtail suchen 772, 22 K.; die urteyle gefallen ist Arigo decam. 204, 5 K.; das u. pflegen, ein u. besitzen Murner narrenbeschw. 21, 42 ndr., 84, 64 ndr.; wie die urtail gangen was Fortunatus (1509) 152 ndr.; urtl thuen Sterzinger spiele 5, 288; ain recht urtl tichten 8, 211; 501; du schlechst ein u. uber und widder dich selbs (u. slahen rechtsalterth. 2, 381) Luther 17, 1, 434 W.; das u. tragen (wie mnl.), schlieszen 29, 342 W.; 484 W.; 12, 351 W.; th. 9, 702f.; u. erkennen Hutten 1, 415 B.; offnen Carolina 94, öffnen Hohberg georg. 3, 91ᵇ; einem das u. zusprechen Knebel chron. v. Kaisheim 211 lit. ver.; in das u. des lesterers fallen Luther 10, 2, 113 W.; dem lesterer ins u. fallen 1. Tim. 3, 6; in das u. des todes fallen S. Franck weltb. 10ᵇ; ein u. holen bei jemand H. Sachs 6, 122 K.; einem u. heimstellen schwänke 202, 34; zer urteil setzen Schilling Berner chron. 67; das u. stellen griech. dramen 2, 128 Dähnhardt; u. hegen A. Gryphius trauersp. 125 P.; J. Chr. Günther (1735) 28; ein rechtes u. urtheilen J. W. Petersen warheit des reiches Jesu Christi (1693) 1, 20; ein u. anstellen Hohberg georg. 3, 9ᵇ; wer die meiste folge hat (rechtsalterth. 2⁴, 501f.), behält das u. Graf-Dietherr rechtssprichw. 415²; ein u. schöpfen (th. 9, 1540) Abele gerichtshändel 314, finden Graf-Dietherr rechtssprichw. 410²; Eichhorn staats- u. rechtsgesch. 1³, 387; sagt euer u., grafen Grabbe 1, 96 Bl.;
graf, das urtheil musz ich schelten!
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 136;
vgl. th. 8, 2529; ein u. wird rechtskräftig, wenn es durch appellation nicht gestraft (th. 10, 3, 718) ... worden Krünitz 202, 413.
γ)
viel veraltetes ist in zusammensetzungen mitgeführt. z. b.
urtheilbank urtheilsbank f.:
sie werden nicht mehr für die urtheilbänke gefüret und zum tode verurtheilet werden V. Herberger herzpostilla (1613) 2, 531; richterstuel, urteltisch oder urtelbank 1, 862; Opitz Hugo Grotius 346; der urtheilsbank des richters opera (1690) 3, 320; vgl. gerichtsbank. —
urtheilbrief urtheilsbrief m.,
ausgefertigtes u., abschrift desselben. mhd. urteilbrief Lexer 2, 2015; Staub-Tobler 5, 489; Fischer 6, 309; vgl. gerichtsbrief: Zingerle inventare 63; urteil- und bestettungbrief Windecke denkwürdigkeiten 214 A.; von ainem urtlbrief sechzig pfennig landpot in Ober- und Niederbaiern (1516) 21ᵃ; iren urteilbrief und spruchbrief H. Fründ chronik 11; gerichts- und urtheilbrief (1564) rotweilsche hofgerichtsordnung 1ᵇ; für einen urtheilsbrief ... zwelf schilling neue Rostocker gerichtsordnung (1586) 15; das erfolgte urtheil mit kurzer erzählung des verlaufs der sache und der vorgebrachten hauptgründe beider theile wurde sonst nur in wichtigen sachen den partheien in einem von dem richter ausgefertigten urtheilsbriefe mitgetheilt Eichhorn staats- u. rechtsgesch. 3³, 449. urtheilbriefisch: nach urteilbriefeschem styl Riederer rhetoric (1493) a 5ᵇ. —
urtheilbuch n.;
mhd. urteilbuoch Lexer 2015, mnl. ordeelboec; vgl. gerichtsbuch, spruchbuch: und aber sich viel und mancherley sachen für meinem stab und gericht ... vermög desz gerichts- und urthelbuchs zugetragen Fronsperger kriegsb. 1, a 3ᵇ; er ... befahl dem D. das urtheil also in das u. einzuschreiben Ayrer processus juris (1600) 382; schweizerisch protokoll für gerichtliche urtheile und ratschlagb. (s. rathschlag 5) Staub-Tobler 4, 995; R. Schröder rechtsgesch. (1894) 634; 535. —
urtheilfall m.,
vgl. gerichtsfall 1:
unuberwunden alles
gerichtz- und urteilvalles
M. Behaim reimchronik 199.
urtheilfasser m.:
disz ist das urteil, wie es gefelt,
von urteilsfassern ist gestelt
Hayneccius Hans Pfriem 1557 ndr.;
so sol auch unser secretarius, was er also für die abhörung der zeugen empfahet, zu ende der rotul schreiben, damit unsere urtheilfassere sich danach in taxandis expensis zu achten haben mügen neue Rostocker gerichtsordnung (1586) 17; Micrälius Pommerland 3, 390; H. Müller thränen- und trostquelle (1675) 658; gerichte, bei denen geitz der urtheilfasser und gewinnrichter ist Butschky (1679) rosenthal 1180; ein goldverliebter u. Er. Francisci letzte rechenschaft (1681) 205; Span speculum juris metallici (1698) 405; Chr. Thomasius ernsthafte gedanken u. erinn. 1, 51; 2, 93; J. P. Weise ungezwungene heimleuchtung (1747) 88; hier hat sich der u. des erkenntnisses ... übereilt Fr. L. Jahn 2, 199 E.
urtheilfassung f.
stadtrechte von Gotha u. Waltershausen 296. —
urtheilsfinden n.,
substantivierter inf.: fähig zum u. Möser 1, 416. —
urtheilsfinder m.,
mnl. ordeelvinder: der ... eid erfordert von den urtheilsfindern, dasz sie nach ihrem besten verständnisse sprechen solten Möser 1, 417; Eichhorn staats- u. rechtsgesch. 1³, 221; Benzler deichbau (1792) 2, 146; hier jedoch sowohl wie dort waren die gerichtsvorsitzenden während des mittelalters nicht auch zugleich die urteilsfinder Schwappach forst- u. jagdgesch. 1, 237; v. Alten hdb. f. heer u. flotte 3, 153. —
urtheilfindung n.
rechtsalterth. 2⁴, 397. —
urtheilsfrage f.,
requisitio sententiae Haym 1291. dafür auch einfach urteil R. Schröder rechtsgesch. 728²: urkb. d. st. Freiberg i. S. 2, 355;
sie (d. zwietracht) trug ein grosz gebind von allerley hand
citationes auch mit vielen urtheilsfragen klagen,
D. v. d. Werder rasender Roland 85;
Chr. Weise erznarren 216 ndr.; 6 gr. vor aine urtelsfrage Schönberg berginformation 1, 11; und wurde über dieses noch selben tag ... eine urthelsfrage an den bisherigen schöppenstuhl geschickt und gefragt, was mit G. zu thun sey Chr. Thomasius gedanken u. erinn. 2, 51. —
urtheilsgeld n.,
honorarium pro sententiae conceptione Haym 1291; mhd. urteilgelt Lexer 2, 1205; mnl. ordeelgelt; bescheidgeld oder u. Schottel haubtspr. 506; Staub-Tobler 2, 271; Fischer 6, 310. vgl. sprechgeld: urtheilgelt oder gedächtnuszgelt, das man pfleget von einem urtheil, das gesprochen wirdt, zu geben Sturba beheimische landordnung 397; Schönberg berginformation 1, 237; das urtelgeld im landrechten vor ein haupturtheil soll sein 7 groschen J. A. v. Friedenberg abhandlung von denen in Schlesien üblichen rechten (1738) 1, cap. 15, 41. —
urtheilshaus n.;
vgl. gerichtshaus: das schau- und urthelshaus Neumark lustwald (1657) 2, 237; urtheilhausz Stockmann schriftlust (1668) 45. —
urtheilheischung f.
S. v. Birken Pegnitzschäferey (1645) 29. vgl. gerichtsheischung. —
urtheilsherr m.,
urtheiler, richter Grunau preusz. chron. 2, 603. censor A. U. v. Braunschweig Octavia 2, 374. vgl. gerichtsherr. —
urtheilkehrer m.,
rechtsverdreher Kirchhof wendunmuth 1, 16 Ö.
urtheilsmacherei f.
Chr. Thomasius gedanken u. erinn. 3, 367. —
urtheilmeister m.
G. Lauterbach 39ᵃ. —
urtheilsqual f.,
widerrechtlicher und unbescheidener tadel des richterlichen urtheils (Rigaer statuten) Liebeskind rückerinnerungen (1795) 316. —
urtheilschelte urtheilsschelte f.
R. Schröder rechtsgesch. 358² f.
urtheilschelten v.:
dem urtheilscheltenden Sachsen rechtsalterth. 2⁴, 502. —
urtheilschelten n.,
substantivierter inf., rechtsalterth. 2⁴, 503. —
urtheilsschilling m.
Staub-Tobler 8, 595. —
urtheilschlusz m.
Harsdörfer Heraclitus u. Democritus 36. —
urtheilsschöpfer m.:
schöffer, das ist ordner oder auch urtheilsschöpfer oder eidsmänner Graf-Dietherr rechtssprichw. 416². —
urtheilsschöpfung f.:
Anzengruber 9, 87; v. Alten hdb. f. heer u. flotte 4, 159. —
urtheilschreiber m.
H. Abermann histor. beschreibung (1619) 2, 89. —
urtheilspreche m.;
zur bildung vgl. mhd. arc-, balt-, kât-, vor-, vürspreche: ein jeder schepf oder urteilsprech Carolina 4; ich setz auch hierinn zuͦ urtheilsprechen alle edelen frawen und junkfrawen, so an meinem hoff seind Wickram 1, 52, 4 B.
urtheilsprecher m.;
mhd. urteilsprecher; Fischer 6, 310; noch im 18. jh. erwähnt; sie erschienen im mantel, das schwert an der seite. judex, richter, schultheisz, u., urtheiler Schöpper syn. g 1ᵃ; judex Dasypodius 450ᵃ; Dentzler (1716) 339ᵇ. vgl. rechtsprecher: die zwey letsten stuck treffent die urteilsprecher Riederer rhetoric (1493) c 5ᵇ; er sol kein u. gelt nemen, dasz er urteil oder nit urteil Keisersberg narrenschiff 17ᵈ; die richter und u. 19ᵇ; item soll ein jeder schöpf oder u. des peinlichen gerichts dem richter des selben globen und schweren, wie hiernach volgt Carolina 4; der schultheisz mitsampt seinen zugeordneten recht- und urtheilsprechern Fronsperger kriegsb. 1, a 5ᵇ; Lehman florileg. 2, 654; das sitzen geziemet allein dem u. Abele gerichtshändel 246; Basedow unterricht in der bibl. religion (1764) 209;
man hat exempel, dasz die herren urtheilssprecher
bisweilen schlechter sind als mancher arme schächer
Kotzebue 37, 278.
übertragen: er ... stellet sich selbst und den menschen für sein eigen hertz und gewissen als einen richter und u. Dannhauer catechismusmilch 1, 282; Bodmer Noah 2, 499; Denis lieder Sineds 37; ehrwürdige u. und selbsturtheiler J. H. Voss antisymb. 1, 395;
und er wird ein weiser richter
heiszen bei dem urtheilsprecher
Rückert 7, 114.
urtheilstab urtheilsstab m.;
rechtsalterth. 1⁴, 187 ff.; stab II 8 g θ, i; vgl. gerichtsstab: vom jüngsten gerichte:
da sollt ihr, sag ich euch, mit mir
den urthelstab zerbrechen
und den geschlechtern Israels
das recht auf stühlen sprechen
J. Chr. Günther (1735) 49;
die zeiten sind verstoben ...,
da man den urthelstab nach den gesetzen masz
G. B. Hanke ged. (1731) 1, 412.
vielfach übertragen: da ... die critik auch meistern der poesie den urtheilsstab gebrochen L. W. v. Langmann ged. (1735) x 5ᵃ;
brich du der menschen urtheilsstab!
und nimm mich freudig in mein grab!
Fr. v. d. Trenck ged. u. schr. 2, 75;
die liebe bindet ihm (Christus) die hand ...,
sie läszt den urtheilsstab nicht brechen
Pietsch geb. schr. (1740) 321;
Schmolcke trost- und geistr. schr. (1740 ff.) 2, 450;
so wird der alten treu der urthelstab gebrochen
B. Neukirch ged. (1744) 133;
kaum geht Philander aus, kaum wird Dorinde krank,
so sitzt dein kühnes heer schon auf der richterbank,
und bricht den urthelsstab und sucht mit bunten lügen
die unschuld durchzuziehn, den vorwitz zu vergnügen
E. L. Semper ged. (1761) 51;
Kretschmann s. w. 3, 140; Ayrenhoff 2, 36. —
urtheilstein m.,
calculus, c. damnationis niger schwartzstein, u. zum tode. c. absolutionis albus u. zum leben Frischlin nomencl. (1591) 395; ballote Hulsius-Ravellus (1616) 393ᵃ; Wiederhold (1669) 403ᵇ; Rädlein (1711) 1022ᵃ; Campe. vgl. rechtsalterth. 2⁴, 604. —
urtheilsstrafe f.,
nach richterlicher entscheidung zu zahlende strafe weisth. 6, 94. —
urtheilstrafung f.
= urtheilsschelte; appellatio, berufung Zobel sächs. lehenrecht (1589) 169ᵃ. —
urtheilstube f.;
vgl. gerichtsstube:
ich musz einst in den rath und staatsgeschäfte kucken
und nach der policei- und urthelstube rucken
F. G. v. Perlensee lob der geldsucht (1709) 719;
doch weil ...
ein jeder wäscher itzt in urthelstuben springt
B. Neukirch ged. (1744) 129.
urtheilstuhl m.;
vgl. gerichtsstuhl 2: Keisersberg von dem menschl. baum (1521) 159ᶜ. —
urtheiltisch m.;
vgl. urtheilbank, gerichtstisch. oft übertragen:
hier hat der todt gefürt von seinem urtheltisch
den, welcher in der flut ist jämmerlich versunken
Opitz poemata 136 ndr.;
bey dem urtheltische der liebe Lohenstein Arm. 1, 395ᵃ; H. W. v. Logau poet. zeitvertreib (1695) x 4ᵇ;
da wird ein urtheltisch von weibern aufgericht
J. Chr. Günther (1735) 454;
wie mancher urtheiltisch wird voll und fertig stehn,
dein jetzt in fremder luft geendigtes studiren
theils rühmlich, theils aus hasz durch ohr und mund zu führen
419.
urtheilträger m.,
mnl. ordeeldrager; vgl. recht, urtheil bringen rechtsalterth. 2⁴, 359. u. tragen s. Luther oben: wann mir dann eine sache zu schwer fiele, so begehre ich achtsleute (s. d.) und urthelträger dorf- u. landrecht (1719) 49; Hohberg georg. 3, 22ᵇ. —
urtheilsvorschlag m.
Brunner rechtsgesch. (1901) 16. —
urtheilsweiser m.;
Strodtmann Osnabr. 151: schwerlich würde sich ... ein edelmann ... verurtheilen lassen, ohne urtheilsweiser von seinem stande zu fordern Möser 1, 419; 379; nicht allein ebenbürtige, sondern auch gerichtsgenosse urtheilsweiser 1, 376. —
urtheilszucht f.,
richterlich festgesetzte strafe (s. zucht III 3): mit darlegung der urtelszucht als 14 kleine mark Schütz hist. rerum prussic. 10, a 4ᵃ.
b)
üblich gebliebenes und üblich gewordenes. heute ist das u. 'ein durch vorgängige mündliche verhandlung bedingtes, einen streit erledigendes erkenntnis' (zivilproceszordnung § 272).
α)
attribute: rechtes, unrechtes rechtsalterth. 2⁴, 503; krummes, linkes, wahres, falsches, rechtliches, schnelles, freveles, schweres, wirdiges, greuszliches, strenges, schröckliches, greuliches, nichtiges, mächtiges, gutes, einhelliges, obsiegliches, weises, gerichtliches, rechtskräftiges, schiefes, dunkles, ungewisses, bedingtes, einschränkendes, freisprechendes u. s. w. u. erzählungen aus ad. hss. 25, 4 Keller; fastnachtsp. 2, 1128 K.; Hätzlerin 38; Alsfelder passionssp. 256 Gr.; Tengler laienspiegel 99ᵇ; Pauli schimpf u. ernst 16 Ö.; Luther 19, 276 W.; Eberlin v. Günzburg 2, 74 ndr.; S. Franck chron. (1531) 145ᵇ; J. v. Watt Judas Nazarei 2 ndr.; H. Sachs 1, 432, 27 K.; G. L. Hartmann fluchspiegel 27; W. Spangenberg ausg. dicht. (1887) 193; Fischart die gelehrten d. verkehrten 457 Kurz; Reutter v. Speir kriegsordnung 23; Schupp schr. 467; Agyrtas grillenvertreiber (1670) 20; Mayr päckchen satiren (1769) 42; Heräus ged. u. inschriften 54; Görres briefe 3, 85; bankgesetz v. 14. märz 1875 § 50; handelsgesetzb. 273, 1; Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 329; Krünitz 202, 414; 432; 441; 431. ein eben, recht, fein u. Luther 19, 414 W.; ein schlecht, frey u. 19, 557 W.; ein scharf offenlich u. Spreng Ilias 24ᵃ; das umständliche, höchst motivirte u. Göthe IV 29, 40 W. sprichwörtlich: ein klug u. kompt von got Petri 2, h 4ᵃ; unrecht u. trifft den richter Lehman florileg. 3, 443; es ist besser ein magerer vergleich als ein fettes u. Pistorius thes. (1715/25) 444; leichte schöppen machen leichte urtheile Hoffmann polit. Jesus Syrach (1740) 38. solche attribute erscheinen dann auch im prädicat, z. b. din urteil ist mir linde mhd. wb. 3, 23ᵃ; wiewol mich ein solch u. schwer und hart bedünkt b. d. liebe (1587) 131ᵈ; seine urteile wurden ... als salomonische bezeichnet G. Keller 6, 233; das u. ist rechtskräftig geworden, aufgehoben, wurde für nichtig erklärt u. s. f.
β)
von den verbalen verbindungen seien erwähnt: das u. fällen (s. d. 15):
der gab den richtern vollen gwalt,
urteyl zu feln über sein sun
H. Sachs 2, 127, 10 K.;
Graf-Dietherr rechtssprichw. 415²; sprechen (rechtsalterth. 2⁴, 381):
in einem hui, von stund an,
ists urteil uber jhn gesprochen
Hayneccius Hans Pfriem 505 ndr.;
über mit dativ: denn da sprechen wir ein u. über unsrem eigenen haupte Reinike fuchs (1650) 154; mit wider:
sonst hätt ich wider ihn das urthel selbst gesprochen
Gottsched schaubühne 1, 73;
mit dativ:
weil es einem hohen gerichte
vorbehalten, dem Nazaräer ein urtheil zu sprechen
Klopstock Messias 4, 98;
aussprechen Eyering proverb. 3, 466; Neumark lustwald (1657) 1, 63; lesen, vorlesen Sterzinger spiele 1, 301; Mittler volksl. 229; verkündigen Ranke 14², 42; vgl. das ältere öffnen, offnen; ein u. hinausgeben anstatt bekannt machen österreichisch Nicolai reise 3, 378; abfassen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 3, 92; das u. ergeht über einen Krüger von den bäuerl. richtern (1580) 550; fällt günstig aus Ranke s. w. 1, 59; trifft einen B. Neukirch ged. 69; ein u. exeguiren Endinger judenspiel 73 ndr.; ausführen A. Gryphius lustsp. 191 P.; exequiren und vollziehen Mathesius Sarepta (1571) 217ᵃ; vollstrecken Schiller 2, 139 G.; entzwey reiszen B. Neukirch ged. 32; annehmen, anerkennen (im internationalen privatrechte), anfechten, begründen, berichtigen, entwerfen, ergänzen, erlassen, niederschreiben, rückgängig machen, zustellen, gegen ein u. berufung einlegen u. s. w.
γ)
zusammensetzungen z. b. einerseits anerkenntnis-, ausschlusz-, bei-, belehrungs(informations)-, ehescheidungs-, end-, erläuterungs-, fehl-, grund-, haupt-, mord-, nach-, neben-, procesz-, sach-, straf-, teil-, todes-, versäumnis-, verzichts-, zwischenurtheil. anderseits:
urtheilsausfertigung
hwb. d. staatswiss. 4², 25,
urtheilsbegründung
tägl. rundschau 1899, 62 Gᵇ,
urtheilsentwurf
Jhering geist des röm. rechts 1, 8,
urtheilsfabrik
Savigny beruf unsrer zeit 128, urtheilfällen, n., Lehman florileg. 2, 587; Immermann 15, 110 B.,
urtheilfällend
Avé Lallemant gaunertum 3, 150,
urtheilfäller
Guarinonius greuel (1610) 538; M. Mendelssohn 6, 10, urtheilsfällung Jhering geist des röm. rechts 1, 9,
urtheilsform
allg. d. bibl. 109, 356,
urtheilsformel
Möser 2, 70,
urtheilsfreiheit
(des richters) Venedey Preuszen u. das Preuszenthum 111,
urtheilsgebühr
allg. d. bibl. 6, 2, 58,
urtheilsgeschäft
Guarinonius greuel 477,
urtheilsgewalt
hwb. der staatswiss. 4², 408,
urtheilsgrund
Herder 21, 18 S.;
urtheilsmotiv
Lassalle reden u. schriften 1, 341, urtheilsprechen, n., Göthe IV 25, 269 W.,
urtheilsprecher, urtheilsprecherin
Herder 28, 322 S.,
urtheilsprechung
Laube 1, 336,
urtheilspruch m.,
S. v. Birken Pegnitzschäferey (1645) 19; A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 997; discourse der mahlern 1, 5; Schiller 4, 82 G.; H. Heine 2, 487 E. urtheilsspruch Treuer Dädalus (1675) 1, 390; Göthe 8, 36 W.; III 10, 289 W.; Jhering geist des röm. rechts 3, 1, 34; H. Laube 14, 94; M. v. Ebner-Eschenbach 2, 397. —
urtheilverfassen n.
Göthe IV 6, 48 W.; urtheilsverfasser, m.: sententionant, ein u. Voigt hwb. f. d. geschäftsführung 2, 423; Chr. Thomasius gedanken u. erinn. 2, 77; Hippel kreuz- u. querzüge 2, 245. —
urtheilsverkündung
Rosegger III 8, 234. —
urtheilverleser
Er. Francisci traursaal 2, 138. —
urtheilsvollstrecker
H. Laube 3, 129,
urtheilsvollstreckung
Kinderling (1795) 260 für execution; hwb. d. staatswiss. 6², 606,
urtheilsvollziehung
Kinderling a. a. o.; Er. Francisci traursaal 2, 385; Schwappach forst- u. jagdgesch. 1, 246. —
urtheilsweg
(im urteilswege) hwb. der staatswiss. 1³, 17,
urtheilswort
Herder 7, 538 S.,
urtheilszeddel
allg. d. bibl. 76, 90.
δ)
verbindungen mit genitiv und andern bestimmungen. mit gen. subjectivus: nach der schepfen urtaile Nürnberger polizeiordnungen 7 Baader; das u. der geschworenen Ranke 14², 52, des gerichts gerichtserfassungsges. 17, 4. mit gen. obj.; der gen. bezeichnet das oder den, worüber das u. gesprochen wird: das u. der groszen huren offenb. 17, 1; ein u. deiner thaten Logau 1, 18; das u. eines unglücklichen anhören Göthe 9, 90 jub.-ausg.; der mörder u. Ayrenhoff 1, 60; das u. der Athener Grillparzer 14, 61 S.; oder der gen. bezeichnet die strafe, auf die erkannt wird: du fellst dannocht über in das u. des tods Keisersberg schiff der penitenz 91ᵃ; engl. comed. 109 Creizenach; heute dafür todesurtheil. u. der verbannung, verwerfung Göthe 25, 181 W.; Schiller 13, 120 G. vgl.:
ein urtheil ist zu sprechen
auf beil und rad und strang
Schenkendorf ged. 12.
sonst kann die erkannte strafe auch im inf. oder abhängigen satz ausgedrückt sein: die gewaltigen ... gaben u., sie zu tödten b. d. liebe (1587) 311ᵈ; dorumb ward das u. gefellt, dasz der landsknecht am leben solte gestraft werden Nigrinus von zäuberern 6;
mein urtheil ward gefällt, ich sollte sterben
Schiller Demetrius schr. der Götheges. 9, 10.
2)
verurtheilung, strafe; mnl. wb. 5, 1940, 4; vgl. 1 b δ: hör die urtail von Pilato Keisersberg granatapfel f 2ᵃ; als man ... F. ... absetzte und F. dieses u. für ungerecht erklärte, ... entstand wieder ein ... aufruhr Zimmermann einsamkeit 2, 374. das sie ... under einem tirannen das u. des tods gelitten haben Dietenberger ob s. Peter zu Rom sei gewesen c 3ᵇ; ich will gern mein u. ausstehen, sagt ein sträfling Bettine dies b. gehört dem könig 2, 339. allgemeiner (vgl. II): das u. der abgescheidnen (zu welchem schicksal sie verurtheilt sind) ist allein gott bekannt Zwingli d. schr. 1, 157.
3)
gerichtsverhandlung, procesz: Absolon der rief zuͦ im einen ieglichen man, der do het gescheft, das er kem zuͦ dem urteyle des kúnigs erste d. bibel 5, 186 K.; der mit dir wil kriegen in dem urteil 1, 21 K.;
ich hab zuͦ Rhom ein urthel verloren
schweiz. schauspiele des 16. jhs. 1, 114, 106 B.;
herr procurator, ich frage im urtheil zu recht Hohberg georg. 3, 22ᵇ. veraltet.
4)
richterliche entscheidung überhaupt: H. Aunsorg ... nam (in seinem handel mit Putrich) des gerichtes ainen prief, als die urtail gangen was städtechron. 4, 99; so ... wider ain ... closter gehandelt würd oder wider sy endlich sentenz oder u. auszgiengen ... Knebel chron. v. Kaisheim 35 lit. ver.; in dem die todeserklärung aussprechenden urtheile bgb. 18, 1.
5)
das letzte u. hat verschiedene bedeutungen. zunächst das definitive u., endurtheil: nach einlauf des letzten urtheils polit. maulaffe (1679) 70; todesurtheil:
doch lasz man ihm das volle recht,
eh ihr das letzte urtheil sprecht,
zum drittenmahl herfordern
Reinicke fuchs (1650) 106;
an denjenigen, welche ... gefangen worden, wurde ... ohne längern aufschub das letzte u. vollzogen Schiller 7, 318 G. das weltgericht: er (gott) würt am letsten urteil sie fragen, wie sie hie getrenkt, gespeiszt und gehalten sein worden Keisersberg narrenschiff 46ᵈ; reformationsflugschr. 1, 243 Clemen.
6)
gottesurtheil, urtheile gottes (II 1), ordale. R. Schröder rechtsgesch. 556² ff.; mnl. wb. 5, 1939: die sogenannten urtheile gottes sind ... beybehalten worden M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 548;
das glück der schlachten ist das urtheil gottes
Schiller 13, 186 (jungfrau v. Orleans prolog);
aller ausgang ist ein gottes urthel
12, 228 G.;
das u. des wallenden kessels, des kalten wassers S. Fr. Hahn staats- reichs- und kayserhistorie (1721) 1, 138; 139; u. des glühenden eisens; dazu urtheilskampf:
wie Karl ...
den achten tag zum urtheilskampf bestimmt
Wieland Oberon 1, 53.
7)
ganz vereinzelt ist u. für eid gebraucht: wer dar in ... sijnen vynger staich ind valsch oirdel swor, dem veylen die vynger aeff Arn. v. Harff pilgerfahrt 25 lit. ver.; oirdel ist hier rest der verbindung eet ende ordeel doen mnl. wb. 5, 1940, 3; für den widersacher (?): sy ... kam auf den platz ze kempfen mit irs manns urteil Marquart vom Stein spiegel der tugent (1498) h 3ᵃ.
II.
uneigentlich (vielfach an B rührend).
1)
gott, dem h. geiste, der gottheit, dem himmel, der hölle wird ein u. zugeschrieben:
dû gotis urthêl ist hî dougin,
zi demo suontagi ist su offin
summa theologiae 29, 1 M.-Sch.;
die starke, bibende, verborgene urteil gotz Tauler pred. 222, 29 V.; die menschen übel tuͦn und kein gepot gotz nicht halten, kein forcht haben seines urteils Arigo decam. 24, 18 K.;
wen ir die sachen hie verziehen
und schon dem richter hie entpfliehen,
so fallt ir gott in syn urteil,
der treit syn recht umb kein gelt feil
Murner narrenbeschw. 21, 51 ndr.;
so hoͤr ich yetz ein ander spil,
das gott ein urteil bsitzen wil
84, 64 ndr.;
so mus ich mich ... frewen, das gott eyn u. gefellet und die sache gerichtet hat Luther 18, 373 W.; götlich urtheyl H. Sachs 1, 228, 33 K.; Aventin 1, 175, 2 L.;
wer tod ist, liegt und schläft, bisz gott wird urtheil hegen
A. Gryphius trauersp. 221 P.;
der h. geist das u. spricht Moscherosch insomnis cura 60 ndr.;
o tod, ...
vollstreckst du denn an unsrer zeit
des himmels urtheil stets geschwinder?
Gottsched ged. (1751) 165;
so feyrlich spricht die gottheit,
wenn sie das urtheil der tugend ausspricht
Klopstock oden 1, 65 M.-P.;
gottes, Allahs urteilspruch A. Gryphius ged. 52 P.; Raupach dram. werke ernster gattung 1, 69;
der urtheilsspruch tönt noch in meiner seele,
den ausgesprochen über mich die hölle
Nestroy 2, 39;
urtheilfrage, urtheilsplan P. Bose leichenged. (1680) 95; Rist bei Fischer-Tümpel 2, 239. im prägnanten sinne ist gottes u. das jüngste gericht, das weltgericht, die verdammnis: an dem tag des urteils erste d. bibel 1, 36 K.;
darumb uͤb guͦtz on gleysznerey,
das dich die urteil gotz nit beschrey
darumb doͤrt an dem jungsten gericht
beichtspiegel bei Dacheux die ält. schr. Geilers v. Kaysersberg 154;
bittet gott umb hilf, dann sein urtheil nahet A. Dürer tageb. (1884) 84; tuͦt er das nit, ... so yszt und trinkt er im das urtail Keisersberg schiff der penitenz 50ᵈ; der ... wurde nit komen in die verdamnusz ader yns u. oder gericht H. v. Cronberg 44 ndr.
zss.
urthelsbesen
Wagner ter tria (1689) 219;
urtheilblitz
urtheilblitz der verdammnisz
Er. Francisci weh d. ewigkeit (1686) 661;
urtheilsdonner
D. v. Liliencron 9, 239,
urtheilsschlusz
Schmolcke (1740) 1, 464,
urtheilsschrift
1, 181.
2)
entscheidender ausspruch des concils, des papstes, der kirche, des beichtvaters, der h. schrift, bibel: des conciliums u. Fischart bienenkorb 230ᵇ; das er (d. papst) nicht eyn eynig recht u. kan geben ynn geystlichen sachen des gewissens Luther 18, 122 W.;
bibel heyst unser recht,
darnach gerichtet schlecht
und urteyl fallen sol
Paulus Speratus bei Ph. Wackernagel kirchenlied 3, 41;
nun ziehmt es sich, dasz ihr mit uns für urtheil geht,
hin zu der heilgen schrift, in der die warheit steht
Opitz Hugo Grotius 388;
urteilsweis, adv., als richtschnur Nas eins u. hundert 4, 6ᵃ; mit des beichtvatters urtheil Spee tugendb. (1646) 520.
3)
in mannigfache verhältnisse wird die vorstellung eines urtheils übertragen.
a)
zunächst in mystischer literatur ist u. 'verurtheilende meinung über den nächsten': diu vünfte regel ist, daʒ der guote mensch alle zît sî in einem güetlichem ernste, als der sich senet nâch liebe. dâ mite enpfliuhet er vil schaden an verlâʒenheit, an îteler vreude, ... an unnützen mæren, an urteilen, an kivelworten ... David v. Augsburg bei Pfeiffer myst. 1, 318, 5; u. 'sittliche verurtheilung' Tauler pred. 13, 31 V.; in einre wisen eines urteils 'miszbilligenderweise' 41, 23 V.; si sint vol urteils anderre liute 135, 11 V.;
und sindt zuͦ liegen bhendt und ring
ouch sprechent urteil allem ding
Murner narrenbeschw. 233 ndr.;
das sie ouch sich selbs on furcht dürfen rechtfertigen, entschuldigen und darüber in gezank sich gegen ander leut legen in hoffart, zorn, hasz, ungedult, urteil und nachreden fallen Luther 1, 24ᵃ Jena; ein aufgeblasen volk ... voller urteyls quelle in der Alemannia 5, 269; voll urteil S. Franck unter unlittig. vgl. urtheilig, -theilisch, urtheilung b. veraltet.
b)
u. synonym mit recht, gerechtigkeit: daz sy behúten den weg des herren und tun daz recht und daz u. erste d. bibel 3, 95 K.; wa nun christen seind, da ist kain sünd, da ist gerechtigkait und u. Luther 10, 3, 133 W. veraltet.
c)
entscheidung: gib mir ein u. erste d. bibel 5, 170 K. (2. könige 12, 1); welche den verstorbnen mann am liebsten gehabt hat, mit urteyl erklärt wirt S. Franck weltb. 194ᵇ;
dasz ich nicht mehr leiden wil,
dasz ihr euch zusammen zanket; drumb so schweiget alle still
und nehmt disz zum urtheil an: gleich itzt solt ihr euch versöhnen
Hoffmannswaldau 2, 68;
Maregilis hat mir das herz gestohlen,
schickt in die facultät
und läst ein urtheil holen
2, 122;
es ist leicht zu vermuthen, schöne Danae, dasz eine apologie aus diesem ton nicht geschickt war, mir ein günstiges u. auszuwirken Wieland Agathon 1, 370; N. hatte gebeten, ihm sein urtel (ergebnis seiner werbung) schriftlich zuzusenden Hippel lebensläufe 1, 315; ob es blosz ein artiger scherz ... gewesen, dasz der stamm ... den stamm ... durch ... u. und recht gezwungen hätte, buckelig zu seyn ..., lasz ich dahin gestellt seyn kreuz- u. querzüge 1, 11; Brentano 5, 128; darauf nannte er mich einen bucklichten flegel, und ich gab ihm zur erhärtung und beweisführung seines urtheils eine ohrfeige Seb. Brunner erz. 1, 283.
d)
insbesondere das u. des Paris:
wenn Paris deine braut gesehen,
bevor er jenes urtheil sprach ...
Stoppe Parnasz (1735) 14;
das u. des P. Wieland 10, 151 Gr.; als plastische darstellung H. Meyer gesch. der bild. künste 2, 19.
e)
jemand spricht sich selbst sein u. u. dgl.: hir hat sie ein uurtheil wieder sich gefellet engl. com. 113 Creizenach;
(das gewissen)
vermöge dessen wir, wenn wir etwas verbrechen,
uns selbst das urtheil sprechen
Triller poet. betrachtungen 1, 63;
du musztest dir dein eigen urtheil sprechen
Göthe 9, 37 W.;
sprich unbehutsam nicht dein eigen urtheil
Iphigenie 1875;
die corporation, die in diesem falle wählt, spricht sich selber ihr u. und bedeckt sich mit schande Dahlmann an J. Grimm briefw. 1, 360. vgl. das menschengeschlecht sitzt über sich selbst zu gericht und arbeitet an seinem letzten urtheilsspruch Klinger 10, 265; sinnverwandt ist der veraltete ausdruck in sein (eigenes) u. fallen: solh leut (verstockte abtrünnige) ... fallen in ir aigen urtail B. v. Chiemsee 106; anders: got verhengt auch, das inen solichs (zeitliches glück) hüffig zuͦfalt, do mit sy in gröszer u. (unheil; vgl. A I 2) fallen Eberlin v. Günzburg 1, 40 ndr.; wie ein und der ander seinem nächsten fallstricke leget, ihn zu berükken, zu schimpfen, zu fällen, dasz er endlich in sein u. fallen mus, er wandele auch so vorsichtig er immer wolle Butschky Pathmos einführung ):( 3ᵃ.
4)
von literarischer, ästhetischer, wissenschaftlicher kritik, von prüfender beurtheilung menschlicher verhältnisse. vielfach auf C weisend. vgl. nl. oordeelkunde kritik, oordeelkundig kritisch, oordeelkundige kritiker: widder das wuetende u. der Pariser theologisten Luther 8, 295 W.; disz ist fürwar ein recht nottel und u. über alle lutherische schrift und lere Dietenberger wider d. b. Mart. Luth. von dem miszbrauch der messe (1526) cᵇ; es ist aber ein kleiner (triangel) auszumessen und ausz dem selbigen vom groszen auch ein u. anzunemmen Agricola-Bech bergwerkb. 92; wir werden auch diszfals frembden völkern mit der zeit das u. ablaufen Opitz opera 1, vorr. 8ᵃ;
wer nur urtheil fellen
und von schönheit richten kan,
schawe Rosabellen
himmelswerthen zierrath an!
Königsberger dichterkreis 55 ndr.;
Goropius Becanus ..., welcher nach aller verständigen leute meinung mehr sinnlichkeit als urtheils gehabt Morhof unterricht 1, 5; Longins u. von der Odyssea Breitinger crit. dichtk. 1, 29;
dank unsern dichtern! da sich des kritlers ohr,
fern von des urtheils stolze, verhörete
Klopstock oden 2, 57 M.-P.;
stähle mich mit kraft, den bogen des urteils rüstig zu spannen H. v. Kleist 4, 128 Schm.; ein kunstrichter zu seyn, nämlich der über kunstwerke zu gericht sitzt und nach recht und gesetz u. spricht, ist etwas ebenso unstatthaftes als unersprieszliches und unerfreuliches A. W. Schlegel Athenäum 1, 147; manchmal machte ich den versuch, eine neue und eigene art (der malerei) zu erfinden, wobei sich aber sogleich herausstellte, dasz ich selbst das u. und die mittel, die ich dazu verwandte, nur Römern verdankte G. Keller 2, 89; sie werden mir in dieser frage einiges u. zutrauen dürfen Bismarck polit. reden 4, 138. des auges u. A. v. Haller ged. (1892) 66; willkürlichkeit im u. Göthe IV 11, 100 W.; die unbestechliche sicherheit des urteils Polenz Grabenhäger 1, 23. attribute: auch das schaalste, linkste, hämischte u. Lessing 10, 97 M.; die Berliner bibliothek stinkt mich an in ihren theologischen, philosophischen und ästhetischen urtheilen Schubart briefe 2, 240 Str.; begründetes, demüthigendstes, gerechtes und gewiszenhaftes, treffendes, männliches, reifes, scheidendes, seichtestes u. dgl. u. Lange gesch. des materialismus XIV; Lavater physiognom. fragm. 2, vorr.; Justi Winckelmann 1, viii; Platen 1, 87 H.; Zesen rosenmând 200; Schleiermacher III 4, 2, 83; Herder 3, 363 S. urtheilsfähigkeit: und so sy also on urtail uffwachszen, wöllen sie andere leren nach irem fürnämen und begryff Eberlin v. Günzburg 1, 20 ndr.; mit irem angebornen u. und verstand Fischart ehzuchtb. 117 H.;
blind und toll sind alle, die da lieben,
und fahren gleich wie du und fallen in den brand
ohn allen vorbedacht, ohn urtheil und verstand
Rachel satyr. ged. 94 ndr.;
sachen, so das u. oder judicium erfordern J. B. Schupp schr. 729; zweifel in sein u. geben Bettine Günderode 1, 109; er findet ihn friedfertig, von gutem u. Ranke s. w. 39, anh. 26; ein mann von familie, von welt und u. Fontane I 4, 440; sie ... hat ... eigenes u. M. v. Ebner-Eschenbach 4, 82. kritische überlegung und beurtheilung: ziehns minen rot yn härtzlich und vernünftig u. Eberlin v. Günzburg 1, 16 ndr.; lis es wol und mit u. Zwingli freiheit der speisen 19 ndr.; Prätorius winterflucht 111;
der argen welt verkehrtes schertzen ...
uns bringt umb urtheil und verstand
Königsberger dichterkreis 4 ndr.;
es ist nicht möglich, weniger ... u. zu zeigen als diese frommen ... männer Göthe 7, 118 W.; 45, 46 W.;
hättest du phantasie und witz und empfindung und urtheil,
warlich, dir fehlte nicht viel, Wieland und Lessing zu seyn
xenien (schr. d. Götheges. 8) nr. 765;
euch hat die natur gänzlich das urtheil versagt
nr. 333;
das grosze muster weckt nacheiferung
und giebt dem urtheil höhere gesetze
Schiller 12, 6 G.;
seit sie ihr u. nur ein wenig rühren konnte G. Keller 3, 179; mythologische wunder ..., welche ... das kritische u. herausforderten Scherer literaturgesch. 104. veraltet mit gen. obj.: vom u. und erkäntnüs der langen und kurzen wortglieder Zesen Helikon 1, 15; accents u. Spee bei Gödeke 11 b. d. dicht. 1, 248.
zss.:
urtheilsbedürftig
Gerstenberg recensionen 91 lit. denkm.,
urtheilsberechtigt
Mommsen röm. gesch. 1², 289,
urtheilsbefugt
Gervinus gesch. d. d. dicht. 2, 390,
urtheilsberuf
J. Bayer skizzenbuch (1905) 27,
urtheilsbeschränkt
B. Goltz hinter den feigenblättern 2, 51,
urtheilsbeschaffenheit
Q. Kuhlmann geschichtherold (1673) d 8ᵇ,
urtheilsbestechung
J. G. Scheffner m. leben (1821) 430,
urtheilsempfindung
Bouterwek Donamar 1, 202. —
urtheilsfähig adj.,
erst von Campe verzeichnet. vielleicht ist urtheilsfähigkeit etwas älter: keinen urtheilsfähigen leser Gentz schr. 2, 179 Schlesier; köpfe Schopenhauer 1, 314 Gr.; wenn leute wie ich hier nicht u. sein können, für wen soll es dann litteraturgeschichte geben? fürst Pückler briefw. 3, 377; Nietzsche 1, 83; substantiviert: die urtheilfähigsten Gervinus an Dahlmann briefw. 2, 317. rechtssprachlich: Schweizer zivilgb. 13; 97. urtheilsfähigkeit, f.: empfindung und u. des sprechenden Herder (1800) 22, 93 S.; sein äuszerer sinn wird dadurch (durch d. brille) mit seiner innern u. auszer gleichgewicht gesetzt Göthe 24, 183 W.; R. Wagner 10, 133; Scherer kl. schr. 1, 169; Döllinger akad. vorträge 3, 32; rechtssprachlich: Schweizer zivilgb. 16. urtheilsunfähig Gotthelf (1855f.) 4, 248,
urtheilsunfähigkeit
4, 247; Schweizer zivilgb. 122. —
urtheilfäller
Bellin rechtschreibung (1657) a 6ᵇ. —
urtheilfällig adj.:
betrachte diese alte narren dort, welche, damit sie ... bey dem urtheilfälligen frawenzimmer (doch wohl nur 'bei den urtheil fällenden frauen'?) einem jungen mann gleich geachtet wirden, ihre haare und bärte mit schwartzer farbe und bleyinen strählen büffen Moscherosch ges. (1650) 1, 62. —
urtheilsfällung
Hohberg georg. 2, 725; Immermann 2, 48 B.
urtheilfest
Fr. L. Jahn 2, 257 E.;
urtheilfreiheit
Scheuchzer physica (1711) vᵃ; Fichte 8, 81;
urtheilgeist
Herder 1, 305 S.;
urtheilkugel
Ad. Müller verm. schr. 1, 387;
urtheilkrankheit
mangel an reifem urtheil Q. Kuhlmann geschichtherold (1673) e 8ᵇ. —
urtheillicht
K. R. v. Greiffenberg bei Schottel haubtspr. 931. —
urtheillos adj.:
ein ... kennzeichen eines urtheillosen Q. Kuhlmann geschichtherold (1673) c 8ᵃ; das meiste urtheillose frauenzimmer Gottsched beitr. z. crit. historie 7, 18; Fr. L. Jahn 2, 478 E. dafür heute urtheilslos Bürger (1829) 6, 95; W. H. Riehl gesch. aus alter zeit 2, 272; Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 338; R. Wagner 9, 315; dazu urtheilslosigkeit J. H. Voss antisymb. 2, 327; Schopenhauer 1, 557 Gr.; R. Schumann ges. schr. 4, 196; Bismarck br. an s. braut 143. gs. urtheilvoll Herder 16, 101 S.; urtheilsvoll Gerstenberg recensionen 369 lit. denkm.
urtheilsmächtig
Chamberlain dilettantismus 10,
urtheilsmeister
Zesen Helikon 130;
urtheilsmiszgeburt
Spitteler imago 60;
urtheilsrecht adj.
gr. Löben lotosblätter 1, 100;
urtheilsreif adj.
R. v. Mohl lebenserinnerungen 1, 93,
urtheilsscharf
Pöhnl volksbühnenst. 1, 334;
urtheilsschwach
Gervinus gesch. des 19. jhs. 1, 31,
urtheilsschwäche
Gottsched das neueste 2, 388;
urtheilsschwächlich
jb. der Grillparzerges. 6, 53;
urtheilssprecher
Hebbel 10, 398 W.;
urtheilsspruch
Herder 3, 283;
urtheilssicher
B. Weber lieder a. Tirol 7;
urtheilsstab
J. J. Schwabe belustigungen 3, 181;
urtheilsstrenge
Gervinus g. d. d. dicht. 1, 12; —
urtheilssüchtig
Bode Montaigne 6, 370;
urtheilstüchtig
Kürnberger herzenssachen vorrede; urtheilüberschwingend Bettine Günderode 2, 86. —
urtheilsungewiszheit
Göthe 23, 52 jub.-ausg.;
urtheilsverfasser
Jean Paul 55/58, xiii;
urtheilsverwirrend
Gaudy 22, 93. —
urtheilsverwirrung
B. Weber Tirol u. d. reform. 38;
urtheilswahl
Stubenberg Samson (1657) 21. —
urtheilwitz
Q. Kuhlmann geschichtherold d 5ᵇ. —
urtheilswort
Göthe III 6, 125 W.;
urtheilsweise
Göthe IV 17, 67 W.; Gutzkow (1872 ff.) 7, 359;
urtheilszeitschrift
Gubitz erlebnisse 1, 66. dim. urtheilchen: er höhrt daher überall kleine urtheilchen ab und macht daraus briefe J. G. Scheffner an Herder briefe 1, 260.
5)
auch von abstractis aller art heiszt es, sie fällen, sprechen u. s. w. ein u.; z. b. von recht und unrecht, gunst und ungunst, dem schicksal, gesetz, der zeit, eitelkeit, dem ruhm, dünkel, der erfahrung, geschichte u. dgl.: vielleicht hat das unrecht, so ich an meinem herren vater begangen, ein solches u. über mein närrisches vorhaben gesprochen engl. comöd. 88 Creizenach;
kein corpus juris braucht man nicht,
wo gunst und ungunst urthel spricht
Logau 230 E.;
euch wird die eitelkeit ein strenges urtheil sprechen
Butschky Pathmos iiiᵃ;
mein schicksal, das beyn sternen schwebt,
hat wider mich disz urthel ausgesprochen
Ziegler Banise 78;
die zeit, die allen dingen
musz ihr letztes urtheil bringen
Chr. Weise der grün. jugend überfl. gedanken 139 ndr.;
Denis lieder Sineds 222; der zeit, der groszen urtheilsfinderin Raupach dram. w. ernster gattung 3, 105;
wenn kein gesetz dir recht und urtheil spricht
Weichmann poesie der Niedersachsen 3, 66;
v. König ged. (1745) 36; B. Neukirch ged. (1744) 118; aus urtel des verstandes tugendhaft seyn Hippel lebensläufe 2, 70; hier nun musz die erfahrung, und nicht die theorie das u. sprechen Klinger 3, v;
und so tritt sie vor den gatten;
er erblickt sie, blick ist urtheil
Göthe 3, 11 W.;
16, 267 W.; wen sollte es nicht schmerzen, dasz ein hohler tageswahn als u. ... auftritt! IV 25, 225 W.; das gewissen ist parteiisch in der eigenen sache ..., mindestens bald zu streng, bald zu milde in seinen urtheilen Aurbacher volksb. 64; dem u. der geschichte Bismarck gedanken u. erinn. 2, 123 volksausg.; den urtheilsfassungen der geschichte B. Goltz typen der gesellschaft 2, 41; die verleumdung ist eine falsche urtheilsprecherin Abele gerichtshändel 532; die ungerechten urthelssprüche seiner leidenschaft Lessing 6, 111 M.; den urtheilsspruch der natur (den tod) Schopenhauer 2, 675 Gr.; der schärfste punkt ihrer (der Nemesis) urtheilswaage Herder 15, 416 S.
6)
entscheidendes zeichen, anzeichen, entscheidung. veraltet.
a)
allgemein: will aber nit geachtet werden so nachgültig, das dein edle tochter aim pawren werd, und waist nit, das solich instoszen allen menschen ein urteil bringt deiner armuͦt Eberlin v. Günzburg 1, 25 ndr.; ausz dem urteil seins angesichts S. Franck chronica (1531) 108ᵃ.
b)
medicinisch-astrologisch: crisis das u. ausz verenderung der krankheit Orsäus nomenclator (1623) 222; u. in krankheiten crise nelle malatie Kramer (1702) 2, 1222ᵃ. allgemein: solcher wunden ist sich nit guͦt anzuͦnemen in curieren, darumb so fleuche und sag u. des todts (fälle das u.: der verwundete stirbt) Braunschweig chirurgia (1539) 65ᵃ. insbes. von den kritischen tagen: die täg, an welchen das u. über die krankheit fallen wirt, dies cretici genant Begardi index sanitatis (1539) 7 bei Schulz-Basler 1, 407ᵃ; urteilender tag Höfler krankheitsnamenb. 726ᵇ; vgl. krisis 331ᵇ; dies critici die urtheiltage Orsäus 223; vgl. mnl. ordeeldach, ordelich; als haben die alten den siebenden tag diem criticum, den urtheilstage über die krankheiten ... benennt J. Saubert septenarius sacer (1627) 5; Butschky Pathmos (1677) 427. die kritischen tage werden mit der astrologie in verbindung gebracht: wie hoch erschieszlich seind auch die gestirnen in urtheilfällung deren krankheiten Pegius geburtsstundenb. (1570) F f 6ᵇ; ausz den urtheilbüchern dern gestirnkündigen vorr. 4ᵃ; wenn die kuhr nicht auch auf das gestirn mit ein auge schlagen soll, woher denn die urtheil- oder gerichtstäge der herren medicorum ihre quelle genommen Er. Francisci lusthaus (1676) 526; urtheilgemerke ebda.
c)
in der wetterkunde: eins ist natürlich ..., als das u. oder anzeig eines regens, so baldt fürhanden Nigrinus von zäuberern (1592) 137; von den urtailen des wetters ausz dem feuer. wenn die feuer plaich sein, bedeut regen Reinmann wetterbüchl. 10.
7)
bildlicher gebrauch ist sonst wenig entwickelt: ich will dem gottlosen ... lästermaul sein u. so gut hinten auf schreiben, dasz er sich drei tage nicht hinsetzen soll Raabe hungerpastor 1, 101.
mehr in ältern zusammensetzungen:
uhrteilfasser
jedoch ist der gute gebrauch ... uhrteilfasser gewesen
Schottel haubtspr. 178;
urtheilschwert
lasz ihn (den glauben) das letzte urtheilschwert ... führen
Er. Francisci letzte rechenschaft 1119;
urtheilsstock
gunsttrauben von eines iden urtheilsstokke abzupflökken
Q. Kuhlmann geschichtherold d 4ᵇ;
urtheilswind
oftmals wird erwogen,
wie mancher urtheilswind mein schiff anhauchen wird
Hohberg Proserpina 116ᵇ.
B.
wenn u. das blosze hegen einer ansicht, das aussprechen einer meinung oder überzeugung und einen solchen ausspruch bezeichnet, so ist die in A II einsetzende entwicklung zu ihrem endpunkt gelangt, die rechtssprachliche ausgangsbedeutung ist völlig verflüchtigt. dazu mag gleichbedeutendes lat. judicium beigetragen haben. vgl. mnl. wb. 5, 1940, 3. dieser endpunkt ist in mystischer literatur schon erreicht: dâ von wellent sie (die wahrhaft frommen), daʒ die selben urteile alle liute von in haben, die sie selbe über sich habent, daʒ sie niemen êre noch hœher ahte denne sie sint David v. Augsburg in myst. 1, 334 Pfeiffer; etlichú unverstandnú menschen, der rede nit ze ahten ist, ... in verkerlicher wise valsch urteil dar úber wurdin gebende H. Seuse d. schr. 5 B.; er nit priester möcht werden nach menschlichem urteil heiligen leben summerteil (1472) 17ᵇ; das ein armer mensch darf ein u. sprechen uber totum mundum Luther 34, 1, 321 W.; quantum ego opinione auguror nach meiner meinung oder nach meinem urteil Frisius 142ᵃ; ich grübelte der ursach nach, warumb doch die menschliche urtheil gemeiniglich so betrüglich wären Grimmelshausen vogelnest 2, 412 Keller; u. aus den kleideren J. Grob dichter. versuchgabe (1678) 27; was die salbung zur stunde nothwendig macht, ist über mein u. Zinzendorf theol. bedenken (1771) 92; ja, der mensch ist sich in seinen anschauungen und urtheilen nicht immer selbst gleich Göthe 47, 10 W.;
keinen zweifel
ob des entschlusses fühl ich im herzen,
er ist gerecht und ehrenvoll; nur allein
die furcht bedrängt mich eines fremden urtheils
4, 331 W.;
ich verachte das u. der menge Schiller 3, 459 G.;
nimm rath von allen, aber spar dein urtheil
Shakespeare 3, 167;
ich habe kein u., wies gehen wird Görres briefe 3, 109; darüber darf ich mir ... kein u. erlauben A. v. Humboldt kosmos 1, 275; ein ... sehr dummer brauch, weil er jeder selbstständigen entwickelung des eigenen freien urtheils nur fesseln anlegte Holtei 40 jahre 1, 194; er behält sich sein u. vor Bennigsen nationallib. partei 8; das urteil und gerede der leute herauszufordern Fontane I 5, 45. urtheilsgeist Kosegarten rhaps. 1, 55. urtheilsweise, f.: eine stockenglische sinnes- und urteilsweise Göthe gespr. 8, 73 B. meines urtheils Stumpf Schweizerchron. 344ᵇ; Rachel sat. ged. 37 ndr.; nl. mijns oordeels nl. wb. 11, 90. attribute: gewisz, recht, volkömlichs odder schlislichs, unbesonnenes, schlimmes, übles, reifes, gehässiges, gemeines, schiefes, blindes, aufrichtiges, unbefangenstes, flaches, gewiegtes, gesundes, erleuchtetes u. dgl. u. Terenz (1499) 15ᵃ; Paracelsus (1616) 2, 7 c H.; Luther 18, 456 W.; Opitz poemata 6 ndr.; Chr. Weise der grün. jugend überfl. gedanken 26 ndr.; Abraham a s. Clara Judas 1, 119; Gottsched ged. 44; Niebuhr röm. gesch. 1, 107; Kant 3, 9 ak. ausg.; Sturz 1, 38; Herder 27, 151 S.; Göthe IV 27, 119 W.; Brentano Godwi 1, 12; W. H. Riehl d. d. arbeit 11; Treitschke hist. u. polit. aufsätze 1, 1; Herwegh briefe (1896) 285; Bismarck gedanken u. erinn. 2, 219 volksausg. im vergleich, bildlich und persönlich: es geht mit unsern urteilen wie mit unsern uhren. keine geht mit der andern vollkommen gleich, und jeder glaubt doch der seinigen Gellert bei Lipperheide spruchwb.³ 912ᵃ;
wie sich
die neigung anders wendet, also steigt
und fällt des urtheils wandelbare woge
Schiller Maria Stuart 2, 3;
o urtheil, du entflohst zum blöden vieh
Shakespeare 2, 89;
laszt
euer eignes urtheil euren meister seyn
3, 244;
das öffentliche u. ist wohl ein kümmerlicher wirth A. v. Arnim 13 zueignung Gr. u. und vorurtheil (s. d.): das vorurtheil, wie sein name wohl bezeichnet, ist ein u. vor der untersuchung Göthe II 2, 18 W.; freylich bin ich dabey ohne u. wie ohne vorurtheil Zelter bei Riemer 5, 420; ein u. läszt sich widerlegen, aber niemals ein vorurteil M. v. Ebner-Eschenbach bei Lipperheide spruchwb.³ 953ᵃ; schnellurtheile und vorurtheile der kinder Göthe 4, 216 jub.-ausg.
C.
u. im philosophischen sprachgebrauch, besonders im engern sinne der logik.
1)
man hat schon in zusammensetzungen wie urtheils(urtheilungs)kraft, wie sie das 17. jh. bietet, den engern sinn der logik für das erste glied der zssetzung finden wollen, aber die bed. ist hier eine allgemeinere (s. urtheilskraft 1). Thomasius gebraucht für das logische u. noch stets judicium. auch bei Leibniz, von dem nach Piur studien zur sprachlichen würdigung Chr. Wolffs 63 f. Wolff das wort u. im logischen sinne übernommen haben soll, scheint u. nicht auf den spätern engern gebrauch in der logik beschränkt zu sein, sondern schlüsse mitzubezeichnen: bisher habe von dem theil der bekannten logik geredet, so zur erfindung dienet, nun musz auch von dem theil gedenken, so zum urtheil gehöret ..., und da kommen für die schluszfolgen mitsamt den figuren und arten der schlüsse (1696) Leibniz d. schr. 1, 381 G.
2)
erst Chr. Wolff logik (1713) 45 definiert u. als eine verbindung oder eine trennung zweier oder mehrerer begriffe Piur 64: da wir nun in jedem urtheile uns zweyerley vorstellen, nemlich erstlich eine sache und darnach etwas, so ihr zukommt oder nicht zukommet, und über dises entweder die verknüpfung oder trennung der beyden dinge von einander, folgends drey begriffe haben, so pfleget man das u. durch eine verknüpfung oder trennung unterschiedener begriffe zu erklären Chr. Wolff von gott (1720) 139; urtheile also sind wahr, wenn sie von den begriffen der subjekte keine andere merkmale aussagen, als die in denselben stattfinden M. Mendelssohn (1843) 2, 243; u. ist, wie die logiker sagen, die vorstellung eines verhältnisses zwischen zwei begriffen Kant 2, 134 H.; ein u. ist die vorstellung des verhältnisses verschiedener vorstellungen, sofern sie einen begriff ausmachen 1, 431 H.; 2, 102 H.; wahrheit sowohl als irrthum sind nur im urtheil, d. i. nur in dem verhältnisse des gegenstandes und unserem verstande anzutreffen 2, 276 H.; berühmt ist Kants unterscheidung der analytischen und synthetischen, erläuternden und erweiternden urtheile; auszerdem gibt es allgemeine, theilhafte; bejahende, verneinende; assertorische, problematische, apodiktische, kategorische, hypothetische, disjunctive u. s. w. Krünitz 202, 375; wie sind synthetische urtheile a priori möglich? Hegel 1, 21; Lange gesch. d. materialismus 242; das denken als gesetz der begründung der urtheile Schopenhauer 1, 38 Gr.
zusammensetzungen:
einerseits
erkenntnisurtheil
geschmacksurtheil
grundurtheil
nachurtheil
thatsachenurtheil
werturtheil
u. dgl.,
anderseits
urtheilsbestimmung
Hegel 5, 80,
urtheilsbildung
Schleiermacher I 12, 473,
urtheilsform
Fr. Schlegel 12, 155; Schopenhauer 1, 583 Gr.; Herbart 6, 173 H.; Czuber wahrscheinlichkeitsrechnung 1, 1,
urtheilsgesetz
Tetens philos. versuche 1, 366 ndr.,
urtheilsgrund
Herder 22, 8 S.,
urtheilskraft
urtheilsvermögen
s. u.,
urtheilskunst
für logik Schwan (1783) 2, 874ᵇ,
urtheilsmaterie
Czuber wahrscheinlichkeitsrechn. 1, 3,
urtheilsreihen
H. v. Leonhardi an K. Chr. Fr. Krause briefw. 2, 124,
urtheilsthätigkeit
Tetens versuche 1, 463 ndr.,
urtheilsübung
Schelling I 7, 532,
urtheilsvermögen
Tetens 1, 292,
urtheilsweise
1, 28; Hegel 6, 90.
D.
spuren einer näher an das v. (er)theilen anknüpfenden bed., wie sie im mnl. ordeel 'theilung, austheilung, erbtheilung' (mnl. wb. 5, 1937, 1) vorliegt, sind im d. unsicher. bei flurnamen wie u., am, beim, im, auf dem, in der u., urteilacker, -wiese, urtelengass Fischer schwäb. wb. 6, 308 oder bei der bezeichnung urtheilstein Krünitz 203, 458 wäre derartige bed. zu erwägen. vgl. urtheilung d. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 17 (1936), Bd. XI,III (1936), Sp. 2569, Z. 59.

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Zitationshilfe
„geschmacksurtheil“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschmacksurtheil>, abgerufen am 28.11.2021.

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