Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gescholten, adj.

gescholten, adj.
part. zu schelten (s. d.), wie bescholten, übelbeleumdet, verrufen: die keiserliche gesetze zehlen sie (die komödianten) unter die gescholtene leute. Stieler secr.-kunst (1705) 512.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3954, Z. 22.

schelten, verb.

schelten, verb.
schmähen, tadeln, ein auf das deutsche sprachgebiet beschränktes wort von unbekannter herkunft. zusammenhang mit schalten (vgl. sp. 2100) ist nicht ohne frage; auch die zusammenstellung mit schall, schellen (ausgehend von der bedeutung 'laut verkündigen, proklamieren') entbehrt der begründung. vgl. Kluge 298ᵇ. Weigand 2, 563. Franck 837. vielleicht darf man die ursprüngliche bedeutung in der ahd. glosse: polluit scalt, scalte, salt, schalt Steinmeyer - Sievers ahd. gl. 1, 692, 72 ff. sehen, vgl. auch maculam sceltun, meil 569, 51 f. (dagegen J. Grimm gramm. 2, 986). ahd. sceltan Graff 6, 486, alts. sceldan (belegt sculdun increpuerunt gloss. Lips. 809, s. Heyne kl. altnd. denkm. 54ᵇ), mhd. schelten, schelden Lexer handwb. 2, 696, mnd. mnl. holl. schelden, nnd. schellen; auszerhalb des deutschen begegnet nur altfries. skelda, schelda Richthofen 1022. blasphemare .. schelten Dief. gloss. 76ᵇ, exprobrare schelden, beschelden, schylden, hd. schelten 219ᵃ; increpare schelden, increpere hd. schelten, hd. nd. schelden 293ᵃ, jurgari 312ᵇ, objurgare 387ᵇ, vituperare 624ᵇ. die flexion ist überall stark: ahd. sceltan- sciltu- scalt- scultum- giscoltan, mhd. schelten- schilte- schalt- schulten- gescholten. im präsens gewöhnlich mit synkope du schiltst, wofür fast stets schilst gesprochen wird, er schilt. schiltest bei Luther: du schiltest die heiden. ps. 9, 6; du schiltest die stoltzen. 119, 21; schiltestu den hohenpriester gottes? ap. gesch. 23, 4; Schottel 593 hat noch du schiltest, Stieler 1725 du schilst. das i wird zuweilen zu ü verdumpft: so sicht man etwas und schülts an dem ainen, aber dem andern get es hin. Zimm. chron.² 3, 315 Barack; schelt nur im reime:
trutz wers schelt.
Simpl. schr. 4, 297, 13.
im imperativ begegnet häufig die schwache form schelte für schilt; so schon bei Luther: einen alten schelte nicht, sondern ermane jn als einen vater. 1 Tim. 5, 1 (sonst schilt); schelte, wenn du mich nur anhören willst. Göthe 11, 29; schelte mich nicht, wenn ich dir sage ... 16, 23;
ja, schelte nur und fluche fort.
2, 250.
im prät. ist der alte wechsel zwischen schalt und schulten im ältesten nhd. noch gewahrt; für schulten auch scholten: andere wurden unwillig über ihn ... verworffen und scholten alles, was er thet. Kirchhof wendunm. 3, 54 Österley (4, 46);
die frösch verloren jhren gang.
jhrs neids und lestermauls entgolten,
damit sie auch die götter scholten.
Rollenhagen froschm. Oo 1ᵇ.
der vocal des plur. ist auch in den sing. eingedrungen: darnach kam Petrus de Vinea .. welcher den papst auch seines zeitlichen schwerds und jurisdiction wolt berauben, und schult jne dermassen sehr .. nach kam Guilhelmus de Sancto Amore .. welcher gar auff die mönche und pfaffen gesessen war, und scholt sie für undersassen des Antichrists. Fischart bienenk. 12ᵃ; er .. scholte. Holberg lustsp. (1744) 2, 94 (s. 2, b); Stieler 1725 verzeichnet ich schalt und scholt, Schottel nur in der 2. person du schaltest und schultest. der conj. prät. lautet zufrühest schülte: wenn mich gott also schülte wie den bapst im propheten Jeremia, so müste ich sterben. Luther tischr. 26ᵇ; dann ob du den schultest. Ter. übersetzt von Val. Boltz 5ᵇ; so noch Schottel 593; Stieler 1725 hat ich schölte und schülte. die gewöhnliche form im nhd. ist schölte; selten ist ein schälte nach schalt gebildet:
mir träumt' ...
ich säsze gleichwol auf dem richtstuhl dort
und schält' und hunzt' und schlingelte mich herunter.
Kleist 3, 106 Hempel (zerbr. kr. 3).
seit Gottsched 340 stehen die heutigen formen fest; ganz vereinzelt begegnet schwache flexion: sie schelteten ihn aus, er soll sich schämen. Abr. a S. Clara etwas für alle 2, 605. von neueren mundarten begegnet schelten besonders in der bair.-österr.: schelten, ich schilt, schult und scheltet, gescholten. Schm. 2, 415. Schöpf 600, schult, gschulte Hunziker 219, sowie im nd. als schelden, gewöhnlich schellen, prät. schuld, schull, schult, plur. schulden, gewöhnlich schullen. brem. wb. 4, 625. Schütze 4, 35. Dähnert 403ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 107ᵃ.
1)
geht man von 'polluere' als grundbedeutung aus, so ergibt sich als die nächstliegende 'jemanden schimpfen, schmähen, lästern, gleichsam mit kot bewerfen, seinen ruf beflecken'; diese bedeutung ist im ahd. die vorherrschende, vgl. die oben angezogenen glossen.
a)
jemanden schelten: zur banck hawen, einen ubergeben, schelten, proscindere conviciis aliq. Henisch 181, 3;
nist untar uns, theiʒ thulte,   thaʒ unsih iaman skelte.
Otfrid 3, 19, 3;
thie selbun êwarton   hôntun nan mit worton,
scultun nan zi flîʒe   in themo selben wîʒe.
4, 30, 20;
wie sêr er (Siegfried) des enkalt
daʒ diu vrowe Kriemhilt   die schœnen Prünhilde schalt!
Nib. 1728, 4;
wand si ir vluochet und sî schalt.
Iwein 2014;
si schallent unde scheltent reine frouwen.
Walther v. d. Vogelweide 24, 12;
wen man schilt, der schribts in steyn,
der do schilt, in stoub hyn eyn!
Murner schelmenz. 25, 19 neudruck;
ouch ob die knehte sich under einander slahent mit vûsten .. oder einander schelten lesterlîche. deutsche ordens stat. s. 142, 22 Perlbach; auch umb harrauffen, scheltn mit verpotnen worten, schwertzucken .. ze richten. tirol. weisth. 2, 367, 25; welcher under yne beiden eyner den andern zu zorne reisze, hontzel (hänsele), spei, oder schelle oder fluche. Mainzer urk. von 1481 bei Thomas oberhof 403, 42; (Christus) welcher nicht widerschalt, da er gescholten ward. 1 Petr. 2, 23; das hertzog George tobet, wenn man jn Christus und seins worts feind heiszet, und schreiet feindlich, wie man jn an seinen ehren schelte und schmehe. Luther 6, 14ᵃ.
b)
auf einen schelten, facere alicui convicium, male loqui alicui, conviciari alicui, compellare aliquem improbum, infamem nuncupare, imputare alicui delictum. Frisch 2, 173ᵃ, gewöhnlich mit übergang in die bedeutung 3.
c)
absolut, scheltworte ausstoszen, schimpfen, vgl. nd. schellen un schandiren nd. korrespondenzbl. 9, 75, 105; schelten gehört alten bösen weibern zu. Petri Ss. 3ᵇ; der selb (der geld ausleiht) hat jm denn selber einen feind gekaufft mit seinem eigen gelde. und jener bezalet jn mit fluchen und schelten, und gibt jm schmehewort fur danck. Syr. 29, 9;
dô sprach der hêrre Dietrich   'daʒ enzimt niht helde lip
daʒ si suln schelden   sam diu alten wîp.'
Nib. 2282, 2;
lât schelten ungezogeniu wîp.
Iwein 5012;
swer schiltet wider schelten,
der wil mit schanden gelten.
Vridanc 63, 2 Grimm;
latet juwe schelden, juwe drouwen!
Gerhard v. Minden 9, 47;
em halp wer schelden edder smeken.
Reineke Vos 638;
will er kifflen, so wil si schelten.
fastn. sp. 494, 28;
min (des teufels) sprach spürt man an inen wol,
die ist fluͦchens und scheltens vol.
Manuel 272, 401 Bächtold;
man schilt und rauft, man schreit und ficht.
Göthe 12, 196.
fluchen, verwünschungen aussprechen: diekein ûbel rede an .. flûchene oder scheltene .. sal gên ûʒ dekeines brûderes munde. statuten des deutschen ordens 48, 36 Perlbach;
und (sie) gsegnet mir das pad
mit fluͦchen und mit schelden.
Osw. v. Wolkenstein 86, 5, 16;
he schalt, he vlokede over luth.
Reineke Vos 5759;
was ist? was schiltst du nicht?
Grillparzer 6, 56.
d)
fluchen, lästern: blasphemare, got schelten, ei attribuere quod non est in eo, vel auferre ei quod est in eo. quelle bei Schm. 2, 416; sündigen mit gotschelten. sündenreg. von 1495 s. ebenda; da möcht ich gleich halbbatzen fluchen und groschen schelten. s. ebenda; vgl. ahd. gotscelta, blasphemiam, kotscelto, blasphemus, kotsceltari, blasphemus Graff 6, 488; das fluechen, schelten und sacramentieren würdet nit nur allein mit swerer geldstraf, sondern nach denen umständen an leib und guet bestraft. tirol. weisth. 1, 45, 4; erstens ist alles schwören, fluchen, schelten und die gottslaesterung bei hoher straf verpoten. 2, 1, 2; das ist ein tag der not, und scheltens und lesterns. 2 kön. 19, 3; das ist ein tag des trübsals, scheltens und lesterns. Jes. 38, 3;
von gott ubel schelten und schweren,
thut rechte lieb myndern und nit meren.
Amor D 3;
sie können scheltn und schweren.
bergr. 90, 4 neudruck (42, 5).
mit object gott schelten u. dgl.: er schelde denne got. veter buoch 19, 5 Palm;
daʒ er (der könig) durch sine hulde,
die gote nicht enschulde.
passional 465, 72 Köpke.
2)
jemanden schelten mit prädicativer bestimmung, ihm einen schimpf- oder spottnamen beilegen.
a)
schelten mit doppeltem accusativ: einen ein mörder on sein nammen oder unbenamset schälten, latronem et ficarium aliquem describere. einen ein narren schälten, stultitiae damnare aliquem. geytig schälten, anklagen geytig seyn, insimulare aliquem avaritiae Maaler 345ᵇ; umb das er jnne unseres herrn des burgermeisters und anderer umbstender genwurtikeyt yne eynen wissentlichen schalk und diep gescholten und geheiszen. urkunde von 1479 bei Thomas oberhof 397, 31; wen man ainen überlang und gros wolt schelten, sprach man: der puntschuech oder hosen Maximini. Aventin chr. 1, 922, 19; wer das kind eine mähre schilt, schlägt den vater an's ohr. Schiller kab. u. liebe 2, 6; meinen lehrjungen schalt ich einst, noch vor dem frühstück, einen ochsenkopf. Hebbel (1891) 9, 22; der ungeahnte plötzliche umschwung, welcher unter Julian nun eintrat, bewirkte, dasz .. sie (die christen) .. von einem abtrünnling, überläufer u. dgl. gescholtenen kaiser nichts anderes als die heftigsten verfolgungen erwarteten. Mücke Flav. Claud. Julianus 2, 91;
dat sowie die mi ghenaket
sceldet mi dief of hevet leet.
Reinaert 1999;
ich schelde dich ein bosewichten.
Alsfeld. passionssp. 4682;
du schiltst dich selber einen hund.
bergr. 88, 11 neudruck (41, 6);
als vor jener hütte,
der wir segen brachten, uns der pförtner ..
drohend fortwies, und uns heil'ge lügner,
uns verräther schalt.
Herder z. litt. 6, 60;
man könnte dich ein mädchen schelten.
Göthe 41, 44.
vergl. auch: dekein brûder sol dikeinen cristenen menschen heiʒen verrêtere oder abtrunnigen von dem gelouben .. oder mit susgetânen worten schelden. statuten d. deutschen ordens 59, 15 Perlbach. mit sächlichem object: wenn deine Leonore dir jezt einen labetrank brächte, würdest du den kelch mit verzukkungen wegstoszen, und die zärtlichkeit eine giftmischerin schelten. Schiller Fiesko 4, 14; nur ein heulender sünder konnte den tod ein gerippe schelten. kab. u. liebe 5, 1;
ich bin des fuchses ebenbild,
der trauben, die zu hoch ihm hangen,
... sauer schilt.
Gotter 1, 460;
ich schelt' euch allzusammen schlecht!
Göthe 41, 40;
schilt diese hingebung nicht flatterliebe.
Shakesp. Romeo 2, 2.
b)
einen für etwas schelten, besonders im ältern nhd.: (sie) haben die patriarchen für ketzer gescholten. Luther 4, 72ᵇ; da einer oder mehr im rechten sesse, der nicht ehrlich oder tüchtig im rechten zu sitzen erkennet würde, und einer under jhnen solches auff disen wüste, und verschwiege es, und keme uber lang oder kurtz ausz, so sol derselb, so es gewust, unnd verschwiegen hat, vor einen meineydigen gecholten werden. Reutter kriegsordn. 37; ich scholte sie also vor treulose und furchtsame. Pierot 2, 361; arme leute .. schelten sie für thoren. Olearius pers. rosenth. 88ᵇ (7, 20); da er mich für einen hahnrey scholte. Holberg lustsp. (übers. von 1744) 2, 94; ohne zu fürchten, dasz man ihn für unwissend, oder gar unsinnig schelten werde. Lessing 8, 85;
ich macht es jnen rechte saur,
schalt sie vor schelmen, dieb und laur.
Ringwaldt getr. Eck. G 3ᵃ;
und jhn mit gewalt,
vor einen meutenmacher schalt.
H 4ᵇ;
drum der sich heilig dünckt und uns für ketzer schilt,
seh zu, dasz ketzerey für heiligkeit nicht gilt.
Logau 1, 204, 45;
dasz sie, die höher so sich halten als sie gelten,
musz billich alle welt, er selbst, für jecken schelten.
3, 215;
schelten sie mich auch für häszlich, kenn' ich doch das schöne wohl.
Göthe 41, 196.
mit sächlichem object:
ein sperling auf dem nächsten baume ...
schalt dieses (tauben-)paars verliebte ruhe
für schlafrigkeit, frost, unvermögen.
Ramler fabellese 3, 217;
ähnlich als etwas schelten:
das leben schalt ein blöder mann,
als schaum im bach, als wasserblase.
Voss 6, 38.
c)
vielfach auch in verblaszter bedeutung, jemandem einen titel beilegen, besonders ein ehrendes prädicat, mit dem nebensinne, dasz es unverdient ist, auch hier in denselben constructionen. vgl. Schmeller 2, 416.
α)
mit doppeltem accusativ: jemanden einen gnädigen herrn schelten. Adelung (2, 3); sondern (du) lebest, wucherst, und stilest on furcht, und wilt noch dazu ein redlicher man gescholten sein. Luther 4, 529ᵃ; noch aber bin ich nicht hauptmann, und ich lasz mich nicht gern mehr schelten, als ich bin. H. L. Wagner kindermörd. 5, 17 neudruck; sehr fleiszig sind gedichte aus Müllers versuchung eingerückt, der einmal über das andere ein groszer mann gescholten wird. Göthe 33, 66; der mensch Leuthold kann dem menschen Adolf rathen, ohn' dasz man ihn gestrenger herr schilt. Veit Weber sagen der vorzeit 3², 961;
herr Gries
(der sich doch ritter schelten liesz).
Wieland 18, 324;
und dieser herzog,
der sich den guten schelten läszt.
Schiller jungfrau von Orl. 2, 2.
β)
mit für: und wilt doch kein dieb sein, ja du leszt dich von andern leuten für einen fromen, redlichen und auffrichtigen man schelten. Luther 4, 528ᵃ; manche dame werde auch für eine jungfrau gescholten werden, welche allbereit ein paar kinder im leibe getragen. Schuppius 577;
wir redten gut latein,
und wolte keiner nicht für teutsch gescholten seyn.
Opitz 2, 45;
behertzte königin! ...
die Rom für Afrikens Penthasilea schilt.
Lohenstein Sophonisbe 1, 365.
3)
gewöhnlich hat schelten den sinn von tadeln, vorwürfe machen, mit mannigfachen nüancierungen: convitiari, vitio vertere, vituperare, criminari, dare vitio, reprehendere, obiurgare, carpere, carpere verbis, detrectare, accusare, incusare, maledicere, arguere, obloqui, inclamare. Dasypod.; eine feste scheidung von der bedeutung 1 ist nicht durchzuführen.
a)
in diesem sinne ist schelten dem loben entgegengesetzt: ein weisen mann kennt man, so er gescholten nicht zürnet, gelobt nicht geschwilt. Henisch 1544, 32; ich will mich ander schelten und loben lassen. Carbach Liv. 172ᵇ; sie loben alles ... wan sie bey einem sind, aber sie schelten alles, wann sie von einem kommen. jener sagte: wer mich lobt in præsenz, und schilt mich in absenz, den erwürg die pestilentz. Schuppius 230;
und voren loben und hinten schelten.
fastn. sp. 743, 7;
der kan schelten, wen er wil,
und wider loben nur zuͦ fil.
Murner schelmenz. 25, 13 neudruck;
schelten bringt pein,
drumb wil ein jeder gelobt sein.
Petri Ss. 3ᵇ;
dasz seine tugend lobt, die laster niemand schilt.
Logau 2, 102, 18.
dagegen ist es synonym mit tadeln:
aber täglich mit schelten und tadeln hemmst du dem armen
allen muth in der brust.
Göthe 40, 261;
nicht lobenswegen sind sie hier, ich weisz,
sie sind geschickt, zu tadeln und zu schelten.
Schiller Piccol. 1, 4.
zuweilen wird es von tadeln als der stärkere ausdruck unterschieden: und ob ihr schon darum deszhalb nicht zu schelten seyd, so seyd ihr doch zu tadeln. Göthe 22, 40; der schuldige wird bestraft, aber die veranlasser dieser gerechtigkeit werden getadelt, wo nicht gescholten. 26, 264.
b)
ohne object: schelten schreckt mehr an dem verstendigen, denn hundert schlege an dem narren. spr. Sal. 17, 10; es ist besser hören das schelten des weisen, denn hören den gesang der narren. pred. Sal. 7, 6; darumb unser schelten kein schmehen ist, sondern die lauter warheit. Luther 6, 14ᵃ;
wie schelden wil, sel wesen claer.
Reinaert 5884;
laut schelten die bestürzten lords.
Immermann 13, 152;
so auch: die scheltende poesie (satire). Göthe 49, 151. häufig im sinne eines lauten, hastigen, drohenden sprechens als ausdrucksweise des zornes:
die (teufel) schrien unde schelden
gegen mir harte sere.
pass. 134, 32 Köpke.
so namentlich in der bibel vom schelten des herrn, häufig als ausdruck für den donner: des erdbodens grund ward auffgedeckt von dem schelten des herrn, von dem odem und schnauben seiner nasen. 2 Sam. 22, 16; aber von deinem schelten fliehen sie (die wasser), von deinem donner fahren sie dahin. ps. 104, 7; sihe, mit meinem schelten mache ich das meer trocken. Jes. 50, 2; wenn ich uber dich das recht gehen lasse, mit zorn, grim, und zornigem schelten. Hes. 5, 15; A. was geben sie mir aber für ein andres bild des donners, da sie mir die donnerpferde geraubt haben? B. die stimme des scheltenden vaters. Herder z. theol. 1, 172; auch von menschen, drohen: denn ewer tausent werden fliehen, fur eines einigen schelten. Jes. 30, 17. in milderem, scherzhaftem sinne: sie sprach ... gegen den bruder, der seinerseits ihre neckischen worte gleichfalls lachend und scheltend zurückgab. Mörike maler Nolten 1, 38.
c)
jemanden schelten: den kerl laut schelten, clara voce hominem verbis increpare; die kinder schelten, inclementer pueris dicere Steinbach 2, 488; unde iteuuîʒʒa dero dir iteuuîʒonton châmen an mih. ziû sô? uuanda mih niêman nesciltet, er nescelte dih Notker ps. 68, 10;
in schalt diu werlt gar.
Erec 2988;
rehte als engel sint diu wîp getân.
swer si schildet, derst betrogen.
Walther v. d. Vogelweide 57, 9;
alsô solt man einen man
schelten, der dâ übel sî.
Teichner s. 20 Karajan;
die sunder wel ich schelden,
die warheit wel ich melden.
Alsf. passionssp. 582;
darumbe schulden sie in sere. veterbuoch 81, 1 Palm; de man godes began mit groter bitterheit ene to scheldene .. unde he en wiste nicht, war umme he geschulden wart. quelle bei Schiller-Lübben 4, 61ᵃ; und Jacob ward zornig, und schalt Laban. 1 Mos. 31, 36; doch man thar nicht schelten, noch jemand straffen, denn dein volck ist wie die, so die priester schelten. Hos. 4, 4; denn der herr wil sein volck schelten, und wil Israel straffen. Micha 6, 2; denn er (der gerechte) .. schilt uns, das wir wider das gesetze sündigen, und ruffet aus unser wesen fur sünde. weish. Sal. 2, 12; der mann gehet hinzu und fänget ihn an zu schelten, warumb er so unvorsichtig wäre. Olearius Lokmans fab. 25;
drumb sie (die frösche) den newen könig scholten.
Alberus fab. s. 28 neudruck (5, 28);
manches habt ihr vorgenommen,
manches ist euch schlecht bekommen,
und ich musz euch schelten.
Göthe 1, 139;
... sonst wirst du gescholten.
1, 223;
was that ich denn, dasz du mich schiltst?
Grillparzer⁴ 3, 215;
und sieh! mein oheim kommt. er wird mich schelten,
und zwar mit recht, warum gab ich euch nach?
6, 40.
auch mit zusatz einen zur ehre schelten, was ihm an die ehre geht, ihm ehrenrühriges nachsagen: die fraue, .. die .. die dirnen wollen zur ehre schelten. darwider der rath und ganze stadt der dirnen gut zeugnisz gegeben. Luther briefe 5, 717.
d)
in der bibel häufig noch in einem stärkeren sinne 'verfluchen': kom, verfluche mir Jacob, kom, schilt Israel. wie sol ich fluchen dem gott nicht fluchet? wie sol ich schelten den der herr nicht schilt? 4 Mos. 23, 7. 8; du schiltest die stoltzen, verflucht sind die deiner gebot feilen. ps. 119, 21; da fieng er an die stedte zu schelten, in welchen am meisten seiner thaten geschehen war .. wehe dir Chorazin, weh dir Bethsaida. Matth. 11, 20, vgl. auch: man schilt uns, so segen wir. 1 Cor. 4, 12; von gott, mit angabe der wirkung: der das meer schilt und treuge macht, und alle wasser vertrockent. Nahum 1, 4.
e)
mit angabe des grundes, in der ältern sprache gewöhnlich im genitiv:
des ensol si nieman schelten.
klage 70 Lachm.;
aber etlich ansehenlich Behem haben herr Hannsen von Bodman seines fürgebens gescholten. Zimm. chron.² 1, 229, 2 Barack; jetzt mit wegen, über u. a.: scheltet sie nicht darüber, ... bedauert sie vielmehr! Göthe 19, 18; so hatte er sich über eine neue verwegenheit zu schelten. 19, 69; er schalt sich über seinen kleinmut. Mörike maler Nolten³ 2, 239.
f)
etwas schelten, tadeln: das wätter und die zeyt schälten, als unglückhafftig, die schuld eines unfals auff die zeyt legen, damnare tempora infelicitatis. Maaler 345ᵇ;
swes leben ich schilt, der schilt das mîn.
Vridanc 62, 24 Grimm;
ich enschilte niht swaʒ ieman tuot,
machet er daʒ ende guot.
63, 20;
so mochtic mijn gheluc wel scelden.
Reinaert 1830;
dasz ich nummer wel abe lan ...
ich wolle din bosheit schelden.
Alsf. passionssp. 570;
ob ein brûder von gelust oder von hôhvart der sunde gewonheit hat zu redene .. niht in der wîse, daz er sie clage oder schelte. statuten des deutschen ordens 80, 20 Perlbach; der trat für Fulvium, und schalt sein grimmigkeit. Carbach Liv. 144ᵇ; aber geschehne ding sind leichter zu schelten dann zu bessern. 191ᵃ; zu letzt, da die eilffe zu tisch saszen, offenbart er sich, und schalt jren unglauben, und jres hertzen hertigkeit. Marc. 16, 14; denn eine iede böse that, wie hoch sie verblümt, wirdt doch letzlich ire falschheit mennigklichen zuͦ wissen und gescholten, auch soviel mehr von gott gestraffet werden. Kirchhof wendunm. 1, 23 Österley (1, 14); darumb sehe ichs für gut an, dasz ich des königs meynung beyfall gebe, damit, wenn es übel ablauffen möchte, er meinen rath, dem er gefolget, nicht schelten .. könne. Olearius pers. rosenth. 22ᵃ (1, 34); eure väter machten ihn zum könig, ohne euch zu fragen; ihr habt das recht, ihre wahl zu schelten. Klinger 2, 45; jederman protestirte gegen meyne liebhabereyen und neigungen, und das was man mir dagegen anpries, lag theils so weit von mir ab, dasz ich seine vorzüge nicht erkennen konnte, oder es stand mir so nah, dasz ich es eben nicht für besser hielt als das gescholtene. Göthe 25, 66;
jeder schilt das hofe-leben, wann er nicht darinnen ist.
Logau 2, 73, 73;
der heyden tollen ubermuth
hast du also gescholten.
Weckherlin 28 (ps. 9, 4);
er (über wind und meer und alles herr und got)
bald scheltend meer und wind jhr weittre wuht verhindert.
250 (ps. 107, 33);
o kennt er selber reine flammen,
er schölte meine thränen nicht!
Haller 163 Hirzel;
was kann man sonst als reim' an einem reimer schelten?
Lessing 1, 24;
bildlich:
was rath! hat rath bei menschen je gegolten?
ein kluges wort erstarrt im harten ohr.
so oft auch that sich grimmig selbst gescholten,
bleibt doch das volk selbstwillig wie zuvor.
Göthe 41, 161.
g)
schelten auf jemanden oder etwas: er schalt mit vielem eifer auf die üppigkeit der Abassiden. Wieland 6, 209; wie unverständig .. war es, als du ehmals auf eine nation schaltest, eben weil es eine nation ist. Göthe 19, 106; man schalt auf sie, dasz sie das übel nicht eher entdeckt habe. 41, 60.
h)
veraltet sind dativische fügungen.
α)
einem etwas schelten:
schülte ich im (gott) sîne vlîʒe, sîniu werk, unt sîniu wort.
minnes. 2, 357ᵃ Hagen;
ich mags genieszen odr entgeltn,
ich kans jn nicht zu gutem schelten.
Dedekind christl. ritter L 7ᵇ (5, 7);
in ähnlichem sinne das noch jetzt übliche etwas an einem schelten:
ich schilte daʒ an manegem man,
daʒ ich selbe niht vermîden kan.
Vridanc 62, 20 Grimm;
dagegen steht der dativ nur noch als dativus ethicus:
ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten.
Göthe 40, 260.
β)
einem schelten im ältern nhd.: also fieng die omeysz an jrem hohen stand verzweiflet zuschelten und sprach. Franck sprichw. 1, 128ᵃ;
und darum scheltet nicht dem Phöbus, eurem knechte.
Günther 423;
soll ich der flucht von meinen tagen schelten?
Göckingk lieder zweier liebenden 147.
4)
sich mit jemand schelten gewöhnlich in der bedeutung 2, sich mit ihm zanken, sich gegenseitig scheltworte sagen: ain rain pider weip ... si schilt sich mit niemant. Megenberg 226, 7;
zwei wip sich mit einander schulten.
Hugo v. Trimberg renner 4149;
der ist eyn narr der widerbillt
und sich mit eynem truncknen schillt.
Brant narrensch. 68, 4.
doch zuweilen auch in edlerer bedeutung für 'jemand tadeln, strafen', so namentlich in biblischer sprache: ich mus mich jmer mit euch und ewern kindskindern schelten, spricht der herr. Jer. 2, 9; solchs aber thut Habacuc nicht, das er mit gott rechte, oder sich mit jm schelte. Luther 3, 229ᵃ; hie schilt er (Habacuc) sich mit der sünde der lesterer, und strafft sie, und tröstet die seinen. 236ᵇ. in ähnlichem sinne auch mit jemand (oder etwas) schelten, ohne sich, namentlich in der ältern sprache:
daʒ er mit im schülde.
Heinr. v. d. Türlin krone 3550;
ic enwil niet veel mit u scelden.
Reinaert 4350;
und doch, Al-Hafi, könnt' ich mit dir schelten.
Lessing 2, 236 (Nathan 2, 2).
5)
mit angabe der wirkung, jemanden aus der christenheit schelten, ihn einen unchristen nennen (?): item es soll niemant den andern aus der cristenhait schelten, bei der pen zwaiundfunfzig phunt perner. tirol. weisth. 1, 224, 41; wo .. nur nit .. die ungelerten .. die gelerten, so's wissen, darumb nit verachten und ausz der christenhait schelten wöllen. Aventin chron. 1, 746, 6; jetzt besonders in redewendungen wie jemanden fortschelten, einem die haut (jacke) voll schelten, nd. auch den pukkel vullschellen Schütze 4, 35: ja, (sie) müssen wol leiden, dasz ihnen von eben denjenigen epikuren, über welche sie sich beklaget haben, die haut rechtschaffen werde vol gescholten. J. Rist neue passionsandachten (Hamburg 1664) vorbericht c 4ᵇ;
der pfarrer und der küster
schalt sie nicht minder fort.
Hölty 9 Halm.
so ist wol auch zu verstehen:
daʒ in daʒ leit nider schalt (handschr. salt)
und lie selten sît gesprechen wort.
klage 2094 Lachm.
(das leid schalt ihn gleichsam so heftig, dasz er dagegen nicht zu worte kommen konntedie andern handschr. haben:
daʒ in daʒ leit mit gewalt
lie selten u. s. w.,
vgl. auch Paul - Braune beiträge 3, 387).
6)
mannigfach sind die technischen verwendungen von schelten in der rechtssprache:
a)
anklagen brem. wb. 4, 625, bei Adelung als veraltet.
b)
einen handwerker, der etwas unredliches begangen, aus der innung ausschlieszen und durch treibebriefe von ort zu ort verfolgen. Jacobsson 7, 201.
c)
bescholten machen, für unehrlich erklären, wofür häufiger beschelten; einen flüchtigen verbrecher schelten durch anschlag eines galgenbriefes (vgl. theil 4, 1, 1173): wil man sie in andern fürstenthümben auch schelten und an galgen schlagen, so musz es mit derselben herrschaft vorwissen geschehen. Ad. Junghans kriegsordn. (1590) P 3ᵇ; ähnlich werden säumige schuldner gescholten, meistens durch eigens dazu gedungene spielleute oder auch durch scheltbriefe; vergl. Grimm rechtsalterth. 612 f. und schelter. bildlich vom tode, der gleichsam eine schuld einzuklagen hat:
sî muosen vaste gelten
vür des tôdes schelten.
Iwein 7162, vgl. Beneckes anm. und Grimm myth.⁴ 2, 706, anm. 3.
d)
ein urtheil schelten, hiesz vor alters appelliren, appellare, vituperare judicatum, an einen obern richter. Frisch 2, 173ᵃ; provocare a sententia, judicatum evertere, rejicere. Stieler 1725, vergl. Grimm rechtsalterth. 865 f.: wir heiʒen das gescholden orteil, wer alsô spricht: ich wedirwerfe dis orteil, wenne es ist unrecht. kulm. recht 5, 66, im mhd. wb. 2, 2, 131¹, vgl. Scherz - Oberlin 1392. besonders gebräuchlich auf nd. gebiete, vgl. Schiller-Lübben 4, 61ᵇ. brem. wb. 4, 625 f. Dähnert 402ᵇ. schelden het oor - deel, contradicere sententiae, increpare sententiam, vulgo appellare. Kilian (als sächsisch und niederrheinisch); schilt man en ordel, des sal man tien an den hogesten richtere. Sachsensp. landr. 2, 12 § 4 Homeyer; sve so en ordel beschilt, de sprict alsüs: dat ordel dat die man gevunden hevet, dat is unrecht, dat scelde ik unde tie des, dar ik is to rechte tien sal. § 11; die man spreke alsüs also he en ordel scelden wille .. heist du N unde bist du N, so hevest du mime herren unde dime herren unde mie unde die to lenrechte en unrecht ordel gevunden, dat scelde ik unde tie des dar ik is durch recht tien sole. lehnr. 69, § 5, vgl. richtst. lehnr. 27 § 1; beropinge, dat het eyne appellacio to latine unde het up werlik richte eyn ordel scheldent. quelle bei Schiller - Lübben a. a. o.; mit angabe der appellationsinstanz: iodoch so schulden des hertogen degedingeslude de sake van deme keiser to deme pawes. chron. d. nordelb. Sachs. 114, s. ebenda; ebenso auch sin recht schelden ebenda; in noch freierer fügung: isset ock, dat iuw wat to sware dunket, dat scheldet vor mi (referte ad me) unde ik werde iuw horende. 5 Mos. 1, 17, s. ebenda.
e)
einen quitt, los schelten für los und ledig erklären, von einer forderung oder strafe frei sprechen; so besonders auf nd. und fries. gebiete: des kummers quit schelden, des arrests entlassen; ik schelde em van der schuld quit, ich erkläre, dasz er mir nichts mehr schuldig ist; lange borgen is nien quit schelden. brem. wb. 4, 626; dat wy hebben Alb. vrig, qwyet, ledich unde loes gelaten, unde schelden ene qwyet, vrig, ledich unde loes van allen egendome. oldenb. urk. von 1515 bei Schiller - Lübben 4, 61ᵇ; unde kumt dar nemant, de ene beklaghet, me schal ene schellen ledych unde loos tho deme richte. Bremer stat. 827, s. ebenda; over de burmester, boddel unde vogede de worden orer fenckenisse quyt geschulden. Braunschw. chron. 2, 375, 23, s. nd. korrespondenzbl. 9, 37; ick schield Tzomma fry ende quyt, ende betankie hiar gueder betalinghe. Richthofen 1022ᵇ (urkunde von 1464); doch auch im ältern nhd.: da werden denn meine borger fro, das ich nicht gar aus dem lande lauffe, und schelten mich denn quit 2. oder 3. pfennig aller meiner schuld. Luther 2, 488ᵇ;
mit einem schaf nur werd vergolten:
damit soltu sein losz gescholten.
B. Waldis Esop 3, 93, 142.
mit veränderter beziehung eine schuld quitt schelten, erlassen: solt er (gott) nicht billich die erbsünde sampt der gantzen schult, quitt schelten, so man jhn so ehrlich bezalt, mit wachs, schmaltz, schmär und speichel. Fischart bienenkorb 108ᵇ.
7)
der umgangssprache gehört die wendung gescholtenes kriegen für schelte kriegen (vgl. daselbst) an Bernd 251: greiff zu, ich kriege sonst gescholtenes. Lessing 2, 579.
8)
holsteinisch schellen für 'weinen' in der ammensprache: dat kind schellt. Schütze 4, 35.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1893), Bd. VIII (1893), Sp. 2522, Z. 73.

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Zitationshilfe
„gescholten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gescholten>, abgerufen am 06.12.2021.

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