Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

geschrei, n.

geschrei, n.
clamor, fama, ahd. giscreigi, mhd. geschreige, geschreig (weisth. 6, 594, 7), geschreie, geschrei, auch geschrêge rechtsbuch v. Mühlhausen in Thür. von 1256 27. 30, geschrê, im ältern nhd. noch bisweilen geschreig Lorichius junge fursten 158 neudr., geschreigh weisth. 6, 594, 7 (Eifel, von 1476), mnd. geschrichte, geschricht, geschrig und geschreit, noch in nd. mundarten geschrichte, geschricht und schricht Schambach 63ᵃ. brem. wb. 4, 696. Frischbier 1, 230ᵃ, mnl. gheschrey, nnl. geschreeu, geschrei. es ist das coll. zum ahd. screi, gen. screies und screiges, dessen masc. geschlecht es bisweilen annimmt: ein groszer geschrei Nic. von Basel 313, abir sie lieszen iren geschrei nicht Rothe dür. chr. c. 682, stêten geschrê Martina 276, 7, ein groszer geschrê Closener in städtechr. 8, 84, 8, mnd. der geschrichte. daneben als subst. verb. zu schrîen mhd. daʒ geschrîe. selten im plural: ahd. giscreigin, clamoribus Graff 6, 566, ihre zahnbrecherische geschrei Witzenbürger (1605) 3, 178.
1)
das schreien, sowol die handlung als der schall: mhd.
man hôrte niht wan ein geschrei
'wâ nû sper? wâ nû sper?'
Iwein 7110;
sult ir nu weinen sô diu wîp, ..
waʒ touc helden sölh geschrei?
Wolfr. Willeh. 152, 16;
den feind mit geschrei fürhin reitzen oder löcklen. Maaler 173ᵇ, s. kriegs-, kampf-, schlachtgeschrei; geschrai der schiffleute so sie in noten sind oder ein yglich notgeschrai, celeuma voc. 1482 m 3ᵇ; das geschrei nach hülfe, um rettung; geschrei der clagenden. voc. inc. teut. i 3ᵇ; auff dem gebirge hat man ein geschrei gehöret, viel klagens, weinens und heulens. Matth. 2, 18; biblisch, das laute klagende, ängstliche rufen, mit dem die heiligen gott nahen: herr, merk auff mein geschrei. ps. 17, 1. 61, 2, neige deine ohren zu meinem geschrei. 88, 3; geschrei der jungen kindlen. voc. inc. teut. i 3ᵇ;
bis, durch der sterbenden geschrei erweckt,
das weite lager zu den waffen griff.
Ew. v. Kleist 2, 95 Körte;
ein wildes geschrei dort,
aus mishelligen rufen gemischt, tönt hallend zum himmel.
Voss Virg. Än. 11, 454;
thränen der weiber,
leidenschaftlich geschrei, das heftig verworren beginnet.
Göthe 40, 331;
es sol hinfür niemands in diser stat, nachdem und es zwu hore in der nacht geschlagen hat, einich geschrei oder unzucht nicht füren oder üben. Nürnb. pol.-ordn. 55 Baader (von 1471); ein geschrei von zusammen gerottetem pöbel auf der gassen. Ludwig 755; feuergeschrei Stieler 1932; Wilwolt was der krumen denz nit ganz wol bericht, derhalb er mit der frauen still stünd. es wart ein grosz geschrai und juchzen über in. Wilw. v. Schaumb. 68; da nu Josua höret des volcks geschrei, das sie jauchzeten, sprach er zu Mose, es ist ein geschrei im lager wie im streit. er antwortet, es ist nicht ein geschrei gegen ander, dere die obligen und unterligen, sondern ich höre ein geschrei eins singentantzs. 2 Mos. 32, 17 fg.; da die Philister höreten das geschrei solchs jauchzens. 1 Sam. 4, 6;
hörest du, liebchen, das muntre geschrei den Flaminischen weg her?
Göthe 1, 275;
ein geschrei machen, erheben, ausstoszen u. s. w.: da er höret, das ich ein geschrei machte und rieff, da lies er sein kleid bei mir. 1 Mos. 39, 15; als sie darnach ein geschrei erhuͦben. Micyllus Tacitus (1535) 28ᵃ; ich erhob ein entsetzliches geschrei. Wieland 12, 119; sie erhoben lautes geschrei. Musäus volksm. (1839) 4, 116; mhd. daʒ geschrei heben oder erheben, zuerst schreien Ottokar reimchr. 11463. 11480 Seemüller; lassen sie anspannen, oder ich fülle das haus, das ganze dorf mit meinem geschrei. Göthe 20, 14. insbesondere
a)
im früheren volks- und rechtsleben für das alte gerüefte, nd. gerûchte (s. gerüfte 2, gerücht 2).
α)
der ruf um hülfe an die nachbarn zur verfolgung des verbrechers, das aufgebot des landes durch lautes rufen, glockenläuten, schieszen, gegen räuber und mordbrenner, sowie gegen feinde überhaupt (s. landgeschrei th. 6, 118): wo man des (raubs) bei unsern schlossen erfarung und wissen empfacht, sollen alsdann etlich püchsenschüsz aus unsern schlossen getan werden, damit das geschrai allenthalben in der gegent, darin die räuber oder beschediger sein söllen, eroffnet und denselben dest bas mit guter ordnung nachgeeilt mög werden. landpot in Ober- u. Niderbaiern (1516) 11ᵇ; so der dieb, ehe und er an sein gewarsam kompt (seinen zufluchtsort erreicht), betretten würd oder ein geschrei oder nacheil machte (hervorriefe). Carolina art. 158; wenn och ain geschrai oder gelöuf wurde, das man aim herren von Sant Gallen die sinen oder das sin hintribe, da sol mengcklich zuͦlouffen und helffen getrüwlich retten. weisth. 1, 213 (St. Gallen, von 1495); wo reisigen durch die frihe grafschaft (Dietz) riden und ob sie raup oder diepstal dardurch förten, also das sie in der grafschaft niemand schedigten und och kein nahe geschrei volgete, die ensall man nit rügen in der frihen grafschaft. 1, 579, 8 (von 1424); ist das ein lantman ein andern lantman krieget und anloufet in diser stat, so sollent unser burger, die doby sin, zuͦloufen mit waffen und sie bedersit vohen; wer ir aber so wenig, das sie sie nit behaben möchten, so sollent sie nachfolgen mit dem geschrei durch die gassen, und sol menniglich zuͦloufen mit bereitschaft. Straszb. verordn. 24 Brucker (15. jh.); wer eʒ sache, daʒ ein geschrei in der zent würde, würde danne daʒ lantfolk ermant von unsers herren amptman von Wertheim, so solten sie unserm herren ader sinem amptman nochziehen und volgen. weisth. 6, 20, 8 (Franken, von 1384); clockengelude, das geschreie mit der folgen im lande. 2, 205 (Hunsrück, von 1377); klockengeleut und geschrei, auszug und inzogh. 2, 425 (Untermosel, 16. jh.). nach dem dabei gebräuchlichen rufe wâfen! und heil alle! hiesz dies geschrei auch waffengeschrei Brünner stadtr. 184, weisth. 2, 339, 348 u. ö., heilalgeschrei weisth. 3, 397. 6, 73, 3 und entstellt heiler- (s. d.), heller- (w. 6, 238), heuler- (2, 489), heil- (2, 472, 8), heilawe- (3, 342), heiligergeschrei (2, 229), auch helfgeschrei (2, 17. 6, 427). vgl. Grimm rechtsalterth. 877. — gegen den heranziehenden feind erscholl der ruf feindio durch das land: so wan wir vientschafft han, .. sint (die bürger zu Saarbrücken) auch schuldig zu unserm hornblase und zu unserm degelichen geschreie uszzuziehen mit uns und unsern mannen, uns und unser gut zu schirmen und das ire. weisth. 2, 3. 19 (von 1321); wer es sach, das ein feindeio geschrei im lande würde. 6, 48 (vom j. 1448); item weisen sie einem abt zu Prüm den klockenklang und allen vorgang, ob sach wäre, dasz feindtgeschrei queme. 2, 533 (von 1576), feintzgeschrei 543.
β)
vor gericht bei gewaltthat und mord das klagegeschrei, mit welchem die richterliche hülfe angerufen und die klage eingeleitet wurde: so sal ir vurspreche fregin den schulteiszen, daʒ er ime die scheffin und den lantman frege, ob sy ir irste geschreie rechte hebben getoun? so sal man wysen, ja. so sal ir vurspreche orlaup heischen, daʒ sy iren doden furbaʒ dragen und ir ander geschreie beginnen. so sullent sy daʒselbe geschry aber dry stund (dreimal) dun. so sal ir vurspreche aber fregin, obe sy ir ander geschrye rechte gedain haben? so sal man wysen, ja. so sal der vurspreche aber urlaup heischen, daʒ sy iren doden furbaʒ dragen und ir dritte geschrye beginnen. so sullent sy is aber dry stund dun, als sy vor gedain hant. weisth. 2, 212 (Bacharacher blutrecht); (bei klage wegen überfall und verwundung) der vorsprach: wie soll man das gerichte anfahen? erk.: mit waffender hand und des landes geschrei. vorspr.: wie soll das geschrei lauten? erk.: to jodute. vorspr.: wer soll das dhuen? erk.: der fronbote, und dem es noht ist. vorspr.: wie ofte soll er verschreiet werden? erk.: drei mahl. 4, 655 (Hemmendorf bei Hameln); darauff bitt ihn der cemmerer zu fragen, wie er den cleger zu gericht bringen und gleiten soll, dasz er recht thue nach kampf- und Franckenrecht? das fragt mein herr, so wird geurtheilt: mit geschrei und mit gesang ('in gottes namen fahren wir'). weisth. 3, 604 (ordnung des kampfrechts am landgericht zu Franken). daher noch bei Philander (1650): auf unformliches ungerichtliches geschrei aber ist ein ehrenmann gegen hirnschellige kerls nicht schuldig (rede) zu stehen. 2, 519.
b)
feldgeschrei, losung: tessera, gschrai, creiden, los. Aventin 1, 560, 9 Lexer; der puntschuech ist die creiden, los und geschrai im krieg gewesen. 5, 153, 13; solchs deutet auch die losung und geschrei im streit, hie keiser, hie Frankreich, hie Lüneburg, hie Brunschweig. Luther 3, 327ᵇ; jr losung und geschrei, das sie in streiten wie in kriegen gebrauchen. buch d. liebe 266, 4; allgemeiner:
frisch, from, frölich und frei
ist aller studenten geschrei.
hs. liederb. von 1574;
es sol auch euer losz sein, damit wir uns unter einander erkenten, 'pfründ' und das geschrei 'schöne weiber'. Schade sat. 3, 97, 16;
etwenn was ir (der ackertrappen) gemains geschrai:
'wolauf mit mir zum malvensei (malvasier)!'
nun lernens wasser lappen.
Uhland volksl. 1, 429, 13.
c)
im bergbau: geschrei, auch berg-, erzgeschrei, die nachricht, der ruf von auffindung einer reichen lagerstätte oder eines reichen anbruchs Veith 230: das new geschrei von dem Joachimsthal, da jederman geschrien 'in thal, in thal, mit mutter, mit all.' Albinus meiszn. bergchr. (1590) 24.
d)
jäger- und waldgeschrei, concentus cornuum, strepitus venatorum Stieler 1932: ein hirtzen mit dem geschrei in das garn jagen. Maaler 173ᶜ, s. jagdgeschrei th. 4, 2, 2208.
e)
geschrei von thieren: geschrei aller unvernunftigen creaturen. voc. inc. teut. i 3ᵇ; ein löwengeschrei. Hutten 5, 9 Münch;
so trete schaf, ochse, pferd, alles vieh, bei
und führten .. ein mächtig geschrei.
Logau 1, 10, 70;
von dem geschrei (brunstgeschrei) der pferdt. Albrecht rossarznei (1542) 33; hirschgeschrei, cervi venereus aestus et clamor Stieler 1932; das eselsgeschrei Ludwig 755; geschrei dieser adler. Prätorius glückstopf 317; eulen-geschrei 424; das holzgeschrei (häher). Becher 91; das hüner-gschrei schweiz. schausp. des 16. jh. 1, 261 Bächtold;
die hann und vogel mancherlei
loben gott mit jrem geschrei.
Mich. Weisze bei Wackernagel kirchenl. 286;
einst liesz der thiere groszsultan ..
durch das geschrei von einem hahn
sich wie ein feiger hase jagen.
Pfeffel poet. vers. 2, 123;
das raben-, froschgeschrei Ludwig 755; geschrei der frösche im sumpf. Freytag werke 13, 162;
der sprehen (staare) gewölk, von dem seeschilf
bald mit geschrei aufrauschend.
Voss Luise 3, 1, 32;
solt man dich uszerwellen
zu ainem vogelgeschrai (vogelscheuche).
Zimm. chr. 4, 317.
eigenthümlich in Schwaben das gansgeschrei, kopf, füsze und eingeweide der gans in schwarzsauer gekocht Schmid 219. vgl. katzengeschrei 3.
f)
lautes geräusch, getöse, lärm: geschrei, tumultus Dief. 601ᶜ; der herr hat die Syrer lassen hören ein geschrei von rossen, wagen und groszer heerkrafft. 2 kön. 7, 6; schrofechtige felsen, durch welche der grosz Nilus mit grausamlichem geschrei und groszem wüten falt. S. Münster kosm. 1449;
weil pims und eisen-stein stets von dem berge gehen,
in solcher menge zwar, mit krachen und geschrei.
Opitz 1, 45;
mit trompetenklang, pauckengeschrei. Schuppius 693; während die wachparade mit einem geschrei auf der trommel vorbei marschirte. J. Paul flegelj. 2, 27.
g)
lärm, aufhebens, bei klagen und beschwerden, wie beim loben und rühmen: mhd.
herzog Heinrichen daʒ versmâhte, ..
daʒ sich der kunic underwant
in Beiern dheiner vogtei.
darumbe huop er ein geschrei (schlug lärm).
Ottokar reimchr. 8377 Seemüller;
und mus jr (die wider mich geschrieben haben) gelöhr und geschrei lassen für uber gehen. Luther 4, 382ᵇ; das geschrei von der zunehmenden verunartung des menschengeschlechts. Kant 5, 407; die gewaltthat ist ein so auffälliger angriff gegen die ehre einer regierung, dasz er (Napoleon) dergleichen nicht oft wiederholen kann, ohne starkes geschrei auch bei andern nationen gegen sich aufzuregen. Freytag werke 13, 161; gleisznerei macht vil geschrei. S. Frank spr. 1, 146ᵇ; viel geschreies von sich machen. Ludwig 755; der wahre virtuose glaubt es nicht einmal, dasz wir seine vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch so viel geschrei davon machen. Lessing 7, 113;
der geizhals, der gern haben wollte,
dasz dieser freund das haus bewundern sollte,
fragt ihn mit freudigem geschrei,
obs grosz genug für arme sei.
Gellert 1, 160;
sprichwörtlich: vil geschreis, wenig woll. S. Frank spr. 1, 146ᵇ. 2, 168ᵇ;
viel geschreis und wenig wollen.
fast. sp. 743, 4;
es ist nur vil geschreis und wenig wöllen umb euch. H. Sachs dial. 74, 14 Köhler; grosz geschrei, wenig wolle. Luther bei Eiselein spr. 230; je mehr geschrei, je minder woll. Philander 1, 7; wahrscheinlich von der schafschur entlehnt, wie ähnlich aus der landwirtschaft viel geschrei und wenig milch. Thomasius 273; viel geschrei, wenig ei. Abr. a S. Clara lauberhütt bei Wander parömiakon 3004.
2)
umgehendes gerede, gerücht: geschrei, ein red, die under dem gemeinen volk herumb gehet Emmelius sylva M 2ᶜ, gemeine sag, offentliche red, fama Henisch 1545; geschrei im volck mit nauen worten, rumor. voc. inc. teut. i 3ᵇ.
a)
das oder ein gemein, weit, grosz, alt, neu, gut, bös u. s. w. geschrei: das gemein geschrei, rumor Dasyp. B b 8ᶜ; da werden diese und dergleichen wort im gemeinen geschrei gegangen sein. Luther 3, 240ᵇ; es gehet ein gemein geschrei, das hurerei unter euch ist. 1 Cor. 5, 1; wie er sich fürchtet, dasz nicht etwan Hans Allermanns geschrei möcht uberhand nemen. Colerus 210; nach gegebener freiheit und ordnung ist das bergwerck in ein weit geschrei kommen. Seb. Münster kosm. (1548) 382;
wie jr kemen in das hausz,
auff das nicht würdt grosz gschrei darausz.
Tob. Stimmer comedia (1580) 486 neudr.;
darauf ein grosz geschrei worden, also dasz niemand ärger dann Ulrich von Hutten wäre. Hutten 5, 417 Münch; Suetonius bezeiget in seinen historien, dasz in orient ein uhralt und beständig geschrei erschollen sei, von einem der ausz dem jüdischen volck kommen und den gantzen erdboden einnehmen würde. Schuppius 286; sölch alt geschrei, dasselb alt lied. Alberus wider Jörg Witzeln mammeluken L 6ᵇ; es ist ein neüw geschrei vorhanden, es hat sich ein neüw geschrei zuͦtragen, novus clamor accidit. Maaler 173ᵇ; Euphrates fragte, was das für ein neuw geschrei wer, dasz er so schnell und unversehens bei nacht daher käm. buch d. liebe 217, 3;
wann einer bringt ein new geschrei.
Alberus fab. (1550) 61;
euangelion heist auff deutsch gute botschafft, gute meher, gute new zeitung, gut geschrei. Luther vorr. auf das n. test. 2ᵃ; das ist nicht ein gut geschrei, das ich höre. 1 Sam. 2, 24; bösz gschrei oder bösze mär, sinister rumor Maaler 195ᶜ; da kam das böse geschrei von des rathesmaister Pisonis (gewaltsamem) tod noch weiter ausz. Rihel Livius 702;
was er vielleicht vornommen
durch ungewisz geschrei.
A. Gryphius (1698) 1, 107;
es kam ein erlogen geschrei aus, wie Antiochus sollte todt sein. 2 Macc. 5, 5;
scheint dein bild doch schön- und besser.
als das neidische geschrei.
Günther 324.
b)
ein geschrei ausbringen, aussprengen u. s. w.: ein gschrei weiter auszspreiten und auszbringen. Maaler 195ᵈ; das gschrei von der Magdenburgischen niderlag ward eilens weit und breit auszgebracht. Sleidanus deutsche chron. (1559) 296ᵇ; geschrei, das Hembach ausgesprengt hatte. Simpl. 1, 178, 25 Kurz; der erst, der sölch geschrei uffbringe. Alberus wider J. Witzeln L 6ᵇ; geschrei unter die leut bringen. Aler 917ᵃ; ein geschrei vertütschen, undertrucken, premere famam alicujus Maaler 173ᵇ; ir werdet hören kriege und geschrei von kriegen. Matth. 24, 6, s. kriegsgeschrei 5 und 6.
c)
ein geschrei wird, ist, ersteht, geht, kommt u. s. w.: Ulenspiegel wolt uff das rathusz und von der lauben fliegen, da ward ein geschrei in der stat, daʒ sich jung und alt samlete. Eulensp. c. 14; uber lange zeit darnach, als das geschrei was, wie Elopus todt were. Steinhöwel Bocc. (1555) 21; es sei zu Rom bei allen das geschrei, Leo der bapst sei unversühnlich über mich erzörnet. Hutten 5, 29 M.; und fragt jn vil hin und har wider, was für geschrei in den landen wer. Wickram pilger L 3, bl. 40; daselbst war ein geschrei erstanden, als wenn die königliche verhanden wären. Micrälius alt. Pomm. 2, 274; also hat Clodoveus, der erst getaufft künig zuͦ Franckreich das münster zuͦ Straszburg, wie das geschrei laut (lautet), zuͦ bawen angefangen. S. Frank weltb. 36ᵇ; das geschrei ist vorhanden und gadt ausz, laszt nach, nimpt ab, laufft redlich umbhär Maaler 173ᵇ; so gehet das geschrei, sic fama fert Duez 191ᵇ; wann ein geschrei auszgeht von etwas, doch in geheim, und man birget es. Agricola spr. 266ᵃ; das geschrei gienge in der stadt umb. wegkürzer 1ᵇ; das geschrei gieng geschwind durch die gantze stadt. Schuppius 497;
als nun das geschrai kam hinein
für die stat nach dem willen sein.
Theuerdank 94, 74;
da das geschrei kam in Pharao haus, das Josephs brüder kommen weren. 1 Mos. 45, 16; das gschrei der groszen verretery kam in alle wält. Morgant 335, 15 Bachmann; dann die feindt darinnen nicht so starck und viel, wie das geschrei von jhnen auszbreite. Kirchhof mil. disc. 183; geschrei wächst wie ein gewelzter schneeballen. Lehmann flor. 1, 327, 32;
nichts böses thun, nichts böses sagen,
darüber das geschrei könt klagen,
dann wen das geschrei zum buben macht,
sein lebenlang bleibt er veracht.
29.
d)
nach antiken anschauungen mehr oder minder persönlich gedacht, wie gerücht 6, im grunde schon bei einigen der kurz vorhergehenden beispiele (das geschrei geht, kommt, läuft u. s. w.): ein geschrei hat viel zungen und münde. Henisch 1546; ein geschrei fleugt vil geschwinder dann der wind. ebd.;
dardurch ein ganzes land nicht schlechten aufwachs nimmt,
wenn es zugleich mit ihm bis ans gestirne klimmt
durch des geschreies flug.
P. Fleming 118, 57 Lappenberg;
allein die göttin des geschreies unterbrach dieses böses vorhaben. Lohenstein Armin. 2, 1568; da inzwischen das geschrei sich in der lufft wieder einstellete und sunge. ebd.
3)
der 'ruf', leumund, in dem jemand steht.
a)
guter ruf: den Deudschen, die zu der zeit streitbar und gutes geschrei reich waren. Luther 1, 312ᵇ, an den christl. adel L 4ᵇ; eines guten namens und geschreies sein. tischreden 321ᵇ; ein gut tugendlich geschrei. briefe 4, 182; man hat zu disem ambt erwelt nur erberg frum leut, so von meniglich ain guet lob und geschrai gehabt haben. Aventin. 4, 82, 21 Lexer; Arsace war hochmütig und stoltz, sie hatt aber nicht fast ein gut geschrei jrer ehren. buch d. liebe 207, 3; bei guetem geschrai bliben. Zimm. chr. 4, 121, 32; welches gleichwol an seinem lob und guten geschrai ihm nichts benam. glück und liebeskampf (1615) J 1ᵃ; da die herrschafft im geschrei ist, dasz sie der frömmigkeit und gottesfurcht für andern ergeben sei. Schuppius 244.
b)
groszer ruf, ruhm: in kriechischer sprach nennet man heroes die groszen leut von groszem geschrei und thaten. Luther ausleg. d. epist. u. evang. v. christag (1522) iii 2ᵇ;
auch syden gewant und gulden stuck
da hastu ein grosz geschrei.
Dief.-Wülcker 615, spruchged. z. lob Frankf. von 1501;
welches jhm denn ein grosz geschrei gemacht, dasz er ein milter und gnediger herr sei. Fronsperger kriegsb. 3, 153ᵇ; Aelius Donatus hat zu Rom schuel gehalten, ist in groszen eren und geschrai gewesen. Aventin. 4, 1063, 12 Lexer; zoch also (der franz. feldherr) ungeschafft ab, deshalb die Franzosen ir geschrai ganz und gar verlurn. Wilw. v. Schaumb. 89;
der kein geschrai noch lob begehret.
Weckherlin 385 (od. 1, 9, 3);
das geschrei so groszer sachen
dringet durch die breite welt.
P. Fleming 361, 25 Lappenberg;
wo wunderlicher künstler geschrai ist, alldorten ist der magnet, welcher anderer nationen gold an sich ziehet. Schuppius 751; würdest du deinen namen und geschrei, glückseliger nie, der ewigkeit einschreiben können. 726;
hirumb wird euer lob ohn alles ende blühen,
das ewige geschrei von euch wird ferren ziehen.
Opitz 2, 45 (2, 406 Triller).
c)
nachtheiliger, böser ruf.
α)
mit bezeichnendem adjectiv: denn solcher widerruff würde nichts anders schaffen, denn das dadurch die römische kirche je lenger je mehr in ein böse geschrei keme. Luther 1, 143ᵇ; und (wir) doch ungern hören, das e. a. sol umb gelds willen ein böse geschrei haben. 6, 506ᵃ; der heilige Joseph verklagt seine brüder für jrem vater, wo sie etwas unrechts gethan und ein böse geschrei kriegten. 5, 388ᵇ; wiewol dieselbigen (töchter Karls d. gr.) gar schön gewesen sein und manbar und ain bös geschrai gehabt haben, dennoch hat er bei seinem leben kaine verhairat. Aventin. 5, 149, 9 Lexer; ein ritter aus Sachsen nam eine, so ein bös geschrei hatte. Hennenberger preusz. landtafel (1595) 34; wenn jemant ein weib nimpt und wirt jr gram, wenn er sy beschlafen hat, und legt jr etwas schantlichs auf und bringt ein bös geschrei über sy aus. Züricher bibel 1530 102ᵃ, 5 Mos. 22, 14, Luther ebenso; auch waren ettliche (frauen) die zwei oder dreimal opfferten, uff das das volck das solte sehen und sie usz irem bösen geschrei solten lassen. Eulensp. c. 31; leute, welche ihr gut verlohren und ihrer ehren entsäzet, von wegen des bösen geschreies, welches sie durch leichtfertige weiber erlanget. Butschky Pathmos 161; er ist in einem bösen geschrei. Stieler 1932.
β)
schlechthin: wir Deudschen haben sonderlich das geschrei davon (der trunkenheit) in andern lendern. Luther 4, 61ᵇ; Elisabet, die im geschrei ist, das sie unfruchtbar sei. Luc. 1, 36; ein mann war seiner bösen und untugendlichen wercken halber im geschrei. pers. baumg. 9, 18; da sein die canonici sonderlich im geschrei gewesen wegen der concubinen. Schuppius 75; damit nicht eure stadt das geschrei bekomme. Luther 21, 375 Irm.; widerumb machen sie (die päpstlichen) dem ehestand ein geschrei, als sei er weltlich und fleischlich. 2, 302ᵃ Jen.; ein frauw, die sich gern auff hochzeiten führen liesz, die auch von einem groszen herrn in ein geschrei bracht warde und verleumbdet. buch d. liebe 290, 4; alle rothe farbe hat von der schamröthe ein fast allgemeines ansehn erhalten. sie ist von ihr ins geschrei gebracht. Hippel lebensl. 4, 19; meine tochter kommt mit dem baron ins geschrei. Schiller III, 356 (kabale 1, 1); was mich am meisten kränken würde, ich könnte, wenn sie meine geschichte nun ganz übersähen, mit der wahrheit in ein geschrei kommen, das sie doch nicht immer verdient. Thümmel reise 3, 350.
4)
technisch: geschrai, in eisenhütten die luppe Jacobsson 5, 655ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3963, Z. 44.

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„geschrei“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschrei>, abgerufen am 02.12.2021.

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