Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geschreien, verb.

geschreien, verb.,
verstärktes schreien.
1)
mit starker flexion, mhd. geschrîen, schreien: geschryet her (der überfallene und verwundete) das gerufte. kulm. recht 3, 1.
2)
mit schwacher flexion.
a)
einen schreien oder weinen machen, affligere, contristare Denzler 131ᵃ. Schmid schwäb. wb. 478.
b)
partic. substantivisch der geschreite, der ins geschrei gebrachte, verklagte: zürch. der geschreite musz ziehen oder fliehen, der inhaber einer verpfändeten sache hat als geschreiter die wahl, den beutel zu ziehen und die auf dem pfand haftende schuld zu bezahlen, oder zu fliehen, d. h. sein eigenthum den gläubigern zu überlassen, wodurch er von aller verbindlichkeit frei wird Hillebrand rechtssprichw. 122. Wander 1, 1602.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3968, Z. 71.

schreien, verb.

schreien, verb.
clamare, exclamare, ahd. scrîan Graff 6, 565; mhd. schrîen mhd. wb. 2, 2, 213ᵃ. Lexer mhd. handwb. 2, 797; altsächs. nicht belegt, mnd. schrien, schrigen Schiller-Lübben 4, 137ᵃ; fries. skria Richthofen 1033ᵃ; im ags. fehlt das verbum (doch wird bei Bosworth-Toller 841ᵃ. 316ᵇ aus Lye forscrâh abdicavit angeführt, vielleicht verschrieben oder verlesen für forscrâf), ebenso im altnord. und gothischen. die zu grunde liegende wurzel scheint auch in altnord. skríkja, kichern aufzutreten; auf eine allgemeinere bedeutung weist isl. sólskríkja, als name eines vogels mit kreischender stimme, engl. shrike, vgl. to shriek, schreien, laut aufschreien. im neunordischen entspricht dem sinne nach unserem schreien das starke verb. dän. skrige, schwed. skrika, das dem altnord. skríkja. nahe steht. bemerkenswert ist die schwedische und norwegische dialectform skria Rietz svenskt dialektlex. 594ᵇ. Aasen norsk. ordb. 686ᵇ. dän. skrikke bezeichnet unziemliches lautes lachen, auszerdem das schreien legender hühner oder anderer brütender vögel Molbech dansk dialectlex. 499; im eigentlichen sinne norweg. skrikka Aasen a. a. o. 687ᵃ; vgl. nd. schrikeln, schirkeln, schrekeln, schreien, krächzen, kreischen (von vögeln) Schambach 185ᵇ; garula avis scricondi (Straszburger Isidorglossen) Heyne kl. altnd. dkm. 93ᵇ; schrick, crex avis vocab. von 1618 bei Schm. 2, 598; schrecke, vogelschreck, schryck, rallus crex Nemnich. es handelt sich wie bei altn. skrækja, engl. screach um alte lautmalende bildungen (vgl. zu skrækja Fick⁴ 1, 44). unter diesen umständen ist es kaum möglich bei unserem schreien an eine entlehnung aus dem roman. zu denken (it. sgridare, altfrz. escrier aus exquiritare, gridare, crier aus quiritare Diez wb.⁴ 173). im ahd. flectiert scrîan stark, perf. screi, 3. plur. scrirun, vereinzelt scriuun (über dieses unorganische r und w s. zeitschr. f. d. alt. 12, 397. Braune ahd. gr. § 330 anm. 3. § 120 anm. 3, ferner Streitberg urg. gr. § 192, 2); daneben findet sich ein schwaches verbum screiôn, perf. screiôta Graff 6, 565; stark flectiert auch fries. skria Richthofen 1033ᵃ; die formen, in denen das wort im mhd. auftritt, sind zusammengestellt mhd. wb. 2, 2, 213ᵃ. Lexer mhd. handwb. 2, 797. Grimm gr. 1, 936. 968. Weinhold mhd. gr. § 354. 425, vgl. ferner alem. gr. § 333. Kehrein gr. 1, § 359; die regelmäszige flexion ist schrîen, schrei oder schrê, schriren, geschriren. daneben in schwacher flexion schrîen, schrîete (schrîte), geschrîet (geschrît). nhd. ich schreie, schrie, schrieen, geschrieen; imp. in schwacher form schreie (bei Campe), besser schrei. auszerdem mhd. schreien, schreien machen, vgl. schweiz. und schwäb. geschreien, schreien, weinen machen Schm. 2, 591. flexionsformen: das prät. ich schrei hält sich bis ins 17. jh.: dʒ er schrey mit luter stim zuͦ gott. Keisersberg bilgersch. 62ᵈ; dorumb so schrey die gantz schar. postille, pass. D 4ᵃ; rieff und schrey er. Luther 6, 447ᵇ; aber Jhesus schrey abermal laut. Matth. 27, 50; da schrey der gantze hauffe. Luc. 23, 18; da schrei er. Pauli schimpf u. ernst 101 Österley; schrey er zum offter mal. Wickram rollw. 57, 23 Kurz; ich schrey. Simpl. 3, 32, 10 Kurz;
er im schnell nachryt
und schrey.
Sachs 15, 539, 1 Keller-Götze;
die schmidin schray in angst und clag.
fabeln u. schwänke 1, 368, 34 Götze;
er schrey so grausam wild.
Opitz 1, 439;
man schrei fast überall.
Opel-Cohn 75, 20;
er fieng an, da der hahne schrei,
sehr bitterlich zu weinen.
Gerhardt 32 Gödeke;
und schrei mit groszem schallen.
38;
da ich kranker
vom bette zu dir schrei.
180;
mit dem e der schwachen flexion: er schraie heftig im bronnen. Zimm. chron.² 3, 557, 24. schon im 15. jahrh. begegnet ich schrie, wir schrieen, geschrieen (vgl. die belege bei Kehrein a. a. o.): schry er jm zuͦ. Wilhelm v. Österreich (1481) 10ᵃ;
ich schrie so laut, das ich erwacht.
Sachs 13, 207, 25 Keller-Götze;
herr, het ir nechten auch geschrien.
fabeln u. schwänke 1, 192, 55 Götze;
sie schrien aber, weg, weg mit dem. Joh. 19, 15. zweisilbiges prät. bei Schottel: ich schreye, ich schrye 595; mit silbentrennendem h: ich schriehe, geschriehen Stieler 1932; bei Adelung wird ich schrie als einsilbig bezeichnet, doch hält sich die zweisilbige form bis ins 18. jahrh.; Rabener sat. 4, 128 (1757) schreibt schrye;
ein weiser trinker gieng vor bey,
und schriee: welche policey!
Lessing 1, 59.
die schreibung mit h findet sich reich in den präsensformen: das schreihen hat Adam gethan. Luther 14, 153, 13 Weim. ausgabe; das sie schreihen. Wickram rollw. 57, 20 Kurz (schreien 24);
sie schreyhen frid, und kriegen.
Weckherlin 124;
du schreyhest auf den dieb.
Angelus Silesius 118 neudruck.
formen mit innerem r; abgesehen vom plural, dem optativ und part. kommt das r der 2. p. s. ind. des prät. zu, von hier aus dringt es auch in die 1. und 3. person, wobei in späterer zeit häufig ein e antritt (nach analogie der schwachen flexion): dar zuͦ alle gemeiniglichen schriren. Steinhöwel decameron 56, 9 Keller; schriren überlaut. d. städtechr. 15, 16, 22; wer nit schrier. 15, 17, 18; geschriren quelle von 1524 bei Diefenbach-Wülcker 845; szo schriren ihene. Luther 14, 392, 16; wie der auffrührer einer schrier. Mathesius Luther (1580) 43ᵇ; schrier tag unnd nacht zu gott. 88ᵃ; andere belege bei Kehrein gr. 1, § 359. Schm. 2, 594;
als ein kindelîn da schrir (: mir).
Servatius 1959;
gar laut schrieren di schaffer.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 39, 132;
vil luͤte schrirn Biberstein.
40, 1611;
do schriren alle die pauren.
fastn. sp. 465, 19;
alle werlt lüff mir nach
und schrier.
1108;
er schrier wolt waffen.
1110.
häufig sind formen mit r bei H. Sachs (vgl. Shumway d. ablaut. verbum bei H. Sachs. Einbeck 1894, s. 34):
die schrir zu dir so unpesunen.
fastn. sp. 6, 59, 192 neudruck;
da kert sich Israel zu got
und schryer umb hilff in seiner not.
ged. 1 (1558), 52ᵃ;
das volck schrier auff in hertzen leyd.
54ᵇ;
dort geht er gleich, wie wenn ich schryr.
2 (1591), 2, 20ᵇ;
nach dem ausschrire ein senat.
20, 378, 19 Keller-Götze;
all schriren umb hilff auff zu gott.
13, 381, 19 (lesarten);
ich hab mich schir haiser geschriren.
fastn. sp. 6, 60, 236 neudruck;
das r tritt sogar in präsentischen formen auf: schreiren, inf. ist aus einer handschr. belegt bei Schm. 2, 594. im part. prät. ist das r in einzelnen oberd. gegenden erhalten, s. Schöpf 648. Schm. a. a. o. grosze verwirrung hat das schon früh in den pluralformen des präteritums auftretende w angerichtet (erscriuun, clamaverunt ahd. gl. 1, 713), das sich in der mhd. zeit weiter ausbreitet, indem es zugleich den vorhergehenden vocal wandelt (zu iu, ū):
si schriuwen aber lût als ê.
Boner edelst. 25, 29;
sô hüebe daʒ tier an alzehant
und schriuwe mit grimme.
Stricker Daniel 753;
und schriuwen stæte in suoʒem ruof.
Kolm. handschrift 6, 892;
sie schrüwen spötticlich.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 19, 7;
do rittent sü von einre gassen in die andere mit bloszen swerten und schrüwent 'Habesburg'. d. städtechron. 8, 79, 17;
ei wi lude sruen die zungen.
Kraus ged. des 12. jahrh. 52, 192;
si schrûwen ach unde wê.
Lamprecht Alex. 3345;
diz schruwen unde riefen sie.
erlösung 5005 (vgl. Germ. 7, 23);
si weinden unde schruwen (: rûwen).
Elisab. 9450;
si schruen 'jo heil' alle.
4720.
nicht nur der sing. des prät. auch das präsens wird ergriffen, es entsteht ein inf. schriuwen (vgl. bair. schroien, schruien Schm. 2, 593), zu dem ein prät. schrou, schrō gebildet wird. die mannigfaltigkeit der auf diese weise entstehenden formen setzt sich bis in die periode des älteren nhd. fort (s. Kehrein gr. 1, § 359), besonders in süddeutschen quellen und erklärt gewisse abweichende bildungen der lebenden mundarten: sing. prät.: da nun das volk schro. d. städtechron. 5, 223, 8; der bauer schruw mit heller stimm. Wickram rollw. 23, 8 Kurz; schrüwest, 2. p. s. prät. 58, 22; so dann der hundt also jemerlichen schrüe. Zimm. chron.² 2, 504, 18; pluralformen:
die witwen schruwen allgelich.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 25, 10;
(sie) schruwen d. städtechron. 17, 27, 14; und schruwent allesammen. Keisersberg passion D 4ᵃ; schrüwen uff dem boum. Th. Platter 11 Boos; und schruwen uber in. Pauli schimpf u. ernst 35; mit wechsel des spiranten: do schrugent die Römer alle. d. städtechr. 8, 335, 6. der vocal wird diphthongiert: dô die juden schrouwen: kriuzig, kriuzig in. Germ. 7, 334; also eins umb das anders schrauwen die zwen blinden. Pauli schimpf u. ernst 206 Österley (dazu 3 p. s. schrei ebenda); sie schrauen und heulten. Aimon F 5ᵃ. conj.: welchem sein pferd zuͦ der ersten schrüw, der solt künig sein. Pauli schimpf u. ernst 222 Österley; item wer och das man für (feuer) schruge. weisth. 1, 213. part. prät.:
er hat so grimmeclichen geschruwen.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 114, 10;
die heiligen propheten für und für
geschruwen hend on abelan.
trag. Joh.;
du senfftiglich geschruwen hast. Keisersberg Marie himelfart 16ᶜ; warumb die dochter also geschruwen hat. Pauli schimpf u. ernst 93 Österley; das noch rach über jene in künftigem werdt geschrawen. Zimm. chron.² 3, 570, 40 (angeschrawen 2, 155, 16, im glossar 4, 426ᵇ angeschrewen); hat er .. mit heller stimb geschrüwen. 2, 549, 26; die hundt beschrüen .. haben. 2, 464, 21; hatter also geschruwen. Wickram rollw. 58, 24 Kurz. erhalten ist im schweiz. das prät. ind. schrou, de schrouwist, part. g'schroue Hunziker 231, vgl. Seiler 264ᵃ. g'schrauha (Oberschwaben) Frommanns zeitschr. 4, 112, 66; geschrūa Bühler Davos 1, 152. ebenso im Westerwald: ich schrau, wir schrauen, geschrauen. Schmidt 209. niederrhein. schrauen 3. pers. plur. prät. Frommanns zeitschr. 5, 415, 33. auch im nd. und nld. tritt das w auf: ostfries. schrêift, 3. pers. sing. präs. Frommanns zeitschr. 5, 143, 14; schrêven, schrêwen, inf. präs. ten Doornkaat-Koolman 3, 147ᵃ, nld. schreeuwen. vom präteritum schrau aus ist ein verbum schrauen gebildet worden: ich hörte die eule schrauen und die heimchen kreischen. H. L. Wagner Macbeth 44; die seele eines verstorbenen geht um als ein schrauend ding Meyer myth. 62; in den beiden fällen tritt also die nebenbedeutung des unheimlichen dazu. im nd. begegnet schrauen, unangenehm schreien, z. b.: de fleute schrauet 'die flöte hat einen verdrieszlichen ton.' Richey 241; hierzu gibt es eine weiterbildung schraulen: schraulen (Hannover), widrige töne singen, spielen oder pfeifen. brem. wb. 4, 693; schraulen, weinen von kindern, heulen von hunden Danneil 91ᵇ; schraülen, schreilen, schrillend sprechen Woeste 231ᵇ schweiz. schraulen, laut, ungebürlich schreien Stalder 2, 351. in anderer richtung wird die mannigfaltigkeit der formen erhöht durch das auftreten einer gutturalen je nach der umgebung tönenden oder tonlosen spirans, die dann verschiedenen mundartlichen veränderungen unterliegt: schrijen brem. wb. 4, 696. Dähnert 414ᵇ; mnd. schrigen Schiller-Lübben 4, 137ᵃ; schrigen, clamare Dief.-Wülcker 125ᵃ; he schrêg (Dithmarschen) Frommanns zeitschr. 3, 288, 15; schrîgt 3. pers. sing. präs. (Mecklenb.) 5, 286, 8; schrîgen, schrêg Mi 77ᵃ; dat schriegend (substantiviert), das schreien nd. correspond.-bl. 10, 40; schriggen (Osnabrück) Firmenich 1, 247, 14; als obersächs. bezeugt Adelung das part. geschriegen. Albrecht Leipziger mundart § 212 verzeichnet ich schrēk (hier ist also die spirans über die media hin im auslaute zur tenuis geworden), ich schriek, plur. schrieken, schriechen, part. geschriechen; vgl.§ 134. 135. man sagt auch schreik nich so, schrei nicht so § 135; schrejen, schraik, jeschrain Hertel thür. sprachsch. 221. hierher gehörige mhd. formen (schrîgen u. s. w.) sind verzeichnet im mhd. wb. und bei Lexer mhd. handwb. a. a. o.; vgl. auch noch aus dem hochd. und oberd. gebiete:
das si schrigend iemer waffen.
teufels netz 3383 (s. das register);
schrigende und weinende. d. städtechron. 8, 320, 15; so schryget er. Keisersberg bilg. 19ᶜ; schreigt 3. pers. sing. präs. Wickram rollw. 88, 10 Kurz; geschrîch'n Schöpf 648; schraigen Zingerle 50ᵃ. cimbr. wb. 229ᵃ. schwache flexion des verbums findet sich nur noch vereinzelt in der älteren periode des neuhochd.: (sie) reyeten, schreyeten Fischart Garg. 82ᵇ. Adelung verwirft die schwache flexion, die er als landschaftlich kennt. schreiete (Nürnb.) Frommanns zeitschr. 3, 287, 15; geschreid Hertel thür. sprachsch. 221; schwach flectierend in der eingeschränkten bedeutung von weinen bei Reinwald henneberg. idiot. 2, 115; ebenso in Hessen Vilmar 368. im mnd. ist schwache und starke flexion bezeugt Schiller-Lübben 4, 137ᵃ; schwaches präteritum bei Danneil 187ᵇ; starke flexion: schrîe, schrê, eschrêen Schambach 185ᵇ. bedeutung und gebrauch:
1)
die natürliche stimme von thieren bezeichnend. die ältere sprache und die mundarten bewegen sich freier als die ausgebildete nhd. schriftsprache, die abgesehen vom weidmännischen gebrauch schreien mit gröszerer einschränkung auf die natürliche stimme von thieren bezieht, nicht z. b. auf dumpfe, tiefe, volle laute wie die einer kuh, eines löwen, eines pferdes u. s. w.; auch tritt vielfach der nebensinn des scharfen, schrillen, kreischenden (z. b. bei krähen, eulen, gänsen, möwen u. a.) hinzu, während in älterer sprache z. b. der helle gesang der vögel (noch bei Günther) als schreien bezeichnet wird. in freieren anwendungen wird dagegen auch in neuerer sprache schreien bei thieren gebraucht, wenn es sich um laute handelt, die bei starker erregung, angst, schmerz u. s. w. ausgestoszen werden (hier wirkt die analogie des menschlichen schreiens ein) oder, wenn die ausgestoszenen laute nachgebildet werden: schrien als die vogel, garrire Dief. 257ᶜ; schreien wie eyn kuh, rosz oder pferd, esel, schwein, fuchs, kranch, henne, gansz, rapp, schreien oder klapperen wie eyn kräie. Dasypodius; brüllen, kürren, schreyen, wie ein rind, ochs oder kuhe, wie ein löw. Henisch 532, 31; das schreien der pferde, esel. Hulsius dict. (1616) 289ᵇ; cucubo, ich schreye wie eine eule. Corvinus fons lat. (1660) 185ᵃ; schreyen wie ein bock, geisz, elephant, esel, frosch, fuchs, gans, gluckhenne, grille, gugguck, hirsch, junger hund, katz, krähe, löw, ochs oder kuhe, pferd, rab, schaf, wolf. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵇ; der elephante schreyt, die ente, der esel, die eule, gans, der guckguck, der hase, das hühnchen, die krähe, die kuh, der leu, die maus, der ochse, der pfau, das pferd, der rabe, das schaf, das schwein, der tieger, der weih schreyt, die frösche schreyen. Steinbach 2, 503; unz er des selben tiers (der lamia) schreiend stimm hœrt. Megenberg 146, 5; vom brüllen des löwen, in älterer sprache: der teufel under eines schreyenden lauwens gestalt. quelle bei Dief.-Wülcker 845; denn die lewen brüllen uber jn und schreien. Jer. 2, 15, vgl. unten 2, e unter in); vom wiehern der pferde, besonders brünstiger hengste, ebenfalls veraltet: so bald der hengst die merhen schmäckt, da fieng das pferd an zuͦschreien, und wolt nit uff hören schreien. Pauli schimpf u. ernst 223 Österley; man höret, das ire rosse bereit schnauben zu Dan, und jre geule schreien, das das gantze land davon erbebet. Jer. 8, 16; denn da wird man hören die geiszeln klappen, und die reder rasseln, die rosse schreien, und die wagen rollen. Nahum 3, 2; wie der schelhengst schreiet gegen alle meren. Sirach 33, 6;
daʒ ros hôrter dô weien
und tubilîchen schrîen.
Lamprecht Alex. 329;
von katzen:
erst sprang die kacz von weiten
auf ein piren paum schiere
und maunaun, maunaun schrire.
H. Sachs fabeln u. schwänke 1, 355, 46 neudruck;
eulen schwirren —
und katzen schreyn.
Gotter 1, 155;
redensart: wann er nit lenger mocht besteen, dann die katz schrai alle tag rew und das volk ward murmeln. d. städtechr. 3, 148, 23; lämmer:
eʒ truoc ein man zeinen zîten
zwei lember gegen im, diu schrîten.
Lampr. von Regensburg St. Franc. leben 2993;
hunde: item die hunde die doch aller gernest wonent bi den lüten die lieffent zuͦ walde, schrigende und hülende und irrende als die wölfe. d. städtechron. 8, 328, 19; bienen: der alte weisel duldet den jungen nicht bei ihm, sondern heiszt und jaget ihn, dasz man ihn gar höret schreien bis er auszeucht. Coler hausb. (1640) 407; singvögel:
dar under ouch nâch vröuden schrê
manic vogellîn und sang.
krone 17513;
dort soll der jungen vögel schreyn
die botschafft meiner sehnsucht seyn.
Günther 308;
schwalben:
swester mîne, swalwen, nuo
daʒ ich ouch spreche, des ist zît;
ir habet biʒ her genuoc geschrît.
Lampr. von Regensburg St. Franc. leben 2496;
gänse: do schrey eine gans so vaste uf dem capitolium. d. städtechron. 8, 322, 21; bildlich von den Hussiten:
die gens gar kreftiklichen schrein,
der adler muͦsz sich schmiegen.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 57, 7;
krähen und raben:
nû schrîet aber die nebelkrâ.
Walther 75, 28;
von ir schrîenne (der krähe) ich erschrac.
95, 5;
das ungewitter ist nicht weit, wo gelbe raben schreyn.
Günther 258;
eulenruf: eulen schreyen. Schiller räub. 4, 5 schausp.;
die eule hört ich schreien und
die grillen singen.
Macbeth 2, 4;
hahn (vgl. hahnenschrei):
er fieng an, da der hahne schrei,
sehr bitterlich zu weinen.
Gerhardt 32, 86 Gödeke.
laubfrösche: wenn d' laubfrösch schreije, se git 's räge. Seiler 264ᵃ; vom wilde: das wild schreiet nicht, wenn es gras hat. Hiob 6, 5; wie der hirsch schreiet nach frischem wasser. ps. 42, 2; in weidmännischer sprache auf bestimmte thiere eingeschränkt; der hirsch schreit: der hirsch schreyet, und sagt man nicht, dasz er brüllet. Döbel jägerpr. 1, 18ᵇ; besonders in der brunftzeit: ich höre einen hirsch in der brunfft-zeit schreyen, so weisz ich wohl, dasz er solches aus begierde der brunfft thut. 3, 176ᵃ, vgl. Behlen lex. d. forst- u. jagdk. 5, 552; ebenda braucht Döbel schreien von schuhu, rohrdommel, eule, kauz, specht, dohle, die er im gegensatz zu sangvögeln als schreivögel bezeichnet. vom hasen: der hase schreyet, wird erwürget. 1, 31ᵇ, vgl. Hunziker 231; bei Heppe wohlred. jäger (1763) 270ᵃ auszerdem vom feldhuhn. schreiender regenpfeifer als name bei Behlen lex. d. forst- u. jagdk. 5, 552.
2)
vom menschen (und von hier aus übertragen), die stimme überlaut ertönen lassen, sowol von unarticulierten lauten wie von stark hervorgestoszenen worten.
a)
lediglich im gegensatz zur natürlichen stärke der stimme beim sprechen oder singen: schrei nicht so, ich verstehe dich schon; das ist schreien nicht singen; er schreit die hohen töne, statt sie zu singen u. ä.; ihr müsset schreyen, sonsten hört man es nicht. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵃ. je nach dem zusammenhange stellen sich nebenbedeutungen ein; lärmender eifer des predigers (mit dem nebensinne des zänkischen, s. unter c): also schryen wir prediger redlich, so man aber sicht, das wir esel seind und ein eselich leben füren, ein vihisch leben, so förcht man uns nit. Keisersberg brösaml. (1517) 1, 52ᵇ; drohend:
ir schrien (der heiden im gelobten lande, anders Wilmanns) lûte erhillet.
Walther 77, 21;
sprichwörtlich: mit schreien wirstu 's nicht ertrozen. Eiselein 555; es darf schreiens, so man den teufel in die flucht jagen will. 592; freches vorlautes wesen: wer nit schrier und unzüchtig was, galt nichtz vor der gemain. d. städtechron. 15, 17, 18.
b)
andrerseits als ausdruck und begleitung von erregungszuständen, von überquillendem jubel, heftigem schmerz, besonders körperlichem (sprichwörtlich: es wird nicht ohne schreien heilen. Simrock sprichw. 9206;
ach gedult und ein wenig schreien,
sind jetzund meine besten arzneien.
Mathesius Syrach 2, 122ᵇ),
plötzlichem schrecken, pressender angst, stürmischem begehren, rasender wut u. s. w. prägnant im sinne von lautem weinen, jammern, wehklagen in älterer sprache und mundartlich, in ausgebildeter nhd. schriftsprache fast nur vom lauten weinen der kleinen kinder: schreien wie eyn jungs kind, vagire Dasyp.; schreyen, weynen, pleurer, larmoyer Hulsius dict. (1616) 289ᵇ; das schreyen uber einen todten, lamentation ebenda; schrejen, exclamare, item plorare, ejulare Schottel 1409; das kind schreyet, der gute alte mann schrye wie ein kind. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᶜ; alzo lang als wynt wayet ende kynt scrayet gres groyet ende bloem bloyet. Richthofen fries. wb. 1033ᵃ; wente do se de engele anspreken unde segheden to er: wijf waer umme schreistu unde wen sokestu. Veghe 59, 13 (weib, was weinestu? Joh. 20, 13); dar was eyn monick, de blynt geworden was von scrygene unde van wakene. quelle bei Schiller-Lübben 4, 137ᵃ; schriprovender (klagepräbendare) im leichenzuge. d. städtechron. 12, 375, 18; die kinder, so disz jar geboren werden, sollen .. eh schreien als lachen. Fischart practik (1607) A 4ᵇ;
morgen lûte schrîent
die hiute sêre lachent.
Barlaam u. Josaphat 115, 40;
dâ witewen unde weisen
mit jâmere mochten schrîen nâch.
livländ. reimchron. 665;
des gink he vor dat junge wîf,
dar se lach unde screi vil sêre.
Gerhard v. Minden 27, 71;
denn schrigend frowan und kind
und clagends dem almechtigen gote.
teuf. netz 7295.
sprichwörtlich: be̜ter dat de kinder schryen dan de olde man. Tunnicius 186; de gêrne lachen, de schryen bolde. 671; de kinder schryen wol, mer se seggen nicht wâr umme. 968; be̜ter is eins to schryen dann alle tyt. 1243 (hochd.: es ist besser einmahl schreyen, denn allzeit. Henisch 323, 35); wer keine kinder schreyen hören kan, der nehme kein weib. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᶜ; je mehr es schreit, je bälder es freit (von trauernden und bald getrösteten witwen). Simrock sprichw. 2677 (vgl. Wander sprichwörterlex. 4, 339, 9. 10). im prägnanten sinne vom lauten weinen (bei kindern, aber auch bei erwachsenen) ist schreien mundartlich noch im gebrauche, besonders auf nd. und md. gebiete: schreiende kinderkes maken singende moders; 'n hof um de mân, dat kan nog gân, 'n hof um de sünn', dâr schreien frô und kinder üm. ten Doornkaat-Koolman 3, 146ᵃ, vgl. 147ᵃ. Frommanns zeitschr. 5, 142, 70. Schmidt 209. 210. Reinwald 1, 149. Vilmar 368. Frischbier 2, 316ᵃ. Schm. 2, 594 (Nordfranken). Bühler Davos 1, 152. Hunziker 231; s. unten schreiweinen. formelhaft mit schreienden (weinenden) augen, vgl. Lexer mhd. handwb. 2, 797;
uwer schriende augen wirt hie stillen.
Alsf. passion 719;
began he zo clagen dem pais (pabst) mit schrienden ougen. d. städtechron. 13, 593, 23 (Köln); bet schregende auge ging det griese männche. Firmenich 1, 519, 29 (Siegerland). in besonderer wendung: die hellen thränen schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 667ᵃ.
c)
je nach dem zusammenhang kann auch sonst schreien einen prägnanteren sinn annehmen; Adelung und Campe bezeugen schreien im sinne von 'mit lauter stimme zancken' als oberd. eigenthümlichkeit: der herr wird schreyen, er wird schmälen Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᶜ. freudenruf: schrei nit, du seyst denn über der stigel. Schmid 629. gewaltsam ausbrechende heiterkeit: das ist zum schreien, um los zu schreien u. ä.; schreien vom jäger, wenn er den weidmannsruf erschallen läszt Kehrein wb. d. weidmannssprache 265. angst-, notschrei: do die lûte in grôʒen angisten warn (vor zwei sich zeigenden drachen) und schrieten. Schönbach pred. 1, 349, 3. sehr häufig in wendungen wie: lasz mich los, oder ich schrei u. ä.;
einst gieng ich meinem mädchen nach
tief in den wald hinein,
und fiel ihr um den hals, und ach!
droht sie, ich werde schreyn.
d. junge Göthe 1, 98.
vom lauten, brünstigen flehen des betenden (so oft in der bibelübersetzung): herr höre mein gebet, und las mein schreien zu dir komen. ps. 102, 2; an menschen gerichtet: wer seine ohren verstopfft fur dem schreien des armen, der wird auch ruffen, und nicht erhöret werden. spr. Sal. 21, 13;
ouch lese wir von den Machabên,
daʒ si in gebete schrên.
N. v. Jeroschin chron. 2209.
d)
näher bestimmt durch verbindung mit sinnesähnlichen verben; klage (besonders schreien und weinen zusammengestellt): schreien mit klagen un weynen, plorare Dasypodius; vagitus, das weinen und schreyen der kleinen kinder, wenn sie jetzt gebohren sind. Corvinus fons lat. (1660) 701ᵃ; grain und wainet und schrai jemerlich. d. städtechron. 10, 145, 5; heulet nu jr hirten, und schreiet. Jer. 25, 34; und sie wurffen staub auff jre heubter, und schrien, weineten und klagten. offenb. 18, 19; nu wy der anfang meynes lebens mit schreyen und weynen, nu ist myn uszgang mit bitterlichem schreyen und weinen. alter spruch;
sie weinotun tho luto   joh scrirun filu thrato.
Otfrid 4, 26, 7;
sere schriende inde weininde.
Kraus ged. des 12. jahrh. 10, 105;
wuofen, schrîen, klagende nôt.
Barl. u. Jos. 313, 3;
alle die dâ wâren,
begunden schrîen unde wuofen.
Ottokar reimchron. 3387;
si (die bettler) kunnend sich wol übel gehaben
mit anchtzen, schrigen und schaben,
vor den kilchen zittren und wainen.
teufels netz 6388;
mit uns allen gemein
saltu schrien und wein,
dar dan schrien und zenglapper ist
hutte ummer mir zu aller frist.
Alsf. passion 6650;
ich schrey und klag grosz wee und not.
Schwartzenberg der teutsch Cicero (1535) 127ᵇ;
die öffentliche meinung schreit und klagt.
Chamisso 4 (1836), 7;
wu vil drovich ok do all de vrowen weren,
wu se wenden, scrigeden unde klageden.
deutsche chron. 2, 2, 403, 482;
hi huulde, hi jancte ende hi scre.
Reinaert 7136.
gebet: verbirg deine ohren nicht fur meinem seufftzen und schreien. klagl. Jer. 3, 56;
wenn unser herze seufzt und schreit,
wirst du gar leicht erweicht.
Gerhardt 119, 37 Gödeke.
kampfgeschrei:
sie wûchzeten und schrîten
und schuʒʒen vaste ir sper.
livl. reimchron. 5526;
die ritter sprachen: jämmerliche brut!
eu'r schrei'n und lärmen wird euch wenig frommen.
Gries Bojardo 1, 15, 6.
zanken, schelten, schmälen: er wird nicht zanken noch schreien. Matth. 12, 19; nun ist schelten, schimpfen, schreien auf einmal losgebunden. Göthe 27, 147;
wann der ritter zürnet und schryr.
Sachs 5 (1579), 220ᶜ.
mit rufen, sprechen, sagen u. ä. verbunden (schreien und sprechen sehr häufig in Luthers bibelübersetzung): do schrey die wittewe und sprach. d. städtechron. 8, 348, 27; der schrey laut und sprach. Luther 6, 334ᵃ; und sihe, sie schrien und sprachen. Matth. 8, 29; fieng er an zu schreien, und sagen. Marc. 10, 47; und die forne vor giengen, und die hernach folgeten, schrien und sprachen, hosianna. 11, 9;
de jegere scrigeden unde repen.
Gerhard v. Minden 16, 30;
die götter waren froh, ein jeder rieff und schrey:
durch dich, durch dich allein, o Evan, sind wir frey.
Opitz 1, 439.
e)
nähere bestimmung durch adverbiale wendungen, vergleiche, präpositionen u. s. w.: er schryet hoch oder laut oder auff das leütest, exclamat maximum Maaler 362ᵇ; greslich schreyen. Corvinus fons lat. (1660) 754ᵃ; schreye nur nicht so sehr, ich weisz schon, dasz du es kanst. Stieler 1932; starck, laut erbermlich schreyen. Kramer deutsch-ilal. dict. (1702) 2, 666ᵃᵇ; der den teufel schrecken will, musz laut schreyen. 2, 648ᶜ; gar märterli schreije. Hunziker 231; wer am lautesten schreit, wird meister. Wander sprichwörterlex. 4, 339, 27; da schrei es aber kleglichen. Luther 6, 500ᵇ; aber Jhesus schrey laut, und verschied. Marc. 15, 37; Gedeon schrey mördtlich. buch d. liebe 274ᵇ; die junge frau zerflosz ohne aufhören in seufzer und thränen, oder fieng plözlich laut zu schreien an. Schiller 3, 570;
sâ hôrtens und vernâmen
daʒ tier schrîen starke.
Stricker Daniel 5005.
in besonderer wendung: um sanfter und leiser zu schreien. J. Paul nachdämmerungen 101. mit angabe der folge: schreyen, dasz es in der lufft erhallet. Corvinus fons lat. (1660) 21ᵇ. bestimmung durch vergleichung: schreyen wie der teufel. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᶜ; er schreyt wie ein zahnbrecher. Steinbach 2, 503; he schrijet, as wenn he up 'n speer steke (als wenn er am spiesze stäke). Dähnert 414ᵇ; hä schraiet as wann e̜m en mess im halse stæke. Woeste 231ᵇ; schreije wi-n e tachmarter. Hunziker 231; er schreit wiar a nachdwachter. Hügel 144ᵇ; die volkssprache ist erfinderisch in solchen wendungen, vgl. Wander deutsches sprichwörterlex. 4, 339, 29 ff.; das ich schrei wie ein geisz am messer stäket. Th. Platter 14 Boos; ich schray zwar, als wann ich an einer folter gehangen wäre. Simpl. 3, 32, 9 Kurz;
sie lüffend all dem grünen wald zuͦ,
schruwend grad wie ein Schwizer kuͦ.
Uhland volksl.² 337 (nr. 168, 12).
mit angabe der dauer: den ganzen tag, nacht und tag schreien u. ä.: herr gott mein heiland, ich schreie tag und nacht für dir. ps. 88, 2; genitiv: nu schrei, doctor! schrei eines steten schreiens. Schade sat. u. pasqu. 2, 257, 35. vergl. unten bei in. wendungen mit präpositionen: an. nur der älteren sprache gehören verbindungen wie die folgenden an:
an Abrahâmen er dô schrê.
Barl. u. Jos. 86, 34;
und danne an Kristes helfe schrê.
317, 9.
auf. in der entwickelten nhd. sprache im gewöhnlichen örtlichen sinne: auf der kanzel schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᶜ; weiszheit schreiet auf der gassen. (proverb. 1, 20) Keisersberg narrensch. 60ᶜ; darumb heiszt es, schreien uber die dächer hinab auff die gassen. Paracelsus opera (1616) 2, 248 A; auf etwas schreien, mit dem begehren nach etwas:
ir plut auf rachsal inn himel schreit.
Liliencron hist. volksl. 1, nr. 68, 261;
auf einen schreien, ihn schmähen:
du schreyhest auf den dieb, und schiltst jhn unverholen.
Angelus Silesius 118, 77 neudr.
aus. in wendungen, die die stärke und art des schreiens angeben: aus aller macht schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵃ; ebenso bei Adelung; fremdartiger für uns: schrey aus macht mit groszer stimme. offenb. 8, 2; aus allen kräften schreien. Campe; aus vollem halse schreien (so schon bei Kramer a. a. o.), dagegen für uns ungewöhnlich: sie schreyen alle aus einem halse, uno ore omnes clamant Steinbach 2, 503;
ûʒ heiser stimme si schrê.
Mai u. Beaflor 42, 38;
schrien aus voller nase und pfeife. Klinger 10, 19. zur bezeichnung der stimmung, der empfindungslage, die den ausbruch veranlaszt:
ein frouwe ûʒ rehtem jâmer schrei.
Wolfram Parz. 138, 13.
der örtlichen vorstellung sich nähernd (de profundis clamavi):
aus tieffer not schrey ich zu dir,
herr gott, erhör mein ruffen.
Luther (Wackernagel kirchenl. 3, 7);
ausz meines hertzen grunde
schrey ich ausz tieffer noth.
Wackernagel 5, 182.
für und vor. zur angabe des grundes des schreiens: für groszen schmertzen schreyen und heullen. Corvinus fons lat. (1660) 226ᵃ; jr aber solt fur hertzenleid schreien und fur jamer heulen. Jes. 65, 14; erschracken sie, und sprachen, es ist ein gespenst, und schrien fur furcht. Matth. 14, 26; aber auch schreien vor lachen. für jemanden, zum besten jemandes: las nicht ab fur uns zu schreien zu dem herrn. 1 Sam. 7, 8. gegen. im feindlichen sinne: wer bistu, das du so schreiest gegen dem könige. 1 Sam. 26, 14; die richtung bezeichnend: zum herrn gen himmel schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵃ; aber der könig Hiskia und der prophet Jesaia der son Amoz betten dawider und schrien gen himel. 2 chron. 32, 20; formelhaft gen himmel schreien (vgl. himmelschreiend bd. 4, 2 sp. 1352), eigentlich eine anklage erheben zum himmel (vergl. unten δ): eine ungerechtigkeit, die nun an verwundeten völkern begangen wird, schreiet mit zwei stimmen gen himmel. J. Paul friedenpr. 1; es ist schreiend gen himmel, der noch nicht hört: dasz ein fürst für den witzstich eines andern fürsten zwei völker unter die streitaxt treiben darf. Levana 2, 148. hinter: hinter einem her schreyen, sectari aliquem cum clamore. Frisch 2, 226ᵃ. in. im gewöhnlichen örtlichen sinne und freier: und das heer war ausgezogen, und hatte sich gerüstet, und schrien im streit. 1 Sam. 17, 20; wie man inn den wald schreiet, also schillt es wider herausz. Franck sprichw. (1541) 2, 109ᵇ; wie man in den wald schreit, also schreit es heraus. Hebel 2, 150; die unbeschränkte freiheit, alle seine meinungen ins publicum zu schreien. Kant 1, 230;
auch Echo selber schrey vor allen in die höh.
Opitz 1, 437;
statt des gewöhnlicheren gen himmel schreien: das sind sünden die in himmel schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵇ; klage:
geschriren und geruoft
in den himel wart
umb die nôt des fursten zart.
Ottokar reimchron. 21827.
jemandem in die ohren, etwas in die ohren schreien, auch in freierer anwendung: eim in die oren schreien, aurem alicuius personare Maaler 361ᵈ; einem in die ohren, etwas in die ohren, ins ohr schreyen, gridare qualche cosa nell' orecchie ad uno Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵃ; will ich ihm noch zum schlusz in die ohren schreyn. Schiller kab. u. liebe 3, 6; ins ohr des allwissenden schreit auch der lezte krampf des zertretenen wurms. 4, 7;
vil lûte er (der löwe) in ir (seiner jungen) ôre schrît.
minnes. 2, 252ᵃ Hagen;
Narcisz dreht ihr den rücken zu,
und schreit ihr in die ohren.
Hölty 6 Halm.
in besonderer wendung: er schrey in einem schreien. Luther 5, 22ᵃ (vgl. oben schreien eines schreiens);
in jêmerlîcher stimme schrei
der rîche burgêre.
Wiener meerfahrt 450.
mit: mit gantzer stimme schryen. Maaler 361ᵈ; mit macht schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵃ; unnd mit vollhälsiger stimme schrey. Schiltbürger 79; schrey mit klagender stimme. buch d. liebe 297ᶜ;
doch schriren sie mit dusmer (matter) stimme.
Lampr. v. Regensburg St. Franc. leben 4347;
si schruwend al mit luter stimm.
Uhland volksl.² 312 (nr. 161, 10).
nach: es schryet alle wält nach mir, ad me omnes clamant Maaler 362ᵃ; nach eim schreyen und im ruͦffen, clamare aliquem; nach wasser schryen, clamare aquas ebenda; die kinder schreien nach brod, nach der mutter u. ä.; von angefochtenen nach gottes barmhertzigkeit schreyenden sündern. Schuppius schriften 608; im feindlichen sinne:
(als er sah) den wüetenden einhürnen
ob im so sêre zürnen,
dô er nâch im lûte schrei.
Barl. u. Jos. 118, 7
in älterer sprache für unser um hülfe schreien:
unz er nâch helfe schrê.
Iwein 6763;
ob man durch notgebot
nach helfe an in schriete.
pass. 264, 67 Köpke;
sint ich nâch hilfe schrîe
und doch bin ân gedingen.
Hadamar von Laber jagd 463.
das schreien als folge: et es we̜er, da schraiet de arme sünner am galgen na, es geht ein kalter thauwind Woeste 231ᵇ. über. im eigentlichen sinne: etwas über die gassen schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵃ. gewöhnlich in dem sinne, dasz ein gegenstand, grund der rüge, klage, beschwerde u. ä. bezeichnet werden soll: das wehe über jemand schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵇ. anders gewendet: er schreyt über dich, tibi culpam tribuit Steinbach 2, 503; mach dich auf und gang gen Ninive in die grosze statt und schrey über sy. Zür. bibel (1530) Jonas 1, 1;
und wære eʒ niht ein unzuht,
ich schrire wâfen über dich.
Hartmann büchl. 1, 329;
man hœrt och über grafen und frigen
ir arm lüt clagen und schrigen.
teufels netz 13285;
klage über ein ereignis: er schreyt über sein und seiner frauen untergange, de suo et uxoris interitu clamat (der dativ ist beachtenswert) Steinbach 2, 503. gewöhnlich im sinne einer beschwerde: jr schreien uber jre erbeit kam fur gott. 2 Mos. 2, 23; ob ich schon schrey uber frevel. Hiob 19, 7; wer am meisten über die wolfeile zeit, die fünf pro cent, über die einreiszende pest der polizeiverbesserungen schreyt. Schiller räuber 2, 3 schauspiel;
laszt sie
dann über arglist schreyn, so viel sie mögen.
Piccol. 3, 1.
um (gegenstand des verlangens bezeichnend). selten schreien um jemanden: um einen beichtvatter schreyen, gridar confessione Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵇ. sonst mit beziehung auf unpersönliches: das schreyen umb hilff, quiritatio Maaler 362ᵃ; umb brod, um gnade, um barmhertzigkeit, um rach schreyen. Kramer a. a. o.; die beleidigte schreyen laut um genugthuung. Schiller räuber 1, 1 schauspiel; die mutter jammerte noch kläglicher, die kleinen schrien um brod. Klinger 3, 92. von: wendungen wie die folgenden gehören nur der älteren sprache an: schrey von heller stimme. buch d. liebe 274ᵃ;
von aller kraft ich schrîe.
Hadamar v. Laber jagd 336;
zur bezeichnung der veranlassung: do schrey das volg von fröuden. d. städtechron. 9, 711, 12. wider: wird mein lant wider mich schreien. Hiob 31, 38; wider die laster, misbräuche schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᶜ;
erspare mir den greuel,
dasz es (das blut) um rache schreie wider mich.
Schiller Phädra 4, 4.
zu. zu einem schreien, ihm laut etwas zurufen (veraltet): schrir gedachter Schmid zum züchtiger auszm hauffen also (folgen die worte). d. städtechron. 15, 26, 19. im feindlichen sinne (wie gegen, wider): do wurdent die Römer zornig von ires schaden wegen des füres und schruwent zuͦ Nero, er müste gesleiffet werden. 8, 343, 21. besonders, und so auch im nhd. nach biblischem gebrauche vom leidenschaftlichen hülfe suchenden, klagenden bitten und beten; überleitend von der eben belegten bedeutung her (vgl. die stelle aus den bergreihen unten):
alle zungen suln ze gote schrîen wâfen,
und rüefen ime, wie lange er welle slâfen.
Walther 33, 25;
zu gott schreyen. Hulsius diction. (1616) 289ᵇ; zum herrn gen himmel schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵃ; ich anruf den herrn in meiner trübsal, und will schreien zu meinem got. bibel von 1483, 2 kön. 22, 7 (in tribulatione mea invocabo Dominum, et ad Deum meum clamabo. vulg.); bei Luther: wenn mir angst ist, so rufe ich den herrn an, und schrey zu meinem gott. 2 Sam. 22, 7; da giengen hin ein die amptleute der kinder Israel, und schrien zu Pharao. 2 Mos. 5, 15;
drumb soll wir herzlich bitten,
und schreyen zu unserm got.
Soltau histor. volksl. 1, 277;
so lang schrie ich zum herrn um seine hilfe.
Ludwig 3, 306 (1891);
ich han geschrieren hinz dir, clamavi ad te. quelle bei Schm. 2, 594.
f)
mit dem dativ der person, einen anrufen, herbeirufen, jemanden zurufen: do Morgant durch das wasser was, do schrey im Doon und sprach. Morgant d. riese 68, 12 Bachmann; laufft unsz der schuldheisz nach, .. und schreit uns. Götz v. Berlichingen 45; auf euer rufen sprang er auf, und schrie mir, dasz ihr rieft. Göthe 8, 10 (schrie mir zu 42, 244);
schrie ich den knechten, handlich zuzugehn.
Schiller Tell 4, 1.
g)
fügungen mit dem accusativ; bezeichnung oder anführung des geschrieenen:
α)
einem die ohren voll schreyen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵃ. mit dem accusativ einer person:
denn wer kann thoren
zu weisen schrein?
Göckingk 1 (1780), 208;
schrien das götterkind dem tode immer näher. Klinger 10, 19; reflexiv: sich fast zu tod schreyen. Kramer a. a. o. 666ᵇ; ich habe mich müde geschrien, mein hals ist heisch. ps. 69, 4; so laszt .. royalist und demokrat sich heischer schreyen. Klinger 11, 65;
und schreyen wir bey warmen tagen,
wenn wir den saft in zellen tragen,
uns nicht, wie du im neste heisch.
Gellert 1, 70.
β)
einen schrei schreien: ich man dich herr des schrayes den du schrir an dem chraütze. quelle bei Schm. 2, 594;
ich schrie einen schrei vom sattelbogen.
Rückert Firdosi 1, 185.
ein schreien schreien:
des mus ich hude schrien ein jamerschrein.
Alsfeld. passion 6731.
mhd. eine stimme schrîen:
si viel über in unde schrei
eine sô jæmerlîche stimme.
Wigalois 7684;
si begunde weinen unde schrê
eine jæmerlîche stimme.
Flore 2174;
sâ huop eʒ (das thier) und begunde
ein stimme schrîen sô grôʒ.
Stricker, Daniel vom blühenden thal 2901.
γ)
ein lied schreien, es mit überlauter stimme vortragen, so dasz es das ohr verletzt (s. oben 2, a); er schreit die hohen töne statt sie zu singen; freier:
gellend das eine, alte lied zu schreien,
bis in verschlosznen ohren es erklungen.
Chamisso 4 (1836), 8.
er schreit mir ein paar worte in die ohren; den heerruf, schlachtruf schreien u. ä.; in poetischer sprache:
er soll es hören; angst will ich ins herz ihm schreyn.
Gotter 2, 8.
δ)
interjectionen, formelhafte wendungen: weh, ach schreien u. ä., auch verblaszt im sinne von laut klagen, ebenso wâfen, zeter schreien. der gebrauch dieser wendungen wird mit bestimmt durch rcchtsgewohnheiten. 'mit lautem ruf wurde dem fliehenden nachgesetzt und mit geschrei wurde über ihn vor gericht geklagt' (das liegt auch im begriff von klagen selbst). Grimm rechtsalt. 876; ebenda sind klage- und hilferufe zusammengestellt. 'die genotzüchtigte soll mit verwirrtem haar und zerrissenem gewande klage erheben.' ebenda 633; im Sachsenspiegel heiszt das erheben des klage- und hilferufes dat gerüchte schrîen, das ist der beginn des gerichtsklage: manlik mut sines scaden wol svigen de wile he wel. scrit aver he dat gerüchte, dat mut he vulvorderen mit rechte, wende dat gerüchte is der klage begin. 1, 62, 1 (s. in Homeyers reg. unter gerüchte); nachwirkung dieser formelhaften wendungen läszt sich im allgemeinen sprachgebrauche beobachten, vgl. die unten gegebenen belege. ganz im alten sinne der anklage braucht Rückert noch schreien:
ha schah, ich bin Kaw', und schrei' unfug!
füge mein recht mir! ich komme gerannt,
und schrei' über dich aus herzens brand.
Firdosi 1, 45.
gott gegenüber anklogend vorbringen:
wird iemands schreien ynn himel zu mir,
zu einer sunde sol es werden dir.
bergreihen 29 neudr.;
dat he godes ere nummer en se
unde ummer scrige an den pinen ach unde we.
d. chron. 2, 2, 401, 365;
ick schryede lude: owy, owy!
Reinke de Vos 3387;
(es) fand sich ein mensch, der lieff umb in der stad, und auff den mauren, und schrey, weh, weh, weh dir Jerusalem. Luther 5, 322ᵃ;
zehant der engel lûte schrê:
'owê, owê, zem dritten wê.'
Walther 25, 14;
so schriuwe manger wê und ach.
Boner edelst. 11, 18;
denn mein gemahl Penelope
schreyt nun zwentzig jahr ach und wehe.
Rollenhagen froschm. (1595) F 5ᵃ.
in älterer sprache wâfen schreien: er schrier waffen und jagte mich hindann. quelle bei Schm. 2, 594;
daʒ was dem wirte ungemach
und wolde wâfen hân geschrirn.
Erec 4049;
daʒ hie wol mohte schrien woffen.
Alsfeld. passion 4239;
wie wirt mein weyb nur schreien waffen.
Sachs 14, 172, 14 Keller-Götze.
zeter schreien, mordklage: in dem genge schrey her drystund czetir obir synen morder, der synen frunt von dem lebin zcu deme tode brocht hatte. Behrend Magdeb. fragen 3, 1, 7. in allgemeiner anwendung als klageruf:
wer gestern vivat sang, wird heute zeter schreyn.
Günther 671;
wer weisz, wie viel nicht schon bey diesen blättern schwitzen,
und heimlich zeter schreyn, dem donner zu entgehn.
390;
verstärkt:
ich wil in umb sein unzuecht straffn,
das er sol schreyen zetter waffn.
Sachs fastn. sp. 7, 7, 175 neudruck.
besonders hat sich die wendung zeter über einen, etwas schreien gehalten; anklage:
zeter sî über sie geschrît
die mich und den guoten man
alsô lesterlîchen hân
mit ir valschem list verlogen.
H. v. Freiberg 3480.
feindseligkeit: denn es verachten dich auch deine brüder und deines vaters haus, und schreien zeter uber dich. Jer. 12, 6 (pugnaverunt adversum te, et clamaverunt post te plena voce). in neuerer sprache häufig im sinne des gehässigen zänkischen, auch pharisäischen scheltens und eiferns (vgl.zetern): zeter schreien über die verderbnisz der zeit u. ä. um zur verfolgung eines verbrechers aufzufordern, brauchte man unter andern den ruf heil, heilâ, heilalle o. ä., s. Grimm rechtsalt. 877. als wehruf auch in folgender stelle:
er (ihr) werdet schrien: 'heilalle!
heilalle!' und ach und we
wirt von uch genommen nummer me.
Alsfelder passion 4668.
mord schreien (oder verstärkt mordiô, wie feuriô, diebiô), ursprünglich über dem gemordeten; frei als wehruf:
das frewlein das schrey 'mordte!
mort uber alles leyd!'
bergreihen 86 neudruck.
dagegen das mord schreien:
die alt sich hin und wider bug
und schryr das mord sehr grausamlich.
Sachs fab. u. schwänke 2, 307, 89 neudruck.
mordio schreien, von den einbrechenden räubern: gnädiger herr, jagt ein trupp feuriger reuter die staig herab, schreyen mordjo, mordjo. Schiller räub. 5, 1 schausp.; im alten sinne, gegen den thäter gerichtet: mordio! zeter! schreyen, gridar' all assassino Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 666ᵇ; zeter wird oft mit mordio verbunden: man schreit zeter mordio über diesen neuen frevel u. ä.; weiter verstärkt: das war nun den untersuchern ein greuel, und sie schrien zetermordio, trug, gift, regentenmord und alle greuel über sie. Brentano ges. schr. 4, 386. feuer schreien ( Campe), den ruf feuer ausstoszen, um hilfe herbei zu holen. verstärkt feurio: feurjo! schreyen, gridar fuoco! incendio! Kramer a. a. o. dagegen vgl.: daʒ fiur schrîen und ûʒ künden. quelle bei Lexer mhd. handwb. 2, 798 (s. unten unter ζ). rache, hilfe, gnade als wirklicher ruf: rache, hilfe, gnade schreien; unbestimmter um rache, um hülfe, um gnade schreien. über wrœk als klageruf vor gericht s. rechtsalterth. 878; hilfe schreien in freierer anwendung:
mich wie ein schlanckes rohr vor jedem winde neigen,
vom morgen in die nacht vergebens hülffe schreyn.
Günther 617.
rufe von kämpfenden:
zuo im, herre, slahâ, slâ.
Ottokar reimchr. 6075;
schonung zu begehren:
do hieʒen in die Swâben
die Unger ûf haben
und fridâ, fride! schrîen,
dâmit sold er sich frîen.
25612
(friede schreien, frieden verkündigen s. unten). feldgeschrei, losung:
Parzivâl begunde ouch pflegn
daʒ er Pelrapeire schrîte.
Parz. 746;
do rittent sü von einre gassen in die andere mit bloszen swertern und schrüwent Habesburg. d. städtechron. 8, 79, 17. freuden und jubelrufe: vivat! schreyen, acclamare il viva Kramer deutsch-ital. dict. (1602) 2, 666ᵇ. sprichwörtlich: schrey nicht huy, du seyst dann über den graben. ebenda; schrei nicht eher: hopp, bis du über den graben bist. Wander sprichw.-lex. 4, 339, 14; schreie nicht juchhei u. s. w. 16; du schreyest iu, eer du uber den zaun kumbst. 340, 36;
frewet euch jr narren und schreyet ju.
lassztafel des doctor Grillen, vorr.;
mit lûter stimme er schrîte
harajou! vor Adelheit.
minnes. 3, 267ᵃ Hagen;
lerman schreyen, wenn yederman schreyt lerman lerman, conclamare Maaler 362ᵃ; lermen ò ins gewehr schreyen. Kramer a. a. o. 2, 666ᵇ. warnungsruf eines venezianischen trägers bei nacht: das sie schreihen warda, warda! das ist auff teutsch: weichet, oder schonent ewer. Wickram rollw. 57, 20.
ε)
andere wendungen mit angabe der geschrienen worte: das sie uber die burger schruwent: sü fliehent, sü fliehent. d. städtechron. 8, 82, 6; si schrien abermal, creutzige jn. Marc. 15, 13; giengen hinaus jm entgegen, und schrien, hosianna, gelobet sey, der da kompt in dem namen des herrn, ein könig von Israel. Joh. 12, 13; sie schrien aber, weg, weg mit dem, creutzige jn. 19, 15; legten die hende an jn, und schrien, jr menner von Israel, helfft, dis ist der mensch, der alle menschen an allen enden leret wider dis volk. ap. gesch. 21, 27; der schreiet, abba, lieber vater. Gal. 4, 6;
dise krîe er ofte schrê,
ein knappe, wan er konde eʒ wol:
'holâ vuoter, holâ, hol!
holâ vuoter, holâ vuoter'.
H. v. Freiberg Trist. 584;
'wer glaubt des Luthers lere
ist ewiglich verdampt!'
der gleich und anders mehre
schreien sie unverschampt.
bergreihen 57 neudr.;
ich hab lang geschryren Clas, Clas,
doch niemand mir antworten was.
Sachs 5 (1579), 358ᵈ;
und schray: 'ir dieb, last mir den al!'
sie schriren: 'ju, wir haben in'.
fab. u. schwänke 1, 557, 64 neudr.;
da liesz ich durch ihr schrein:
'halt schurke!' mich erbitten.
Göckingk 1, 288 (1780).
mit indirectem satze: da floch der erber mane und schre, ime lieffe ein wunderlich tier noch. d. städtechron. 9, 555, 7; die toden schreyen sie, seyen erstanden auf seine stimme. Schiller räuber 5, 2 schausp.; gift — gift, schreyt man, sey hier genommen worden. kab. u. liebe 5, 8. schreien im edeln sinne wie sonst rufen:
es winckt dir, weiszt du was? und rufft kommt nur herein!
und läst den sanfften west dir so entgegen schreyn (folgt eine aria).
Günther 336.
ζ)
schreien, etwas durch öffentlichen ausruf bekannt machen: offentlich schreien, proclamare Dasypodius; so vielfach in älterer sprache (vgl. ausschreien im neueren gebrauche):
gar swintliche hieʒ er dô
schrîen zwêner künige hof.
gesamtabent. 1, 364, 11;
gein Basel sîn samnunge het man geschrîet.
Lohengrin 3876;
der kunic hieʒ hervart schrîen
von Savei ûf den grâven.
Ottokar reimchr. 31833;
ouch hieʒ er fride schrîen
al der diet gemeine.
95931;
alsô wart der vride al umbe gekündet unde geschrîet.
Lohengrin 2097;
in freierer anwendung:
gall-bitter ist jhr herz, wan honigsüsz jhr mund,
sie schreyhen frid, und krigen.
Weckherlin 124.
mit nachfolgendem abhängigen satze:
nu hieʒ er zeimal in daʒ lant
schrien wol geliche,
daʒ arm unde riche
zu einer hochzit quemen.
passioual 668, 67.
vom nachtwächter, der die stunde verkündet: der nachtwächter schreit die stunde;
gleich wenn der wächter zehen schreyt.
Günther 162.
mit dem accusativ einer person: und sol man in danne offenlîche von der stat schrîen und tuon. quelle im mhd. wb. 2, 2, 214ᵃ; die selben sîn in die æhte geschrirn. ebenda. etwas öffentlich ausrufen um es zu verkaufen (vgl. marktschreier): etwas über die gassen schreyen, etwas feilschreyen. Kramer deutsch-ital. dict. 2, 666ᵃ; der ouch den wîn scrîet. quelle im mhd. wb. 2, 2, 213ᵇ;
lüeff noch ainer durchs dorff zum thail
und schrir: krebs fail, krebs fail.
Sachs fab. u. schwänke 1, 587, 112 neudruck.
3)
freier und übertragener gebrauch zeigt sich im entwickelten nhd. besonders beim adjectivisch gebrauchten participium, weniger bei den verbalen formen, abgesehen von der anwendung in gehobener sprache und einigen festen vorstellungen.
a)
das blut des ermordeten schreit die mordklage (s. oben 2, g, δ): die stim deines bruders blut schreiet zu mir von der erden. genesis 4, 10 (vgl.:
dror hruopit is te drohtina selbun   endi sagat hue thea dadi frumida,
that men an thesun middilgardun.
altsächs. genesis);
diese bibelstelle ist für die übertragene anwendung von schreien in der von ihr angegebenen richtung vorbildlich geworden: gleich wie magister Georgen blut ... je lenger je hefftiger schrey und noch schreiet. Luther 6, 326ᵇ; so grosz ist der mord des unschuldigen, das sein blut zu gott schreit und das ohn unterlasz. Paracelsus (1590) 9, 283;
der gleich thuͦt gott zuͦ diser zeit,
wann bluͦt der unschuld zuͦ jm schreit.
Schwartzenberg Cicero (1535) 100ᵃ;
himmelan schreit das blut
deiner opfer, und ruft von gott
rache! rache! von gott.
Hölty 97 Halm.
dann überhaupt von unrecht, das anklage erhebt und vergeltung verlangt: jr frevel und gewalt schreiet uber sie. Jer. 6, 7; sihe, der erbeiter lohn, die ewer land eingeerndtet haben, und von euch abgebrochen ist, das schreiet. Jac. 5, 4; aber dasz ihr uns nicht bedauert — das schreyet rache. Klinger 9, 257;
allein der undank schrie zu laut.
Wieland 18, 168.
vgl. über den gebrauch des participiums unten unter e.
b)
überlaut verkünden, sich verraten: die zung seit von keuscheit unnd der gantz leib schreit und zeigt unkeuscheit. Keisersberg narrensch. 184ᵈ;
da schrie ihr blick mich schneidend an,
doch konnt ihr mund nichts sagen.
Brentano ges. schriften 2, 418;
ein mann, der keine ursache hatte gemüthsregungen schreyen zu lassen. Reiske Thucyd. vorrede. von aufdringlichen, das auge verletzenden farben (so häufig das participium):
wer am stillen busen dir geruht hat einen augenblick,
wird zum tulpenbeet der welt, wo laute farben schrein, nicht gehn.
Rückert ges. gedichte 2, 414 (1839).
c)
der laute ruf dem schweigen gegenüber gestellt: ich sage euch, wo diese werden schweigen, so werden die steine schreien. Luc. 19, 40. in spielender antithese mit stumm: schreyt sein stummes miszfallen .. so laut und vernehmlich. Hamann (1823) 4, 306.
d)
ausdruck der erregung: jr hertz schrey zum herrn. klagel. Jer. 2, 18; er sasz still ohne zeichen da und erstickte das schreiende herz. J. Paul Titan 1, 108. nach etwas schreien, begehrend: de rock schraiet nâm niggen. Woeste 231ᵇ.
e)
übertragener gebrauch des participiums; die vorstellung des über die gewöhnliche stärke hinausgehenden, des grellen, aufdringlichen, feineres gefühl verletzenden wird auf farben angewandt (s. oben unter b): schreiende farben, ein schreiendes roth u. ähnl. eine schreierte farb. Hügel 144ᵃ; auch ihre kleider schaffen sie fort, die besonders, welche von frecher oder schreiender farbe sind. Schiller 7, 543; das schöne des wilden ist immer das seltsame, das schreiende, das bunte. briefe 3, 391. ähnlicher weise auf unsinnliches bezogen: wie indessen der stille wortarme und gründliche werth unsers prinzen neben dieser schreienden vortrefflichkeit auskommen wird, musz der ausgang lehren. Schiller 4, 273; der durch so schreyende auffallende tugenden hervorragende vizir. Klinger 5, 228. das aufdringlich lärmende tritt scharf hervor: ich kenne einen dichter, dem die schreiende bewunderung seiner kleinen nachahmer weit mehr geschadet hat, als die neidische verachtung seiner kunstrichter. Lessing 1, 150; zwar hat derselbe keine schreiende revolution in der gelehrsamkeit erregt. Herder 2, 251 Suphan. schneidend und grell auf den betroffenen eindringend: sich auf eine schreyende art an dem erzbischofe zu rächen. Klinger 3, 97. begrifflich sich scharf kennzeichnend: bei der menge schreiender beispiele. Kant 6, 193; mächtiger gerührt durch sinnlichen betrug als durch die schreyendste wahrheit. Thümmel reise (1794) 5, 143. die vorstellung der schrillen dissonanz liegt zu grunde, wenn man von schreiendem widerspruche u. ä. spricht: der gegensatz von gewaltsamkeit und unschuld spricht sich allzuschreiend aus. Göthe 39, 294; giebt man der sprache poetischen gehalt, so steht sie mit der unpoetischen situation und mit den beschränkten kleinlichen motiven im schreiendsten widerspruche. Ludwig 5, 410; in wendungen wie schreiende sünde, ungerechtigkeit, härte und ähnl. liegt die vorstellung des anklagens zu grunde (s. oben a, deutlicher zeigt sich das bei himmelschreiend), damit verbindet sich aber meist der begriff des auffallenden, grellen: ein mit schreiender ungerechtigkeit geführtes, und gleichwohl bis ans ende glückliches leben. Kant 6, 146; von dieser schreienden härte ergriffen. J. Paul Titan 1, 192; wir kehren zu unserem verfasser .. und zu seinem zorne über die schreienden sünden an der tonkunst zurück. kl. bücherschau 1, 36;
und zaghaft stehn wir an, diesz schreyende verbrechen
am bösewicht, der's ihr begehen half, zu rächen?
Gotter 2, 6;
ihr vater hat den schreyenden verrath
an uns begangen.
Schiller Wallensteins tod 3, 21.
4)
besonderes. in schönem bilde von plätscherndem wasser: ein wasser das tieff ist, schleicht dahin stil, aber die cleinen wasser schreien uber dy stein dahin. Keisersberg narrensch. 111ᵈ. kreischendes tönen, von leblosen dingen hervorgebracht: der schnee schreit, die räder eines wagens schreien (bei starkem frost); kleine steine im thon schreien, wenn sie beim durchschneiden des thons getroffen werden Jacobsson 4, 49ᵃ; kühner in älterer sprache:
ein Trühendingær phanne
mit kraphen selten dâ erschrei.
Parz. 184, 25 (vgl. Helmbrecht 1398).
schreiende stimmen einer orgel, die lauten, scharfen register man sagt von einer klarinette oder ähnl. sie schreit, wenn sie einen schrillen ton gibt; auch von saiten: die quinte (einer geige) schreit, in gleichem sinne. im guten sinne vom hellen, hohen klang einer geige:
nun weckt mich das geschwinde schreyn.
Günther 346.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1897), Bd. IX (1899), Sp. 1709, Z. 7.

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Zitationshilfe
„geschreien“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschreien>, abgerufen am 07.12.2021.

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