Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

geschrift, f.

geschrift, f.
wie die schrift, ahd. giscrift, gescrift, scriptura, stilus, mhd. und mnd. geschrift, ndrhein. geschricht Gotfr. Hagen boich v. d. stede Colne v. 562. 710, städtechr. 12, 38; das wort ist in der nhd. schriftsprache erloschen, aber noch in den oberdeutschen mundarten gebräuchlich Schm.
1)
geschriebenes, schrift, auf-, inschrift:
gap die tavele in sîn hant.
dô er die geschrift gelas.
Albr. v. Halberstadt 21, 215;
die geschrifft, die kant er wol lesen,
ein schuler was er gewesen.
Lenz Schwabenkr. 88ᵃ;
Balthasar sach eines moles eine hant schriben geschrift an sine want, das kunde nieman gelesen denne Daniel. der sprach: dise geschrift betütet, das Babilonie zerstört wurt. Königshofen in städtechr. 8, 284, 2; sein (des kaisers Maximinus) nam wurde aus stainen, kupfer, holz, aller geschrift abgeschabt. Aventin. 4, 929, 4 Lexer; davon nit weit ist ain pyramis, das ist ain groszer stainer kegel und turn gewesen, stet die geschrift noch darauf: M. Antonin. imp. aug. 4, 686, 10. 5, 483, 35;
disz gschrifft (auf dem grabstein), warn griechisch buchstaben,
sagt: hie liegt Phaeton begraben.
Ovidii metam. (1609) 54ᵇ, nach Albr. v. Halberstadt 4, 6.
beischrift, beschreibung zu einer abbildung: solches hab ich hernach so eigentlich auffgerissen, das es einem yglichen kleines verstandes kunt wirdet, ob gleich kein geschrifft darpei wer. Albr. Dürer E 5ᵇ. — in geschrift, durch geschrift, schriftlich: daʒ wir .. in daʒ ouch in geschrift gæbint. die beiden ältesten d. jahrb. v. Zürich 83, 16 Ettm.;
sin narrheit gibt er in geschrifft.
S. Brant narrensch. 28, 8 u. anm.;
also findestu in geschrift in dem closter Castell. städtechron. 3, 86, 10; daʒ du die sagen (aussagen) in geschrift verfassest. urk. Max. 48; alle beschwerden in geschrift begreifen (verfassen). Krenner bair. landtagshandl. 7, 371; nach Crists geburt tusend vierhundert driszig und nün jär ward dise rechtung und offnung vor gericht in geschrifft genomen. weisth. 1, 81; kaiser Otte gebot do seinen canzlern und schreibern, das si dise histori in geschrifte prächtent ausz des herzogen munde. herzog Ernst, volksb. 302, 33 Bartsch; jeder tail soll sein ruer (anbringen vor gericht beim ersten verhör) in geschrift stellen. östr. weisth. 1, 231, 46 (von 1565); den nechsten tag wil ich euch den ursprung meiner lieb in geschrifft anzeigen. buch d. liebe 237, 1; hat man gemain (versammlung) gehalten secunda hora diei, ist in fürgehalten durch geschrift, wie sich die drei stett mit den bawrn verbrüdert. Baumann quellen 2, 603; als ich die durch geschrift offenbaret. Hutten 5, 28 Münch.
2)
schriftart, buchstaben: und die geschrift gottes was gebildet in den tafeln. bibel 1483 48ᵃ, 2 Mos. 32, 16, gott hatte .. selber die schrifft drein gegraben Luther; wie die geistlichen (der Gallier) kriechische geschrifft brauchen. Ringmann Cäsar (1530) 57ᵇ; sy (Indianer in Yucatan) schreiben eine seltzme gschrifft. S. Frank weltb. 228ᵇ; sy (Äthiopen) haben zweierlei gschrifft, eine die sy heilig nennen, allein den priestern bekant, die ander gmeine landts gschrifft, iederman gmein. 6ᵃ; da wurden brieffe auszgesandt in ein jeglich landt nach seiner geschrifft. buch d. liebe 298, 3; er möge brille nehmen, welche er wolle, so könne er nichts daraus machen, er verstehe sich gar nicht auf die neue gschrift, welche aufkäme. Gotthelf Uli d. p. 297;
maniger meiner geschrift lacht
und doch selber kranfüesz macht.
Schmeller² 2, 599 aus älterer handschr.
bei den buchdruckern die typen: fünf oder sechs pfundt buͦchstaben, welche man auch auff der truckerei nit anders dann gschrifft heist oder nennet. Wickram rollw. 34ᵇ; liesz er (buchdrucker) mir ein cursiff gschrifft. Th. Platter 93 Fechter.
3)
das schreiben, die schreibkunst:
ich muͤst daʒ zît vertrîben
mit geschrift unz an den jungsten tag.
liedersaal 1, 16, 133;
und mag keiner recht weis gesein, der sollicher kunst der geschriffte unkundig und lere ist. Albr. v. Eyb ehebüchl. 69, 12. 16 Herrmann;
daʒ sey der gschrift vergessen
hiet in iren jungen tagen.
Wittenweiler ring 13ᵇ, 40.
4)
der schriftinhalt: ob die geschrift in der bibel (was in der bibel geschrieben steht) alle war sei. H. Sachs dial. 73, 11 Köhler; denn wo sy (prediger) glych andre gschrifft ouch lartend, was doch das allweg das obrist, man sölte kinder nit touffen. Zwingli touf a 2ᵃ.
5)
schriftstücke in staats- und privatgeschäften, vor gericht: als vile botschaft, geschrifte, briefe von dem hofe zu Rome herusz in unsere und des heilgin richs lande kommen sint. Janssen Frankf. reichscorr. 1, 138 (von 1409); bona fide an geschrifften und sigeln agnoscirn. Frankf. ref. 1, 31 § 19; bewerung des handels durch lebendige zeugen und geschrifften. buch d. liebe 224, 3; codicilli, geschrift, libell, brief. Aventin. 1, 393, 25 Lexer; falsigramma, ein falsche geschrifft Brack 36ᵇ; verschreibung, 'handschrift':
si (die pfaffen) habent geschrift
der herren alze vil.
Frauenlob 299, 13;
da steht, ihr hättet Elisi's mann eine gschrift gegeben, gut für 15000 thaler. Gotthelf Uli d. p. 298, vgl. handgeschrift 2; brief: deszgleichen wurden gelesen (bei der bischofswahl) ettliche brieff, darin die thumherren, die nit zugegen warendt, ... meinten ir stimmen in gschrifft zu geben, aber es ward unglich gehalten, das man uff die geschriften nichts geben solt. S. Brant 200ᵃ Zarncke; er brach das siegel auff und uberlas jr geschrifft. Aimon m 3; die herzogin an seinen geberden und frölichen angesicht wol abnam, dasz er jr geschrifft empfangen habt. Galmy 141; collectiv, schriftwechsel, correspondenz: do fand man bei jnen alle geschrifft und practick der catilinischen rott. Stumpf 134ᵇ; deshalb du mit minem schultheiszen in geschrift komen bist. Lexer handwb. 1, 905 (archiv von Donaueschingen, von 1475).
6)
schriftthum, bücher, literatur, collectiv: gallus gallinaceus haiʒt ain cappân und haiʒt dike in der geschrift pepo. Megenberg 196, 21. 310, 4; er hât eʒ (buch) gesament auʒ der geschrift der hôhen maister, die haiʒent Aristotiles, Plinius, Ambrosius, Augustinus. 494, 6. 427, 13; pei der nahtigal verstên ich die rehten maister der geschrift, die tag und naht mit überigem grôʒem gelust lesent die geschrift und tihtent new lêr. 221, 19;
ich sî ein leie ân al geschrift (kenntnis der literatur).
Teichner 56;
sein lust und fröud in der geschrifft haben, delectare se cum musis Maaler 173ᶜ; darumb setzet men des sünes name für den vater in der geschrift und in der gemeinen rede, das men sprichet: Titus und Vespasianus worent frume keiser. Königshofen in städtechr. 8, 347, 2; derhalben sichst du jetzund manchen ungelehrten laien, der allein hat Lutherische geschrift lesen hören, mehr von dem evangelio wissen zu sagen, dann manchen pfaffen. Hutten 5, 469 Münch.
7)
buch, schrift, literarisches werk: der (Maria) varb, daʒ ist ir tugent und ir hailichait, moht nie kain maister volpilden mit geschrift und mit getiht. Megenberg 246, 5;
wenn er (Diogenes) begert tausendt ducaten,
so wil ich (Alexander) imbs frei-willig schencken,
das er mein darbei thu gedencken
und in geschriefft erheb mein lob.
H. Sachs 13, 583, 4 Keller;
nu wart die geschrift (die lat. beschreibung) gar vollebrohte von diseme kriege an deme mendage noch deme ostertage, do man zalte von gottes gebürte 1290 jar. Closener in städtechron. 8, 89, 6;
siehe die geschrifft Nasonis an,
wiltu von liebhaben kuntschafft han.
Cato 97 Zarncke;
spricht die geschrifft Isaie: sy werden fliegen als die adler. Keisersberg has im pfeffer Aa 4ᵇ; dann wir an Luthers geschrift wol vermerkend, dasz unsere geschriften in üweren landen nit gelesen werdend. Zwingli in Wackern. leseb. 3, 266; von mir in meinen büchern und geschriften nit gescholten. Hutten 5, 37 Münch;
Simonides, der weise mann,
der zeigt in sein geschrifften an,
das u. s. w.
H. Sachs 5, 2, 329ᵇ;
diese kostfreiheit in den Römern haben nie kein geschrifften genuͦgsam mögen loben. Nicl. Heyden Valerius Max. (1565) 105;
was man in Mahumets geschrifften finden kan.
Opitz Hug. Grot. 411;
ihr (lehrer) denket allfort blosz an eure geschriften. Auerbach dorfg. 497. schriftliche aufzeichnung: doch gebend die eltisten geschriften des closters S. Gallen disem hof und dorf, von 700 jaren här, nit den namen Cromaszhorn, sonder Romaneszhorn. wiewol den alten gschrifften der münchen hierin nit ze vil nachzehengen ist. Stumpf 2, 49ᵇ; wie aus den alten reimen, liederen und annoch verhandenen geschriften abzunehmen. Schottel 167; zuͦsamen geläsne geschrifften, collectanea Maaler 173ᶜ.
8)
das buch der bücher, die bibel, die heilige schrift.
a)
deutlicher die heilige oder göttliche geschrift: (Jesus) seite in von der heiligen geschrift. myst. 1, 303, 5. 7 Pf.; ein meister der heilgen geschrift. Closener in städtechron. 8, 26, 20; es ist ze merken, das die heilig geschrift in der warheit ist als ein weich wachs, das nimpt ein form in sich darnach das insigel gegraben ist. spiegel menschl. behaltnusse (1492) 2ᵇ; dasz hinfür kein buchdrücker .. drücke one wissen und willen des ordinarien desselben orts, mit zulassung der facultet in der heiligen geschrifft einer der nehest gelegener universitet. kais. mandat von 1521 bei Luther 1, 462ᵇ; sie verkehren die rechten heiligen geschrift mit ihren decreten. Hutten 5, 469 Münch;
die heilig gschrifft krummen und biegen.
S. Brant narrensch. 103, 7 u. ö.;
das buch der heiligen geschrifft.
H. Sachs 4, 2, 94ᵃ;
die hailigen lêrer, die erläuht werdent von der götleichen geschrift. Megenberg 211, 26; durch die göttliche geschrift. Luther br. 1, 596; aus göttlicher geschrift grund. Fischart ehz. 404;
als uns die götlich geschriffte seit.
Murner badenfahrt 67 (18, 72 Martin).
b)
die geschrift schlechthin: ahd. er lâʒet sie in dia tougenî dere geschriftî. Notker ps. 28, 9 Wiener handschr.; mhd. ein ander wort stêt ouch in der geschrift: got minnet die nâch volgent der gerehtekeit. mystiker 2, 145, 21 Pf.; nun spricht die geschrift: der geist des herrn u. s. w. Tauler (1521) 264ᵇ; dy geistlichen, dy die auszderwelten solten sein, als dy geschrift auszweiset. städtechr. 1, 351, 13; die geschrift beweiszt das. Keisersberg granatapfel K 1ᵇ; wucher heiszt die geschrifft pleonexiam. Agricola spr. 123ᵇ; falscher verstand der geschrifft. Luther postill (1528) 324ᵇ;
durch die geschrifft lehret uns gott.
Mich. Vehe 69;
das heilig reine gottes-wort
in der geschrifft.
H. Sachs 4, 2, 110ᵈ;
(der rabbi spricht) jm hecht allein der pöffel ahn,
der die geschrifft nit lesen kan.
3, 1, 205ᵃ;
in der geschrift findt mans gar fein,
wie der endchrist sol zeichnet sein.
Uhland volksl. 2, 928, 13.
c)
der von den aposteln verfaszte theil des neuen testaments heiszt die apostolische geschrift: so haben wir diesen winter zu Eberburg .. allwegen die Lutherischen bücher gelesen, von dem evangelio und der apostolischen geschrift geredt. Hutten 5, 469 Münch; auch im plur.: ein christlich biechlin des durchlüchtigosten uszlegers der prophetischen, evangelischen und apostolischen geschrifften, sancti Hieronymi, von P. Gengenbach (Basel 1522).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3969, Z. 24.

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Zitationshilfe
„geschrift“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschrift>, abgerufen am 05.12.2021.

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