Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

geschwell, n.

geschwell, n.,
unverkürzt geschwelle, collectivbildung zu schwelle; nebenformen geschwöll weisth. 3, 626 (Baiern), Henisch 1548, geschwöl Pinicianus 1521, gschwöl Schaidenreiszer 22ᵃ, und geschwelbe bibel 1483 42ᵇ (s. unten 2, a).
1)
das grundgebälk, der grundbalken einer wand u. s. w. Schm.² 2, 630; von einem eichen geswell, das 14 schuch lang ist. Tucher baumeisterb. 74, 13; noch schweiz. das geschwell, die grundschwellen zu einem hölzernen gebäude, das geschwell spannen, die grundbalken in einander fügen oder einzapfen, worauf das gebäude ruhen soll Stalder 2, 363, tirol. Schöpf 660; die dachschwellen, die den dachstuhl tragen: die dachfetten, das geschwäll und die liegende dachsäulen. Schübler zimmermannskunst (1749) § 384; im mühlenbau das geschwelle des herds s. v. a. herdschwelle (s. d.) Ehrenberg baulex. (1840) 262.
2)
insbesondere die horizontalen balken oder steinschwellen unter und über der thüröffnung: aber Minerva schluͦg die pfeil ausz, das ainer in dem obern geschwell, der ander in der thür, der dritt an der wand blib stecken. Schaidenreiszer 93ᵃ; gewöhnlich aber im engeren sinne die untere haus- oder thürschwelle: geswelle, inferior pars hasti voc. inc. teut. i 5ᵇ, s. thürgeschwell.
a)
eigentlich: geswelle, postis Schm. a. a. o. (14. jh.), geswel, limen ebd., geswelle, geswel, geschwelle, geschwel Dief. 330ᵃ, nov. gl. 235ᵇ;
dô sie trat uber das geswel.
erlösung s. 327;
wâ ofen, geswell und übertür?
Hätzlerin 1, 35, 57. Uhland volksl. 720;
nieman sol pauwen vor seinem hause oder vor seinem geswelle âne der burger rat, eʒ sei kelrhals oder waʒ eʒ sei. Nürnb. pol.-ordn. 289 Baader; vor dem geschwell grüszen. Eyering 3, 369; der niemands gsel komm auch nit uber dein gschwel. S. Frank spr. 2, 179ᵇ. 1, 154ᵃ;
als das gedös im kam so nach
uber das gschwell in sein gemach.
H. Sachs 5, 287ᵈ. 117ᵇ;
im plur.: er schickt in (knecht) zu der tür und zu den geschwelben (ad ostium et postes). bibel 1483 42ᵇ, 2 Mos. 21, 6; schreib sie über die geschwelen an den thüren deines haus. 87ᵇ, 5 Mos. 11, 18; die geswelle unter den thüren. Tucher baumeist. 258, 12; (Commodus) niemand nicht von seinen geschwellen auszwerffende, als der eins erbaren wandels sich anmaszet. S. Frank chron. 142ᵃ; da wurden die geschwel faul und morsch. Mathesius trostpred. S 5ᵃ; fall nider auff die tarpeischen geschwäll, bete sie an. Tatius Polyd. Vergil. 333. noch bair. gschwell, thürschwelle Schm.
b)
bildlich, wie die schwelle: vil leuten ist das geschwell des grabs ein eingang und vorhofe der groszen glorien gewest. Petrarcha 220ᵃ; die grenze, vgl. lat. limen, schwelle, und limes, grenze: ee ich daʒ gschwöl meines vaterlands erraiche. Schaidenreiszer 22ᵃ; daher allein die Indi das geschwell ires vaterlands nie haben überschritten. S. Frank weltb. 193ᵃ; die geschwell und grentz viler land. vorr.; auszörterung der geschwell und grentz Europe. 22ᵃ; item von teutscher nation geschwellen. German. chron. titel; diesz seindt der alten Teutschen geschwell bei den alten. 2ᵇ; der mensch understehet sich, das geschwel seiner aigenschaft zu überschreiten. mor. encomion 28.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3991, Z. 22.

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Zitationshilfe
„geschwell“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschwell>, abgerufen am 08.12.2021.

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