Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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geschwiegen, part. prät.

geschwiegen, part. prät.
zu schweigen, aber nicht in passiver, sondern in activer bedeutung (wie verschwiegen, vermessen, bedacht, beholfen, s. gramm. 4, 70 und vgl. die ähnlichen lat. bildungen tacitus, schweigend, cautus, vorsichtig, schlau), stillschweigend: mhd.
daʒ ich sî geswigen.
minnes. 1, 150ᵃ Bodmer;
geswigen sint diu vogellîn.
2, 25ᵇ;
sît diu nahtegal geswigen ist.
1, 202ᵃ;
geswigen was der veinde schal.
Suchenwirt 10, 129;
nhd. denn was künd für elender jamer der christenheit widerfaren, wo sie solten ewiglich also geschwiegen und zutreten bleiben. Luther 5, 534ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 3993, Z. 73.

schweigen

schweigen,
starkes und schwaches verb. (vgl. geschweigen). schweige, schwieg, geschwiegen, nicht reden, das reden lassen oder unterdrücken; schweigen, schweigte, zum schweigen bringen; mhd. swîgen, stark: swîge, sweic, swigen, geswigen und schwach: swîgete, swîgte, swîcte; daneben sweigen, sweicte, zum swîgen bringen mhd. wb. 2, 2, 787ᵇ. 789ᵇ. 790ᵃ. Lexer mhd. handwb. 2, 1352. 2, 1372; ahd. suuîgên, suuîgêta, silere Graff 6, 859; factitiv sueigen aus sueigjan 860; unserm starken verb. schweigen entspricht mnd. swîgen, stark und schwach flectierend: swêch, swêgen, geswegen, swîgede Schiller-Lübben 4, 496ᵇ; alts. schwach: swîgôn, swîgôda. altfries. swîgia Richthofen 1061ᵃ; nld. zwijgen (stark flectierend), ags. swîgian (oder swigian), swîgde, swîgode. im ostgermanischen ist das wort nicht belegt, verwandt sind vielleicht altn. bildungen wie: svig, krümmung, sveigja, beugen, svigna, sich biegen, nachgeben. grundbedeutung des ursprünglich schwachen verbums schweigen würde demnach etwa gewesen sein, die stimme beugen, sinken machen, unterdrücken. es würde eine ähnliche prägnanz vorliegen, wie bei ahd. swiftôn conticescere (hierzu nhd. beschwichtigen) im verhältnisse zu got. sweiban, aufhören, ablassen (s. beitr. 11, 561). unsicher ist das verhältnis zu ags. svīcan, as. swīkan, ahd. swîhhan, weichen von jemandem zu dessen schaden, altn. svíkja, s. beitr. 8, 273. die conjugation des starken verbums im älteren neuhochd. bietet keine besonderheiten; prät. schwieg:
er sach mich an und schwig ein weyl.
H. Sachs fab. u. schwänke 1, s. 21, 14 Götze;
still schwieg der sun.
s. 89, 17;
prät. schweig: da ruffet sie jm aber, und bat jn fleiszig, das er sie einlies, da schweig er still. Luther 6, 501ᵇ;
die schererin schweig und gedacht.
H. Sachs meisterl. s. 109, 18 Gödeke;
der arm ziegochsz sagt zwar nicht viel
zu solchem prangen, und schweyg still.
E. Alberus fabeln 25, 230 neudruck;
hier schweig Merlino still.
Dietrich v. d. Werder Ariost 3, 20.
schweige: (er) schweyge sein leben lang stille und redt kein wort mehr. Schumann nachtb. 208, 22 Bolte; Schottel: ich schweige, ich schwieg 595; Stieler: ich schweige, ich schwieg (daneben: ich schwiege), geschwiegen 1965. vereinzelt begegnen starke formen in factitivem sinne, s. unten II. sehr selten im nhd. schwache statt der starken, s. unten die stelle aus der Villinger chronik unter 8.
I.
starkes verbum, silere.
1)
für die gewöhnliche anwendung genügen wenige beispiele: etlicher schweiget, darumb, das er sich nicht kan verantworten. etlicher aber schweiget, und wartet seiner zeit. Sir. 20, 5;
schweigst du
aus dem gefühl der unschuld oder schuld?
Schiller jungfr. von Orleans 4, 11;
bei dem rauschen des stromes scheint
schweigend sich zu besinnen
Mutalammes.
Rückert (1882) 4, 68;
freier:
jener lorbeer wand sich einst um hilfe,
Tantals tochter schweigt in diesem stein.
Schiller 11, 4.
schweig, schweig mein liebes kindlin. Luther 4, 283ᵃ; heftige aufforderung: nichtswürdiger! schweig! reize meinen grimm nicht noch mehr. Schiller kab. u. liebe 2, 6. heiszen schweygen, jubere silentia Maaler 367ᵇ: wie man die heiszt schweigen, die da reden und rumorn mit worten. Luther 4, 253ᵇ. zu singen aufhören, nicht singen: als der sänger schwieg, erhob sich lebhafter beifall. gesang und spiel verbunden:
die vidler hieʒ man swîgen.
liedersaal 1, 236, 44.
frei auch vom spiel allein: der geiger spielte hinreiszend; als er schwieg ...
2)
auf das organ bezogen, zunge, lippe, mund: ich hab ein maul, das schweigen kan. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 708ᵃ;
mit svigendeme munde
ruͦfen er begunde (d. h. im herzen, in gedanken).
Diemer deutsche ged. des 11. u. 12. jh. 45, 28;
seid still, ihr männer von Athen, und schweigt
der weiber rege zungen.
Stolberg 4, 18.
stimme:
ich stehe nur ein jüngling zwischen euch,
den vielerfahrnen — meine stimme musz
bescheiden schweigen in der landgemeinde.
Schiller Tell 1, 4.
3)
überaus häufig begegnet natürlich schweigen in sprichwörtern und redensarten; in mannigfachen wendungen empfiehlt die volksweisheit das zähmen der zunge:
swer niht wol gereden kan,
der swîge und sî ein weiser man.
Vridank 80, 11;
schweigen ist ain grosse tugent,
baid an alter und an iugent ...
schweigen schadet chainem man,
vil claffen wol geschaden kan.
Hätzlerin 1, 70, 79;
beter geswegen dan ovel gesproken. Tunnicius 309; es ist besser geschwigen, dann ubel geredt. Franck sprichw. 2, 169ᵇ (1541), besser schweigen, denn viel schwetzen. Petri d. Teutschen weish. 2, K 7ᵃ; lerne schweigen, so kanst am besten reden. Franck a. a. o. 1, 49ᵃ; schweig, oder red etwas das besser ist dann schweigen. ebenda; reden ist silber, schweigen ist gold; es ist nicht uber schweigen. ebenda; mit schweigen verredt man sich nit; schweigen hat einn gewissen lon; schweigen ist für vil unglück guͦt. ebenda; schweigen ist ein kunst, klaffen bringt ungunst. 2, 88ᵃ; de swygen kan, dat is de beste man. Tunnicius 1166; wer schweigt, der bleibt. Petri a. a. o. 2, Kkk 3ᵃ; schweig bist was zuthun bedacht, geret nichts wol, du wirst verlacht. Ss 6ᵃ; schweigen gereut niemand. Dentzler 2, 258ᵇ; wer schweigen kan, der frist mit (genieszt seines schweigens). Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 708ᵃ; si tacuisses philosophus mansisses: hettest du geschwigen und gedacht, so hett man dich für witzig geacht. Henisch 1403, 35; könt ein narr schweigen, so wehre er weise. Schottel 1125ᵇ. besonders den frauen wird das schweigen anempfohlen, da es ihnen schwer fällt: ein weib das schweigen kan, das ist eine gabe gottes. Sir. 26, 17; es ist keyn kleyd das einer frawen basz anstehet, dann schweigen. Franck sprichw. 1, 49ᵃ; für die weiber ist schweigen härter als säugen. Eiselein 563 (oder: härter als gebären). unzeitiges schweigen bringt aber schaden, reden und schweigen hat seine zeit: schweigen reden hat seine zeit. pred. 3, 7; schweigen erwörgt viel freunde; schweigen ist löblich und gut, reden besser, wer jhm recht thut. Petri a. a. o. 2, Ss 6ᵃᵇ; schweigen ist nit alweg guͦt. Franck a. a. o. 1, 49ᵇ; wer da schweiget und nie spricht, waisz man so, was ihm gebricht? Eiselein 563; wer schweiget, krigt nichts. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 708ᵃ. schweigen kann verdächtig sein: ich schweig wol, bin aber des schalcks vol. Franck a. a. o. 2, 36ᵃ; schweigende hunde beiszen ehe denn die da bellen. Petri a. a. o. 2, Ss 6ᵃ; man fürcht nur die schweigenden. Schottel 1127ᵃ. der schuldewuszte verstummt, oder milder, wer schweigt, stimmt bei: schweigest stille, so ist's dein wille. Eiselein 563; de swicht, de volget. Tunnicius 448; wer schweigt und rot wird, der gibt sich schuldig, oder ist uberzeugt. Petri a. a. o. Kkk 3ᵃ; nach der gemeynen rechtsregell, welche besaget, wer schweiget, der williget. Zasius keys. lehenr. (1576) 85ᵇ. anders: schweigen ist auch eine antwort, nämlich eine abweisende. in diesem sinne braucht man auch: höflich schweigen, oder schärfer: eisig schweigen, wobei das schweigen eine abweisung, miszbilligung verdeckt. daher ist das schweigen bequem: mit schweigen verantwort man vil. Franck a. a. o. 2, 88ᵃ. andere wendungen werden im verlaufe der darstellung aufgeführt, im übrigen s. Wander sprichwörterlex. 4, 434—446.
4)
verstärkung, stille, stillschweigen:
hie mite sweic er stille.
Kraus ged. des 12. jh. XIII, 8 (mit anmerk.);
Everart Neisgin sweich alstille.
d. städtechron. 12, 133, 3893;
darumb schweyg still! du schaffst kain nutz.
H. Sachs fastn. sp. 1, 29, 235 neudruck;
darauf antwort er nichts, schweig stille. Luther 6, 334ᵃ. bestimmung durch vergleich: schweygen wie ein mausz, gantz und gar nit reden. Maaler 367ᵇ; er schweiget mausestille. Stieler 1965; stockstille, baumstille, mäuschenstille schweigen, 'blumen der niedrigen emphatischen sprechart' Adelung; wir wollen schweigen wie käfer .. und läugnen, wie hexen. Pestalozzi 2, 39; swigen as een boom, boom still swigen, swigen as ene muus. brem. wb. 4, 1121; vgl. Wander deutsches sprichwörterl. 4, 446, 229 ff. derbe wendung: ik hebb swegen, dat mi de mund basten mugte. Dähnert 478ᵇ;
der könig lag, schweig wie ein stumme.
Waldis Esop. 1, 17, 52 Kurz.
verbindung mit verben: sie antworten jm, schweig und halt das maul zu. richt. 18, 19; vil stille schwigend gedage. quelle bei Schm. 2, 629;
schweigt still und halt all die meuler zu.
fastn. sp. 169, 4;
schweig und sprich nit,
merck und vergisz nit.
1459;
itzund schweigt all und halt euch still.
Ackermann 72, 39 Holstein;
nu hôrt, nu hôrt unde swyget stille!
dôt tô den munt! dat is myn wille.
Theophilus 10;
ähnlich:
schweigt ein weil und redt nit vil.
fastn. sp. 351, 9;
schweigt ein weil und redt leis.
368, 4.
schweigen und hören: herold stand auff, verschaff dasz das volck schweige und lose. Maaler 367ᵇ; schweiget und höret fein zu, favete linguis Stieler 1965; schweigen und hören ist die schwerste arbeit. Petri d. Teutschen weish. 2, Ss 6ᵇ;
schweiget, hört und vernemet alle.
fastn. sp. 393, 4;
schweigt ein weil und horcht her.
1152;
schweigt und hört all gleich,
er sey junk alt arm oder reich.
1376;
gesell, lasz dirs nit verschmahen!
schwig und her ain klains.
Zimm. chron.² 4, 217, 34;
darumb schweigt still und höret zu,
wie sich al sach verlauffen thu.
Ackermann 14, 49 Holstein;
drumb hört mir zu, und schweiget still.
E. Alberus fabeln 14, 4 neudruck.
schweigen und denken und ähnliche verbindungen: schwig, on denk, Michelke. Wander sprichwörterlex. 4, 446, 236;
swyghen unde dencken,
anschowen sunder wenken,
merken sunder klaffen,
kann vele dogede unde fredes schaffen.
Schiller-Lübben 4, 497ᵃ;
schweigen und dencken,
kan niemand krencken.
Franck sprichw. (1541) 2, 88ᵃ;
schweigen und gedacht,
hat niemand schaden gebracht.
Henisch 1403, 37;
besser schweigen und gut dencken,
denn mit reden ein andern krencken.
678, 29;
schweigen und dencken,
und schlaffen auff harten bencken.
ist dasz für trawren gut,
so trag ich auch ein frischen muth.
Petri d. Teutschen weisheit 2, Ss 6ᵇ;
ze senen hetz ich swîgen,
gedenken unde troumen.
des muͦʒ mîn herze sîgen
und an mangen fröuden sich versoumen.
H. v. Laber jagd 371.
schweigen und leiden: schweygen unnd leyden, etwas leyden und nit ein wort darzuͦ sagen. Maaler 367ᵇ;
schweig leyde und lach
gedult uberwint alle sach.
fastn. sp. 1459;
schweig und leid,
bösz gesellschafft meid.
Henisch 816, 56;
schweig und lasz uber gahn,
das gewitter wil seinen willen han.
Petri a. a. o. 2, Ss 6ᵇ;
schweig, leid, meid, und vertrag,
dein sach gott allzeit klag.
unnd bleib fest in geduld,
so behelstu gottes huld.
ebenda,
schweig, leid, unnd vertrag,
bisz dein sach besser werden mag.
ebenda;
schweig, trag und leid ein jedes glück,
bleib bey deinem stand, sihe nicht zurück.
ebenda;
schweigen, leiden und nicht klagen
seynd drey ding, so nicht behagen.
Wander sprichwörterlex. 4, 441, 128, vergl. dort 437, 52 ff.
schweigen und gehorchen:
wer klug ist, lerne schweigen und gehorchen.
Schiller Tell 3, 3.
5)
in prägnanter anwendung, wie verschwiegen sein oder in einer bestimmten angelegenheit, über eine bestimmte sache schweigen: nicht schweigen können. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 708ᵃ; kannst du schweigen? wie das grab. sprichwort. nach der volksmeinung: de kann swiegen, de heet eeten kann. Schütze 4, 236; ich sollte schweigen auf ewig — denn er ist euer sohn: ich sollte seine schande verhüllen auf ewig — denn er ist mein bruder. Schiller räuber 1, 1 schauspiel;
und wenn jch thet
nach deyner bet
jch fürcht, du schweygst nit stille.
bergreihen 62.
6)
eine andere prägnante anwendung ist der älteren sprache eigen, schweigen, die kirchlichen gesänge, das gesprochene, das geläute unterdrücken, den gottesdienst einstellen (interdict): wor ein Magdeburgesch man quam, dar moste men swigen in den kerken. d. städtechron. 7, 310, 13, vgl. Schiller-Lübben 4, 497ᵃ; schweigender bann, interdict Haltaus 1665.
7)
das object, worauf das schweigen sich bezieht, steht in älterer sprache häufig im genitiv:
lŷt swîgode
niwra spella.
Beówulf 2898;
mînes kunnes, sprach si, hêrre, nû swîge.
kaiserchron. 2701;
nû swîgen wir der degene.
Gudrun 1165, 1;
Munschoy der crye was geswigen.
Wolfram Willehalm 50, 11;
hi sweech der claghe.
Reinaert 4654;
wanne neyn, sprack Brun, swyget der rede.
Reinke de vos 465;
o wê! o wê! dat sœte wôrt!
dat is my gâr unsachte hôrt.
swych balde, swych des wôrdes mê.
Theophilus 696;
schweyg aller entschuldigung du.
H. Sachs 3, 1, 178ᶜ (1561);
ich schweyg der werck, die gott hat nicht
geheyssn.
15, 357, 3 Keller-Götze;
denck, schweig des Christs und hab die plag.
J. Menius vom bapstum M;
da sprach der apt: schweig du des nun!
Waldis Esop. 3, 92, 95 Kurz;
manlik mut sines scaden wol svigen de wile he wel. Sachsensp. 1, 62, 1; ich bin verstummet und still, und schweige der freuden. ps. 39, 3; er wolte seine bücher in etlichen artikeln dem concilio heimstellen, und in des derselben schweigen. Luther 1, 448ᵃ; ich wil schweigen der bösen und sündlichen pfaffen. 3, 85ᵇ; Jesaia schweigt des siegs. 176ᵇ; ich wil schweigen jres schendlichen lebens. 4, 63ᵃ; ich schweige der pestilentz, da gott seine sünde mit strafft. 6, 166ᵃ; in unserm lande und für unsern ohren, sollen sie der wort schweigen. 8, 97ᵃ; so du aber fielest, was woltest du? freylich das ydermann dein schwyge und nymandt gedecht es. 9, 154, 16 Weim. ausgabe; nicht wöllet schweigen irer missetat. Sachs dial. 56, 32; Mattheus schweigt auch disz königs. Reissner Jerusalem 2, 20ᵃ.
8)
das object im accusativ, etwas verschweigen: hit ne se dat man suigie sacrilegium. fries. rechtsquellen 407, 20 Richthofen; schryet abir yenre syn gerufte nicht, so mag her synen schaden swygen. Magdeb. fragen 3, 1, 1; schweigen solt ich villeicht das lob der treffenlichen alten wolherkomen burger der geschlecht zu Nurenberg. d. städtechron. 3, 112, 26; ein vater schilt, strafft, und steupt sein kind, und ist jme doch nicht feind, der ist jm aber feind, der sein bosheit schweiget, und nicht schilt noch straffet. Luther 2, 142ᵃ; das er die hohen, rechten stücke, so schweiget und liegen leszt. 3, 37ᵇ; so were es doch unbillich, solchen schendlichen verrheterischen mord zu schweigen. 383ᵇ; denn ichs da für halte, das wir ... nicht on sünde schweigen mügen, solch herrliche bekenntnis der warheit. 410ᵃ; welchs er doch nicht schweigen würde, wo er gefallen dran hette. 4, 283ᵃ; so ists in keinen weg zu schweigen, sondern solchs anzuzeigen. 315ᵇ; was sie böses höret, das schweig sie. 5, 360ᵇ; das man umb seinen willen solt die warheit schweigen. 6, 9ᵇ; weil die tauffe und sacrament da sind, müssen wir das wort des geheimnis, nicht schweigen. 8, 44ᵃ; ebruch und ander offenlich laster schweigen. Sachs dial. 56, 29; Magis, sprach Karly, nunn schwig so fräffenlich reden. Haimonskinder 185, 5 Bachmann; sie schweigten alles anders leiden, ... und sagten allein von der gefengnus. Vill. chron. 52; schweig was du wilt thuͦn, so kompt dir niemant dazwischen. Franck sprichw. (1541) 1, 158ᵇ; was du wilt haben, dasz dein freund von dir sol verschweigen, das schweige zuvor still. Lehmann 1, 220; schweig, was du wilt das ander schweigen. Petri d. Teutschen weisheit 2, Ss 6ᵇ; Corydon saget und offenbaret, was er schweigen solte, seinem freunde. Schuppius 407;
wer heymlich ding nit schwigen kan.
Brant narrensch. 51, 9;
das er die worheyt schwigen söll.
104, 4;
lehrt auch schweigen all heimligkeit.
H. Sachs 19, 80, 23 Keller-Götze;
achten wir, das wir mit recht nicht schweigen kunden
einen ehebruch.
Rebhun Susanna 4, 1 (schauspiele aus dem 16. jahrh. 1, 66);
wer schweiget das man jm vertrawt,
thuͦt basz dann er einn acker bawt.
Franck sprichw. (1541) 2, 88ᵃ;
schweigts nit, meim herrn vermelts.
Waldis Esop. 2, 100, 84 Kurz;
was ainer nicht ausher sagt,
dasselbig aim das herz abnagt.
den schaden schweigen, macht jn steigen.
Fischart 2, 15, 469 Kurz;
dein wesen, herr, ist nicht zu schweigen noch zuschreiben.
Weckherlin (1648) 212;
disz bitt' ich, wann die welt mich für bezwungen spricht,
so schweige nur die welt auch meine feinde nicht.
Opitz 2, 52 (1690);
hergegen wir wollen mehr und mehr
gott danckbar seyn, und seinen ruhm und ehr
in ewigkeit nicht schweigen.
ps. 115, 9;
ich wil die zier der majestät nicht schweigen.
145, 2;
was jhn erfrewen kunt', das schweiget sie aus neid.
Dietr. v. d. Werder ras. Roland 20, 133;
zwingen mich zu melden
was nicht zu schweigen ist.
A. Gryphius 1, 7 (1698);
euch künd' ich mein geheimnisz dreist,
ihr wisset wohl, was liebe heiszt,
und schweigt sie treu und reine.
Arndt ged. (1860) 347;
geschwiegen sein (anders unten unter 20), geschwiegen werden: da war niemand, der von barmhertzigkeit sagte, ... da war barmhertzigkeit geschwiegen und nichts. Luther 3, 143ᵇ; die zehen gebot, den glauben, vater unser, und seines standes wercke lernen, das muszte alles geschwiegen sein. 6, 96ᵃ; die vermanung sind geschwigen. 14, 33 Weim. ausg.; es wär längest alles geschwiegen, und ausgesungen, und ein iglicher des liedlins müde wurden. briefe 1, 207; damit wurden die vorigen reden geschwigen und lacht menigclichen iren. Zimm. chron.² 2, 372, 7;
'sant Marî muoter!'
diser ruof guoter
wirt selten geswigen von den herren.
Ottokar reimchron. 72602.
in neuerer sprache ist die verbindung mit dem acc. ungewöhnlich: das kann ich nicht schweigen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 708ᵃ;
noch einen grund, sich nicht zu säumen,
darf ich nicht schweigen.
Wieland 10, 97 (liebe um liebe 6, 214);
wie aber? warum schweigst du mir
das kostbarste? Chronions höchste zier,
die majestät auf rothen donnerkeulen,
die durch zerrissene wolken eilen,
willst du mir geizig schweigen.
Schiller 1, 321.
nd. dat sall ik wol swiegen, davon weisz ich nichts. Schütze 4, 235; hai kan sin egen lêd nitt swîgen. Woeste 266ᵃ. dagegen zur angabe der wirkung: man kan alle dinge todt schweigen, aber nicht todt kifen. Schottel 1135ᵃ; reflex:
viel jungfern schweigen sich noch lieber gar zu tode.
Günther 392.
9)
wendungen mit dem dativ; einer anderen person gegenüber schweigen, ihr nicht antworten, ihr nichts sagen, oder auch ihr keine widerworte geben: einem schweigen, ich musz ihm schweigen. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 708ᵃ; meine seele schweiget gott ò in gott. 708ᵇ; von Adelung wird diese ausdrucksweise als ungewöhnlich bezeichnet, doch begegnet sie häufig bei den schriftstellern seiner zeit und ebenso in gehobener sprache bei späteren; die verbindung kann eine engere oder losere sein: wenn ich ruff zu dir herr mein hort, so schweige mir nicht. ps. 28, 1; das die weiber jren männern schweigen und jrem zorn weichen sollen. E. Alberus ehbüchlin B 1ᵇ; nun, Brenno, Wodan wird mir nicht schweigen. Klopstock 9, 307; über die feilen weiberknechte! — republiken wollen sie stürzen, können keiner meze nicht schweigen. Schiller Fiesko 3, 4; das unglück weckte ihm freunde auf, die ihm in seinem glücke geschwiegen hatten. schriften 8, 110; meine schwester der ich so lange geschwiegen habe als dir. Göthe an Auguste Stolberg 134; wie lange, verehrter freund, habe ich ihnen geschwiegen. an Zelter 1, 99; schon haben wir einander zu lang geschwiegen. 102;
wie oft beschämt der, dem die schmeichler schweigen,
den, dem ihr schwarm viel süszes vorgesagt.
Hagedorn (1771) 1, 12;
schweige, rapsode, nur auch; denn Delille schweiget den alten.
Klopstock 7, 324;
du schweigst
dem wiszbegierigen, dem armen, der:
'was bist du?' tausend mahl, eh' er an dich
die frage that, sich fragte.
Gleim 6, 72;
dir, die so zärtlich meine seele liebet,
dir, ach zürne nicht! schwieg ich seit dem bangen
abschiedskusse.
Stolberg 1, 32;
seit diesem tage schweigt mir jeder mund.
Schiller M. Stuart 1, 2.
einem verschwiegenheit halten: der koch brattet dem keler ein wurst, so löschet im der keller den durst, schwyg du mir so schweig ich dir. Keisersberg narrensch. 164ᵈ; schweig du mir, so schweich ich dir. Petri d. Teutschen weish. 2, Ss 6ᵃ;
und helfft einander durch den bach,
auff das nicht ausbrech ewer sach,
und schweigt einander wie die dieb,
auff das verdust der diebstal blieb.
Fischart 1, 168, 1401 Kurz;
anders gewendet:
dem, wird jeder gerne schweigen
der jhm nur nichts an wird zeigen:
selbsten musz man das nicht sagen,
was kein andrer fort sol tragen.
Logau 2, 194, 98.
einem etwas schweigen:
so wichtig sey die sach, so gros,
die sey euch auch zu schweigen nicht.
Voith Esther 4, 5 (186, 945 Holstein);
roszbuben oder sonst deszgleichen,
den sol man disz sprichwort nicht schweigen.
Eyering sprichw. 1, 229 (1601);
so gibt es steten zanck, ein leben sonder ruh,
sie schweiget ihr kein wort.
Rothmann lust. poet. 134;
o Sonnemon, dir nichts zu schweigen
gelobt' ich.
Wieland 21, 94 (liebe um liebe 6, 152);
schweige mir nicht, was ja jeder
weisz und andern lispelt nach
(var.: schweige mir nicht das geheimnisz,
das ja keinem mehr entfiel).
Herder 25, 150 Suphan
(vgl. noch oben Schiller 1, 321 unter 8). etwas unpersönliches im dativ, zu, auf etwas schweigen: müssen die leute deinem groszen schwetzen schweigen. Hiob 11, 3; nu weil ich deinen lügen und schmachworten bisher geschwiegen, lesstu dich düncken, du habst gewonnen. Luther 1, 361ᵃ;
'sît willekomen, hêr wirt', dem gruoʒe muoʒ ich swîgen.
Walther 31, 23;
ein wachsames gefühl liegt in uns selbst verborgen,
das nie dem übel schweigt.
Haller ged. 131 Hirzel;
schweigt seiner (des hirten) laute Philomele,
hört sie ihr zu im pappelbaum.
Bürger 102ᵇ;
alle schwiegen meinen klagen,
von dem himmel konnt' ich nicht erfragen:
wo du mochtest hin entwichen seyn?
J. H. Merck beim wiedererscheinen des mondes (morgenbl. 1853 nr. 122).
10)
wendungen mit präpositionen: meine seele schweiget ... in gott. Kramer deutsch-ital. dict. (1702) 2, 708ᵇ; gegen jedermann schweigen, auf eine frage, über, von, zu etwas schweigen u. ähnl.; gang dein straasz unnd schweyg darzuͦ. Maaler 367ᵇ; hierzu schwiege er, schweiget hiervon. Kramer dict. 2, 708ᵇ; vor einem schweigen, aus furcht, ehrerbietung vor ihm. Adelung; vor erstaunen schweigen. aus: (ob er) ausz weiszheit schwig. Franck sprichw. (1541) 2, 167ᵃ; nd. he sweeg darto still, er wollte auf meine bitte nicht ja oder nein sagen. Dähnert 478ᵇ; schweige nicht uber meinen threnen. ps. 39, 13; solche (deren es heut zu tage sehr viel giebet), möchten wohl mit ihrem adel still schweigen. Simpl. 1, 4 (1685); es würde mir unendlich gefehlt seyn, wenn ich dazu schweigen müszte. Schiller 1, 115; tausend tugenden, wovon jene schweigt. 3, 515;
de leccie, de erst was beghunt,
dar swegen se van tor sulven stunt.
Reinke de vos 124;
doch ich soll
es jezt nicht denken. schweigen wir davon.
Schiller dom Karlos 2, 6:
ich hab' still geschwiegen
zu allen schweren thaten, die ich sah.
Tell 3, 3.
11)
zwischensätzlich, das personalpronomen fällt meist weg: das ich mich unterwinden thar, ein brieff an ewer hochwird zu tichten, wil schweigen zu schreiben. Luther 1, 6ᵃ; das evangelium wil jnen nicht eingehen (wil schweigen, das sie es bekennen, und drüber leiden solten). 8, 317ᵃ;
(ich) geb den köng auf die fleischbanck,
will schweigen ein' geringen man.
H. Sachs 10, 409, 27 Keller-Götze.
ich schweige: dat se nicht enen artikel horen wolden, ik swiege denn holden. quelle bei Schiller-Lübben 4, 497ᵃ; nichts ungebührliches von ihm zu gedenken, ich schweige, zu reden. Zesen Rosem. 21; im nebensatze mit dasz angeknüpft: die laternen-insel und die orakel der heiligen flasche, dasz ich von den übrigen ländern und völkern schweige. Göthe 56, 183. mit weglassung des personalpronomens, gern tritt denn dazu: das auch sünde mein natur, mein anhebendes wesen, meine empfengnis ist, schweig denn die wort, wercke, und gedancken. Luther 3, 13ᵃ; auch von Christo selbs nicht, schweige von andern heiligen. 55ᵃ; (er) kan noch nicht deudsch noch latinisch recht, schweige des griechischen und ebreischen (der genitiv ist von schweige abhängig, s. oben 7). 66ᵇ; so können sie (meine feinde) on seinen (gottes) willen und sorgen kein gedancken haben, schweig das sie mir schaden thun können. 4, 3ᵃ; das er es selbs nicht sehe, schweig denn ein ander. 43ᵃ; (der nie) gedanckt hat für die milch, die er von seiner mutter gesogen hat, schweige denn für alle die güte gottes. 5, 45ᵃ; sey dessen vergewissert, dasz auch aus der Chaldeer selbst händen ich dich erlösen will, schweig dann aus der gewalt dieser brüderschafft. Harnisch (1669) 136. in gleicher weise wird das uns gebräuchliche geschweige verwendet (s. geschweigen th. 4, 1, 2, sp. 3988); thür. schwîgden Kleemann 20ᶜ; schweigs (für schweig es): aber itzt mocht ichs nit zusagen, schweigs dann halten. Luther br. 1, 350. infinitiv: zu schweigen, zu geschweigen das. Stieler 1965; part. absol.: der erste mochte keinen sauren compost oder kraut riechen, geschwiegen, dasz er es hette essen sollen. Kirchhof wendunm. 3, 125 Österley.
12)
thiere schweigen:
das rosz, dasz es schweig', an den wallenden mähnen
streichelnd.
Pyrker (1855) 1, 232;
die vögelein schweigen im walde.
Göthe 1, 109.
13)
freier überhaupt vom ausbleiben und verstummen von geräuschen; unpersönliches wird beseelt und persönlich gedacht: die collegia schweigen. Kramer dict. 2, 708ᵇ. instrumente: dâr hangênt siê (organa) unde suîgent. Notker ps. 136, 2;
die stimme meiner harfe schweigt.
Herder 16, 328 Suphan;
kein hahn wird nach dir schrein,
es schweigen alle trompeten.
Leuthold ged.⁴ 64;
die orgel schweigt, hört auf Campe. vom lautenspiel der dichtung:
warum schweiget das spiel, welches dem laster bald
rache donnerte, bald leiseren lautes scholl.
Hölty 58 Halm.
werkzeug:
der hammer schweigt.
Keller 9, 267.
kanonen: bald legte sich das kleine gewehrfeuer, die kanonen schwiegen. Göthe 30, 284; die waffen schweigen. Kramer 2, 708ᵇ. thüren:
man musz mit schmieren,
wie dürren thüren,
so advocaten
zum meisten rathen,
solln schweigen thüren,
sie, reden führen.
Logau 3, 47, 45;
durch schweigende leicht angelehnte thüren
ins brautgemach ihn heimlich einzuführen.
Wieland 21, 269 (Klelia u. Sinibald 5, 26);
doch schon längst, dasz liebe pforten
mir auf ihren angeln schwiegen.
Göthe 5, 24.
wind und meer: und er stund auff, und bedrawete den wind, und sprach zu dem meer, schweig und verstumme. Marc. 4, 39;
Phöbus bricht schnell durch dicke gewölke,
die stürme schweigen.
E. v. Kleist 2, 23 (1760);
es schweigt der wind, es flieht der stern,
der trübe mond verbirgt sich gern.
Göthe 12, 209.
ähnlich: das gewitter schweigt. der wald schweigt, im gegensatz zum rauschenden oder von vögeln belebten walde; ähnlich von feld und au: nächtliche landschaft:
wälder, felder schweigen still.
wunderhorn 2, 78 Boxberger;
wie feierlich die gegend schweigt!
der mond bescheint die alten fichten.
Lenau 1, 53 Koch;
fürchterlich schwiegen die gegenden um ihren weg. J. Paul Hesp. 3, 259; in kühner wendung mit beziehung auf die beim niedersinken der nacht verstummenden vögel: die sonne war hinabgerückt, das thal legte wie eine verwittibte fürstin einen schleier von weiszen düften an und schwieg mit tausend kehlen. uns. loge 3, 67; schweigende öde: ich würde dann die schweigende oede mit meinen phantasien bevölkern. Schiller räuber 4, 5. gefieder der nacht:
wenn mitternacht mit schweigendem gefieder
den marmor der paläste deckt.
Uz 119 Sauer;
mond:
wie schön, du himmelsmädchen, und huldselig
und schweigend sanft lacht dein gesicht.
Herder 25, 550 Suphan.
auf ton, schall und geräusch selbst bezogen: der lärm der schlacht, das geräusch des tages, ferner hörnerklang, gesang schweigt;
sie weilten, bis der letzte schall der glocke
im dorfe schwieg.
Hölty 57 Halm.
14)
im gegensatze zur äuszerung durch die schrift: davon schweigen alle geschichtschreiber. Steinbach 2, 546; entschuldigen sie mein langes schweigen. beliebte briefphrase (vgl. oben unter 9); von gefangenen schweigt die geschichte; ein beweis mehr für die wuth der armeen. Schiller 8, 294.
15)
das gesetz schweigt in diesem falle, es enthält keine auf den fall passende bestimmung, anders aber: wenn die waffen klirren, schweigen die gesetze, sie greifen nicht ein, sind auszer kraft gesetzt; dasz es sehr viele fälle gebe, in welchen die gesetze schweigen und dem einzelnen nicht zu hülfe kommen, der dann sehen mag, wie er sich aus der sache zieht. Göthe 24, 230;
ich kenn vil die ich nit will nennen,
die triben doch wild kouffmanschatz
und schwygt dar zuͦ all reht, und gsatz.
Brant narrensch. 93, 28.
16)
weitere beispiele des freien gebrauches; innere stimmen, stimmen die auf das innere wirken, neigungen, leidenschaften, zustände: schweige herz und rede maul. sprichw.; wo pflicht gebeut, musz die neigung schweigen. Campe; die stimme des gewissens, des herzens, die sinnlichkeit schweigt u. ähnl.: wenn auch klugheit die leidenschaft schweigen heiszt, so redet die pflicht desto lauter. Schiller kabale u. liebe 2, 3; meine wildesten wünsche schwiegen. 4, 2; die wuth des bürgerkrieges machte alle gefühle der menschlichkeit schweigen. schriften 9, 348;
und dieser pflicht musz jede andre schweigen.
Wieland 23, 6 (Oberon 7, 2);
schweigt sein (des herzens) lauter pulsschlag.
Herder 29, 97 Suphan;
ich frevle
an der natur — auch diese mächt'ge stimme
willst du zum schweigen bringen!
Schiller don Carlos 5, 10;
ich weisz noch nicht zu sagen,
was mir der geist gebiethen wird zu thun;
doch wenn die zeit kommt, wird mir seine stimme
nicht schweigen.
jungfrau von Orteans 3, 4;
schweigt dir die stimme des prophetengeistes?
3, 9;
und auch darum lasse ich meine erkänntlichkeit gerne schweigen. Göthe briefe 1, 229 Weim. ausgabe. bekannte redensart: davon schweigt des sängers höflichkeit, beliebt geworden durch den refrain eines studentenliedes, s. Wander sprichwörterl. 4, 446, 226. in besonderer wendung: musikalische betrachtungen rief ich auch wieder hervor, obgleich diese mir früher so angenehme beschäftigung lange geschwiegen hatte. Göthe 31, 191.
17)
von den sinnesorganen, angesicht, miene u. ähnl.:
wann unser alter schon sich über mittag neigt.
so kömpts, dasz augen, ohr, geruch und schmecken schweigt.
Opitz (1690) 4, 306.
das auge schweigt nicht, es bleibt nicht ungerührt, der empfangene eindruck leuchtet aus ihm:
ich merke, wann sich Chloe zeiget,
dasz nun mein auge nicht mehr schweiget;
dasz suada nach den lippen flieget
und glühend roth im antlitz sieget.
Uz 21 Sauer;
in kühner wendung von der thräne des auges:
doch schnell verbot ich meinem zu leisen ohr
zurück zu horchen! die zähre schwieg.
Klopstock 1, 116;
schweig denn du o thräne, die in wehmuth trost weinet.
Messias 20, 140.
18)
das part. präs. (besonders durch still verstärkt) erscheint häufig in der bekannten syntactisch freien verwendung: schweigender bann, bann bei dem in den kirchen geschwiegen, kein gottesdienst gehalten wird (s. oben 6) Haltaus 1665; eine stillschweigende übereinkomnisz. Wieland 2, 187 (Agathon 9, 2); Plato verstand den stillschweigenden sinn dieser zumuthung. 2, 370 (10, 6); durch eine stillschweigende übereinkunft. Göthe 23, 81; seine schweigende zärtlichkeit. J. Paul Hesp. 1, 114; schweigende wanderung, schweigendes zusammensein u. ähnl. genetivisches adverb: schweigends, tacite Steinbach 2, 546.
19)
schweigender richter, stummer beisitzer: auch solt der probst von Holtzkirchen ein schwigenden schultheisz am gericht han zu Haidenfeld. weisth. 3, 564; schweigende personen in einer comödie. Kramer deutsch-it. dict. (1702) 2, 708ᵇ.
20)
part. perf. (anders oben unter 8), geschwiegen sein, still sein, verstummen (vgl. unter II zu anfang):
sît diu von Hagenouwe,
ir aller leitevrouwe
der werlde alsus geswigen ist.
G. v. Straszburg Tristan 121, 21;
sanges sint diu vogelîn geswîget.
Neidhart v. Reuenthal 59, 36;
sît daʒ ir meide sint geswigen.
L. v. Regensburg tochter Syon 1246;
geschwigen seind uns die vögelein.
Uhland volksl.² 500 (245, 1);
darnach als sie geschwigen waren, antwortet Jacobus. ap.-gesch. 15, 13.
21)
infin., z. th. völlig als subst. empfunden, vgl. stillschweigen: schweigen, n., verschwiegenheit, f., silence Hulsius dict. (1616) 292ᵇ; he krigt dat swiegen, er schwieg, oder ward zum schweigen gebracht Schütze 4, 235. häufige wendungen: zum schweigen bringen, sich in schweigen hüllen, das schweigen brechen, schweigen halten u. ähnl.; daʒ ich swigen hielt von der dornstagen naht biʒ an den suntag. M. Ebner offenb. 19, 11 Strauch; hat nicht hie der teufel uns das heubtstück von der messe meisterlich gestolen, und in ein schweigen gebracht. Luther 1, 333ᵃ;
do es an das kint kam,
do selbst er im ein schweigen nam (wollte er nicht weiter reden).
fastn. sp. 1148;
brechen sie
diesz räthselhafte schweigen.
Schiller don Carlos 1, 1;
man verhüllte sich
in ein so lastend feyerliches schweigen.
Piccolom. 2, 2;
doch will ich, weil sich's eben schickt,
mein tiefes schweigen brechen.
Göthe 1, 191;
nun sei des schweigens stilles thor entriegelt.
Platen (1847) 3, 132.
mystisch: in disem mitteln sweigen, in disem da alle ding seind in dem ewigen schweigen und ain war still und sweigen ist. Tauler sermones (1508) 3ᵃ. schönes bild: süszes leben, unser glück ist die rose, aber schweigen heiszt der zweig, der sie trägt. Ludwig 2, 467 (1891). man sagt: unterm siegel des schweigens etwas mitteilen; schweigen herrscht, lastet, senkt sich herab, ruht über, auf u. ähnl.
schweigen war im haine des hügels.
Herder 16, 329 Suphan;
schweigen herrschet umher; nur posaunet der hahn
seinen morgengesang.
Hölty 65 Halm;
schweigen mit abh. gen.:
denn noch war nicht das schweigen der freude,
nicht das verstummen der wonne gekommen.
Klopstock Mess. 13, 185;
bey der ersten erlaubnisz, die mir das schweigen der musik zum reden gab. Wieland 32, 401 (Agathod. 6, 5). verbunden mit einem attribut:
ich hör ein groszes schweigen,
das krenzlein will mir bleiben.
Uhland volksl.² 9 (3, 7).
tiefes, geheimniszvolles, heiliges, peinliches, höfliches schweigen u. s. w.; beredtes schweigen, aus dem man deutlich etwas entnehmen kann:
ein beredsam tiefes schweigen,
ein versteck, der offen liegt,
ganz ergossen, sich nur eigen,
ein ergeben, nie besiegt.
Brentano ges. schriften 2, 217;
lautes schweigen in gleichem sinne:
und durch redliche antwort erfahret ihr, oder durch lautes
schweigen, was in der asche sie sehn.
Klopstock 2, 128.
eigenthümlich auf eine person bezogen:
Vol. doch sieh, dein weib.
Cor. mein lieblich schweigen.
Shakespeare Coriolan 2, 1.
genit. in adverbialem gebrauche: schweigens (und stillschweigens), tacite Stieler 1966; ebenso bei Steinbach 2, 546; geschweigens, adv. ne dicam Schm. 2, 629. entstellt zu g'schweig'nster Lexer kärnt. wb. 229.
22)
im nd. gebräuchliche wendung: wat ik uut staan hebbe, dat swigt wol, das ist nicht auszusprechen. brem. wb. 4, 1121; das swigt, das ist zum nichtaussprechen, unbeschreiblich. Schütze 4, 235; wat ik liden möt, dat swigt wol. Dähnert 478ᵇ.
II.
schwaches nhd. verbum schweigen, schweigen machen, zum schweigen bringen, die verweise für das mhd. und ahd. sind oben unter I zu anfang gegeben; vgl. noch Schm. 2, 628. sedare, sweygin, gesweygin Diefenbach 524ᵃ; die bemerkung Adelungs, dasz das factitivum veraltet sei, weist Campe unter anführung einer reihe von zeitgenössischen belegen zurück; der neueren umgangssprache ist das wort fremd, der gehobenen sprache aber geläufig. im lebendigen gebrauche finden wir das wort in hochdeutschen mundarten, vgl. Frommanns zeitschr. 3, 230, 2 (fränk.-henneb.). Birlinger 406ᵃ. Schm. 2, 628. cimbr. wb. 225ᵇ. Schöpf 656. Lexer 229. Hunziker 235. auffallend ist das vereinzelte auftreten starker formen: die mütter schwiegen die kinder. Musäus 3, 68; nd. den hat und unwillen to swigende. d. städtechr. 7, 370, 19; in der in älterer sprache so häufigen wendung geswigen sîn (daneben die alte schwache form geswîget sîn) kann ebenfalls eine factitive bedeutung zu grunde liegen (vgl. I, 20).
1)
mit persönlichem object; neben der eigentlichen bedeutung (machen, dasz jemand nicht redet, aufhört zu reden) ist besonders in älterer sprache eine freiere verwendung häufig, jemanden still und bescheiden machen, ihm den übermut benehmen, abfertigen u. ähnl. aber auch beruhigen, besänftigen u. ähnl.; mit sinnverwandten ausdrücken verbunden: auff das aber gott schweige, dempffe und mit gewalt zu boden schlage, diese schedliche unnd wütende bestien. Luther tischr. (1568) 117ᵇ.
a)
er hat ihn mit gelte geschweiget; man musz ihn mit bedrohung schweigen. Stieler 1965; wiewol ich vermaint, dasz einer meiner anneider soll geschwaigt sein. d. städtechron. 3, 42, 16; damit het er den cardinal von Menz ... geschwaigt. Zimm. chron.² 3, 419, 33; die gottlosen müssen zu schanden und geschweigt werden in der helle. ps. 31, 18; jhn zu entschuldigen, decken und andere zu schweigen. Luther 1, 84ᵇ; ich meinet es were gnug, alle creaturen zu schweigen, wenn er nur mit einem auge winckte, schweige denn wenn er redet. 3, 143ᵃ; wie Caleb das volck Israel schweiget, da sie murreten. 4, 253ᵇ; schweigen können sie nicht (am rande: den leuten das maul stopffen). 5, 57ᵇ; das die todten heiligen, die sie meinen, sie seien fein geschweiget und gedempfft, aller erst anheben zu leben, und zu reden. 5, 62ᵇ; ungetödtet und ungeschweiget. ebenda; denn Christus hat selbs seine Phariseer und Saduceer nicht gar können schweigen noch bekeren. 513ᵃ; dein forcht erschröckt mich und der schreck geschwaygt mich. Wirsung Calixtus M 2ᵃ; schweigte sie Calvinus mit vilen schönen verheiszungen. Fischart bienenk. 195ᵃ; damit worden sie geschweiget, und lieszen in, wie er vor war, bleiben. Kirchhof wendunm. 1, 559 Österley; solcher gestalt war mein gewesener schifspatron geschweiget, und er wandte kein wort weiter zu meiner abfahrt ein. Plesse 3, 321; eine miene, die auf eine handgreifliche belehrung hinwies, schweigte ihn. Laukhard 4, 2, 257;
so maint ir mich darumb zu schlagen
und meint mit worten mich zu schweigen.
fastn. sp. 42, 29;
auff dasz du vertilgst die rachgirign,
und schweygest auch mit die blutschwirign.
H. Sachs 18, 48, 14 Keller-Götze;
nun von ihr (der vortrefflichkeit) denn sogar gellt der zerplauderte
mund des entscheidenden mannes!
keiner schweigt ihn: und doch sieht er den schatten nicht
von der unsterblichen.
Klopstock 2, 86;
hat ihn trübsinn etwa geschweigt, und krankheit?
Voss 3, 59;
sonst hätten wir längst ihn
hier geschweigt im palaste, den hell ertönenden redner.
Odyssee 20, 274;
ob sie vermöchten zu schweigen das volk.
Stolberg 11, 46.
b)
besonders ein kind zu schweigen bringen, machen, dasz es nicht mehr schreit, z. b. durch liebkosungen oder drohungen, auch gradezu: ihm die brust reichen und es durch das säugen beruhigen (vgl. die bedeutungsentwicklung von stillen); so mundartlich gebräuchlich, s. Lexer 229. Birlinger 406ᵃ. Frommanns zeitschr. 3, 230, 2 (fränk.-henneb.); kinder sweygen o. seugen, kinder schweygen o. singen. Dief. 605ᵃ. diese ausdrücke stehen unter vagire, das auch glossiert wird durch weynen, schreyen, sicut infantes. ebenda; kindes grynen, kindisch sweigen. nov. gl. 376ᵃ. es liegt ein versehen vor, das sich in den glossaren fortpflanzt; eine verwechslung scheint stattgefunden zu haben zwischen sweigen, zur ruhe bringen und sweigen, swegen, klagen, das etwa aus nd. swögen entstellt wäre, oder sonst mit ihm in zusammenhang stände (Frommanns zeitschr. 5, 297 Fallersleben. Richey 302. Strodtmann 239. brem. wb. 4, 1126. Schütze 4, 239. Dähnert 480ᵇ. Danneil 219ᵇ. Schambach 223ᵃ. ten Doornkaat Koolman 3, 384ᵇ); ein kind schweigen, avocare vagientem infantem et delinire blandimentis seu donis Stieler 1965; damit (mit popanzen) man die kind schweiget. Fischart Garg. 18 neudruck; lobt man die kinder, so schweigt man sie. sprichwort; siehe, sie ist in ihres Eliä paradeisz, den jungen Messiam zu schweigen. Simpl. 4, 150, 30 Kurz. im vergleiche: (wie er) gleich einem kleinen kinde mit dem puppenwerck eines purpurrocks, elfenbeinern stabs und dergleichen eitelkeiten, geschweiget worden wäre. Lohenstein Armin. 2, 1532ᵇ;
es het ein weib ein kleines kindt,
wie man derselben noch wohl findt,
das kundts mit etzen oder seugen
von seinem weinen nimmer schweigen.
Waldis Esop 1, 86, 4 Kurz;
den damen däucht es zum wenigsten so,
die stracks in ihm (dem riesen) den gräszlichen popanz erkannten,
womit die amme sie einst zu schweigen pflegte.
Wieland 1, 19 (der neue Amadis 1, 24).
c)
thiere:
das schweigt den hund
und tritt ihn auf den fusz.
Hebbel (1891) 5, 122.
d)
sich schweigen lassen: es lassen sich ihrer sehr viele, die reden ja schreyen solten, mit dem sanften gerissel der ducaten schweigen. Kramer dict. 2, 708ᵇ; wie viel sind jrer dazu, die sich mit geschenck und gaben lassen schweigen. Luther 1, 255ᵃ; kein wind noch wetter sich schrecken noch schweigen, und dempffen lassen. 5, 370ᵃ; der würt wolt sich aber keins wegs nit schweigen lassen. Wickram rollw. 96, 7 Kurz; darmit er sich schweigen liesz. Kirchhof wendunm. 1, 121 Österley.
2)
mit unpersönlichem object.
a)
das organ, womit man sich äuszert, zum schweigen bringen (s. oben I, 2): wer leben wil und gute tage sehen, der schweige seine zunge. 1 Petri 3, 10; (er) freuete sich, dasz er seine zunge geschweiget und seine vorklage nicht hatte laut werden lassen. Musäus volksm. 1, 99 Hempel; schweige deine zunge und bewahre unser geheimnisz. 3, 132;
dasz er die schmähende zunge des lästernden schwätzers geschweiget.
Stolberg 11, 56.
freier von der feder, durch die sich der schriftsteller äuszert:
wil aber jetzt die feder schweigen,
denn alles ist klarer am tag,
denn mans schreiben oder sagen mag.
Waldis Esop 3, 100, 166 Kurz.
indem er seinen gegner Nas meint, sagt Fischart:
solt denn kein mund die nasen schweigen.
1, 131 glosse (Kurz).
b)
entsprechend der freieren anwendung von schweigen, silere oben I, 13 ff.:
ach, nun hemmst du den hagel nicht mehr, und die güsse der wolken,
schweigest den brausenden sturm, ach! und die wogen nicht mehr!
Stolberg 15, 302;
ein tobendes meer, mit allem sturmwinde, das kein gebietender Poseidon herrschend schweigt. Tieck phantasieen über die kunst, abschnitt 2 (unmusikalische toleranz). eine thür, angel schweigen, machen, dasz sie nicht knarrt: den köstlichen salben, so die gesperre und verroste tohrangel, welche sonst zu knarren pflegen, schweigen ... und gangbar machen. Butschky Pathm. 281. inneres: ich hab mir noch etwas kunst behalten, mit deren ich dein frevelkeit schweigte. Esopus (1555) 129ᵇ; (er) hielt es gleichwohl gegen seine hohe würde, seinen männlichen sinn so ganz zu schweigen. Klinger 5, 304;
unser nachrechnen ist verlorn.
drumb schweiget ewer hertz mit rast.
H. Sachs 21, 129, 28 Keller-Götze;
ich sollte mein gewissen in mir schweigen,
die laute stimme, die mich buhlin nennt?
Tieck 2, 140;
ob ich's auch anders gewuszt,
schweigt er das haupt durch die brust.
Grillparzer⁵ 1, 194 (Incubus).
c)
in besonderer wendung: jetzt meint sie, sei alles geschweigt (jetzt sei ihre unthat der vergessenheit anheimgegeben, niemand könne sie anzeigen). Hebel 2, 167 (1853).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2423, Z. 3.

schweigen, verb.

schweigen, verb.
käse machen (zu schweige, viehhof, viehwirtschaft gehörig, s. dieses), viehwirtschaft, molkerei treiben, auf die alm (schweige) ziehen: das etlich swaig in unserm lande auch käs schwaigen, und mit dem kreuz zaichen. quelle bei Schm. 2, 627; vgl. Schöpf 656.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1898), Bd. IX (1899), Sp. 2433, Z. 73.

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Zitationshilfe
„geschwiegen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/geschwiegen>, abgerufen am 07.12.2021.

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