Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gesellschaftlich, adj. und adv.

gesellschaftlich, adj. und adv.
socialis, collegialis Steinbach 2, 579, entlehnt dän. selskabelig, schwed. sällskapslik.
1)
gemeinschaftlich, in gesellschaft mit anderen: wir beide (Mendelssohn und Lessing) hatten vier jahre lang wöchentlich zwei zusammenkünfte mit dem rekt. Damm .., worin wir den ganzen Homer .. gesellschaftlich durchlasen. Lessing 12, 111;
sie in gesellschaftlichem schlaf versinken.
Brockes Thomsons jahreszeiten 127;
die unenthaltsamkeit im gesellschaftlichen trinken. Kant 10, 175; (das kegelspiel) dieses einzige gesellschaftliche vergnügen. Schiller an Göthe 608; gesellschaftliche vergnügungen. Göthe 19, 289; dazu bestimmt, in (gröszerer) gesellschaft mit andern gespielt, gesungen, vorgelesen zu werden: gesellschaftliche spiele. Göthe 26, 21; antworten bei einem gesellschaftlichen fragespiel. 1, 39; der besondere zweck, den ich mir dabei vorsetzte, war, das kleine gesellschaftliche lied unter uns einzuführen. Weisze kom. op. 1, vorbericht; neue gesellschaftliche erzählungen für die liebhaber der naturlehre. buchtitel, Leipzig 1758. von dingen, in gesellschaft vereinigt:
der sechs gesellschaftlichen segel (schiffe) keines mehr.
L. H. Nicolay verm. ged. 8, 181;
in gruppen zusammenstehend: ein rasen, auf welchem mancherlei gebüsche und gesellschaftliche bäume ohne symmetrie verstreut sind. Sturz 1, 8.
2)
zu geselligem umgang geneigt, gesellig verkehrend: (der mensch) ein gesellschaftliches thier, sociale animal Steinbach 2, 579; Prometheus brachte dieses geheimnisz (böses zu reden) unter die menschen, dadurch machte er sie gesellschaftlich, vorsichtig, witzig. Rabener 4, 302; man fing an, den vornehmsten vortheil des umganges mit den musen zu empfinden, nehmlich diesen, dasz er die menschen gesellschaftlicher macht, indem er ihnen die begierde, durch ihres gemeinschaftlichen beifalls würdige werke zu gefallen, einflöszt. Lessing 3, 198; unser jahrhundert ist gesellschaftlicher, als alle vorhergehenden. die beiden geschlechter sehen einander mit der gröszten freiheit, überall breitet sich der geschmack zum tanze, zu schauspielen, zu lustbarkeiten aus. Haller tageb. (1787) 2, 130.
3)
den geselligen verkehr betreffend: der gesellschaftliche umgang. Gellert 7, 32; er besitzt groszes gesellschaftliches talent, sowol eine gesellschaft zu unterhalten, als sich in guter gesellschaft zu bewegen, das gegentheil gesellschaftliches ungeschick, vgl. nr. 6.
4)
gesellig, vertraulich:
wenn in gesellschaftlicher stunde
sie einst mit mir von liebe spricht.
Göthe an Leipz. freunde 183, in stillgesell'ger stunde werke 47, 10;
zum umgang anziehend: in ihren (der sanften Maria) augen ist trost, gesellschaftliche melancholie. werke 8, 51.
5)
die menschliche oder bürgerliche gesellschaft (5, a) betreffend, von ihr ausgehend, social: eine anständigkeit, die sich mehr von gesellschaftlichen verabredungen, als unmittelbar aus der natur des menschen herschreibet. Lessing 8, 478; die gesellschaftlichen güter, .. vermögen, bürgerliches ansehen und macht. Gellert 6, 352; in diesem schrecklichen augenblicke hören alle bürgerliche und gesellschaftliche verbindungen auf. Wieland 8, 231; der gesellschaftliche zustand hat zwar einen anscheinenden frieden zwischen beiden geschlechtern gestiftet. 33, 215; der gesellschaftliche vertrag (franz. contrat social), ohne welchen ein staat nicht wie ein lebendiger organischer körper .. zusammenhängt, diese freiwillige verbrüderung freier menschen, um éin volk auszumachen, das, bei gleichen menschen- und bürgerrechten, sich verpflichtet, einerlei gesetzen in gleichem masze zu gehorchen. 25, 162. 13, 128; selbst die ungleichheit der menschen und der gesellschaftliche contrakt sind folgen einer ursprünglichen einsetzung. Hamann 4, 32; kein einziges unserer nebengeschöpfe ist für einen bund und gesellschaftlichen vergleich (ehe) gemacht. 226; das neue system gesellschaftlicher verfassung, welches mit dem neuen völkergeschlechte auf den trümmern des abendländischen kaiserthums eingeführt wurde. Schiller IX, 215; das bürgerliche leben betreffend: kleine gesellschaftliche schauspiele, die scenen aus dem bürgerlichen und häuslichen leben darstellen. Gotter 3, xxxviii.
6)
die vornehme, gebildete gesellschaft (5, b) angehend, ihr entsprechend, feingebildet: die beste gesellschaft, bestehend aus personen von geburt, rang und vermögen, wählte zu einer ihrer hauptunterhaltungen die literatur, und diese ward dadurch ganz gesellschaftlich und vornehm. Göthe 26, 59; wer gesellschaftlich und galant sein will, musz viel reden, und von lustigen sachen. Gellert (1784) 3, 299; Viktor hatte jene gesellschaftliche poesie, die sich leicht in die stelle der unähnlichsten menschen, des weibes und des philosophen, versetzt. J. Paul Hesperus 1, 258; die weiber, diese kontrapunktisten der gesellschaftlichen tonkunst. herbstblumine 3, 42; gesellschaftliche bildung, gewandtheit; er hat sich gesellschaftlich (in guter gesellschaft) unmöglich gemacht.
7)
auf eine geschlossene gesellschaft oder corporation bezüglich, ihr gehörend: in der gesellschaftlichen verbindung .. habe ich den samen nicht verkannt, woraus sich die lange dauer und das unergötzliche alter des meistergesangs entfaltete. J. Grimm meistergesang 9; eine kleine gesellschaftliche bühne. Gotter 3, xxxvii, s. gesellschaftsbühne; gesellschaftliche besitzungen oder rechte.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1893), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4062, Z. 31.

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Zitationshilfe
„gesellschaftlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gesellschaftlich>, abgerufen am 01.12.2021.

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