Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gesindlein, n.

gesindlein, n.,
dimin. zum neutr. gesinde, im traulichen oder scherzhaften, wie im geringschätzigen sinne. vgl. gesindchen, gesindel, gesindlich.
1)
das hofgesinde: weil er das hoffgesinde reformirte und jhr viel abschaffte, des groszen unkostens halben, so auff das gesindlein gieng. G. Nigrinus papist. inquisition 524; (der herzog hat auf der hochzeit) über 60 pferde gehabt, und ist dem gesindlein dort auch nichts zu fressen gegeben worden. Schweinichen 3, 24; unkost auff die grosze frauwenzimmer, in welchen gemeiniglich ein müsziger hauff von jungfrawen, megden, kemmerlingen und anderm gesindlin aufferzogen wird. Milichius schrapteufel J 2ᵇ, theatr. diabolorum (1575) 228.
2)
heerschar, kriegsvolk, im plural: (während des polnischen thronstreites) sein umschweifende gesindlein aus Polen, ungefährlich 1500 mann zu fusz, bei Trachenberg eingefallen. Schweinichen 2, 240.
3)
kleines gefolge, die reisebegleitung:
dâ lieʒ er (der reisende kaufmann) niemen inne sîn
wan sich unt sîn gesindelîn.
pfaffe Amis 2068 Benecke.
4)
die anhängerschaft, mit spöttischem oder verächtlichem beigeschmack, das anhängsel: den bapst, cardinal, und was seiner abgötterei und bepstlicher heiligkeit gesindlin ist. Luther 8, 224ᵃ; bapst, cardinal und ir gesindlin. 229ᵃ; das des bapsts gesindlin treuget und leuget. 6, 359ᵃ; das des bapsts gesindlin hart dawider schreiet. Melanchthon im corp. doctr. christ. (1560) 902; was der teufel und sein gesindlin für früchtlin sind. Luther 7, 432ᵇ; sich an die hexen, zäuberer uud teuffels gesindlein hencken. Phil. Lugd. 5, 284.
5)
von höfischen auf bäuerliche und bürgerliche verhältnisse übertragen.
a)
die dienerschaft, die dienstboten: mein untreues von meinen neidhämmeln mit geld bestochenes gesindlein. Schuppius 462.
b)
die ganze hausgenossenschaft: die lieben ertzveter mit jrem gesindlin. Luther 8, 197ᵃ; welcher bawr auff eim dorff denckt, das gottes gabe sei, das er hinder seinem zaun so sicher sitzt mit seinem gesindlin? 5, 463ᵃ.
6)
von einer einzelnen person:
und hat ein man ein kindlein
oder sust ein clein gesindlein.
Renner 1327;
das gesinde ist jtzt so unartig und böse, ... dasz auch ein sprichwort davon worden, wenn einer gar böse und untugentsam ist, dasz man saget, du solt mir wol ein gesindlein sein. Glaser gesindteufel (Leipzig 1564) A 3ᵇ.
7)
verallgemeinert.
a)
das völkchen, die leutchen: gesindlein, petite famille Rädlein 373ᵇ; was ist das für ein gesindlin? ich kenne die bauren nicht. Luther br. 3, 357; kurtzumb du gäuchhornigs und weichzornigs hauszvergessen mann und weibsvolck, sambt allem anderen dürstigen (kecken) gesindlein. Garg. 17ᵇ (17 Sch.); man solte die leibeigenschaft wider einführen, damit man das gesindlein besser in furchten halten könte. Harsdörffer lust- und lehrr. gesch. 1, 150;
(du hast) nicht hoch geschätzt, wasz das gesindlein machet,
das vilmehr meinungen als wahres wissen hat.
Rompler 97.
b)
spöttisch oder verächtlich, wie gesindel 2, pack: weil er redliche patrioten nicht hörete, sondern leichtfertiges gesindlein regieren liesz. Schuppius 297; ein unnützes schädliches gesindlein, remigium Ulyssis. Apherdianus methodus (Köln 1577) 209; die schröter (wie es denn ein unnützes gesindlein um sie ist) ... wurffen mit herben worten um sich. Widmann Faust 252; dieses unnütze gesindlein (die affen). Abele selts. gerichtshändel (1654) 708; alsz wir ihn (Martin Opitz) den montag zur erde bestatteten, hat das gesindlein, welches sonst dazu deputirt, dasz sie die sterbheüser versiegeln sollen, alle seine kisten und kasten geöffnet, mit gewalt entzwei geschlagen und spoliiret (nachher worauf gedachter kerl mit seinem weibe eingesteckt). Krause erzschrein 139 (von 1639); hudler, marckatender und was dessen gesindtleins ist. Kirchhof milit. disc. 109; demnach er zimlich ubel beklaidet war, wolten jhn die (dorf-)hundt, so auff dergleichen gesindlin abgerichtet, anfallen. hasenjagt (1626) 2, 63;
bös gesindlein ihn beneidet,
trachtet ihm nach blut und mark.
Spee trutzn. 214 Hüppe;
loses gesindlein, fex plebis, liederliches gesindlein, homines futiles Stieler 2002; darauf lieff viel loses gesindlein zusammen aus allen orten, lieszen sich vitallienbrüder nennen. Micrälius alt. Pomm. 3, 412; die hell mit solchen losen gesindlin erfüllen. Ayrer proc. 3, 6; seugammen, heerhuren, wirtsmägd und alles gleichen abgeribenes gesindlein. Fischart groszm. (1607) E 1ᵃ; bei dieben, straszenfegern, hurern, vollsauffern und bei allem dergleichen erbarn gesindlein. Schuppius 405; dem vorbeigehenden pöfel oder gesindlein. Abele künstl. unordn. 3, 19; merode-brüder, ein gesindlein, so sich mit nichts besser als mit den zügeinern vergleichet. Simpl. 1, 406, 20 Kurz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4115, Z. 66.

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Zitationshilfe
„gesindlein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gesindlein>, abgerufen am 28.11.2021.

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