Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gestühle, gestühl, n.

gestühle, gestühl, n.
stuhlwerk, coll. zu stuhl (s. d.), ahd. kastuoli, gistôle, triclinium, mhd. gestuole, gestüele, älter nhd. gestule, gestulle, gestul, gestuͤle Dief. 550ᵇ, noch bei Aler gestuhl 928ᵇ, mit verdünntem stammvocal gestiel Herm. v. Sachsenheim mörin 863. Dief. 550ᵇ. S. Brant 201ᵃ. Wickram rollw. 70, 23 Kurz; md. gestûle, gestôle und daneben (s. oben sp. 1616) gestûlz weisth. 1, 446. 4, 613, gestultze Dief.-Wülcker 617 (Frankf., von 1501), gestultz als in der kirchen, gestolcze, gestiltz in eim chore Dief. 550ᵇ, gestuelcz nov. gloss. 347ᵃ, ferner gestûlde pass. 124, 6 Hahn, 325, 37 Köpke, gestuͦlte, sedile Dief. nov. gl. 334ᵃ, gestulte, subsellia Trochus (1517) R 1ᵃ, noch in der neuern sprache gestühlde theil 5, 803; mnd. gestôle, gestôlte, gestult, gestelte (Dief. 550ᵇ), gestoͤlte Chyträus (1594) 60, nrhein. ein ghestoelze, stallum, est locus unius in choro. gemma gemm. (Köln 1495) X 2ᶜ, gestoels Harff pilgerf. 32, 8, mnl. ghestoelte Kilian.
1)
geordnete menge von stühlen oder sitzen.
a)
bei festlichkeiten, wie mhd. gesidele:
michel was diu hôchzît
und daʒ gestûle vile wît.
Eneit 345, 6.
b)
als sitz der schöffen im gericht: wer da ouch trete in daʒ gestule vor deme geheiten dinge (gehegten gericht) âne loube des richters, der gibet zwene schillinge (strafe). Saalfelder statuten des 12. jh. bei Walch beitr. 1, 42; die (achtundzwanzig) zentscheffen, die da vor dem dorfe Buerfelden under den linden daselbist uff iren gewonlichen lantschrannen und gestultz gesessen waren. weisth. 1, 446 (Odenwald, von 1457); die ritter sollen bei jhm (dem herzog von Franken) auch in jhrem harnisch uff dem gestul sitzen, doch das meines herrn stul hoher sei, dann der ritter. 3, 604.
c)
als sitz der zuhörer im gotteshaus: gestul als in der kirchen, stallum voc. 1482 m 2ᵇ, gestule als pencke in kirchen, sedilia m 3ᵇ, das gestuͤle in einer kirche. Ludwig 765; das gestuͤle der domherren auf dem chor, das gestuͤle der kirchenvorsteher. ebenda; ein köstlich gestühl in ihrem chor. A. Dürer nachlasz 117, 1 Lange; ein schön gestuhl in der abtei. 143, 26; ein gestultz in der capellen des schlois Budingen zu machen. quittung von Peter Schantz u. Michel Silge über die verfertigten geschnitzten kirchenstühle für die schloszkapelle in Büdingen vom jahre 1499; taufgestulz weisth. 4, 613 (Rheinpfalz, von 1512); nun was ein gestiel in dem beinhausz, darinn fiel er (von der stiege) gantz ungestümicklichen und brach ein bein darinn ab. Wickram rollw. 70, 23 Kurz;
in dem gestühl (der kirche) stand rechts die schaar der männer; es waren
links die frauen gedrängt.
Kosegarten dicht. 3, 65;
tiefandächtige rührung
schluchzete leis im gestühl, und umher in den chören der männer.
Voss idyll. 5, 95;
dem stil der kirche müssen die einzelnen bestandtheile der inneren einrichtung, von dem altar und seinen gefäszen und von der orgel bis herab zum gestühl und geräthe entsprechen. neue evang. kirchenzeit. 1862, nr. 4, s. 51.
d)
als sitz der zuschauer im theater: (beim theaterbrand in Kopenhagen) ergriff das schwärmfeuer die wachholdergesträuche (im zuschauerraum), welche im augenblick die mit öl getränkten hölzernen wände und gestühle (stuhlreihen) in volle flammen setzen. Leipz. tagebl. 6. sept. 1889 (bericht vom jahre 1689).
e)
als sitz einer versammlung: das gestuͤl, ein ort voll stuͤlen oder sitzen und bäncken, da man gewonlich ein gespräch haltet, exedra, subsellia Maaler 177ᵇ; exedra, gestuͤl oder gemach, da viel gestuͤl stehen, als in einem capitelhausz. Emmelius nomencl. (1630) 331. Henisch 1580; einem runden steinernen gestühl (für die volksversammlung der Athener) Droysen Aristophanes 2, 377 anm.
2)
der einzelne sitz, stuhl.
a)
im sing.: gestüel, subsellium Schönsleder V 4ᵇ; allda ich in die kirche in ein gestühle mit sammet beschlagen geführet worden. Schweinichen 1, 394;
ich fragt ein doctor künstenreich, ..
er antwort mir von dem gestüel.
H. Sachs 4, 150, 12 Keller, vgl. 21, 400;
erbarm dich vatter Abrahe, ..
lasz Lasarum von deim gestül,
das er mein zung mit wasser kül.
siehe da kams mit verdecktem gestühl wie ein schlitten.
Voss idyll. 16, 167;
den festlich erhabenen polstern
strahlt ein goldnes gestühl.
Virg. Aen. 6, 603;
nah am gestühl hinschwebend des stets noch wachenden Nordfrank.
Baggesen Parth. 5, 264. 282.
im plural: die graven, herren und der adel stundent hienyden mittel im chor, und ettlich in den nidern gestielen. S. Brant 201ᵃ Zarncke; die gestüle (in der kirche). Comenius orb. pict. 1, 299; die gestühle (in der synagoge zu Amsterdam) sind nett, aber ein allzu groszer lermen. Haller tageb. 100 Hirzel; das die schranken und gestül bei dem turnei an des Rieters hausz gekost haben. Nürnb. chr. 2, 25, anm. 6 (von 1434); er verfiel in den hasz des gantzen volckes, weil er in dem schauplatze die gestüle der rathsherren absonderlich setzen liesz. Lohenstein Armin. 1, 853;
(grotte) wo auch waren der Nymfen gestühl' und liebliche tanzreihn.
Voss Odyss. 12, 318.
b)
thron, throngerüst:
mhd. der künec an daʒ gestüele kam.
Barlaam 225, 9;
und im (könig Ruprecht) von stund an ein gestul auff dem marckt auff geruckt warde. Nürnb. chr. 3, 301, 10; da ward ein gestül vor sant Sebolts altar auf gemacht, darauf der küng kniet. 4, 500, 19; doch warde vergessen (bei dem tanz auf dem rathaus), das seiner m. kein sunder gesesz oder gestule mit tebichen gezirt zubereitet warde. 517, 29;
dar pracht man ein gestüele,
dar auf man satzt di minn enpor.
Suchenwirt 30, 54;
durch fewer und durch wasser pfül
uns füret got zuͦ seim gestül.
ein wunderliches thronartiges gestühle. L. Schücking alte ketten 1, 5.
c)
im mittelalter benennung des dritten chors der engel, der 'throni' (nach θρόνοι Col. 1, 16):
einen nante er engele, den anderen erzengele,
gestuole nante er den dritten.
genesis 1, 10 Diemer;
trôni sprichet (bedeutet) gestûle.
pass. 341, 62 Hahn;
nû bevelnt ûch in die hûte der gestûle des almahtigin gotis, cherubîn unde seraphîn. pred. 1, 121 Wackernagel.
d)
gleichbedeutend mit tabernakel, heiligtumstul Tucher baumeisterb. 126, 14 fg.: solt man nu die (fürsten) alle mit sampt iren grafen, hern und rittern auf das gestule lassen, so mochte man nit geraum da oben haben, daʒ wirdig heiligtum zu zaigen in masz sich gepurte. Nürnb. chr. 3, 367, 13.
e)
die rednerbühne: gestuͤl, erhöcht ort darauff man zum volck redt, suggestus, pulpitum Maaler 177ᵇ.
3)
gestell, worauf etwas ruht: wer nun die müll und ir gestüll recht setzen will. cod. germ. Mon. 811, f. 61 bei Schm.² 2, 753; mach den mörscher mit sambt seinem gestül hoch zehen schuch. A. Dürer underweisung (1538) J 1ᵃ; der glockenstuhl: er macht das gestiel (zu der glocke). Franks annalen 104 bei Birlinger augsb. wb. 194ᵇ;
die eul' im glockengestühl schnob.
Voss Luise 1, 815;
der dachstuhl, s. dachgestühle theil 2, 664; das gestuͤle an einer druckerpresse, the bank Ludwig 765; bücherbret:
da man die recht oracula heischet
von büchern hie auff gstülen.
Garg. 277ᵇ (525 Sch.);
fuszgestell, basis: er machet auch zehen eherne gestüle .. und auff jglichem gestüle war ein kessel. 1 kön. 7, 27 fg.; die eherne seulen am hause des herrn und das gestüle. Jerem. 27, 19. 52, 17. 20; und richten zu den altar auff sein gestüle. Esra 3, 3;
goldene jünglinge dann auf schönerfundnen gestühlen
standen erhöht.
Voss Odyss. 7, 100.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4262, Z. 51.

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Zitationshilfe
„gestuhle“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gest%C3%BChle>.

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