Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gestülpt, adj.

gestülpt, adj.
part. zu stülpen (s. d.).
1)
aufgestülpt: gestülpet, gestulpt, flexus, tortus, stulpicht Stieler 2176; gestülpte nase.
2)
mit einer stülpe, einem darauf gestülpten deckel versehen:
sahnige milch in gestülpter
porzellanener kumme.
Voss Luise 1, 564.
3)
im bauwesen, gestülpte decke, eine aus doppelt über einander liegenden brettern gefertigte decke, welche weder berohrt noch geputzt wird, die über den untern liegenden bretter oder stülpen müssen deren fugen gehörig überdecken. Ehrenberg baulex. 266.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4264, Z. 41.

stülpen, vb.

stülpen, vb.
herkunft und form. mnd. stulpen 'umstürzen, umkehren'; mit anderer bedeutung mndl. stulpen 'hemmen, stillen, löschen'. verbreiteter ist das ablautende *stalpjan in anord. stelpa, aschw. stiälpa, schw. stjälpa omkull, älterdän. stilpe, stylpe umwerfen, umstürzen, sowie norw. stelpa 'hindern, schaden', mnd. stelpen stagnare (Graff diutiska 2, 229; falsch ist die angabe stelpon sprachsch. 6, 678), siebenbürg. sächs. stälpen Frommann deutsche maa. 5, 175, 159; stälpn Kisch Nösner ma. 214; niederhess. stelbən Hofmann 235ᵃ; mnl. nl. stelpen ist lautlich zweideutig. wahrscheinlich mit ähnlicher bedeutungsentwicklung wie bei stürzen aus 'steif gehen, gestreckt laufen, stürzen, umwenden' zur wurzel, oder ihrer erweiterung, idg. *stelp, *stelb 'steif sein', zu der mnd. stolpe kleiner balken, pfosten, mengl. stulpe dass., anord. stolpi säule, aschw. stolpe, stulpe, dän. stolpe pfosten und weiterhin lit. stułbas 'pfeiler, pfosten', lett. stùlbs 'betäubt, verblüfft', lit. stalbúotis 'stehen bleiben', asl. stlъba 'stufe', russ. stolb 'säule, pfosten' und mit p lit. stułpas 'pfeiler, pfosten', asl. stlъpъ πύργος, russ. stolp 'säule' gehören, vgl. Persson beiträge z. idg. wortforschung 426 f., Walde-Pokorny 2, 646, Trautmann baltoslav. wb. 290 f. in der hauptbedeutung A im gesamtgebiet des nd.; zumindest sporadisch darüber weit hinaus, z. b. in Zürich, Nürnberg, München, s. Kretschmer wortgeogr. 169, für das schwäb. auch Fischer 6, 66; sogar im österr., s. Schöpf tirol. 725, Überfelder kärntn. 224; das wort ist im hd. wahrscheinlich entlehnt, allerdings schon im 15. jh. bezeugt, s. A 1, also zu gleicher zeit wie im mnd.; von Adelung als 'nur in den gemeinen sprecharten, besonders Niederdeutschlands, üblich' bezeichnet 4, 474, ebenso von Heynatz, 'aber in der schriftsprache nicht gut entbehrt' antibarb. (1797) 2, 460; in der heutigen umgangssprache meist in der zusammensetzung umstülpen. die annahme ursprünglichen fehlens des wortes im obd. wird zweifelhaft durch die bezeugung einiger sonst fehlender oder sehr seltener und für alt zu haltender bedeutungen: 1) wahrscheinlich A entsprechend: stülpen 'heimlich verschenken oder verkaufen' Bacher Lusern 398; so schon mittelrhein. a. d. j. 1469: stulpen celare bei Weigand-Hirt 2, 998; 2) den mnl. md. norw. etyma, s. o., entsprechend: stülparn stopfen, zusammendrücken, comprimere, condensare Schmeller cimbr. wb. 176ᵃ; dazu stelpen, stülpen sistere sanguinem, claudere sanguinem Plantijn thes. (1573) D d 3ᵃ; stölpe 'stopfen, das wasser stauen' Müller-Weitz Aachen. ma. 237.
bedeutung und anwendung.
A.
'umstürzen, umkehren': stulpen vel storten subvertere nd.-lat. voc. a. d. j. 1425 bei Diefenbach 562ᶜ; keren, wenden, stolpen v. d. Schueren Teuthonista 174ᵇ Verdam; ommestolpen evertere 256ᵃ; excidere a. a. o.
1)
im eigentlichen sinne; 'gefäsze mit der öffnung nach unten kehren': wann sie die (gefäsze) backen wollen, stülpen sie die auf steine J. Phil. Abelin historia antipodum (1631) 120; mundartlich: kartoffeln stülpen 'kartoffeln ohne wasser kochen, indem man den damit gefüllten topf umkehrt und so in die pfanne des ofens stellt' Schambach 216ᵃ; ebenso schon alt: gewant vel gestulpt bonen faba inversa voc. a. d. 15. jh. bei Diefenbach nov. gl. 164ᵃ; heute mundartlich und in technischer sprache in verschiedenen anwendungen: ein land stülpen einen acker pflügen Hofmann niederhess. 235ᵃ; 'stöbern' wb. d. luxemb. ma. 426; einen ter trappen runder stülpen die treppe hinunter stürzen, werfen Woeste 260ᵇ; dek wil ek stülpen 'hals über kopf hinaus werfen' Schambach 216ᵃ; vgl. 'von hinten stoszen' Woeste 260ᵇ; 'stoszen' Bauer-Collitz waldeck. 101ᵃ; isoliert 'kappen, entgipfeln': ich stülpe decacumino, runtilo, umknicken, umbiegen Steinbach deutsches wb. (1734) 2, 757; forsttechnisch: werfen, stülpen oder bocken des holzes 'ein mittel zur fortschaffung des holzes zu lande, auf der ebene und besonders auf bergabhängen' Behlen forst- u. jagdk. (1840 ff.) 6, 381; beim fischfang vom werfen eines groszen fischnetzes mit der mündung auf das wasser, so dasz es wie ein trichter mit der öffnung nach unten auf den meeresgrund gesenkt wird: das stülpen hat ähnlichkeit mit der wurfnetzfischerei M. v. d. Borne hdb. d. fischzucht (1886) 599; vereinzelt anders 'umgekehrt stehende töpfe umstoszen': wie Hel und Ran hält der wassermann die seelen der im wasser umgekommenen bei sich fest; nach dem naiven ausdruck einer sage unter umgekehrten töpfen, die nun ein ihn besuchender bauer stülpt J. Grimm mythol. (1875) 411; im sinne von 'umgestürzt stehen', also intrans.: im vorhause schon standen ein paar tische, stülpte ein fasz P. Rosegger schrift. III 8, 50.
2)
einen hohlen körper mit nach unten gerichteter öffnung über einen anderen stellen, ihn so ganz oder teilweise bedecken: desuper tegere Stieler 2176; stülpen obenwärts zudecken Schottel (1663) 1426; meistens stülpen auf, über, vgl. die entsprechenden composita.
a)
von gefäszen: wollet ihr sie (die endivien) noch eher weisz haben, so stülpet (stortzet) töpffe oder dachsteine darüber C. Schröter allzeitfertiger hausverwalter (1712) 287; sie haben ... die tonne über sie gestülpet J. Micrälius altes Pommerland (1640) 3, 413;
schnell unters fasz — so ruft das weib
und stülpts Antonio auf den leib
W. Busch heilig. Antonius (1870) 13;
(Michaly) stülpte das glas darüber (über das licht) Cl. Brentano ges. schrift. 4, 269;
ein ei, das ganz gesund und frisch;
er (der zauberer) stulpet eine glocke drauf
Hoffmann v. Fallersleben ges. schrift. 4, 247;
dasz die mutter den sterztrog über den herd stülpen konnte P. Rosegger waldheimat (1886) 1, 193; auf einander stülpen 'mit den öffnungen aufeinander legen': und träget zwei schüsseln aufeinander gestülpet Prätorius abenteuerl. glückstopf (1669) 488; 'einen deckel auflegen': wie wenn man etwa den deckel einer runden schnupftabacksdose über ein weinglas von kleinerem durchmesser stülpte Lichtenberg verm. schrift. 6, 463; besonders vom aufsetzen des topfdeckels mundartlich weit verbreitet; so im sinne von 'zugedeckt':
(sie) brachten die reinlichen teller von steingut, spanische erdbeern
auf eiförmiger schüssel, und fette milch in gestülpter
porzellanener kumme, geformt wie ein purpurner kohlkopf
J. H. Voss s. ged. (1802) 1, 57;
b)
in häufiger anwendung 'eine kopfbedeckung aufsetzen', im sinne von 'überdecken':
der könig erfuhr es und stülpte die kron
sich schnell aufs haupt ...
H. Heine werke 2, 192 Elster;
der sich die Slovenenkrone ... schief übers ohr gestülpt hatte Fr. Kürnberger siegelringe (1874) 50; stülpte eine sturmhaube auf von büffelleder W. Alexis hosen des herrn v. Bredow (1846) 1, 186; sie (die kinder) stülpen sich papierne tüten statt der filzmützen über das blonde haar G. Freytag ges. werke (1886) 13, 245; damit er ihm nun den hut nicht unsauber werden liesze ... stülpte er das becken über den kopff B. v. d. Sohle junker Harnisch (1648) 2, 57; indem er den lackierten hut verdrieszlich wieder auf den kopf stülpte Immermann werke 1, 127 Hempel; der grosze hut ... sah darnach aus, als könne er sich über das ganze männchen stülpen L. Anzengruber ges. werke (1890) 3, 1, 47; nl. zyne muts over de oogen, over de ooren stulpen Kramer nd. u. hochd. wb. (1719) 1, 379; Iwan stülpt sie (die pelzmütze) wieder auf den gelben semmelkopf Holtei erzähl. schrift. (1861) 1, 159; während der wirth ... mit der andern (hand) ruhig die ihm zugeworfene schlafmütze wieder auf den kopf stülpte Eichendorf sämtl. werke (1864) 2, 361; der stepper hatte ... sein grünes sammtkäppchen auf die kopfglatze gestülpt P. Rosegger schrift. (1895) I 1, 95; als er einmal eine sehr artige haube ... auf ihr eigenes köpfchen vor dem spiegel ... stülpte und zog Jean Paul s. w. (1826) 11, 83; in bildern: auf das alte vornehme gesicht (von San Marco in Venedig) hatte man eine bürgerliche sonntagsmütze gestülpt H. Laube ges. schrift. (1875) 8, 354; eine nuszschale voll weiszheit und ein scheffel langeweile, und eine dormeuse darüber gestülpt Fontane ges. werke I 2, 273; wie er den minervischen helm der antiken poesiesprache über die kleinen gegenstände stülpt G. Gervinus gesch. d. dtschen dicht. (1853) 5, 585.
3)
in weiterem anwendungsbereiche von jedem aufsetzen eines gegenstandes auf einen anderen in der richtung von oben nach unten; der eigentlichen bedeutung am nächsten: das überste tach seines hauses überhin gestülpt O. Dapper Africa (1671) 355ᶜ; scheuern ... die nur aus einer geflochtenen borte bestanden, über die ein verfaultes dach gestülpt war Chr. Fr. Schulz reise eines Livländers (1795) 1, 69; um es (das haupt) mir wieder fest auf den rumpf zu stülpen v. Gaudy s. w. 13, 34; durch einen plötzlichen einfall erleuchtet, holte ich meinen totenkopf aus der reisetasche, stülpte ihn auf den stock G. Keller ges. w. 3, 132; kappendrat ist ein in die höhe gebogener draht, worüber die schwarzen kappen gestülpet und geschlagen werden Amaranthes frauenzimmerlex. (1715) 1010; stülpte einen gummizulp über den flaschenhals W. v. Polenz Büttnerbauer (1895) 1, 11; handschutz aus holz, der wie ein ring über das gelenk gestülpt wird Ratzel völkerkunde (1885) 2, 250; sogar: stülpe einen bogen papier über einen jeden fusz v. Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 360ᵃ; technisch: 'von brettern zunächst eine lage in zwischenräumen annageln und dann diese zwischenräume durch eine zweite lage von brettern bedecken' Mothes baulex. 4, 287; Schönermark-Stüber hochbaulex. 805. auf eine person als object übertragen in derbscherzhaftem ton:
drum stülpt er nur den ritter schnell
quer über seinen ledern gaul
Soltau bei Campe 4, 730ᵃ;
ehe er sichs versah, hatte der vater ihn kopfüber aufs schaukelpferd gestülpt Th. Storm s. w. (1899) 3, 15. vereinzelt in abweichender vorstellung: aber sie werden nicht darüber hingeburzelt sein, wie der kaplan, dem sich der wohlriechende ofenschirm zwischen die schenkel stülpte Jean Paul werke 7/10, 24 Hempel.
B.
'umbiegen, eine andere richtung geben': flectere, intorquere, replicare Stieler 2176; rimboccare Kramer t.-ital. 2 (1702) 1024.
1)
'den rand nach oben biegen, umschlagen, aufschlagen, umkrempeln', von kleidungsstücken: retroussé auffgestilpet, succinctus, collectus, electus (de vestitu) Duez (1652) 39. vom 'umkrempeln' des hutes: pilei latiorem partem curvare Frisch (1741) 2, 352ᵃ; Adelung (1780) 4, 853; darauf ein rother breiter hut, forn aufgestülpt, der stulp von hermelin Ph. J. Spener operis herald. pers. spec. (1680) 770; o was mode nur in hüten, bald ein hoher hut wie ein steyrischer kegel ... bald ein schmaler hut wie ein milchtopff, bald einfach gestülpt, bald doppelt gestülpt, bald dreyfach, dasz er also drey hörner vorstellt Stranitzky ollapatrida 347 Wiener ndr.; auf dem kopfe trug der leutnant einen dreifach gestülpten hut mit einem federstutze E. Vollmann lebensb. (1826) 1, 22; vgl. dreigestülpter hut Schmeller-Fr. 2, 794ᵇ; vom 'aufkrempeln' der ärmel: die ermel aufstülpen replicare manicas Frisch (1791) 2, 352ᵃ; hinauf stülpen, hinum stülpen Martin-Lienhart elsäss. 2, 594ᵃ; ähnlich bei Unger-Khull steir. 587ᵇ; Überfelder kärntn. idiot. 124;
sie gürteten sich fest die mitte, stülpten dicht
die ärmel um den arm und furchten das gesicht
Fr. Rückert werke 12, 227;
er (fleischer) steht auf der brücke zuvorderst im schwarm,
den ärmel gestilpet, mit nervigtem arm
G. Schwab ged. (1838) 382;
du stülpst die ärmel, stützest beide arme
Stefan George Baudelaire (1901) 146;
schon alt von den hosenbeinen: und als er die hosen auff die knie gestülpet hatte buch der liebe (1587) 114ᵇ; handschuhe umstülpen 'umkrempeln', vgl. stulphandschuh. bildlich: ich stülpe mich jeden tag vier und zwanzig mal herum, wie einen handschuh G. Bücher nachgel. schr. (1850) 166.
2)
'in die höhe richten', von körperteilen; meistens gestülpte nase wie stülpnase: die gesichter ... haben ... frische rothe, volle wangen, lange bärte ..., gestülpte nase J. G. Kohl Petersburg (1841) 1, 188; mit kurzem wuchs, ... mit kleinen augen, gestülpter nase ... G. Freytag ges. werke (1886) 17, 140; anders: beim trinken stülpte er (der nasenbär) die bewegliche nase ... in die höhe Brehm tierleben (1890) 2, 283; reflexiv: das stumpfnäslein stülpte sich ein wenig Rosegger schrift. I 1, 129; in weiterer anwendung vereinzelt: seine sehnsucht nach seinem wiederkehrenden freunde drückt er im stalle dadurch aus, dasz er die scheitelhaare hinaufstülpte Jean Paul werke 7/10, 25 Hempel; den zopf stülpte ein niedergekrempter kopf empor ib. 61.
3)
'herauskehren, herausstrecken, vorschieben', in präpositionalen verbindungen und compositis, so z. b.: die lippen vorstülpen: mit den fest an die obere kinnlade heraufgestülpten unterkinnbacken Jean Paul s. w. (1826) 17, 181; die wassertaschen (eines tieres) stülpen sich mehr und mehr nach auszen, je voller sie werden Brehm tierleben (1890) 2, 99; ähnlich: hier nähern sie sich (die venen) mit den arterien mehr der schleimhaut, stülpen diese ... vor sich her Sömmerring menschl. körper 5, 495.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1933), Bd. X,IV (1942), Sp. 371, Z. 59.

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gestipft getüche
Zitationshilfe
„gestülpt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gest%C3%BClpt>, abgerufen am 05.12.2021.

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