Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

gestein, n.

gestein, n.,
coll. zu stein (s. d.), ahd. ca-, ki-, gisteini, mhd. und älter nhd. gesteine. nebenform gesteinte, gesteinze, s.ge II, 1, d, γ. 5, c, γ sp. 1610. 1616: edele gesteynte. Germania 22, 292 (Thüringen, von 1370); das guldin pectoral mit deme gesteinde ebenda (Meiszen, von 1409); mnd. ghesteente, gesteinte, gesteynete, gesteinde, edelgestein Schiller-Lübben 2, 85ᵃ; edel gesteinze, lapidem pretiosum Janota niederrhein. ps. des 14. jh. 8; gesteinz Harff pilgerf. 132, 33; cleinoit van gesteintze. Kölner chr. 2, 191, 19 (15. jh.), auch im plur. Frommann 2, 436; westfäl. gestênsse, gestênte, felsgestein Woeste 78ᵃ; in dem gesteins nicht weit von Düsseldorf (der Neandershöhle bei Mettmann). Joach. Neander bundeslieder (Bremen 1680) 168; steiniges ufer: auf dem gestainet. weisth. 5, 168 (St. Gallen, von 1481); mnl. ghesteente, gemmae, lapides Kilian, nnl. gesteente.
1)
edelsteine und schmuck davon.
a)
collectiv: ahd. casteini, gisteini, monilia Graff 6, 691; mhd.
vier und zweinzec bouge   mit gesteine guot.
Nib. 522, 1;
borten und edel gesteine   verwieret wol dar în.
656, 3;
er sah sô vil gesteines (im Nibelungenhort), ..
hundert kanzwagene   eʒ heten niht getragen.
93, 1;
nhd. ein guldene kron, gar herrlich und köstlich mit edlem gestein gezieret. Flacius Illyr. von ankunft d. röm. keiserth. (1567) 39; von der poeterei borgen wir .. solche sachen, damit die höhe der wissenschafft mit funckelndem gesteine, gleich wie ein andrer himmel, beäuget und besternet wird. Logau 3, 2;
trage nicht zu viel gestein (edelsteine),
menge macht den werth geringer.
Rückert ged. ausw. 390.
b)
der einzelne edelstein: mhd.
golt und gesteine gâben glast,
diu mit grôʒer rîcheit
in diu fürspan wârn geleit.
Ottokar östr. reimchr. 19779 Seemüller;
du bist vor andern furstin alse ein edil gesteine undir den grobin steinen. Ködiz heil. Ludwig 38, 34; nhd. gleichnusz der edlen gestain gegen den tugenden. Keisersberg schiff d. p. 131ᵈ; die greifen hüten diesen edlen gesteinen (smaragden). S. Münster cosm. 7, c. 114; wie die edlen gestein, als hett sie Bezaleel mit schmirgel und demantpulver abgezogen. Mathesius Sarepta 30ᵃ; einen ring mit einem edeln gestein. Schiltberger reisen 82 N.; er brach das gestein (den smaragd) aus dem golde (dem ringe). J. Paul leb. Fibels 44;
ja schwör ich auf den altar gleich, dasz er
mir das gestein (edelstein mit namenszug) selbst gestern überreicht.
H. v. Kleist Amphitryon 2, 4;
es sind gesteine, perlen, federn.
Herrmannsschlacht 3, 5;
durch einflusz von stein auch masc., s. edelgestein theil 3, 28: er (Christus) ist der edelgestein Luther 46, 339 Erlanger ausg.
2)
die steinmasse.
a)
als gebirgsmasse und als gebirgsart Oken 1, 476 fg.: offtmals das gesteine ligt voller silbers. Mathesius Sarepta 63ᵇ; durch das harte gestein streichet ein gang von flötzen. Schickfusz schles. chronica 4, 21;
schau in die klüfte des berges hinein,
ruhig entwickelt sich stein aus gestein.
Göthe 4, 141;
die felsen waren von sandichtem luckern gestein. Robinson (Leipz. 1720) 1, 172; auf dem ältesten gebirge, auf dem frühesten gestein dieser welt. Göthe 21, 42; er hat nun einmal freude an dem gestein gewonnen, seitdem wir auf der reise sind. 44; eine schicht von diesem gestein. 48; die gesteine, die gebirgsarten, als krystallinische, quarz-, glimmer-, hornblende-, thon-, kalkgesteine Oken 1, 479 fg.; namentlich als gegenstand bergmännischen angriffes Veith 235: gestein ist unterschiedlicher farbe und art, fürnehmlich aber zweierlei, als schiefer- und sand-gestein. Hertwig bergb. 177ᵇ; bergmännische redensarten: das gesteine erbeiszt den bergmann, hindert ihn, sein geding in der festgesetzten zeit herauszuschlagen. Schönberg berginform. (1693) 2, 43 (danach theil 3, 714, 3 zu berichtigen); das gesteine legt dem häuer zu, es bricht gut, dasz er es besser weghauen kann. ebenda; das gesteine nimmt die örter nicht an, ist so fest, dasz es nicht zu gewinnen. ebenda. Frisch 2, 330ᵃ; das gestein macht den kittel enge, wird so fest, dasz der bergmann nichts losarbeiten kann und darum auch nichts verdient. Schönberg 2, 55. Veith 289; das gesteine wird flasericht oder wimmericht, seine theile sind verwirrt und sehr fest in einander verwickelt. Schönberg 2, 43. Jacobsson 5, 660ᵇ. 4, 648ᵃ; das gestein poldert, klingt als wenn es dahinter hohl wäre. Hertwig 178ᵃ; bildlich: ich stosze im gestein seines lebens auf eine so schöne silberader, ich meine auf einen so schönen tag. J. Paul Qu. Fixlein 149.
b)
die einzelne felsmasse: kleine spielende wellchen beklatschen das hohlgespülte gestein. Bronner fischerged. 39; (bild) wie man sich an bach und busch und zerbröckeltem gestein herumdrückt. Göthe 27, 279;
wir steuerten bald an ein nahes
vorgestrecktes gestein, wo ein oben zerrissenes felshaupt
mit zwo höhlichten wänden herab sich senket.
Voss Orf. 1265.
3)
menge von steinen, steingeröll: das gesteine, lapides Steinbach 2, 694; der ungestüm waldflusz hat ein grosz vile erdtrichs und gesteins ausz dem gebirg herfür in den see gefürt. Stumpf chr. 2, 50ᵃ;
manche (pflanzen) sogar sind,
die mit gestein von oben, und aufgehügelten scherben,
lasteten.
Voss Virg. georg. 2, 351;
im gstoa da war sei liegerstatt.
K. Stieler habts a schneid 60.
4)
der einzelne stein, noch oberd. Adelung; der felsblock:
groszes gestein wälzt dieser (Sisyphus).
Voss Virg. Aen. 6, 615;
solch ein ungeheures gestein hub jener zum eingang.
Odyss. 9, 240;
bildlich: bair. das gestein haben, trotzig, mürrisch sein Delling 1, 217.
5)
behauene, künstlich bearbeitete steine.
a)
collectiv, steinkugeln:
on pulfer und gestein ist gantz kein gebrust (mangel).
N. Manuel faszn. 388 Grün.,
man schosz mit steinkugeln aus geschützen.
b)
steinwerk: wenn sich begibt, das ein meister und die gesellen in die steingruͦben gon oder farent und do werkend ... was do gefallet, es sigent grabstein, schliffstein oder ander gestein, sol alles unser frowen buws sin und in sinen nutz und frommen trüwelich bekeret werden. Mone anz. 3, 206 (Basel, von 1495);
dann den geweiheten stufen (des altars) genaht, sank nieder aufs antlitz
mann und weib und küszte das kalte gestein mit zittern.
Voss Ovids verw. 4, 117;
mauerwerk, gemäuer:
was kommst du bei nächtlicher weile
durchwühlen das alte gestein?
Chamisso 3, 296;
auch der einzelne mauerstein:
dort pfähl' und gesteine
fahren sie (zum mauerbau).
Voss Virg. Aen. 11, 473.
c)
künstlich zusammengesetzte steinchen, mosaikpflaster:
wie von buntem gestein schimmernd das estrich sich hebt.
Schiller XI, 193 (Pompeji 25).
6)
die figuren (mhd. steine) im schachspiel.
a)
collectiv: mhd.
dâ bî hienc ein gesteine
von edelm helfenbeine
ergraben.
Tristan 2219;
dô vant diu maget reine
ein schâchzabelgesteine
unt ein bret.
Parz. 408, 20;
nhd. gestein, familia scacorum Otte arch. wb. 82.
b)
die einzelne figur: und underwisete do der meister den künig uf diseme spile (vorher schochzabelspil), was ieglich gesteine betute. Königshofen in städtechr. 8, 283, 10.
7)
gestein oder gesteinkarten heiszen in der spielkartenmanufactur alle diejenigen deutschen kartenblätter, die kein bild, sondern nur steine oder zahlen enthalten, gegensatz bilderkarten. Jacobsson 2, 73ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4219, Z. 1.

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Zitationshilfe
„gestein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gestein>, abgerufen am 06.12.2021.

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