Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gestelzt, adj.

gestelzt, adj.
part. mit stelzen versehen.
1)
in der baukunst gestelzter oder gebürsteter, überhobener bogen, stelzbogen, dessen schenkel unterhalb der widerlagslinie tothrecht verlängert sind Mothes ill. baulex. 1, 434ᵇ.
2)
bildlich, wie auf stelzen gehend, gespreizt: gestelzte redensarten; die gestelzte majestät ihrer oden. Lichtenberg (1844) 4, 317;
jedes wort fein hübsch gestiefelt und gestelzt.
(1802) 4, 373.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4227, Z. 8.

stelzen, m.

stelzen, m.,
s. stelz.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1934), Bd. X,II,II (1941), Sp. 2294, Z. 1.

stelzen, vb.

stelzen, vb.,
auf stelzen gehen, hinken. da in den obdt. mundarten mit altem ë, denominativum von stelze und nicht wie schwed. stulta einhertrotten, watscheln, norw. dial. stultra, stiltra mit steifen beinen gehen, absteifen, dän. stylte wackelnd gehen, ags. styltan erstaunt, verdutzt sein (eigentlich steif sein), mnd. stulten, stolten dick, fest werden, gerinnen (eigentlich steif werden), ostfries. stoltern unsicher, stolpernd gehen, mhd. stolzen 'hinken' eine bildung aus der wurzel stel-t- direct (s. u. 1 a). der denominative charakter wird bes. deutlich in der bedeutung 2. weiteres s. unter stelze.
1)
intrans.
a)
auf einem stelzbein oder auf krücken gehen; eigentlich: gipsare steltzen, auf steltzen geen voc. 1482 bei Diefenbach gloss. 263ᵃ; stelzn krumm, auf etwas gestützt gehen Lexer kärnt. 240;
wer überwill, der überweltzt,
bisz er wol gar an krücken steltzt
lieder auf den winterkönig 301 Wolkan;
ich (der alte soldat) wurd des glückes ball, must wie das glück umweltzen,
mich lassen richten zu, dasz ich nun brauch ein steltzen.
steltz ietzt vors bauren thür im land von haus zu haus,
bitt den ums liebe brot, den ich so offt jagt aus
Grimmelshausen 2, 5 Keller;
dann stelze ich an dieser krücke nach Versailles C. F. Meyer nov. (1891) 2, 227; er stelzte mit einem künstlichen klumpfusz C. Bulcke kampf des landrichters Kummacher (1912) 123. von Saturn, der als stelzfüszig vorgestellt wurde (vgl.: sein [eines bösartigen profossen] bildnus sahe natürlich aus wie uns die mahler und poeten den Saturnum vorstellen; auszer dasz er weder steltzen noch sensen trug Grimmelshausen 1, 295 Keller; sowie stelzenfusz und stelzentreter als bezeichnungen Saturns unten sp. 2297 u. 2300):
Saturnus steltzt bey zeiten dar,
dann er nit wol beritten war
Caspar Scheit frölich heimfart m 2ᵇ;
Mercur, der götter bot, auf wolcken kömt gefahren;
der kinderfresser (Saturn) steltzt: das wächsern bruderlicht (Castor und Pollux)
versilbert bei der nacht der schwester horngesicht (des mondes)
J. Klaj engel- u. drachenstreit (1645) d 3ᵃ;
Saturn steltzet erst in dreiszig jahren umb den gantzen himmel
Fischart groszmutter in Scheibles kloster 8, 589;
angesehen des Saturni steltzende retrogradation würd ein krippel vnd krummer vnflat im spittal sterben, vnd werden die erben nit viel vmb das erb werben
ders. groszmutter 9 ndr.
zuweilen in enger zusammenstellung mit hinken:
will er kratzen, sy will reyssen!
will er fartzen, sy will scheyssen!
will er essen, sy will trincken!
will er stältzen, sy will hincken!
Cl. Hätzlerin liederbuch 219 Haltaus;
weltkinder rennen zur höll, christen steltzen vnd hincken zum himmel Lehman florileg. polit. (1640) 908. in erweiterter bedeutung 'hinken' schlechthin, auch ohne dasz eine stelze benutzt wird:
ich sihe, das er dort ligt im bedt
vnd kan nit steltzen oder gon,
in wil das podagra nit lon
Murner luther. narr (1522) 2;
Juno schoͤpfet Tritons flut,
uns mit regen zu verehren.
Mulciber (Vulcanus) stelzt üm den herd,
weil Zeus heischet donnerwaffen
Birken Guelfis oder niedersächs. lorbeerhain (1669) 402.
ähnlich vom hüpfen auf einem bein: und da er nahend kam zu der burg des königs, legt er sein recht bein auff den hund und steltzet er dahin, also kam er halb geritten, halb gegangen buch d. liebe (Frankfurt 1587) 302ᵃ (in der form mit dem andern fuoz stolzet er dahin gesta Roman. 41 Keller); vgl. dazu auf eim fuesz stelzen für das griech. ascoliasmus, Empusae ludus voc. von 1618 bei Schmeller-Fr. bair. 2, 754. gelegentlich in bildlicher anwendung: es ist noch immer das alte teutsche mit allerhand flickwörtern so zermartert worden, dasz manche wörter nur auf den letzten teutschen sylben daher steltzen Praun adel. geschl. in den reichsstädten (1667) 127; von der zunge des trunkenen, vgl. stelze 8 c: mein zung schelt sich, meine entenschnaderet, meine steltzet, landmann trink, trink, trink Fischart Gargantua 153 ndr.;
fast jeder schneider will itzund leider
als sprachenkündig sein und redt latein;
welsch und französisch, halb japonesisch,
wann seine zunge steltzt und von dem wein beschmältzt
Joh. Riemer d. trunkene träumer (1684) 366.
b)
'auf gehstelzen schreiten, grallare'; im eigentlichen sinne nach stelze 3 a u. b zufällig nur wenig bezeugt: steltzen, auf steltzen gehen grallis incedere Dentzler clav. ling. lat. (1716) 275ᵃ; Martin-Lienhart elsäss. 2, 594ᵇ; Fischer schwäb. 5, 1730; laszt man doch sie (kinder) lenger auff der gassen umblauffen im winter zu stelzen oder sleyffen (a. d. j. 1526) bei Fischer a. a. o. im anschlusz an stelze 4:
wer wirft sin alten schuͦ hinweck,
der muͦsz dick steltzen blosz im kat,
wann er nit vor die nüwen hat
Seb. Brant narrenschiff 42 Zarncke;
in ähnlicher anwendung, doch im anschlusz an 'grallae', heute nur auf grund einer übertragung 'mit langen steifen schritten schreiten' möglich:
durch hundert kleine wassertruhen ...
zu stelzen mit den gummischuhen
A. v. Droste-Hülshoff 1, 217 Sch.;
die (rinderherden) müssen da (im Harz) über manchen langen, moorigen und oft sumpfigen und klippenreichen waldgrund stelzen J. G. Kohl dt. volksbilder u. naturansichten (1866) 216; oder im vergleich: der gelbe sarg wanderte durch die menge getragen von sechs männern. es schien, als stelze er auf diesen vielen dunkelen beinen durch den schnee B. Kellermann der tor (1905) 55. üblicher ist die übertragung wie bei stelze 7 a im hinblick auf die langen, dünnen beine des schreitenden, vgl. elsäss. stelzen 'hin und her schreiten mit langen beinen' Martin-Lienhart 2, 594ᵇ; ... worauf der spindelbeinige über den weg stelzte Anzengruber ges. w. 3, 171. vor allem von hoch- und dünnbeinigen tieren, insbes. von vögeln gesagt:
der storch durchs ried hochbeinig stelzt
Geibel werke (1883) 4, 27 Cotta;
wie er dem storchenpaar zuschaute, das ... stillernst durch die wiesen stelzte B. Auerbach schr. (1892) 14, 22; vom hahn O. J. Bierbaum ges. w. 1, 173; das kameel stelzt frischer dahin, wenn die zugglocke läutet Brehm tierleben 1, 17 P.-L.; bildlich: ich zählte die ganzen, halben und viertelstunden, die in meinen fieberartigen visionen ... mit langen spinnenbeinen über die häuser stelzten J. Lauff Pittje Pittjewitt (1903) 521. im vergleich: oder vollends ich, der wie ein storch von einem maulwurfshügel zum andern stelzte A. v. Droste-Hülshoff werke (1879) 2, 320 Sch.;
sie stelzt wie ein reiher
dürrbeinig im sand
Victor Scheffel 6, 113 Prölsz;
er stelzte wie ein hahn daher, sein rundgesicht lachte E. E. Dwinger wir rufen Deutschland (1932) 40. sonst vom menschen häufiger gebraucht als ausdruck eines steifen und stolzen sich bewegens und benehmens, vgl. stelze 6 b β und γ:
sie stelzen noch immer so steif herum,
so kerzengrade geschniegelt
H. Heine werke 2, 435 Elster;
Merkel, der immer daher gestelzt kommt, als ob er einen stock verschluckt hätte E. E. Dwinger zwischen weisz und rot (1930) 368; und eher hätte in Rheinsberg ein frosch in die zimmer (des kronprinzen) gefunden, als dasz die stelzende würde hineinkam W. Schäfer d. 13 bücher d. dt. seele (1925) 305; anthropomorph auch wieder von vögeln: eine (magd) von ihnen wäre beinahe über den alten pfau gestolpert, der im hofe auf und ab stelzte M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 5, 17; 'affectiert einherschreiten' Schmeller-Fr. bair. 2, 754; jung gestelzt, alt gehinkt Wander 4, 428; mehr im sinne eines stakigen oder wuchtigen schreitens: (er) stutzte und stelzte sodann auf die andere seite der strasze hinüber Anzengruber 4, 223; erbost stelzte herr Leisegang aus dem laboratorium L. Frank d. räuberbande (1914) 195; zorn übermannte den schuhflicker, gewaltig stelzte er in seiner werkstatt hin und her Hans Watzlik d. alp (1914) 243. abgegriffener: ich stelzte ganz besinnungslos anderthalb stunden in der stadt umher, ohne meine wohnung finden zu können C. L. Costenoble tagebücher (1818) 2, 67; vom abgemessenen tanzschritt: stelzen die zierlichen jungfrauen aus Numidien ihren geselligen tanz J. G. Kohl reisen in Südruszland (1841) 2, 142. wie stelze 6 b β und γ gern von steifer schwülstiger sprache:
auferstehn wird er im liede
und sein ruhm wird kolossal
über diese erde stelzen
H. Heine werke 2, 415 Elster;
mit verdeutlichung des bildes durch hereinnahme des eigentlichen gebrauchs: die wirklichkeit ist ihnen (den schlechten geschichtsschreibern) nicht schön genug ... auf hochtrabenden, aus aller welt sprachen zusammengeplünderten wörtern wollen sie dann durch den unflat stelzen Fr. L. Jahn werke 1, 256 E.
c)
lokal beschränkte einzelbedeutungen; im anschlusz an stelze 5: 'den schlitten stehend mit hilfe einer unten mit stift versehenen stange fortbewegen' Fischer schwäb. 5, 1730; im nd. (Helgoland) stelten dorsche fangen Frommann deutsche maa. 3, 32, vgl. stelze 5 f.zu stelze 7 d: ein juchart acker stelzot am Phlumarweg Buck flurnamenbuch 269 (beleg von 1343); auch reflexivisch: 'sich an einen acker stelzen sagt man von einem anstoszenden acker, der unten schmäler oder gar spitz ausläuft' J. J. Spreng id. Raurac. in Alemannia 15, 221.
2)
transitiv. 'mit stelzen versehen, stützen, steifen', vgl. stelze 5. seltener als das intransitivum. mundartlich: stelzen 'stützen' Schöpf tirol. 705; unterstelzen 'stützen' Schmeller-Fr. bair. 2, 754 (beleg v. 1591); 'unterstützen' Lexer kärnt. 240; Rovenhagen Aachen. ma. 141; 'mit stelzen versehen' lux. maa. 423ᵃ; technisch, vgl. auch stelzbogen, stelzfenster sowie stolzbaum teil 10, 3, 284: stelzen 'ist die hochstellung eines bautheiles durch einzelne steifen, stelzen' Schönermark - Stüber hochbaulex. (1902) 798; gestelzt, gebürstet, überhöht ... 'stilted ... heiszt ein bogen, dessen schenkel unterhalb der widerstandslinie lothrecht verlängert sind' Otte archäol. wb. 82; schon jene modernen souterrains mit wohnungen halb unter der erde und kellern halb über der erde, sind sie natürlich? wenn dann bei einer villa von dem so in die höhe gestelzten erdgeschosz eine breite anspruchsvolle freitreppe herabführt ... ist das nicht ebenso unnatürlich als eitle prunksucht V. v. Strausz lebensführungen (1888) 2, 279; in der vorderen stuben ... auch gesteltzt venster ... machen Fischer schwäb. 5, 1730 (quelle v. 1539). stelzen in der bedeutung 'steif machen, spreitzen': auf dem boden trägt sie (die nachtigall) sich hoch aufgerichtet und springt, den schwanz gestelzt, mit förmlichen sätzen Brehm tierleben 4, 45 Pechuel-Lösche. occasionell als zeugma: jedes wort fein hübsch gestiefelt und gestelzt Lichtenberg verm. schr. (1800) 4, 373.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1934), Bd. X,II,II (1941), Sp. 2294, Z. 2.

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Zitationshilfe
„gestelzt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gestelzt>, abgerufen am 01.12.2021.

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