Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gestiefelt, adj.

gestiefelt, adj.
part. mit stiefeln versehen, wie bestiffelt Garg. 456 Sch.
1)
eigentlich, mit stiefeln bekleidet: gestifflet, ocreatus Maaler 176ᶜ; an beinen gestiffelt Eph. 6, 15; ein galgen voll gestiffelter bauren. Garg. 55ᵇ (90 Sch.); da erhub der gesättigte pfarrherr seine gestiefelten beine. Thümmel Wilh. 4. ges.; das märchen vom gestiefelten kater; (Werther) war in völliger kleidung, gestiefelt, im blauen frack mit gelber weste. Göthe 16, 191;
man will jetzt freilich, der mann soll ..
immer gestiefelt sein; verbannt ist pantoffel und mütze.
40, 235;
häufig in der verbindung gestiefelt und gespornt (s. d.): der teuffel, gestiffelt und gesport, und mit der wehr an der seiten. Fischart Bodin. (1586) 2. 329. 353;
dasz ihr seit gstifelt und gsport
und gar gerüst auff ein herfart.
H. Sachs 17, 112, 5 Keller-Götze;
reisefertig:
Merkur steht schon gestiefelt da,
ihr könnt euch auf die reise machen.
Wieland 10, 158;
der ganze hof in kurzer frist
gestiefelt und beritten ist.
18, 241;
fix und fertig: Margr. bist du da? Steffen. gestiefelt und fix. Fr. Müller 3, 209; bildlich: man musz beständig, so viel an uns liegt, gestiefelt und zur abreise (aus dem leben) gerüstet sein. Bode Montaigne 1, 135.
2)
übertragen von thieren, deren füsze anders gefärbt sind als der leib: gestiefelt heiszt der fusz, wenn er bis ans knie- oder sprunggelenk weisz ist. Falke wb. d. thierarzneik. 1, 338ᵃ; der gestiefelte luchs, felis caligata, füsze schwarz geringelt. Oken 7, 1588.
3)
mit einem fusz oder untersatz versehen: sie soffen ausz gestifleten krügen. Garg. 83ᵇ (142 Sch.).
4)
bildlich, hochgeputzt:
jedes wort fein hübsch gestiefelt und gestelzt.
Lichtenberg (1802) 4, 373.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4232, Z. 59.

stiefeln1, vb.

¹stiefeln, vb.,
ableitung von ¹stiefel.
1)
seit dem 16. jh. 'stiefel anziehen', meist gestiefelt, und als solches oft erstarrt, s. teil 4, 1, 4232.
a)
eigentlich: ocreare stiffelen oder stiffel anthon gemma gemm. (1508) r 5ᵃ; ocreare stevelen nd. voc. d. 15. jh. bei Diefenbach gl. 392ᶜ; sich stiefeln und spornen Kramer 2 (1702) 970ᶜ; eygenen beruff lassen und frembden wercken anhangen, dass hiess eben ... die fuͤsse schleyern und den kopf stiffeln und alle ding verkehren Luther; laszt uns weiter fort ... zu diesem hauptmann, der sich stiffelt. er wil von Madrit abreissen, und die pferd warten schon an dem thor auff ihn der lahme teufel (1711) 105. heute noch im nd.: sek steweln Schambach Göttingen-Grubenhagen 210; Deiter Hastenbeck (nachtrag) 63; Dähnert Pommern-Rügen 461; Danneil altmärkisch-plattd. 209ᵇ. — so wohl auch in fester wendung, vgl. stiefel (sp. 2781): das es lautet als wann ein galgen voll gestiffelter bauren bei nacht durch den kot ins dorff stampfften Fischart Gargantua 80 ndr.;
wenn jener gestiefelte bauer, der nicht den morgenstern
erkennet, ein schiff wollt lenken, es riefe der seegott:
menschen, ihr habt die welt verkehret
Herder 26, 296 Suphan;
unerklärt bleibt die redensart: und ihnen eylfertige hülff gelaistet? scilicet hinder sich für sich wie die bauren zum stiffeln eylen Abr. a s. Clara auf auf ihr christen (1684) 75. — gelegentlich im 16. jh. zu stiefel B 3 b partic. gestiefelt, lexikalisch: ocreatus mit beinschienen bewaffnet oder gestiflet Frisius dict. (1556) 905.
b)
in übertragungen. häufig sich stiefeln 'sich rüsten, bereit machen': sich zu etwas stiefeln prepararsi à qualche viaggio, it. altra cosa Kramer 2 (1702) 970ᶜ; seit dem 16. jh. bildlich öfter sich mit dem evangelium stiefeln: und stieffelt euch mit dem evangelio Christi, dasz ihr fertig seid, durch ewer bekentnis ihm alda widerstant zu thun Fr. Breckling rufende stimme (1661) b 2ᵇ; sollen wir auch an unsern füssen mit dem evangelio des friedes gestifflet seyn theatr. diab. (1569) 65ᵇ;
solten wir angezogen sein
und gestiffelt alle gemein
sein mit dem evangelio
H. Sachs 7, 308 Keller;
denn es begab sich dieselbe (person) aus wahrem ... drang der liebe unsers erlösers auf diesen weg, stiefelte sich gar zeitig und trieb das evangelium des friedens mit ernst und segen Zinzendorf besondere sendschreiben (1734) 54. hierher wohl auch, im sinne von 'sich wieder erholen, sich aufmachen': schluge und erlegt ime nit vil weniger als zwaymalhundert tausend mann, Attila stifflet sich widerumb auff und flohe in Pannonien, vorhabens mit gröszerer macht in Italien zu kommen Dreyfelder historien (1580) 5ᵃ. ähnlich 'einander helfen, ausrüsten': (sie) stiefelten und spornten einander gegenseitig aus christlicher lieb; ... so blieben sie gestiefelt und gespornt und fertig zu rosz zu steigen, wenn die grosze posaun erschöll Regis Rabelais (1832) 1, 881. — in abfälliger charakterisierung: tückische art vieler listiger und doppelt gestüffelter naturen, welche ihren heimlichen neid und hasz ... mit dem mantel der einfalt ... beschönen Andreae bei Fischer schwäb. 5, 1763. — von literarischer tätigkeit im sinne von 'mit stiefeln versehen', vgl. tragischer stiefel (sp. 2783): dem dichter des Atreus und des befreiten Theben ist es gegeben, die grazie mit dem tragischen kothurn zu stiefeln Bodmer von den grazien des kleinen (1769) 158; gestiefelt vom stil eines menschen gesagt, vgl. auch teil 4, 1, 4233: ein ausgelernter meister in dieser gestiefelten schreibart war ... der von den gelehrten seiner zeit abgöttisch verehrte Joseph Scaliger Gottsched anmuth. gelehrsamkeit (1751 ff.) 5, 211. — im anschlusz an stiefel trinkglas (sp. 2784): sie soffen aus gestifleten krügen Fischart Garg. 123.
2)
jünger im sinne von 'gehen', also 'sich mit den stiefeln betätigen'. nie ohne besondere charakterisierung, meist ironisch, gutmütig pejorativ. mundartlich weit verbreitet, besonders nd., vgl. steweln Mensing schlesw.-holst. 4, 841; stawelen Helgol. bei Frommann dt. ma. 3, 30; schtöwele Fischer Saml. 155; stiəweln Woeste Westf. 255; stevele Rovenhagen Aach. 140; stebbeln Bruns prov. Sachsen 66; stiefeln Jungandreas schles. zeitw. 103; er stiefelt den ganzen tag herum Loritza id. Vienn. 126; weiteres s. u.seit dem 18. jh. bezeugt: wenn ihr nur ein paar wüste und leere grafen und landjunker ... ins haus stiefeln Zimmermann über die einsamk. 4, 335;
der riese hob das rechte bein
und stiefelte in den sund hinein
M. graf Strachwitz ged. (1850) 272;
L. stiefelt täglich zwei stündchen zu herrn Wagner Storm briefe in die heimat 162; sie stiefelten los, immer tief in dem weiszlichen sand Frenssen Hilligenlei (1905) 417; se stiefeln grade ums pfarrgartla rum Gerh. Hauptmann 3, 388 volksausgabe; wie mag es ausgesehen haben ... als frau Anne-Marie ... hin und her stiefelte durch das Stockgässel Holtei erz. schr. 14, 250; als plötzlich ... vermummte und verkappte unholden ... eilends von hinten her auf mich losstürzend ..., mich so dann schachmatt und maustodt ... liegen lassend, eiligst von dannen stiefelten Kerner bilderbuch (1849) 311; nun guck einer, wie er (pastor) dahin stiefelt auf dem feldwege (um so schnell wie möglich sein ziel zu erreichen) Raabe Horacker (1876) 156; mit eintritt der dämmerung stiefelte (er) ... bedächtig heran Holtei erzähl. schr. (1861) 1, 37; übertragen: es (sein buch) ist gut ... mit einem freien, klaren, wohlfassenden blick. ich mag sonst sein gewaltiges stiefeln über die gipfel der berge nicht so recht Görres briefe (1858 ff.) 3, 18; anders: die schuh sind in jedem falle hin, dem Gabriel seine gar, der stiefelt immer so im gehen, ich hab ihms schon lang gesagt ..., er soll sich den abscheulichen gang abgewöhnen Nestroy w. (1890 ff.) 8, 200. mundartlich auch in weitergehenden charakterisierungen: 'leise gehen, trippeln', s. Knothe schlesische ma. in Nordböhmen 518; Stalder Schweiz 398; Unger - Khull 576ᵇ; obd. 'stolzieren, stelzen', s. Hunziker Aargau 254; Seiler Basel 278ᵇ; Mareta Österreich 2, 65; nd. 'einen schlechten weg gehen' brem. wb. 4, 1030; Danneil altmärk. 209ᵇ.
3)
unklarer herkunft ist die redeweise es stiefelt sich nicht 'es fügt sich nicht, paszt nicht': angeblich schon bei Luther das reimet und stifelt sich ubel nach Vilmar Kurhessen 400; es reimbt unnd stieffelt sich nicht, wann einer vom erdenklosz zum himmel argumentiert Lehman floril. polit. (1662) 1, 152; noch mundartlich, s. Vilmar Kurhessen 400. vielleicht zu stiefel fuszbekleidung, vgl. es kleidet sich nicht. doch scheint herzugehören: rheinfränk. stivvelen 'ordnen, zurechtstellen' Waldbrühl 210; stevele Müller-Weitz Aachen 235; dieses vielleicht zu ²stiefeln 'stützen', nd. stiepeln.
4)
ebenfalls unklarer herkunft: schwäb. stiflen 'anstiften, aufhetzen' Fischer 5, 1763; schweiz. stiefeln 'antreiben, anspornen' Stalder 398; als 'incitare' von Birlinger in einem alten zeugnis verstanden: abgehalten mit stoszen und schlagen und sye gestyflet und gesport schwäb.-augsburg. 411, wo an stüpfeln gedacht wird. vgl. auch ein md. stiweln, stiebeln fortjagen, falls dieses nicht eher zu stäuben (teil 10, 2, 1099), s. Kehrein Nassau 1, 392; Schmidt westerwäld. 237.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 17 (1937), Bd. X,II,II (1941), Sp. 2792, Z. 8.

stiefeln2, vb.

²stiefeln, vb.,
'stützen', zu ²stiefel 'stütze'. ahd. arstifulen farcire (verwechslung mit dem folgenden fulcire) ahd. gl. 1, 144, 24/25; mhd. ebenfalls nur in der zusammensetzung: understivelen praefulcire mhd. wb. 2, 2, 654; Diefenbach gloss. 565ᵇ; n. gl. 187ᵇ. mundartlich im nd. und auch md. des westens als stiepeln; obd. seltener bezeugt: stifln Lexer kärnt. 241. — in sporadischer bezeugung: fulcire understutzen vel stifeln obd. voc. v. 1433 bei Diefenbach gl. 250ᵇ; fulcire steveln vel zieren vel warnin md. voc. d. 15. jh. ebda; bohnen, erbsen stiefeln sie stängeln Campe 4, 655ᵃ; eine sehr lohnende ... pflege, die man den erbsen angedeihen lassen kann, ist das stiefeln oder bestecken mit reisig Schwerz praktischer ackerbau (1882) 399; sie (fürstlichkeiten) schätzen das gute dumme volk und wollen die armen kriech- und zwergbohnen ... dadurch etwas heben und so zu sagen stengeln und stiefeln Jean Paul 15/18, 421 Hempel; (man) stiefelt dann diese (leinbüschel) um stangen zu schöbern auf L. v. Hörmann tirol. volksleben (1909) 168. so 'stiefeln' die fischer die mündung eines schleppnetzes Campe a. a. o., vgl. stiefelholz 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 17 (1937), Bd. X,II,II (1941), Sp. 2793, Z. 68.

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Zitationshilfe
„gestiefelt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gestiefelt>, abgerufen am 07.12.2021.

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