Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gestirn, n. und f.

gestirn, n. und f.
frons, coll. oder verstärkung von stirn (s. d.).
1)
die stirn: mhd. do sach er an seinem (des kindes) gestirn ein zaichen. gesta Rom. 60 Keller; beim kreuzzeichen sagt man auf der gestirn: im namen gottes des vaters. cod. germ. Mon. 4607, f. 1 bei Schm.; so dem menschen not ist zu ader lassen, ist im we an dem gestiern. calender von 1415 ebenda; gestirn am haubt vel am hirn, frons, siciput voc. inc. teut. i 5ᵃ; gestirn, il fronte Hulsius dict. (1605) 62ᵃ; die plenschen (goldbleche, s. blanzsche theil 2, 66) tragen die Indianer am gestirn für ein zier. Schmiedel reise 71, 17 Langmantel; silberne plenschen, darein iede 11⁄2 spann lang und ein halbe spann preit, solchen plenschen pinden sie ans gestirn für einem wollust und zir. 86, 29; kainer wirdt entlassen ohne das brandtzaichen, so im an der gstürn gebrendt worden. beschwerdeartikel der etschländ. bauern von 1525 bei Schöpf 713, noch tirol. die gstirn ebenda; schwäb. ein gestirn machen, ernst, trotzig, drohend aussehen Schmid 511.
2)
im sinne von gehirn: er ist im gestirn verirret, verwirrt, verstört Henisch 1577. Eyering 2, 354; an seinen abenteuerlichen reden hert der bischof, das er nit wol bei jm selbs und im das gestirn verruckt war. Zimm. chr. 3, 501, 13.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4236, Z. 56.

gestirn, n.

gestirn, n.,
coll. zu stern (s. d., ahd. sterno und sterro, mhd. sterne und sterre), unverkürzt gestirne, ahd. gistirni und gistirri, sidera, militia coeli, constellatio, mhd. gestirne und gestirre, auch (besonders md.) gesterne, noch im ältern nhd. bei Dief. gestirre, gesterne, gestern 56ᶜ. 533ᵃ, das siben gestern Wickram Ovid (1609) 49ᵃ, gesterne Kramer 2, 96ᵃ, das gestiern Aventin. 4, 428, 21 Lexer. daneben das neutr. ahd. gistirnti, im ältern md. und nrh. gestirnze, vgl. Germania 22, 292 und oben sp. 1610. 1616, astronomie, die kunst von dem gestirntz. Köln. chron. 2, 289, 26, sidus, gestirncze, gestirntz Dief. 533ᵃ, astrum, gestirncz 56ᶜ, hyades, subengesterncze 276ᶜ, pleiades, das seben gesterns 442ᵃ, nd. gestyrnt, gesternt, gesternte 533ᵃ, ghesternte 56ᶜ, mnl. ghesternte Kilian, nnl. gesternte, gestarnte, altclev. gesternt Teuthonista 259ᵇ.
1)
die gesamtheit der sterne, die sterne: ahd.
gistirri zaltun wir io.
Otfrid 1, 17, 25;
mhd. als der tagesterne (morgenstern)
vur allem gestirne gât.
Albr. v. Halberstadt 16, 59;
militia coeli, engel vel gestirn voc. von 1429 bei Schm.; also mag er (gott) auch hie von abend bis zu morgen einen gantzen tag an dem gestirn gemacht haben. Luther 4, 8ᵇ; (die sonne) die ein klein geschöpf und creatur ist gegen dem gantzen firmament und gestirn. briefe 3, 359; sie (weisheit) war jnen des nachts ein flamme, wie das gestirn. weish. Sal. 10, 17; du machest, das beide sonn und gestirn jren gewissen lauff haben. ps. 74, 16. ap. gesch. 27, 19; wenn das gestirn aufgadt, surgentibus astris, wenn die sonn aufgadt, so gadt das gestirn nider. Maaler 176ᵈ; sonne und mon sampt dem andern gestirn. Herold Diodorus (1554) 1;
(thiere) die das gestirn gantz herrlich zieren.
Wolfh. Spangenberg ganskönig 4, 124;
der himmel mit seinem gestirn. Schuppius 779; darauff ward der himmel wieder klar, also dasz wir das gestirn sehen konten. Simpl. 2, 221, 24 Kurz; das gestirne dreht sich am himmel herum, astra in aethere volvuntur Steinbach 2, 696; sprichwörtlich: der weit raiset, verändert wol das gestirn, aber nicht das hirn. Henisch 1577; dichterisch für den himmel:
die wellen schwingend sich, gebürg-gleich, doch ohn grund
das schif mit dem gewülck in dem gestirn verhüllen.
Weckherlin 249 (ps. 107, 31);
als gottes sitz:
jedoch der höchst, besitzend seinen thron
ob dem gestirn.
41 (ps. 11, 4);
als ort der unsterblichkeit, des unsterblichen ruhmes:
als nuͦn iedermeniglich den edeln fürsten herzog Ernsten mit groszem lob erhöcht und ausz ruͦfte bis in das gestirne.
herzog Ernst, volksb. 302, 17 Bartsch;
gering auch deren zahl,
die muhtig unverdrossen
sich durch der götter gunst
und durch der tugent kunst
dem pöfel fern entzogen
zu dem gestirn geflogen.
Weckherlin 388 (od. 1, 10, 4);
dein arbeit dich alsdann nauff ins gestirne tregt.
D. v. d. Werder Gottfr. v. B. 259ᵃ;
Livonie, dein preisz soll neben seinem (des vaterlands) stehen
und über das gestirn in reinem glanze gehen.
P. Fleming 535 Lappenb.
2)
der zusammenstand von sternen, sowol die constellation der planeten, als das sternbild: ahd. gistirni, constellatio Steinmeyer-Sievers gl. 2, 263, 21; nhd. gestirn, constellatione Rädlein 377ᵃ;
welcher thut darin (in dem buch) studirn,
der lehret (lernet) die kunst in dem gstirn
der planetn und der zwölff zeichen.
H. Sachs 2, 2, 34ᵃ;
astrum, grosz gestirne da vil stern bei einander sint. Dief. nov. gloss. 39ᵇ; gestirn am himel, conglomeratio stellarum. voc. inc. teut. i 5ᵃ; Orion ist das helle gestirne gegen mittag, das die bauren den Jacobsstab heiszen. gloss. zu Hiob 9, 9 bei Bindseil 7, 501; zwilling (Kastor und Pollux), die nu ein gestirn am himel heiszen. gloss. zu ap. gesch. 28, 11 bei Bindseil 7, 553; wenn das gestirn, so man den wagenmann nennet, darzuͦ der hörwagen am himmel auffgiengen. Schaidenreiszer Odyss. 21ᵇ; Jupiter hat die ziege Amaltheam in den himmel gezogen und zu einem gestirne gemacht. Butschky Pathm. 677.
3)
der einzelne stern, besonders ein hellstrahlender, groszer: mhd.
reht als ein glanz (adj.) gestirne
bâren s' (trugen die zeltknöpfe) ûʒ erwelten schîn.
Konr. v. Würzb. troj. krieg 26240;
nhd. die glucken oder die henne sind die sieben kleine gestirne. Luther gl. zu Hiob 9, 9 bei Bindseil 7, 501; gestirn, die am himmel weit umbhin schweiffend. Maaler 176ᶜ; unzählige gestirne an dem himmel stehen sehen. Steinbach 2, 696;
bei der gestirne heiterm schein.
Pfeffel poet. vers. 2, 194;
er hat euch die gestirne gesetzt
als leiter zu land und see.
Göthe 5, 7;
es gibt augenblicke im leben. wo wir aufgelegt sind, jede blume und jedes entlegene gestirne .. an den busen zu drücken. Schiller IV, 47;
und wie das glückliche gestirn des morgens
führst du die lebenssonne mir herauf.
XII, 102 (Picc. 2, 4);
das tag- oder tagesgestirn, die sonne, s. theil 11, 67. 76;
wann das gestirne (sonne) fällt,
und jetzt der müde tag der nacht ihr recht einstellt (zurückgibt).
Opitz 1, 247.
4)
der uralte, schon bei den Chaldäern (Jesaja 47, 13. Dan. 1, 20 u. ö.) gepflegte aberglaube der astrologie pflanzte sich durch das mittelalter bis zur neuzeit fort, vgl.:
unser vater Adâm ..
(kannte) der sterne umbevart,
der siben plânêten,
waʒ die krefte hêten.
Parz. 518, 1.
ausgehend vom einflusz der gestirne auf naturereignisse, insbesondere auf das wetter: durch einflusz des gestirns oder vom wätter geschediget werden, als vom hagel oder von der straal, syderari Maaler 176ᵈ;
hier diesz gestirne dörrt (hundsstern), und jenes pflegt zu netzen (die Hyaden).
Opitz 1, 100,
übertrug man diese eingebildete kraft auf die geschicke der menschen:
weil (so lange) noch das leben blüht, würckt der gestirne macht.
Gryphius ged. (1698) 1, 388,
und suchte aus der stellung der gestirne, insbesondere der planeten, verborgenes und künftiges zu erkennen: mhd.
Flegetânîs der heiden sach
im gestirn mit sînen ougen
verholenbæriu tougen.
er jach, eʒ hieʒ ein dinc der grâl:
des namen las er sunder twâl
inme gestirne.
Parz. 454, 19;
Melôt kunde ein teil ..
umbe verholne geschiht
an dem gestirne nahtes sehen.
Tristan 14247;
da sahen si an daʒ gestirn, ob daʒ (die reise) fuͤgleich wær und gelükhsælig umb daʒ chint. gesta Roman. 105 Keller; nhd. Liechtenberger gründet seine weissagung in des himels laufft und natürliche künste der gestirne ... redet schlecht daher von zukünfftigen dingen, wie es jm seine kunst im gestirne gibt. Luther 3, 406ᵃ; ob man nicht ausz dem gestirn solche ding (ursache und bedeutung des plötzlichen verschwindens eines kometen über der stadt Rom) erforschen könne. Schuppius 285; dasz er aus dem gestirne erkennen kunte, es würde ihm ein gewisser tag sehr unglücklich sein. Ziegler schauplatz (1695) 1236ᵃ; man theilte zu diesem zweck den äquator und den himmel in zwölf theile, häuser oder zeichen genannt, und ermittelte nun die lage dieser himmlischen häuser gegen den horizont eines gegebenen orts der erde, z. b. für die stunde der geburt (s. nativität theil 7, 426): das sie (die sternkicker und natürlichen meister) sagen, wer in dem oder in diesem zeichen der gestirn geboren wird, der sol so oder also geschickt werden .. dise grobe lügen lassen wir faren. Luther 4, 9ᵇ; das sie sagen, das ein jglich zeichen und gestirn seinen einflusz habe, sonderlich auf die menschen, das wer unter einem solchen zeichen geboren wird, der müsse also genaturt werden, so ein leben füren, eines solchen tods sterben, das ist falsch und ertichtet. 10ᵃ; wer im gestirn das pferd hat, wird ein fuhrmann. Fischart groszm. 7; die sternseher halten dafür, wann ein kindt im gstirn des wassermanns geboren, so werds im alter ein fischer. Schöpf 708 aus alter tirol. handschr. über aberglauben; er ist unter einem glücklichen gestirn geboren. Wander 1, 1633; ein gütig und glückhafftig gestirn. Maaler 176ᶜ;
es ist ein holder, freundlicher gedanke,
dasz über uns, in unermesznen höhn,
der liebe kranz aus funkelnden gestirnen,
da wir erst wurden, schon geflochten ward.
Schiller XII, 142 (Picc. 3, 4);
das sei die Venus, das gestirn der freude.
141 (ebd.);
vergeblich ists, dem grausamen gestirn,
das uns verfolgt, zu widerstehn.
XIII, 468 (Turandot 4, 10);
es war
ein schicksal, ein unglückliches gestirn.
258 (jungfr. v. Orl. 3, 3);
schenk mir die stunde, mein gestirn (schicksal).
Lenau 1, 174,
schon im voc. 1482 m 4ᵃ gestirn, fatum.
5)
bildlich.
a)
von dem leuchtenden augenpaar: das zweifache gestirn der allerliebseeligsten augen. Zesen Assenat (1679) 8;
es pfleget seines augs gestirn
sein land mit friden stehts zu segnen.
Weckherlin 435 (od. 2, 4, 6), dafür
seiner augen klares gestirn.
211 Fischer;
von helfenbein ein glatte stirn,
ein funckend-zwitzrendes gestirn.
448 (od. 2, 8).
b)
von bedeutenden personen: dieses helle zwillingsgestirn (Voss' eltern) soll mir noch mit in den Heidelberger sternen himmel aufsteigen. J. Paul an H. Voss 25;
der Ferdinand,
des kaisers söhnlein, der ist jetzt ihr heiland,
das neu aufgehende gestirn.
Schiller XII, 105 (Picc. 2, 5);
so musz der hof, das königliche haus,
indem uns ein gestirn entzogen wird,
den aufgang eines neuen sterns bewundern.
Göthe 9, 253 (nat. tochter 1, 1).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1895), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4236, Z. 77.

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Zitationshilfe
„gestirn“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/gestirn>, abgerufen am 07.12.2021.

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